Alice Rühle-Gerstel

Der Weg zum Wir

Versuch einer Verbindung von Marxismus und Individualpsychologie

Verlag Am andern Ufer Dresden-(Buchholz-Friedewald)

Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie.

Karl Marx

Inhaltsverzeichnis

  • Einleitung … 13
  • Marxismus … 17
      1. Politische Oekonomie … 17
      • Ware … 17
      • Gebrauchswert und Tauschwert … 18
      • Geld … 21
      • Preis … 21
      • Fetischcharakter der Ware … 24
      • Kapital … 24
      • Ware Arbeitskraft … 25
      • Mehrwert … 27
      • Profit statt Bedarf … 29
      • Konkurrenz … 31
      • Akkumulation des Kapitals … 33
      • Krisen … 35
      • Konzentration — Monopole … 35
      • Verelendung … 36
      • Zusammenbruch … 36
  • Individualpsychologie … 79
      1. Neurosenlehre … 79
      • Das Ich … 79
      • Eigenwert und gesellschaftlicher Wert … 80
      • Geltung … 81
      • Macht … 81
      • Fetischcharakter der Ueberlegenheit … 81
      • Erlebnis, Erfahrung, Erinnerung … 84
      • Ueberkompensation … 88
      • Plusmacherei … 88
      • Geltung statt Sicherung … 91
      • Rivalität … 91
      • Akkumulation der Macht … 91
      • Krisen … 92
      • Schutzvorkehrungen — Wille zum Schein … 93
      • Isolierung … 96
      • Untergang … 97
  • Marxismus (Fortsetzung)
      1. Materialistische Geschichtsauffassung … 37
      • Produktivkräfte … 39
      • Produktionsverhältnisse … 41
        • Recht, Moral, Religion, Wissenschaft, Kunst, Ehe, … 43
        • Erziehung, Staat … 49
      • Im Dienste der Interessen … 49
      • Unterbau — Ueberbau … 50
      • Ideologische Fermente in den Unterbauten … 52
      • Dialektik … 53
        • Werden und Sein … 53
        • Quantität und Qualität … 54
        • Antithetik … 54
      • „Vom Kopf auf die Füße gestellt“ … 55
      • Der vergesellschaftete Mensch … 56
      • Mensch und Verhältnisse … 57
      • Auflösung der Verdinglichung … 59
      1. Umwälzende Praxis … 59
      • Kollektive Lebenssicherung … 60
      • Entstehung des Privateigentums … 61
        • Klassengesellschaft … 62
        • Klassenkämpfe … 62
      • Verfall der Gruppensicherungen … 63
      • Verschärfung der Klassengegensätze … 65
      • Bourgeoisie und Proletariat … 69
      • Das Proletariat als letzte Klasse … 69
      • Rolle des Klassenbewußtseins … 70
      • Untergang — oder Aufhebung der Klassengesellschaft … 74
      • Diktatur des Proletariats … 76
      • Sozialismus … 77
      • Kommunismus … 78
  • Individualpsychologie (Fortsetzung)
      1. Allgemeine Seelenlehre … 98
      • Gegebenheiten … 101
      • Lebensplan … 103
        • Charakter, Intellekt, Gedächtnis, Apperzeption, Triebleben, Weltanschauung … 103
      • Im Dienste des Zieles … 106
      • Ursachen — Ziele … 107
      • Erlebnisse als neue Ursachen … 111
      • Kompensationstheorie … 113
        • Formenwandel … 112
        • Einstellungen … 110
        • Mangel und Ueberschuß … 113
      • Die Seele als Sicherungsmittel … 115
      • Das Gemeinschaftsgefühl … 118
      • Mensch und Verhältnisse … 117
      • Soziale Verbundenheit … 119
      1. Heilen und Bilden … 119
      • Urgemeinschaft … 120
      • Entstehung der Individualität … 121
        • Geltungsgesellschaft … 122
        • Geltungskämpfe … 122
      • Steigerung der Minderwertigkeitsgefühle … 123
      • Verschärfung der Tendenz zur Neurose … 124
      • Durchneurotisierung der Menschheit … 124
      • Der Neurotiker als letzte Persönlichkeit … 125
      • Rolle des Mutes … 125
      • Vernichtung — oder neue Gemeinschaft … 131
      • Befreiung von der Persönlichkeit … 134
      • Gleichheit der Minderwertigen … 136
      • Brüderlichkeit der Vollwertigen … 137
  • Marxismus und Individualpsychologie … 139
      1. Revolutionäres Wesen … 139
      • Die bürgerliche Wissenschaft … 139
        • Natur- und Geisteswissenschaft … 139
        • Vereinzelung … 139
        • Analyse … 139
        • Kausalitätswahn … 140
        • Fachgelehrtentum … 140
        • Gesetzfetischismus … 140
        • Quanten- und Gültigkeitswissenschaft … 142
        • Soziologie und Psychologie … 142
      • Die revolutionäre Wissenschaft … 143
        • Historisch-dialektische Methode … 143
        • Gegenstand der Mensch … 144
        • Zusammenhangs- und Ganzheitsbetrachtung … 144
        • Kausalität — Finalität … 145
        • Theorie als Diener der Praxis … 145
        • Nicht Schulen, sondern Bewegungen … 148
        • Veränderung der gegebenen Welt im Sinne der klassenlosen Gemeinschaft … 149
      1. Gleichstimmigkeit … 150
      • Ausgangspunkt: Kapitalismus und Neurose als veränderbare Gegebenheiten … 150
      • Aufbau: Mehrwert und Machtstreben als Angelpunkte des Systems … 153
        • Zustandsanalyse: Politische Oekonomie — Neurosenlehre … 157
        • Querschnitt durch die Zeit: Soziologie — Individualpsychologie … 158
        • Längsschnitt durch die Zeit: Geschichtsauffassung — Sozialpsychologie … 158
      • Folgerungen: Abschaffung des Privateigentums, Aufbau des Sozialismus — Abbau der neurotischen Lebensstruktur, Aufbau der Gemeinschaft … 160
      1. Einige Scheinprobleme … 164
      • Individuum — Gesellschaft … 164
      • Materie — Geist … 167
      • Geist — Seele … 169
      • Materialismus — Idealismus … 172
      • Dualismus — Monismus … 175
      • Gebundenheit — Freiheit … 176
      • Absolutismus — Relativismus … 178
      • Evolution — Revolution … 182
      1. Gegenseitige Kritik … 185
      • Kritik der Marxisten an der Individualpsychologie … 187
      • Kritik der Individualpsychologen am Marxismus … 191
      1. Verschmelzung … 195
      • Neue Menschen — neue Verhältnisse … 196
      • Aequivalenz der Ziele: Gemeinschaft und Sozialismus … 196
      • Aequivalenz der Mittel: Mut und Klassenkampf … 200
      • Das synthetische Klassenbewußtsein … 220
      1. Neue Einheit … 221
  • Literatur zur Einführung … 223

Einleitung

Wenn eine Gesellschaftsordnung und eine zu ihr gehörige seelische Haltung den Fortbestand der Menschheit nicht mehr zu sichern imstande ist, macht sich Not auf allen Gebieten menschlichen Lebens fühlbar. Die alten Sicherungsmittel materieller und ideeller Art erweisen sich als unzulänglich und lassen eine immer größer werdende Anzahl von Menschen außerhalb ihres Bezugssystems.

Wir befinden uns an solch einer geschichtlichen Umbruchsstelle. Auf allen Lebensgebieten sucht man nach neuen Lösungen für die drängende Frage der Not, und nicht zuletzt macht sich dieses vorwärtsgerichtete Fragen in der Wissenschaft geltend.

Wissenschaft ist ein Mittel des menschlichen Sicherungsapparates und hat im Prozeß des Neuwerdens ihre wichtige Rolle zu spielen.

Eine Ueberfülle von Theorien und Systemen bietet sich uns dar. Wir haben zwei davon herausgegriffen: Marxismus und Individualpsychologie. Sie beide erscheinen uns, in ihrer direkten Zugewandtheit zur Praxis des notvollen Lebens, die geeignetsten wissenschaftlichen Erklärungsweisen des heutigen Chaos. Dies wollen wir deutlich zu machen suchen, und auch das, inwieweit die beiden Lehren tauglich sind, uns auf unserem schweren Wege in die Zukunft zu leuchten.

Bisher versuchte es jede von ihnen allein. Wir müssen daher jeder zunächst auf ihrem Einzelwege folgen, damit wir ihren Ausgangspunkt, ihre Schrittart, ihre Richtung und ihr Ziel erkennen. Wir werden zu erweisen trachten, daß Ausgangspunkt, Schrittart, Richtung und Ziel der beiden eine verblüffende Uebereinstimmung zeigen. Das aber soll uns nicht genügen. Wenn wir sie als Führer in die Zukunft anerkennen sollen, müssen beide Lehren eine Absage an den gegenwärtigen Zustand und ein Bemühen um neue Gesellschafts- und Menschwerdung enthalten. Den Bruch mit dem bisher Gültigen und den Kampf um ein Neues nennt man Revolution.

Eine Revolution in der Wissenschaft, die stets mit einer Revolution in der Gesellschaft und im Menschen einhergeht, wird daran zu ermessen sein, inwieweit sie die bisher gültig gewesenen wissenschaftlichen Grundlagen und Gesetze überwindet und neue Grundlagen und Gesetze für eine neue Lebensgestaltung aufstellt. Ob eine Revolution in der Wissenschaft vorliegt, interessiert uns nicht an und für sich, aus Forschungsgründen, sondern nur, im Hinblick auf die Beförderung des Umbruchsprozesses, in den wir mitten hineingestellt sind und an dem wir alle mitzuwirken haben.

Ob eine Wissenschaft solche Förderungsarbeit zu leisten vermag, hängt nicht allein von ihrem theo- retisch-revolutionären Gehalt ab, sondern auch von ihrem Verhältnis zu den außerwissenschaftlichen Sphären. Wir glauben uns also nicht aus dem Rahmen der „umwälzenden Praxis“ zu entfernen, wenn wir Marxismus und Individualpsychologie als Lehren und als Bewegungen der revolutionären Feuerprobe unterziehen.

Es mag fraglich erscheinen, warum wir nicht bloß eine der beiden oder warum wir gerade diese beiden Wissenschaften zum Gegenstand unserer Untersuchung machen. Wir werden also, nachdem wir ihre innere Verwandtschaft angedeutet haben, auch ihr Aufeinanderangewiesensein und ihre Zusammengehörigkeit herausheben müssen. Wir wollen die Elemente zeigen, die sie zu einem Zusammenschluß drängen, wenn sie, fruchtbarer, als jede allein dies bis heute vermochte, die Massen ergreifen und auf den Weg zum Wir führen wollen.

Wir werden diesen Nachweis jedoch nicht fertig bringen, bevor wir nicht gewisse Scheinprobleme ins Auge gefaßt haben, die einer Verschmelzung noch den Weg verstellen. Ebenso müssen wir uns mit den Einwänden auseinandersetzen, die jede der beiden Wissenschaften gegen die andere auf dem Herzen hat.

Zum Schluß unserer Untersuchung muß sich uns dann die geeinte revolutionäre Wissenschaft von Menschen ergeben, mit neuen Totalitätsbegriffen, die erst in der praktischen Anwendung ihr neues sprachliches Kleid erhalten werden.

Dies alles freilich, unseren beschränkten Mitteln entsprechend, bloß skizzenhaft und andeutungs- weise. Wir haben aus dem weiten Feld, wo die Umbruchsarbeit am Werke ist, uns eine Parzelle herausgeschnitten und sind uns wohl bewußt, daß es nur eine Parzelle ist. Ebenso bewußt sind wir uns aber dessen, daß wir allein diese Parzelle nicht hinreichend beackern können, damit sie die so nötig gebrauchten Früchte trägt. Schon die vorliegende Arbeit wäre nicht zustande gekommen ohne kameradschaftliche Bemühungen, an denen vor allem Otto Rühle und die Genossen der Dresdner Arbeitsgemeinschaft beteiligt waren. Unsere Untersuchungen wollen auch weit weniger gültige Resultate liefern, als — mit dem Mittel später korrigierbarer Hypothesen — einen Aufruf zu gemeinsamer Arbeit ergehen lassen. Wir heben einige Punkte heraus, die uns dringend der Beachtung und Bearbeitung bedürftig erscheinen, und setzen sie in ein vorläufiges Bezugssystem. Unsere Ergebnisse sind — wir betonen es — behaftet mit allen Vorläufigkeiten der unausgereiften Zeit und mit allen Mängeln unserer individuellen Kräfte.

