I

Die Kämpfe in Mitteldeutschland sind zu Ende.

Das verzweifelte Ringen der Massen, die den Tag der Entscheidung gekommen glaubten, ist von Henkern und Henkersknechten aus ihren eigenen Reihen in Blut erstickt worden. Wieder eine Niederlage, eine Tragödie!

Tausende wurden erschlagen. Teils im offenen Kampfe getötet, teils mit feiger Bestialität im sichern Hinterhalt der Polizeiwachtstube oder des Kerkers ermordet.

Viele Tausende stecken in Gefängnissen und werden durch die Rache-Urteile der außerordentlichen Gerichte, in denen noch die angstschlotternde Wut der bürgerlichen Kanaille kocht, auf viele Jahre hinter Zuchthausmauern begraben werden. Während die Kapp-Verbrecher frei herumlaufen und die Massenmörder des Offizierkorps und der Studentenschaft freigesprochen und öffentlich belobt werden, beeilt sich der Renegat Ebert, seine Klassengenossen unter Bruch der Verfassung durch Schaffung von Ausnahmegerichten dem Rachebedürfnis der Bourgeoisie auszuliefern. Zehntausende, die den Häschern und Totschlägern entgingen, sind landflüchtig, entwurzelt, illegal, treiben sich zu Banden vereinigt umher, setzen die Aktion in hundert Splittern als Guerillakrieg fort und verzetteln die letzte Kraft des Proletariats bis zur völligen Erschöpfung.

So endet die mitteldeutsche Erhebung mit einem völligen Zusammenbruch.

Die Revolution in Deutschland ist für lange Zeit verloren.

II

Es war nicht schwer, diesen Ausgang vorauszusehen. Denn die Aktion war vom ersten Tage ihres Beginns an zum Scheitern bestimmt.

Noch niemals ist eine revolutionäre Erhebung so unvorbereitet und unzeitgemäß, so ungeschickt und dilettantisch in Szene gesetzt worden wie diese. Noch niemals hat eine Partei als Trägerin einer revolutionären Aktion so vollendete Unfähigkeit und sträfliche Gewissenlosigkeit an den Tag gelegt wie die VKPD in den letztverflossenen Wochen.

Wenn das deutsche Proletariat heute am Ende einer total verpfuschten und verkrachten Aktion steht, wenn es zu den namenlosen Opfern, die es bisher trug, neue unerhörte

Opfer wird auf sich nehmen müssen, wenn es sich schließlich dem durch die letzten Vorgänge ausgelösten Weißen Schrecken der Konter-Revolution völlig wehrlos und entkräftet ausgeliefert sehen muß — so hat es sich dafür bei der VKPD, ihrer pseudo-revolutionären Taktik und ihrem hirnlosen und unrevolutionären Führertum zu bedanken.

Gewiß haben auch SPD und USP schwere Blutschuld auf sich geladen. Wie Klassenfeinde, wie geschworene Gegen-Revolutionäre haben sie am Proletariat gehandelt. Aber wer hat von der Partei eines Noske und Hörsing, eines Fräßdorf und Neuring etwas anderes erwartet? Und die USP — glatt hat sie in diesen Tagen, zum ersten Male in voller Offenheit, die Auffassung derer bestätigt und bestätigen müssen, die in ihr immer nur die Partei der politischen Kuh-Händler, der Kampf-Unlustigen und Aktions-Drückeberger sahen. Leute, die damit einverstanden sind, daß ihre Führer mit so blutigen Arbeiterschlächtern und Arbeiterverrätern wie Severing und Buck an einem Tische, in einer Regierung sitzen und mit diesen Schändern und Feinden der Revolution gemeinsam die Profitinteressen der Bourgeoisie verteidigen, haben längst aufgehört, für revolutionäre Ideen empfängich und für revolutionäre Aktionen tatbereit zu sein. Sie sind räsonnierende Kleinbürger, die sofort zufriedengestellt sind, wenn sie durch parlamentarisch-opportunistische Schiebungen ein Stadtverordnetenmandat, einen Betriebsratsposten oder auch nur eine armselige Lohnzulage ergattert und erbettelt haben. Das ist ein Gewinn der mitteldeutschen Aktion, daß sie zum ersten Male volle Klarheit darüber gebracht hat: Die USP scheidet künftig für jede ernsthafte revolutionäre Erhebung von vornherein aus; sie steht an der Seite der SPD, von der sie heute durch nichts mehr getrennt ist und mit der sie sich unter dem Drucke ihres rapiden inneren Verfalls in absehbarer Zeit verschmelzen wird.

