Von Otto Rühle.

I.

Unter allen Anormalen der Schule haben die Armen im Geiste das härteste Los. Bei Blinden, Kurzsichtigen, Tauben, Schwerhörigen, Stotterern und Stummen liegen die körperlichen Ursachen ihrer intellektuellen Minderwertigkeit und verminderten Leistungsfähigkeit klar zu Tage und bilden für den Lehrer einen steten Mahner zur Nachsicht und Schonung. Nicht so bei den Schwachsinnigen und Schwachbegabten. Da ist, besonders bei den leichteren Graden des kindlichen Schwachsinns, der innere Zusammenhang zwischen geistiger Inferiorität und körperlicher Anomalie oft nur schwer erkennbar. Jedenfalls reicht die pädagogische Durchschnittsbildung unserer Volksschullehrer dazu nicht aus. Die Lehre von den psychopathischen Minderwertigkeiten, obwohl sie bereits eine ganze Literatur umfaßt, ist für viele von ihnen ein noch ganz unbekanntes und unerschlossenes Gebiet; sie glauben, es mit Trotz, Faulheit, Widerspenstigkeit und Böswilligkeit der Kinder zu tun zu haben, wo — oft für den Laien schon erkennbar — nur mehr oder weniger ausgeprägter Schwachsinn vorliegt. Alle Register der Schulzucht und des Schulstrafsystems werden gezogen, ja oft genug werden die armen Geschöpfe mit den barbarischen Mitteln pädagogischer Charlatanerie bearbeitet, um sie für die Zwecke der Erziehung tauglicher zu machen; der Schulprügel, der — zur Schande für unsere moderne Kultur — in unserer Schulerziehung noch immer eine unheimlich große Rolle spielt, tritt in Aktion und waltet seines Amtes. Es ist unglaublich, was von rohen, bequemen, ungebildeten Schullehrern, die mit den Kindern oft umzugehen pflegen wie die Henker mit den Dieben, besonders an Schwachbegabten und Schwachsinnigen gesündigt und gefrevelt wird.

Nach Damaschke (Aufgaben der Gemeindepolitik) gibt es in Deutschland etwa 60—70 000 Kinder (za. 0,8 pZt. aller Schulkinder), die in Volks- und Privatschulen sitzen, obwohl sie in Hülfsschulen für Schwachbefähigte gehören. Die Zahl dürfte eher zu niedrig als zu hoch gegriffen sein. Bei einer Untersuchung von 40 000 Schulkindern in Sachsen-Meiningen stellte man 330 Minderwertige (0,8 pZt.) fest; nach einer Zusammenstellung von Kalischer, der 1897 in zehn Berliner Gemeindeschulen eine Untersuchung aller geistig zurückgebliebenen Kinder anstellte und dem für diesen Zweck alle diejenigen Kinder der drei unteren Klassen zugeführt wurden, die in ihrer derzeitigen oder der vorausgegangenen Klasse länger als zwei Jahre gesessen hatten, ergab sich, daß unter 10 132 Knaben und Mädchen sich 116 geistig Minderwertige (1,5 pZt.) befanden. In Hamburg zählte man 1891 unter 66 000 Schulkindern 342 Minderwertige (0,51 pZt.); in Frankfurt a. M. 1900 bis 1901 unter 19 401 Kindern 102 (0,52 pZt.). Ein Vergleich dieser Zahlen untereinander ist aber kaum erlaubt, da die Grundsätze für die Auswahl der Schwachsinnigen in den verschiedenen Städten nicht die gleichen gewesen sind. Immerhin steht fest, daß die Zahl der Schwachsinnigen und Schwachbegabten nicht unbeträchtlich ist, ja sich sogar — wenigstens soweit Volks- und Bürgerschulen in Betracht kommen — in der Zunahme befindet, wie die Statistiken von Dr. Dillner-Plauen i. V. und Dr. Hofacker-Düsseldorf ergeben, und wie auch Dr. Laqueur-Frankfurt a. M., eine Autorität auf dem Gebiete der Erforschung nervöser und seelischer Anomalien, annehmen zu müssen glaubt.

