Kleines Feuilleton.
Achtjährige Schriftsteller.
Otto Anthes, nach Gurlitt „der einzige vernünftige deutsche Oberlehrer“, hat sich vor ein paar Jahren in einer tapferen und klugen Schrift mit viel Temperament gegen die elende Methode der in unseren Schulen üblichen Aufsatzschreiberei gewandt. Er nannte die geistlose, trockene, schulmeisterlich-pedantische Schablonisiererei, die da ihr Unwesen treibt, einen „papiernen Drachen“, der fruchtbares Kinderland verwüste, indem er „die eingeborene und in die Schule mitgebrachte lebendige Kraft der Bildlichkeit und Anschaulichkeit systematisch ertötet und an deren Stelle eine kraft- und saftlose unsinnige Redeweise setzt“. Anthes vertritt den unzweifelhaft richtigen Standpunkt, daß die in weitesten Volkskreisen wahrzunehmende Armut und Unpersönlichkeit im schriftlichen (wie mündlichen) Gedankenausdruck zurückzuführen ist auf den in den Schulen geübten Unfug, nicht den Trieb und die Fähigkeit des Kindes zu selbständigem schriftlichen Produzieren und eigenkräftigem Gestalten tätig sein zu lassen, sondern ihm die Ansichten, Urteile und Gedankengänge des Lehrers aufzuzwingen, so daß es in ein Schema gepreßt wird und seine eigenen sprachbildnerischen Fähigkeiten verkümmern. Das Kind erlebt nichts, reproduziert nichts Eigenes, schafft und gestaltet nicht von Innen heraus, sondern wird in eine fertige fremde Form gezwungen, vom Lehrer nach einer Schablone zurechtgestutzt und zum geistigen Wiederkäuen abgerichtet. Es sagt und schreibt nicht das, was es sagen möchte, was es weiß und fühlt und denkt, an Urteilen, Meinungen und Ideen in sich trägt und erzeugt, sondern das, was der Lehrer ihm vorsagt und vordenkt, mit ihm durchgenommen und durchgepaukt hat.
Neben Anthes haben auch andere Schulreformer die Gängelbandführerei des Aufsatzunterrichts entschieden verurteilt, besonders die Bremer Pädagogen Ulbricht und Scharrelmann. Hauptsächlich die Anregungen des letzteren haben eine Wiener Pädagogin veranlaßt, 8—8½jährige Kinder der 3. Volksschulklasse aus freier Hand heraus kleine Aufsätzchen schreiben zu lassen. Da gab es kein Vorbereiten und kein Aufnötigen fremden Stoffes, keinen geistlosen Mechanismus und kein ödes Papageientum. Alles war eigenes Produkt. „Die Kinder wurden in eine Plauderei verwickelt: Was möchtest du am liebsten können? Wohin reisen? Was würdest du machen, wenn du der Lehrer wärst? Unversehens wurde die Plauderei abgebrochen und das Kind angewiesen, die Antwort niederzuschreiben, kurz und bündig, ohne Rücksicht auf Orthographie, Grammatik und Stil. Und siehe da! Sie schrieben mit Lust, mit wahrer Wut. Und nicht ein Hauch von Affektion, keine Spur von Absichtlichkeit, kein Schweiß. Wir erhielten geradezu Urbilder der kindlichen Psyche, Momentphotographien, deren Wert über das Pädagogische weit hinausreicht.“
Aus der Sammlung der 155 Aufsätzchen, die bereits in 2. Auflage vorliegt1, seien einige Proben hier wiedergegeben:
Was ich am liebsten werden möchte.
Ich möchte am liebsten Malerin werden und sehr viel Sprachen lernen. Ich möchte auch Mineraljen sammeln u. Münzen, ich habe schon einige. Ich möchte auch noch sehr viel Musik spielen. Wenn ich Sprachen lerne hat es nur den Grund, das es sehr lustig ist. Mama möchte ich auch werden; ich würde die schwachen Kinder zuhause lernen lassen, die starken in der Schule. Wenn ich Malerin werde, so werde ich es nur um schöne Bilder zu malen, Münzen habe ich nur gesammelt, weil ich sie meinen Kindern lasse. Musik, weil es so schön ist. Als Mama möchte ich sehr nachsichtig sein. Warum das wißt ihr schon.
Wie ich reisen möchte.
Mit einer goldenen Eierschale möchte ich gern reisen. Natürlich muß die oberste Spitze abgebrochen sein u. die Schale gross u. stark. 66 Störche müßten die Schale ziehen. Da wären 33 Störche forn u. 33 hinten. Und einen Zauberstab nehme ich mit u. zaubre alles was ich will her. Die Störche müssen den Weg wissen u. wenn ich will müssen sie fliegen. Kurz u gut sie müssen machen was ich will. Und wenn sie nicht folgen, zaubre ich Frösche her, daß sie ein wenig fressen. Wenn es regnet, zaubre ich meine Störche in die Schale u. auch ein Dach. Nur ein Lückelchen ist nicht gedeckt. Ja, reisen ist schön.
