Maske herunter!

Offener Brief an den Pamphletisten Carl Richter,

der bei seiner Mohrenwäsche der Oschatzer Seminaroberlehrer selbst zum Mohren geworden,

als Antwort auf seine Schmähungen.

Von

Otto Rühle.

Leipzig. 1897. August Schupp.

An den Pamphletisten Carl Richter, „Lehrer“ in Hormersdorf.

Es war ein ganz eigentümliches Gefühl, das mich beschlich, als mir mein Herr Verleger die Mitteilung machte, daß eine Gegenschrift in Sicht sei, die sich auf die in meinen Schriften „Sechs Jahre in einem sächsischen Lehrerseminare“ behandelten skandalösen Seminarzustände in Oschatz beziehe und als deren Verfasser ein Herr Carl Richter zeichne.

Die Spannung, mit der ich dem Erscheinen Ihrer Schrift entgegenharrte, kann kaum von irgend einer Seite übertroffen werden. Denn wenn man die bombenfeste Gewißheit, die unerschütterliche Überzeugung besitzt, daß die Thatsachen, die in den Schriften gegen Oschatz unter die Lupe einer freimütigen Kritik gerückt worden sind, unbedingt auf Wahrheit beruhen, so kann man sich über den Charakter und das Wesen dieses „Contra Rühle“ nur unklare, verschwommene Vorstellungen machen. Thatsachen lassen sich eben nicht widerlegen; in der Gegenschrift haben Sie es aber doch versucht; wenigstens haben Sie für eine andere Beleuchtung Sorge getragen

Freilich ist dieses klägliche Machwerk, mit dem Sie die Welt beglückt haben, ein undankbares Stück Arbeit gewesen.

Ich gebe Ihnen die Versicherung: eine Erweiterung resp. Ergänzung des Bildes vom Oschatzer Seminar hätte Ihnen bestimmt mehr Dank — stillen Dank natürlich — eingetragen. Und dies hätte sich mit Leichtigkeit thun lassen. Zahlreiche alte Oschatzer haben mir hinreichend Material in Aussicht oder zur Verfügung gestellt; das hätte ich Ihnen übermittelt, und Sie hätten als ehemaliger Oschatzer viel bequemer das Vergnügen gehabt, sich auch einmal als Verfasser einer Flugschrift gedruckt zu sehen.

Ihr „Contra Rühle“ hat Ihnen, wie man ihm auf den ersten Blick ansieht, viel Mühe gemacht. Ganz gewiß; denn es mag kein Spaß sein, wenn man Mohren blank scheuern soll, die effektiv nicht blank werden wollen, wenn man Thatsachen umkrempeln soll, die so fest gefügt und so sicher auf dem Boden der Wahrheit gegründet sind, daß sie, wenn sie in eine andere Form gezwungen werden, ein gar jämmerliches Bild abgeben.

Ich hatte freilich erwartet, Ihre Schrift würde anders auf den Kampfplatz treten. Auf einen herzhaften Strauß mit scharfen Schwertern hatte ich mich gefaßt gemacht und gefreut. Aber da — fast aus jedem Satze meines Partners spricht die Ohnmacht, das Unvermögen, die Unfähigkeit, kräftige Streiche zu führen, einfach darum, weil er seiner Sache nicht gewiß ist, weil er nicht den festen Boden der Wahrheit unter seinen Füßen fühlt, weil er mir in allen Stücken recht geben muß, aber doch nicht will und kann und darf.

Offen gesagt, ich war über Ihre Kampfesweise bitter enttäuscht. Sie haben mich mit Ihren phrasenhaften, selbstgerechten Worten in der Einleitung zu sehr an den Philister Goliath erinnert.