In den Augen der Massen galt als revolutionäre Partei bisher die VKPD. Und die VKPD verstand es mit Hilfe der reichen propagandistischen Mittel, über die sie verfügt, diesen Nimbus zu erhalten, zu pflegen und über die politischen Schlappen, die sie in jüngster Zeit erlitt und die diesen Nimbus bedenklich ramponierten, erfolgreich hinwegzutäuschen. Sie gebärdete sich mit Worten und Phrasen ungeheuer revolutionär und genoß nicht zum letzten dadurch, daß Moskau hinter ihr steht, das Vertrauen großer Arbeiterkreise. Da kam der Tag, an dem sie sich durch die Tat als die Partei der Revolution erweisen wollte. Eben in der mitteldeutschen Aktion. Und da hat sie glatt versagt. Noch nie hat eine Partei in der Revolution eine so jämmerliche, unfähige und gottverlassene Rolle gespielt als sie.

Ich habe, soweit mein persönlicher Einfluß reichte (ich spreche nur für meine Person, nicht im Auftrage der AAU Groß-Dresden, obwohl ich nicht daran zweifle, daß sie sich in Anbetracht ihrer Erfahrungen hinter meine Auffassung und mein Urteil stellen wird) das Unglück zu verhüten gesucht. Als die Kugel erst aus dem Lauf war, gab es kein Lenken- und Bremsenwollen mehr. Während der Aktion habe ich revolutionäre Disziplin geübt. Aber jetzt — nachdem der Kampf vorüber ist, muß geredet, ganz offen geredet, muß mit schärfster, rücksichtslosester Kritik eingesetzt, muß der VKPD die trügerische Larve einer revolutionären Partei vom Gesicht gerissen und die ganze Hohlheit ihres Wort-Radikalismus, die Schmach ihrer politischen Impotenz, die Gewissenlosigkeit ihrer frivolen und korrupten Revolutionsmacherei an den Pranger gestellt werden.

Die Arbeiter sollen wissen, daß die mitteldeutsche Aktion ein Aberwitz und ein Verbrechen war und daß die VKPD dafür verantwortlich zu machen ist.

III

Eine revolutionäre Aktion erfordert als elementare Voraussetzung für ihr Gelingen eine ihrer Durchführung günstige politische Situation.

War die politische Situation in Deutschland in dem Augenblicke, in dem Hörsing durch seine Sipo-Transporte nach Mansfeld die Arbeiterschaft provozierte, einer revolutionären Erhebung günstig?

Nein!

In der Frage der Londoner Konferenz war die Regierung in eine Sackgasse geraten, in der sie weder aus noch ein wußte. Die Entente drängte auf eine Entscheidung hin, deren Tendenz durch die Sanktionen angedeutet war. Es lag im Interesse der Regierung, hier einen Ausweg zu finden, sei es auch nur in Form einer Verzögerung, eines Aufschubs.

Die Entwaffnungsfrage spitzte sich immer mehr zu. Die Hartnäckigkeit beider Partner, der Entente wie Bayerns, mußte zu einem offenen Konflikt führen. Die Regierung stand ratlos und ohnmächtig in der Mitte. Ihre einzige Hoffnung war darauf gerichtet, die Entente zu überzeugen, daß eine stärkere Heeresmacht und die Beibehaltung der Einwohnerwehren nötig sei.

Die letzte deutsche Goldmilliarde sollte nach einem Ultimatum der Entente am 23. März abgeliefert sein. Das hätte den katastrophalen Zusammenbruch der gesamten deutschen Wirtschaft bedeutet. Ein Königreich für einen Vorwand, der ins Feld geführt werden konnte, um der Entente plausibel zu machen, daß die Goldlieferung in diesem Moment unmöglich sei!

Die oberschlesische Frage war durch die Abstimmung breit aufgerollt, aber keineswegs entschieden. Bereits meldeten die Polen mit Waffen in der Hand ihre Ansprüche an, die im Abstimmungsresultat (wie man es verfälscht der Öffentlichkeit bekannt gegeben hatte) keine Grundlage zu finden schienen. Es galt, die Aufmerksamkeit von Oberschlesien abzulenken, eine Verschiebung des politischen Interesses herbeizuführen, und zugleich die einer nationalistischen Lösung der oberschlesischen Frage im Wege stehenden proletarischen Kräfte lahmzulegen.

