Von Otto Rühle.

Die Art und Weise, Stotternde von ihrem Leiden zu befreien, ist immer abhängig gewesen von der Auffassung, die ärztliche oder pädagogische Kreise von der Ursache des Stotterübels gehegt haben. Das ist theoretisch logisch und entspricht praktisch durchaus den Grundsätzen, die von allen auf der Erfahrung sich aufbauenden Wissenschaften zu befolgen sind. Nahm man in früherer Zeit als Ursache des Stotterns allgemeine körperliche Störungen an, so schob man später die Schuld für das Stottern organischen Fehlern im Sprechapparat zu und kam schließlich zu der Ansicht, daß das Stotterleiden rein psychischer Art sei. Dementsprechend entstanden nacheinander drei Heilmethoden, die medizinische, operative und didaktische Methode, die nicht immer selbständig und rein vorkamen, sondern oft gemischt und untereinander verbunden waren, was zur Folge gehabt hat, daß die Menge der Stotterheilmethoden ihrer Zahl nach außerordentlich groß ist und ihrem Charakter nach ein ungemein mannigfaltiges Bild aufweist.

Hypokrates (um 400 v. Chr.) erblickte die Ursache des Stotterübels in ungewöhnlicher Feuchtigkeit des Gehirns und meinte, daß die Stotterer an schwarzer Galle litten, weshalb sie sehr empfindlich und leicht reizbar seien; im Alter verschwände das Leiden von selbst wieder. Aristoteles (um [¿350?] v. Chr.) führte das Stottern auf organische Fehler lokaler Natur zurück, doch haben seine Auslassungen nur historisches Interesse. Wertvoller ist schon, was Plutarch und Cicero übereinstimmend von Demosthenes, dem größten Redner des Altertums, berichten, nämlich, daß er große Fußtouren unternahm, Lungengymnastik trieb, indem er das Meer zu übertönen suchte, sich beim Sprechen eines Spiegels bediente und Kieselsteinchen unter die Zunge legte, damit ihm die Aussprache des R gelinge. Galen (200 n. Chr.), wie auch Aetius ([¿350?] n. Chr.) und Paulus Aegineta suchten die Stotterursache in einem zu kurzen oder zu harten Zungenbändchen. „Der Kranke“, heißt es bei dem letztgenannten, „hat auf einem Sessel Platz zu nehmen und die Zunge nach dem Gaumen zu zu erheben. Dann wird das straff hervortretende Bändchen durchgeschnitten und entsprechend weiter behandelt.“

Von einer methodischen Stotterheilung kann man erst eigentlich sprechen, nachdem der zu seiner Zeit hochberühmte italienische Arzt Hieronymus Merkurialis ein größeres wissenschaftliches Werk herausgegeben (1585), in dem er dem Stottern ein besonderes Kapitel widmete. In bezug auf die Ursachen des Stotterns teilte er die Ansicht Galens insofern, als er das zu kurze Zungenbändchen für das angeborene Stottern gelten ließ, für andere Stotterfälle meinte er mit Hypokrates, daß zu große Feuchtigkeit im Gehirn die Schuld trage, wie ja auch ein Trunkener, der zu viel Flüssigkeit zu sich genommen habe, seine Zunge nicht mehr zu regieren vermöge. Nur in vereinzelten Fällen sei die Ursache des Stotterns auf eine zu dicke oder zu lange Zunge, auf defekte Zähne oder auf kalte Luft zurückzuführen, häufiger rufe schon Furcht, Zorn oder dergleichen Stotterleiden hervor. Als medizinisches Mittel zur Bekämpfung des Stotterns empfahl Merkurialis besonders Diät, damit die Feuchtigkeit des Gehirns ausgetrocknet werde. „Man esse gewürzige, salzige und pikante Speisen, aber kein Backwerk, keine Nüsse, keine Fische. Wein darf gar nicht oder nur wenig getrunken werden. Tägliche Leibesöffnung ist erforderlichen Falles durch Kunst herbeizuführen. Männer müssen sich der Liebe und Knaben des Badens enthalten. Vor allem sollen Mütter den stotternden Knaben nicht oft den Kopf waschen, weil sie sonst die Feuchtigkeit vermehren. Wenn der Körper gereinigt ist, müssen Arzneien, die man in die Nase zieht, oder Niesmittel angewendet werden, um ihn noch mehr auszutrocknen usw.“ Auch in späteren Jahrhunderten hatte die medizinische Methode noch Anhänger, begreiflicherweise vorwiegend unter den Aerzten. So stellten die Aerzte Amon, Voisin, Küstner, Lichtinger, Frank u. a. verschiedene, teilweise recht seltsame, untereinander widerspruchsvolle Methoden auf. Der Züricher Arzt Dr. Schultheß gehört ebenfalls hierher, doch verdient er besondere Erwähnung, da er der erste ist, der einen Unterschied zwischen Stottern und Stammeln macht und eine verschiedene Behandlung für beide Sprachübel fordert. Das Stottern erschien ihm als „Ungeschick im Bewegen der Zunge“ und als „Reflexkrampf“, und als Heilmittel hiergegen empfahl er Zerschneiden des Zungenbändchens und des Kinn-Zungenmuskels, damit die Zunge zu größerer Beweglichkeit gelange. Für leichtere Fälle riet er zur Anwendung der homöopathischen Heilmethode, zur Bewahrung der Stotternden vor heftigen Gemütsbewegungen und zur regulären Gymnastik der Stimm- und Sprachwerkzeuge.