Wetter nach meinem Geschmack.
Das Aprilwetter ist am lustigsten, da kommt bald die Frau Sonne, bald Herr Regen. Und wenn Herr Sturm dann kommt ist es am schönsten. Da fliegen den Leuten die Hüte vom Kopf, den Herrn wirbelt der Rauch der Zigarren um den Kopf. Und die Kinder lachen so viel, daß Mama schimpft und sagt, sie sollen schon ruhig sein.
Da macht jemand bei schönem Wetter einen Ausflug — putsch — kommt Herr April und regnet die Leute anständig durch. Ja, so ist's halt im lustigen Aprilwetter!
Das geduldige Papier.
O sei doch barmherzig mit mir. Schau wie ich zerdrückt bin und das Eselsohr dut mir so weh. Ach da wird gleich ein Tintenkleks auf mir sein — jetzt ist er schon drauf — jetzt radierst du wieder, ach jetzt hat mein Leib ein Loch das tut mir so weh. Und jetzt machst du wieder einen Feler in deiner Aufgabe: in „Name“ gehört doch kein „h“! Und wir du aufdrückst, du willst mich gewiss ermorden. Ach jetzt bin ich schon tod. —
Durcheinander im Briefkasten.
- Brief: „Ach wie fad ist es in dem Kasten.“ 2. Brief: „Ich weiß etwas, jeder Brief liest seinen Anfang oder sein Ende vor.“ Alle Briefe: „Ja, ja, o wie schön, beginnen wir.“
Wenn Sie mir meinen Muff nicht bis Morgen schicken, werde ich andere Wege einschlagen. — Herzliche Grüsse vom Semmering. — Serr fererrte Gnnedige! — 3. Brief: „Das war eine Köchin.“ — Bitte wann soll ich wieder zur Probe kommen? — Bitte mir fünfzig Heller Bonbons zu schicken! — Grüße von unserer schönen Rodelpartie am Semmering. — I bruach bias murrgen a Fuarr Heu. — 4. Brief (lachend): „Das war ein Bauer.“ — Liebe Grossmama! Ich gratuliere dir hertzlich zumm Nahmenstage. — Bitte morgen meine Schuhe anzumessen. — Wie schön war es gestern am Anninger. —
Briefkastel: „Der Briefträger kommt, Adjö, ich habe mich sehr gut unterhalten. Adjö.“
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Die Hauptschwierigkeit bei allen Versuchen, das Kind für freie Selbsttätigkeit im Aufsatz zu gewinnen, ist das mangelnde Vertrauen in die eigene Fähigkeit und Kraft. Sobald geschulmeistert, genörgelt, mit roter Tinte korrigiert wird, ist nichts Eigenes und Freies mehr zu wollen. Jeder rote Strich ist ein Messerstich, jede Korrektur ein Schlag auf den Kopf. Darum hat man auch den kleinen Schriftstellern in Wien von vornherein die Zusicherung gegeben, daß von Orthographie und Interpunktion keine Notiz genommen werden würde. Das hat die Stimmung wunderbar erhöht und die Schleusen der Mitteilsamkeit und Phantasie angelweit geöffnet...
Würden die Kinder durch einen Erlebungs- und Erfahrungsunterricht in den glücklichen Stand versetzt sein, das, was ihnen heute mühsam eingetrichtert wird, selbst zu erwerben und zu erobern, dann würden sie noch mehr aus ihrem Innern zu spenden haben. Wie köstlich und freudig würden dann erst die klaren Brünnlein fließen!
O. R.
Fuente: Vorwärts (Berlín), Unterhaltungsblatt, n.º 102, sábado 28 de mayo de 1910, pp. 407-408, bajo la rúbrica «Kleines Feuilleton» (FES, Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie; https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/titleinfo/314194). Firmado al final «O. R.» (comprobado en el facsímil). Transcrito del OCR de la FES, cotejado con el facsímil en el titular, la firma, las cifras, la nota y las redacciones infantiles, cuya ortografía (con sus faltas, voluntarias en el libro: «Mineraljen», «forn», «dut», «Feler», «tod», «hertzlich zumm Nahmenstage», etc.) se reproduce tal cual; los títulos de las redacciones van en el original espaciados. La nota con asterisco del original se da como [^1]. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.
Der Schulaufsatz unserer Achtjährigen. 155 Originalaufsätze. Aus dem 6. Jahresbericht des Mädchenlyzeums von Frau Dr. Eugenie Schwarzwald. Mit einem Geleitwort von Dr. Rob. Scheu. 2. vermehrte Auflage. Verlag von H. Heller u. Co., Wien I. ↩