Von Otto Rühle.
Die Zahl der Blinden im Deutschen Reiche ist seit einer Reihe von Jahren im erfreulichen Rückgange begriffen. Während z. B. noch 1871 in Preußen auf 100 000 Einwohner 93 Blinde kamen, hatte sich diese Quote schon 1883 auf 83, 1895 sogar auf 67 verringert, und nach der letzten Statistik beträgt sie nur noch 64. Die jüngste Veröffentlichung, die Dr. Engelmann vom Reichsgesundheitsamte zum Verfasser hat, beziffert die im Deutschen Reiche vorhandenen blinden Personen auf 34 334, die sich auf 14 607 Gemeinden verteilen. Von ihnen gehören 51,9 pZt. dem männlichen, 48,1 pZt. dem weiblichen Geschlecht an, und zwar kommen auf 100 000 Männer 64 und auf ebensoviel Frauen 58 Blinde. Was das Lebensalter der Blinden betrifft, so nimmt die Blindenziffer bis zum 50. Lebensjahre langsam zu und steigt dann schnell bis zum 80. Jahre, derart, daß 60 pZt. aller Blinden über 50 Jahre alt sind. Bis zum fünften Lebensjahre ist die Zahl der Blinden sehr gering, sie beträgt im Deutschen Reiche 659 (374 männliche und 285 weibliche); vom fünften bis zehnten Jahre steigt sie auf 996 (547 männliche und 449 weibliche); vom 10. bis 20. auf 2706 (1564 männliche und 1142 weibliche); vom 20. bis 40. auf 5920 (3354 männliche und 2566 weibliche); vom 40. bis 60. auf 8792 (4960 männliche und 3852 weibliche) und erreicht im Lebensalter von über 60 Jahren die außerordentliche Höhe von 15 204 (6992 männliche und 8212 weibliche). Da auf das schulpflichtige Alter erfahrungsgemäß 8 pZt. der Blinden entfallen, so würden im Deutschen Reiche za. 2750 blinde Schulkinder vorhanden sein. In Anstalten sind nach neueren Ermittlungen 3616 Blinde, jugendliche und erwachsene, untergebracht, und zwar in Beschäftigungsanstalten 1824, in Unterrichtsanstalten 1792. Die beschämend geringe Zahl erklärt sich daraus, daß in zahlreichen Staaten noch der unerhörte Zustand besteht, daß bildungsfähige Blinde ohne Unterricht aufwachsen dürfen. Ein Anstaltszwang für blinde Kinder während des Schulpflichtalters existiert nur in Braunschweig, Sachsen-Weimar und dem Königreich Sachsen. Zu bemerken ist, daß die Abnahme der Blindenziffer auch für das bildungsfähige Alter eine bedeutende ist.
Für die einzelnen Bundesstaaten zeigt die neueste Statistik folgende Ergebnisse bei der Gesamtzahl der Blinden: Preußen 21 614, Bayern 3444, Sachsen 2715, Württemberg 1302, Baden 1003, Hessen 537, Mecklenburg-Schwerin 457, Sachsen-Weimar 331, Mecklenburg-Strelitz 70, Oldenburg 143, Braunschweig 244, Sachsen-Meiningen 122, Sachsen-Altenburg 162, Sachsen-Koburg-Gotha 166, Anhalt 140, Schwarzburg-Sondershausen 67, Schwarzburg-Rudolstadt 99, Waldeck 57, Reuß ältere Linie 37, Reuß jüngere Linie 133, Schaumburg-Lippe 16, Lippe-Detmold 63, Lübeck 57, Bremen 100, Hamburg 258, Elsaß-Lothringen 997.
