Von Otto Rühle.
„… Und dann treibt's mich hinauf in die Berge, in den flüsternden Wald hinein. Und wenn ich dann so durch den stillen Morgen gehe und das Auge so offen wird für all' das Schöne — da fang' ich an, ihn zu fühlen, den Reisezauber. Und alles, was noch vor kurzem mir so wichtig erschienen ist und mich so gedrückt hat, es kommt mir auf einmal so klein, so winzig vor von da oben. Wie vergessen und verschollen ist alles, was da unten liegt. Ich kann mich nicht mehr besinnen, welchen Wochentag wir haben und welches Datum. Und wenn mich einer fragen sollte: „Ja, sind Sie denn der Doktor Walther Hinzelmann, den ich zu Hause oft so grämlich gesehen habe?“ … ich glaube wahrhaftig, ich würde ihm antworten: „Sie müssen sich irren, das ist ein viel älterer Bruder von mir.“ Und das macht alles der Reisezauber. …“
Mit diesen Worten preist in Blumenthals „Weißem Rößl“ der Privatgelehrte Dr. Hinzelmann die Wunder und Wonnen des Reisezaubers.
Und fürwahr! Es ist etwas Zauberhaftes um das Reisen. Hinaus aus der Stadt, ihrem Qualm und Straßenlärm! In die grünen Wälder, auf die blauen Berge, in die klare Luft! Es ist tatsächlich etwas Wunderbares darum!
Glücklich der Mann, der es kann, dem sein Amt und seine Verhältnisse das Reisen gestatten. Glücklich der Kranke, der, den dunstigen Zimmern entfliehend, bei der gütigen Mutter Natur Heilung und Linderung suchen kann für seine Leiden und Schwächen. Glücklich der Familienvater, der „aus der Straßen quetschender Enge“ seine Kinder hinausführen kann, damit sie Seeluft atmen, Waldesodem in die jungen Seelen saugen, in fröhlicher Sorglosigkeit sich tummeln und an den Schönheiten der Erde sich erquicken.
Aber ungleich verteilt sind die Güter der Erde. Wenige nur von den endlosen Scharen derer, die eine Ferien- und Badereise am nötigsten hätten, sind in der glücklichen Lage, auf Tage oder Wochen ohne wesentliche Einschränkung ihrer Lebenshaltung in dem gleichmäßigen Verlaufe ihrer Arbeit eine Pause zumachen. Bei Ruß und Rauch, bei Dampf und Dunst muß der Fabrikproletarier ausharren in seiner Arbeit, genau so wie der Weber hinter seinem Stuhle, der Kaufmannsgehülfe hinter seinem Ladentische, der Proletarier mit dem Geiste hinter seinem Schreibpulte. Die arme Proletarierfrau muß ihr Leben ohne Unterbrechung, ohne nerven- und seelenerfrischende Abwechslung in einer armseligen Hauswirtschaft, als geplagte Mutter der jungen Proletarierbrut und nebenbei häufig genug noch als Fabrikarbeiterin freudlos und sonnenlos verbringen. Was aber das Trübste, das Erbarmungswürdigste ist: die unendlich große Zahl der bleichwangigen, engbrüstigen, abgehetzten Kinder, deren Eltern in ihrer grenzenlosen Armut nicht daran denken können, ihnen während des Sommers eine Erholung angedeihen zu lassen, nein, die vielmehr während der Schulferien mit den Lebensunterhalt erwerben helfen müssen. Unter allen Sünden und Verbrechen am Volke, deren sich die herrschenden Klassen schuldig machen, sind die gegen die Jugend die schwersten und furchtbarsten; für sie ist keine Sühne groß genug.
Verhältnismäßig spät haben edle, warmherzige Menschenfreunde daran gedacht, das Elend unter der Jugend des Proletariats nach dieser Richtung hin zu mildern und zu lindern.
Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erließ in Hamburg eine Frau Emilie Wüstenfeld, Vorsitzende des Frauenvereins zur Unterstützung der Armenpflege, an wohlhabende Leute der Umgebung Hamburgs eine öffentliche Bitte, arme Schulkinder der Stadt als Feriengäste aufzunehmen. Der Aufruf scheint aber nicht viel Berücksichtigung gefunden zu haben. Aus dem Jahre 1876 ist bekannt, daß auf Veranlassung des „Wohltätigen Schulvereins“ in Hamburg sieben arme und kränkliche Kinder in ländliche Familienpflege gegeben wurden. Ferienkolonien im eigentlichen Sinne waren dies indes noch nicht. Diese treten etwa um dieselbe Zeit zuerst in Zürich auf; ihr Begründer ist der Züricher Stadtpfarrer Brion. Zum ersten Male wurden hier Massenkolonien mit nicht nur „hygienischen, sondern auch bestimmten pädagogischen Zielen unter Leitung von Lehrern“ in die Waldtäler der Appenzeller Alpen ausgesandt. Später nahm auch der Wiener Spar- und Unterstützungsverein für Kinder die Ferienkolonien in sein Programm auf und nannte sich von dieser Zeit an „Erster Wiener Ferienkolonisten-Verein“; er entfaltete in der Folge eine äußerst rege Agitation auf diesem Gebiete und gab dadurch in Oesterreich zur Gründung vieler Kolonien wirksame Anregung.
Gelegentlich einer Schweizerreise lernte 1877 der Geh. Sanitätsrat Dr. Varrentrapp in Frankfurt a. M. die Birnschen Ferienkolonien kennen. Sofort begann er in Frankfurt im gleichen Sinne zu wirken, und zwar mit dem Erfolge, daß er bereits 1878 unter der Leitung von acht Führern 37 kränkliche Kinder auf das Land schicken konnte. In demselben Jahre sandte auch das evangelische Johannisstift in Berlin zehn Kinder während der Ferien in die Sommerpflege.
Im Laufe des nächsten Entwickelungszeitraumes fand bald eine Verschmelzung des Hamburger (Einzelpflege-) Systems und des Züricher (Massenkolonien-) Systems statt, indem man in der Regel 20 bis 25 Kinder vereinigte und unter Aufsicht eines Lehrers oder einer Lehrerin in einem ländlichen Gasthofe einquartierte, während besonders artige und verständige Kinder in derselben Station paarweise in Familienpflege gegeben wurden, so daß sie mit ihren Kameraden sehr leicht und bequem zum Spiel und zu gemeinschaftlichen Ausflügen vereinigt und durch den Führer kontrolliert werden konnten.
Eine ständige ärztliche Untersuchung der auszuwählenden Ferienkolonisten trat erst 1885 ein; vereinzelt war sie allerdings schon früher vorhanden. Bei diesen ärztlichen Untersuchungen hatte sich nun herausgestellt, daß für viele Kinder infolge großer körperlicher Schwächen oder wegen besonderer Leiden zwecks wirksamer Kur und Pflege ein Badeaufenthalt wünschenswert sei. So wurde denn 1880 der erste praktische Versuch mit der Aussendung von kränklichen und schwächlichen Kindern nach einem Badeorte gemacht. In seinem mit großer Gründlichkeit geschriebenen und die Materie in umfassender Weise behandelnden Buche „Ferienkolonien“ (Verlag von Dr. Ed. Schnepper, Frankfurt a. M.) weist Joh. Bergknecht darauf hin, daß es zuerst der Verein für häusliche Gesundheitspflege in Berlin war, der M. 6821 aufwandte, um 8 Kinder in ein Solbad und je 50 Knaben und Mädchen aufs Land zu schicken. Die erste Seebadkolonie wurde 1881 eingerichtet; heute gibt es Verpflegungsstationen in den Bädern: Kolberg, Harzburg, Halle, Kissingen, Kreuznach, Kösen, Nauheim, Inowrazlaw, Berg Divenow, Duhnen bei Cuxhaven, Gr.-Müritz, Heringsdorf, Norderney, Travemünde, Wangeroog, Sylt und Zoppot.
Der chronische Geldmangel, unter dem die nur durch wohltätige Spenden erhaltenen Kolonien fast ausnahmslos zu leiden haben, führte noch zu einer anderen Einrichtung, zur Gründung von Milchkolonien. Ihnen werden die Kinder zugewiesen, denen wegen Mangels an Mitteln die Beteiligung an einer Fern-, See- oder Solbadkolonie nicht gewährt werden kann. Mit den Kindern unternimmt man „während des ganzen Tages, häufig auch nur am Vor- oder Nachmittag, gemeinsame Spaziergänge in die Umgegend des Heimatorts, beköstigt sie mit Milch, Brot und vollständigen Mittagsmahlzeiten, ermöglicht ihnen die Benutzung eines Bades und veranstaltet für sie besondere Kinderfeste“.
