(Für das Zehn-Jahr-Heft der AKTION)

I

Es wird immer klarer, daß die Partei das Hemmnis der Revolution ist.

Nicht das einzige Hemmnis, aber das entscheidende.

Zwischen dem Kampfwillen der Massen und ihrem Todfeinde, dem Kapitalismus, steht die Partei wie eine unheimliche Macht.

Sie verhandelt, wenn gekämpft werden soll. Sie lähmt durch Kompromisse den Arm, wenn er zum vernichtenden Schlage ausholt. Sie spaltet die Front, wenn Einheit

am nötigsten ist. Sie verfälscht das Ziel und macht aus dem Emanzipationskampfe der proletarischen Klasse eine Befriedigung von Führerehrgeiz und Bonzenegoismus. Sie betrügt die Kämpfenden um den Siegespreis.

Immer deutlicher formt sich im Bewußtsein der Massen die Erkenntnis, daß die Überwindung der Partei (und der ihr wesensverwandten Gewerkschaften) die elementare und unerläßliche Voraussetzung des revolutionären Sieges ist.

Die Erkenntnis gewinnt Blut und Leben in der Tat.

Der kommunistische Vortrupp des klassenbewußten Proletariats Ost-Sachsens ist in seiner revolutionären Entwicklung bei dieser Tat angelangt.

Er hat die Partei überwunden.

II

Die Revolution der Bezirkskonferenz Ost-Sachsens der KAPD am 5. Dezember 1920 (angenommen mit 43 gegen 2 Stimmen bei 3 Enthaltungen) hat folgenden Wortlaut:

Die Bezirkskonferenz Ost-Sachsens steht in der Frage ihres Verhältnisses zur KAPD nach wie vor auf dem in der Resolution vom 16. April 1920 dargetanen Standpunkte und zieht daraus die unvermeidlich gewordenen, von ihr als bedeutsamen Entwicklungsfortschritt begrüßten Konsequenzen. Sie präzisiert ihre Stellung zu den einzelnen Punkten ihrer Entschließung wie folgt:

Die Partei ist die aus der vorrevolutionären Epoche überkommene, am Prinzip der Autorität und des Zentralismus orientierte, an Verwaltungsapparat und besoldetes Berufs-Führertum gebundene, auf die taktischen Methoden bürgerlich-demokratischer Politik eingestellte, unausweich-

lich zum Opportunismus führende, die Selbstbewußtseinsentwicklung des Proletariats verhindernde, in der revolutionären Epoche notwendig gegenrevolutionär wirkende Organisationsform.

Daher lehnen wir die Partei als politische Kampforganisation in der Epoche der Revolution grundsätzlich ab.

Die KAPD hat sich, trotz ihrer wiederholten und feierlichen Erklärungen, keine Partei im überlieferten Sinne zu sein und werden zu wollen, durch die Beschlüsse ihres letzten Parteitags bezüglich des Organisationsstatuts wie der Kompetenzen ihres Geschäftsführenden Ausschusses wiederum auf die Bahn der Entwicklung zur Partei gestellt. Der Charakter ihres Organisationslebens, besonders in Berlin, das Aufkommen eines Bonzentums in der zentralen Leitung, ihre völlig parteimäßig orientierte Taktik in den letzten Kämpfen, besonders während des Elektriker-Streiks, ihr Verhältnis zu Moskau und zur III. Internationale, nicht zum letzten das Vorgehen ihrer Instanzen und Organe gegen den Genossen Rühle und Ost-Sachsen haben zur Genüge bewiesen, daß die KAPD noch völlig vom alten Parteigeist beherrscht wird, der ihre Haltung und Entwicklung in wachsendem Maße bestimmt und sie unausweichlich der KAPD in die Arme treibt.

Wir haben es satt, die Energien und Mittel einer Organisation und das Vertrauen der Massen zu ihr aufs neue zu vergeuden, nur um den alten trüben Parteierfahrungen neue nicht weniger trübe hinzuzufügen; uns erscheint auch der Gedanke, diese Entwicklung der KAPD durch erhöhte Wachsamkeit und tatkräftiges Eingreifen innerhalb der Organisation zu verhindern, aussichtslos angesichts der aus den Erfahrungen der Revolution gewonnenen Erkenntnis, daß jede isolierte politische Organisation zwangsläufig zur Partei wird, wie andererseits jede isolierte wirtschaftliche Organisation zwangsläufig dem Charakter einer Gewerkschaft zustrebt.

Darum erklären wir unsere bedingt ausgesprochene Zugehörigkeit zur KAPD für gelöst und unser bisheriges Verhältnis zu ihr als erledigt.