Die Ursachen des Rückganges der Blindenziffern sind hauptsächlich in den Maßnahmen zu suchen, die man zwecks Verhütung der Erblindung getroffen hat. Die Blindheit kann angeboren oder erworben sein; erstere faßt etwa 3 pZt. aller Fälle in sich, tritt also sehr selten auf. Dagegen gingen früher von den zahlreichen Fällen, in denen die Blindheit erworben werden kann, viele in ihren Ursachen auf das erste Lebensalter zurück, nämlich auf die Blennorrhoea neonatorum (Eiterung der Neugeborenen), eine Augenentzündung, die sich bei Kindern unmittelbar nach der Geburt einzustellen pflegt. Sie wird hervorgerufen durch die Uebertragung eines Pilzes von der Mutter auf das Kind und besteht in der Absonderung eines eiterigen Schleimes, der auf das Auge mit der Zeit zerstörend wirkt. Die meisten Erblindungen waren bisher auf diese bösartige Krankheit zurückzuführen, so in der Breslauer Blindenanstalt 1895 und 1901 noch durchschnittlich 23 pZt. Seitdem man jedoch gegen die Blennorrhoea nach Prof. Credés Verfahren eine Höllensteinlösung zur Abtötung der Krankheitserreger zur Anwendung bringt, hat die gefürchtete Entzündung viel von ihrem Schrecken verloren. Eine andere gefährliche Augenentzündung, die häufig Erblindung nach sich zieht, ist die egyptische Augenkrankheit, auch Granulose oder Körnerkrankheit genannt. Der graue Star, der sich in einer Trübung der Linse charakterisiert, wird durch die von dem Augenarzt Gräfe erfundenen Staroperationen meist mit Erfolg beseitigt. Unter dem grünen Star, der ebenfalls heilbar ist, versteht man eine krankhafte Vergrößerung und Härtezunahme des Glaskörpers im Auge, und der schwarze Star, gegen den es keine Hülfe gibt, beruht auf der Abnahme der Sehkraft bis zu völligem Versagen infolge Absterbens der Sehnerven. Schließlich sei noch die Entzündung der Regenbogenhaut erwähnt, worunter man eine Verfärbung und Anschwellung derselben versteht, verbunden mit Trägheit und Unbeweglichkeit der Pupille und entsprechender Sehstörung. Obgleich alle diese Krankheitserscheinungen des Auges organisch meist nur bei Personen in höheren Lebensaltern auftreten, können sie sich ausnahmsweise doch auch schon in früheren Perioden zeigen, sei es als Folge von anderen Augenkrankheiten oder Augenverletzungen, sei es hervorgerufen durch Allgemeinerkrankungen schwererer Natur, gesteigerten Blutzuflusses nach dem Auge usw.; siekönnen in solchen Fällen auch im kindlichen Alter schon eine Erblindung zur Folge haben. Aeußere Verletzungen können aber auch auf direktem Wege die Erblindung herbeiführen, wie zahlreiche Fälle aus dem täglichen Leben beweisen. Prof. Magnus stellte auf Grund der Untersuchung von doppelseitiger Erblindung in 2528 Fällen im Jahre 1883 eine Tabelle auf, nach der für die Fälle folgende Ursachen (in Prozenten) in Betracht kamen: angeborene Zustände 3,77 pZt., Augenkrankheiten infolge Körperkrankheiten 17,37 pZt., und zwar Typhus, Masern, Scharlach 4,3 pZt., Pocken 2,21 pZt., Syphilis 0,24 pZt., Gehirn- und Rückenmarkerkrankungen 9,2 pZt., Skrofulose 0,03 pZt. Weiter: Verletzungen 10,73 pZt. (direkte Verletzung beider Augen 4 pZt., nur eines Auges und sympathische Entzündung des anderen Auges 4,7 pZt., verunglückte Operationen 1,9 pZt., Kopfverletzungen bei Selbstmordversuchen 0,27 pZt.), selbständige Augenkrankheiten 67 pZt., (Blennorrhoea 11 pZt., egyptische Augenkrankheit 9,5 pZt., Hornhaut-, Regenbogenhaut- und Strahlenkörperentzündung 16,8 pZt., grüner Star 8,9 pZt., schwarzer Star 7,7 pZt., Netzhauablösung 4,7 pZt., Ader- und Netzhautveränderungen 3,2 pZt., Aderhautentzündung infolge Kurzsichtigkeit 1 pZt.). Bei Kindern spielen außer diesen Ursachen noch diejenigen eine Rolle, die sich aus dem Leichtsinn und der Unachtsamkeit der Jugend ergeben. Eine von der Universitätsklinik in Breslau geführte Statistik weist 233 Fälle auf, die hierher gehören; die Gegenstände, mit denen beim Spielen die Augen so verletzt wurden, daß sie erblindeten, waren Messer, Gabeln, Bolzen, Scheren, Licht, Zündhütchen, Pulver, Zirkel, Bleistift und Stahlfedern. Durch Bosheit wurden etwa 12 pZt. der Erblindungen verursacht, und zwar mit Faustschlägen, Steinen, Stangen, Peitsche und Stock. Auch Spiel- und Schneebälle, mit Wucht ins Auge geworfen, waren