Den Milchkolonien sehr ähnlich sind die Stadtkolonien, die vielfach auch als Milchkolonien bezeichnet werden, da bei ihnen die Milch ebenfalls das Hauptnahrungsmittel bildet. Auch sie sind für die Kinder bestimmt, die aus Mangel an Geldmitteln nicht nach auswärts in Pflege gegeben werden können, deren Gesundheits- und Körperzustand aber eine Stärkungskur erheischt. Bergknecht sagt von ihnen: Die mit der Erhaltung solcher Kolonien verknüpften verhältnismäßig geringen Kosten, die fast ausnahmslos ebenso minimale Belastung der Eltern und Ernährer der Kolonisten bieten die Möglichkeit einer weit größeren und umfangreicheren Berücksichtigung der sich zur Aufnahme drängenden erholungsbedürftigen, schwächlichen Kinder, als dieses bei den Voll- oder Fernkolonien der Fall sein kann. Die Stadtkolonien bieten ferner in ihrer äußerst einfachen Organisation nicht nur den Vorzug einer bescheidenen Finanzierung und einfachen Verwaltung, als auch die Möglichkeit einer schnelleren, oft noch im letzten Augenblicke zu vollziehenden Konstituierung; desgleichen kann in ihnen auch ein größerer Wechsel unter den Pfleglingen eintreten.
Die Stadtkolonien haben in neuerer Zeit eine Erweiterung gefunden durch die Ferienausflüge und Wanderkolonien für diejenigen großstädtischen Schulkinder, die nicht in die Natur hinausziehen und die, weil ihre Eltern bemittelter sind, in die Ferienkolonien keine Aufnahme finden. Die Ausflüge und Wanderungen dienen namentlich der Belebung des heimat- und naturkundlichen Unterrichts und beschränken sich, ähnlich wie die sonstigen Schulausflüge, auf die Dauer eines Tages oder auch nur eines Nachmittags. In den letztvergangenen Jahren sind allerdings auch Touren von mehrtägiger Dauer veranstaltet worden, doch handelte es sich dabei hinsichtlich der Teilnehmer meist um Schüler höherer Lehranstalten oder erster Volksschulklassen. In Hamburg werden Ferienausflüge für Kinder durch eine zu diesem Zwecke besonders eingesetzte Kommission vorbereitet und ausgeführt.
Eine Spezialität Hamburgs ist noch immer die Einzelverpflegung, mit der, wie schon bemerkt, vor mehr als dreißig Jahren der erste Anstoß zur Ferienkolonien-Bewegung gegeben wurde. Vor allem hat der „Wohltätige Schulverein“ diese Disziplin der Ferienkolonien als Hauptpunkt in sein Programm eingestellt. Von 1276 Kolonisten des Jahres 1899 fanden allein 884 gegen Bezahlung in ländlichen Familien Unterkunft und Pflege. Das System hat in anderen Städten Nachahmung gefunden; so wurden von Altona im nämlichen Jahre 446, Bremen 200, Kiel 113 und Posen 93 Kinder verpflegt.
Die vollkommenste und entwickeltste Form der Sommerpflege stellen die Vollkolonien und in Verbindung mit diesen die Ferienheime und Kinderheilstätten dar. Nach Bergknecht werden ihnen alljährlich zwei Drittel aller Ferienkolonisten zur Kur und Pflege anvertraut. In der Begründung eigener, ständiger Ferienheime wirkten bahnbrechend die Vereine für Ferienkolonien in Barmen, Landsberg a. W., Lübeck, Leipzig, Bremen, Dresden und Regensburg, desgl. Private und Wohltätigkeitsvereine in Hamburg, Heilbronn, Leipzig und anderen deutschen Städten. „Die Vollkolonien gewähren, wie schon aus dem Namen hervorgeht, alles im vollkommensten Maße, nämlich Ortsveränderung, Luftwechsel, Logis, Ernährung, Reisekosten, zweckentsprechende Kur und Pflege, dazu auch wohl Kleidung, und das alles fast ausschließlich ohne jegliche finanzielle Entschädigung seitens des Pfleglings, dessen einzige Verpflichtung nur in der Beschaffung der Reisegarderobe besteht; im übrigen hat er sich nur rechtzeitig zur Teilnahme zu melden, unentgeltlich ärztlich untersuchen und sodann in die Kolonie verschicken zu lassen, sowie sich anständig und nett zu betragen.“ Keine Form der Ferienkolonien hat so rasch und in solchem Umfange Verbreitung und Beachtung gefunden, als gerade diese. Sie ist das Ideal aller derjenigen, die mit dem Ausbau bestehender Stadtkolonien sich beschäftigen oder aber auch zu Neugründungen schreiten.