Der Schwachsinn oder — um einen Namen zu gebrauchen, den zuerst der Irrenanstaltsdirektor Dr. Koch-Zwiefalten in Anwendung gebracht hat — die psychopathische Minderwertigkeit beruht auf einer angeborenen oder erworbenen Minderwertigkeit der Konstitution des Gehirns oder des Nervensystems überhaupt, wenn auch oft nur auf einer funktionellen Abnormität ohne nachweisbare organische Verbindung. Damit ist freilich das Wesen der Schwachsinnigkeit noch nicht genügend erklärt. Ja, diese Erklärung zu schaffen, ist überhaupt nicht leicht, ist doch der Schwachsinn trotz seiner großen Verbreitung und hohen Bedeutung in sozialer Hinsicht bisher — wie Ufer sich ausdrückt — das Stiefkind der psychologischen Forschung gewesen. In psychologischen Werken im engeren Sinne, einschließlich derjenigen Herbarts, wird der Schwachsinn, wenn überhaupt, nur flüchtig erwähnt; in den Lehrbüchern der Psychiatrie — von Pinel und Esquirol bis zu Schüle und Krafft-Ebing — finden sich nur dürftige Angaben, wenigstens in psychologischer Beziehung, und selbst die Werke von Emminghaus und Moreau über die psychischen Störungen und Abnormitäten im Kindesalter vermitteln wenig streng psychologische Einsicht. In neuerer Zeit ist der Schwachsinn ungleich mehr zum Gegenstand medizinischer, psychologischer und pädagogischer Untersuchung und Behandlung gemacht worden, besonders Kraepelin, Koch, Berkhan, Trüper, Ziehen, Ufer, Laquer u. a. haben in dieser Beziehung erfolgreich gearbeitet. Ihrer Tätigkeit, wie den Vorarbeiten der Schule Wundts und der Assoziationspsychologie der Engländer ist es zu danken, wenn heute über das Wesen des Schwachsinns wenigstens einigermaßen Klarheit geschaffen worden ist. Nach Ufer hat der Schwachsinn im allgemeinen etwa folgende psycho-physiologische Grundlage:

Wird ein normal leistungsfähiges Sinnesorgan affiziert, so pflanzt sich der Reiz in Form von Bewegung durch den Nerv fort und erregt schließlich in der Großhirnrinde eine Ganglienzelle, womit dann eine bestimmte Empfindung verbunden ist, — die Perzeption. Soll diese Perzeption aber rechter Art sein, so muß die betreffende Stelle nicht bloß in Erregung geraten, sondern diese Erregung muß auch fixiert werden, d. h., sie muß in einen dauerhaften Zustand versetzt werden, der zwar nicht Bewegung ist, wohl aber zum Uebergang in Bewegung reizt, und zwar zum Uebergang in direkte Bewegung, die einmal vor sich gegangen ist: kurz gesagt, es muß eine Disposition zur Wiederholung jenes Zustandes zurückbleiben, die auf geeigneten Anlaß wieder in Bewegung übergehen kann. Psychologisch ausgedrückt heißt das: die einmal erworbene Vorstellung muß reproduziert werden können.

