An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen. Die Schule nämlich. Für die Beurteilung der Leistungsfähigkeit ihres Systems, der Zweckmäßigkeit ihrer Methode, des Wertes ihrer Arbeit bieten die Unterrichtsresultate, wie sie in den alljährlichen Osterbilanzen der Schule ziffernmäßig zutage treten und in den Versetzungen der Schüler von Klasse zu Klasse ihren Ausdruck finden, wenn auch nicht den einzigen, so doch sicher den beachtenswertesten Maßstab. Messen wir also einmal. Wieviel Schüler erreichen das Ziel der Volksschule? Wie groß ist die Zahl derjenigen, die alle Klassen glatt durchlaufen und aus der ersten, d. h. der obersten Klasse die Schule verlassen?
Es sei vorweg gesagt: Die statistischen Ziffern, die diese Fragen beantworten, sind höchst beschämend.
In Berlin hat es Jahre gegeben, in denen nur 10 Prozent aller Volksschüler bis in die Oberklasse aufrückten. Nach den Angaben über die Gemeindeschulen erreichten 1896 bis 1899 die erste Klasse 61,3 Prozent der Schüler und 62,1 Prozent der Schülerinnen, die zweite Klasse 25,9 bezw. 25,2 Prozent, die dritte 10,1 bezw. 10,3 Prozent, die vierte 2,5 bezw. 2,3 Prozent und die fünfte 0,2 bezw. 0,1 Prozent. Der Prozentsatz der nicht aus der obersten Klasse Entlassenen betrug also 38,2 Prozent, im Schuljahre 1900/1901 noch immer — nach dem Statistischen Jahrbuch deutscher Städte — 37 Prozent. In Charlottenburg wurden in den letzten Jahren in den Gemeindeschulen nur etwa 50 Prozent aus der ersten Klasse entlassen, aus der zweiten 27,4 Prozent Knaben und 31,5 Prozent Mädchen, aus der dritten 15,3 bezw. 14,4 Prozent, aus der vierten 5 bezw. 5,4 Prozent und aus der fünften 0,5 bezw. 4 Prozent. In Hamburg, dessen Volksschule sich im allgemeinen sehen lassen kann, verließen in einem der letzten Jahre die erste Klasse 59,4 Prozent, die zweite 24,4 Prozent, die dritte 11,9 Prozent, die vierte 3,6 Prozent, die fünfte 0,6 Prozent und die noch tieferen Klassen 0,04 Prozent. In Mannheim haben Feststellungen ergeben, daß 70 bis 75 Prozent der Schüler die oberste Klasse nicht erreichen, in Dresden wies ein Lehrer der 10. Bezirksschule nach, daß 13,6 Prozent aller Schüler dieser Schule, die nur Dresdner Schulen besucht hatten, Sitzenbleiber waren; rechnete er die von auswärts zugezogenen Schüler hinzu, so stieg die Ziffer auf 18,7 Prozent. Im allgemeinen erreichen in Dresden das Unterrichtsziel der Volksschulen etwa 35 Prozent der Kinder. Aehnlich liegen die Verhältnisse in vielen andern deutschen Städten, so — laut Statistik von 1900/01 — in Frankfurt a. O. (35 Proz.), Hannover und Freiburg i. B. (36 Proz.), Kassel und Karlsruhe (33 Proz.), Stettin (38 Proz.), Kiel (37 Proz.), München (32 Proz.), Mainz, Barmen und Königsberg (31 Proz.); noch höhere Prozentziffern weisen auf Altona (41 Proz.), Spandau und Liegnitz (42 Proz.), Magdeburg (49 Proz.), Danzig (50 Proz.), Halle (52 Proz.), Augsburg (54 Proz.), Görlitz (61 Proz.), Potsdam (70 Proz.) und Posen (73 Proz.); dagegen sind die Prozentsätze verhältnismäßig niedrig in Dortmund (28 Proz.), Erfurt und Wiesbaden (27 Proz.), Bremen (26 Proz.), Chemnitz, Bochum und Leipzig (25 Proz.), Köln (24 Proz.), Essen (23 Proz.), Breslau und Würzburg (22 Proz.), Plauen i. V. und Düsseldorf (21 Proz.), Frankfurt a. M. (18 Proz.), Zwickau und Straßburg (16 Proz.), Metz (12 Proz.) und Stuttgart (7 Proz.). Abgesehen von diesen letzten Ziffern sind die Ergebnisse der Statistik durchweg unerfreulich, denn sie beweisen, daß unsre Volksschule im allgemeinen nur höchstens die Hälfte der Schüler zu dem Unterrichtsziele zu führen vermag, zu dem alle zu führen ihre Aufgabe ist. Es müssen also schwere Mängel der inneren oder äußeren Organisation vorhanden sein, die diesen peinlichen und bedauerlichen Mißerfolg bedingen.