An unsere Arbeit geleite uns ein Wort des alten Mathias Claudius aus dem Wandsbecker Boten: „Ich habe nicht umgesattelt und suche, wie bisher, einfältig und bescheiden an die wahre Größe und den inwendigen Wohlstand des Menschen zu erinnern, daß sie ihrer gedenken und zu rechter Zeit Hand anlegen. Denn wer sie auch sind, gelehrt oder ungelehrt, wenn der Rausch vorüber ist, möchten wir doch alle gern Hand angelegt haben.“

Buchholz-Friedewald, Juli 1927

Marxismus

1. Politische Oekonomie

„Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies: daß das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint; daß die Produktion nur Produktion für das Kapital ist und nicht umgekehrt die Produktionsmittel bloße Mittel für eine stets sich erweiternde Gestaltung des Lebensprozesses für die Gesellschaft der Produzenten sind.“

Karl Marx, Das Kapital III 1, 231/2.

Der Kapitalismus ist die Epoche der Menschheitsgeschichte, in der alles Leben Wirtschaftsleben geworden ist, ebenso wie alle Dinge, ja mehr als die Dinge, auch Begriffe, Worte, Gefühle zu Waren geworden sind.

Die Analyse des kapitalistischen Wirtschaftssystems muß von der Analyse der Ware ausgehen.

Eine Ware ist ein Gegenstand des Bedarfs, der zu Zwecken des Austauschs verwendet oder eigens hergestellt wird. Da schon in weit vorkapitalistischen Gesellschaftszuständen kaum je ein Gemeinwesen alle Bedarfsgüter selbst herstellen konnte, ist der Warenaustausch keine dem Kapitalismus eigentümliche Erscheinung. Was den Kapitalismus charakterisiert, ist die Ausschließlichkeit der Warenwirtschaft, in der bewußt und fast ausnahmslos (abgesehen von kleinen Teil-Selbstversorgern auf dem Lande, die aber ebenfalls gleichzeitig Warenerzeuger und Warenkäufer sind) „für den Markt“ produziert wird. Das ausschlaggebende Verhältnis der Menschen untereinander in bezug auf das Wirtschaftsleben ist nicht mehr das von Arbeiter und Mitarbeiter, noch das von Erzeuger und Verbraucher, sondern das von Käufer und Verkäufer. Der Warenaustausch ist die Kategorie des kapitalistischen Systems.

Wenn aber getauscht werden soll, müssen die zu tauschenden Gegenstände einander kommensurabel sein. Sie müssen Qualitäten haben, die man miteinander in Beziehung setzen kann. Denn ihre Austauschbarkeit ist ja ihre einzige Eigenschaft als Ware. Andere Eigenschaften, wie Schönheit, Dauerhaftigkeit, Nützlichkeit usw. sind Eigenschaften, die der Ware unabhängig von ihrem Warencharakter anhaften. Sie verleihen ihr eine Gebrauchsfähigkeit, aber keine Austauschfähigkeit. Wir sagen Gebrauchsfähigkeit für das übliche „Gebrauchswert“, weil der Gebrauchswert, sobald er einmal als das rein Qualitative der Dinge begriffen ist, aus der Marxschen Analyse der Ware sofort wieder ausscheidet. Er hat dort nur mehr die Funktion des Vorhandenseins; denn ein Gegenstand, der für nichts und niemanden einen Gebrauchswert hat, kann auch nicht zur Ware werden, weil sich niemand findet, der ihn einzutauschen wünscht. Abzüglich dieser Funktion des Vorhandenseins kommt die Nützlichkeit oder Verwendbarkeit eines Gegenstandes für die Analyse seines Warencharakters nicht mehr in Betracht. Als Gebrauchswerte sind Gegenstände nicht wertbar; sie stufen sich zwar je nach den Kulturgewohnheiten und Bedürfnissen jeder Epoche in eine Rangordnung von nötigen und weniger nötigen Dingen (z. B. Lebens- mittel, Bedarfsgüter, Luxusartikel), aber es sind zu jeder Zeit, in jedem Lande und für jeden Menschen andere Dinge, die in dieser Stufenleiter die oberste Sprosse einnehmen. Die Rangordnung liegt nicht in den Eigenschaften der Dinge, sondern in der Bedürfnishierarchie der sie jeweilig begehrenden Menschen.

Anders wird die Sache, wenn wir uns um die Austauschbarkeit der Waren bekümmern. Der Tauschwert der Waren ist kein natürliches, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis. Er stellt ein Quantum menschlicher Arbeit dar. Die Dinge werden durch ein Mittel miteinander in Beziehung gesetzt, das ihnen selbst als Dingen gar nicht innewohnt, sondern ihnen von gesellschaftlich verbundenen Menschen zugerechnet wird. Es wird von der Qualität der Dinge abgesehen und das Augenmerk einzig auf ihre Quantität gerichtet. Aus der bunten Welt der Farben, Geschmäcker, Gewichte, physikalischen Natürlichkeiten treten wir in das düstere und einförmige Reich der Zahlen.

Welches ist nun das Mittel, um die Waren quantitativ miteinander zu vergleichen? Ihre spezifische Art kann es nicht sein, denn sie ist einmalig. Man kann zwar zwei Aepfel mit sechs Aepfeln vergleichen, aber nicht einen Apfel mit einer Birne. Die Quantität der Gegenstände ist nur zu messen an etwas, das ihnen allen gemeinsam ist. Es ist der Aufwand an Arbeit, der ihnen gesellschaftlich zugewendet wird, um sie von vorgefundenen Rohstoffen in Bedarfsgüter zu verwandeln. Die Arbeit wird gemessen an der Zeit. Und die Zahlen, die als Gradmesser der Austauschfähigkeit den Waren zugeschrieben werden, sind die auf sie verwendeten Arbeitsstunden. Man muß bei dieser Messung des Waren-Tauschwertes durch Arbeitsstunden zweierlei in Betracht ziehen: es sind nicht nur die Arbeitsstunden gemeint, die etwa der Schuster auf die Herstellung von ein Paar Schuhen verwendet. Sondern Bruchteile all der Arbeitsstunden, die zur Aufzucht des Viehes, das die Haut liefert, zur Gewinnung der Futtermittel für dieses Vieh, zur Herstellung der Schusterwerkzeuge und der Werkstatt usw. aufgewendet werden mußten, werden dem Tauschwert des fertigen Schuhes zugesetzt. Zweitens darf man sich von den individuellen Unterschieden in der Arbeitsdauer nicht beirren lassen. Daß mit der Hand verfertigte Schuhe ein Vielfaches an Arbeitsstunden darstellen, trägt zu ihrem Wert nicht ebenso Vielfaches bei. In Betracht kommt nur die gesellschaftlich notwendige Durchschnittsarbeitszeit, d. h. die Anzahl von Stunden, die ein durchschnittlich geschickter Arbeiter mit den gesellschaftlich zur Verfügung stehenden Arbeitshilfen (Maschinen u. a.) braucht.

In der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeitszeit als Grundlegung der Tauschwerte wird nun wiederum vom Individuellen, Einmaligen und darum eigentlich Unmeßbaren abgesehen, das der individuellen Arbeit des einzelnen lebendigen Menschen anhaftet, so wie bei dem zur Ware gewordenen Gegenstand von seinen Sonderqualitäten abgesehen wird. Die ausschließliche Tauschwirtschaft verfährt höchst demokratisch mit den Dingen und Menschen: sie werden gewaltsam gleichgesetzt, unbeschadet ihrer Besonderheiten im Guten und Schlechten. Die Vergleichsmöglichkeit „so oder anders“ wird ausgelöscht von der gesellschaftlichen Vergleichswirklichkeit „mehr oder weniger“.

Wenn der Tauschwert eines Gegenstandes nicht in einer organischen Qualität seiner Stofflichkeit, auch nicht in der auf ihn verwandten individuellen Arbeit, sondern in einer gesellschaftlich bemessenen Quantität, nämlich der auf ihn verwendeten gesellschaftlichen Durchschnittsarbeitszeit erblickt wird, so ist damit zwar die Grundlegung des Warenaustausches gegeben; aber auch nur die Grundlegung. Um den Warenaustausch praktisch vollziehen zu können, muß in einer besonderen, dazu geeigneten Ware der quantitative Warencharakter unter Vernachlässigung des qualitativen Dingcharakters ein für allemal dargestellt sein. Dies ist zunächst die Funktion des Geldes. Geld als Austauschmittel, ob es nun in der Form von Kleinvieh, Tee-Ziegeln, Scheffeln Getreides oder in unserer handlichen, Wetter und Zeit am wenigsten ausgesetzten gemünzten Metallform erscheint, stellt eine fixe Anzahl gesellschaftlicher Arbeitsstunden im Gleichnis dar, ist gleicherweise Wertzeichen wie Tauschmittel. Als solches erscheint es im Preis, also in derjenigen Eigenschaft, die zuerst in die Augen springt und daher Laien und Wissenschafter stets verleitet hat, sie als die eigentlich wertbildende anzusehen. Der Wert der Waren entsteht bei ihrer Produktion. Der Preis ist ein Zirkulationsmoment und setzt den Wert voraus, den es nur namhaft macht.

Wenn Preis und Wert in der Praxis meist nicht genau übereinstimmen, so liegt dies in den Schwankungen der Angebot- und Nachfragekonjunktur begründet, ferner in gesellschaftlichen Entwicklungserscheinungen, bei denen das Tempo der Produktion mit dem der Zirkulation stark auseinanderfällt. Während die Wertsetzung also — freilich den Produzenten und Dirigenten des Wirtschaftslebens meist unbewußt — streng gesetzmäßig vor sich geht, haftet der Preisgestaltung etwas mehr Zufälliges und Willkürliches an. Etwas so weitgehend Unkontrollierbares, wie die Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage auf die Preisgestaltung, hat darum die Nationalökonomen bis Marx in den Glauben versetzt, der Wert der Waren entstünde durch Angebot und Nachfrage, also in der Zirkulation.

Die Waren, die mit ihrem hinter dem Preiszeichen wohlverborgenen Wert zu Markte gehen, um sich dort zu tauschen, haben die Mühen und Nöte ihrer Geburt und Aufzucht in der Tat abgestreift. Nicht in Wirklichkeit, wohl aber in der gesellschaftlichen Einschätzung sind sie nur noch Preisfechter, Konkurrenten auf dem Markt, wo es eben nicht um das „Wie“ oder „Anders“, sondern nur noch um das „Mehr“ und „Weniger“ geht. (Man darf sich nicht irre machen lassen durch den Umstand, daß die Praxis in der Abstraktion nie so weit gehen kann. Beim Austauschverhältnis werden natürlich auch Qualitäten berücksichtigt. Aber sie bilden den Kaufanlaß, nicht das Kaufverhältnis selber. In der Inflationszeit, wirtschaftlich schon eine Verfallserscheinung des kapitalistischen Systems, trat die — stets nachhinkende — kapitalistische Käuferpsychologie deutlich zutage. Die meisten kauften nicht mehr, weil etwas gut oder erforderlich, sondern weil etwas billig war.) Auf dem Markte selbst haben die Waren völlig ihren unselbständigen Charakter als Produkte eingebüßt. Sie erscheinen in einer „gespenstigen Gegenständlichkeit“, wie beseelte Wesen, die einander die Rangordnung streitig machen, die sich gegenseitig in den Schatten stellen. Sie sind die Schauspieler auf der Bühne, und Käufer und Verkäufer nur die Kulissenschieber und das Publikum. Die Berichte der Warenbörse erscheinen wie Schlachtbulletins von Kämpfen, die die Dinge miteinander ausgefochten haben. Ausdrücke, wie „Weizen gestiegen“, „Eisenbahntraversen belebt“ usw. spiegeln naiv die Stellung der Menschen zu ihren eigenen Produkten. Die Gegenstände haben sich ihren Schöpfern gegenüber selbständig gemacht, diese haben die Kontrolle über sie verloren und werden nun von ihnen beherrscht. Und wie die steinernen oder hölzernen Götzen primitiver Völker herrschen diese Geschöpfe der Menschen fetischartig über ihre Erzeuger, indem sie ihnen ihr Wohl und Wehe verkünden mit einem Warenschlachtbericht. Was der lebendige Einzelne diesen geronnenen, fetischhaft wirkenden Stofflichkeiten gegenüber allenfalls noch vermag, ist, mit Gerissenheit sich vor ihren Schlägen zu schützen oder ihr Wohlwollen vorauszuahnen und sich nutzbar zu machen. Die abergläubische Verehrung, mit der der Kaufmann der Konjunktur gegenübersteht, bietet dem Außenstehenden dasselbe Bild, wie der Götzenanbeter bei den Hottentotten es dem europäischen Afrikareisenden bietet. Aber mit dem Unterschied, daß das Schlachtfeld der Waren kein Afrika ist, das man gelegentlich bereisen oder wieder verlassen kann, sondern unsere einzige reale Lebensmöglichkeit, über die wir uns nur gedanklich und konstruktiv zu erheben vermögen.

Dieser „Fetischcharakter der Ware“, ihre usurpierte Macht über den Menschen, betrifft aber nicht nur die Ware allein, sondern die ganze Sphäre der Zirkulation. Er wirkt zurück auf die Sphäre der Produktion, wo man Pygmalion, der dem toten Steine Leben einhaucht, noch an der Arbeit sieht. Die vom Zirkulationsscheine geblendeten Augen aber sehen auch hier schief und die Produktion wird für sie zu einem Dienst an einem anderen Fetisch, zu einem Dienst am Kapital.

