In der Sprache der Erzieher spielt Gut und Böse eine große Rolle, aber gewöhnlich verstehen sie darunter, was ihnen bequem oder unbequem ist. Meistens ist die sogenannte Erziehung nur ein Krieg der Starken gegen die Schwachen. In diesen ungleichen Kämpfen sind fast jedem von uns ein paar Rippen krumm geschlagen worden, die nie wieder gerade wuchsen.

Isolde Kurz.

Krüppelkinder.

Hebbel sagt einmal von der menschlichen Gesellschaft, daß sie ein Ungeheuer sei, schlimmer als Räuber und Mörder. Sie wütet nicht da am grausamsten, wo sie tötet und vernichtet, sondern da, wo sie ihren Gliedern alles entreißt, was nötig wäre, um ein Menschenleben voll auszuleben, wo sie das Dasein zu einem ewigen Ringen mit Not, Schmerzen, Siechtum und Untergang macht. Die Leiber und Seelen der Krüppelkinder wissen von dieser Grausamkeit der Gesellschaft zu erzählen.

Unter einem Krüppel versteht man einen Menschen, der durch fehlerhafte Geburtsanlage, Krankheit oder Unfall dauernd des unbehinderten Gebrauchs seines Rumpfes, seiner Glieder oder eines Teiles derselben beraubt ist. Dabei können einzelne Körperteile entweder völlig fehlen oder aber so stark verunstaltet sein, daß sie ganz oder erheblich gebrauchsunfähig geworden sind. Vielfach finden sich die Ursachen der Mißbildungen bereits in der Keimanlage des Embryos; in anderen Fällen ist der an sich gesunde Keim während seiner Ausbildung in der Gebärmutter schädlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen, die seine normale Entwickelung hemmten. Derartige Schädigungen können äußerer Natur sein und die Mutter betreffen (Sturz, Stoß gegen den Unterleib, andauernde gebückte Stellung bei der Arbeit usw.), können aber auch in krankhaften Vorgängen der Gebärmutter ihre Ursache haben. Schließlich bilden Verwachsungen oder Verklebungen gegenüberliegender Teile der Eihaut untereinander oder mit dem Fötus nicht selten die Ursachen von Gliederverstümmelungen. Degeneration und schwere Erwerbsarbeit der Mutter bedingen wesentlich die Krüppelhäufigkeit; daher ist in Gegenden mit ausgedehnter Frauenerwerbsarbeit und in sogenannten Elendsgebieten die Zahl der Krüppelkinder außergewöhnlich groß.

Doch auch die Geburt kann, indem sie nervöse Drucklähmungen, Muskelzerreißungen, Knochenbrüche usw. herbeiführt, Mißbildungen erzeugen; Scharlach, Diphtherie und vor allem Tuberkulose, die Krankheit des Proletariats, und nicht minder auch Rachitis (engl. Krankheit), die besonders in feuchten Kellerwohnungen gedeiht und schlecht gepflegte und fehlerhaft ernährte Kinder befällt, rufen ebenfalls körperliche Verunstaltungen hervor. So entstehen Buckelbildungen aller Grade durch tuberkulöse Zerstörung von Rückenwirbeln, flacher Rücken durch Muskelschwäche, runder Rücken durch rachitische Erweichung von Wirbelknochen, Skoliose durch rachitische Krümmung der Wirbelsäule usw. Gefürchtet sind besonders die tuberkulösen Hüftgelenksentzündungen, die den davon Befallenen meist fürs ganze Leben verunstalten; ebenso gefährlich ist die spinale Kinderlähmung, die oft genug in dauernde Gliederlähmung übergeht.

Indem die kapitalistische Entwickelung Millionen von Menschen durch Ueberarbeit und Unterernährung, elende Wohnungsverhältnisse, unhygienische Lebensweise, frühzeitige Erwerbsarbeit, mangelhafte Pflege und Versorgung bei Krankheit usw. physisch zugrunde richtet, Unsummen von Volkskraft verwüstet und einen beispiellosen Degenerationsprozeß stetig erweitert und in seinen Wirkungen vertieft, ist sie die ergiebigste Quelle für den namenlosen Jammer des Krüppelelends, von dem die Statistik unheimliche Kunde gibt.

