Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich satt gegessen hat, aber er muß warm wohnen und sich satt essen, wenn die bessere Natur sich in ihm regen soll.
Fr. v. Schiller.
Pubertät und Erziehung.
In der Zeit der Pubertät (Geschlechtsreife) gelangt der heranwachsende Mensch zum Bewußtsein seiner sexuellen (geschlechtlichen) Konstitution. Dieser für das Leben so bedeutsame Entwicklungsabschnitt, der etwa vom 13. bis 17. Jahre dauert und beim Mädchen im allgemeinen früher beginnt und stürmischer verläuft als beim Knaben, wird von zahlreichen Veränderungen im Organismus teils vorbereitet, teils begleitet.
Nicht nur, daß gewisse körperliche Organe die Reife und Ausbildung erfahren, die sie zur Erfüllung geschlechtlicher Funktionen befähigen, auch die Entwicklung des Gehirns vollzieht sich unter Ausbildung seiner feinsten Elemente in rascherem Tempo wie bisher, und das Seelenleben ist tiefgehenden Wandlungen und Erschütterungen ausgesetzt, deren Verlauf und Wirkung oft von gewichtigem, wenn nicht entscheidendem Einfluß für die weitere Entfaltung und Gestaltung des geistigen und seelischen Lebens sind.
Es ist deshalb für die erziehliche Behandlung des Kindes von hohem Wert, die mannigfachen Beziehungen erkannt und festgestellt zu sehen, die sich während der Pubertätszeit aus dem Parallelismus der physischen und psychischen Prozesse ergeben.
Wenn man die Entwicklung der Körperorgane bei den einzelnen Menschen studiert und nach dem Ergebnis großer Reihenuntersuchungen zusammenstellt, so sieht man — das hat schon der ältere Beneke gelehrt — daß die Kurve, die von der Geburt an im allgemeinen gleichmäßig aufwärts steigt, in der Pubertät eine große Unruhe zeigt. Namentlich für das Herz und andere wichtige Organe. Auch für das Gehirn, wie die Studien Marchands erkennen lassen, obwohl die sexuelle Pubertät keineswegs mit der geistigen zusammenzufallen braucht. Wie Kaes gezeigt hat, nehmen die Fasern des Gehirns in dieser Zeit an Dichtigkeit zu, wodurch das Fortschreiten der Geistesentwicklung bewirkt wird. Das Gehirn hat eine Riesenaufgabe zu leisten, denn der Mensch, bis dahin ein ohne Ueberlegung und mehr nach triebhaften Motiven handelndes Kind, gelangt jetzt zu abstrakten Vorstellungen, gewinnt eigene Urteile und geht mehr und mehr zu einem Handeln über, das auf selbständiger Ueberlegung beruht. Die geistige Individualität prägt sich aus oder wird, wie Mönkemöller sagt, in diesen Jahren geboren. Auch der Charakter entwickelt sich; an Stelle des kindlichen Egoismus treten altruistische Gefühle. Mehr und mehr formt sich aus den weichen und zarten Elementen des kindlichen Wesens das Bild einer Persönlichkeit.
Die Fähigkeit, in abstrakten Vorstellungen zu denken, markiert sich äußerlich darin, daß das Kind bestrebt ist, in seiner Erscheinung möglichst den Erwachsenen gleichzukommen. Das höchste Streben der Knaben im Alter der Konfirmation — so zeichnet Cramer das psychische Bild dieser kritischen Periode — ist die Sehnsucht nach den langen Hosen, bei den Mädchen nach dem langen Rock und der hohen Frisur. Dabei tritt ein verhältnismäßig scharfes Gefühl für die jeweilige Mode hervor, und gerade bei den halbfertigen Jünglingen sieht man die Bügelfalten, die hohen Kragen, das oft genug karikierte Ziehen am Schnurrbart und Betrachten vor dem Spiegel. Sie versuchen Bier zu trinken und Zigarren zu rauchen, obwohl es ihnen abscheulich schmeckt. Sie sprechen mit tiefer Stimme und lassen ein übertriebenes Ehrgefühl erkennen, wissen alles am besten, urteilen mit brutaler Rücksichtslosigkeit und vertreten oft in schroffem und polterndem Tone ihre Meinung. Beim weiblichen Geschlecht stellt sich ein geziertes und überschwengliches Wesen ein, das ja zur Genüge in den zahllosen Schilderungen des Backfischaliers gekennzeichnet ist.