Ihre Broschüre ist ganz das Abbild Ihres Charakters. Sie bezichtigen mich des Mangels an Wahrheitsliebe und lassen sich selbst arge Unwahrheiten zu schulden kommen, Sie beschuldigen mich, ein Zerrbild von meiner ehemaligen Bildungsanstalt entworfen zu haben, und verwenden ein ganzes Büchlein nebst Vorwort dazu, ein Zerrbild von meinen Broschüren zu geben, Sie werfen mir weise Verschweigung, maßlose Übertreibung, geschickte Kombination und keckes Behaupten vor und bedienen sich in Ihrem unrühmlichen Kampfe doch derselben Mittel, um mein Bild, als das des Verfassers der Oschatzer Schriften, in möglichster Schwärze zu malen, Sie behaupten ohne Beweise Sachen, die ich in meinen Schriften längst berichtigt oder widerrufen habe, und die Ihnen hinter Ihrer Biedermanns-Maske nicht unbekannt sein können, — wenn Sie meine Schriften gelesen haben. Eins nur hat mich Wunder genommen: daß Sie sich nicht wieder des schönen Bildes von dem bösen Vogel, der sein von Schmutz starrendes Nest beschmutzt, bedient haben. Dieses hochpoetischen und zur Mundtotmachung so trefflich geeigneten Metapher hätten Sie sich unmöglich entgehen lassen sollen. Dann ließe das Bild von Ihrer Persönlichkeit (Sie sind doch auch Lehrer und sollen als solcher — wie Sie selbst sagen — Wahrheitsliebe, Demut, Nächstenliebe, Selbsterkenntnis, Urteilsfähigkeit, Bescheidenheit und Charakter aufweisen) wahrhaftig nichts mehr zu wünschen übrig.

Um den Eindruck, den meine Schriften hervorgerufen haben, möglichst abzuschwächen, nehmen Sie zu einem der wohlfeilsten Mittel Ihre Zuflucht und behaupten in Ihrer edlen Dreistigkeit: die Schriften sind in subjektiver Weise abgefaßt.

Gleichzeitig aber liefern Sie auch den Beweis, wie leicht sich ein solches Urteil aussprechen, wie schwer es sich aber beweisen läßt. Sie haben sich wohlweislich gehütet, mit Beweisen zu Ihrer Behauptung herauszurücken. Es wäre auch sehr peinlich für Sie. Ich habe jeden Punkt, jede Thatsache durch Zeugen — oft mehrfach — beglaubigt; fechten Sie die Wahrheit meiner Angaben an, so beleidigen Sie gleichzeitig alle jene, die die Wahrheit ihrer mir zugestellten Notizen mit ihrer Namensunterschrift und ihrem Ehrenworte verbürgt haben. Ob Sie überhaupt in der Lage sind, Beweise zu erbringen, weiß ich nicht; jedenfalls aber würde Ihr in dem Buche offenbar zu Tage tretender Dünkel, Ihre Anmaßung und Selbstgerechtigkeit Ihnen niemals gestattet haben, sich den Triumph — mich durch Gegenbeweise zu schlagen — nicht zu gönnen. Manchen werden Sie ja mit diesem Maulheldentum täuschen; viele werden aber auch Ihren Behauptungen skeptisch gegenüberstehen und sagen: „Beweise, Beweise!“ Und Sie werden darauf mit Shakespeare antworten müssen: „Ja, wenn Beweise wären wie Brombeeren . . . .“

Aus diesem Grunde haben Sie ganz wahrscheinlich auch jene zahmen, im Verhältnis zu den übrigen Oschatzer Roheiten sehr harmlosen Schimpfreden Esel, Schafkopf, Faulpelz, Flätz ausgewählt, um Ihren Lesern mit Leichtigkeit zu der Überzeugung zu verhelfen, wie unabsichtlich oft und leicht es einem Lehrer — auch Ihnen — passieren kann, ein solches Schimpfwort den Schülern gegenüber zu gebrauchen.

Das letzte der angeführten Schimpfworte findet sich übrigens nicht in den von mir angeführten Oschatzer Titulationsblüten. Sie haben sich ganz wahrscheinlich vergriffen und eins aus Ihrem eigenen Schatze mit verwendet; ein kleines, aber charakteristisches Versehen, das zu dem Umstande, daß Sie sich gerade als Anwalt der Oschatzer Herren berufen fühlen, einen nicht unwichtigen Wink giebt.

