Das proletarische Kind
November — Erziehungs-Beilage — 1913
Ihr wollt stark geliebt sein, Weiber, und recht lange und bis in den Tod: nun, so seid Mütter eurer Kinder!
Jean Paul.
Hungernde Schulkinder.
Die Anzeichen der beginnenden Krise mehren sich. In Großstädten und Industriegebieten nimmt die Arbeitslosigkeit erschreckend zu. Lebensmittelpreise und Wohnungsmieten sind hoch und steigen noch fortgesetzt. Dazu der Winter vor der Tür. Es wird für Hunderttausende ein schlimmer Winter werden. Und ungezählte Kinder werden unter der Not bitter zu leiden haben.
Die ersten Schrecken der Arbeitslosigkeit werden gemildert durch die Gewerkschaften, soweit sie Arbeitslosenunterstützung gewähren. Allein die freien Gewerkschaften zahlten in einem Jahre (1912) von den 23½ Millionen Mark, die sie für Unterstützungszwecke verausgabten, 7¾ Millionen Mark an Arbeitslosenunterstützung ihren Mitgliedern aus. Ueber diese Leistungen hinaus und in zahllosen Fällen, wo Arbeitslose keine Unterstützung beziehen, hat die Armenpflege einzugreifen. Handelt es sich um Schulkinder, die unter der Notlage ihrer Eltern leiden und ohne ausreichende Ernährung und Versorgung sind, so sind sie auf private Wohltätigkeit, nur in seltenen Fällen auf kommunale Fürsorge-Einrichtungen angewiesen.
Es ist eine Grausamkeit, hungernde Kinder zum Lernen zu zwingen, und geradezu eine Gotteslästerung, ihnen, während der Hunger in ihren Eingeweiden wühlt, von Gottes Vaterhuld und allerbarmenden Güte zu erzählen. Ein hungriges oder durch unzureichende oder ungeeignete Kost geschwächtes Kind kann keine geistige Arbeit mit Erfolg leisten. Es kann auch ethisch nichts gewinnen, denn die brutale Realität der Not, die es am eigenen Leibe spürt, wird stets gegen die moralischen Grundsätze einer abstrakten Tugendhaftigkeit revoltieren. „Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich satt gegessen hat“, sagt Schiller, „aber er muß warm wohnen und sich satt essen können, wenn die bessere Natur sich in ihm regen soll.“ Will die Schule ihren erzieherischen Zweck auch an den Kindern erfüllen, die das Gesetz zur Teilnahme am Unterricht zwingt, obwohl ihnen die Armut und Not ihrer Lebenshaltung alle Voraussetzungen für eine normale Bildungsfähigkeit verweigert, so hat sie dafür Sorge zu tragen, daß diese Voraussetzungen geschaffen werden. Sie hat die hungernden Kinder zu speisen. Damit wird die soziale Hilfseinrichtung der Schulspeisung dem Gebiet armenpflegerischer Fürsorge entzogen und in den Gesichtswinkel pädagogischen Interesses gerückt. Die Schulspeisung hat nicht bloß den Hunger zu stillen, sondern als wichtiges Hilfsmittel zur Erreichung des gesundheitlichen, geistigen und sittlichen Erziehungszwecks zu dienen. Als Konsequenz des Schulzwangs darf sie Anspruch darauf erheben, als integrierender Teil des Schulbetriebs und des Erziehungswerkes gewertet zu werden.
Unsere Schulbehörden und Kommunalverwaltungen haben sich bei der Einschätzung und Beurteilung der Schulspeisung als einer sozialen Maßnahme bisher noch nicht zu dieser Höhe der Auffassung emporzuschwingen vermocht. In unzähligen Fällen behandeln sie die Schulspeisung als eine Art Almosenspende, die der Besitzende den Armen aus Menschenfreundlichkeit gewährt und für die er den Dank des Empfängers erwarten darf. Darum weigert man sich, sie als freie Liebestätigkeit aufzuheben und zu einer kommunalen Einrichtung zu machen. In anderen Fällen wird sie zwar als kommunale Einrichtung geschaffen und geführt, aber als Zweig der Armenpflege, der öffentlichen Fürsorge und Wohlfahrt betrachtet. Sie als Erfüllung eines Rechtsanspruchs, als Bestandteil der Schulverfassung und Korrelat des Erziehungswerkes anzusehen, dazu wollen sich weder die Kommunalverwaltungen, noch die Schulbehörden, noch die Pädagogen verstehen.