Erfährt die Fähigkeit, in abstrakten Vorstellungen zu denken, im Verlaufe der Entwicklung eine Steigerung, so tritt die Neigung zum Dichten und Versemachen auf. Der Lenz, der singt für sie, wie Hans Sachs sagt. Ueberflüssig zu sagen, daß für die „verkannten Genies“ der Pubertätsperiode gerade die höchsten und erhabensten Stoffe für wert erachtet werden, im Gewande poetischer Verherrlichung zu strahlen. „Es gibt nicht wenige unter den erwachsenen Männern, die in verschlossener Schublade den Entwurf zu einem größeren Drama aufbewahren; aber auch andere große Ideen beflügeln den Geist. Politische, religiöse und soziale Reformen werden erwogen, große Erfindungen in Gedanken gemacht, radikale Ideen treiben zur Opposition, sehr häufig trägt sich der nicht verstandene Jüngling mit ausgesprochen weltschmerzlichen Ideen.“ Der Vater erscheint herzlos, die Mutter hat auch kein Herz, und erst der Lehrer ist der herzloseste Tyrann. Nur der junge Herr der Schöpfung im Stadium der Flegeljahre ist ein Prachtmensch, ein Genie und ein gehetztes Edelwild. …
Da kommt das größte Ereignis der Jahre zwischen Du und Sie: die Liebe. O, du schöne Zeit der Jugendeselei und goldenen Träume, voll Schwärmerei, voll süßer Romantik und ach so schmerzlich-wohliger Sentimentalität!
Aufmerksamkeitsstörungen, Reizbarkeit, Gedächtnisschwäche, Weinerlichkeit, Zerstreutheit, Stimmungsschwankungen, Neigung zum Brüten und zu religiöser Schwärmerei, Apathie, Schwachsinnszustände — das sind die Symptome, an denen der aufmerksame Erzieher den Hochstand der Pubertätsepoche erkennt. Alles das läuft nach Mönkemöller in der Regel ab, ohne eine dauernde Schädigung der Psyche zu hinterlassen oder sich in Taten umzusetzen, die der Mitwelt die Pflicht nahelegten, sich mit den vulkanischen Gärungen und Wallungen zu beschäftigen, die im Seelenleben der Jugend alles Unterste zu oberst kehren.
Nur manchmal macht sich die gesteigerte geschlechtliche Erregbarkeit in unmittelbaren Handlungen Luft oder starke Dispositionen für kriminelle Handlungen und Vagabondage, Neigung zum Selbstmord usw. treten auf. Gefährlich wird die Sache erst, wenn die Krankheit sich einstellt, die in der Pubertät ihre Wurzel hat und an Zahl und Bedeutung alle anderen in den Schatten stellt: das Jugend-Irresein (Dementia praecox), das meist in Verblödung oder voller Geistesumnachtung endet.
Unzählige Fürsorgezöglinge und jugendliche Strafgefangene danken ihr trauriges Schicksal einer Handlung, die sie unter dem Einfluß der Pubertätssphäre begingen und für die sie, wäre ihr Zustand von Richtern und Behörden erkannt und gewürdigt worden, niemals hätten verantwortlich gemacht werden dürfen. Dr. [Siefert] (Halle), der 1057 Fürsorgezöglinge psychiatrisch untersuchte, fand eine große Anzahl Mädchen, die, obwohl sie früher wohlerzogen, ordentlich und gesittet gewesen waren, mit dem 10., 11. oder 12. Lebensjahre plötzlich abwegig wurden, sich herumtrieben, die Schule schwänzten, störrisch, widerspenstig, boshaft waren, bis die erste Menstruation eintrat; dann lenkten sie wieder ins alte Gleis und hielten sich gut, als ob sie nie aus der Reihe gefallen wären. Bei Knaben wurde derselbe Vorgang meist vom 13., 14. und 15. Jahre an beobachtet. Wären die Kinder nicht durch eine falsche Behandlung in dieser Zeit seitens der Eltern und Lehrer vollends verdorben worden, [¿so hätten?] sie meist vor dem völligen Untergange bewahrt werden [¿können?].