Hier hat man sich vor der Ansicht zu hüten, als geschehe die Reproduktion einer Vorstellung von psychischer Seite aus ganz selbständig, als habe sie nicht Bewegungsvorgänge im Gehirn zur Voraussetzung. Im Gegenteil, physiologische und psychische Vorgänge hängen hier aufs engste zusammen. Ob nun eine Disposition in der Ganglienzelle zurückbleibt, ob, wie man sich auch wohl ausdrückt, ein Erinnerungsbild im Gehirn niedergelegt wird, das hängt nicht allein von der mehr oder minder günstigen Beschaffenheit des Sinnesorgans ab, sondern auch von der Beschaffenheit der betreffenden Ganglienzelle. Ist das Sinnesorgan stumpf, so wird die Ganglienzelle, auch wenn sie normal ist, zu wenig erregt, als daß ein deutliches, lebhaftes, dauerndes Erinnerungsbild in letzterer niedergelegt werden könnte. Ist aber die Ganglienzelle nicht von geeigneter Beschaffenheit, so erzeugt ein energischer Sinnenreiz vielleicht dennoch kein lebhaftes Erinnerungsbild, weil die Bewegung in der Zelle sich zu träge und langsam vollzieht, als daß bei der Schnelligkeit des Reizes die notwendige Veränderung vor sich gehen könnte; oder die Veränderung geht prompt und energisch vor sich — es entsteht eine lebhafte Empfindung — aber der dadurch geschaffene Zustand wird nicht genügend fixiert, die Nachhaltigkeit des Erinnerungsbildes entspricht nicht der Stärke der Empfindung. Stellen wir uns nun vor, daß beispielsweise von den Sinneswirkungen eines Stückes Zucker in den Ganglienzellen Erinnerungsbilder niedergelegt sind, in der einen Zelle ein Erinnerungsbild von der Empfindung süß, in einer anderen ein solches von weiß, in einer dritten von schwer — von weiteren nicht zu reden. Stellen wir uns weiter vor, daß diese Erinnerungsbilder deutlich und dauerhaft eingeprägt, gut fixiert sind, so ist eine wesentliche Vorbedingung der Wiedererweckung des Erregungszustandes in den drei Nervenzellen erfüllt; aber es fehlt noch eine zweite: die eine Eigenschaftsvorstellung muß an die andere erinnern, sie ins Bewußtsein ziehen. Dazu sind gewisse Verbindungen, Leitungsbahnen, zwischen den einzelnen Ganglienzellen nötig, welche die jeweilig in Betracht kommenden Erinnerungsbilder gleichzeitig aus dem latenten in den aktuellen Zustand versetzen.

Es ist nun klar, daß zur deutlichen, dauerhaften Reproduktion zweierlei gehört: zunächst eine entsprechende Beschaffenheit der Ganglienzellen, sodann eine entsprechende Beschaffenheit der Leitungsbahnen. Sind hier Störungen vorhanden, so werden Vorstellungsgruppen nur schwach und unvollständig zusammengebracht. Auf das gesamte Geistesleben angewandt heißt das: bei einer mangelhaften Beschaffenheit der Ganglienzellen und der sie verbindenden Assoziationsfasern herrscht ein zerstreutes, oft schwaches, unsicheres und untreues Vorstellungsleben — der Schwachsinn ist vorhanden.

Die ärztliche Wissenschaft ist gegenüber dem angeborenen Schwachsinn so gut wie machtlos; eine Heilung kennt sie nicht. Da muß die ärztliche Fürsorge platzgreifen, indem sie Eltern und Erzieher bei der Auswahl geeigneter Unterrichts- und Erziehungsanstalten für Schwachsinnige und Schwachbegabte in sachkundiger Weise unterstützt. In der Volksschule, wo der gemeinsame Unterricht von Normal- und Schwachbefähigten zu höchst ungesunden und unerträglichen Zuständen führen muß, hat sie dahin zu wirken, daß die Einrichtung besonderer Hülfskurse, Hülfsklassen oder Hülfsschulen — nach Ascher eine sozialhygienische Aufgabe ersten Ranges — erfolgt. Ob man dabei die Norm aufstellt, die Stadtschulrat Dr. Wehrhahn-Hannover auf dem ersten Hülfsschulverbandstage erfolgreich befürwortete, nämlich, daß in jeder Stadt von über 20 000 Einwohnern eine Hülfsschule am Platze sei, ist zunächst ebenso eine Frage von sekundärer Bedeutung wie die, ob bei allen Hülfsschulen, wie Dr. Laquer dies verlangt, die Schaffung von Internaten anzustreben sein soll; Hauptsache ist und bleibt, daß Vorsorge getroffen wird, um die Schwachbegabten und die Schwachsinnigen (von Idioten ist hier gar nicht die Rede) gesondert zu unterrichten, damit eine frühzeitige, für die spätere Behandlung wertvolle Erkennung der verschiedenen Grade des Schwachsinns unmöglich wird und damit die Kinder in richtiger, ihrem beklagenswerten Zustande bis ins Einzelne und Nebensächliche angepaßter Weise behandelt, geistig unterrichtet und sittlich gefördert werden können.