Dieser Umstand erklärt die verhältnismäßig geringe Verbreitung der Schulspeisungen, die Schwerfälligkeit und Zugeknöpftheit der Verwaltungen und Kommunalvertretungen gegenüber der Forderung, sie einzuführen und auszubauen. Nach einer Erhebung der Zentralstelle für Volkswohlfahrt von 1909 hatten von 525 befragten Städten mit über 10 000 Einwohnern nur 201 irgendwelche Speise-Einrichtungen für Schulkinder; sie fehlten völlig in 286 Orten. In 183 Orten wurden in einem Jahre 5,5 Prozent der Schüler gespeist. Träger der Kosten waren in 78 Städten wohltätige Vereine, in 42 Städten die Kommunalverwaltungen, in 69 Städten beide gemeinsam. In 154 Fällen wurde Frühstück, in 86 Fällen Mittagbrot verabreicht. Die Leistungen waren meist unzulänglich, verschuldet durch den Mangel an Mitteln, worüber besonders die Vereine lebhafte Klage führen. In Berlin, wo 1897 unsere Rathausfraktion den Antrag stellte, die private Kinderspeisung auf die Stadt zu übernehmen, konnte es passieren, daß der Kommunalfreisinn erklärte: „Das bedeutet einen Eingriff in die Rechte der Eltern und gibt Anlaß zu Mißbrauch.“ Bis sie schließlich zehn Jahre später die kommunale Schülerspeisung doch durchsetzte — freilich nur als Teil der Armenfürsorge, belastet mit dem Odium der „wohltätigen Bettelsuppe“. Bettelsuppe — in der Tat! Denn keine der von Professor Dr. Kaup 1909 in 13 Städten untersuchten Mittagspeisungen hatten den erforderlichen Kaloriengehalt, alle waren minderwertig in bezug auf Nährgehalt und Zubereitung.
Nach Kaups Berechnung bleiben im Sommer etwa 22 000, im Winter 36 000 Schulkinder im Deutschen Reiche ohne Frühstück, 179 000 ohne warme Mittagskost, 50 000 ohne jede warme Hauptmahlzeit. Mehr als 80 Prozent aller Schulkinder erhalten ein minderwertiges Frühstück. Auf dem Lande ist die mangelhafte Ernährung der Schulkinder — wie Kaup und auch Helene Simon ausdrücklich bezeugen — schlimmer als in den Städten. Alle Zahlen sind unzulänglich, denn die Not der Kinder ist in Wirklichkeit viel größer; die von Kaup bearbeitete Statistik bezieht sich ja nur auf Städte mit mehr als 10 000 Einwohnern. In Zeiten der Teuerung, des Konjunkturniederganges, der Krise usw. schwillt die Menge der hungernden Kinder ins Ungeheure an. Das Gespenst der Entbehrung und des Hungers verschont nur wenige.
Um so dringlicher und unabweisbarer erwächst den kommunalen Körperschaften die Pflicht, für Schulspeisungen in ausreichendem Maße zu sorgen. Wir Sozialdemokraten fordern obligatorische Schulspeisungen für alle Schüler und alle Schulen, einmal, weil es sich nicht um ein Gebot der Armenfürsorge, sondern der Pädagogik handelt, und dann auch, um der Speisung den bedrückenden Almosencharakter zu nehmen. Wo Sozialdemokraten in kommunalen Körperschaften sitzen, werden sie die Forderung der Schulspeisung in diesem Sinne erheben.
Der Robinson.
Als die herrschenden Gesellschaftsklassen noch kein Interesse an der Bildung des Volkes hatten, gab es weder Volksschulen noch Jugendschriften. Der mittelalterliche Grundherr bekam seine Abgaben, Gefälle und Tagedienste von den hörigen Bauern, auch wenn diese nicht lesen und schreiben konnten. Ja, je ungebildeter die Bauern waren, desto leichter waren sie auszubeuten. Wozu also Schulen und Bücher? Wozu die Kunst des Lesens für Alte und Junge? Und wozu gar Jugendschriften?