Ursache völliger Erblindung. Nach einer anderen Breslauer Statistik vom Jahre 1901 wurde die Sehkraft auf einem Auge vernichtet bei 17 Kindern im Alter von 3 bis 14 Jahren durch Sturz in ein Papiermesser, in ein Maisfeld, durch Stoß im Finstern an eine Bettkante, an eine spitze Türklinke, durch Stich mit einem Strohhalm, mit einer eingetauchten Stahlfeder, einem Messer, beim Zerschneiden eines Bändchens, durch Explosion einer Seltersflasche, durch Splitter einer mit Pulver geladenen Glasflasche, durch eine angezündete Dynamitpatrone, durch einen Messerstich, durch Zerschlagen eines Porzellantellers, durch Stich mit einer Rute durch ein Türloch, durch Schuß mit dem Flitzbogen, durch einen Steinwurf und durch Schläge vom Vater mit dem Besen. Beide Augen verloren zwei Zweijährige, von denen das eine vom Schoß der Großmutter auf das Straßenpflaster stürzte, das andere einen Topf mit heißem Wasser vom Schrank herunterriß; ein Vierjähriges durch Sturz von der Treppe, ein Sechsjähriges durch Fallen in ein Bassin mit kochendem Sirup, die übrigen durch Hufschlag, Herabreißen einer Flasche mit Salzsäure, Zusehen beim Anzünden einer Patrone usw. In Paris waren, nach einer anderen Statistik von 939 Personen, die ein Auge in der Kindheit verloren hatten, 343 durch Abschießen von Zündhütchen zu Schaden gekommen. Die Erblindungsursachen sind jedenfalls ungemein mannigfaltig und neben den angeborenen und unvermeidbaren gibt es viele, die bei genügender Wartung und Pflege des Kindes, bei gehöriger Sauberkeit und richtiger Behandlung in Krankheitsfällen, sowie bei einiger Vorsicht im Gebrauche gefährlicher Instrumente und Stoffe vermieden werden können. Der alte Vers: „Messer, Gabel, Scher' und Licht nehmen brave Kinder nicht" kann nicht oft genug gepredigt werden. In proletarischen Kreisen freilich ist es infolge der traurigen Erwerbsverhältnisse und der mißlichen sozialen Zustände um die Ueberwachung und Verpflegung der Kinder meist recht schlecht bestellt (in Crimmitschau z. B. sind 30,9 pZt. der Kinder von Fabrikarbeiterinnen tagsüber ohne alle Aufsicht und Wartung, darunter 5,8 pZt. unter einem Jahre); da kann es nicht Wunder nehmen wenn die blinden Kinder in überwiegender Mehrzahl sich aus den wirtschaftlich schlechter gestellten Bevölkerungsklassen rekrutieren. „Die Blindheit ist eine Tochter der Armut", sagt das Sprichwort, und die Statistik bestätigt diese grausame Tatsache, indem sie feststellt, daß von sieben blinden Kindern immer sechs armen Eltern entstammen.
Die Blindenfürsorge durch Anstalten ist am wirksamsten wohl im Königreich Sachsen durchgeführt, dem Dänemark und die Niederlande am nächsten stehen dürften. Der Gedanke jedoch, für blinde Kinder Erziehungs- und Unterrichtsanstalten zu gründen, ging von Frankreich aus, wo der Lehrer Hauy in Paris 1784 die erste Blindenanstalt errichtete. Das Vorbild der Fürsorge des Abbee de l'Epée für die Taubstummen wirkte so nachhaltig auf ihn ein, daß er nicht ruhte, bis es ihm gelungen war, mit Hülfe einer blinden Wiener Musikvirtuosin auch für die Blinden ein ähnliches Institut zu schaffen. Zum Lesen benutzte er den nach ihm benannten erhabenen Druck und die von seiner Freundin und Helferin erfundenen Apparate. Als er 1806 nach Rußland berufen wurde, um in Petersburg eine Blindenanstalt einzurichten, hatte er auf der Durchreise durch Berlin bei Friedrich Wilhelm III. eine Audienz, bei welcher Gelegenheit er die erste Anregung zur Begründung der Berliner (jetzt Steglitzer) Blindenanstalt gab, an der später der berühmte Geograph Zeune als Leiter außerordentlich verdienstvoll um die Sache der Blindenerziehung gewirkt hat. 1808 entstand in Wien die vom Rat Klein begründete Anstalt und 1809 eine gleiche in Dresden unter Flamming, 1818 in Breslau, 1826 in München, 1827 in Stuttgart usw. Zur Zeit bestehen im Deutschen Reiche 39 Blindenanstalten, deren größte (Halle) im Vorjahre 247, deren kleinste (Weimar) 21 Insassen zählte. Von den 17 Anstalten in Preußen ist eine Staatsanstalt und eine als „vereinigte Anstalt" bezeichnet, die übrigen (10) sind Provinzial-, städtische (1) oder Privatanstalten (4). Staatsanstalten gibt es weiter in Bayern, Sachsen, Baden, Hessen, M.-Schwerin, Sachsen-Weimar, Braunschweig und Hamburg.
