Ferienwanderungen der Volksschüler.
Unsere Volksschule ist nicht imstande, ihre Aufgaben zu erfüllen. Mangelhafte Organisation, unzeitgemäße Methode und vielfach ganz unzulängliche Vorbildung der Lehrkräfte hindern sie daran. Der Schulwagen — ein Bild von Pestalozzi — steckt tief im Sumpfe. Die körperliche Erziehung der Jugend wird so gut wie völlig vernachlässigt, die geistige schreckt durch ihre Unfruchtbarkeit und Einseitigkeit, die sitt-liche ist verfehlt in ihren Mitteln und ihrer Tendenz. Um aber doch Erfolge aufweisen zu können, greift man zu den verschiedensten Hülfen und Hülfsmitteln. Wenig wählerisch oft und meist ohne die Fähigkeit zu deren sinngemäßer und zweckmäßiger Anwendung. Und — ausgerechnet! — nie mit sicherem Griffe das erfassend, was einzig wirklichen Erfolg verspricht. So richtet man Qualitätsklassen ein, ändert am Lehrplan herum, verpflanzt die Kunst in die Schule, verlegt den Unterricht auf den Vormittag, veranstaltet Ferien-Fortbildungskurse für Lehrer — was weiß ich noch. Der Erfolg ist aber immer negativ und die Schulerziehung bleibt ein ewiges Experimentieren. Auch bei den Ferienwanderungen, die neuerdings von Leipzig aus aufgekommen sind und nun auch in Berlin eingeführt werden sollen, handelt es sich um ein Experiment.
Um gegen die einseitige geistige Beschäftigung und das qualvolle stille Schuledasitzen der Kinder und gegen die daraus sich ergebende frühzeitige geistige Abspannung und körperliche Erschlaffung ein Gegengewicht zu schaffen, hat auf Anregung des Leipziger Schuldirektors Dr. Beyer die Leipziger Ortsgruppe des Deutschen Vereins für Volkshygiene 1900 die Einrichtung getroffen, Schüler und Schülerinnen der Volksschule während der Ferien Gelegenheit zu kleineren und größeren Wanderungen in Verbindung mit physischer Arbeit zu geben. Eine Art Arbeitsunterricht in zwanglosester Form. Um die Befriedigung des Tätigkeitstriebs der Kinder ist es der Veranstaltung in erster Linie zu tun, doch soll die Arbeit nicht „stubenhockerische Handarbeit“, sondern „ambulatorische Fußarbeit“ sein, die das Freie und die frische Luft liebt, sie soll „durch erzieherisch erdachte Aufgaben abwechselungsreich und interessant gemacht“ werden und die Jugend in der Heimat festhalten, damit diese die heimatlichen Felder und Fluren kennen lernt und lieb gewinnt. Die Anbahnung eines engeren Freundschaftsverhältnisses zwischen Großstadtkindern und Natur ist die zweite große Hauptaufgabe der Wanderungen. Besonders sollen die Kinder solcher Eltern herangezogen werden, die ihren Kleinen während der Ferien nichts zu bieten vermögen; statt daß diese Kinder auf der Straße liegen und verwahrlosen, sollen sie unter Führung kinderfreundlicher Erwachsener angeleitet werden zu nützlichen Beschäftigungen aller Art, zu Spiel und körperstärkendem Aufenthalt im Freien.