Außer seiner Funktion als Wertzeichen, Wertmesser und Tauschmittel übte das Geld, auch in der vorkapitalistischen Zeit schon, die Funktion der Schatzbildung, d. h. der potentiellen Wertanhäufung auf der Grundlage späterer Tauschmöglichkeiten. Geld als Kapital, d. h. als sich selbst verwertendes, zinstragendes, „arbeitendes“ Geld, kommt erst innerhalb des kapitalistischen Systems auf. Die Selbstverwertung von aus der ersten Zirkulationstour herausgenommenem und in eine zweite Zirkulationstour eingeschossenem Geld ist nur möglich, wenn in der Zwischenzeit — zwischen zwei Zirkulationstouren — das Geld „arbeiten“, d. h. neuen Wert bilden kann. In der Eigenschaft des Geldes als solchem kann die Wertbildungsquelle nicht gelegen sein. Der Markt, wo es als Gegenspieler zu wertgleichen Waren auftritt, setzt — wie wir wissen — überhaupt keine Werte zu, sondern vermittelt bloß den Austausch der in der Produktion gesetzten Werte. Die Wertbildung geht einzig und allein innerhalb der Produktionssphäre vor sich. Dort „arbeitet“ das Geld; d. h. der Fetischcharakter der heutigen Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur erweckt den Anschein und versetzt seine Gläubigen in das Bewußtsein, als ob dem Geld an und für sich die rätselhafte Kraft innewohne, dort, wo es nicht in Schrein und Truhe geborgen liegt, sondern wo es mit Menschenhänden, Rohstoffen und Maschinen in Berührung kommt, zu arbeiten, Geld zu hecken — „sich selbst zu verwerten“. Es muß also irgendwo in der Produktionssphäre eine Stelle sein, wo der kapitalistisch-liberale Grundsatz: Werte tauschen sich nur gegen gleiche Werte, eine unvorausberechenbare Konsequenz ergibt. Um das zu verstehen, richten wir unser Augenmerk auf eine spezifisch kapitalistische Form der Ware, auf die Ware Arbeitskraft.

Die Arbeitskraft haftet als individuelle Qualität an ihrem Träger, dem Arbeiter, so lange, als noch nicht das Zahlenprinzip des „mehr oder weniger“ in den zwischenmenschlichen Wirtschaftsbeziehungen die Oberhand erlangt hat. Mit dem Moment, wo die Gegenstände ihre stoffliche Eigenart abstreifen und Quantitäten geronnener Arbeitszeit werden, streift auch der produzierende Mensch seine Einzigartigkeit und Einmaligkeit ab und scheidet aus seiner unmeßbaren und unvergleichlichen Ganzheit Mensch die meßbare und vergleichbare Arbeitskraft aus, um damit zu Markte zu gehen. Das „Zu-Markte-Gehen“ ist der sinnbildliche Ausdruck für die Freizügigkeit, die der Produzent innerhalb der neuen kapitalistischen Ordnung erwirbt. Er wird Herr seiner selbst, d. h. mit der geschichtlich auftauchenden Notwendigkeit gewinnt der Arbeiter die Möglichkeit, seine Arbeitskraft von sich abzusondern und auf den Markt zu bringen. Auf dem Markt tritt der Arbeiter als freier, ebenbürtiger Kontrahent dem Käufer seiner Ware, dem Unternehmer, gegenüber. Wer glaubt, der Arbeiter werde dort, wo er seine Ware Arbeitskraft dem Unternehmer verkauft, also in der Zirkulationssphäre, vom Unternehmer betrogen, der übersieht, von falschem Anschein verführt, die Tatsache, daß die Waren sich nur zu gleichen Werten tauschen können. Der Wert der Arbeitskraft ist genau so wie der aller anderen Waren nach ihrer abstrakten Quantität, als Menge geronnener Arbeitsstunden, dargestellt. Auch hier gilt das gleiche, wie bei jeder anderen Ware, daß ihr Wert sich bemißt nach der zu ihrer Herstellung (hier: Wieder-Herstellung durch so und soviel Lebensmittel, Kleidung, Wohnung usw.) erforderlichen Durchschnittsarbeitszeit. Der Preis differiert, beeinflußt durch Angebot und Nachfrage, nicht wesentlich stärker um den wahren Wert — der in dem sogenannten Existenzminimum gegeben ist — als der Preis irgendeiner anderen Ware. Der Besitzer der Produktionsmittel kauft die Ware Arbeitskraft mit einem ganz bestimmten Zweck: um sie an seine Produktionsmittel, die er mit dem aus dem vorhergehenden Zirkulationsumlauf herausgezogenen Geld gekauft hat, zu wenden. Wäre die Ware Arbeits- kraft anderen Waren gleich, so könnte sie den Produktionsmitteln nur soviel Wert zusetzen, als sie selbst — in Lohn ausgedrückt — darstellt. Aber sie ist eine ganz besondere Ware und tut deshalb mehr: sie wirkt über die Selbstverwertung hinaus wertbildend. Daß sie dies kann, liegt nicht in ihrem Charakter als zahlenmäßig zu berechnendem Tauschwert (wie er sich im Arbeitslohn ausdrückt), sondern in ihrem eigenartigen Charakter als Gebrauchswert. Die Arbeitskraft hat — auf einer erst im Kapitalismus erreichten Stufe der technischen Vervollkommnung — die Eigenschaft, in so und soviel Stunden gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit mehr Werte zu schaffen, als sie selbst dargestellt und im Kaufpreis für sich realisiert hat. Ihr Gebrauchswert besteht eben darin, daß sie trotz der allmählichen Abnutzung einen Ueberschuß an neuem Tauschwert abwirft, den Mehrwert. Diese ihre spezielle Eignung ist nicht etwa ein Geheimnis, das sich erst bei ihrer Anwendung im Produktionsprozeß enthüllt. Vielmehr war die gesellschaftliche Erfahrung, daß auf der erreichten technischen Höhe die menschliche Arbeitskraft mehr schafft, als zu ihrer eigenen Wiederherstellung nötig ist, ja gerade Anstoß und Voraussetzung zu der neuen Wirtschaftsorganisation des Kapitalismus. Auf einer geringeren Stufe der Produktivkraftentwicklung, etwa zur Zeit der Sklaverei, rentiert sich die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft nicht. Indienststellung und Ausbeutung zu Zwecken privater Arbeitsersparnis und privaten Wohllebens finden wir in jeder privatwirtschaftlichen Epoche. Aber erst die Reife der Produktivkräfte seit Beginn des kapita- listischen Zeitalters gestattet und bedingt eine planmäßige Ausbeutung zwecks Mehrwertgewinnung, das heißt zu dem Ziele der Kapitalbildung und Kapitalakkumulation. Der Unternehmer ahnt also, wenn er zu Markte geht, um die Arbeitskraft des freien Lohnarbeiters zu erwerben, welche Bewandtnis es mit dem Gebrauchswert dieser erhandelten Ware hat, auch wenn er sich ökonomisch aus verhülltem Klasseninteresse die Erscheinung des Mehrwerts nicht klarmachen darf. Daß er bei dem Tausch — Arbeitskraft gegen Arbeitslohn — profitieren werde, ist unumgängliche Grundvoraussetzung und Bedingung, damit der Handel zustande komme. Ob sich seine Profiterwartung nachher bewahrheitet, hängt von fetischartigen Mächten, wie der Konjunktur, der technischen Entwicklung, der Wirtschaftskrise, der politischen Lage usw., ab, von Umständen also, über die der individuelle Unternehmer keine Macht hat, von denen er sich vielmehr wie von einem nach Laune strafenden oder schenkenden Gotte abhängig fühlt. Das arrangierte Produktionsverhältnis des „freien Marktes“ wirkt sich also in der Unfreiheit all derer aus, die den freien Markt bevölkern. Die Freiheit des freien Kapitalisten und die Freiheit des freien Lohnarbeiters, beides sind gesellschaftliche Fetische, die in der allgemeinen Unfreiheit eines tausendfältig verflochtenen, von Einzelnen nicht mehr zu kontrollierenden Wirtschaftsgetriebes untergehen.

Die Freiheit des Lohnarbeiters ist abhängig von der sie bedingenden generellen Unfreiheit, anders als durch Verkauf der Arbeitskraft als Ware und zu den unbeherrschbaren Bedingungen des Ar- beitsmarktes sein Leben zu fristen. Das System der Freiheit wäre nur dann ein wirkliches System der Freiheit, wenn für den Menschen eine vorurteilslose Wahl zwischen Leben und Nichtleben psychologisch möglich wäre. Das System ist also unbewußt aufgebaut auf dem Willen des Menschen zum Leben um jeden Preis; es steht und fällt mit dem Grade der Sicherheit, mit dem es auf diesem Lebenswillen aufgebaut ist.

Psychologisch gesehen ist der Kaufvertrag zwischen Unternehmer und freiem Arbeiter eine gegenseitige Lebenssicherung, zwingender für den Arbeiter, der verkaufen muß bei Gefahr seines alsbaldigen Untergangs, weniger zwingend für den Kapitalisten, der kaufen muß bei Gefahr seiner Produktionsunfähigkeit. Die um den realen Wert der Arbeitskraft schwankenden erzielten Marktpreise (= Arbeitslöhne) verraten in ihren Zahlen daher stets das Verhältnis der beiden Unsicherheiten. Die endgültige Lohnhöhe ist nicht auf einem gleichwertigen Austauschverhältnis, sondern auf dem Ergebnis eines klassenmäßigen Machtkampfes aufgebaut.

Die Ablösung des Leibeigenen oder hörigen zinspflichtigen Bauern durch den bezahlten „freien“ Landarbeiter, die des selbständigen, seine Produktionsmittel besitzenden Handwerkers in der Stadt durch den „freien“ Lohnarbeiter, der seine Arbeitskraft zu Markte tragen muß, geht Hand in Hand mit der Ablösung des Bedarfsgegenstandes durch die Ware. Nicht mehr die Bedarfsdeckung, sondern die Profitgewinnung wird zum Leitbild der Produktion.

Um auf dem Markte als Herr auftreten zu können, muß der Unternehmer über möglichst viele, möglichst austauschfähige Güter — Waren — verfügen. Er muß also darauf bedacht sein, die Produktion mit Hilfe technischer Hilfsmittel und der rationellsten Anwendung der menschlichen Arbeitskraft so rentabel wie möglich zu gestalten. Das erste Hindernis, das ihm dabei begegnen kann, sind Störungen innerhalb der Produktion selbst: mangelnde Zufuhr der Rohstoffe und Arbeitskräfte, schnelle Entwertung seines Maschinenparks durch neue technische Vervollkommnungen usw. Um diese Hindernisse zu beseitigen, werden im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung mancherlei Vorkehrungen getroffen: die Gefahr der mangelnden Rohstoffzufuhr wird durch Ausbau des Verkehrswesens und Kolonisierung der Rohstoffgebiete, die Gefahr der mangelnden Zufuhr von Arbeitskräften durch Schaffung einer industriellen Reservearmee und Entwicklung der Menschenkräfte sparenden Maschinerie, die Gefahr der zu raschen Entwertung des technischen Arsenals durch Patronage der Wissenschaft auf der einen, Monopolbildungen auf der andern Seite zu bannen gesucht.

Geht die Produktion glatt vonstatten, so ergeben sich möglicherweise Schwierigkeiten in der Austausch- und Zirkulationssphäre. Es muß ein geregelter Tauschverkehr da sein, den zu garantieren einerseits das Transport- und Verkehrswesen (Verstaatlichung der Eisenbahnen, Regelung des Grenz- und Zollverkehrs), anderseits das Geldwesen (Bank- und Kreditsystem) ausgebildet werden. Die dritte Schwierigkeit erwächst in der Sphäre des endgül- tigen Austauschs — hier grenzt die Produktion schon an die Konsumtion — aus dem Gebiet des sachlichen Warenmechanismus blickt man schon in die Sphäre des menschlichen Bedarfsorganismus. Aber der Fetischismus, der dem System anhaftet, verschleiert diesen Blick. Die Konsumenten kommen nicht als Masse lebendiger Wesen, vollends nicht als Einzelwesen in Betracht. Sie stellen einen Faktor, eine Nummer in der kapitalistischen Rechnung dar. Und wiederum kommt es, wie beim Wert und bei der Arbeit, so jetzt auch beim Konsum, nicht auf irgendein „So“ oder „Anders“, sondern nur auf das „Mehr“ oder „Weniger“ an. Um Konsumenten zu gewinnen, gibt es vorwiegend zwei Mittel: die Beherrschung des inneren Marktes und die Eroberung der ausländischen Märkte durch Konkurrenzfähigkeit, kriegerische oder handelspolitische Kolonisation.

