Von Otto Rühle.

Es gibt nichts, was der Jugend mehr sittlichen Halt, der in der Entwicklung begriffenen Persönlichkeit mehr moralische Festigkeit zu verleihen im stande wäre, als Ideale. Die Schwärmerei ist mehr als Zeitvergeudung und Gemütsversimpelung, sie ist ein Bildungsfaktor, ein Mittel zur Menschenerziehung von nicht zu unterschätzendem Werte. Besser zu viel geschwärmt, als zu wenig. Die nüchterne Tatsachenwirklichkeit des Lebens sorgt später schon von selbst für die nötige Korrektur des frohbegeisterten Ueberschwangs.

Der Erziehungswert der Ideale gründet sich auf die Macht des Beispiels, die durch sie wirkt. Es ist eine pädagogische Erfahrungstatsache, daß der Mensch, von dem Aristoteles sagt, er sei „ein Geschöpf, das die Nachahmung liebt“, sich mehr nach Vorbildern als nach abstrakten Lehren und theoretischen Vorschriften bildet. Das Beispiel zieht den Menschen sanft und unmerklich in seine Kreise und formt dessen Denken und Gefühlsleben spielend in seinem Sinne um. „Schreitet die intellektuelle Entwicklung des Kindes vorwärts, so daß sich sein Denken schärft und sein Erfahrungskreis vergrößert, so treten ihm eine Menge Persönlichkeiten entgegen, die ihm in guter und böser Hinsicht Beispiele geben können. Schon ziemlich frühzeitig erhebt sich das Kind auf diesen Standpunkt und wählt sich sein Ideal, dem nachzustreben es sich mehr oder weniger angelegen sein läßt. Nicht nur die Biographien bedeutender Männer, sondern auch die eigene Erinnerung belehren uns, daß jeder, wenn auch mit verschiedener Schärfe und Deutlichkeit, eine Idealpersönlichkeit hatte, der er nahezukommen trachtete, sei es nun in intellektueller oder moralischer Selbstvervollkommnung.“

Es ist deshalb für Erzieher, Kinderpsychologen und Ethiker von Interesse und Wichtigkeit, die Ideale der Kinder kennen zu lernen, einmal, um dadurch einem Einblick in die Entwicklung des Kindes zu bekommen, das andere Mal, um zu erfahren, wie die moralische Erziehung des Kindes beschaffen ist, mit welchen Mitteln sie betrieben wird und auf welcher Basis sie ruht.

Ueber die erste und bis jetzt wohl auch einzige Untersuchung, die über die Ideale der Kinder von wissenschaftlicher Seite in Deutschland vorgenommen worden ist, hat in der Zeitschrift für Pädagogik, Psychologie und Pathologie (Verlag von Herm. Walter, Berlin), im 3. Jahrgang, Heft 1, ein Schulmann, Joh. Friedrich, eingehenden Bericht erstattet. Der Verfasser hat, um über die Ideale der Kinder genauen Aufschluß zu erhalten, eine Umfrage veranstaltet, die darin bestand, daß er von Kindern über zwei Punkte Bescheid verlangte: „Welche Person ist Dein Vorbild und warum ist sie es?“ Die Ergebnisse sind in mehr als einer Hinsicht von allerhöchstem Interesse.

Es kommen in Betracht 344 Kinder, 166 Knaben und 178 Mädchen, im Alter von 11½ bis 12½ Jahren. 237 Kinder waren katholisch, 107 protestantisch.

Nach dem Gesamtergebnis der Umfrage wählten ihre Ideale 14 Kinder aus ihrem Umgange, 27 aus der Lektüre, 43 aus der Heiligengeschichte, 99 aus der Religion und Religionsgeschichte, 137 aus der profanen Geschichte; die Vorbilder von 8 Kindern waren Künstler, von 7 Erfinder und Entdecker, von anderen 7 Feldherren und von 2 Kindern irgendwelche Personen.