Dies wurde anders, als der Handwerkerstand aufkam und dem Wirtschaftsleben das Gepräge gab. Der Handwerker kaufte Rohmaterialien und verkaufte die gefertigten Waren. Er stand im Geschäftsverkehr mit Lieferanten und Käufern und mußte die Bewegungen des Marktes beobachten und verstehen. Dazu brauchte er Rechnen, Lesen und Schreiben. So wurden Volksschulen gegründet, Bücher gedruckt, Kenntnisse im Volke verbreitet. Die ersten Volksschulen trugen rein weltlichen Charakter und entstanden in den Städten, in denen die Entwicklung des Handwerks am weitesten gediehen war. Eine Folge der wirtschaftlichen Umwälzung jener Zeit war aber auch die Reformation. Und die Reformation brachte die Religion in die Schule. Um sich im Lesen zu üben, vor allen Dingen aber, um im Sinne der Interessen und Anschauungen der bürgerlichen Klasse beeinflußt zu werden, mußten die Kinder des Bürgertums die Heilige Schrift in Luthers Uebersetzung, den Kleinen Katechismus und das Gesangbuch lesen. Das war ihre Lektüre.
Die bürgerliche Klasse setzte sich immer mehr durch. Die Bande des Feudalismus wurden zerrissen. In Schrift und Wort wurde das Recht des Individuums, die Freiheit des Christenmenschen verkündet. Unter der Losung: Zurück zur Natur! vollzog sich ein geistiger Umschwung. Neue Gedanken- und Ideenkreise bildeten sich und berührten auch das Gebiet der Erziehung. Eine geistige und seelische Wiedergeburt der Menschheit sollte herbeigeführt werden. Das größere Weltbild, das durch die Entdeckung Amerikas gewonnen worden war, weitete auch die Grenzen des geistigen Gesichtskreises aus. Amos Comenius gab den Orbis pictus heraus und bot dem Volke und der Jugend eine Welt in Bildern, die an Mannigfaltigkeit und Fülle der Erscheinungen alles bis dahin Bekannte übertraf. Im Erziehungsleben gewannen die Philantropisten — Basedow, Salzmann, Campe, Wolke, Trapp u. a. — mit ihrem Streben nach Menschenbeglückung allgemeine Geltung und großen Einfluß. Sie waren es auch, die die ersten wirklichen Jugendschriften im heutigen Sinne in die Hände der Kinder legten. Unter dem Einflusse Basedows ließ Ch. F. Weiße seinen „Kinderfreund“ erscheinen, dem sich der „Briefwechsel der Familie des Kindesfreundes“ anschloß. Ihm folgte der Robinson, die bedeutendste Jugendschrift jener Periode und ein treuer, vielgeliebter Freund der Kinder bis auf unsere Tage.
Das Heimatland des Robinson ist England. Der Publizist Daniel Defoe, einer der bedeutendsten Schriftsteller zur Zeit der zweiten englischen Revolution, ließ 1719 einen Reiseroman erscheinen, der sich betitelte: „The life and strange surprising adventures of Robinson Crusoe of York“ und der das abenteuerliche vierjährige Einsiedlerleben des 1704 auf der Insel Juan Fernandez abgesetzten Seemannes Selkirk zur Grundlage hatte. Der Erfolg des Buches war beispiellos. Es wurde von alt und jung, hoch und niedrig wahrhaft verschlungen und bald in fast alle Sprachen der Welt übersetzt.
Besonderem Interesse mußte der Robinson in den Kreisen jener Philosophen und Pädagogen begegnen, die das „Zurück zur Natur!“ auf das Banner ihrer Lehre und Weltanschauung geschrieben hatten. War nicht der Zustand Robinsons derjenige, in dem sich nacheinander alle Entwicklungsstufen der Bildung in innigster Anlehnung an die Natur spiegelten? Stellten die Erlebnisse und Erfahrungen des auf die einsame Insel Verschlagenen nicht geradezu einen natürlichen Erziehungsplan, einen Grundriß für den natürlichen Verlauf des menschlichen Entwicklungs- und Erziehungsprozesses dar? Nichts lag also näher, als daß Rousseau, der geistige Führer der „Rückkehr zur Natur“-Bewegung, in seinem großen Erziehungsroman „Emile“, den selbst Goethe als das Evangelium der natürlichen Erziehung gepriesen hat, mit begeisterten Worten auf den Robinson verwies. Im dritten Buche heißt es da: „Da wir durchaus Bücher haben müssen, so ist eins vorhanden, das meiner Ansicht nach die glücklichste Abhandlung über naturgemäße Erziehung gibt. Dieses Buch wird das erste sein, welches mein Emil liest; es wird während einer langen Zeit seine ganze Bibliothek ausmachen und immer darin einen hervorragenden Platz behalten. Welches ist denn dieses wunderbare Buch? Ist es Aristoteles? Ist es Plinius? Ist es Buffon? Nein — es ist Robinson Crusoe … Dieser Roman, entladen von allem Wuste, wird zugleich die Unterhaltung und Unterweisung Emils während der Periode, von der die Rede ist, bilden.“