Wenn man erwägt, daß die gesamte von den Ferienkolonien geleistete Arbeit auf einer finanziellen Basis beruht, die nahezu ganz ausschließlich auf dem Wege privater Wohltätigkeit gewonnen werden muß, so kann man sich der Ueberzeugung nicht entschlagen, daß die Leistungen bedeutende sind und daß die Ferienkolonien äußerst segensreiche Einrichtungen darstellen. Manchem schwer arbeitenden Vater und mancher abgehärmten Mutter schicken sie den kränklichen und schwächlichen Liebling nach glücklich verlebten Ferienwochen frisch und gesund, mit blitzenden Augen und roten Wangen wieder ins Haus. Und doch bleibt bei alledem die Wirkung der Ferienkolonien nur Stückwerk und halbe Arbeit. Vor allen Dingen dürften so segensreiche Institutionen nicht auf mildtätige Spenden und zusammengetragene Bettelpfennige angewiesen sein. Gemeinden und Staat hätten Einrichtungen zu treffen, damit den Kindern der Armen während der Sommerszeit ein stärkender und kräftigender Ferienaufenthalt in gesunden, waldigen, luftreinen Gegenden ermöglicht werde. Ferner müßten Spaziergänge und Ausflüge nicht, wie jetzt, nur während der Ferien vorgenommen werden, sondern hätten zu jeder Jahreszeit einen integrierenden Bestandteil des heimat- und naturkundlichen Unterrichts zu bilden und dem richtigen Zwecke der Erziehung der Jugend zur allgemeinen Wehrhaftigkeit zu dienen. Schließlich hätte neben der Sommerpflege die Winterpflege einherzugehen, die in erster Linie hygienisch und prophylaktisch (vorbeugend) zu wirken hätte. Schon jetzt ist in einzelnen Städten das Prinzip ausschließlicher Winterverpflegung zur Ausführung gelangt. In Arnstadt i. Th. z. B. wurden 200 Kinder acht Wochen lang während des Winters verpflegt; in Mainz gewährte man an die Kolonisten im Winter Schulfrühstück; in Dresden erhielten die Ferienkolonisten während des Winters drei Monate lang täglich Milch und Semmel; in Berlin, Kiel und anderwärts übernahmen wohltätige Vereine und Stiftungen die Speisung armer und kranker Schulkinder.
So schließt die Erhebung des der Ferienkolonien-Bewegung zu grunde liegenden Gedankens zum Prinzip und dessen planmäßige, konsequente Durchführung die Verwirklichung einer ganzen Reihe kultureller Forderungen in sich, die von der Sozialdemokratie seit Jahr und Tag — leider vergeblich — erhoben werden. Vielleicht hätte eine Ausdehnung des den Ferienkolonisten heute gesteckten Arbeitsgebietes und ein noch sorgfältigerer Ausbau ihrer Organisation bei besserer finanzieller Fundamentierung durch Gemeinden oder den Staat zur Folge, daß auch auf diesem Gebiete ein „Hineinwachsen in die Welt der sozialistischen Ideale“ mit der Zeit aufhören würde, eine Unmöglichkeit zu sein.
Fuente: Otto Rühle, «Ferienkolonien», Hamburger Echo, 17. Jg., Nr. 178, 2. August 1903, Erste Beilage, S. 5 (OR1903-11). Transcripción desde la imagen de la página digitalizada por la Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky (Deutsches Zeitungsportal; pic.sub.uni-hamburg.de, PPN1754726119_19030802, imagen 5), en Fraktur, con el OCR ALTO del proveedor solo como apoyo. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Se conservan las lecturas del impreso «Ende der achtziger Jahre» (aunque el texto pasa luego a 1876), «Brion» y «Birnschen» (el fundador de las colonias de Zúrich fue el pastor Walter Bion), «zumachen» y «Wangeroog»; «Aussendung» corrige la errata «Aussenoung».