In all diesen Fragen war das Interesse des Proletariats dem der Regierung genau entgegengesetzt. Brauchte die Regierung Ablenkung, Zeitgewinn, Ausreden und Vorwände, um ihre kapitalistische Politik durchzusetzen, so mußte die Arbeiterschaft alles aufbieten, um ihr den Genuß dieser Vorteile aus der Hand zu schlagen. Und griff die Regierung zu dem Mittel der Provokation, um indirekt ihr Ziel zu erreichen, so durfte das Proletariat nicht in diese Falle gehen.

Was aber tat die VKPD? Sie reagierte prompt auf jede noch so tölpelhafte und durchsichtige Lockspitzelei und biß auf den plumpen Köder der Hörsingschen Provokation sofort mit vollendeter Kopflosigkeit an. Sie gierte und schnappte förmlich nach jeder Gelegenheit, die Massen in das Feuer des Aufstandes zu schicken; ja sie ging sogar so weit, in der Provokation von sich aus (man lese die „Rote Fahne“ nach!) das Gesetz des revolutionären Handelns zu erblicken, und dies, obwohl sie wußte, daß zwischen Stinnes und der Regierung eine Abmachung getroffen war dergestalt, daß Stinnes für die Verhinderung des Rechtsputsches zu sorgen hatte, während sich die Regierung zur Niederschlagung des — wie man meinte — in Vorbereitung befindlichen Linksputsches bereiterklärte.

War das nur politische Dummheit, die sich in solch absoluter Verkennung der Situation offenbarte? War es Heißspornigkeit oder Hitzköpfigkeit, die vor Kampfungeduld brannte, oder eine überlegene Strategie, die in der Erkenntnis, daß die beste Taktik der Hieb ist, zum

Angriff drängte, ehe der Gegner zu ernsteren Operationen fähig war?

Ach nein — es war nicht mehr und nicht weniger als die ganz subalterne Ausführung eines von oben erteilten, falsch verstandenen Befehls.

IV

Nach dem Halleschen Parteitag wies ich in einem Artikel des „Kommunist“ darauf hin, daß die nächste Wirkung der USP-Spaltung bei der KPD darin bestehen werde, durch eine gefährliche Putschtaktik die Neugewonnenen in revolutionäre Abenteuer zu stürzen, um die Versprechungen zu erfüllen, die man gemacht hatte, daß damit aber nur die Voraussetzungen geschaffen werden würden für die Auslösung des Rechtsputsches, der auf eine solche Gelegenheit warte, um den Weißen Schrecken zu etablieren.

Der erste Teil der Befürchtung hat sich erfüllt. Von der Einsicht und Besonnenheit der Arbeiterschaft wird es abhängen, ob sie nach den Erfahrungen und Ergebnissen der mitteldeutschen Aktion unter der „bewährten Führung der VKPD“ auch noch den zweiten Teil erleben will.

Aus einer Partei, die noch vor Jahresfrist — wie Radek sagte — „dem antiputschistischen Kretinismus“ verfallen war, ist die VKPD eine Partei des blinden und tollen Putschismus geworden. Diese schroffe Wandlung stimmt zu ihrem sonstigen Charakterbilde: sie war antiparlamentarisch und wurde parlamentarisch, war antinationalistisch und wurde nationalistisch, war antigewerkschaftlich und wurde gewerkschaftlich usw. Woher aber kam jedesmal die Wandlung?

Von Moskau!

Rußland braucht die deutsche Revolution. Diese braucht ein geschlossenes Proletariat. Dank der Moskauer Spaltungstaktik aber ist die Zerrissenheit des deutschen Proletariats beinahe bis zur Atomisierung gediehen. Was ist da zu tun?

Radek, der amtlich bestellte Organisator der revolutionären Propaganda in Deutschland (der inzwischen dieses Postens enthoben worden ist), wußte Rat. Er setzte sich hin und schrieb den „Offenen Brief“, in dem er den lächerlich-naiven Versuch machte, die deutschen Arbeiterorganisationen von Noske bis Rocker unter einen Hut zu bringen. Mehrheitssozialistische Verräter, unabhängige Revolutions-Saboteure, weißgardistische Gewerkschaftler, syndikalistische Kleinbürger, unionistische Wirrköpfe — all diese so und ähnlich von Moskau titulierten und klassifizierten Organisationen im trauten Verein mit den einzig echten und richtiggehenden Patent-Revolutionären der VKPD — fürwahr ein phänomenaler Gedanke! Leider hatte er zu Radeks und Levis großem Schmerze außer in Tripstrill und Treuenbrietzen an der Knatter keinen anderen Erfolg als den, ungeheure Heiterkeit auszulösen. Mit der Sammlung war es nichts.