Auf Anregung der Deutschen Zentrale für Krüppelfürsorge wurde 1907 von den Regierungen der deutschen Bundesstaaten eine Krüppelzählung vorgenommen. In Bayern, Baden und Hessen wurden nur die Schulkinder gezählt, in den übrigen Staaten alle Kinder bis zum zurückgelegten 14. Lebensjahre. Die Aufnahme ergab, daß 98 263 Krüppel unter 15 Jahren vorhanden waren. In Preußen allein 53 000, in Sachsen 10 000. 56 320 waren heimbedürftig, 53 048 (70,5 Prozent) unbehandelt. Als häufigste Krüppelleiden fanden sich: Lähmung mit 16,4 Prozent, Tuberkulose mit 15 Prozent, Skoliose mit 12,2 Prozent und Rachitis mit 9,5 Prozent, diese vier Gruppen machten mehr als die Hälfte (53,1 Prozent) aller gezählten Fälle aus. 10 000 Kinder waren durch Unfälle zu Krüppeln geworden. Eine besondere Rolle spielen dabei die Unfälle an Maschinen, besonders in landwirtschaftlichen Betrieben. So waren allein in Bayern von 9637 Krüppelkindern 2572 durch Unfälle zu ihrem Gebrechen gekommen, davon 1362 in der Landwirtschaft. Dieser Anteil ist ungewöhnlich hoch, zumal sonst das Land in bezug auf Krüppelhäufigkeit hinter der Stadt zurücksteht; man darf daraus Schlüsse auf die Ausnutzung der kindlichen Arbeitskraft in der Landwirtschaft ziehen.

Sehr häufig tritt die Krüppelhaftigkeit in Verbindung mit anderen Leiden auf. So waren 6481 Krüppelkinder noch blödsinnig, 5294 hatten andere Krankheiten, 3148 litten an Epilepsie, 304 waren taubstumm, 173 blind. 6423 im schulpflichtigen Alter stehende Krüppelkinder waren unterrichtlich nicht versorgt; von 5546 schwachsinnigen Krüppeln hatten nur 833 einen passenden Unterricht. Aus diesen Zahlen spricht eine unverantwortliche Vernachlässigung der Pflichten, die die Gesellschaft den armen Geschöpfen gegenüber hat.

Auch der krasse Mangel an Krüppelheimen redet diese Sprache. Obwohl 56 320 heimbedürftige Krüppel gezählt wurden, von denen 9388 selbst Aufnahme in ein Heim wünschten, gab es nach Biesalski 1912 nur 53 Heime mit 5239 Betten. Nicht ein einziges der Heime ist durch den Staat ins Leben gerufen worden.

Nur eins wird staatlich beaufsichtigt, zwei werden staatlich unterstützt, die übrigen verdanken ihre Entstehung wie Unterhaltung privater oder korporativer Wohltätigkeit und tragen überwiegend konfessionellen Charakter. Nur 29 Prozent der Anstalten sind ärztlich geleitet, dafür wird um so mehr in Gottseligkeit gearbeitet; selbst in den größten und bedeutendsten Anstalten liegt die Leitung in geistlichen Händen.

Aus welchen Ursachen diese Vernachlässigung zu erklären ist, dafür gibt eine Angabe im Bericht des Samariterhauses zu Cracau bei Magdeburg erwünschten Anhalt: unter 1512 verkrüppelten Kindern entstammten nur 83 bemittelten Familien. Die übrigen waren alle Proletarierkinder — und für diese hat die göttliche Weltordnung des Klassenstaates kein Geld, keine Fürsorge übrig. Sie müssen, wie ein in der Rheinprovinz erlassener Aufruf zur Gründung eines Krüppelheims sagt, „in drückendster Armut ein menschenunwürdiges Dasein fristen.“

Die Krüppelfürsorge erfordert das Zusammenarbeiten von Chirurgen und Orthopäden, Kinder-, Schul- und Nervenärzten, Lehrern und Heilpädagogen; weiter das Zusammenwirken aller Bestrebungen gegen Tuberkulose, Säuglingssterblichkeit, Wohnungsmisere, Heim- und Kinderarbeit, Alkoholismus, Geschlechtskrankheiten, für Mutterschutz, Ferienkolonien, Kindergärten usw. Armendirektionen, Landarmenverbände, Landesdirektionen, Landesversicherungs-Anstalten, Krankenkassen, Berufsorganisationen, Regierungen und Parlamente kommen als die Stellen in Betracht, die die erforderlichen Geldmittel zu bewilligen haben. „Nur das verständnisvolle Zusammenarbeiten aller der genannten Faktoren wird es im Laufe der Zeit dahin bringen, daß das Krüppeltum allmählich in seiner sozial schädigenden Wirkung abnimmt.“ (Biesalski.) Soll dem Baume aber die Axt an die Wurzel gelegt werden, so gilt es, die kapitalistische Gesellschaft — die Gebärerin all des furchtbaren Elends — zu überwinden.