Der Mannheimer Stadtschulrat Dr. Sickinger hat sich bemüht, diese Mängel ausfindig zu machen; er glaubt, sie in der Ueberfüllung der Schulklassen, der allzu nachsichtigen Behandlung der Versäumnisse, den Dispensationen vor erfüllter Schulpflicht, vor allem aber in der großen Verschiedenheit der Bildungs- und Leistungsfähigkeit der Schüler gefunden zu haben. Das zuletzt genannte Moment ist für ihn der Anreiz zum Aufbau eines neuen Schulklassensystems geworden, das in pädagogischen Kreisen lebhaft erörtert und diskutiert, von den einen himmelhoch gepriesen, von den andern als verfehlt und wertlos verworfen wird.
Dr. Sickinger verlangt sog. Qualitätsklassen, entsprechend der geistigen Veranlagung und Leistungsfähigkeit der Kinder, und zwar 1. solche für krankhaft schwach veranlagte Schüler (Hilfsschulen), 2. solche für Schüler, die aus den mittleren Klassen entlassen werden müssen, 3. solche für die gut und übermittel veranlagten Schüler. Bis jetzt hat er in Mannheim vier Förderungs- und zwei Abschlußklassen für je ein Schulsystem durchgesetzt; die Förderungsklassen schließen sich an die Normalklassen des 1., 2., 3. und 4. Schuljahres, die Abschlußklassen an die Normalklassen des 5. und 6. Schuljahres an. In diesen Parallelklassen, wie man sie nennen könnte, ist die Schülerzahl gering bemessen (höchstens 30) und außerdem für einzelne Fächer noch in Abteilungen gegliedert, so daß die Lehrer, die besonders pädagogisch durchgebildete, im Unterrichten äußerst gewandte und erfahrene Leute sein müssen, sich immer nur mit ganz wenig Kindern beschäftigen. Alle Kinder, die in die Schule aufgenommen werden, kommen zunächst in die normale Unterklasse und machen diese durch. Hierauf erfolgt eine Scheidung der Schwächeren von denen, die den Anforderungen genügen. Die Schwächeren absolvieren nun die erste Förderungsklasse, bis das Jahr herum ist. Dann tritt eine neue Auslese ein, die ganz Ungenügenden werden der Hilfsschule überwiesen, die Mittelmäßigen rücken in die zweite Förderungsklasse auf, und die Besseren, bei denen meist soziale oder gesundheitliche Verhältnisse ihre geistige Entwicklung hemmten, treten in die zweite Normalklasse ein. Und so fort auf den weiteren Stufen. Die Abschlußklassen haben den Zweck, den aus den mittleren Klassen abgehenden Schülern wenigstens in etwas eine abgerundete und abgeschlossene Schulbildung mit auf den Weg zu geben. Von den Fächern und Stoffen der Oberklassen sollen sie wenigstens das Notwendigste und Begreiflichste erhalten.
Während Dr. Sickinger so in Baden Ansätze und Vorarbeiten für sein Qualitätsklassensystem schafft und — wie berichtet wird — sehr gute Erfolge damit erzielen soll, arbeiten in Zürich Stadtrat Fritschi und in Sachsen der frühere Schuldirektor, jetzige Seminaroberlehrer Dr. Seyfert in Annaberg in demselben Sinne. Wie schon bemerkt, steht ein großer Teil der Lehrerschaft den Versuchen der drei genannten Pädagogen, von denen Dr. Sickinger und Dr. Seyfert als Theoretiker und Praktiker eines ausgezeichneten Rufes sich erfreuen und als unermüdliche Reformer und Verbesserer des Volksschulwesens bekannt sind, noch sehr skeptisch und reserviert, wenn nicht direkt ablehnend und feindlich gegenüber. Und dies nicht mit Unrecht.