Wie Rektor Reinke 1897 an die Diesterweg-Stiftung berichtete, in deren Auftrage er damals die Schulen für Schwachsinnige in Deutschland besichtigt hatte, war Dresden die erste deutsche Stadt, die auf Anregung der Lehrer Kern, Stoetzner und Steuer 1867 eine Klasse für schwachbefähigte Kinder eröffnete. Später folgten Hülfsklassen in Gera und Apolda (1874), Elberfeld (1879), Braunschweig (1881), ferner Hülfsschulen in Leipzig (1881), Dortmund (1883), Köln (1886), Düsseldorf, Lübeck und Aachen (1888) und Frankfurt a. M. (1889), so daß Wintermann 1897 in seiner Statistik des Hülfsschulwesens 56 deutsche Schuleinrichtungen für Schwachbefähigte aufzählen konnte, und zwar 43 selbständige, neben den Bürgerschulen bestehende Schulen und 13 einfache, an die Normalschule angegliederte Hülfsklassen. Auf diese Weise wurden 1897 von 225 Lehrkräften 4281 schwachsinnige Kinder in 202 Klassen unterrichtet. Die höchste Schülerzahl wies Köln auf (274), dem Leipzig und Breslau (205) folgten; die wenigsten Schüler zählte die Hülfsklasse in Zittau (10).

Hamburg ist in dieser Statistik vertreten mit der Hülfsschule am Eilbeckerweg, die, seit 1895 als selbständige Schule bestehend, 4 Knabenklassen mit insgesamt 76 Schülern aufwies; weiter mit der 1894 gegründeten Hülfsschule für Knaben an der II. Marktstraße, die 5 Knabenklassen mit 100 bezw. 120 Schülern zählte; ferner mit der Hülfsschule für schwachbefähigte Mädchen in St. Pauli, die seit 1892 besteht und in vier Klassen 72 Schülerinnen aufwies, und endlich mit der 1895 gegründeten, selbständigen Hülfsschule für Mädchen in St. Georg, in der 64 Schülerinnen in 3 Klassen unterrichtet werden. Als Eltern der schwachbegabten Kinder werden in der Statistik angeführt: Mehrzahl Arbeiter; vom Offizier bis zum Arbeiter; durchweg Arbeiter, einzelne Kinder sind aus höheren Ständen; Arbeiter.

Inzwischen hat die Zahl der Städte mit Hülfsschulen oder -klassen die 100 bereits überstiegen. Schon 1900 gab Wintermann 100 mit 7013 Kindern an, neuerdings berichtet Damaschke von 174 Hülfsschulen, in denen rund 15 000 Kinder unterrichtet werden. In Sachsen weisen 20 Städte Hülfsschulen auf, außerdem existiert eine Landesanstalt für blinde, taubstumme und schwachsinnige Kinder in Chemnitz-Altendorf, die aber unbegreiflicherweise unter der Leitung eines Geistlichen steht. Die Zahl der in Preußen bestehenden Hülfsschulen wird neuerdings auf 91 angegeben, die sich auf 42 Städte verteilen und 4728 Kinder in 233 Klassen unterrichten. Obwohl die Leistungen amtlicherseits als „durchweg genügend, zum nicht geringen Teile sogar recht gut“ bezeichnet werden, ist es doch Tatsache, daß nur eine ganz verschwindend geringe Anzahl von Kindern der Hülfsschulen in die Volksschule zurückversetzt werden kann.

II.