Durch diese Stelle in Rousseaus „Emile“ wurde der Pädagoge Campe auf das Defoesche Buch aufmerksam gemacht. Campe war früher Hauslehrer der beiden Humboldts gewesen und später als Lehrer an das von Basedow begründete Philantropin nach Dessau berufen worden. Hier fand er aber so unheilvolle Zustände vor, daß er die Stellung wieder verließ, um sich nach Billwärder bei Hamburg und später nach Trittau in Holstein zu wenden, wo er eine kleine Erziehungsanstalt gründete und leitete. Als Campe das Werk Defoes gelesen hatte, „sprang ihm der Robinson in blanker Rüstung aus dem Kopfe, wie einst Minerva aus dem Haupte ihres olympischen Vaters“. Sein Robinson war nicht eine einfache Uebertragung des Defoeschen ins Deutsche, er stellte vielmehr eine selbständige und eigenartige Bearbeitung für die Jugend dar, ganz im Stile jener Zeit und entsprechend den pädagogischen Grundsätzen und Anschauungen der philantropistischen Schule. Campe läßt das „Leben und die überraschenden Abenteuer des Seemanns Robinson Crusoe von de Foe“ von einem Familienvater an aufeinander folgenden Abenden den Seinigen erzählen, wobei er, durch Fragen der Kinder unterbrochen, zugleich Aufschluß über allerhand Dinge des Lebens und Wissens gibt, so daß der glatte Vorgang der Erzählung oft recht erhebliche Stockungen erleidet. Diese vom Nützlichkeitsprinzip der Campeschen Richtung diktierte Methode ist zweifellos wohlgemeint und mag auch unter gegebenen Umständen ihren Zweck erfüllen; bei der Lektüre freilich wirken die Zwischenreden recht langweilig, so daß sie allgemein von alt und jung überschlagen zu werden pflegten. Gleichwohl fand das Campesche Buch ungeheuren Anklang; sein Erfolg ließ nicht bloß den der übrigen zahlreichen Campeschen Kinderbücher, sondern der gesamten sonstigen Jugendliteratur weit hinter sich zurück.
Die Bücher Defoes und Campes hatten eine wahre Flut von Robinsonaden zur Folge. Die Zahl der Bearbeitungen, Umschreibungen und Umdichtungen ist nachgerade Legion geworden. In dem vom Bildungsausschuß der sozialdemokratischen Partei herausgegebenen Verzeichnis empfehlenswerter Jugendschriften sind folgende Ausgaben enthalten:
Defoe, Daniel, Robinson Crusoe. Bearbeitet von O. Zimmermann. Illustriert. Verlag von Spamer, Leipzig. 1 Mark.
—, dasselbe. Bearbeitet von Paul Lang. Verlag der Jugendblätter (C. Schnell), München. Farbig und schwarz illustriert. 1,50 Mark.
—, *dasselbe*. Nach Karl Böttchers deutscher Bearbeitung neu erzählt von O. L. Heubner. Schwarz illustriert. Verlag von Wigand, Leipzig. 1,60 Mark.—, dasselbe. Gekürzte Ausgabe. Illustriert von Alex Eckener. Verlag von Schaffstein, Köln (Blaue Bändchen). 30 Pf.
Einen Neudruck des Robinson nach ältester deutscher Ausgabe von 1731 (Preis 20 Mark) und eine billigere Ausgabe in der Bearbeitung von Sev. Rüttgers (3 Mark) hat der Insel-Verlag in Leipzig herausgebracht.
Außer als Jugendlektüre hat der Robinson auch als Unterrichtsstoff in pädagogischen Kreisen hohe Bewertung erfahren. Wiederholt ist versucht worden, ihm im Jugendunterricht einen besonderen Platz anzuweisen. Besonders der Leipziger Pädagoge Ziller und seine Schule wollen den Robinson als „Konzentrationsstoff“ in das zweite Schuljahr gestellt wissen, nachdem im Mittelpunkt des ersten Schuljahres das Märchen gestanden hat. Mag dieser Uebergang — Willmann bezeichnet ihn: Von der Phantasie der Einfalt zur Phantasie der Praxis — auch einen Fortschritt darstellen und mag sich besonders für den Gesinnungsunterricht mancher schätzbare Wert aus der Betrachtung und Behandlung des Robinson gewinnen lassen, im großen ganzen bedeutet die Zillersche Methodik wohl eine Ueberschätzung des Robinson wie auch der Märchen als Erziehungsmittel. Neuerdings hat Kampe (Hamburg) versucht, ihn als Zentralstoff einer Arbeitsgemeinschaft in einer Hilfsschule pädagogisch nutzbar zu machen.