Will man das für den kapitalistischen Betrieb kennzeichnende Wesen des Konkurrenzkampfes verstehen, so muß man einen seltsamen wirtschaftspsychologischen Widerspruch ins Auge fassen. Die scheinbare Freiheit des Arbeiters hat sich als Trug entlarvt, sobald er vom Markte weg in die Produktion abging. Etwas später entlarvt sich auch die Freiheit des Unternehmers als Schein. Er ist gebunden an die Gesetze des Marktes. Diese Gesetze ihrerseits erscheinen dem Einzelnen — Unternehmer wie Arbeiter — mit der Unverbrüchlichkeit von Naturgesetzen, denen er rettungslos unterworfen ist. Es entgeht dem Einzelnen, daß die Naturgesetzlichkeit des „freien Handels“ genau so ein Fetisch ist, wie die Eigenwilligkeit des Warenwertes oder die Frei- heit des Arbeiters. Es muß ihm entgehen, weil er, genötigt durch geschichtlich sich entwickelnde Produktivkräfte, mit rückständig individuellem Bewußtsein kollektiv schafft, ohne das selbst zu verstehen. Seine Ideologie aus früheren Wirtschaftsepochen steht verdunkelnd vor seiner eigenen, von ihm aus Klasseninteresse betriebenen Oekonomie. So sieht er das Werk seiner Klasse, das Werk also von kollektiv handelnden, tätigen Menschen aus Klasseninteresse auf ein Klassenziel hin, sich gegenüber verselbständigt als scheinbar objektives Gesetz einer entpersönlichten Wirtschaftlichkeit. Als Regierer dieser Wirtschaftlichkeit erscheint die Konkurrenz, die nichts anderes ist als die einander zum kollektiven Ganzen ausgleichenden individuellen Profitinteressen, wie sie sich auf einer jeweils gegebenen Stufenleiter der Produktivkräfte begegnen. Die individualistische Form des Eigentums tritt in der kollektivistischen Form der Großindustrie als Konkurrenz — Konkurrenz der Einzelunternehmer (später Gesellschaften und Konzerne) um den inneren Markt, Konkurrenz der Unternehmernationen um die gegenseitigen und kolonialen Märkte — zutage.

Galt die Sicherung in der Produktions- und Zirkulationssphäre durch die oben geschilderten Mittel sowohl für das Interesse einer Unternehmernation und der internationalen Unternehmerschaft im ganzen, als auch für das Interesse jedes einzelnen Unternehmers — sobald das Absatzgebiet betreten wird, kehren die Interessen der Einzelunternehmer sich gegeneinander. Hinter der Maske kollektiver Sachlichkeit, die in der Produktion undurchsichtig, in der Zirkulation eben noch verhüllend wirkte, kommt jetzt die Fratze höchst individualistischer Profitgier hervor.

Um auf dem inneren Markte als einzelner, auf dem Weltmarkt als nationaler Kapitalist konkurrenzfähig zu werden und zu bleiben, muß die Produktion auf immer erweiterter Stufenleiter fortgeführt werden. Dazu ist nötig eine steigende direkte Mehrwertgewinnung, damit der Mehrwert über den Lebensunterhalt der nutznießenden Klasse und die Aufrechterhaltung der Produktion hinaus der Produktion auf erweiterter Grundlage zugeführt werden kann. Ein sozialer Kampf um die Länge und Intensität des Arbeitstages, um die Lohnhöhe usw. muß verbunden sein mit einer Tendenz zur Senkung des Existenzminimums, d. h. einer Verwohlfeilerung auch der Ware Arbeitskraft. Da aber die Subsistenzmittel der Arbeitskraft Lebensmittel sind, geht dies Hand in Hand mit einer Verwohlfeilerung der Waren überhaupt. Dadurch, daß die Selbstverwertung der Ware Arbeitskraft zu ihrer eigenen Wiederherstellung einen stets geringer werdenden Bruchteil des absoluten Arbeitstages erfordert, werden immer größere Teile des Arbeitstages zur Mehrwertgewinnung frei. In diesem, stets größer werdenden, Tagesteil wird aber nicht abstrakt Mehrwert geschafft, sondern es werden Produkte — Waren — hergestellt. Der Antrieb der Verwohlfeilerung, also die Konkurrenzfähigkeit, ruft die Akkumulation des Kapitals hervor. Sie hat zunächst zwei Erscheinungen im Gefolge, die später in ihr Gegenteil umschlagen: Ueberschwemmung der Märkte mit Produkten und Einschränkung der Märkte durch „Freisetzung“, d. h. Konsumunfähigkeit der Ar- beiter. Denn die Verwohlfeilerung der Waren kann nur durch Ausbildung und Anwendung mechanisch-technischer Hilfsmittel in stets größerer Vervollkommnung geschehen, wodurch immer mehr Kapital in die „konstante“ (maschinelle) Abteilung der Anlage abfließt, immer weniger für das variable Kapital (Arbeitslöhne, die allein die Basis des Mehrwerts bilden) übrigbleibt. Das kapitalistische System befindet sich hier in einem Zirkel:

Um konkurrenzfähig produzieren zu können, muß es akkumuliert werden. Denn nur mit Zuschußkapital kann auf der erweiterten Grundlage der stets nächsthöheren technischen Stufe produziert werden. Durch die Anwendung von stets mehr maschinellen Arbeitsmitteln jedoch wird die Mehrwertrate relativ eingeschränkt (was nicht hindert, daß sie, durch Kapitalisierung bis dahin rückständiger Produktionszweige, beispielsweise der Landwirtschaft, eine Zeitlang absolut wächst) und werden Arbeiter „freigesetzt“, d. h. ihrer Konsumfähigkeit entkleidet. Die Maschinen speien Waren auf einen Markt, der sie nicht aufnehmen kann, weil er von Arbeitslosen bevölkert ist. Will man die Arbeitslosen zu Konsumenten machen, so muß man sie in neuen oder erweiterten Produktionszweigen beschäftigen. Um Produktionszweige zu kapitalisieren oder kapitalistisch zu erweitern, muß man akkumulieren. Akkumulieren aber kann man nur, wenn man die Mehrwertrate steigert. Die Mehrwertrate steigern kann man nur durch Drückung des Wertes der Arbeitskraft (denn die Drückung des Preises der Arbeitskraft hat bei etwas unter dem Existenzminimum ihre soziale und psychologische Grenze). Der Wert der Arbeitskraft kann nur gesenkt werden durch Produktion auf erweiterter Stufenleiter. Um diese betreiben zu können, muß man akkumulieren. Und so fort im Kreise.

Aus diesem Kreislauf stürzt die kapitalistische Produktion von Zeit zu Zeit in eine Krise. Die Wiederaufnahme der Produktion hängt ab von einer Möglichkeit, den Mehrwert zu realisieren, d. h. neue Märkte zu erschließen. Das Mittel dazu ist die friedliche oder kriegerische Eroberung von noch nicht kapitalistischen Gebieten. (Kolonisation, Kriege, Protektorate.) Gleichzeitig damit muß aber dem schwindelnden Tempo der Konkurrenz mit ihren paradoxen Begleiterscheinungen Einhalt geboten werden. Das geschieht durch die Konzentration des Kapitals. Mittels Kartell- und Konzernbildung werden möglichst alle Konkurrenten ausgeschaltet. Um Absatz zu finden, muß man danach nicht mehr den Preis (also auch den Wert) der Waren niedriger machen. Auch nicht zum Zwecke technischer Erweiterung akkumulieren; sondern es genügt ein gesetzlich oder machtmäßig geschütztes Monopol. Aus dem unabweisbaren Konsumentenbedürfnis, das anderwärts nicht mehr befriedigt werden kann, wird nun der zur Fortführung der Produktion auf stetiger Grundlage und zur Deckung des Profithungers nötige Mehrwert realisiert.

Dieser Kreislauf fände erst ein Ende, wenn 1. sämtliche Absatzmärkte der Erde erobert und überfüllt wären, 2. wenn die ganze Industrie der Welt monopolisiert wäre, so daß auch keine internationale Konkurrenz mehr wirksam sein könnte. Von diesem Punkt sind wir nicht nur noch ziemlich entfernt, es ist vielmehr auch höchst unwahrscheinlich, daß er überhaupt jemals erreicht wird. Denn die eben gepflogene Betrachtungsweise, die nur dazu dienen sollte, den Ablauf der kapitalistischen Produktion und Akkumulation logisch darzutun, hat in fetischistischer Weise die Sachlichkeit der kapitalistischen Kategorien (Ware, Mehrwert, Austausch, Konkurrenz, Krise) für autochthone, selbstherrliche Wirklichkeit gesetzt, und eins aus der Rechnung gelassen: die menschlich-lebendigen Untergründe dieser fetischhaft regierenden Sachlichkeit.

Hand in Hand mit der Akkumulation und Konzentration des Kapitals geht die Verelendung der Arbeiterklasse. Parallel mit jeder Krise laufen soziale Kämpfe. Die Frage der Eroberung neuer Märkte ist keine bloße Frage einer Zirkeldrehung auf der Wirtschaftslandkarte, sondern kompliziert sich durch allerhand ideologische Momente wie Nationalismus, Pazifismus usw. Der Zusammenbruch des Systems ist unvermeidlich.

*

Wollen wir dem Fetischdienst unseres Wirtschaftssystems nicht gleichfalls anheimfallen, so müssen wir aus der scheinbar rettungslosen Verstricktheit kapitalistischer Mechanismen unsere Augen abwenden und die Hintergründe zu erblicken suchen, von denen sich diese Mechanismen in so gespenstig eigenwilliger zwangsläufiger Gegenständlichkeit abheben. Wir haben die Oekonomie des Kapitalismus in ihrer immanenten Gesetzmäßigkeit überschaut (freilich nur grob und flüchtig, wie dies dem Zweck unserer Unter- suchung angepaßt ist und leider genügen muß), nun wenden wir uns zu den Beziehungen zwischen Oekonomie und anderen Lebensgebieten (Ideologie und Praxis). Wir gehen von der immanent-ökonomischen zur transzendent-ökonomischen, von der logischen zur dialektischen Betrachtung über. Wir haben Marx ohnedies vergewaltigt, indem wir versuchten, bisher — aus Gründen der Uebersichtlichkeit — rein logisch-kategoriell zu verfahren. So mußte die großartige Dialektik etwa der sinkenden Profitrate als Ursache und Folge des Konkurrenzkampfes zu einer geistspielerischen Paradoxie verzerrt erscheinen.

Sie wird uns nachträglich in ein anderes, marxistischeres Licht rücken, wenn wir uns der Methode bemächtigt haben, mit der allein dem toten Wirtschaftskategorismus Leben eingehaucht werden kann: der Marxschen materialistischen Dialektik.

2. Materialistische Geschichtsauffassung

Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wird hier von der Erde zum Himmel gestiegen. Das heißt: es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, es wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozeß auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt.

Karl Marx: Zur deutschen Ideologie. (Marx-Engels-Archiv, I, 239.)

Der Sinn jeder Geschichtsauffassung, die mehr als Spekulation, die Wissenschaft sein will, besteht darin, zur Erklärung der geschichtlichen Vorgänge taugliche Arbeitshypothesen aufzustellen. Die Metaphysik mag nach absoluter Wahrheit forschen. Sie irrt — trotz Kant, der die Bedingtheit unseres Erkennens aufgezeigt hat — mit der Stange im Nebel herum, solange sie nicht zuerst den Sinn und die Absicht jeder Metaphysik bescheidentlich klarlegt, solange sie Anspruch erhebt, eine wirkliche Wahrheit erforschen und deuten zu können. Der Sinn einer Wissenschaft ist nicht der, die Dinge daraufhin anzusehen, wie sie wirklich sind, sondern daraufhin, wie man sie anpacken kann. Das braucht dem einzelnen Forscher durchaus nicht bewußt zu sein. Er kann sich, ja muß sich vielmehr sogar einbilden, er schaffe Endgültiges und für die Ewigkeit, um den subjektiven Schwung nicht zu verlieren. Nichtsdestoweniger bewährt sich im Wandel der Zeiten als Wissenschaft stets nur das, was tauglich ist, im Leben, der Praxis irgendeiner Zeit verwertet zu werden. Der immanente Sinn der Wissenschaft ist also teleologisch: sie zielt auf die Bewältigung des Lebens ab. Jede engste Fachwissenschaft trägt ihr Teilchen bei zur Vollbringung dieser unendlichen Aufgabe. Die Probe, ob eine Wissenschaft sich bewährt, erfolgte stets in der Praxis. Und hinter dem Dogmenstreit auch der abstraktesten Philosophen steht das Interesse einer Zeit, eines Volkes, einer Klasse oder Gruppe, die darüber befindet, was als richtig zu gelten habe, was sich als tauglich bewährt hat.