Das Zeitalter der Pubertät, in jeder Hinsicht kritisch, [ilegible] und voller Gefahren für das Kind, erfordert vom Erzieher viel aufmerksame Beobachtung, viel Nachsicht und viel Takt. Ein [entschiedenes] Auftreten und auch Strenge sind oft am Platze, aber oft auch [¿recht?] verderblich. Vor allem müssen Schläge unbedingt vermieden werden. Eltern, die ihre Kinder in diesem Alter noch züchtigen, beweisen, daß sie ihr Leben lang als Erzieher nichts getaugt haben, und werden [ilegible]. Wenn in irgendeiner Zeit, so in dieser bedarf das Kind der schonungsvollsten, liebreichsten und verständigsten Behandlung. Um so empörender ist es, daß unsere Gesellschaft die junge Proletarierbrut just in diesem Augenblick — ohne Ueberwachung, Erziehung, Schonung und Beratung — ins Leben hinausstößt und ihrem Schicksal, ihren tausend Schmerzen, Nöten und Gefahren hilflos überläßt.
Kinder, die keine Betten haben.
Bei der großen Bedeutung, die dem Schlaf für die Wiederherstellung des gestörten Stoffwechselgleichgewichts besonders im Kindesalter zukommt, ist nicht nur von Wichtigkeit, daß das Kind eine ausreichende Schlafenszeit, saubere Lagerstätte und genügende Luftzufuhr hat, vor allem soll das Kind auch im Interesse eines ungestörten und erquickenden Schlafes ein Bett für sich allein haben. In dieser Hinsicht liegen die Verhältnisse für die Kinder des Proletariats über alle Begriffe traurig. Es fehlt bei den teuren Mietpreisen sowohl an Räumen, um Betten in genügender Anzahl aufstellen zu können, wie namentlich auch an Betten selbst, die für Unzählige der Armen und Aermsten unerschwinglich sind.
In Berlin stellte Dr. Bernhard fest, daß 33 Prozent der von ihm befragten Kinder in einem Bett allein, 63,5 Prozent zu zweien, 3,4 Prozent zu dreien, 0,1 Prozent zu vieren schliefen. In der achten Klasse der 84. Gemeindeschule schliefen von 55 Kindern 16 mit zwei, eins mit drei Personen in demselben Bett. Ebenso in der 8. Gemeindeschule ein Kind mit drei Geschwistern. Dr. Philippsohn berichtet über 200 Kinder, von denen 40 Prozent allein, 60 Prozent mit 1—4 Personen schliefen, und zwar 5 Knaben von 6—13 Jahren mit der Mutter, zwei Mädchen von 6—13 Jahren mit dem Vater, 11 Knaben mit der Schwester und umgekehrt, 17 Mädchen mit den Müttern, 8 Knaben mit den Vätern, 29 Mädchen mit Schwestern, 35 Knaben mit Brüdern, 2 Kinder mit Großmüttern und ein Kind mit drei Brüdern und einer Schwester. Der Kontrolleur einer Krankenkasse fand einen 16jährigen an Influenza und Halsentzündung erkrankten Jungen in einer kleinen Stube, wo zwei Betten von vier Personen benutzt wurden. Er selbst teilte sein Bett mit einem Scharlachkranken.
Wenn in München Grieser konstatierte, daß 15 0[00] Personen kein Bett haben, so handelt es sich dabei sicher meist um Kinder. „Das Bett,“ sagt er, „erhält der Untermieter oder Schlafgänger (deren im 15. und 16. Bezirk ein Sechstel aller Wohnungen beherbergt); die Familienmitglieder richten sich auf dem Fußboden eine Lagerstätte her.“ Dabei wohnen in den Arbeitervierteln 52—57 Prozent der Bevölkerung in 1- bis 2räumigen Wohnungen.
Von Köln berichtet die Statistik des Wöchnerinnen-Asyl-Vereins, daß bei den von der Statistik erfaßten Familien vorhanden waren: ein Bett für je 3 Personen in 69 Fällen, für 4 Personen in 16, für 5, 6, 7 und 8 Personen in je einem Falle. Zwei Betten hatten 321 Familien von je 3 bis 8 Personen, drei Betten 16 Familien bis zu 10, vier Betten 5 Familien bis zu 11 Köpfen. In 194 Fällen kamen auf ein Bett mehr als 2, in 115 Fällen mehr als 3 — bis zu 5 — Personen.