… Als Joachim Heinrich Campe starb, bestimmte er in seinem Testament, daß 2000 Exemplare des Robinson an arme Kinder verschenkt würden. So war er ein Philanthrop, ein Menschenfreund bis zum Tode — sein Robinson hat viele Herzen warm und ungezählter Kinder Augen leuchtend gemacht. Wenn zu Weihnachten das Buch mit unter den Gaben auf dem Geschenktische liegt, wollen wir einen Augenblick des Edlen und Wackeren gedenken.
Intelligenz und soziale Lage.
Daß Armut den Körper schwächt und für Krankheiten empfänglich macht, ja eine Menge gesundheitlicher Störungen und körperlicher Leiden direkt hervorruft, ist allgemein bekannte Tatsache. Erst in jüngster Zeit haben ebenso gründliche als umfassende Arbeiten von Grotjahn, Tugendreich, Mosse u. a. diese alte Erkenntnis durch eine Fülle von Nachweisen neu bestätigt und erhärtet. Daß ein mangelhaft genährter, dürftig entwickelter, durch Krankheiten mitgenommener Körper nicht die Voraussetzungen für ein vollkräftiges, gesundes und gutfunktionierendes Geistes- und Seelenleben darbieten kann, ist leicht einzusehen, wenn man sich des Parallelismus und Kausalzusammenhanges zwischen Körper und Geist bewußt ist. Nur in einem gesunden Körper, sagten schon die Lateiner, wohnt auch ein gesunder Geist. Zahlreiche Aerzte, besonders Schulärzte, haben festgestellt, daß Kinder aus sozial schlechtergestellten Schichten nicht bloß bezüglich ihrer Körperentwicklung hinter den Durchschnittsmaßen gleichalteriger Kinder bürgerlicher Kreise zurückstehen, sondern auch hinsichtlich ihrer Intelligenz das Normalmaß ihrer Entwicklungsstufe nicht erreichen. Bei oft ausgezeichneter Begabung verfallen sie unter der Ungunst der Verhältnisse frühzeitig einer geistigen Erschlaffung und Verkümmerung, die sie bald hinter der Entwicklungskurve der günstiger Gestellten zurückbleiben läßt. Die Armut schlägt sie mit dem Fluche der geistigen Minderwertigkeit.
Obwohl diese Tatsachen feststanden, lagen doch bisher exakte wissenschaftliche Nachweise für den Zusammenhang zwischen Armut und Intelligenz nicht vor. Erst die Intelligenzprüfungen nach dem Binet-Simonschen Verfahren haben zu gesicherten Ergebnissen geführt, aus denen die Abhängigkeit der Intelligenz vom Milieu einwandsfrei hervorgeht.
Man versteht unter Intelligenz nicht eine einzelne Regung oder Leistungsfähigkeit des Gehirns, sondern den ganzen Komplex der Geistesfunktionen, die im Großhirn ihren Sitz haben, also: Aufnahmefähigkeit, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Schnelligkeit im Gedankenablauf, Urteilskraft, Ueberblick über Situationen, Ausdrucksfähigkeit der Gedanken durch Worte usw.