Von dem Werte der letzteren glaubte er sich überzeugt zu haben, seitdem er die Methode der Amerikanerin Mad. Leigh kennen gelernt hatte. Die genannte Dame war mit einem stammelnden Manne verheiratet gewesen, bei dem sie nach neunjährigem scharfen Beobachten die Ursachen des Sprachübels und damit zugleich die Mittel zu seiner Beseitigung erkannt hatte. Als sie später als Witwe in die Familie des Arztes Dr. Yates kam, heilte sie dessen 18 Jahre alte stark stotternde Tochter nach der von ihr erfundenen Methode und gelangte bald zu großer Berühmtheit. Ihre Methode beruhte, kurz gesagt, darauf, daß sie den Stotterer als mit einer zu schwerfälligen Zunge behaftet ansah, wodurch beim Sprechen die Zungenspitze zu weit herabgedrückt werde. Durch eine systematische Zungengymnastik sollte nun das Uebel behoben werden. Mad. Leigh hatte mit ihrer Methode, wie berichtet wird, aufsehenerregende Erfolge, und die Gebrüder Malbouche übten, unterstützt durch „ein ausschließliches Brevet und eine Gratifikation des Königs“ in den Niederlanden nach der Leighschen Methode eine umfangreiche Stotterheilung aus. Durch einen Kaufmann Charlier, dessen Sohn durch Dr. Malbouche geheilt worden war, fand die Methode in Aachen Eingang und verbreitete sich rasch über ganz Europa. Doch so groß auch die Zahl ihrer Anhänger und Lobredner war, auf die Dauer stellte sich doch heraus, daß sie sich nicht als Heilmittel für alle Fälle bewährte, wie von ihr in ruhmrednerischer Weise behauptet worden war. Und es ist bezeichnend für das schnelle Schwinden des Vertrauens der Bevölkerung zur Leighschen Methode, daß es unmittelbar darauf der überaus grausamen und blutigen Dieffenbachschen Stotterheilung möglich war, von sich reden zu machen und in medizinischen Kreisen Anhänger zu gewinnen. Der Chirurg Dieffenbach machte bei Stotterern Querschnitte durch die Zungenwurzel, ja er schnitt ganze keilförmige Muskelstücke heraus. Anfangs konnten die Operierten sprechen, aber die Heilung dauerte nicht an. Sobald die Wundnarben abgeheilt waren, begann das Sprechübel von neuem und wurde zusehends schlimmer, so daß die qualvolle Operation ganz umsonst vorgenommen worden war. Trotzdem fand diese Art der Stotterheilung Anklang und zahlreiche Aerzte gingen in gleicher Weise wie Diffenbach gegen das Stotterübel vor. Nur die englischen und französischen Sachverständigen wollten von dem Zungenschnitt, den Dieffenbach in seinem „Sendschreiben durch ganz Europa 1841“ mit begeisterten Worten empfohlen hatte, nichts wissen. Auf anderem Wege gingen noch operativ vor Du Soit, der die Ursache des Stotterns in einem Krampfe der Atmungsorgane, auf welche der Wille keinen Einfluß ausüben könne, erblickte und am Gaumensegel und an den Mandeln operierte, sowie Arnott, der das Stottern als Stimmritzenkrampf bezeichnete, und Schmalz, der einen Krampf der Stimmbänder als vorliegend ansah und demzufolge — wie jener — den Stimmbandmuskel zerschnitt, um das Uebel zu beheben.