Die Aufnahme der schwachbegabten und schwachsinnigen Kinder in die Hülfsschule erfolgt fast überall nach vorangegangener schulärztlicher Untersuchung, nur in wenigen Schulen ohne diese. Um über das Wesen der Kinder möglichst nach allen Seiten hin für den Arzt wie für den Erzieher klaren Aufschluß zu erhalten, hat man in zahlreichen Hülfsschulen sogenannte Beobachtungsbogen eingeführt, die Eintragungen in folgende Rubriken verlangen: Angaben über Eltern, über Geschwister, über häusliche Verhältnisse, erbliche Belastung, Krankheiten, Gemüts- und Charakterzustand usw. Diese Beobachtungsbogen sind für die Erforschung der Ursachen all der verschiedenartigen geistigen Defekte der Kinder von großer Wichtigkeit. Je mehr sich über psycho- und neuropathische Belastung, über geistige und sittliche Qualitäten der Eltern und Blutsverwandten, über Kriminalistik, Trunksucht, Charakterveranlagung der Erzeuger usw. erforschen und nachweisen läßt, um so beachtenswerter und wertvoller sind die Fingerzeige, die man für die Erforschung der Ursachen und für die medizinische und pädagogische Behandlung der Defekte gewinnt. Es steht z. B. fest, daß ein hoher Prozentsatz der Hülfsschulbesucher psychopathisch veranlagt ist. Bei vielen bleibt die Veranlagung im Stadium der Disposition, bei anderen entwickelt sie sich zu einer psychopathischen (erblichen) Belastung, die sich wiederum steigern kann zu einer psychopathischen Degeneration, vielleicht gar zu einer Psychose oder einer eigentlichen Geisteskrankheit. Trüper meint, daß, wenn beide Eltern psychopathisch belastet sind, auch die Kinder die Anlage mit auf die Welt bekommen, d. h., es liegt die Möglichkeit vor, daß das Kind die Eigenschaften der Eltern annehmen kann. Umstände, z. B. eine entgegenwirkende Erziehung, können dies jedoch verhindern, im anderen Falle aber auch fördern. Letzteres wird geschehen, wenn die fehlerhaften Eigenschaften der Eltern das Kind stetig erziehlich beeinflussen, so daß das Kind möglicherweise in den Fehlern und Schwächen der Eltern seine Ideale erblickt. Aus welchem Grunde es sich dann empfiehlt, das Kind, sobald sich eine auffallende Belastung zeigt, wenigstens vorübergehend in andere, diese hemmende Umgebung zu versetzen.

Neben dem angeborenen Schwachsinn unterscheidet man den erworbenen. Er kann mancherlei Ursachen haben. In oberen Gesellschaftsklassen häufiger als in unteren begegnet man der Erscheinung, daß mäßig schlecht begabte Kinder zum Besuch höherer Schulen gezwungen werden und eine Unmenge wissenschaftlichen Stoffes verarbeiten müssen, ohne dazu im stande zu sein. Diese Ueberreizung kann Schwachsinnigkeit zur Folge haben. Fälle, wie sie E. Herrmann als eigene Erlebnisse anführt, kann man gar nicht so selten beobachten: ein Knabe mußte, sieben Jahre alt, schon lateinische und französische Wörter die Menge memorieren; nach zwei Jahren trug er eine gefährliche Hirnentzündung davon; ein anderer Knabe saß mit neun Jahren schon in der ersten Klasse des Gymnasiums, drei Jahre später mußte er wegen Krankheit die Schule verlassen und hatte später seine liebe Not, in der Volksschule mit fortzukommen. „Gescheite Kinder werden nicht alt,“ sagt der Volksmund, und in der Tat hat es sich bewahrheitet, daß ehemalige Wunderkinder in verhältnismäßig großer Anzahl später geistig sehr zurückgegangen oder ganz verblödet sind. Moreau hat in seinem Buche „Der Irrsinn im Kindesalter“ hierüber ein ganzes Kapitel geschrieben.

Für viele Kinder, namentlich im jüngeren Alter, bedeutet auch unser heutiger Schulunterricht eine geistige Ueberbürdung, die, wenn auch nicht zu Schwachsinnigkeit, so doch zu einer größeren oder geringeren Stumpfheit des Intellekts führen kann. Trüper fand in einer Kleinkinderschule drei- bis fünfjährigen Kindern alle „messianischen Weissagungen“ eingeprägt — man mache sich einen Begriff, welche Leistungen dem Gehirn der Kinder dann erst mitunter in der Schule zugemutet werden mögen! Zahlreiche Physiologen, es sei hier nur an Mosso erinnert, sind der Ueberzeugung, daß ein Kind von sechs bis neun Jahren noch gar nicht die erforderliche Reife seines Gehirns aufweist, um ohne Gefahr für die Entwicklung seines Geistes und Körpers lesen, schreiben und rechnen zu lernen, Gebete und Sprüche zu memorieren, sich in religiösen Gedankengängen zu bewegen, kurzum, die Aufgaben zu erfüllen, die heute der Schulunterricht an das Kind in diesem Alter stellt. Trotzdem werden den Kindern diese Arbeiten noch immer zugemutet; die meisten von ihnen werden dadurch überbürdet, viele zum dauernden Schaden für ihre geistige Leistungsfähigkeit. Am meisten trägt das erste Schuljahr bei, nicht bloß den Geist, sondern auch — nach Preyers Ansicht — das Gehirn zu verbilden! das Schreib- und Lesezentrum entwickelt sich hypertrophisch auf Kosten der übrigen Gehirnteile. Man schlage die erste beste, behördlich empfohlene, amtlich eingeführte Schulfibel auf, die das einzige Lernbuch während des ersten Schuljahres bildet: Ruf, ruf, reif, meist, reist, feist, faust, lau, laut, lauf, mal, faul, weil. — Die Zitrone ist eine Frucht. Die Zigarre glimmt. Ich habe eine Zensur bekommen. Der Chor singt einen Choral usw. Mit diesem Unterrichtsstoff, diesem leeren, trockenen Stroh müssen sich nun die armen Gehirne der Kinder während des größten Teils der Unterrichtszeit, wie während der meisten Hausarbeitsstunden tagaus, tagein, jahraus, jahrein abquälen, mündlich wie schriftlich martern und plagen. Darf es uns da wundern, wenn der Geist verkrüppelt? Ist nicht unsere Schule häufig genug direkt eine Schule der Schwachsinnigkeit und geistigen Verödung? Man braucht sich nur die Mengen des religiösen Memorierstoffs, die noch immer dem bedauernswerten Gedächtnis der Kinder einverleibt werden müssen, zu vergegenwärtigen und weiter zu bedenken, welche Vergewaltigungen und Mißhandlungen der gesunden Vernunft diese Memorierstücke meist in sich schließen, und man wird keiner Antwort auf diese Frage mehr bedürfen.