Es werde hier von schulpädagogischen Einwänden ganz abgesehen, nur zwei Punkte seien ins Auge gefaßt. Der erste: daß das Unterrichtssystem Dr. Sickingers im Grunde antisozial ist. Die letzte Konsequenz der Trennung der Kinder nach Fähigkeiten ist nämlich der Einzelunterricht, denn die Behauptung, daß der Minderbefähigte den Besserbefähigten im Unterricht hemme, bleibt, wie bei 60 und mehr, auch noch bei 10 und weniger Schülern im vollen Umfange bestehen. Unter den Kindern der Förderungsklassen Sickingers besteht noch immer soviel Verschiedenheit in der geistigen Veranlagung, daß eine gegenseitige Hemmung möglich ist. Die Befürworter der Trennung werden also eigentlich zu Befürwortern des Einzelunterrichts, der antisozial wirkt. Und der zweite Punkt: die Trennung der Kinder nach Fähigkeiten setzt voraus, daß die Schule lediglich Wissens- und Lernschule sei. Dies soll sie aber nicht sein, wenigstens nicht bleiben, sondern sich mehr und mehr zur Erziehungsschule entwickeln, in der das Aufsteigen der Schüler zu höheren Klassenstufen nicht mehr wie heute bedingt werden soll durch die geistige Veranlagung und Leistungsfähigkeit, nein, durch die Fortschritte in der Entwicklung und Reife der Gesamtpersönlichkeit des Schülers. Wenn Dr. Seyfert diejenigen Schüler als „schwach“ bezeichnet, die „im Vergleich zu den übrigen mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu memorierende Stoffe nicht können, sie verständnislos hersagen, alles Gelernte leicht vergessen, auch auf leichte Fragen nicht oder nur verworren antworten, den langsamst fortschreitenden Entwicklungen nicht folgen, ihre Gedanken weder mündlich noch schriftlich darstellen können“; so trifft diese Charakteristik nur auf Schüler der Wissensschule zu; bei Schülern der Erziehungsschule würde die Schwäche des Intellekts nicht ausreichend sein, um ihre Rubrizierung unter die Schwachen überhaupt zu rechtfertigen, es wäre da auch die physische, psychische, moralische Seite der Schülerpersönlichkeit in Rechnung zu ziehen. Das Streben der modernen Pädagogik muß darauf hinauslaufen, unsre heutige Wissensschule recht bald in eine Erziehungsschule umzuwandeln, überzuführen; durch Experimente, wie die Sickingers und Seyferts wird aber dieser Entwicklungsprozeß aufgehalten, diese Metamorphose erschwert.
Die Mißerfolge unsrer Schule sind nicht begründet in einem Fehler der Organisation, sondern der Methode. Man mache ein Ende mit dem Memorieren und Aufsagen, Vorsprechen und Nachplappern, Aufspeichern toten Wissensstoffes und Eintrichtern abstrakter Absurditäten, dem Katechisieren und Schematisieren, der Abrichtung und dem Drill; dafür lehre man das Kind zugreifen und tätig sein, man erziehe es zum Aufbauen, Bilden, Tun, zum Produzieren, zur Betätigung seines Arbeitstriebes, kurz: zur Arbeit. Die Tätigkeit des Kindes muß den Ausgang und den Hebel der an ihm zu vollbringenden Erziehung bilden, das Prinzip der Erziehung durch Arbeit muß in der Schule herrschend werden, wenn andre Erfolge als heute ihre Arbeit lohnen sollen; Fröbels Wort werde zur Tatsache: Das Kind muß von Anfang an als ein schöpferisches Wesen betrachtet werden.
O. R.
Fuente: «Was leistet unsere Volksschule?», Leipziger Volkszeitung, 12. Jg., Nr. 74, 30. März 1905, Feuilleton-Beilage (sin paginar), firmado «O. R.». Transcripción hecha desde la imagen del número digitalizado por la SLUB Dresden (digital.slub-dresden.de/id394414608-19050330, imagen 11), en Fraktur; el OCR propio (tesseract), inservible, no se usó. Por la baja resolución de la imagen, en algunas cifras de la lista de ciudades no es segura la distinción entre 3 y 8 (Stettin, Magdeburg, Posen); las cifras de Berlín se comprobaron por suma. Se omite el lema de Schiller que encabeza el folletín, ajeno al artículo. Las cursivas reproducen el espaciado del original.