Kleines Feuilleton.
Erziehung und Unterricht.
Beiträge zur Kinderforschung und Heilerziehung. Verlag H. Beyer u. Sohn, Langensalza. Heft 68: Lüge und Ohrfeige von Kuhn-Kelly. Preis 40 Pf.
Daß unter Kindern viel gelogen wird, ist eine von allen Pädagogen bestätigte Tatsache. Aber es entspricht nur einer beschränkten und rigorosen Auffassung, darüber ein so großes Lamento anzuschlagen, wie es der Verfasser tut. Das „staunenswerte Lügentalent“ mancher Kinder ist in den meisten Fällen nichts anderes, als eine Aeußerung der überaus lebhaften, durch eine verkehrte Erziehung irregeleiteten oder überhaupt nicht gepflegten kindlichen Phantasie. Gewiß sündigen auch Familie und Gasse zuweilen am Kinde, indem sie es zur Lüge verleiten; aber die Schuld der Schule, die biblische Unwahrheiten als Wahrheiten lehrt, skrupellose Geschichtsfälschungen treibt und die Kulturbewegung des Proletariats verleumdet und beschimpft, ist wahrlich nicht geringer. Ein Lehrer, der sich für diese „christlichen, nationalen und patriotischen Aufgaben der Schule“ gebrauchen läßt, ist als Erzieher zur Wahrheit von vornherein untauglich; denn nicht die vom Verfasser empfohlene „peinliche Halsordnung“, die beinahe an Ketzertorturen des Inquisitionstribunals gemahnt, vermag zur Wahrhaftigkeit zu erziehen, sondern einzig und allein die suggestive Macht der makellosen Erzieherautorität.
Heft 70: Der Selbstmord im kindlichen und jugendlichen Alter von Dr. E. Neter. Preis 40 Pf.
Der Verfasser führt die Häufigkeit der Schülerselbstmorde in erster Linie auf den Umstand zurück, daß unsere Schuljugend „nicht mehr das robuste Nervensystem und die widerstandsfähige Psyche wie in früheren Zeiten besitzt“. Dieser Mangel resultiert angeblich aus der geminderten Achtung vor der Autorität, der zunehmenden Verweichlichung in der Erziehungspraxis, der Herrschaft eines realpolitischen Grundzuges in der Gefühls- und Gedankenwelt, der ungenügenden Willensbildung, die das „Lerne gehorchen!“ nicht mehr kennt usw. mit Grazie. Zutreffendes, spärlich verstreut, mischt sich mit reichlich viel Konfusion und halbwahrer Einseitigkeit. Man fühlt überall das peinvolle Bemühen, den Pelz zu waschen, ohne ihn naß zu machen. Die Tatsache, daß die Schule außerordentlich häufig wenn nicht die direkte Ursache selbst, so doch das letzte die Tat auslösende Glied in einer Reihe von Ursachen bildet, läßt sich nicht fortdisputieren. Also gäbe es sicher weniger Schülerselbstmorde, wenn diese Auslösung durch die Schule nicht erfolgte. Die letzte Schuld bleibt auf der Schule sitzen; dieser Beweis genügt.
O. R.
Fuente: Vorwärts (Berlín), Unterhaltungsblatt, n.º 129, miércoles 6 de julio de 1910, p. 516, bajo la rúbrica «Kleines Feuilleton» (FES, Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie; https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/titleinfo/314330). Firmado «O. R.» (comprobado en el facsímil). Transcrito del OCR de la FES, cotejado íntegramente con el facsímil (números de los cuadernos 68 y 70 y precios de 40 Pf.; el OCR leía 63, 76 y 46). En el original, los títulos de la serie y de los cuadernos y los nombres de los autores van espaciados; los encabezamientos de cada reseña forman en el impreso parte del párrafo. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.