Es kann sich unter Umständen, bei denen das Schwergewicht der Lebensbewältigung in das Reich des Geistes zu verlegen notwendig ist, eine Ge- schichtsauffassung bewähren, die die Abläufe und Veränderungen in der Geisteswelt mit einer zureichenden Hypothese beleuchtet. Andere Zeiten, in denen die nackteste Lebensnot drängender an die Tore pocht, finden bei solchen Hypothesen ihr Auskommen nicht mehr. Sie müssen sich entweder weltflüchtig von den Dingen ab- oder radikal-mutig den Dingen zukehren. Die reine Geisteswelt wird unzulänglich, wenn sich im Raume hart die Sachen stoßen. Das war zu Marx' Zeit der Fall und seine Geschichtsauffassung bedeutet den Versuch, sich mit dieser Welt der sich im Raume stoßenden Sachen auseinanderzusetzen. Die Dinghaftigkeit des Wirtschaftsprozesses, unter dessen Regime sein Leben verlief, legte es nahe, in der Dinghaftigkeit schlechthin die Wurzel alles Geschehens zu suchen. Dies die geschichtliche Basis der Bedeutung, die in der Marxschen Geschichtsauffassung die Produktivkräfte einnehmen.

Die luftigen Gebilde der bisherigen Geschichtsphilosophie, die trotz der Hegelschen Dialektik und der Kantschen Erkenntnistheorie spekulativ-metaphysisch geblieben war, unterbaute er mit Gebirgen, Wasser und Erde, Völkerstämmen, Waffen, Werkzeugen und Verkehrsmitteln. Er setzte die wolkigen Flüge des „objektiven Geistes“ auf das feste Fundament der wirtschaftenden Menschheit.

Alles, auch das Geistige, das Abstrakte, spielt sich an konkreten, geschichtlich werdenden und vergehenden Erscheinungen ab. Soviel hatte auch Hegel, hatte sogar auch Fichte schon gewußt, die ihrem „objektiven Weltgeist“ und „sittlichen Ich“ die Welt der Dinge als Materiatur zuwiesen. Unter dem Marxschen Blick erhielt die Wachsplatte, in die der objektive Weltgeist bis dahin seine Memoiren zu schreiben pflegte, blutwarmes Eigenleben. Unter den Schriftzeichen der imaginären Idee sproßten Pflanzen und Bäume; zwischen den Salto mortales des „falschen“ und „richtigen“ Bewußtseins erblickte man die tätigen und handelnden Bewußtseinsträger, die Menschen. Die Landschaft der Erde geriet in Bewegung, und zwar nicht in die abgeleitete Bewegung von Marionetten, mit denen ein Schöpfer spielt, sondern in die direkte Bewegung selbständiger Akteure, die auf der eigenen Bühne ihr eigenes Drama aufführen.

Natürlich ist diese Bewegung nicht sinnlos, kein l'art pour l'art-Spiel. Sie erfolgt zwar nicht rational-zweckmäßig, von einem zielstrebigen Bewußtsein her gelenkt, aber es wohnt ihr ein zielgerichteter Sinn inne, der nichts anderes ist, als auch der Sinn der Wissenschaft: die Bewältigung der Erde mit ihrer Nutzbarmachung für die Bewältigung. Die Produktivkräfte sind die Kräfte, mit denen diese Bewältigung der Erde allein vonstatten gehen kann: also zunächst die Kräfte der Erde selbst, die man ihr entreißt, um sie gegen sie selbst zu wenden, die Naturkräfte und Naturtendenzen, wie Wind, Wasser, fruchtbares Land, Bodenschätze, klimatische Vorzüge usw. Diese natürlichen Produktivkräfte, die der einwirkende Mensch als gegeben vorfindet, formt er nun und gestaltet er mit seinen eigenen, menschlichen Kräften weiter. Die menschliche Formfähigkeit, letzten Endes freilich auch eine Naturkraft, entwickelt Geist, Sprache, Verstand, Vorstellungs- und Planungsvermögen, Waffen und Werkzeuge, mit deren Hilfe die natürlichen Produktivkräfte in den Dienst der wachsenden Menschheit gestellt werden. Diese sekundären, spezifisch-menschlichen Produktivkräfte wirken — da wir einen historischen Anfang der Menschwerdung nicht kennen — seit je mit derselben Intensität wie die natürlichen, und fast ebenso blind. Blind in dem Sinne, daß sie das objektive Bewußtsein wie außermenschliche Gegebenheiten überfallen, daß sie den Einzelnen in den Dienst des Allgemeinen zwingen. Aber auch Produktivkräfte sind abstrakte Kräfte, solange sie sich nicht auswirken. Die primär-natürlichen und die sekundär-menschlichen Produktivkräfte materialisieren sich erst in der Wirkung, und diese Wirkung vollzieht sich auf der Erde, gegen und für die Erde, zwischen, für und gegen die Erdenbewohner.

Die Produktionsverhältnisse sind die konkreten Gestaltungen der Produktivkräfte. Nicht so, daß die Produktivkräfte an und für sich dalägen und nun anfingen, nach adäquaten Produktionsverhältnissen zu suchen. Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse stehen nicht in chronologischer, sondern in dialektischer Beziehung: mit und durch Produktivkräfte treten sofort auch Produktionsverhältnisse auf, d. h. Beziehungen zwischen Menschen und Menschen, Menschen und Dingen, innerhalb derer die Produktivkräfte zur Auswirkung gelangen. Es kann zwar der Fall eintreten, daß die Produktivkräfte in einer Form von Produktionsverhältnissen erscheinen, wo sie ihrem immanenten Sinn: der Bewältigung der Erde, untreu werden. So regelmäßig an der Grenze zweier geschichtlicher Epochen und mit Begleiterscheinungen, von denen noch zu sprechen sein wird. Undenkbar und vor allem unmarxistisch ist aber die Vorstellung, als wüchsen auf einer Seite Produktivkräfte, und auf der anderen sproßten automatisch Produktionsverhältnisse hervor. Vielmehr ist es so: die Produktivkräfte sind gegeben (teils von der Natur, teils von der bisherigen Geschichte). Die Produktionsverhältnisse sind jeder neuen Generation aufgegeben. Sie stehen nicht bereit, wie eine leere Wohnung. Sie sind Blut, Saft und Zellen jeder neuen Generation selbst, die das Vorgefundene in sich zur Reife bringen muß. Die Produktivkräfte sind also kein totes Baumaterial, die Produktionsverhältnisse kein starres Baugerüst. Sondern Produktivkräfte wie Produktionsverhältnisse sind nur bedingt da, als ständig gewandelter Lebensraum des schaffenden Menschen.

Damit nun das Wirtschaften mit den jeweils vorgefundenen Produktivkräften innerhalb der jeweils sich gestaltenden Produktionsverhältnisse sinngemäß vonstatten gehen kann zum Ziele der Lebenssicherung, müssen die Menschen ihr planendes Bewußtsein an das Vorgefundene wenden. Auch Produktionsverhältnisse sind nicht an und für sich da. Wenn man schon mit einiger Vergewaltigung sich Produktivkräfte ohne tätige Menschen vorstellen könnte (freilich wären es dann nur die primären Produktivkräfte der Natur), so ist mit der Vorstellung der Produktionsverhältnisse die Vorstellung der Menschen, die sich verhalten, eo ipso mitgegeben. Die Menschen verhalten sich zueinander in bezug auf die Produktion ihrer Lebenssicherungen — Produktionsverhältnisse demnach nicht als Zuständliches, sondern als Bezügliches gefaßt. Aber dieses Sichverhalten schließt mehr ein, als ein direktes Zugekehrtsein zur Produktion der Lebenssicherungen. Es beinhaltet gleichzeitig immer schon Formen dieses Sichverhaltens, gesellschaftliche Formen des Miteinanderdaseins. So bildet sich schon auf naturnächster Stufe der menschlichen Entwicklung eine gewisse Ordnung der menschlichen Beziehungen heraus, eine Arbeitsteilung in bezug auf die Wirtschaft, wie sie sich etwa schon in der ursprünglichen Altersklassengesellschaft bemerken läßt, eine Arbeitsteilung auch der Geschlechter. Damit die arbeitsteiligen Funktionen im Interesse der allgemeinen Sicherung gut vonstatten gehen, müssen sie früher oder später ihre Form gerinnen lassen zu allgemein verbindlichen Ordnungen und Gesetzen. Die Einhaltung dieser Ordnungen und Gesetze ist geknüpft an die Willfährigkeit oder Dirigierbarkeit der sie tragenden Menschen und weitest abhängig (auch in Gesellschaftsformen mit Zwangscharakter) von der Zustimmung und Billigung all ihrer Träger. Die Moralordnung und das Sittengesetz — verschieden gefärbt und gerichtet je nach den Sicherungsbedürfnissen der Entwicklungsstufe — treten zu der Ordnung der Gesellschaft als Sanktion und Heiligung hinzu. Die religiösen Formen, in denen diese Sittengesetze erscheinen, verleihen ihnen das Gewicht überirdischer Endgültigkeit, denn die Geister und Götter aller Völker sind letzten Endes Wirtschaftsmagnaten, die mit dem ihnen zugeschriebenen überlegenen Verstand und ihrer angeblichen Allmacht die Sicherung des Lebens und Vollbringens den schwachen, selbstmißtrauenden Menschen verbürgen sollen.

Auf einer gewissen wirtschaftlichen Entwicklungsstufe entsteht das Privateigentum an Produktionsmitteln als zeitgemäßes Produktionsverhältnis. Es bringt im gesellschaftlichen Ueberbau die Scheidung in Klassen mit sich. Die Klasse ist definiert durch die Beziehung, die all ihre Angehörigen zu den Produktionsmitteln einnehmen. Vom Auftreten der Klassenspaltung an verändert die ganze Gesellschaft ihren Charakter: maßgebend in der Artung des materiellen Unterbaues wie ideologischen Ueberbaues wird nicht mehr die Bewältigung der Erde, sondern die Sicherung der Klassenvormachtstellung. Eine Zeitspanne lang sind diese beiden Ziele identisch, dann fallen sie immer mehr auseinander.

In Gesellschaften mit wirtschaftlichem Klassencharakter — einer Scheidung in Arbeitende und Nutznießende, Ausgebeutete und Ausbeuter — gerinnt die von Moral und Religion sanktionierte Gesetzlichkeit des Verhaltens zu einer scheinbar außerhalb und unabhängig von den tätigen Menschen wirkenden Macht. Diese thront unbeirrbar-unmenschlich über den Menschen und schreibt ihnen die Gestalt ihres Lebens vor: es entsteht der Staat.

Wenn Jahrhunderte oder Jahrtausende dieses Werden des Staates — das Erstarren einer menschlich lebendigen Beziehungsfülle zur außerhalb lagernden Form — verdeckt haben, mag es dem nicht tiefer Eindringenden wohl so scheinen, als wäre der Staat ein Gebilde an und für sich, mit einer Staatsidee für sich und einer selbständigen Entwicklungskurve, die viel- leicht der der Wirtschaft und sonstigen menschlichen Betätigung parallel läuft, ohne jedoch von ihr je innerlich abhängig zu werden. In seiner Verknüpftheit mit Erfordernissen des materiellen Lebens stellt sich uns auch der abstrakteste Staat dar als die Verwaltung und Sicherung von Interessen und — da Staat erst mit Privateigentum aufkommt — von Klasseninteressen.

Im Sicherungsinteresse der Menschheit liegt selbstverständlich inbegriffen die Erhaltung ihrer Art. Jede Betätigung zu Sicherungszwecken zielt über sich hinaus und, wie uns die Tiere lehren, bedarf es keiner metaphysischen Spekulationen über Zeit und Ewigkeit, um dieses Uebersichhinaus planmäßig und zielgemäß einzurichten. In das Gebiet der Arterhaltung fällt die Frage der Geschlechtsbeziehungen, des Familienlebens und der Erziehung. Dem jeweiligen Stande der Produktivkräfte und der Gestalt der ihnen entsprechenden, sie einfassenden Produktionsverhältnisse entspricht auch Stand und Form in der Frage des Geschlechtslebens und der Aufzucht des Nachwuchses. Die sexuellen Instinkte und die Beziehungen zwischen Erzeuger und Erzeugten sind keineswegs so eindeutig und besitzen nicht den „allgemein-menschlichen“ Ewigkeitscharakter, den eine nur auf Wertung und Normung ausgehende Betrachtungsweise ihnen gern verleihen möchte. Ist auch der Anteil des menschlichen Trieblebens an dem Werden dieser Kulturformen noch wenig geklärt, so zeigt doch der Ueberblick über die Geschichte, daß die sexuellen und die Elterntriebe immer in den Bahnen verlaufen sind, die die Gesamtentwicklung des Menschengeschlechts jeweils einschlug. Auch so zarte und persönliche Dinge, wie die Bedingungen der Liebeswahl, des erotischen Geschmacks, die Forderungen an die Geschlechtsgemeinschaft, die Stellung der Erzeuger zu ihren Kindern usw., weisen einen engen und unmißdeutbaren Zusammenhang mit den jeweiligen Formen der Lebensgewinnung auf. Bei den Postulaten der Erziehung, bei Mitteln, Methoden und Zielen der Erziehung ist dies ganz unverkennbar deutlich. In Gesellschaftsformen mit Zwangscharakter verfällt auch dieses Gebiet der anscheinend freiesten Willkür einer überpersönlichen Gesetzlichkeit, und der Zwecksinn einer Institution, wie etwa der bürgerlichen Ehe, macht die angebliche Triebhaftigkeit zu einer sehr problematischen Sache. Daß die Moral und ihre Garantin, die Religion, sich nicht mit der Regelung der allgemeinen Beziehungen zwischen den Menschen begnügt, sondern dieses wichtige Gebiet lebenserhaltender Energien zum Tummelplatz ihrer sicherungssüchtigen Autorität macht, braucht demnach nicht näher begründet zu werden. Es versteht sich von selbst und anderes — etwa eine Sphäre amoralischer Sexualität in einer sonst streng kodifizierten Gesellschaft — wird undenkbar, wenn man auch die Sexualität und ihre Funktion in jeder Art Ehe und Familie als eine Ausdrucksform der letzten Sicherungstendenz, im untrennbaren Zusammenhang mit allen anderen menschlichen Ausdrucksformen, sieht.