Wir betonen nach wie vor ausdrücklich, daß die Ablehnung der Partei nicht die Verneinung der politischen Organisation überhaupt bedeutet; wir halten im Gegenteil die Voraussetzungen für eine politische Organisation im allgemeinen zurzeit noch für gegeben und die politische Organisation als Sammlung der reifsten, revolutionärsten und aktivsten Elemente der Arbeiterschaft solange für geboten, als sie nicht von den Massen selbst als überflüssig lästig und überholt empfunden wird. Ihre Preisgabe kann nur das Resultat eines Prozesses der Organisations- und Selbstbewußtseinsentwicklung sein bis zu dem Grade, wo die Einheitsorganisation sich von selbst ergibt. Bis dahin hat die politische Organisation in ihrem Aufbau den Rätecharakter zu repräsentieren und zu immer größerer Vollkommenheit zu entfalten, in ihrem Wirken engste Fühlung mit verwandten und benachbarten revolutionären Organisationen einzugehen.

Deshalb beschließt die Bezirkskonferenz Ost-Sachsens:

  1. die bisherige „Bezirksgruppe der KAPD Ost-Sachsen“ bis zu ihrer völligen Liquidierung und Auflösung in der AAU als kommunistische Fraktion oder Zelle in die Allg. Arbeiter-Union einzubauen unter der Bezeichnung „Kommunistische Bezirksgruppe in der AAU“.

  2. die Schaffung eines Revolutionären Kartells Ost-Sachsen, bestehend aus der AAU, der Kommunistischen Bezirksgruppe in der AAU, der Freien Arbeiter-Union, der Vertretung der Erwerbslosen und der Kommunistischen Arbeiterjugend in die Wege zu leiten.

  3. den „Kommunist“ als Parteiorgan einzuziehen, dafür ein im Geiste des Kommunismus und im Sinne des ostsächsischen Standpunktes redigiertes Revolutionsorgan herauszugeben, das alle Seiten und Erscheinungsformen des revolutionären Kampfes umfaßt und berücksichtigt.

  1. eine großzügige Bildungsorganisation für die Schulung der fortgeschrittensten Elemente als dem künftigen Arbeiter-Führertum und für die Entwicklung der kommunistischen Ideologie ins Werk zu setzen und

  2. Kommissionen zu wählen, um sofort die Vorarbeiten für die in Angriff zu nehmenden organisatorischen Um- und Neubauten zu erledigen, damit alsbald den Mitgliedschaften und einer weiteren Bezirkskonferenz konkrete Vorlagen zur Beratung, Beschlußfassung und Ausführung unterbreitet werden können.

III

Das Revolutionäre Kartell Ost-Sachsen ist die neue Einheit der revolutionären Kampftruppen auf neuer Grundlage.

Ist der Beginn der Einigung des Proletariats von den Betrieben aus.

Ist die Erfassung und Auslösung aller Kräfte für die soziale Revolution.

Es wird in der revolutionären Aktion die geschlossene Phalanx der kühnsten, klarsten und erprobtesten Vorkämpfer stellen.

Ein gewaltiger Schritt vorwärts, aufwärts. Und doch nur ein Schritt, eine Etappe. Der nächste Schritt wird zur Einheitsorganisation führen.

Dies wird die endgültige Überwindung der Partei sein.


Fuente: Otto Rühle, «Die Überwindung der Partei», Die Aktion, 11. Jg., Heft 7/8, 1921, col. 108-111; bajo el título: «Von Otto Rühle (Für das Zehn-Jahr-Heft der AKTION)». Transcripción hecha sobre el facsímil del volumen digitalizado por Google a partir del ejemplar de la University of California (Internet Archive, DieAktion11jg1921, págs. PDF 49-51); el OCR de archive.org solo sirvió de apoyo. Los comentarios Sp. n del código marcan el comienzo de cada columna impresa; los números romanos de los apartados son del original. El espaciado del original se da en cursiva. Las columnas no llevan fecha; el número es el cuaderno del décimo aniversario de la revista (febrero de 1921). Se conservan las erratas del impreso: «Die Revolution der Bezirkskonferenz» (por Resolution), «der KAPD in die Arme treibt» (el sentido pide KPD) y «überflüssig lästig». En la col. 109-110 va un grabado en madera de Grete Rühle, que no se reproduce. Precede al artículo el final de un texto sobre la revolución en Baviera (col. 107-108); le sigue «Ein Kapitel aus Tasso», de Carl Sternheim.