Da griff man zum Rezept des Putsches. In Rußland kam es zu Unruhen und schweren Aufständen. In Kronstadt entbrannte der Kampf gegen die Überdiktatur der bolschewistischen Parteimachthaber. In dieser Situation brauchte die Sowjet-Regierung dringlicher als je die Hilfe des deutschen Proletariats. Und in dieser Situation wurde die Parole einer putschistischen Ablenkungs- und Entlastungsoffensive geboren.

Ich stehe, glaube ich, außerhalb des Verdachts, Paul Levis Freund zu sein. Aber ich halte ihn für politisch klug genug, um zu begreifen, daß er sich gegen das halsbrecherische Angstprodukt der Moskauer Parole zur Wehr setzte. Das kostete ihn seine Brotstelle. Komplette Banausen wie Brandler und Stoecker übernahmen die Führung der Partei, und die seichten und hündischen Untermittelmäßigkeiten eines Friesland, einer Ruth Fischer machten die

taktische Musik, nach der revolutionär exerziert werden sollte.

Die Kämpfe in Kronstadt gingen zu Ende. Die deutsche Entlastungsoffensive durch einen VKPD-Putsch war nicht mehr nötig. Aber die ans Parieren gewöhnten braven deutschen Unteroffiziere ließen sich nicht stören. Sie hatten Befehl. Sie taten ihre Pflicht. Der Putsch war verlangt. Also mußte ein Putsch gemacht werden. Die Presse bekam ihr Stichwort. Das Heer der Agitatoren wurde, mit fertig ausgearbeiteten Volksversammlungs-Referaten in der unvermeidlichen Aktenmappe, auf die Massen losgelassen. Ein toller Chorus in allen Stimmlagen und Zungenschlägen der Hysterie und des Übergeschnapptseins setzte ein. Die politische Atmosphäre wurde künstlich zur Siedehitze gesteigert. Als man schließlich — im letzten Augenblick noch — einlenken wollte, erkannte man, daß man der Gefangene seiner eigenen Methode war. Die KAP, brennend vor Konkurrenzneid und mit allen Kräften und Mitteln bemüht, Moskau gegenüber ihren Befähigungsnachweis zu erbringen, riß der VKPD die Parole aus der Hand. „Die Massen der VKPD handeln nach unseren Parolen!“ triumphierte die KAZ (Nr. 181). „Sie haben ihre Führer dazu gezwungen!“ Und dann weiter im Pech- und Schwefel-Stile des unverfälschten Putschismus: „Überall im Reiche schlagen die Flammen hoch. Von Zwickau bis Braunschweig reicht schon die einheitliche Front. In Halle, Dresden und Leipzig fliegen die ersten Funken.“ Diese verlogenen, hochtrabenden Tiraden zu einer Zeit (Gründonnerstag), während der in Zwickau, Dresden, Leipzig, Braunschweig noch völlige Ruhe herrschte, mußte die Arbeiter in Wallung versetzen und ihnen die Hoffnung auf den nahen Sieg der Revolution vortäuschen.

So nahm das Schicksal seinen Lauf.

V

Seit Jahr und Tag versichert die VKPD mit Eifer und Nachdruck, daß der Zentralismus die einzige für den Revolutionskampf in Betracht kommende Organisationsform sei und daß dieser Kampf nicht ohne ein geschultes und erprobtes Berufsführertum siegreich geführt werden könne. Zentralismus ist Geschlossenheit und konzentrierte Kraft, ist einheitlicher Wille und großer Überblick, so lauteten die Schlagworte und Beweistrümpfe; die Führer bilden den Kopf der Bewegung, die leitende und beherrschende Idee der Aktion, ihr Herz und ihr Hirn. Wer erinnerte sich nicht dieser tausendmal gehörten Phrasen! Und weiter der geläufigen Argumentation: Wer die Partei verneint, um den Räte-Föderalismus zu propagieren, verstößt gegen die Grunderkenntnisse der revolutionären Strategie, zerschlägt die Waffen, die den proletarischen Sieg verbürgen, leistet der Gegenrevolution Vorschub, ist ein Anarchist, Wirrkopf, Kontre-Revolutionär — an die Wand mit ihm! In dieser Logik und Tonart waren VKPD und KAP durchaus einig.

Was aber haben die Kämpfe in Mitteldeutschland gezeigt? Zunächst: daß der berühmte Zentralismus vollständig versagte.