Die Sicherung der Menschheit gegenüber der sie ständig bedrohenden Umwelt hat spezifisch menschliche Sicherungsmittel zur Ent- stehung und Ausbildung gebracht: Sprache, Verstand, Denken. Mit diesen spezifisch-menschlichen Sicherungsmitteln bestreitet das Menschengeschlecht seinen Lebenskampf bewährter und günstiger als mit solchen, die es mit anderen Lebewesen gemein hat und in denen es mit jenen eine unsichere Konkurrenz eingehen muß — wie Körperkraft, Sinnenfeinheit usw. —

Von früh an wurde daher der Ausbildung dieser Sicherungsmittel besonderes Gewicht verliehen, ja, die Entwicklung der Menschheit kann geradezu als der Fortschritt zu immer ausschließlicherer Vermenschlichung (das ist Vergeistigung) aufgefaßt werden. Nicht, als ob der Mensch, weil er denken kann, schon die „Krone der Schöpfung“ wäre; viel einfacher und weniger überheblich: wie jede Tierart sich spezialisiert auf die ihr besondere Körperlichkeit, um diese immer besser auszubilden, so lernt der Mensch durch seine Geschichte zwangsweise sich auf den Gebieten auszubilden, auf denen er den Unbilden seines Lebens am tauglichsten zu begegnen vermag. Die Entwicklung der Denkvoraussetzungen — Sprache, Gedächtnis, Apperzeption — die Entwicklung des Denkens selbst: Messen, Vergleichen, Schließen, Verallgemeinern — bilden die erste Etappe auf diesem Weg zur endgültigen — bis jetzt noch nicht vollendeten — Menschwerdung. Alsbald aber beginnen die Menschen mit diesen ausgebildeten Funktionen genauer an die Bewältigung der Umwelt heranzugehen. Je vielfältiger die Lebensbedürfnisse, desto größer die Arbeitsteilung, desto nötiger die Ausbildung verschiedener Denkzweige, die die verschiedenen Tatsachenbezirke überblicken und beherrschen sollen.

Dieses „Ueberblicken“ mit dem „Beherrschen“ im Hintergrunde, ist, wie wir schon sagten, der Sinn der Wissenschaft. Aus ihrer Entstehungsgeschichte, wo sie als Astrologie mit der Magie der Priester im engsten Zusammenhang sich ausbildete, ist dies deutlich abzulesen. Aber auch die bald sich entwickelnden Wissenschaften — Mathematik, Astronomie, Medizin — verdecken noch wenig den Ursprung aus Lebensnöten. Eine Wissenschaft von der Geschichte, der Kultur, der Literatur und Kunst, der Gesellschaft, gehört späteren, zum Teil (wie Sprachwissenschaft und Soziologie) erst jüngsten Epochen an. Hingegen entstand schon frühzeitig die Philosophie, im heutigen Sinne zwar eine bewußtlose Metaphysik noch, doch in ihrer Beziehung zur Lebensnot unschwer zu deuten als die Sicherungssucht der noch völlig ungesicherten jungen Menschheit, der bei ihrem harten und oft erfolglos scheinenden Lebenskampf die Problematik des Daseins, die Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der Wirklichkeit ihrer selbst oder der Erscheinungswelt geradezu Fragen von Leben und Tod waren. Wie Astronomie und Mathematik als Wissenschaften der Frühzeit verraten aber auch Musik und Bildnerei als Künste ihren engen Zusammenhang mit den Produktionsgrundlagen und Sicherungstendenzen der jeweiligen Epoche. Auch sie sind magische Ausdrucksformen, dienend der Bezauberung der Dinge, um sie beherrschen zu können, und der Bezauberung der Menschen, um sich an die Herrschaft über die Dinge zu wagen. (Hier sei nebenbei vorwegnehmend die Frage: Kunst aus Bedürfnis oder Kunst aus Ueberschwang? als Scheinfrage gekennzeichnet. Be- dürfnis und Ueberschwang sind in der Kunst wie irgendwo sonst verschwistert. Das Bedürfnis kennzeichnet den Weg zur Sicherung, der Ueberschwang die erreichte — jeweils vorläufig erreichte — Sicherheit.)

Aus all den Betätigungsformen der Menschheit, in denen sich letzten Endes ihr Streben nach Daseinserhaltung und Daseinssicherung kundtut, erwächst ein Gebilde komplizierter Natur, in dem die Formen der Vergesellschaftung, des Rechts, der Moral, Religion, Wissenschaft, Kunst, Liebe, Ehe, Erziehung eine unlösliche Verbindung eingegangen sind. Der ganze Mensch einer Epoche ist durchsetzt von Wucherungen dieser vielfältigen Betätigungsweisen. Sein Seelen- und Geistesleben, seine Einstellung zu Welt und Mitmenschen ist gefärbt vom Niederschlag seines Lebenskreises. Er erlebt, denkt und empfindet gemäß den ihm von der Vorwelt und Mitwelt vorgewiesenen Daseinsformen. Seine gesamte Ideologie trägt den Stempel dieser Daseinsform. Kein Reich der Idee sendet auf die Menschen Strahlen herab, kein jenseitiger Vorrat an Geisteskräften wird im jeweils vorhandenen Menschengeschlecht materialisiert. Lebensnot und Sicherungssehnsucht treiben aus dem lebendigen Stoff, erfindungsreich wie jede kleinere Not und Sehnsucht, die mannigfaltigsten Hilfsmittel hervor und konkretisieren sie nach Bedarf in abgesonderten Formen der Geselligkeit, Wissenschaft, des Rechts usw. Die Ideologie einer Epoche ist der Generalnenner, auf den all die Ziffern und Bruchzahlen in der Seele des Menschen schließlich vereinigt werden. Sie ist das Bild, das sich dem Schöpfer Mensch am siebenten Tage vor Augen legt: und siehe, es war gut, was er gemacht hatte. In der Ideologie schafft die Menschheit die einheitliche Uebersicht über Geschaffenes und noch zu Schaffendes, deren sie täglich neu bedarf, um ihr ewig unvollendbares Werk den nächsten Schritt weiterführen zu können.

Im Zusammenhang der geschichtlichen Erscheinungen bilden also die Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse jeweils den materiellen Unterbau, auf dem sich die Formen des Staates, Rechts, der Moral, Religion, Kunst usw. als ideologischer Ueberbau erheben. „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern ihr Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“ (Marx.)

*

Der Materialismus als metaphysische Weltanschauung führt die ideologischen Erscheinungen auf ihre materielle Wurzel zurück — ein für allemal. Seine Frage lautet: Wie geht die Ideologiebildung vor sich? Ja, noch einfacher: Wie geht der Denkprozeß vor sich? Die Antwort ist am banalsten, aber auch am treffendsten in dem Satz: Ohne Phosphor kein Gedanke! festgelegt. Das Metaphysische in dieser materialistischen Anschauung liegt darin, daß hier Begriffe wie Materie, Denken, Ideologie als starre Absoluta vorkommen, die ein für allemal und auch fernerhin in einer gleichen Beziehung zueinander stehen. Die Entstehung und Entwicklung dieser Begriffe wie ihrer Beziehungen steht außerhalb der Diskussion. Die historisch-materialistische Frage hin- gegen lautet: Warum denken die Menschen zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern verschieden? Hier ist das Moment der historischen Entwicklung gleich in der Fragestellung mit enthalten. Die Antwort lautet: Weil sie auf verschiedene Weise und unter verschiedenen Bedingungen produzieren. Sie stellt keine ein für allemal gültige Erkenntnis dar, sondern nur eine Erkenntnismethodik.

Die Geschichte ließe sich, wollte man nach dem Muster der „Naturalisten“ verfahren, doch noch zerhacken in einzelne Abschnitte, in denen jedesmal das Schema: materieller Unterbau — ideologischer Ueberbau in ähnlicher Starrheit gälte, wie das Schema Stoff — Denken im Falle des einzelnen Menschen. Die Entwicklung löste sich dann auf in eine Zusammenleimung in sich selbständiger Abschnitte, die zwar inhaltlich verschieden, alle aber nach derselben Strukturformel „Unterbau — Ueberbau“ gebaut wären. Man könnte bei einer so verstandenen marxistischen Geschichtsanalyse damit beginnen, den materiellen Unterbau (Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse) zu erkennen und darauf konstruktiv die Erscheinungen des „Ueberbaus“ erschließen. Wenn man einen verhältnismäßig einfach strukturierten Geschichtsabschnitt vor sich nimmt, mag man verblüffende Aufschlüsse mit dieser Methode erlangen. Nicht nur, weil die Struktur hier gerade so besonders einfach ist, sondern weil man die materiellen Untergründe vorher noch so gut wie gar nicht zur Erklärung herangezogen hatte und von ihnen natürlich eine Menge Aufschlüsse über geschichtliche Erscheinungen erlangen kann. Verstanden in seiner To- talität aber hat man den betreffenden Geschichtsabschnitt trotzdem nicht. Denn man hat sich bei der Forschung so verhalten, als ob jede neue Geschichtsepoche blanco begänne, ohne Vorgeschichte, losgelöst vom Zusammenhang mit ihren Vorfahren. Nun ist freilich im Begriff der Produktivkräfte auch in engerem Sinne schon neben den Kräften der Natur die Summe aller von Menschen früherer Zeiten hergestellten technischen Hilfsmittel mitgedacht. Aber das genügt nicht. „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf den Gehirnen der Lebenden.“ (Marx.) Die Vorangegangenen vermachen nicht nur Land, Saatkorn und Pflug den Nachfahren, sondern auch die Handgeschicklichkeit und den Verstand, mit diesem umzugehen, sondern auch die bestimmte Art der Arbeitsverteilung zwischen die Angehörigen der Besiedlerschaft, sondern auch Wissen und Meinen um diese Arbeit und das auf ihr errichtete Leben, sondern auch allgemeinste Stellungnahme, sei es staatlicher, religiöser, logischer Art, zu diesen Gegebenheiten des Lebens. Jede neue Geschichtsepoche findet dies alles zusammen bereits vor. Man könnte es mit dem Marxschen Bilde von Unterbau und Ueberbau weiterbildend so ausdrücken: Mit jeder Epoche sinkt der von ihr errichtete Ueberbau in den Unterbau hinab und bildet mit diesem zusammen das neue Fundament für den neuen Ueberbau. So verbindet ein ununterbrochener Fluß den Anfang der Menschheitsentwicklung mit ihrem derzeitigen Stand. Von Geschichtsabschnitten zu sprechen, ist schon theoretische Vergewaltigung dieses Flusses, notwendig freilich noch zur besseren Uebersicht, aber fälschend, weil den ganzen Zusammenhang jeweils zerstückend.