In Leipzig haben sich bis jetzt nur schulpflichtige Kinder (1904 insgesamt 1329) an den Wanderungen beteiligt, doch soll auch, wie in München, in Zukunft die schulentlassene Jugend heranzuziehen versucht werden. Nach einer Schilderung der Leipziger Einrichtung, die Dr. Beyer in den „Blättern für Volksgesundheitspflege“ veröffentlichte, werden die Kinder immer in Gruppen von 25 bis 30 Teilnehmern eingeteilt, unter denen stets einige kostenlos mitgenommen werden. Jede Gruppe steht unter Führung einer erwachsenen Person, die nicht gerade dem Lehrerstande anzugehören braucht, wenn sie nur sonst für die eigenartige Erziehungsaufgabe, die hier vorliegt, pädagogisches Verständnis hat. Die Beschäftigungen finden in allen Ferien statt, vorläufig allerdings noch mit Ausschluß der Weihnachtsferien, für die aber bei gegebener Veranlassung auch noch solche Beschäftigungen eingerichtet werden sollen (Eislauf, Schlittenfahrten, Schneeballenschlachten, Bau von Schneemännern, Schneeburgen, Schneeschanzen usw., Skilaufen, Rennwolffahren). Beschäftigt wird die Jugend einen Tag um den anderen. An jedem beschäftigungsfreien Tage der Sommerferien nehmen die Kinder in einer Bade-Anstalt ein Bad, wozu sie vom Verein die Marken bekommen. Auch auf den Wanderungen läßt man sich ein Bad nicht entgehen, sobald es die Umstände irgend erlauben. Diejenigen Tage, an denen zugleich gewandert, gebadet, womöglich auch noch gespielt wird, stehen bei den Kindern am höchsten in der Erinnerung. Der Wechsel von Wandern und Baden soll der Anfang einer geregelten Körperpflege sein und hat sich als solcher auch bewährt. Die Wanderungen sind fast ausschließlich eintägig, die Kinder kehren also in der Regel abends wieder nach Hause zurück. Gruppen, die sich auf ihren Wanderungen bewährt haben, können die Erlaubnis erhalten, versuchsweise zwei- oder auch mehrtägige Wanderungen zu machen. Für die Verpflegung der Kinder während der eintägigen Wanderungen dürfen nur ganz minimale Kosten erwachsen: in der Regel nur die Straßenbahngroschen, um früh aus der Stadt hinaus und abends wieder herein zu gelangen. Für den Tagesbedarf sind die Kinder vom Elternhause aus mit Proviant zu versehen, ein alkoholfreies Erfrischungsgetränk führen sie in der Feldflasche mit sich. Eingekehrt in Wirtshäusern wird so wenig wie möglich. Neuerdings wird häufig Kochgeschirr zur Bereitung eines einfachen Mittagessens (Brühwürstchen, Erbswurst ꝛc.) im Freien, sowie Kaffees oder Kakaos auf die Wanderfahrten mitgenommen; gerade solche Fahrten gelten bei den Kindern als die gelungensten. Am Schlusse einer Anzahl von Wanderungen wird ein Fest gefeiert. So am Schlusse der Sommerferien ein Spielfest in einem großen Parkrestaurant, das eine eigene Spielwiese mit allerlei Spielgerät für die Jugend eingerichtet hat, am Schlusse der Herbstferien ein Kartoffelfest, zu dem sich die Schüler die Kartoffeln auf freiem Felde selbst herausgraben und am Kartoffelkrautfeuer rösten oder kochen. Knaben und Mädchen haben dabei bestimmte Arbeiten zu leisten, bis ein frugales, aber frohes Mahl — bestehend aus Kartoffeln, Gurken, Butter und Kaffee — das Fest beschließt. Leider betragen die Kosten der Wanderungen für alle Ferien — obwohl der Rat der Stadt Leipzig im letzten Jahre hierzu 2000 M. bewilligt hat — pro Kind noch immer 8 bis 9 M., eine Summe, deren Höhe manchem armen Kinde die Teilnahme an den Wanderungen und Arbeiten nicht gestattet.