In Magdeburg stellte der Schularztbericht 1907 fest, daß von 708 Kindern aller Stufen 39,2 Prozent allein, 58 Prozent zu zweien, 2,4 Prozent zu dreien und 0,3 Prozent zu vieren im Bett schliefen.
Aus Fürth berichtet Lehrer Weiskopf, daß von 62 sieben- bis neunjährigen Knaben seiner Klasse nur 16 allein im Bett schliefen, darunter waren neun Waisenhauskinder. Es muß, wie Weiskopf sarkastisch meint, ein Kind erst Waise sein, um ein Bett für sich zu haben. Die übrigen 46 Knaben genossen die Wohltat eines bequemen Nachtlagers und einer ungestörten Nachtruhe nicht. Es schliefen sechs Knaben beim Vater, sechs bei der Mutter, 15 bei den Brüdern, drei bei Schwestern bis zu acht Jahren, sechs bei Schwestern bis zu 14 Jahren, zwei bei Schwestern von über 14 Jahren, vier bei sonstigen Hausgenossen; zwei Knaben schliefen mit Brüdern zu dreien, einer mit Bruder und Schwester, und einer — der schwächste und kleinste — zu vieren, nämlich mit zwei Schwestern und einem Bruder.
In kleinen Städten, selbst auf dem Lande, besonders wo infolge industrieller Entwickelung die Wohnungsmieten rasch gestiegen sind, liegen die Verhältnisse nicht [¿oder?] kaum besser. So ermittelte in Menden, einer kleinen Stadt bei Iserlohn, Lehrer Michel, daß nur 31,67 Prozent der Kinder ein Bett für sich allein hatten; 6,67 Prozent schliefen beim Vater, 5,33 Prozent bei der Mutter, 45 Prozent bei Geschwistern gleichen, 8,33 Prozent bei Geschwistern des andern Geschlechts, 5,33 Prozent bei sonstigen Hausgenossen; 15 Prozent benutzten das Bett zu dreien, 1,67 Prozent gar zu vieren.
Ein Kind, das Nacht für Nacht sechs, acht oder zehn Stunden auf unbequemer Lagerstätte beengt, gekrümmt, in Bewegung und Atmung behindert, liegt, neben weinenden, hustenden, schwitzenden oder schnarchenden Bettgenossen, vielleicht in [¿dunstiger?] Kammer, in überfüllter Schlafstube oder an lärmvoller Straße, kann am Morgen nicht ausgeschlafen haben und durch die Nachtruhe gestärkt und erquickt sein. Es fühlt sich übernächtig, abgeschlagen, ist unlustig zu Spiel und Arbeit, leidet an Blutarmut und Stoffwechselstörungen, wird empfänglich für Infektionskrankheiten und bleibt im Wachstum zurück. In der Schule gehört es zu den schwachen, müden — die Lehrer sagen: trägen — Kindern. Das Zusammenschlafen leistet der Uebertragung von Krankheiten, besonders von Masern, Scharlach, Diphtherie, Tuberkulose usw. in hohem Maße Vorschub. Ganz zu schweigen von den Gefahren, die dem Kinde — besonders aus dem Zusammenschlafen mit erwachsenen oder im Pubertätsalter befindlichen Personen — in moralischer Hinsicht erwachsen. Hier wird die Familie in zahllosen Fällen zu einer Brutstätte der Unzucht und schlimmsten sittlichen Verkommenheit.
Die Größe der Schädigungen und Gefahren vermittelt ein Bild von der Größe der Aufgaben, die von der Gesellschaft zu leisten sind. Wohnungsreform, so nötig sie als erste Maßnahme ist, tut's allein nicht. Auch weitsichtige, umfassende und gründliche Sozialpolitik vermag bei all ihren Segnungen das Uebel nicht an der Wurzel zu fassen. Hier gilt es, Armut und Elend überhaupt aus der Welt zu schaffen. Und dieses Problem wird erst gelöst werden durch eine andere Arbeits- und Besitzverteilung, durch den Sozialismus.
Verstopfte Nasen bei Kindern.