Ferienkolonien.

Vor annähernd 40 Jahren kam ein Menschenfreund, der Pfarrer Brion in Zürich, auf den ausgezeichneten Gedanken, eine Anzahl kränklicher und erholungsbedürftiger Kinder seiner Heimatstadt während der Ferien in die Appenzeller Matten zu schicken, damit sie, frisch und gesund zurückkehrend, während des Winterhalbjahres den Anforderungen der Schule und des Lebens in der Großstadt gewachsen seien. Damit waren die Ferienkolonien ins Leben gerufen. Gelegentlich einer Schweizerreise lernte der Frankfurter Sanitätsrat Varrentrapp die Einrichtung kennen, die er im nächsten Jahre in Frankfurt a. M. mit dem Erfolg nachahmte, daß unter der Leitung von acht Führern 37 kränkliche Kinder aufs Land geschickt werden konnten. Ein kleiner Anfang; aber die Sache entwickelte sich. In Hamburg, wo der Wohltätige Schulverein schon arme und kranke Kinder in ländliche Familienpflege gab, in Wien, wo der Spar- und Unterstützungsverein sich um die Jugend bemühte, in zahlreichen anderen Städten und Großstädten, wo bleichwangige, blutarme, engbrüstige Kinder das Mitleid edler Menschen weckten, entstanden Ferienkolonien. Im Mai 1880 regte der preußische Minister Falk die Schulbehörden zur Förderung des Ferienkoloniewesens an, 1881 trat unter seinem Vorsitz ein Kongreß zusammen, der weitere Anregungen gab. 1884 sandten bereits 49 deutsche Städte 7857 Kinder aus; von 1885 an führte man die ständige ärztliche Untersuchung der auszuwählenden Ferienkolonisten ein; 1898 meldeten sich allein in Berlin 6000 Kinder für die Ferienkolonie, während nur 3400 mit einem Kostenaufwand von rund 100 000 Mark versorgt werden konnten. Im Jahre 1902 wurden nach den Angaben der Zentralstelle der Vereinigungen für Sommerpflege in Deutschland insgesamt 39 000 Kinder in Sommerpflege genommen; ihre Zahl mag inzwischen auf das Doppelte gewachsen sein. Trotzdem müssen alljährlich ungezählte Kinder, obwohl sie der Ferienpflege dringend bedürftig sind, wegen Mangels an Mitteln unberücksichtigt bleiben.

Das Verpflanzen der Kinder aufs Land hat in erster Linie den Zweck, die mangelhafte Gesundheit der Kinder zu kräftigen; ausreichende und gut zubereitete Bauernkost, gute Waldluft, Bewegung und Spiel, abwechselnd mit Ruhepausen und reichlichem Schlaf schaffen rasch rote Backen und körperliche Frische. Die blassen Keller- pflanzchen der Großstadt mit ihren Höfen und Gängen, Mietskasernen und Souterrainwohnungen wachen auf, strecken sich, bekommen Farbe und strotzen bald vor Gesundheit. Bei der Rückkehr erkennen Vater und Mutter sie oft kaum wieder. Der Aufenthalt auf dem Lande ist aber auch eine geistige Erfrischung. An den Seen Mecklenburgs oder der Mark, in den Walddörfern des Harzes, Erzgebirges oder Thüringens gibt es keine Eisen- und Straßenbahnen, kein Rasseln und Dröhnen der Großstadt, keine Schutzleute und Warnungstafeln; das Stadtleben mit seiner aufregenden Hast, seiner überstürzenden Fülle von Eindrücken, seiner Nervosität ist weit und tief versunken. Dafür breitet das Landleben die eigenartigen und reizvollen Zauber seiner Aecker und Wälder, Wiesen und Gärten, Dörfer und Gutshöfe aus. Was solch ein Berliner Junge im Harz, ein Leipziger Mädel im waldreichen Vogtland während der paar Ferienwochen erlebt und an neuen Anschauungen und Vorstellungsbildern gewinnen, ist gar nicht zu sagen.