Die meisten und gewichtigsten Ursachen der Schwachsinnigkeit gehen jedoch auf unsere sozialen Verhältnisse zurück. Das Heer der geistig Minderwertigen ist ein Heer von Anklägern gegen unsere kapitalistische Gesellschaft; denn jene Zehn- und Hunderttausende auf dem Wege zur Idiotie sind in der Hauptsache Produkte unserer jammervollen wirtschaftlichen und sozialen Zustände, die zum Himmel schreien, die aller Gerechtigkeit entbehren, die auf der einen Seite einer kleinen Anzahl Menschen die Möglichkeit geben, Berge von Gold aufzuhäufen, während auf der anderen Seite Millionen ein Leben voll Armut, Elend, Schande und Laster dahinleben, oft nicht wissend, womit sie den quälenden Hunger stillen und wohin sie ihr sorgenzermartertes Haupt legen sollen, die ihren Nachwuchs krank zur Welt bringen, weil ihr abgezehrter, welker, ausgemergelter Körper gesunder Frucht nicht mehr fähig ist, und die weder genügend Nahrung, noch Pflege, weder gesunde Wohnung noch geordnete Häuslichkeit, weder Wartung noch Erziehung bieten können. Es steht fest, daß die Schwachsinnigen in überwiegender Mehrzahl Arbeiterkinder sind, daß ein hoher Prozentsatz von ihnen unehelich geboren ist, ein anderer schwindsüchtigen oder trunksüchtigen Eltern entstammt. Dr. Cassel-Berlin, der 129 minderwertige Kinder untersuchte, konstatierte, daß 62 pZt. von ihnen erst nach dem zweiten Lebensjahr laufen, 44 pZt. erst nach dem dritten Lebensjahr sprechen gelernt hatten. Schulärztliche Untersuchungen haben ergeben, daß kaum die Hälfte aller Volksschüler gesund ist, daß za. 25 pZt. an mehr als einer krankhaften Erscheinung leiden; ja, Dr. Gastpar-Stuttgart fand nur 15,7 von 10 000 Kindern, bei denen der Gesundheitszustand normal war. Der durch den Mangel an Albuminaten bedingte schlechte Ernährungszustand der armen Kinder bewirkt eine viel größere Empfänglichkeit für Krankheiten; so finden sich bei mangelhaft genährten Kindern häufige und schwere Darmkatarrhe und Brechdurchfälle, Skrofeln, Englische Krankheit, Bronchialkatarrhe, Schwindsucht, Lungenentzündung, Krankheiten der Augen und Ohren, des Gehirns, schlimme Folgen des Keuchhustens, der Diphtherie, der Masern, des Scharlach usw. In solchen geschwächten, siechen, kranken Körpern bleibt natürlich für die Entwicklung der Geistesgaben nichts übrig; das Gehirn wird schlecht mit Blut versorgt, bleibt infolgedessen im Wachstum und in der Reife zurück, die Nerven sind mangelhaft ernährt, leiden an Ueberreizung infolge Schwäche und funktionieren nicht wie bei gesunder Körperverfassung. Dazu kommt der Aufenthalt in dumpfen, engen, feuchten Wohnungen, das Fehlen geregelter Hautpflege und Körperbewegung, frühzeitige Erwerbstätigkeit usw. Die ganze erdrückende Schwere des sozialen Elends, unter dem das Proletariat leidet und blutet, drückt eben auch dem lichtlosen, traurigen Kapitel von den schwachsinnigen Kindern das charakteristische Gepräge auf.