Alle Eltern und Erzieher sollten wissen, von wie großer Bedeutung eine tiefe und kräftige Atmung für den menschlichen Organismus ist. Nicht ohne Grund gilt seit den ältesten Zeiten der Atem als das Symbol des Lebens. Das körperliche wie geistige Wohlbefinden ist ganz wesentlich durch die Atmung bedingt. Gleichwohl sind die meisten Menschen schlechte Atmer. Sie atmen zu kurz und zu flach, in kurzen leichten Zügen und Stößen, ohne Tiefe, Kraft und Fülle. Normalerweise erfolgt die Atmung durch die Nase. Nicht bloß, daß sie als Geruchsorgan gute von schlechter Atmungsluft unterscheiden soll, sie hat auch die Luft von Staub zu reinigen und in ihren Gängen für die Lunge vorzuwärmen. Viele Menschen benutzen aber statt der Nase den Mund als Zufuhrkanal für die Luft. Dann strömt diese kalt und ungereinigt in den Rachen, reizt die Schleimhäute, ruft Schnupfen, Husten oder Katarrhe hervor, ja kann sogar den Bronchien und der Lunge gefährlich werden. Wird die Nase als Atmungsorgan dauernd außer Funktion gesetzt, so steigert sich die Oberflächlichkeit und Schwäche der Atmung immer mehr. Das bedeutet aber eine ungenügende Versorgung des Gehirns und der Nervenbahnen mit Blut. Und die Folge davon ist, daß die geistige Entwicklung des Kindes zurückbleibt. Die meisten Mundatmer sind geistig beschränkt. Ja, der Volkswitz bezeichnet den offenen Mund als Zeichen der Dummheit.
Die Nasenverstopfung, die das Atmen erschwert oder unmöglich macht, kann durch mangelhafte Reinigung der Nase verursacht sein. Man sorge nicht nur dafür, daß das Kind öfter schnaubt, sondern versäume auch nie, morgens beim Waschen die Nasenhöhle gründlich mit zu säubern. Am besten mit Hilfe eines spitz zugedrehten Zipfelchens vom Waschlappen. Darauf soll eine kräftige Nasendusche folgen, die man verabreicht, indem man aus der hohlen Hand lauwarmes Wasser durch die Nase zieht. Anfangs bereitet dies ein komisches Gefühl, aber man gewöhnt sich bald daran und empfindet später die erfrischende und reinigende Wirkung um so wohltuender.
Läßt sich trotz sorgfältiger Säuberung der Nase und ernstlichen Bemühens die Nasenatmung nicht erzielen, so liegt die Behinderung in krankhafter Verstopfung begründet. Die Ursachen dieser Verstopfung können in der Nase selbst oder in dem hinter der Nase gelegenen Nasenrachenraume zu suchen sein. Im ersten Falle handelt es sich um Verdickungen und Anschwellungen der Schleimhaut oder um regelwidrigen Bau des Nasengerüstes infolge Vererbung, Verletzung, Sturzes bei den ersten Gehversuchen oder dergleichen. Sehr oft haben die Kinder Nasenpolypen, das sind Wucherungen der Nasenschleimhaut, die infolge entzündlicher Schwellungen entstanden sind. Vielfach sind diese Wucherungen von Schwellungen der Gaumenmandeln begleitet. Hier hat man entweder verschleppte Katarrhe oder Begleiterscheinungen der Skrophulose vor sich. Oft sind sie auch von Masern, Scharlach usw. zurückgeblieben. Ob die vergrößerten Mandeln die Nasenverstopfung direkt verschulden, steht nicht absolut fest, doch erscheinen sie zum mindesten mitbeteiligt. Sicher ist, daß es sich bei der verhinderten Nasenatmung in der Hauptsache um skrophulöse, geschwächte, zu Katarrhen der Atmungsorgane neigende Kinder handelt. Das proletarische Kind kommt also in erster Linie in Betracht.