Aber sagen Sie nun, um wieder auf das Vorige zurückzu- kommen, warum haben Sie gerade diese zahmen Schimpfworte aus den fast überreichen Kosenamen-Kollektionen der feinen Oschatzer Herren ausgesucht? Warum nicht andere, z. B. Lumpenhund, Stinkvieh, ekelhafte Fratze, langstieliges Ungeheuer etc.? Warum haben Sie nicht an diesen Beispielen nachzuweisen und Ihre Herren Kollegen zu überzeugen gesucht, daß Ihnen und jedem anderen Ihrer Kollegen in diesem oder ähnlichem Sinne auch schon gesündigt worden ist. — Da würde es freilich um den Erfolg Ihres wurmstichigen Beweises etwas anders aussehen. Das Kopfnicken, das Ihnen wahrscheinlich jetzt von denen zu teil wird, die da fürchten oder Grund zu fürchten haben, es möchte ihnen über kurz oder lang dasselbe an ihrem eigenen Fleische passieren, was endlich über die Oschatzer Herren hereingebrochen ist, würde sich in ein bedenkliches Kopfschütteln, ein Versagen der Zustimmung oder gar in ein entrüstetes Abweisen solcher Zumutungen von seiten der ganzen Lehrerschaft umwandeln. Natürlich, mit Esel, Schafskopf, Faulpelz ist leichter und gefahrloser hantiert und bequemer eine Entschuldigung dafür gefunden, als für Lumpenhund, Stinkvieh, elende Fratze und dergl. Oschatzer Roheiten mehr. Daß die letzteren ebenso gebräuchlich waren wie die ersteren, kann ja verschwiegen werden, damit der Erfolg ja nicht ausbleibt.

Diese ganze Art aber, als Gegner meiner Sache mich mit solchen Waffen bekämpfen zu wollen, ist höchst unreell. Es ist in greller, unverblümter Deutlichkeit wahrzunehmen, daß es eine gallige Tendenz war, die Ihnen das Rezept zur Bereitung dieser Mohrenwäsche diktierte.

Weil ich einen Punkt in meiner Entgegnung auf die Erklärung der Dresdner Oschatzia in den Oschatzer Gem. Blättern vom 8. April 1896 einfach übergangen hatte — mit der Absicht, später darauf in eingehender Weise darauf zurück zukommen, was in nächster Zeit in einem besonderen Hefte geschehen soll —, beschuldigte sie mich in ihrer hochgeschorenen Art öffentlich der Fälschung. Hier, Herr Carl Richter, haben wir einen ähnlichen, im Prinzip mit dem meinen völlig übereinstimmenden Fall. Wenn Sie vor den Augen der Dresdner Oschatzia, der Hüterin und Wahrerin eines streng unparteiischen Urteilsspruches, Gnade finden, läßt sie Ihnen vielleicht auch das Prädikat „Fälscher“ noch huldvollst zukommen.

Was Sie ferner von anderen Unterrichtsanstalten und von der Universität zu berichten wissen, daß sich da ebenfalls Vorgänge zutragen sollen, die mit den von mir skizzierten evidente Ähnlichkeit haben, ist recht hausbacken, nichtssagend, unverständig und fällt vollständig aus dem Rahmen heraus; abgesehen noch davon, daß dies für das Vorhandensein solcher Mißstände auf Seminaren gar keine, nicht die mindeste Berechtigung in sich trägt. Gymnasiasten und in den meisten Fällen auch wohl Studenten sind nicht gezwungen, unmittelbar nach Vollendung ihres Studiums, wo ihre Erziehung unter dem Einflusse derartiger roher, aller Gesittung widersprechenden Scenen und Tumulte erfolgte, in ein Amt einzutreten, das einen ganzen, seinen Beruf in würdiger Weise präsentierenden Mann verlangt. Der Gymnasiast hat bis zum Eintritt in seinen Beruf noch eine geraume Übergangszeit, während der er alles, was ihm von der Schulbank her anhaftet, vollständig ablegen kann, wenn er sonst Lust dazu hat. Der Student wieder findet hinreichend Gelegenheit, außerhalb der Stunden, in denen solche ergötzliche Scenen vorzukommen pflegen, alles, was ihm von diesen nichts weniger als feinen Vorgängen her anhängen geblieben ist, in gutem Umgange und gewähltem gesellschaftlichen Verkehre abzuschleifen und abzuwetzen. Anders ist dies bei dem Seminaristen. Dieser ist gezwungen, fortgesetzt in dieser gefährlichen Atmosphäre zu leben, bis zu den letzten Wochen vor Übernahme seines Lehramtes muß er in den Skandalstunden, die sich oft täglich mehrfach wiederholten, die rohesten und niedrigsten und nicht selten auch die gemeinsten und das sittliche Gefühl verletzenden Redensarten hören und der allmählichen Verrohung seines Gemüts, ohne irgendwie Widerstand leisten oder seinen Abscheu Ausdruck geben zu können, ruhig zusehen. Die Folgen sind ganz natürlich. Wird der 19jährige Seminarist noch Ochs oder Faulpelz geschimpft — Sie halten das für gar nicht schlimm — so ist es nicht zu verwundern, wenn dieser dann in Kürze seine Schüler Lausejungen und Kamele nennt.