Es ist zunächst auffällig, daß so wenig Kinder ihre Ideale aus ihrem Umgange, also aus dem Kreise der täglich mit ihnen im engeren oder engsten Verkehr stehenden Personen gewählt haben, ferner, daß diese wenigen Kinder ausnahmslos Mädchen sind. Es wird wohl richtig sein, was Friedrich sagt, daß nämlich die Kinder, die bekanntlich scharfe Beobachter sind, meist mehr die Fehler als die guten Seiten der mit ihnen in Berührung kommenden Personen sehen und dadurch abgehalten werden, in ihnen Ideale zu erblicken. Für die Mädchen war die Leherin, für die anderen die Mutter die Idealfigur, von den übrigen erklärte sich je ein Mädchen für die Eltern, den Vater, den Onkel, die Tante, den Schulrat, den Pfarrer, den Bischof und eine Kameradin.

Die Auswahl der Ideale aus der Lektüre läßt erkennen, daß die Lektüre, so bemerkt Friedrich, entweder ungleichmäßig und unsystemathisch gepflegt und gefördert worden ist oder daß die Lektüre nicht jene Gestalten aufzuweisen hat, die die Kinder zur Nachahmung reizen. Es erhielt die meisten Stimmen (11 von 27) der wegen seiner Elternliebe bekannte Rittmeister Kurzhagen, von dem das Lesebuch der Kinder eine Geschichte erzählt; 8 Mädchen und 3 Knaben erklärten ihn für ihr Ideal. Von nur einem Knaben und einem Mädchen wurde Tell angegeben, von zwei Knaben Klinke (dänischer Krieg 1864). Des weiteren entfiel je eine Stimme auf Catharina Weißgerber (70er Krieg, Saarbrücken), den Landsknecht Schimmelmann, Tells Gattin Hedwig, Papst Sixtus V., Hofreither aus der Geschichte Richter von Hintersberg, ferner: Rosa von Tannenberg (Chr. v. Schmid), Tom (Ott. Wildermuth), Trudchen (Baron), Baas (Frz. Hoffmanns Tulpenzwiebel), die Stiefmutter (Frz. Hoffmann), Abenteurer Lenke (Indianererzählung) und Old Shaterhand (Karl May). Diese wenigen Angaben sprechen ganze Bände über die höchst einseitige, meist das Kriegs- und Soldatenleben bevorzugende Auswahl der Lesebücher-Erzählungen, sodann aber auch über die teilweise noch recht jammervolle Beschaffenheit unserer Jugendliteratur.

Wo Heilige als Ideale aufgestellt werden, macht sich „neben dem Einfluß des Geschlechts und der Religion unstreitig der Klassenhabitus bemerkbar. Die Knaben wählten keine einzige Heilige, daneben 19 Mädchen (5,7 pZt.) den heiligen Aloysius, der von der katholischen Kirche als Vorbild der Jugend verehrt wird. Mehrmals wurde auch der Namenspatron gewählt, was ebenfalls seine Erklärung in den Institutionen der katholischen Kirche findet.“ Daß überhaupt 43 Kinder (12,8 pZt.) sich für Heilige erklärten, zeigt zur Genüge, welch breiten Raum die Pflege und Kultivierung der Legende in unserer Volksschule, namentlich der katholischen, einnimmt. Niemand wird behaupten können, ohne der Wahrheit Gewalt anzutun, daß derartige erdachte, nur zur Verherrlichung der Kirche und ihrer Lehre ersonnene Geschichten der intellektuellen und sittlichen Erziehung der Jugend besonders förderlich seien.