Man vergegenwärtige sich: der Putsch war langer Hand vorbereitet, geflissentlich propagiert, reiche Mittel standen für seine Durchführung zur Verfügung, die VKPD weist die straffste zentralistische Organisation mit militärischem Einschlag auf und hat eine Führerschaft, die unbedingt auf das autoritäre System und seine diktatorische Handhabung eingeschworen und eingefuchst ist. Und das Ergebnis? Eine alle Begriffe übersteigende Desorganisation in der Leitung, ein unbeschreibliches Durcheinander in den Dispositionen, ein erschreckender Mangel an Initiative, eine vollendete Plan- und Kopflosigkeit bei allen für die Führung in Betracht kommenden Stellen. Nur wer sich durch den Augenschein an Ort und Stelle

überzeugt hat, kann sich einen Begriff von dem „zentralistischen“ Tohuwabohu machen, das während der Kampftage in Mitteldeutschland in den Reihen der VKPD herrschte!

Denn auch das Berufsführertum versagte völlig.

Man stelle sich vor: seit Monaten wurde der Kampf vorbereitet, die „Rote Fahne“ veröffentlichte Aufrufe über Aufrufe, die ganze VKPD wurde mobilisiert und unter Dampf gesetzt — und just an dem Tage, an dem der Kampf ausbrach und die erhitzten Massen zu den Waffen griffen, um die vielen Worte endlich in Taten umzusetzen, dampfte fast der ganze Generalstab der VKPD mit Koenen an der Spitze, begleitet von KAP-Führern, nach Moskau ab, während ein anderer Teil des Generalstabs mit Curt Geyer an der Spitze bereits in Moskau weilt. Wo waren die Levi und Heckert, die Däumig und Stoecker, die Eberlein und Brandler? Auf welcher Barrikade focht Adolf Hofmann? Welche Formationen der Roten Armee befehligte Piek oder Walcher oder Friesland? Und wo blieben die Hochburgen der VKPD in diesen Kämpfen? Chemnitz, die kommunistische Metropole, blieb tot wie ein Kirchhof, obwohl sich die Bonzen dutzendweise bemühten, sie putschistisch aufzupumpen. Berlin, der Sitz der Zentrale, die Domäne des nach Moskau abgeschwenkten linken Flügels der USP, glich einem kranken Gaul, der hinten niederbricht, wenn er vorn aufsteht, und umgekehrt. Und Hanau? Erfurt? Gelsenkirchen? In Hamburg genügte ein Maschinengewehr, um den Aufstand niederzuwerfen; in Gotha bedurfte es dessen gar nicht erst. Es war kläglich, unsagbar kläglich!

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! An ihren Leistungen die Organisationen, an ihren Taten die Führer.

Über den Zentralismus und das Berufsführertum haben die Vorgänge in Mitteldeutschland das Urteil gesprochen!

VI

Wo die Arbeiter im offenen Waffenkampfe standen, haben sie sich mit großer Bravour geschlagen. Jeder einzelne war buchstäblich ein Held.

Aber sie waren auf eine andere Taktik eingestellt als die, zu der sie durch den Verlauf des Kampfes gezwungen wurden. Oder anders gesagt: sie sahen sich aus der Praxis der Kämpfe heraus zu Methoden genötigt, die sie entweder bisher nicht gekannt oder aber theoretisch entschieden abgelehnt hatten. So wurden sie in Siutationen versetzt, für die sie ganz unvorbereitet waren und in die sie sich nur widerwillig, unter dem Drucke des Unabänderlichen, schickten. Das setzte sie von vornherein in Nachteil gegenüber der Polizei und dem Militär, die, mit ihrer Taktik vertraut, mit ihren Kampfmethoden verwachsen, sich sofort als Herren der Lage fühlten und unterstützt durch die unvergleichliche Überlegenheit der Waffentechnik und strategischen Schulung sehr bald auch Herren der Lage wurden.