Ich meine, über diese Unterschiede zwischen Gymnasiasten und Seminaristen, soweit Sie in Bezug auf das Gefahrvolle einer unzweckmäßigen Behandlung in Verbindung zu bringen sind, könnten Sie sich klar sein, Sie weiser und erleuchteter Mann, als daß Sie durch diese Überkleisterung der deutlichen Gegensätze den Lesern Sand in die Augen zu streuen versuchen. Aber ich habe ja ganz vergessen: es ist Ihnen gar nicht darum zu thun, Widerlegungen ins Feld zu führen, die stichhaltig und auf einen ehrlichen Kampf berechnet sind; Sie beabsichtigen ja nur unter Herbeiziehung einiger Punkte, die bei äußerlichem Betrachten ihre innere Nichtigkeit gar nicht erkennen lassen, den „Schmähschriften“-Verfasser Rühle niederzuschwadronieren und die etwa auf meiner Seite Stehenden durch den Klingklang Ihrer seelsorgerisch, moralpredigermäßig angehauchten, von „sittlichem Ernste“ triefenden Worte zu übertäuben.

Auch der „verschrieenen Diktiermethode“ widmen Sie einige Worte; spielen aber den Schlauen und hüten sich, näher darauf einzugehen. Und was Ihrer langen Rede kurzer Sinn ist: Sie nehmen auf die frevelhafte Art und Weise der Diktiermethode des Herrn Obl. Gr. in Oschatz, wie ich sie ganz ausführlich geschildert habe, gar keinen Bezug, und suchen die Sache so darzustellen, als habe es sich bei diesen Diktaten nur um einen notwendigen Ausweg, der sich bei der Überfülle des Unterrichtsmaterials unumgänglich machte, gehandelt. Haben Sie überhaupt den zweiten Teil meiner Schriften gelesen? Haben Sie niemals bei Herrn Obl. Gr. Unterricht „genossen“? Wenn nirgends Ihre schönfärberische Absicht offener ausgesprochen liegt und es klarer erkannt wird, von welchen Gesichtspunkten Sie sich bei Abfassung Ihrer Schmähschrift haben leiten lassen, so muß es hier der Fall sein.

Meine Stellung zu der Frage, ob es dem Leiter der Anstalt eine leichte oder schwere Aufgabe gewesen ist, Wandel zu schaffen, habe ich in meinem dritten Teile bereits eingehend erörtert (S. 18 ff.), worauf ich hiermit verweise. Daß der spätere Leiter der Anstalt sein Direktoramt als das eines Vaters aufgefaßt haben soll, bestreite ich und bin überzeugt, wer unter seinem Regiment gestanden hat, wird mir beipflichten. Nur unter der Bedingung daß Sie überzeugt sind, daß es auch Rabenväter giebt, bin ich bereit, Ihren Ausführungen zuzustimmen, Sie haben ihn nie als Ihren Vorgesetzten kennen gelernt, haben auch keine Ahnung von dem Tone, dessen sich genannter Herr im Verkehr mit seinen Schülern bediente. Ich bitte Sie, die Hefte noch einmal gründlich nachzulesen. Wir hätten einen mit aller Energie ausgerüsteten Direktor, der radikal mit der gräßlichen Mißwirtschaft aufzuräumen imstande gewesen wäre, nur freudigen und dankbaren Herzens als unsern Befreier und Erlöser begrüßt.