Von biblischen Persönlichkeiten figurieren 22 als Ideale der Kinder. Paulus vereinigt auf sich 12, Joseph 9, Mutter Maria 8 und Hiob 7 Stimmen; die Charaktere dieser Personen sind den Kindern sympathisch und lassen deshalb die Wahl begreiflich erscheinen. Weniger verständlich ist es indes, daß 2 Kinder die Anna (Mutter der Maria), 3 Kinder den Abraham, 3 den David, 2 den König Hiskia, 2 den Evangelisten Johannes, 2 den Petrus und 1 den Philippus gewählt haben; und direkt unverständlich ist es, aus welchen Gründen Adam, König Ahab, Eleazar, der verlorene Sohn und andere als Ideale angesehen werden können. Man hat es hier offenbar mit Verirrungen der kindlichen Vorstellungskreise zu tun, ein Beweis dafür, daß dem in der Volksschule so nachhaltig betonten Religionsunterricht bei weitem nicht die versittlichende Kraft innewohnt, die ihm angedichtet wird. Im Gegenteil, das Kind kann durch den Religionsunterricht, wie Figura zeigt, zu Idealen gelangen, die für die Entwicklung seines Charakters und seines sittlichen Wesens von geradezu verhängnisvoller Bedeutung werden können. Es ist ein besonderes Verdienst des Veranstalters der Umfrage, die Zahl der für Beseitigung des Religionsunterrichts aus der Volksschule sprechenden Argumente durch diese Feststellungen um wertvolle Beiträge bereichert zu haben.

Auch der Geschichtsunterricht schließt in der Form, wie er heute in unseren Schulen erteilt wird, schwere sittliche Gefahren in sich. Was man Geschichtsunterricht nennt, ist in Wirklichkeit nicht anderes als ein Gehäufe von Schlachtentagen, Geburts- und Sterbedaten von Fürstlichkeiten, Anekdoten zur Verherrlichung von Dynastien oder einzelner Regenten usw. Die Kinder werden in dem Wahn erzogen, daß alles Heil in der Welt zurückzuführen sei auf Kaiser, Könige, Herrscher von Gottes Gnaden und blutige Kriege; von einem wirklichen Geschichtsunterricht, der alles Geschehene als das Produkt einer durch wirtschaftliche Notwendigkeiten bedingten Entwicklung darstellt, keine Spur. Was Wunder, das in den Köpfen der Kinder seit frühester Jugend schon alle möglichen Majestäten und Vertreter des Kriegshandwerks als Ideale spuken! Wo der Massenmord geheiligt ist, muß es der heranwachsenden Generation als etwas Erstrebenswertes erscheinen, den gefeierten Repräsentanten dieser Gesellschaft und dieses Systems gleich oder doch ähnlich zu werden. Karl der Große, der 4500 Sachsen an einem Tage hinschlachten ließ, erfüllt als Ideal die meisten der kindlichen Gemüter; 21 Knaben und 8 Mädchen schwärmen für ihn. Friedrich Barbarossa, Otto von Wittelsbach, Königin Louise, der bayerische Kurfürst Max Joseph sind weitere Ideale. Der Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn, der dadurch eine traurige Berühmtheit erlangte, daß er gegen die Protestanten vorging, dient 6 Knaben und 9 Mädchen als nachahmenswertes Vorbild. Intoleranz, Raub- und Mordgier, Verfolgungssucht, Grausamkeit und alle sonstigen, der wahren Sittlichkeit und Kultur hohnsprechenden Leidenschaften und Instinkte, die der Krieg entfesselt und zur Entfaltung bringt, feiern wahre Triumphe. Und mit solchen „Idealen“ vor den Augen und vor der Seele wächst unsere Jugend empor!