Auf eine einfache Formel gebracht kann man den Gegensatz der Kampftaktik, um den es sich hierbei handelt, so ausdrücken:

Die revolutionären Kämpfe in Mitteldeutschland wurden begonnen als politische Kämpfe, d. h. als Waffenkämpfe, Straßenkämpfe, kurz militärische Kämpfe nach dem Muster des bürgerlichen Militarismus, durch dessen Schule die Arbeiter während des Krieges gegangen sind. Diese Kampfführung entspricht der parteimäßigen Auffassung von der Revolution. Sie wird vertreten von der VKPD, KAPD und der Berliner Richtung der AAU. Aber sie ist, wie die Partei selbst, ein Rest aus bürgerlicher Zeit und wirkt darum in revolutionären Epochen, für revolutionäre Zwecke angewandt, unrevolutionär, d. h. sie versagt. Es darf nicht die Taktik des Proletariats sein, sich auf den Boden der bürgerlichen Kampfmethode zu begeben, den es nie so gut und sicher beherrschen wird

wie seine Gegner; selbst wenn es gut militärisch organisiert und bewaffnet wäre, müßte es dem viel besser organisierten, auf ein ganz anderes, d. h. für dieses System viel brauchbareres Menschenmaterial gestützten bürgerlichen Militarismus unterliegen. Deshalb muß das Proletariat den bürgerlichen Gegner auf seinen Kampfboden herüberziehen, wo ihm, dem Proletariat, eine größere Überlegenheit von vornherein gesichert ist. Dieser proletarische Kampfboden ist der Betrieb. Hieraus erwächst die Forderung nach Bewaffnung im Betrieb, betriebsweiser Bildung von Kampfformationen, Besetzung der Betriebe, Auslösung der revolutionären Bewegung aus den Betrieben heraus, Verteidigung der Betriebe durch die bewaffnete Arbeiterschaft, Erweiterung der Kampfbasis durch Vorstöße aus den Betrieben. Dies alles als Aufgabe des entschlossensten und bedeutsamsten Teiles der Arbeiterschaft. Verlassen die Arbeiter, wie dies in Mitteldeutschland zuerst geschah, die Betriebe, um auf die Straße zu eilen und dort zu kämpfen, so verlieren sie den Boden unter den Füßen, werden zu zufälligen Banden, die einen regellosen Kampf führen, und faleln dem Feuer Feuer des bürgerlichen Militarismus zum Opfer. Gewiß wird es für absehbare Zeit in revolutionären Erhebungen solche Bandenkämpfe noch geben, sie werden für manche Aufgaben auch noch notwendig, vielleicht unentbehrlich sein; aber das Schwergewicht der Kämpfe und ihrer Entscheidungen kann und darf nicht bei ihnen liegen. Es liegt in den Betrieben. Und der aus den Betrieben hervorbrechende Revolutionskampf ist ein ökonomischer Kampf, der sich politisch zuspitzt, im Gegensatz zu den bisherigen, also politischen Kämpfen, die nachträglich das ökonomische Fundament nicht gewinnen konnten und deshalb verpufften.

Ich habe im „Kommunist“ und in der „Revolution“ wiederholt die Grundzüge der verschiedenen taktischen Methoden entwickelt und die AAU (Ostsachsen) hat daraus die praktisch-organisatorischen Konsequenzen gezogen, indem sie die letzten Reste der traditionellen Parteiorganisation abstreifte und sich bemüht, das parteimäßige, althergewohnte politische Denken und Handeln zu überwinden. Sie ist so zur Einheitsorganisation geworden, nach dem Rätesystem aufgebaut, Partei und Gewerkschaft in sich verkörpernd, und sieht in der Revolution wie im Sozialismus eine Klassenangelegenheit, in der Diktatur den Ausdruck der Machtüberlegenheit des Proletariats als Klasse (nicht einer Partei und einer Parteiführerklique) über die Bourgeoisie, und in dem Zentralismus, der Partei und Gewerkschaft, dem Berufsführertum und den parteimäßigen taktischen Methoden eine Erschwernis des revolutionären Kampfes und eine Gefahr für den revolutionären Erfolg.

Zu den Gegnern der ostsächsischen Auffassung gehört in erster Linie die VKPD, die geradezu ihre Antipodin ist; weiter die KAP und die unter ihrem Einfluß stehende Berliner Richtung innerhalb der AAU. Der Bezirk Mitteldeutschland der AAU (Leipzig, Halle, Mansfeld) hielt zur Berliner Richtung und stand der ostsächsischen Auffassung ziemlich verständnislos und im großen Ganzen ablehnend gegenüber.

Da wollte es die Ironie des Schicksals, daß gerade diesem Bezirk, der für die Durchführung der von Ostsachsen propagierten Kampftaktik die günstigsten ökonomischen und betriebstechnischen Voraussetzungen bietet, die Erkenntnis von der Richtigkeit der von ihm verworfenen ostsächsischen Auffassung mit blutiger Anschaulichkeit und schmerzvoller Demonstration eingepaukt wurde.

