[…]

Vizepräsident Dove: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Rühle.

Rühle, Abgeordneter: Meine Herren, ich habe kaum nötig, besonders zu betonen, daß mein Freund Liebknecht dem vorliegenden Antrage so fern wie nur irgend möglich steht. Im Gegenteil, er wird die Ablehnung dieses Antrages — die nach dem Verlauf der Kommissionsverhandlung ganz unzweifelhaft ist — als die größte persönliche Genugtuung empfinden

(Lachen)

und als die glänzendste Rechtfertigung der Politik, die er hier vertreten hat, die von Hunderttausenden draußen vertreten wird, und die auch in Zukunft rücksichtslos und entschieden fortgesetzt werden wird, trotz all der Verfolgungen, Bedrückungen, Verschickungen, Denunziationen und Urteilssprüche. Die Befreiung Liebknechts kann nicht das Werk dieses Parlaments sein, ebensowenig wie es das Werk dieses Parlaments sein wird, den Frieden herbeizuführen oder etwa das Proletariat zu befreien. Die Befreiung Liebknechts wird das Werk der arbeitenden Massen des Volkes sein, nicht als Erfolg parlamentarischer Reden, so schön und so radikal sie auch gehalten werden mögen, sondern als Frucht des Klassenkampfes, der immer noch den Angelpunkt aller sozialdemokratischen Politik bildet. Die arbeitenden Massen des Volkes werden sich besinnen auf ihre historische Pflicht, auf die Machtmittel, über die sie noch verfügen, und sie werden davon Gebrauch machen, um ihre Interessen zur Geltung zu bringen und ihre Ziele zu erkämpfen.

Der vorliegende Antrag ist gewiß gut gemeint, und er mag geeignet sein, parlamentarisch zu wirken. Aber wenn er nicht benutzt wird, um durch die Fenster hinaus den Massen des Volkes zuzurufen, was sie zu tun haben zu ihrer Befreiung, bleibt er ein Spiel mit Worten und verrät eher Schwäche als Stärke. Und die für diesen Antrag stimmen, gleichzeitig aber den Raubzug des Imperialismus unterstützen und die Kriegspolitik der Regierung — —

(Glocke des Präsidenten.)

Vizepräsident Dove: Herr Abgeordneter, ich rufe Sie wegen dieser Äußerung zur Ordnung! Sie haben sich zwar nicht deutlich ausgedrückt, Herr Abgeordneter, — —

Rühle, Abgeordneter: Ich habe von einem Raubzug des Imperialismus gesprochen.

Vizepräsident Dove: — Ja, Sie haben aber von Mitgliedern des Hauses gesagt, daß sie den Raubzug des Imperialismus unterstützen. Das ist ein Vorwurf — —

(Zuruf.)

— Welcher Abgeordnete hat die Äußerung getan, daß dieser Vorwurf „berechtigt“ sei?

(Zuruf.)

— Dann rufe ich auch Sie, Herr Abgeordneter Vogtherr, zur Ordnung!

Rühle, Abgeordneter: — — jedenfalls die Politik der Regierung, die die Politik der herrschenden Klasse ist, zu der ihrigen machen; ich sage: die für diesen Antrag stimmen und gleichzeitig diese Politik verfolgen, haben das Recht verwirkt, sich noch als die Vertreter der proletarischen Massen draußen zu bezeichnen.

(Unruhe und Zurufe.)

Wenn ich das ausspreche, so weiß ich, daß ich im Sinne Liebknechts rede, der nicht anwesend sein kann, um auszusprechen, was hier ausgesprochen werden muß. Ich weiß auch, daß ich im Sinne Liebknechts handele, wenn ich nicht an dieses Parlament appelliere, sondern an die Millionen derer, die draußen stehen und auf Frieden warten

(Zurufe)

und wissen, daß der Weg, den Liebknecht ihnen gezeigt hat, der einzige ist, um den Frieden herbeizuführen, und wenn ich sie aufrufe, ihre Pflicht zu tun.

(Lachen und Zurufe.)

[…]


Fuente: Verhandlungen des Reichstags, XIII. Legislaturperiode, II. Session, Bd. 308, 68. Sitzung (27. Oktober 1916), S. 1849. Transcripción hecha a partir del facsímil digital de la Bayerische Staatsbibliothek (Digitale Sammlungen, https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00003404?page=280), leyendo la imagen; un OCR propio (tesseract) sirvió de apoyo. Se transcriben íntegras la intervención de Rühle y, literalmente, las del vicepresidente Dove que le dan la palabra y la interrumpen (dos llamadas al orden: a Rühle y al diputado Ewald Vogtherr, que desde su escaño había calificado de «berechtigt» el reproche), con las anotaciones taquigráficas de las reacciones de la sala. Se omite lo anterior (intervenciones de otros oradores, entre ellos Stadthagen, en el debate sobre la moción) y lo posterior: Dove cierra la discusión, el ponente renuncia a la réplica y la Cámara aprueba la propuesta de la comisión (Drucksache n.º 458) de rechazar la moción Bernstein (n.º 410); se pasa luego a la primera lectura del segundo suplemento al presupuesto de 1916. La negrita reproduce la del acta. La bibliografía de Stecklina titula la pieza «Gegen die Kriegskredite (Rede)», pero el discurso trata de la moción sobre la prisión de Liebknecht; el título entre corchetes es descriptivo. El comentario S. n del código marca la página impresa.