Nur ein paar Beispiele: In der „Zeitschrift für Schulgesundheitspflege“ teilte vor einiger Zeit Dr. Wegener mit, daß in der Nachhülfsklasse der Stadtschule zu Wasungen i. Thür. 25 Knaben und 10 Mädchen untergebracht seien, obwohl der ganze Ort nur 587 Volksschüler zählte. Die Ursachen dieses ungewöhnlich hohen Prozentsatzes (6 pZt.) seien in den außerordentlich traurigen sozialen Verhältnissen jener Gegend zu suchen. Auf einen geradezu kümmerlichen Verdienst angewiesen, lebt ein großer Teil der meist aus Heimarbeitern bestehenden Bevölkerung nur von Brot, Kartoffeln und Schnaps. Um ihren Lebensunterhalt zu erschwingen, sitzt die ganze Familie mit Einschluß der kaum der Wiege entwachsenen Kinder in ihrer engen Stube, die meist zugleich als Schlafstube und Küche dient, von früh bis in die Nacht, um Masken oder andere Attrappen zu bemalen und fertig zu machen, oder in der Schuhmacherei zu helfen. Neben den erwachsenen Männern und Frauen trinken Schnaps auch schon die Schulkinder; sie trinken ihn und genießen ihn mit Zucker vermischt auf Brot gestrichen. Selbst den Säuglingen wird Schnaps, mit Zucker gemischt, in die Gummisauger gefüllt. Vererbung und die elende Ernährung im Verein mit ungesunden Wohnungen haben den hohen Prozentsatz schwachsinniger Kinder verschuldet, die meist auch körperlich degeneriert sind. Die Kinder der Hülfsschule stehen an Größe und Gewicht um 3 bis 4 Jahre hinter ihren Altersgenossen zurück und zeigen schwere Formen der englischen Krankheit und Skrophulose.

In Dresdener Schulen, wo in einem Jahre die Körperlänge von 57 000 Kindern gemessen wurde, stellte man fest, daß die Sitzengebliebenen durchschnittlich ein halbes Jahreswachstum kleiner waren als die gleichalterigen nicht Sitzengebliebenen. Bei Kindern, die wiederholt sitzengeblieben waren, zeigte sich eine noch größere Differenz. Es besteht also nachgewiesenermaßen ein Parallelismus zwischen körperlicher und geistiger Entwicklung, und zwar dergestalt, daß die geistige Entwicklung im allgemeinen in demselben Maße beeinträchtigt wird, in dem die körperliche durch die Ungunst der Verhältnisse Schaden leidet.