Was Sie sonst noch aus den Wänden kratzen, um mich bloßzustellen, kann für Sie nur beschämend sein und läßt Ihren Charakter in einem traurigen Lichte erkennen. Nichts wie Nebensächlichkeiten ziehen Sie an den Haaren herbei und stellen sie in unlauterer Absicht so zusammen, daß der Schein des Unrechts auf mich fallen soll. Seine Werke auf einem der noch unbedruckten freien Blätter anzuzeigen ist — wie ich bereits in Heft 2 betont habe — ein buchhändlerischer Gebrauch. Hat der Verfasser noch nichts bei dem betreffenden Verleger verlegt, so werden anderswo erschienene Werke angezeigt. Es ist dies unter Autoren üblich; schon Hoffmann v. Fallersleben (Gedichte bei C. Rümpler, Hannover 1853), Albert Träger (Übergänge bei C. F. Winter, Leipzig und Heidelberg 1860) u. v. a. haben sich dessen bedient, neuerdings ist es mehr und mehr gebräuchlich geworden. Vergl. Otto Jul. Bierbaum, Nemt Fruwe, disen Kranz bei G. Schuhr, Berlin 1894, S. 111., Maurice von Stern, Ausgew. Gedichte bei Pierson, Dresden 1891 S. 295, auf sonnigen Pfaden von Max Geißler, Adolf Brieger, Gedichte, Baumert & Ronge, Großenhain, 1895. S. 199, Albr. Goerth, Johanna Ambrosius, bei Lützenkirchen, Wiesbaden 1896, Umschlag usw. usw. Ich habe nur hineingegriffen in meine Bibliothek, um Ihnen diese Beispiele zu bringen, sie lassen sich fast bis ins Zahllose vermehren. Eine Gewissensfrage: Es war Ihnen wohl recht peinlich, daß Sie auf den letzten zwei freibleibenden Seiten Ihres Machwerkes gar kein anderes Werk aus Ihrer Bewunderung erweckenden Feder anzeigen konnten?

Daß der mir allerdings zur Seite stehende § 193 des Reichsstrafgesetzbuches zu weitherzig ist, findet nicht Ihren Beifall, auch bedauern Sie, daß mir noch nicht der Prozeß gemacht worden ist. Nun, wenn man das vorher gewußt hätte, daß Sie mit dem Reichsstrafgesetzbuche in diesem Punkte nicht zufrieden sind, wären Sie vielleicht der Gesetzgebungskommission, die das neue Bürgerliche Gesetzbuch bearbeitet hat, mit zugesellt worden. Jetzt freilich ist's zu spät. Ferner wäre es ganz gewiß sehr am Platze und der Allgemeinheit nur von hohem Vorteil, wenn die oberste Schulbehörde veranlaßt würde, in Angelegenheiten, wie das Erscheinen der Broschüren eine ist, jedesmal erst Ihren weisen Rat einzuholen, damit sie nicht wieder solche Schnitzer begeht und Leute wie mich in den Schuldienst aufnimmt und mir nicht einmal den Prozeß macht.

Ja das letzte wäre so recht eine Freude für Sie gewesen, nicht wahr? So eine recht teuflische Schadenfreude. Auch ein nobler Charakterzug an einem Volkserzieher.

Sie scheinen mit den Paragraphen des Strafgesetzbuchs vertraut zu sein. Das hat Ihnen ermöglicht, Beleidigungen aus meinen Schriften herauszufinden oder herauszuhören. Bitte, schauen Sie sich nun einmal Ihre Schrift an! Daß die von strafbaren Beleidigungen wimmelt, sehen Sie nicht? — Wieder einmal eine drastische Illustration zu dem kleinen Geschichtchen von dem Menschen, der den Splitter in seines Bruders Auge sieht, aber des Balken im eigenen nicht gewahr wird.

Daß ich neben der Schulmeisterei noch tüchtig die Schriftstellerei betreibe, ist nicht nach Ihrem Sinne. Neidisch sind Sie nicht, bewahre. Aber mit der Genehmigung zum Betreiben von Nebengeschäften, wie es da steht, meinen Sie. Nun lassen Sie sich sagen, daß ich von meinem nächsten Herrn Vorgesetzten eine Erlaubnis zu litterarischen Nebenarbeiten eingeholt habe. Aber gestatten Sie eine Frage: Wie sieht's denn bei Ihnen mit dieser Genehmigung aus? Haben Sie denn die Erlaubnis, ein solch lügenhaftes und konfuses Geistesprodukt wie Ihr Contra-Rühle in die Welt zu setzen? —