In demselben Maße, in dem die Erkenntnis zunahm, daß das Stottern lediglich ein psychisches Leiden ist, wandte man sich von der operativen Methode ab und die diktatorisch-pädagogische Methode trat an ihre Stelle. Klencke, Merkel, Rosenthal, Wyneken, Blume, Jourdant, Schrank u. a. wiesen darauf hin, daß das Stottern seine erste Ursache im Zentralorgan habe, somit der Wille die Sprechwerkzeuge nicht mehr genügend beherrschte, woraus sich ergebe, daß der diktatorisch-pädagogische Lehrgang zur Heilung des Uebels der zweckmäßigste sei. Zunächst unterstützte man den direkten erziehlichen Einfluß auf den Stotterer durch mechanische Hülfsmittel. Klencke bediente sich eines hufeisenförmigen Holzplättchens, das unter die Zunge gelegt wurde, Itard handhabte eine Zungengabel und Colombat de l'Isére, der Direktor des orthophonischen Instituts in Paris, dem für sein berühmtes Stotterheilbuch von der Akademie der Medizin ein Preis von 5000 Franken zuerkannt worden war, hatte sich einen Zungendrücker konstruiert. Daneben brachte er die von ihm erfundene Taktiermethode in Anwendung, die sich jedoch nicht bewährte, da das taktmäßige Sprechen dem Patienten nach dessen Heilung anhaften blieb und im gesellschaftlichen Verkehr sehr auffällig war. Klencke behielt Colombats Atmungsübungen bei, fügte noch Laut- und Sprechübungen hinzu und suchte durch erziehlichen Unterricht und straffe Zucht beim Patienten Selbstvertrauen und Energie zu wecken und zu stärken. Dadurch legte er den Grund zu den Methoden, die gegenwärtig allgemein im Gebrauch sind und als die zweckmäßigsten und bewährtesten bezeichnet werden müssen.

Was Klencke, Merkel und andere hervorragende Beobachter des Stotterübels abgehalten hatte, den richtigen Weg zur Heilung des Stotterns zu finden, war der Umstand, daß sie etwas sehr Naheliegendes übersahen, nämlich: den Vorgang des normalen Sprechens als Ausgang für die ganze Heilbehandlung des Stotterleidens zu nehmen. Das normale Sprechen vollzieht sich mit der Ausatmung. Die Stimmbänder geraten in Schwingung und dadurch wird der Ton erzeugt. Diese Schwingungen vermag der Stotternde überhaupt nicht oder nicht genügend hervorzubringen; infolge unwillkürlicher Zusammenziehungen bezw. Spannungen der Muskeln des Sprechapparats stößt er die Luft vorzeitig aus oder hält sie gefangen, so daß sich bei ihm die Stimmritze bei Beginn oder im Verlauf der Rede schließt, oder aber er atmet unzeitgemäß oder ungenügend ein, so daß er zum Sprechen keine Luft im Vorrat hat. Seine Atmung unterliegt beim Sprechen tonischen oder klonischen Krämpfen. Will er einatmen, können diese Krämpfe das Zwerchfell in seiner Abwärtsbewegung aufhalten oder hemmen, wodurch die Einatmung unterbrochen oder unmöglich gemacht wird. Auch die Ausatmung geht in unrichtiger und unzweckmäßiger Weise vor sich. Die Spannkraft der Lungen wird geschwächt, der Luftdruck in den Lungen erfährt eine Herabsetzung. Die Entspannung und der Austritt der Luft erfolgt zu rasch. Die gewaltsamen Versuche des Stotterers, diese Schwierigkeiten zu überwinden, dann die charakteristischen Mitbewegungen, die erst sekundär und freiwillig sind, führen dazu, daß der Stotterer immer mehr abkommt vom richtigen Einstellen der Organe zum normalen Sprechakt und schließlich völlig die Herrschaft über das folgerichtige Ineinandergreifen von Atmung, Stimmbildung und Artikulation verliert. Das Stottern ist daher — wie Professor Dr. Kußmaul dies getan — als spartische Koordinations-Neurose zu bezeichnen.