Ob man wollte oder nicht — nach den ersten Niederlagen in Eisleben, Hettstedt usw. blieb den Grubensklaven des Mansfelder und Merseburger Gebiets nichts anderes übrig, als sich in ihren Werken und Schachtanlagen betriebsmäßig zu organisieren, zu bewaffnen, zu Vorstößen und

Ausfällen zu vereinigen, zu verteidigen. Mit einem Schlage bekam die Revolution ein anderes, ein neues, eigenes Gesicht. Sie verschob ihre Konzentrationspunkte von der Straße in die Betriebe, entzog sich dem Feuerangriff der auf Straßenkämpfe eingestellten Strategie der bürgerlich-militärischen Polizeitruppen, bildete ihren Charakter als politische Revolution mehr und mehr ins Ökonomische um. Leider kam diese Umlernung und Umstellung über Hals und Kopf, als Notgeburt, viel zu spät. Die Genossen fanden sich in der neuen Situation nicht so rasch zurecht; sie waren unvorbereitet für diese Art der Kampfführung (Leuna); standen unter der Depression der ersten Mißerfolge. So rächte sich an ihnen bitter ihr Mangel an Verständnis für die ostsächsische Taktik; der Umstand, daß sie aus Parteibefangenheit und unter dem Einfluß der Führerdemagogie jedes ernsthafte und tiefere Vertrautmachen mit der ostsächsischen Auffassung versäumt oder abgelehnt hatten, wurde ihnen zum trüben Verhängnis.

Die Erfahrungen in Mitteldeutschland werden dem Proletariat eine ernste Lehre sein. Sie werden den anspruchsvollen und durch nichts begründeten Nimbus der VKPD als revolutionäre Partei endgültig zerstören helfen und den Bann durchbrechen, der das Schicksal der deutschen Arbeiterschaft über tausend Meilen hinweg an die zufälligen Bedürfnisse eines Führerklüngels kettet, dessen Politik unter dem irreführenden Etikett des Kommunismus nur einen schlechten Abklatsch bürgerlich-kapitalistischer Überlieferungen darstellt. Sie werden die KAP, diesen rudimentären Wurmfortsatz am VKPD-Blinddarm, ihrem Mauerblümchen-Schicksal der politischen Bedeutungslosigkeit überlassen. Und sie werden das Proletariat in seiner Gesamtheit nötigen, seine Wertschätzung der aus vorrevolutionärer Zeit überkommenen Partei- und Gewerkschaftsorganisation einer gründlichen Revision zu unterziehen.

Wenn die mitteldeutschen Kämpfe diese Ergebnisse zeitigen werden, wird das Blut von Tausenden der besten und kühnsten Revolutionäre nicht ganz umsonst vergossen sein.

VII

Die von Ostsachsen vertretene Auffassung vom Wesen und Charakter der Revolution und die daraus entwickelte Taktik des revolutionären Kampfes schließen jeden Putschismus glattweg aus. Denn der Putschismus gedeiht nur als Blüte auf dem Grunde des partei-politischen Revolutionarismus, der in Wirklichkeit bürgerliche Revolutionsromantik ist.

Eine Revolution, die kennzeichnet ist durch das Schwergewicht ihrer ökonomischen Wesenheit und ihre Basis in den Betrieben hat, wird sich nie durch eine von außen herangetragene hetzerische Agitation entzünden lassen und nie im Strohfeuer eines flüchtigen und hitzigen Putschismus verpuffen. Darum fand die Putschpropaganda der VKPD und KAP in Ostsachsen wie im Rheinland, wo die ostsächsische Auffassung stark Boden gefaßt hat, keinerlei Widerhall und Nahrung. Nur aus Gründen der Solidarität, die man nicht verweigern zu dürfen glaubte, und in der Hoffnung, die unglückselige Aktion vielleicht noch zu einem leidlichen Ausgange umbiegen zu können, wurde der Eintritt in den Generalstreik erwogen.

Aber wie sich ein Generalstreik nicht durchsetzen läßt ohne oder gegen den Willen der Arbeitenden, so läßt sich noch weniger die Besetzung, Bewaffnung und Verteidigung der Betriebe durchführen, wenn ihnen nicht der freie und bewußte Entschluß der Arbeiterschaft aus vollem Herzen und ganzem starken Willen entgegenkommt. Diesen Entschluß aber entflammt kein gelegentlicher demagogischer Funke, er ist das still gereifte Produkt ständig sich erweiternder und vertiefender Einsicht in die inneren Zusammenhänge des sozialen Organismus, unablässiger

Werbe- und Organisationsarbeit in den Betrieben und langsamer, aber gewaltiger Ansammlung von Kraft in den Händen der Werktätigen bis zu dem Maße, das sie befähigt, von unten aus, von den Stätten der produktiven Arbeit aus die Welt aus den Angeln zu heben.