Es ist das Verdienst des französischen Psychologen Binet, zuerst ein umfassendes und alle Einzelgebiete sorgfältig berücksichtigendes Bild von der Intelligenz des Kindes im Alter von drei bis dreizehn Jahren ermittelt zu haben. Dies gelang ihm mit Hilfe einer komplizierten Methode, die zwar noch nicht völlig abgeschlossen ist, gleichwohl aber als die bisher zuverlässigste und einwandfreieste Methode zur Prüfung und Feststellung der Intelligenz angesprochen werden kann. Er legte den Kindern Bilder vor und ließ sie beschreiben, ließ Ziffern und Sätze nachsprechen, Geschichten wiedererzählen, mehrere gleichzeitig erteilte Aufträge ausführen, forschte nach der Kenntnis von Wochentagen, Monaten, Daten, Münzen usw., orientierte sich über den verfügbaren Wortschatz des Kindes, untersuchte die motorischen Fähigkeiten, das logische Unterscheidungsvermögen, das ästhetische Empfinden, ließ Lücken in gesprochenen Sätzen ergänzen, den Widersinn in Gesprächen und Handlungen entdecken usw. Indem er sich so an alle Zweige der Intelligenz wendete und dabei besonders auf Feststellungen Gewicht legte, die sich auf Dinge und Verhältnisse der Welt des Kindes beziehen, gewann er einen interessanten und wertvollen Einblick in die Struktur und den Umkreis der kindlichen Intelligenz. Die Ergebnisse faßt Prof. Meumann in der Zeitschrift für Päd. Psychologie wie folgt zusammen:
„Binet und Simon fanden, daß von 203 Pariser Schülern (aus Volksschulen mit vorwiegend ärmeren Kindern) zwischen 3 und 12 Jahren 103 Kinder als normal begabt erschienen. 42 waren um ein Jahr voraus, zwei waren um zwei Jahre voraus, 44 waren um ein Jahr zurück, zwölf um zwei Jahre zurück, also stand die Hälfte im normalen Intelligenzalter, 44 waren voraus, 56 zurück. Vergleicht man mit diesen Ergebnissen die Intelligenzprüfungen nach dem Binet-Simonschen Verfahren in andern Ländern, so zeigt sich eine durchgängige Abhängigkeit der Intelligenz der Kinder von dem sozialen Stande (besonders der Wohlhabenheit) der Eltern. Das möge zunächst durch eine kurze Zusammenstellung einiger Hauptresultate erläutert werden. 1. Die Pariser Kinder waren zwar von ziemlich gemischtem Milieu, aber sie stammten im Durchschnitt aus Arbeiterkreisen der Vorstädte. 2. Am tiefsten unter ihnen stehen der Begabung nach die Moskauer Kinder (Frl. Dr. Schubert), die den ärmsten Arbeiterkreisen der Moskauer Vorstädte angehörten. Sie sind um volle zwei Jahre hinter den Parisern zurück. 3. Zwei Jahre über den Parisern, also vier Jahre über den Moskauer Kindern, stehen die Schüler aus den besten Petersburger Internaten (Frau Wolkowitsch). 4. Diesen ungefähr gleich — vielleicht nur ein wenig tiefer — stehen an Intelligenz die Brüsseler Kinder (Decroly und Degand), sie gehörten einem Internat mit Schülern der besten Stände Brüssels an. 5. Die von Frl. Johnston geprüften Sheffielder Kinder der Volksschule stehen denen von Binet gleich; die von ihr geprüften 25 Kinder einer höheren Schule sind den Parisern überlegen. 6. Goddard prüfte 2000 Kinder, die einer im ganzen ländlichen Bevölkerung angehören, ihre Intelligenz ist wieder ungefähr gleich der der von Binet geprüften Kinder. 7. Genau dasselbe Bild bieten uns die italienischen Schulen dar. Die in Rom geprüften (Jeronutti) gehören besseren Ständen an, sie stehen über den Parisern; ähnlich verhalten sich die in Turin (Treves und Saffiotti). Leider lassen sich die deutschen Prüfungen damit noch nicht recht vergleichen, weil bei Bobertag in Breslau die Auswahl zu groß und in Kattowitz, wo auf Anregung von Stern und Dr. Bobertag Volksschulkinder geprüft wurden, die Anzahl der Kinder nicht groß genug war. Zusammenfassend können wir aber schon jetzt als feststehende Tatsache annehmen, daß die internationale Prüfung der Normalbegabung mit den Binet-Simon-Tests (Versuchen) eine absolute intellektuelle Abhängigkeit des Kindes von der sozialen Lage der Eltern zeigt!“
So ist zum ersten Male auf dem Wege exakter wissenschaftlicher Forschung nachgewiesen, was Laienbeobachtung und pädagogische wie medizinische Erfahrung längst als unzweideutige Tatsache erkannt hatten: daß die Armut, die den Körper schwächt und siech macht, auch den Geist verkümmern läßt, daß der Arme dreifach arm ist — an Geld und Gut, an Gesundheit, an Geist.
Nicht arm jedoch an Hoffnung, daß es der Klasse der Armen und Enterbten gelingen wird, die Armut, auch wenn sie hundertfältig wäre, zu überwinden.
Umgang mit Kindern.
Rede nicht zu viel!