Neben der so überaus segensreichen Einrichtung der Vollkolonie hat man noch, um den Zurückgewiesenen einen Ersatz zu bieten, in vielen Orten Halbkolonien eingerichtet. Man fährt mit den dazu bestimmten Kindern alltäglich per Bahn oder Wagen in die Umgebung der Stadt, um da — im Walde, auf Wiesen oder sonstwo — zu spielen, zu wandern oder zu ruhen. Für Beköstigung, Führung und Spielleitung ist gesorgt; man sehe sich einmal in großen Städten die vergnügten Gesichter an, die allmorgendlich von Kremsern oder Straßenbahnwagen auf lustiger Fahrt strahlend ins Freie grüßen, oder lese die amüsante Schilderung, die der „Vorwärts“ kürzlich von einer solchen Fahrt ins Freie gab:

Da kribbelts und krabbelts und trippelts und trappelts die Straßen im Arbeiterviertel entlang, und noch hurtiger als die Beinchen bewegen sich die Mäulchen all der Buben und Mädchen, die den einzelnen Schulhöfen zueilen. Die Sammelpunkte zum Ferienausflug. Einzeln und paarweise und in Gruppen langen sie an. Auf dem Rücken oder in der Hand einen Ranzen, die Botanisierbüchse oder auch Mutterns Markttasche — so genau wird's nicht genommen — mit Stullen, Spielzeug, Eßnapf, Löffel und dergleichen unentbehrlichen Dingen angefüllt. Krampfhaft halten sie in den Fäustchen ihr Geld, 20 Pf. pro Kind, abgesehen von den „Freikindern“, die unentgeltlich mitgenommen und verpflegt werden. Lehrer und Lehrerin haben alle Hände voll zu tun, um Ordnung ins Chaos zu bringen — na, so'n Ameisenhaufen zusammenzuhalten und zu beaufsichtigen, mag durchaus keine Kleinigkeit sein. Aber es geht. Es sind Kinderfreunde und Kinderpsychologen, die den Kleinen als Leiter und Führer dienen. Sie verfügen über eine schätzenswerte Ruhe und über einen löblichen Humor. So überwinden sie das anscheinend Unüberwindliche. Da kommt so ein Dreikäsehoch, der Rucksack hängt ihm bis in die Knie — und Tränen rollen ihm übers Gesichtel, Tränen, so groß, so glitzernd … „Er will nicht mit,“ sagte die Mutter, „ich kann aber nicht auf ihn achten tagsüber, und ich weiß, daß er da draußen gut aufgehoben ist.“ — „Ach so,“ meint der Lehrer, „das ist einer, der weinend kommt und fröhlich wiederkehrt,“ und er trocknet dem Knirps lachend die Tränen und schiebt ihn „mang die Mädels“, die sich seiner auch sofort liebevoll annehmen. Bald piepst er munter wie eine junge Wachtel. Der Schmerz wäre geheilt. Der Lehrer ist schon wieder mit anderen beschäftigt. Immer mehr treffen ein. Die Buben nehmen grüßend die Kopfbedeckung ab, die Mädchen „knixen“ zierlich und unnachahmlich. Nun sind sie alle da. Der Zug formiert sich, die Ordner stellen stolz ihre Armbinden, die die gleichen Farben wie das Banner tragen, zur Schau — ein Signal mit der Trillerpfeife, und fort geht es bis zur Haltestelle der Straßenbahn. Die ankommenden Wagen werden „im Sturme genommen“, es entwickelt sich aber alles friedlich-fröhlich, nichts stört das schöne Bild bei der Abfahrt.

Einen Uebergang von Sommerpflege zu Schülerfahrten bilden die Wanderkolonien, die zuerst in Dresden in Gestalt der Heidefahrten auftauchten. Es sind kleine Abteilungen von Knaben und Mädchen, die unter Führung von Lehrern mehrtägige oder mehrwöchige Fußtouren unternehmen. Eine Art „Wandervogel“, wozu nur gesunde und kräftige Kinder herangezogen werden können. Kranke Kinder kommen in die Seehospize oder Kinderheilstätten.