Da die Atmung für das Zustandekommen des Denkprozesses und die geregelte und erfolgreiche Leistung der Gehirnarbeit von Wichtigkeit ist, hat die Erziehung an ihr ein erhebliches Interesse. Schon frühzeitig haben Aerzte darauf aufmerksam gemacht, daß mit Nasenverstopfung sehr oft ein Unvermögen zu geistiger Arbeit verbunden sei. Auch Abnahme des Gedächtnisses, Trübsinnigkeit, Schwachsinn usw. wurden beobachtet. Es entstand bald eine ganze Literatur über die ärztliche und erzieherische Seite der verhinderten Nasenatmung; hier seien nur die Arbeiten von Rupprecht, Michel, Seiler, Hack, Bresgen, Elsberg und Fraenkel erwähnt. 1884 wandte sich Bresgen in einer Eingabe an den preußischen Unterrichtsminister, um ihn unter Hinweis auf die bezeichneten Feststellungen darauf aufmerksam zu machen, daß in den Schulen die „geistig zurückgebliebenen“ Kinder vielfach irrigen Beurteilungen durch die Lehrer ausgesetzt seien, und daß es geboten erscheint, den Lehrern Anweisung zu geben, auf die erwähnten körperlichen und geistigen Störungen der Kinder ein aufmerksames Auge zu haben. Um dieselbe Zeit stellte Bresgen auf dem internationalen medizinischen Kongreß in Kopenhagen die Forderung auf, „für alle solche Fälle eine genaue und sachverständige Untersuchung der Nase und des Rachenraumes zu verlangen“, nachdem Weil und Hartmann verlangt hatten, daß in Fällen großer Unaufmerksamkeit der Kinder das Gehör untersucht werde. Die Eingabe Bresgens an den preußischen Kultusminister hatte nur beschränkten Erfolg, weshalb 1887 eine zweite Eingabe erfolgte, die in der Bitte gipfelte: „In dieser Angelegenheit die Urteile von bekannten Rhinologen (Nasenheilkundigen) einzuholen und auf Grund derselben weitere, die Schulen selbst nicht belastende Maßnahmen zum Nutzen der Schüler zu beschließen. Diese Maßnahmen dürften darauf hinauslaufen, die Lehrer anzuweisen, ganz besonders auf für die Atmungsluft vollkommen freie Durchgängigkeit beider Nasenhöhlenhälften bei solchen Kindern zu achten, welche hinter anderen Schülern zurückbleiben, sowie ihre diesbezüglich gemachten Beobachtungen den Eltern mitzuteilen und diese zur Inanspruchnahme eines Spezialarztes zu veranlassen.“ In den neunziger Jahren verbreitete sich Ufer in der Zeitschrift „Die Kinderfehler“ über den hemmenden Einfluß der behinderten Nasenatmung auf die intellektuelle Entwicklung des Kindes; von medizinischer Seite haben sich außer den bereits Genannten noch Guye, Brügelmann, Schäffer, Scheinmann u. a. der Frage gewidmet, so daß man heute in fast allen medizinischen wie pädagogischen Werken über den kindlichen Schwachsinn die behinderte Nasenatmung als Ursache der Schwachsinnigkeit erwähnt finden kann, wenn auch Laqueur, Brieger und Knopf ihr nur einen geringen Einfluß auf die Leistungsfähigkeit des Kindes zumessen und sie mehr als Komplikation, denn als unmittelbare Ursache gelten lassen wollen. Immerhin jedoch müssen auch sie zugestehen, daß die exakten, nach allen Gesetzen der experimentellen Psychologie von Kafemann in Kraeplins Laboratorium ausgeführten Experimente mit Hilfe des Obturators (Nasenverstopfers) den Nachweis bündig und unzweifelhaft erbracht haben, „daß behinderte Nasenatmung imstande ist, die geistige Leistungsfähigkeit des gesunden Menschen herabzusetzen.“ Kalischer fand denn auch in Berlin bei 255 schwachbegabten Kindern 164 Gaumen- oder Rachenmandelvergrößerungen vor, Dr. Dillner in Plauen stellte in neun Fällen bei 37 Kindern Nasen- und Rachenkrankheiten fest, Dr. Schmid-Monard in Halle bei 80 Prozent der untersuchten Kinder; Dr. Knopf entfernte bei 18 bildungsfähigen Zöglingen der Idiotenanstalt zu Idstein 17 vergrößerte Rachenmandeln und 7 Gaumenmandeln; Dr. Berkhan weiß von ähnlichen operativen Eingriffen zu berichten, die nötig waren, um die Ursache der Minderbegabung zu beseitigen.