Die Ausbildung der Blinden im Lesen und Schreiben erfolgt heute nicht mehr mit Hülfe der Hauyschen Metalltypenschrift, die dem lateinischen Alphabet nachgebildet war, sondern mit Hülfe der erhöhten Punktierschrift, um deren Vervollkommnung sich der Engländer Moon und der Franzose Braille besonders verdient gemacht haben. Die Braillesche Punktierschrift ist Schul- und Unterrichtsschrift und erfreut sich bei den Blinden, da sie schnell und leicht zu handhaben ist, allgemeiner Beliebtheit. Zahlreiche Werke geistlichen wie weltlichen Inhalts sind in ihr den Blinden zugänglich gemacht worden. Der Unterricht in Blindenanstalten umfaßt Religion, Geschichte, deutsche Sprache, Rechnen, Naturbeschreibung, Naturlehre, Formenlehre, Geographie, Fröbelbeschäftigung, Modellieren, Zeichnen, Handfertigkeitsunterricht, Gesang, Turnen, Musik und Klavierstimmen; höherer Unterricht wird nach Bedürfnis erteilt, auch wird ein Handwerk erlernt. Sind die Ziele der wissenschaftlichen Bildungsarbeit an den Blinden auch nicht hoch, so vermag die Anstaltserziehung doch immerhin eine bis zu gewissem Grade abgerundete Bildung zu vermitteln, die für die spätere Entwicklung der Blinden nach jeder Richtung hin einen unverkennbaren Gewinn bedeutet. Zum Schluß seien noch die geradezu wunderbaren Erfolge erwähnt, die der Direktor Heller von der Blindenanstalt Hohe Warte in Wien bei Personen erzielt hat, die nur über so schwache Sehreste noch verfügten, daß sie keiner objektiven Lichtempfindung mehr fähig waren und infolgedessen als blind im ärztlichen Sinne galten. Durch eigenartige heilpädagogische Exerzitien, die er mit Unermüdlichkeit jahrelang vornahm, gelang es ihm, die winzigen Sehreste zu so erhöhter Leistungsfähigkeit auszubilden, daß z. B. eine 14jährige Russin, die erst Deutsch lernen mußte, nach einjährigem Unterrichte lateinische Druckschrift in gewöhnlicher Größe und Musiknoten mit dem Auge lesen, ferner deutsch und russisch schreiben, zeichnen, Farben, Formen und Gestalten unterscheiden, Dimensionen bestimmen, Gegenstände beschreiben und lokalisieren und sich im Raume frei bewegen und zurechtfinden konnte. So bewundernswert diese heilpädagogische Leistung Hellers ist, als deren Mittelpunkt die Erweckung des Berufssinns von einem erheblich eingeengten Sehfeld zu gelten hat, und so ehrenvoll und rühmlich das Zeugnis genannt werden muß, das sie seinem methodischen Geschick und seiner Ausdauer ausstellt, für die Blindenerziehung im allgemeinen hat sie doch nur — ähnlich wie der ans Unglaubliche grenzende Unterrichtserfolg an der bekannten taubstummblinden Amerikanerin Helen Keller — den Wert eines interessanten Experiments, das nach tausend vergeblichen Versuchen unter ganz besonders günstigen Umständen ein einziges Mal glückt.
Fuente: Otto Rühle, «Blinde Kinder», Hamburger Echo, 21. Jahrgang, Nr. 53, Hamburgo, 3 de marzo de 1907, Zweite Beilage, pág. 9 del número (columnas 1-3). Transcrito íntegramente desde el facsímil de la página (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, https://pic.sub.uni-hamburg.de/PPN1754726119_19070303/2000/0/00000009.jpg, vía Deutsches Zeitungsportal, item ESSMPTVNLVVWPC6P2JU3QGDR5VKXLX4P); el OCR del proveedor no recoge el cuerpo del artículo en orden y no se ha utilizado. Cifras y nombres leídos en la imagen y releídos íntegramente contra ella en una segunda pasada; el «5,8» de Crimmitschau tiene el tipo dañado (bucle superior roto), pero se lee como 8. Las cursivas reproducen el espaciado del impreso. Grafías del impreso conservadas: «siekönnen», «Abbee de l'Epée», «Hauy», «Flamming», «egyptische», «Netzhauablösung», «za.», «Hülfe». El impreso da «8792 (4960 männliche und 3852 weibliche)», aunque la suma de 4960 y 3852 es 8812 (todos los demás desgloses cuadran); se conserva la cifra impresa.