Ueberblickt man den ganzen Vorgang, der zum Stottern führt, im Zusammenhange, so ergibt sich ohne weiteres, daß die Ursache des Uebels nicht bei der Zunge liegt, sondern bei den Atmungs- und Stimmbildungsorganen. Der Stotterer kann alle Vokale klar und deutlich aussprechen, die Konsonanten richtig artikulieren, vermag immer zu singen, fast immer zu deklamieren und flüsternd zu sprechen. Er ist aber beim Sprechen ängstlich, namentlich wenn er beobachtet wird, atmet falsch, will mit leerer Lunge sprechen, trennt den konsonalen Anlaut vom darauffolgenden Vokal oder wiederholt ihn mehrmals oder hält ihn unnatürlich lange an — und das Stottern ist fertig. Hieraus ergibt sich, daß das Stottern, auch im schlimmsten Falle, geheilt werden kann; allerdings ist die Heilung nicht Sache des Arztes, denn medizinische und operative Eingriffe sind hier völlig zwecklos, sondern Sache des Lehrers und Erziehers. Sie kann einzig bewirkt werden durch Atmungs-, Stimmbildungs-, Lese- und Redeübungen, gehört also in das Gebiet der Heilpädagogik. Die Hauptaufgabe des Heilprozesses besteht darin, die physiologischen Funktionen der für den Sprechakt vorhandenen Organe zu regeln, zu stärken und dauernd normal zu gestalten, so daß sie für den normalen Gebrauch befähigt sind, ferner auf den Willen des Patienten durch eine psychische Behandlung einen für die natürliche Sprache bestimmenden Einfluß auszuüben. Der vernachlässigte Sprechapparat muß völlig unter die Herrschaft des Willens gebracht und darunter erhalten werden. Die Mittel hierzu sind Uebung und Gewöhnung. Die gegenwärtig gebräuchlichen wissenschaftlichen Stotterheilmethoden — nach Günther, Denhardt, Gutzmann und Coën bezeichnet — arbeiten mit diesen Mitteln und werden den Anforderungen durchaus gerecht. Die Unterschiede zwischen ihnen sind nur gering und beziehen sich auf untergeordnete Punkte. Im Prinzip herrscht allseitiges Einverständnis. Die individuelle Behandlung Stotternder, und nur diese vermag Anspruch auf pädagogische Berechtigung zu erheben, wird sich auf keine der Methoden von vornherein endgültig festlegen, und bei Fleiß, Ausdauer, Geschick und Energie verbürgt jede dieser Methoden Erfolge.


Fuente: Otto Rühle, «Zur Geschichte der Stotterheilung», Hamburger Echo, 20. Jahrgang, Nr. 198, Hamburgo, 26 de agosto de 1906, Erste Beilage, pág. 5 del número (columnas 1-3). Transcripción partiendo del OCR del proveedor (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, vía Deutsches Zeitungsportal, item Z6WFMTGJFRKQFO72D3T6ZEB2CMELAP3K), cotejada íntegramente con el facsímil de la página (SUB Hamburg, https://pic.sub.uni-hamburg.de/PPN1754726119_19060826/2000/0/00000005.jpg): restituidos la división en párrafos, los espaciados (en cursiva; los nombres propios van casi todos espaciados) y varias lecturas (Amon, Du Soit, Gutzmann, Coën, «keine Nüsse», «konsonalen»). Se conservan las grafías del impreso «Hypokrates», «Aetius», «Diffenbach» (una vez), «Colombat de l'Isére» y la errata «spartische» (por spastische). Las dos fechas de Aristóteles y Aecio están mal impresas (la cifra central no se lee: ¿350?, ¿340?) y quedan entre corchetes. La expresión «diktatorisch-pädagogische Methode» está así, dos veces, en el impreso.