Kein Zweifel, daß von den Ferienkolonien reiche Segensströme für die arme und erholungsbedürftige Jugend der großen Städte ausgehen. Und doch haften der Einrichtung noch recht große Mängel an. Aufgebaut auf dem Mitleid und dem Wohltätigkeitssinn edler Menschen, bleiben sie in ihrer Leistungsfähigkeit immer hinter dem Bedarf zurück. Was bedeutet die Sommerpflege von 60 000 bis 70 000 Kindern gegenüber den Millionen, die in Krankheit und Not um ihre Jugend betrogen werden, gegenüber der furchtbaren Tatsache, daß 60 bis 70 Prozent aller Schulkinder — nach den Bekundungen der Schulärzte — in ihrer Gesundheit geschwächt, krank, siech oder anormal sind?! Hier haben die Gemeinden und Regierungen Mittel aufzubringen und zur Verfügung zu stellen; hier bedarf es großzügiger Organisationen, die durch ungleich größere Summen in den Stand gesetzt werden, durchgreifend zu wirken. Ueber diese Forderungen hinweg führt der Weg zur allgemeinen Verpflegung und Versorgung der Schuljugend, wie sie von der Sozialdemokratie verlangt wird.

Der Zerstörungstrieb.

Der kleine Mensch, wenn er die ersten Schritte ins Leben unternimmt, ist von einem unbewußten Drange beseelt, sich in seiner Umwelt zu orientieren. Alles ist Neuland, das von seinen Sinnen entdeckt sein will. Schon hat er in Wickelbett und Wiege hierzu Vorstudien gemacht. Sein Auge lernte das Gesicht der Mutter erkennen und dem huschenden Lichtstrahl folgen; sein Ohr vernahm das Schlagen der Uhr und unterschied Menschenstimmen von Tierlauten; seine Zunge belehrte ihn über den Geschmack der Milch und der Speisen. Und wenn er in den Kissen naß, hart oder unbequem lag, so äußerte er durch Weinen oder Rufen seine Gefühle, wie durch Lachen und Schnalzen, wenn das Gefühl der Sättigung ihn mit Behagen erfüllte.

Bald sind die Füßchen stark genug, den kleinen Körper durchs Zimmer zu tragen; wißbegierig streben die Sinne immer weiter ins Leben hinein. Da wird die Hand des Kindes Führer und Berater. Alles, was es sieht und was ihm begegnet, muß es anfassen. Gleich dem Blinden, der sich durch Tasten und Fühlen zurechtzufinden sucht. Gleich dem Sehenden, der in der Dunkelheit dem Auge nicht genug vertraut und die Hand beim Weiterschreiten zu Hilfe nimmt. Dieses Greifen und Tasten ist für das Kind von außerordentlicher Wichtigkeit. Es verhilft zur Klarheit bei Vorstellungen, die Auge und Ohr ewig unsicher und unklar lassen würden; es vermittelt vor allem Raumvorstellungen und lehrt Entfernungen schätzen.

Solange das Kind noch keine Vorstellungen vom Räumlichen besitzt und keine Abstände beurteilen kann, greift es nach dem Monde und hascht nach dem Vogel in der Luft. Es stolpert beim Gehen, läuft gegen Bäume und Mauern, fällt Treppenstufen hinab, vermag nicht auszuweichen und macht vor Gräben und Gruben nicht rechtzeitig Halt. Seine Hände erst müssen ihm Aufschluß geben über Raumverhältnisse, Abstände, Entfernungen.

Die Hände aber, einmal in Bewegung gesetzt und geübt im Greifen, wollen weiter tätig sein und zu schaffen haben. Es zuckt in den kleinen Fingern. Eine geheimnisvolle Macht drängt nach Betätigung. Sie müssen greifen, untersuchen, basteln, bauen. So werden die Hände zu Organen des kindlichen Tätigkeitstriebes, der angeboren ist und durch den raschen Verlauf des Stoffwechsels beim Kinde stetig wachgehalten wird; sie werden seine wichtigsten Ausdrucksmittel.