In einem Vortrage, den im Januar d. J. Herr Dr. Beyer in Leipzig über die Ferienbeschäftigung von Schulkindern hielt, erwähnte er, daß viele Klassenlehrer Leipziger Schulen wünschen, die Leitung der Wanderungen selbst zu übernehmen, um bei dieser Gelegenheit manchen im Unterricht etwas stiefmütterlich behandelten oder nicht genügend verstandenen Stoff noch etwas vertiefen zu können. Dies führt auf die pädagogische Bedeutung der Ferienwanderungen. Es ist ganz natürlich, daß im Gedächtnis der Kinder derjenige Unterrichtsstoff viel besser haftet, der dem Verständnis auf dem Wege einer lebendigen Anschauung zugeführt worden ist, als derjenige, der gelernt, eingetrichtert, erbüffelt werden muß. Die vier Wände des Schulzimmers schließen den Unterricht ab von aller Natur, allem Lebendigen, von der ganzen Welt der Anschauung und des Erlebens. Man operiert mit Worten, Begriffen, leeren Formen, das Kind langweilt sich und ermüdet, das Interesse stumpft ab, die Sinne erlahmen infolge des andauernden Nichtgebrauches, der Ertrag des Unterrichts ist ein Gehäufe toten, dürren Materials, für die wirkliche Erziehung des Kindes ist nichts gewonnen. Da flößen nun die Ferienwanderungen dem trockenen Schulbetriebe neues Blut und neues frisches Leben ein. Die historischen Beziehungen der Gegend werden an der Hand der Anschauung klar gemacht, der Betrieb der Landwirtschaft wird in verschiedenen Erscheinungsformen, beim Kleinbauern und auf dem Rittergut, verfolgt, der Bau einer alten Bockwindmühle, einer Wassermühle alter Konstruktion, einer großen modernen Dampfmühle wird erläutert, eine primitive Töpferei, eine kleinere und größere Gerberei, eine Stellmacherei, eine Dorfschmiede, eine städtische Kunstschmiede, eine Seilerei älteren Betriebes und eine moderne Seilfabrik usw. werden aufgesucht. Welche Fülle von Anschauungen dringt damit auf das Kind ein! Weiter wird in den Flüssen gefischt, gekrebst, gepatscht; Sandbänke werden aufgeführt, Wasserläufe gegraben, Dämme errichtet, Wehre gebaut, kleine Teiche ausgehoben, Sandmodellierarbeiten angefertigt ꝛc., künftig soll auf einem brachliegenden städtischen Grundstücke auch Gartenarbeit verrichtet werden. Der Drang nach Tätigkeit findet nach langen Wochen systematischer Knebelung durch unsere Schulerziehung endlich Gehör, die Muskeln strecken sich, die Sehnen spannen sich, die Lunge atmet tief auf — das Kind ist wieder in seinem Lebenselement.
Und doch sind die Ferienwanderungen nur ein Palliativmittelchen, ein Notbehelf. Sollte ihr segensreicher Einfluß eine tiefere, umgestaltende Wirkung auf den ganzen heutigen Schulbetrieb, auf den mangelhaften Organismus und die unfruchtbare Methode ausüben, müßten die Wanderungen zu einem integrierenden, organischen Bestandteil des Unterrichts werden. Nicht bloß während der Ferien wären Unterrichtsstoffe zum Zwecke einer tieferen Erfassung an die Anschauung, die Arbeit und das Erleben anzuknüpfen, die Selbsttätigkeit des Kindes hätte überhaupt in den Mittelpunkt des Unterrichts zu rücken. Heute kommt man über gutgewollte Ansätze, Versuche, Experimente nicht hinaus. Sie sind nicht zum Schaden, gewiß nicht, aber man schätze ihren Gewinn für das Ganze nicht zu hoch ein. Niemand kann über seinen Schatten springen, und die Gesellschaft von heute kann bei Gefahr eigener Vernichtung dem Volke keine Schule geben, die wirkliche Erziehungsarbeit leistet. Das Gute und Gutgemeinte, was einzelne Philanthropen schaffen und zu schaffen streben, sei gern und freudig entgegengenommen, nie aber sei dabei vergessen, daß ganze und fertige Arbeit auf allen Gebieten der Kultur das Volk selbst zu verrichten hat. —
O. R.
Fuente: «Ferienwanderungen der Volksschüler», Unterhaltungsblatt des Vorwärts, Nr. 77, 18. April 1905, págs. 306-307, firmado «O. R.». Texto establecido a partir del OCR del número completo de la Friedrich-Ebert-Stiftung (Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie, collections.fes.de/historische-presse/periodical/titleinfo/307751), corregido con la imagen del facsímil (Fraktur) en los pasajes dudosos («manchen im Unterricht», «der Ertrag des Unterrichts», «8 bis 9 M.»). «ꝛc.» como en el original. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.