Um dem Uebel beizukommen, wird in den allermeisten Fällen ärztliche Behandlung unerläßlich sein. Diese wird durch Operationen, Nasenspülungen, Hautpflege, Diätkuren u. a. eine Beseitigung anstreben, aber auch darauf bedacht sein müssen, daß durch eine gründliche Allgemeinbehandlung die Säfte verbessert werden, gutes Blut geschaffen wird, eine lebhafte Blutzirkulation eintritt und eine kräftige Ausscheidungstätigkeit durch Nieren, Lungen und Darm erfolgt. Systematische Atmungsübungen und — falls dies nicht die Nervosität des Kindes verbietet — vorsichtige Abhärtung werden ebenfalls mit zur Gesamtkur zu gehören haben. Man nehme die Sache nicht zu leicht, denn oft führen Wucherungen im Nasenraum zu bösartigen Ohren- und Augenleiden, Schwerhörigkeit usw.; zudem ist der Umstand, daß die Geistestätigkeit und Intelligenz der an verstopften Nasen leidenden Kinder beeinträchtigt wird, gerade Ursache und Anlaß genug, mit ernstlichen Schritten dem Uebel auf den Grund zu gehen.
Umgang mit Kindern.
Pflege die Gewöhnung.
Alle Erziehung beginnt mit Gewöhnung. Sie ist die stumme Sprache, in der der Erzieher zum Kinde redet, solange es die wirkliche Sprache noch nicht versteht. Ein Stück unpersönlicher Erziehung, wird sie doch ganz durch die Persönlichkeit des Erziehers bedingt. Bestimmtheit, Stetigkeit, Konsequenz im Auftreten und im Wandel, Vorbildlichkeit in der gesamten Lebenshaltung sind ihre unerläßlichen Voraussetzungen. Sie umschließt das Kind, das in den Kreis der häuslichen und familiären Ordnung hineingeboren wird, wie ein Ring und hält es wie mit Zangen und Klammern fest. Da hilft dem kleinen Störer und Eigensinn kein Widerstreben: er muß sich eingliedern, anpassen, unterordnen — gewöhnen. Wie Stehen, Gehen, Sprechen, so sind auch Reinlichkeit, Ordnungssinn, Regelmäßigkeit, Pünktlichkeit alles Dinge der Gewöhnung und ihrer Schwester, der Uebung. Und mehr noch, auch Denken und Fühlen, all die Vorgänge des inneren Menschenlebens, erhalten ihren Gehalt, ihre Prägung und Klangfarbe zuerst durch die Methode und den Rhythmus der Gewöhnung. Die Sphäre, in der dein Geist sich bewegt, frei oder befangen, für alle Aufklärung empfänglich oder in dumpfe Gläubigkeit verstrickt —, sie umfließt und umspült auch die Geisteswelt deiner Kinder. Und die Skala deiner Gefühls- und Empfindungswelt, ob klangreicher und modulationsfähiger in den höheren oder tieferen Lagen —, sie wirkt auch auf den seelischen Stimmungsgehalt deines Nachwuchses ein. Einem sanften Zwange gleich, dem man sich zunächst ungern, aber mit wachsender Freudigkeit unterwirft und der schließlich unwiderstehlich wirkt, umgibt der erziehliche Einfluß der Gewöhnung das Kind. Seine Früchte reifen langsam, aber sie sind die einzigen, die auch ein langes Leben unverwüstlich zu überdauern vermögen.
Schweinchen und Zottelbären beim Frühkaffee.
Der Vater ist von einer Reise zurückgekehrt, die ihn längere Zeit von der Familie fernhielt. Nun hat man ihn wieder und feiert das Wiedersehen wie ein kleines Fest.
Am Morgen wollen alle Kinder mit dem Vater Kaffee trinken. Eins nach dem andern klettert aus dem Bett, stürmt herbei, drückt den Vater ab und setzt sich im Nachtkittel, ungewaschen und ungekämmt, an den Tisch.
Da steht der Vater auf und setzt sich an seinen Schreibtisch.
„O, lieber Vater,“ rufen sie alle bestürzt aus, „bleib doch, lieber Vater! Wir wollen doch mit dir Kaffee trinken.“ Und auch das Kleinste bettelt, den Vater bei der Hand fassend: „Vater komm, Taffee tinken.“
„Ja,“ sagt der Vater, „ich habe mich auch darauf gefreut, mit euch am Kaffeetisch zu sitzen; aber mit Schweinchen und Zottelbären — nein, ich danke, das macht mir keine Freude …“
Da sehen sich die Ungewaschenen und Ungekämmten einander an und eins, zwei, drei sind sie hinaus.
Nach einer Weile kommen sie wieder — schmuck, sauber, mit aufgestecktem Haar und in den Kleidern.