Der Mensch ist seiner ganzen Natur nach zum Schaffen bestimmt. Beim Kinde nennen wir das Schaffen und Schaffenwollen Spiel. In jedem Kinde lebt ein schöpferischer Wille, ruhen schöpferische Gaben. „Das Kind muß von Anfang an als ein schöpferisches Wesen betrachtet werden“, sagte Fröbel. Im Tätigkeitstriebe erkannte er den Schlüssel zum Geheimnis der Kindesseele. „Das Erste und Wesentlichste bleibt immer das Tun. An dem Tun, dem Schaffen, Sichbeschäftigen wächst das Kind heraus.“

Da rutscht und trippelt nun der kleine Dreikäsehoch durchs Zimmer, und was seine Hände erfassen, ist seinem Schicksal verfallen. Es wird zerrissen, zerschlagen, zerbrochen — wird auf irgendeine Weise kaput gemacht. Gib ihm einen Gegenstand von Eisen oder Stahl, laß ihn mit einem Gerät oder Gefäß spielen, das jahrzehntelang allen Stößen und Püffen so wacker standhielt, daß du glaubtest, es sei überhaupt nicht entzwei zu kriegen — der kleine Mensch erfindet eine Methode, es doch zu demolieren. Das ist keine Unart, wie mancher glaubt, keine verbrecherische Neigung gar, die durch Scheltworte oder Schläge ausgetrieben werden müsse. Das Kind will nur spielen, sich nur beschäftigen, nur seine Finger und Hände tätig sein lassen. Es möchte bauen und schaffen, denn in ihm steckt ein Künstler, ein schöpferischer Drang; aber seine Finger sind noch zu ungeschickt, seine Kräfte noch zu schwach — da tut es vorerst das, was ihm am leichtesten fällt, das Kaputmachen. Der Puppe sticht es die Augen aus — was mag sie sonst noch im Kopfe haben? Dem Pferde trennt es den Balg auf — laßt sehen, was es in seinem Bauche hat? Dem Wagen werden die Räder abgeschraubt — nun verwandelt er sich in ein Schiff, eine Badewanne, eine Futterkrippe für das Pferd. So reizt der Forschungszwang zum Zerstören an, so hilft die Phantasie beim Demolierungswerke. Das Kind ist nicht bloß ein Künstler, ist auch ein kleiner Forscher und Philosoph. Es kundschaftet aus und macht Entdeckungen, dringt in Unbekanntes ein und denkt über Zusammenhänge nach. In seinen ersten Jahren lernt und gewinnt es geistig mehr als in seinem ganzen späteren Leben. Wie es das Spielzeug zerstörend in seine Teile zerlegt, so zergliedert es Vorstellungen und Begriffe; wie es, wenn erst die Periode der Zerstörung überwunden ist, aus Teilen und Stücken Ganzes formt und Neues, Eigenes gestaltet, so baut es in seinem Hirn eine geistige Welt auf. Seine Welt.

Der Tätigkeitstrieb des Kindes fordert von Spielsachen zwei unerläßliche Eigenschaften: Sie müssen so beschaffen sein, daß man sie derb anpacken kann und daß sie nach Belieben auseinandergenommen und zusammengefügt werden können.

Freue dich der Hand, die kräftig zufaßt: sie deutet auf Entschiedenheit im Willen und Energie. Lerne das Spiel der Kräfte und Talente im Bauen und Zerstören verstehen: Es lebt darin ein Drang zum Schaffen, der durch eine geschickte und verständige Erziehung ausgelöst und geschult sein will.

Umgang mit Kindern.

Erziehe ohne Prügel!

Willst du dich und dein Kind nicht erniedrigen, so laß unter allen Umständen beim Erziehen den Stock beiseite. Sage nicht, daß es nicht gehe. Es geht, wenn du willst. Die körperliche Züchtigung hat den Charakter, den schon Comenius kennzeichnete, wenn er den prügelnden Erzieher mit einem Musiker verglich, der sein ungestimmtes Instrument mit den Fäusten bearbeitet, anstatt Ohr und Hand zu brauchen, um es zu stimmen. Prügel erniedrigen anstatt zu erziehen, zerstören anstatt aufzurichten und Werte zu schaffen. Sie führen zu Feigheit, Unterwürfigkeit, Willensschwäche und Charakterlosigkeit, verleiten zur Lüge und rufen niedrige Triebe und Instinkte wach, ertöten Scham und Ehrgefühl, ersticken Selbstvertrauen und Persönlichkeitsgefühl. Aller Willensbildung und Erziehung zu sittlicher Freiheit zuwiderlaufend, vernichten sie mit jedem Schlage etwas Gutes, Reines und Edles im Menschengemüte. Das Proletariat, das in seinem Befreiungskampf einer Welt voll Feinden gegenübersteht, kann zu Kämpfern keine geduckten, feigen, geschwächten und verprügelten Menschen gebrauchen. Es verlangt Persönlichkeiten und Charaktere, aufrechte Naturen mit geradem, gesundem, redlichem Willen, Verantwortlichkeitsgefühl und dem tiefen Drange zur Freiheit. Diese Kämpferscharen müssen aus den Lenden und dem Schoße des Proletariats selbst hervorgehen, müssen genährt werden mit der Idee der Befreiung und emporwachsen in dem Sturmeswehn des Klassenkampfes. Wer einem von ihnen den Willen lähmt, die Tatkraft schwächt, der Kampfesfreude die Flügel knickt, versündigt sich an den Idealen der