Daß besonders auch der Alkoholgenuß, der in der Hauptsache eine der Begleiterscheinungen des Elends ist, in hohem Maße auf die geistige Verfassung der Kinder einwirkt, ist bekannt, nur wird dies leider zu wenig beherzigt. Medizinische Autoritäten haben seit Jahren an die Eltern, die ihre Kinder körperlich wie geistig gesund erhalten wollen, die dringende Mahnung gerichtet, diesen keine geistigen Getränke zu verabreichen. Aber auch die Vergiftung des Lebenskeims durch Alkohol schließt eine große Gefahr für das Kind in sich: trunksüchtige Eltern, dem Alkoholgenuß ergebene Väter haben fast immer schwachsinnige Kinder. Die Erzeugung im Rausch ist nach der Ueberzeugung vieler Mediziner, besonders Psychiater, die sicherste Ursache der Geistesschwäche des künftigen Kindes. Ein einziger Rausch bei einem sonst nüchternen Menschen kann — wenn die Erzeugung eines Kindes in diesem Rausche erfolgt — völlig genügen, um das Elend lebenslänglicher geistiger Minderwertigkeit aller Grade einem bedauernswerten Wesen aufzubürden. Bourneville fand unter 1000 Idioten Alkoholismus des Vaters in 471, der Mutter in 84, beider in 65, im ganzen also in 620 Fällen. Dabei konnte in 57 Fällen mit Sicherheit, in 24 mit Wahrscheinlichkeit Trunkenheit während des Zeugungsaktes nachgewiesen werden. Dahl fand, daß 50 bis 60 pZt. der Idioten von trunksüchtigen Eltern abstammen. Howe berechnet 48,3 pZt. Die Insassen der deutschen Irrenanstalten sind bis zu 60 pZt. Kinder von Trinkern. Genaue Schülerstatistiken aus Wiener, Leipziger und Bremer Schulen weisen nach, daß die schwächsten und leistungsunfähigsten Schüler diejenigen sind, die alkoholische Getränke in kleineren oder größeren Mengen genießen. In weingesegneten Gegenden vermögen die Lehrer nach dem geistigen Stande ihrer Schulklassen zuverlässig Aufschluß zu geben über die Güte der Weinjahre — je besser der Wein, desto dümmer die Kinder, die in dem betreffenden Jahre erzeugt wurden. Die Hoffnung auf die Zukunft der Arbeiterklasse beruht auf der Revolutionierung der Gehirne. Darum ist ihr größter Feind, wer diese Gehirne verdirbt, wer sie beeinträchtigt in ihrer Funktionsfähigkeit. Dies tut der Alkohol. Darum fort mit ihm.

Doch nicht bloß Alkohol — auch Elend, Armut, Hunger, Krankheit, Ueberarbeitung — die ganze endlos lange Reihe der Leiden und Nöte, unter denen das Proletariat seufzt und ächzt. Machen wir der Armut und dem Hunger ein Ende, geben wir der Menschheit würdigere Lebensverhältnisse, beseitigen wir Ausbeutung und Knechtung, Wucherzölle und Hungertarife, zertrümmern wir den Klassenstaat und arbeiten wir unablässig an unserer Aufrichtung und Erstarkung, Gesundung und Erziehung, dann wird das Geschlecht der Zukunft körperlich wie geistig gesund und kräftig, lebenstüchtig und leistungsfähig genug sein, um das Erbe zu verwalten, das ihm die voraufgegangene Entwicklung als heiliges Vermächtnis hinterlassen hat.


Fuente: Otto Rühle, «Schwachsinnige Kinder» I-II, Hamburger Echo, 19. Jg., Nr. 295, 17. Dezember 1905, Zweite Beilage, pág. 9 (OR1905-50), y Nr. 299, 22. Dezember 1905, Erste Beilage, pág. 1 [5] (OR1905-51). Las dos entregas se transcriben desde las imágenes de las páginas digitalizadas por la Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (Deutsches Zeitungsportal; para la entrega I, pic.sub.uni-hamburg.de, PPN1754726119_19051217, imagen 9), en Fraktur, con el OCR del proveedor como apoyo. La entrega I se estableció primero solo desde el OCR y se ha cotejado después con la imagen de la pág. 9, lo que ha corregido varias conjeturas: «Wintermann» (no «Kielhorn»), «Berkhan» (no «Wehrhahn»; Wehrhahn-Hannover sí aparece más abajo), «Stummen», «Laqueur-Frankfurt» (así en el impreso; más abajo, «Laquer»), «Stoetzner», «organische Verbindung», «direkte Bewegung», y ha restituido el espaciado (cursivas) y los párrafos del impreso. Se conserva la errata del impreso «Erkennung der verschiedenen Grade des Schwachsinns unmöglich wird», donde el sentido pide «ermöglicht». Existe una versión anterior del mismo título en Freie Stunden (Altenburg), 12 y 19 de marzo de 1905 (OR1905-10 y OR1905-12), no disponible. Un extracto de la entrega II («Neben dem angeborenen Schwachsinn…» hasta «…trunksüchtigen Eltern entstammt», con omisiones) se reprodujo con el título «Soziale Ursachen des Schwachsinns» en Vorwärts, 22. Jg., Nr. 301, 24. Dezember 1905 (OR1905-53), citando al Hamburger Echo.