Was dem Geistlichen Beruf und Amt ist — Predigten zu halten — soll der Erzieher meiden wie eine Todsünde. Für ihn gilt das Wort: Bilde, Künstler, rede nicht! Du willst Menschen formen, Charaktere bilden: dazu taugt kein Geschwätz und Geplärr; du willst Seelen läutern, Hirne mit Geistesschwungkraft ausstatten und in Herzen den Reichtum edler Menschlichkeit pflanzen: da darfst du keine Wassersuppen kochen. Durch Reden erzieht man ein Geschlecht von Wortemachern und oberflächlichen Besserwissern. Vieles Reden ist seicht und macht seicht. Das gilt für langatmige Strafpredigten, deren Fruchtlosigkeit sprichwörtlich ist, wie für die tausendfachen Nörgeleien und Kommandiereien, die ein Kind wahrhaft zur Verzweiflung treiben können. Gehe langsam! Sitze still! Sei ruhig! Laß das! Es gibt Eltern, die ihren Kindern in jeder Stunde sechzig solcher Befehle und Anweisungen erteilen und sich obendrein noch wundern, wenn das Kind die Worte überhaupt nicht mehr hört oder durch die ewige Quengelei und Dressiererei so nervös wird, daß es sich durch ausgesuchte Bosheit und Niederträchtigkeit an seinen Peinigern rächt. Frage dich stets: Mußt du wirklich befehlen? Liegt ein Zwang, eine Notwendigkeit vor, zu reden? Ob der Junge schnell oder langsam läuft, sitzt oder springt, lacht oder schweigt — hat es einen Sinn, zu befehlen, zu reden? Laß ihn über sich selbst entscheiden! Willst du auf ihn einwirken, so handle. Mache ihm stillschweigend vor, was er tun soll. Durch die Tat erzielt man praktische, rührige und anstellige Menschen. Und mußt du doch reden, so sage kurz und bestimmt, was du willst. Nie zweimal, was mit einem Male gesagt sein kann. Nie lachend und gleichgültig, was ernsthaft gesagt sein will. In deinem Kinde darf nie die Empfindung aufkommen, daß hinter deinen Worten kein Entschluß, keine Tatkraft stehe. Gesagt, getan — ein Mann, ein Wort. Jedes deiner Worte wird um so schwerer wiegen, je sparsamer du damit umgehst.
Wie sagt das Kind?
Ich machte einen Besuch. Da ich wußte, daß ein Kind im Hause war, nahm ich einen Pfefferkuchen mit. Einen bunten Pfefferkuchen mit weißem Zuckerguß, so recht geschaffen, um ein Kinderherz zu erfreuen. Und doch hat er keine Freude ins Haus gebracht.
Als die kleinen Fäustchen nach der bunten und süßen Herrlichkeit griffen, fuhr die Mutter auf das Kind los.
„Wie sagt das Kind?“
Zwei Hände hielten den Kuchen fest, ein roter Mund labte sich daran.
„Wie sagt das Kind?“ wiederholte heftig die Mutter.
Der kleine Mund bliebt stumm. Dafür leuchteten die Augen um so heller, wenn sie über den Kuchen glitten.
„Na, wie sagt das Kind zum Onkel, der ihm etwas schenkt?“
Aergerlich stieß die Mutter diese Worte hervor. Da hatte sie nun ein braves Kind, das sie über alles liebte und auf dessen Bravheit sie so stolz war; nun es aber einmal seine Bravheit zeigen sollte, war es bockbeinig und versagte.
„Ein Kind, das nicht Danke sagt, soll auch keinen Pfefferkuchen haben!“ Damit riß sie dem Kinde den Kuchen aus der Hand.
Zeter und Mordio! … Eine peinliche Szene, die erst ihr Ende erreichte, als das schreiende Kind zur Tür hinausgesteckt war. — — — — — — — — — —
Mußte dieser unerquickliche Abschluß kommen, der dem Kinde wie uns selbst die frohe Stunde verdarb?
„Ich verlange, daß sich das Kind an Höflichkeit gewöhnt!“ erklärte die Mutter, wie zu ihrer Entschuldigung.
Ach — wären Vater und Mutter zueinander so höflich, als sie es vom Kinde verlangen, höflich mit Bitte! und höflich mit Danke! bei all ihren kleinen und großen Handreichungen und Gefälligkeiten, dann brauchten sie die Höflichkeit nicht in das Kind hineinzuschelten und hineinzuprügeln.
Schule.