im Sozialismus lebendig sind, und an der Zukunft des Menschengeschlechts. Darum fort mit den Requisiten des Mittelalters, der Knute und dem Prügelstock, aus unserer Erziehung!

Das Unverständliche.

Daß man früher prügelte, wo es galt, Sklaven und Knechte zu erziehen, war begreiflich; auch daß die heutige Gesellschaft, die ihre Existenz auf die Arbeit und Unterwerfung der Massen gründet, in ihren Schulen prügeln läßt — wenigstens die Kinder, die für die Ausbeutung und das Beherrschtwerden bestimmt sind — versteht man noch, wenn sich auch unser sittliches Empfinden dagegen auflehnt und darüber empört. Aber was man nicht verstehen kann, ist: daß im Proletariat, wo alle Flammen der Freiheit lodern und alle Kräfte zu einer besseren Menschwerdung lebendig sind, noch immer die Prügelstrafe bei der Erziehung der Kinder eine, wie es scheint, unvermeidliche und unumgängliche, sicher aber traurige und beschämende Rolle spielt. Hier schleppen Generationen noch die Ketten ihrer Knechtschaft und die Erbteile ihrer harten und finsteren Vergangenheit nach.

Otto Rühle, Grundfragen der Erziehung. (Verlag von J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart.)

Schlaglichter.

Ein kleines Mädchen wurde gefragt, wie es heißt. — „Marie Laßdas“, antwortete es. — „Wieso denn Laßdas?“ fragte man erstaunt. — „Ja, meine Mutter nennt mich immer so.“ Es stellte sich heraus, daß die Mutter hundertmal des Tags dem Kinde zurief: „Marie — laß das!“

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In das dunkle Gebiet der Wohnungsmisere führt auch der Bericht eines zwölfjährigen Mädchens: „Wir haben zwei Schlafmädchen und einen Schlafburschen. Ich kann alle die Redensarten und Gemeinheiten nicht mehr mit anhören und ansehen. Und unser Vater sagt, er möchte sie schon rausschmeißen, aber dann kann er ja die Miete nicht bezahlen.“ Dieser Notschrei wirkt wuchtiger als lange Artikel über Bodenreform.

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Fuente: Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage, septiembre de 1913, suplemento mensual editado por Otto Rühle y publicado con varios diarios socialdemócratas (Görlitzer Volkszeitung, Volkswacht de Breslau, Volksbote de Stettin, Volksblatt de Halle, Märkische Volksstimme de Cottbus, Arbeiter-Zeitung de Essen); transcrito desde el facsímil de la edición de la Arbeiter-Zeitung (Essen), ULB Bonn / zeit.punkt NRW, con el OCR del portal solo de apoyo. Piezas sin firma, atribuidas a Rühle como editor (Stecklina 2002, secc. 1.6.2), más el extracto firmado de su libro Grundfragen der Erziehung («Das Unverständliche»); al pie: «Für die Redaktion verantwortlich: Otto Rühle, Dresden-Hellerau». Se omiten, con comentario en su lugar, los extractos de otros autores (Ellen Key, Otto Ernst, Otto Erich Hartleben) y el anuncio final. El lema es de Isolde Kurz. Las marcas S. [n] indican la página del facsímil. El espaciado del original se da en cursiva. Algunas palabras del margen izquierdo de la última columna, mal reproducidas en el facsímil, se han completado por el sentido («Und unser Vater», «dann kann er», «Notschrei»). Se conservan las grafías «kaput», «Kaputmachen».