Und daß ich nicht „geflogen“ bin, wie Sie sich auszudrücken belieben, — ja, das wäre Etwas für Sie gewesen. Sie kleiner Schäker, Sie! Sind Sie nicht ein frommer Mann, wie sichs geziemt, wenn man sich gewisse Leute zu Freunde machen will? Aber Nächstenliebe und Liebe zum Feinde — und das sind wir doch — scheint es bei Ihnen nicht zu geben. Sehr bezeichnend. Ich meine aber: lieber den frommen Mann nicht spielen, wenn man der fromme Mann nicht sein kann. Augenverdrehen und ekles Gift boshafterweise verspritzen reimt sich nicht gar gut zusammen. Aber seien Sie ohne Sorge. Ich quittiere den Lehrerberuf, der mir in tiefster Wurzel mit unverzeihlicher Gewissenlosigkeit verleidet worden ist, aus eigenem, freiwilligem Entschluß und trete in einen Beruf ein, der mich mit ruhigem, zufriedenem Blicke der Zukunft entgegenschauen läßt! Wollen Sie mehr darüber wissen, so lesen Sie in meinem demnächst bei A. Schupp, Leipzig, erscheinenden Büchlein — „Warum ich nicht mehr Volksschullehrer sein mag“ — Näheres nach.

Zum Schluß noch etwas Äußerliches.

Meine ersten zwei Hefte erschienen drei Bogen (48 Seiten) stark und kosteten je 60 Pf. Als das dritte Heft nur 2 Bogen stark verausgabt wurde und von meinem Verleger auch mit 60 Pf. berechnet worden war, erhub sich allerwärts im Lager der Wahrheitsfeinde ein arg Geschrei. Da wurde mir gewinnsüchtige Ausbeutung der Oschatzer Verhältnisse zum Vorwurf gemacht, da war mirs nur um ein gutes Geschäft zu thun, da streifte die litterarische Thätigkeit zu sehr ans Merkantile, und was dergleichen ungezogene und unwahre Bemerkungen waren, die man, um immer Anlaß und wenigstens immer einen Grund zum Schimpfen zu haben, natürlich so oft als möglich aufwärmte. Ich habe alle diese Ärgerlichkeiten, weil ihnen die Ab- sicht unverkennbar aufgeprägt war, meist mit Stillschweigen übergangen. Wenn man auf jeden Rippenstoß wieder einen versetzen wollte, käme man seines Weges gar nicht fort. Mein drittes Heft zählt 23 Seiten Text; das Ihrige nur 19 Seiten. Dann aber die Seiten meines Heft bedeutend größer als die des Ihren. Nach Zeilen und Silben berechnet würden die 19 Textseiten Ihres Buches etwas über 12 Seiten des meinigen ergeben. Mein Verleger hat das dritte Heft mit 60 Pfennigen berechnet, Sie aber berechnen das Ihre mit ungefähr der Hälfte der Textseitenzahl mit 50 Pf. Wenn je von einer . . . . die Rede gewesen ist, müssen Sie sich getroffen fühlen. Ich habe es freudig begrüßt, Ihnen dies vorrechnen zu können. Daraus ist zu ersehen — und das ist der Zweck der Rechnung —, in welcher Weise von gegnerischer Seite geurteilt wird, und in welcher Weise man selbst das zu vermeiden sucht, was man dem Gegner zum bitteren, kränkenden Vorwurfe macht.

Ich bin am Ende.

Worte forderten Worte. Wir haben gesehen was hinter der Biedermannsmaske zu finden ist. Schöne, tönende Worte, salbungsvolle moralische Betrachtungen, selbstgerechte, pharisäische Überhebung nach dem Muster des berüchtigten „Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie . . . .“ machens nicht aus. Wahrheit ist das erste, was zu fordern ist. Daß Ihnen diese gänzlich abgeht, habe ich Ihnen ausführlich dargelegt. — Wir haben nichts mehr miteinander zu schaffen.

Ich begebe mich des Wortes.

Oederan i. S., 26. Oktober 1896.

Otto Rühle.


Fuente: Otto Rühle, Maske herunter! Offener Brief an den Pamphletisten Carl Richter, der bei seiner Mohrenwäsche der Oschatzer Seminaroberlehrer selbst zum Mohren geworden, als Antwort auf seine Schmähungen, Leipzig, August Schupp, 1897, 14 S. Transcripción hecha a partir del facsímil digital de la Bayerische Staatsbibliothek (Münchener DigitalisierungsZentrum, bsb11820114, catalogado allí como «Sechs Jahre in einem sächsischen Lehrerseminare. 4»), leyendo todas las páginas sobre la imagen (Fraktur), con un OCR propio (tesseract) solo como apoyo. Se conservan la ortografía y las erratas del impreso («meines Heft», «des Balken»); se omiten las signaturas de pliego. El escrito responde al folleto de Carl Richter Contra Rühle (1896), réplica a las tres partes de Sechs Jahre in einem sächsischen Lehrerseminar (1896). Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.