„Ei, das ist nett!“ ruft der Vater aus und lacht über das ganze Gesicht; „jetzt seid ihr keine Schweinchen und Zottelbären mehr! Nun trinken wir alle zusammen Kaffee und machen einen tüchtigen Spaß.“
Sie rücken jubelnd zusammen. Und der Vater — was bringt er da aus seiner Reisetasche hervor? Eine Büchse Honig.
Wer nun verspricht, sich täglich zu waschen und zu kämmen, bevor er an den Frühstückstisch kommt, der soll auf seine Butterbrötchen extra süßen Honig haben.
Tatsachen.
Der Direktor der Provinzial-Erziehungsanstalt für sittlich gefährdete Kinder und Jugendliche in Strausberg bei Berlin stellte auf Grund seiner Erfahrungen fest, daß er unter je 10[0] Fürsorgezöglingen gefunden habe: 10 schwer geistig gestörte (Idioten, hochgradig Schwachsinnige, Hysterische, Epileptische), 30 geistig abnorme (gering Schwachsinnige, Stotterer, Nervöse, Taubstumme, leicht Hysterische usw.), 30 minderwertige (die in ungünstigen Lebensverhältnissen sittlich verkümmerten und den Eindruck von Schwachsinnigen machten, bald aber gut gedeihen und vorwärts kommen) und 30 normale Zöglinge.
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Eine Statistik Dr. Felds über die Versorgung der Fabrikarbeiterinnenkinder in Crimmitschau 190[?] ergab, daß 50 Prozent der Kinder von Verwitweten und 30,9 Prozent aller Kinder überhaupt tagsüber ohne jegliche Wartung, Aufsicht und Pflege waren, darunter 5,8 Prozent im Alter von unter einem Jahre. Der Verein „Berliner Kinderhort“ ermittelte 191[?] durch Stichproben in den Gemeindeschulen rund 14 000 gänzlich aufsichtslose Kinder, von denen nur 4000 in Kinderhorten Aufnahme finden konnten.
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Nach Erhebungen des Dresdener Staatsanwalts Dr. Wulffen wurden im Jahrzehnt 1882/91 in Deutschland durchschnittlich 3030 Personen im Jahre, im Jahrzehnt 1892/01 schon 4319, im Jahre 1904 sogar 5384 — mit Einschluß von 1064 Jugendlichen — wegen Sittlichkeitsverbrechens an Kindern verurteilt. Als Ursache dieser Steigerung sieht Dr. Wulffen die Zunahme des Wohnungselends an.
Für die Redaktion verantwortlich: Otto Rühle, Halle a. S.
Fuente: Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage, febrero de 1913, suplemento mensual editado por Otto Rühle y publicado con varios diarios socialdemócratas (Görlitzer Volkszeitung, Volkswacht de Breslau, Volksbote de Stettin, Volksblatt de Halle, Märkische Volksstimme de Cottbus, Arbeiter-Zeitung de Essen); transcrito desde el facsímil de la edición de la Arbeiter-Zeitung (Essen), n.º 38, 14 de febrero de 1913, ULB Bonn / zeit.punkt NRW, con el OCR del portal solo de apoyo (el OCR no recoge la pág. [2]). Piezas sin firma, atribuidas a Rühle como editor (Stecklina 2002, secc. 1.6.2); el pie del suplemento lo da como responsable de la redacción. Se omiten dos textos ajenos de la sección «Umgang mit Kindern»: «Zwei weitere Beispiele» (de Hermann Weimer, Haus und Leben als Erziehungsmächte) y el pasaje de Clara Zetkin «Die Gewöhnung als Weg zu sozialistischem Denken und Fühlen» (congreso de Mannheim, 1906); se conserva el lema de Schiller. La pág. [2] del facsímil está muy desenfocada: se ha leído sobre recortes ampliados y realzados; las palabras dudosas van entre corchetes y algunas cifras del borde derecho de la columna son conjeturales («15 0[00]», «unter je 10[0]», que exige la suma 10 + 30 + 30 + 30, y los años incompletos «190[?]» y «191[?]» de la pág. [4]). El nombre del médico de Halle («Dr. [Siefert]») es lectura probable. El suplemento no lleva paginación impresa: S. [n] = página n del facsímil. El espaciado del original se da en cursiva.