Das ist ein langsamer, schwerfälliger Prozeß, der unsere Geduld auf eine harte Probe stellt.

Wir alle sahen das Zukunftsland des Kommunismus einmal näher und hofften, es rascher zu erreichen. Je länger wir wandern und kämpfen, desto weiter scheint es hinauszurücken. Doch was wir sahen, war nur eine Luftspiegelung, erzeugt in den Sphären unserer Parteibefangenheit und ihrer illusionären Revolutionsromantik. Die Realität der kommunistischen Zukunft liegt hinter dem Farbenzauber der Fata Morgana und ihre Besitzergreifung setzt die restlose Überwindung der Parteitradition, des Zentralismus und Berufsführertums, des Gewerkschafts-Opportunismus, der putschistischen Abenteurerei und romantisch-heroischen Revolutionsmacherei voraus. In diesem Sinne habe ich in der Einleitung gesagt, daß die Revolution für lange Zeit verloren sei.

Die deutsche Revolution ist solange verloren, als sie von Parteien — und mögen sie sich noch so revolutionär gebärden — propagiert, vorbereitet und als eine politische Aktion durchzuführen versucht wird.

Sie ist solange verloren, als sie durch Politikanten und Berufsdemagogen mit den Mitteln des Putschismus ins Werk gesetzt und von Epigonen des bürgerlichen Militarismus nach der Taktik der Straßen- und Geländekämpfe ausgefochten werden soll.

Sie ist solange verloren, als der Einfluß von Parteibonzen und Gewerkschaftsbütteln die Sammlung des Proletariats in revolutionären Klassenorganisationen, die aus den Betrieben erwachsen und den Rätegedanken verkörpern, zu verhindern imstande ist.

Sie ist solange verloren, als nicht im Sinne der von Ostsachsen zuerst vertretenen Auffassung und Taktik die Sammlung, Organisierung, Schulung und kämpferische Auslösung der proletarisch-revolutionären Kräfte in der Allgem. Arbeiter-Union erfolgt.

Wer die Revolution will, muß die revolutionäre Klassenorganisation des Proletariats wollen, nicht die Partei, nicht die Gewerkschaften, sondern die Allgem. Arbeiter-Union, die Zusammenfassung der revolutionären Betriebs-Organisationen.

Und er darf in der Allgem. Arbeiter-Union nicht eine Nebenstelle der Partei, nicht einen Gewerkschafts-Ersatz, nicht eine Konkurrenz-Gründung des einen oder anderen erblicken, sondern die Einheitsorganisation der proletarischen Klasse für die Verwirklichung des Kommunismus.


Fuente: Otto Rühle, «Das Ende der mitteldeutschen Kämpfe», Die Aktion, 11. Jg., Heft 15/16, 1921, col. 215-223; firmado bajo el título «Von Otto Rühle». Transcripción hecha sobre el facsímil del volumen digitalizado por Google a partir del ejemplar de la University of California (Internet Archive, DieAktion11jg1921, págs. PDF 112-116); el OCR de archive.org solo sirvió de apoyo. Los comentarios Sp. n del código marcan el comienzo de cada columna impresa; los números romanos de los apartados son del original. Las columnas no llevan fecha; el número salió en abril de 1921, poco después de la «acción de marzo». Este cuaderno 15/16 de Die Aktion se vendió también como folleto, Über die Märzkatastrophe des deutschen Proletariats (Berlin-Wilmersdorf: Verlag Die Aktion 1921), con textos de Rühle, Franz Pfemfert, James Broh y Maximilian Harden (bibliografía de Rühle, OR1921-34). Precede al artículo, en la col. 215, el final de un artículo de Franz Pfemfert sobre Paul Levi y la «catástrofe de marzo»; le sigue «Ich klage an», de James Broh. Se conservan las grafías y erratas del impreso: «empfängich», «Siutationen», «faleln dem Feuer Feuer» (por fallen dem Feuer; la palabra se repite al cambiar de línea), «der Putsch war langer Hand vorbereitet», «die kennzeichnet ist», «Piek» (por Wilhelm Pieck), «Kontre-Revolutionär» junto a «Konter-Revolution».