Die Zahl der Lehrer im Deutschen Reiche beträgt rund 180 000. Davon sind 120 000 im Deutschen Lehrerverein, 20 000 im Katholischen Lehrerverband, 15 000 im Verband evangelischer Schulvereine Deutschlands organisiert. — Der im August 1911 in Jena gegründete Bund für Reform des Religionsunterrichts, dessen 1. Vorsitzender Professor Niebergall (Heidelberg) ist, umfaßt z. Zt. 25 Organisationen mit ca. 10 000 Mitgliedern. Auf seiner diesjährigen Haupttagung in Wiesbaden wurde zum Zwecke einer umfassenden Propaganda für die Ziele des Bundes die Bereitstellung größerer Mittel beschlossen und darauf eine eigene Geschäftsstelle in Hamburg ins Leben gerufen. — Der als sozialpolitischer Schriftsteller, insbesondere als Anwalt der Kinderschutz- und Jugendfürsorgebestrebungen in weiten Kreisen bekannte Lehrer Konrad Agahd in Neukölln ist in den Ruhestand getreten. — Der deutsche Verein enthaltsamer Lehrer hat im ersten Halbjahr 1913 um beinahe 200 Mitglieder zugenommen (von 680 auf 869). — Der verdienstvolle Herausgeber der „Deutschen Schule“ und theoretische Förderer des Gedankens der Arbeitsschule, Rektor Rißmann in Berlin, ist gestorben. — Orthopädische Turnkurse sollen in der Hilfsschule in Leipzig eingerichtet werden. Eine Schulzahnklinik wurde in Chemnitz geschaffen. — Nach einer im 9. Schulbezirk Berlins in 23 Gemeindeschulen erhobenen Statistik tranken
| gelegentlich Wein | gelegentlich Bier | gelegentlich Branntwein | täglich Wein | täglich Bier | täglich Branntwein | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Knaben (8106) | 1395 | 5036 | 1436 | 53 | 1828 | 44 |
| 17,2 % | 62,1 % | 17,8 % | 0,65 % | 22,55 % | 0,54 % | |
| Mädchen (8442) | 1891 | 5217 | 993 | 121 | 1873 | 76 |
| 22,4 % | 61,8 % | 11,76 % | 1,4 % | 22,2 % | 0,9 % |
Von 1925 täglich Alkohol trinkenden Knaben standen 381 = 19,7 % unter dem Durchschnitt, von 2070 Mädchen 302 = 14,6 %.
Bücherschau.
Kinder des Vaterlandes. Neues vom Kinderhandel mit Jahresbericht über meine Recherchen und Fürsorgetätigkeit vom 1. September 1912 bis 31. August 1913. Von Schwester Henriette Arendt, Polizei-Assistentin a. D. Stuttgart. Preis 60 Pfennige. Verlag Heinz Clausnitzer, Stuttgart. Wir kommen auf die erschütternden und empörenden Tatsachen, die dieses Buch aus einem der dunkelsten Gebiete unserer Kultur entrollt, in einem besonderen Artikel zurück.
Für die Redaktion verantwortlich: Otto Rühle, Dresden-Hellerau.
Fuente: Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage, noviembre de 1913, suplemento mensual editado por Otto Rühle y publicado con varios diarios socialdemócratas (Görlitzer Volkszeitung, Volkswacht de Breslau, Volksbote de Stettin, Volksblatt de Halle, Märkische Volksstimme de Cottbus, Arbeiter-Zeitung de Essen); transcrito desde el facsímil de la edición de la Arbeiter-Zeitung (Essen), n.º 267, 13 de noviembre de 1913 (ULB Bonn / zeit.punkt NRW), con el OCR del portal solo de apoyo. No consta numeración de año del suplemento. Piezas sin firma, atribuidas a Rühle como editor responsable (Stecklina 2002, secc. 1.6.2). Se omiten dos citas firmadas por otros autores en la sección «Umgang mit Kindern» (H. Scharrelmann y L. Frost; véase el comentario en su lugar). El suplemento no tiene paginación impresa: los comentarios S. [n] del código remiten a las páginas del suplemento según el orden de lectura. El espaciado del original se da en cursiva. En la estadística escolar, la cifra de muchachos que beben a diario y están por debajo de la media se lee 381 (el tipo es ambiguo entre 381 y 881; 381 corresponde al 19,7 % de 1925). Se conservan «Philantropisten» y «bliebt stumm» del impreso; «Aler Eckener» se lee «Alex Eckener».