Wenn dermaßen im Zusammenhang das ganze Menschheitswerden gefaßt wird, so ist schon ein wichtiger Schritt über den absolutistischen Materialismus hinaus getan. Aber die Tendenz dieser Entwicklung auf Grund stets verbreiterter Produktionsgrundlagen ist nicht simpel und einlinig. Die Entwicklung vollzieht sich dialektisch. Durch ein über alles ausgebreitetes Werden ist das Sein aufgelöst in eine ewige Bewegung. Aber dem Auge der Nahelebenden gerinnt dieses große Werden zu lauter Stückchen Sein, und das Bewußtsein etwa einer jeweils lebenden Generation weiß vorwiegend bloß von diesem (scheinhaften) Sein. Zwischen diesem vorläufigen Sein und dem endgültigen Werden ergeben sich Spannungszustände, die Strukturveränderungen herbeiführen. Der Mensch stirbt (zum Beispiel) vom ersten Tage seines Lebens an. Er bleibt nie derselbe, er ist eigentlich nie, er wird immer, und zwar wird er immer dem Tode zu, er entwird, wie moderne Dichter es mutig ausdrücken. Seinem Bewußtsein jedoch ist dies nicht gegeben, für sein und der Zeitgenossen Anschauung und Gefühl lebt er und stirbt noch keineswegs. Erst wenn das Sein sich zu einer beträchtlichen Masse verdichtet hat, im Alter, wird die Todesnähe fühlbar und mit ihr die ganze Fragwürdigkeit des bisherigen Seins. Die Einsicht des Werdens und Vergehens überwiegt mehr und mehr die des Seins und Bestehens. Zwischen Sein (= Bestehen) und Werden (= Vergehen) hebt ein Kampf an, der schließlich vom Vergehen gewonnen wird. Der Mensch hört auf zu leben, wenn er aufhört zu sterben; er ist tot. Aus den Quantitäten des Sterbens ist eine neue Qualität entstanden, die Qualität Totsein. So ist die Aufhäufung von Erfahrungen der Menschheit kein bloßes Archiv des Vorbeigelebten. Aus der Masse des Erlebten entstehen an bestimmten Stellen von Spannungsdichte des Erlebens neue Arten von Erlebnismöglichkeit. Die Widersprüchlichkeit alles Geschehens, seine Polarität, versinnbildlicht in der größten und umfassendsten Polarität „Leben — Tod“, „Sein — Nichtsein“, ist somit kein Hemmnis, sondern geradezu das Vehikel der Entwicklung. Nicht so: Widersprüche, unvermeidlich, doch lästig, stolpern der geradlinigen Entwicklung über den Weg. Nein, sondern: alle (später erst so erscheinende) Geradlinigkeit ist aus den Kurven der Widersprüche erst gebildet und die Geradlinigkeit ist überhaupt kein Zustand, sondern ein normatives Ziel.

Die im Wesen der Welt gelegene Widersprüchlichkeit und Gegensätzlichkeit bildet das bewegende Element zwischen den zwei letzten Gegensätzen Unsicherheit — Sicherheit. Die Synthesen zwischen diesen Widersprüchen sind nur jeweilige Haltepunkte in dem endlosen Ablauf, sie sinken sofort ins abgekämpfte Feld und werden Acker neuer Widerspruchskämpfe.

Auf die Geschichte angewandt, wird die Widerspruchs- und Zusammenhangsbetrachtung, Dialektik genannt, eine umfassende Erkenntnismethode. Sie lehrt die Geschichte nicht in einer banalen Einlinigkeit und zusammengeleimt aus in sich selbständigen Geschichtsstücken zu sehen, sondern als Re- sultat wie Schauplatz einer grandiosen Dynamik, in der das Werden mit dem Vergehen, das Ganze mit den Teilen die innere Spannung austrägt, sich trennt, wieder verfließt, sich in breiterem Bette wieder findet, und so in ewiger Spirale nach oben braust. Mit einem mathematischen Vergleich könnte man sagen: die Geschichte wird nicht additiv, sondern integral behandelt.

Bei einer solchen Geschichtsbetrachtung werden also die Momente des Werdens und Vergehens ins Auge gefaßt. Die Momente der Entstehung neuer Qualitäten aus der Aufhäufung der alten Quantitäten. Und die Momente der gespannten antithetischen, sich in Synthesen lösenden Widersprüchlichkeit. All das wird in der Beziehung verschiedener Phasen der Produktion aufeinander zu untersuchen sein, ebenso wie in den Beziehungen verschiedener Stadien in den „Ueberbauten“. Doch auch hier wird ein scheindialektischer Parallelismus nur vermieden, wenn eben gleichzeitig all diese Momente in der Beziehung zwischen „Unterbau“ und „Ueberbau“ wahrgenommen werden und die aus der Verflechtung dieser Geschichtsgebilde dynamisch erwachsenden neuen Qualitäten genügend berücksichtigt werden.

Die dialektische Erkenntnismethode hatte schon Hegel entwickelt. Marx stellte sie „vom Kopf auf die Füße“. Er breitete nicht mehr das dialektische Begriffsnetz über die Geschichte aus, sondern die Geschichte selbst enthüllte sich ihm als dialektischer Prozeß. Alle Momente des Seins und Werdens, der Quantität und Qualität, der These, Antithese und Synthese spielen sich demnach nicht im luftleeren Raume, oder gar nur im Bewußtsein des sie ausheckenden Denkers ab, sondern auf der wirklichen, von tätigen Menschen belebten Erde. Sie sind aber auch nicht Kategorien, die den Dingen als solchen anhaften, sondern die ganze Dialektik ist eine Funktion der um ihre Sicherung bewegten handelnden Menschen. Ohne dialektisch sich widersprechende, sich gesellende Menschen ist Natur nur tot und geht uns gar nichts an. Erst durch die auf das Ziel ihrer Sicherheit bewußt zustrebende Menschheit geschieht etwas, entsteht Geschichte. Erst die Entwicklung der Menschheit ist kein bloßer Ablauf, sondern ein Fortschritt.

Die jeweiligen Produktionsbedingungen sind den Menschen jeder Epoche zugemessen. Innerhalb ihrer entwickeln sie Antithese, These und Synthese ihrer Beziehungen und ihrer neuen Gebilde technischer, gesellschaftlicher und ideologischer Art. Die Produktionsbedingungen sind das Gerüst einer Wanderbühne, das zu jedem neu aufzuführenden Stück den lokalen Möglichkeiten gemäß neu aufgezimmert wird. Die Menschen selbst aber sind die „Verfasser und Schauspieler ihres eigenen Dramas“. Sie müssen „ihre Geschichte selbst produzieren und keine Macht des Himmels und der Erden kann sie davon befreien“. Sie machen „diese Geschichte selbst, jedoch nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen Umständen“. (Marx.)

Dies ist die Dialektik, wie Marx sie auf die konkreten Vorgänge in der menschlichen Gesellschaft angewandt hat: Nicht einlinig bieten die Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse das gestaltende Prinzip, dem die Menschen mehr oder weniger geschickt sich einzupassen haben und denen sie einen stets ohnmächtig bleibenden Widerstand entgegensetzen. Noch auch sind einfach Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse das Material, daraus die schöpferische Menschheit ihre Gebilde formt. Vielmehr ist in der Unausweichlichkeit naturhafter und vergangenheitsbedingter Umstände einerseits der Mensch gebunden, anderseits ist in der Veränderlichkeit dieser Umstände durch Menschenwerk die Freiheit des Menschen zugestanden. Ein Mensch ist erst dann frei, wenn er in die umgestaltende Tat den Faktor seiner unausweichlichen Gebundenheit mit eingesetzt hat. Und er ist so lange gebunden, als er ohne Berücksichtigung dieser Umstände die Weltgeschichte allein auf seine brüchigen Schultern nehmen will.

Kein Kompromiß zwischen den starren Verhältnissen und dem beweglich strebenden Menschenwillen, woraus sich jeder Schritt nur als ein gehemmter Schritt ergeben könnte. Sondern die dialektische Verflochtenheit von Bindungen, die in gewisser Quantitätsdichte die Qualität der verändernden Freiheit auslösen, bis die durch diese Freiheit gewährleisteten Interessen eine neue Gebundenheit an sich selbst heraufführen. Und dies so lange fort, bis eines zukünftigen Tages die Notwendigkeit zur Freiheit wird, wenn die Interessen der Menschheit auf sicherer Naturbewältigung fußen und innerhalb ihrer selbst nicht mehr gespalten sind in alte und neue Interessen. Solange gilt Marx' Wort gegen Feuerbach: „Die Menschen sind Produkte ihrer Umstände, doch die Umstände werden selbst von den Menschen gemacht.“

Das ist der ganze Materialismus der materialistischen Geschichtsauffassung. Sehr materialistisch, weil sie nicht nur den toten Stoff, sondern auch noch die menschliche Geisteskraft vermaterialisiert, unter dem Gesichtswinkel der Sicherung des Lebens zweckhaft betrachtet, und weil ihr alles Schemen gilt, was sich spielerisch von dieser Lebenssicherung entfernt und unabhängig glaubt. Ihr Nachweis ist die strenge Gebundenheit aller Daseinsformen aneinander, ihr wechselseitiges, unlösbares Verflochtensein, ihre totalitäre Einheit. Weder Materie noch Idee diktiert über einen Widersacher, sondern in der Gegensätzlichkeit von Materie und Idee offenbart sich schon eine späte, aus Produktionsbedingungen kompliziertester Art abgeleitete Gehirnspiegelung jener Urtatsache, daß alles Lebendige eine Einheit bildet.

Indem Marx den Fetischcharakter der Wirtschaftsgebilde aufdeckte, befreite er die Menschen aus dem Lähmungszustande der geschichtlichen Naturgesetzlichkeit. Der Mensch als Träger der Geschichte wurde so unter dem Schutt seiner Verdinglichung durch Wirtschaftskategorien hervorgegraben. Aber nicht das Individuum Mensch, subjektiv beherrscht und getrieben von seiner unvollkommenen Bewußtlosigkeit, sondern der Mensch als Gattungswesen, der bezogene Mensch, auf seinesgleichen bezogen in mannigfaltigen Beziehungsformen, der Mensch, dessen erstes und letztes Sicherungsmittel die Geselligkeit ist. Der Mensch, der die Rolle des Verfassers und Schauspielers des Geschichtsdramas ist, er ist nicht das Genie, der Einzelgänger, der von Ressentiment zerwühlte, von Ehrgeiz schiefgelenkte Individualist. Er ist der Mensch, der Ensemble spielt, eine Kollektivperson. Marx schuf für ihn den Ausdruck des vergesellschafteten Menschen. Die vergesellschafteten Menschen in der Tätigkeit um ihre Lebenssicherung — sie sind der Grund, der Körper und die Spitze der Daseinspyramide. Unter vorgefundenen Bedingungen schaffen sie (bewußtlos vielleicht) Verhältnisse, denen sie dann sich selbst und ihre Nachfahren unterwerfen. Sie sind die Schöpfer der Fetisch-Dinge, deren Sklaven sie werden. Und sie selbst haben es in der Hand, an dem Punkt der Geschichte, wo sie die nötigen Bedingungen „unmittelbar vorgefunden“ haben, sich zu befreien aus der Sklaverei der Dinglichkeit.

3. Umwälzende Praxis

Wir treten nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier knie nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschreien. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will.

(Karl Marx: Lit. Nachlaß I/382.)

Es wurde bisher immer von „den Menschen“ oder gar von „der Menschheit“ gesprochen. Diese Begriffe müssen aber, sollen sie nicht, wie die Begriffe der Oekonomie, zu Fetischgebilden erstarren, auf ihren Sinn und ihre Bedeutung im Fluß des Geschehens betrachtet werden.

Die Urgeschichte berichtet uns von in sich einheitlichen Menschengruppen, Herden oder Horden, die mit fast völliger Einheitlichkeit der Arbeits- und Genußverteilung ihre Lebenssicherung kollektiv gewannen. Rangordnungskämpfe gab es nur neben den Kämpfen stammfremder Horden um beste Jagdgründe oder Weideplätze. Die Unterlegenen wurden ausgerottet oder dienten zur Nahrung, so daß die Beziehung Sieger — Besiegter stets nur eine vorübergehende und gelegentliche war und nicht zu Formen dauernder Unterjochung führte.

Doch mit der natürlichen Beschaffenheit der Menschen war dialektisch ebenso Anlaß zur Gesellung wie zur Spaltung gegeben. Anlaß zur Gesellung — auch heute noch, nur mangelhaft beachtet und von Spaltungswirkungen überwuchert — war der stete Antrieb nach Macht über die Natur, der das Leben täglich abzuringen ist. Anlaß zur Spaltung ist die natürliche Verschiedenheit der Geschlechter und der Altersklassen. Weniger spielen hier die (wissenschaftlich noch sehr umstrittenen) psychischen Differenzen zwischen Mann und Frau, alt und jung eine Rolle, als die Verschiedenartigkeit der Leistung, die im Naturzustande der Menschheit aufs engste mit Körperkraft verbunden war. Die Arbeitsteilung im Geschlechtsakt, sagt Marx, ist die ursprünglichste Art der Arbeitsteilung überhaupt.

Einen weiteren naturhaften Anlaß zur Spaltung des Kollektivums Menschheit bildete das Streben nach Individuation, das mit dem Erwachen und der Ausbildung des Selbstbewußtseins einhergeht. Ein Persönlichkeitsbewußtsein in individualistischem Sinne ist freilich erst Produkt und Begleiterscheinung sehr viel späterer Kulturformen.