Die Größe der sittlichen Gefahren eines Unterrichts dieser Art erhält jedoch erst ihren völligen Ausdruck, wenn man den geschichtlichen Idealen der Kinder die erschreckend geringe Anzahl und die noch erschreckender dürftige Qualität der Ideale gegenüberstellt, die in der Kunst und Wissenschaft beheimatet sind. Während Tilly unter den Kindern 3, der Frankenapostel Kilian 5, Papst Leo XIII. 3, Bismarck 6, Prinzregent Luitpold 4 und der bayerische Herzog Maximilian 5 Verehrer hat, schwärmt für Schiller ein einziges Mädchen, für Richard Wagner 1 Knabe, für Mozart, Schwanthaler und den Erzgießer Miller ebenfalls je ein Knabe, desgleichen für Fraunhofer, Franklin und Berthold Schwarz; Körner wird von zwei Kindern und Kolumbus von 3 als Ideal angegeben; ein Knabe begeistert sich für Karl May, den Verfasser der bekannten Indianergeschichten. Welche Geistesarmut, welchen Tiefstand unserer künstlerischen Bildung bringen diese armseligen Zahlen zum Ausdruck! Und was vermöchte die Berechtigung der von Hamburger Lehrern ausgehenden Bewegung zur Pflege und Förderung

der künstlerischen Erziehung durch die Schule drastischer zu beweisen als dieses trostlose Resultat?! Dazu ist noch besonders bemerkenswert, was Friedrich über diese Gruppe schreibt: „Für diese Gruppe (Erfinder und Entdecker) ist durchweg der Lehrplan maßgebend. Auffällig ist, daß die Persönlichkeiten derselben nicht lange vor der Enquête behandelt wurden und daß es öfters schwache Schüler waren, welche obige Persönlichkeiten erwählten. Die intellektuelle Armut verengte den Gesichtskreis und so könnte man vielleicht von „Verlegenheitsidealen“ sprechen.“ Durch diese Erklärung wird das Resultat der Umfrage noch trauriger als es ohnehin schon ist.

Während wirkliche Kulturträger, tatsächliche Bahnbrecher der Wissenschaft, Kunst und Zivilisation, Kämpfer für Geistesfreiheit, Recht und Völkerwohlfahrt, Pioniere des Fortschritts und des wahren Menschentums nur ganz vereinzelt oder überhaupt nicht unter den Idealen des heranwachsenden neuen Geschlechts vorhanden sind, begeistert sich dieses für Persönlichkeiten, die mit der religiösen Vorstellungswelt des Volkes, dem Monarchismus und Militarismus in enger und engster Verbindung stehen. Nur die Gesichtswinkel der Religion und des kriegerischen Waffendienstes sind maßgebend bei der Auswahl der Idealgestalten, nach deren Vorbild das Leben der Jugend gestaltet werden soll. Es ist Tatsache: die heutige Volksschule ist die Magd der Kirche und die Vorbereitungsanstalt für den Kasernenhof. Und da Kirche wie Kaserne einzig zum Schutze der Interessen des Besitzes bestimmt sind, steht auch die Schule als schlechtbezahlte und noch schlechter behandelte Lohnarbeiterin mit im mühseligen Dienste der herrschenden Gewalten. Die eine Führerin zur Freiheit, eine Erzieherin zur Humanität, eine Helferin im Ringen um der Menschheit idealste Güter sein sollte — sie hilft dem Volke Ketten zu schmieden, die Augen zu blenden und den Geist zu ertöten.

Aus den Idealen unserer Kinder klingt es laut und vernehmlich: Ich klage an …


Fuente: Otto Rühle, «Die Ideale der Kinder», Hamburger Echo, 17. Jg., Nr. 262, 8. November 1903, Zweite Beilage, S. 9-10 (OR1903-13). Transcripción desde las imágenes de las páginas digitalizadas por la Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky (Deutsches Zeitungsportal; pic.sub.uni-hamburg.de, PPN1754726119_19031108, imágenes 9 y 10), en Fraktur, con el OCR ALTO del proveedor solo como apoyo. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Se conservan las grafías del impreso «einem Einblick», «Leherin», «unsystemathisch», «Old Shaterhand», «nicht anderes», «Was Wunder, das» y «Die eine Führerin…» (por «Die, die eine…»); «König Hiskia» se lee en el impreso «Hiskin» y se corrige.