Die Entzweiung der Kollektivität, zunächst befördert durch natürliche Leistungsverschiedenheit, bewirkte, daß verschiedenen Gruppen der Gemeinschaft verschiedene Lebens- und Arbeitsgebiete für ständig anheimfielen. Die Folge war eine Spezialisierung der Sicherungstechnik auf verschiedene Lebenszweige und der seelische Niederschlag ein Heimischwerden in solchen Verschiedenheiten. Das „Gegen“ tritt an die Seite des „Mit“. Auf einer Stufe der Produktionsbedingungen, wo das Ausrotten und Verzehren der besiegten Nachbarstämme weniger rentabel erscheint als ihre Einschirrung in das eigene Arbeitsjoch, kommt als weitere Spezialisierung zu den Gruppen der Alten und der Frauen die Gruppe der Besiegten — Sklaven. Ganze besiegte Stämme mochten innerhalb an der uralten, gleichrangierenden Gesellungsordnung festhalten, und ganze Siegerstämme mochten ebenfalls im Innern noch auf der Stufe des Kollektivismus (gemildert durch Arbeitsteilung nach Alter und Geschlecht) beharren. Im Verhältnis Sieger — Besiegter manifestiert sich auf breiter Basis das erste Ausbeutungsverhältnis. Die Unterjochten wurden arbeits- respektive abgabenpflichtig. Das leichtere Leben, das den Siegern auf Kosten dieser Arbeit und Abgaben zu führen ermöglicht war, fand bald ihren Beifall. Diente es doch dem Gefühl verstärkter Lebenssicherung. Das Privateigentum, der Besitz als Symbol gelungener Lebensfürsorge, mag so zuerst als Gruppenprivateigentum abgehoben erscheinen von Gruppen ohne Privateigentum, weil ohne Arbeitsüberschuß, den sie den herrschenden Gruppen abliefern mußten. Innerhalb beider Gruppen — den herrschenden wie den beherrschten — entwickelten sich aus den Personen erfolgreicher Kriegshäuptlinge oder gefürchteter Magier daneben auch individuelle Privateigentümer. Die Klassenspaltung der menschlichen Gesellschaft vollzog sich vermutlich auf kollektiver und individueller Basis neben- und miteinander.

In der Entwicklung der Gesellungsformen sehen wir also zwei Impulse gegenseitig einander zur Ursache werden: Not (im allgemeinsten Sinne) führt zur Sprengung alter Ordnungen — zunächst vielleicht abgeleitet in einen Kampf nach außen. Durch das Resultat des Kampfes werden neue Bedingungen hergestellt. Die Sieger suchen sich diese Bedingungen in ihrem Sicherungsinteresse nutzbar zu machen. Es entsteht eine neue Ordnung. Dies ist die aggressive Phase.

Sobald die neue Ordnung hergestellt ist, sind sofort die durch diese Regelung Benachteiligten in Kampfstellung gedrängt, denn sie sind an dieser Ordnung weniger als die Herrschenden oder gar nicht beteiligt und zufolgedessen auch weniger oder gar nicht interessiert. Die Nutzbarmachung der durch den Kampf gewonnenen neuen Bedingungen erreicht bei den Herrschenden jedoch früher oder später eine objektive (Produktivkräfte) und subjektive (Produktionsverhältnisse) Grenze. Um ihre gewonnene Sicherheit zu erhalten, müssen sie die Sicherungen ausbauen und befestigen. D. h. sie müssen Angriffen auf diese Sicherheiten vorbeugen oder abschlagend begegnen. Dies ist die konservative Phase.

Es kommt aber die Zeit, wo die Fülle der Produktivkräfte und menschlichen Energien der Sicherung der Sicherungen zufließt und somit der ursprünglichen Sicherung entzogen werden muß. Folge: die Unsicherheit im allgemeinen wächst. Sie wächst mehr bei denen, die in dieser — jeweiligen — Ordnung weniger gesichert sind, bei den Unterlegenen. Sie sinnen auf Sicherung, aber ihre Sicherung liegt außerhalb (vor, nach oder neben) dem Bestehenden, sie treten in die aggressive Phase ein. Der Rahmen der stabilisierten Produktionsverhältnisse ist für die Sicherung aller zu eng geworden. Die Ungesichertsten spüren dies am deutlichsten, sie stellen das Thermometer der allgemeinen Sicherheit dar. Es sind deshalb nur scheinbar Klassenziele, die sie in ihrer Aggression aufstellen. Letzten Endes sind es immer Menschheitsziele, und als solche werden sie auch im Bewußtsein erlebt. Jede unterdrückte Klasse, die so um die Herrschaft kämpft, tut dies in drei Rängen. Der erste, subjektive Rang ist der des individuellen Gruppenbewußtseins, das als Sachwalter von Menschheitsinteressen auftritt. Der zweite, obere Rang ist der der objektiven historischen Bedingungen, denen zufolge es sich bloß — oder vor allem — um Gruppeninteressen der neuen gegen die alten Sicherungen handelt. Der dritte, oberste Rang kommt einer den subjektiv-gruppenhaften und objektiv-historischen Zielen übergeordneten Allgemeinheit zu, die auf letzte absolute Ziele tendiert — auf höchste Sicherheit; in der Sprache der Entwicklung: auf jeweils mögliche beste Sicherungen.

Bei dem antithetischen Verlauf der Entwicklung, wie sie im vorigen Kapitel in abstracto dargestellt ist, treten die Menschen als Sachwalter verschiedener Interessen zueinander in Gegensatz. Ein Teil (Stamm, Land, Klasse) ist stets Sachwalter bisher ausreichender Sicherheiten und Hüter eines Sicherungsvorrats. Er repräsentiert das Sein. Der andere, ihm gegensätzliche Teil ist Vertreter neuer, besserer Sicherheiten und Schöpfer dazu tauglicher Sicherungsmittel. Er repräsentiert das Werden. Zwischen beiden Teilen besteht ein Spannungszustand verschiedener Intensität. In der Phase, wo die neue herrschende Klasse (jetzt verallgemeinert: Klasse als Typus gegensätzlicher Menschheitsgruppierungen) siegreich vom Kampfe kommt, mit der Fülle neu errungener Sicherheiten in ihrer Hand, ist die Spannung latent. Kaum löst sich noch aus der chaotischen Ballung einer Pseudomenschheit, als welche die stärkst unterdrückt Gewesenen zu Felde gezogen waren, eine neue Schicht von stärkst Unterdrückten. Noch sind die neuen Sicherungen zureichend für alle. Erst wenn sie knapp zu werden beginnen, die Drohung der Natur an das Menschheitsganze, sehr von fern noch, wieder herandonnert, spiegelt sich künftiger Mangel aller als jetziger Mangel Einzelner (Gruppen) und wird manifest in der Tatsache verstärkter Ausbeutung und dem Gefühl tieferer Unsicherheit. Das Kräfteverhältnis wird labil, denn schon beginnt ein Teil der Menschheitsforderungen auf die bisher Schweigenden überzugehen. Schon isoliert sich satt und hochmütig in der Tat und im Bewußtsein die bisherige Schicht der Menschheitspioniere aus der Gemeinschaft und fängt an, ihre Kräfte in den Dienst der Konservation zu stellen. Das Werden erstarrt in ihnen zum Sein, und aus der Synthese, in die sie kämpfend Widersprüchliches zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen zu setzen wußten, bricht neue Gegensätzlichkeit hervor. Eine neue Aggression tritt ihnen antithetisch gegenüber. Aber auch dies nicht einfach als Entwicklungsvorgang mit Zwangsläufigkeit. Aus der Umwelt (andere Erdteile, Völkerstämme, Rassen) und Natur (neue Kräfte, Entdeckungen, Erfindungen) tritt neues Material laufend hinzu, das im Sicherungsinteresse verarbeitet sein will. Und an dem Grade, in dem eine jeweils herrschende Schicht noch an neuen Produktivkräften interessiert ist, an der Art, wie und ob sie sie einbezieht in den Produktionsprozeß oder nur am Rande als Pfeiler der Stützung sie einzubauen widerwillig bereit ist, erkennt sich die geschichtliche Stunde dieser Klasse. Denn vom Menschheitsstandpunkt aus gibt es kein Genug und kein Zuviel. Wo solches gesagt wird oder geschieht, hat Klassenvorteil sich machthaft vor Menschheitsvorteil geschoben.

Da hat die Stunde der Ausgeschalteten geschlagen. Im Bewußtsein erleben sie es als nicht mehr tragbare Entrechtung. Und erleben damit auch subjektiv das Umschlagen der Quantität Not in die Qualität Vernichtung, aus der einzig Kampf den Ausweg weist. Die Notwendigkeit des Kampfes aber auch jenseits des beschränkten Klasseninteresses erweisen die dargebotenen und verworfenen Pro- duktivkräfte, der die ganze Menschheit bei Strafe ihres Untergangs nicht entraten kann, mag auch eine rasend kleiner werdende Schicht für einige Zeit noch Vorrat an Sicherheiten haben.

Die Produktionsverhältnisse der alten Zeit können die neuen Produktivkräfte nicht mehr fassen. Sie müssen gesprengt werden. Sie werden gesprengt. Ein neuer Bannerträger schickt sich an, dem alten die Fahne zu entreißen, um würdiger und zielsicherer sie voranzuführen.

Alles alte Sein wird in Werden aufgelöst. Die Spannung zwischen den Gegensätzen ist zum Zerreißen straff. Die Quantität potenzierter Unterdrückung schlägt um in die Qualität Revolution. —

In dieser Dynamik von Sicherheit, Sicherung der Sicherheit, Unsichermachung auf Kosten dieser Sicherungen, drohende Vernichtung der alten Sicherheit, verzweifelter Kampf um neue Sicherungen, Erringung neuer höherer Sicherheit usw. ist gleich wirksam Anstoß wie Ausblick. Die Entwicklung der Menschheit ist einlinig kausal, wie irgendein Naturgeschehen. Das Urerlebnis der Not stößt stets nach vorn zur Ueberwindung der Not. Kräfte der Natur und der Vergangenheit wirken als Determinanten auf die nach vorwärts gerichtete Kraft. Alles wird Ursache. Alles wird Anlaß und Anstoß. Ein Geschehen löst das andere aus, im großen genommen mit solch höchster Wahrscheinlichkeit, wie eine angestoßene Kugel die zweite vor sich hertreibt. Wo Zufall zu walten scheint, entdecken Spätere nur noch unerforscht gewesenes Kausalgebiet. Die Menschen selbst, samt ihrem Bewußtsein, sind solche „zweite Kugeln“, die die Geschichte vor sich hertreibt. (Die Geschichte: d. h. das vorher Geschehene, vorher mit vorherigen Menschen Bewirkte.) Wohin?

Anstoß nur — auch Ausblick. Das setzt einen voraus, der zu blicken weiß. Der Mensch ist es. Hat die Natur, Schöpferin und selber absichtsvoll, um Hilfsmittel verlegen, das Kausalgesetz in ein Bewußtsein verlegt, um es leuchtender, nachhaltiger wirksam zu machen? Haben die vielen Anstöße in der Naturreihe so gut gestoßen, daß die vorläufig letzte Kugel sich freiwillig weiterrollt? Genug der Spekulation! Der Mensch, und er allein, hat Ursache und Wirkung unterschieden, wo eigentlich nur Früher und Später vorliegt. Er allein hat Schlüsse gezogen. Ihm allein ward ein Bewußtsein, fähig, seine Bedingtheit als Entwicklungsetappe und seine Freiheit als Ziel zu begreifen. („Motivation ist erlebte Kausalität“, sagt Schopenhauer.) Geschehen ist Wirkung von Ursachen. Handeln ist Erstreben von Zielen. Ein Gegensatz? Nein, ein Intensitätsunterschied. Wie Sein und Werden, Quantität und Qualität, so auch Kausalgesetz und zielstrebiges Menschenbewußtsein kein kontradiktorischer, sondern ein dialektischer Widerspruch.

Die Zielstrebigkeit, gegängelt von der Kette der Anstöße, macht an menschheitsentscheidenden Wendepunkten sich von der Vormundschaft los, nun selber den Anstößen gebietend. Und dies ist objektiv möglich und nötig stets dann, wenn Anstöße sich lange gestaut haben, ohne nach und nach wirken zu können. Wenn der Rahmen zu eng war, das neu Andrängende zu fassen. Dann verdichten sich alle Ursachen zu einer einzigen Wirkung: als Ursachen von ihrer Wirkungshemmung befreit zu werden durch die in die Bresche springende Zielstrebigkeit.

So stellen sich revolutionäre Epochen dar als weit mehr denn Kämpfe um zeitliche Interessen. — Sie sind Manifestationen der Menschwerdung nicht nur im Sinne stets besserer Sicherheiten, sondern auch in dem Sinne, daß das Menschheitsprinzip der Zielstrebigkeit auf eine Zeit die mechanische Kausalkette sprengt, um Ursachen und Wirkungen zu setzen.

Der Aufstieg der Revolutionen (wofern es nicht nur örtliche Wiederholungen gleichen Inhalts sind, vgl. England 1649 und Frankreich 1789) charakterisiert sich demnach durch eine stets breitere Tendenz zur Allgemeinheit und zur Menschlichkeit (nicht im Sinne von Humanität). Es werden durch Konservation des Bestehenden stets größere Schichten ausgeschlossen, denn die Vervollkommnung der Produktion erleichtert das Funktionieren der Unterdrückungsmaschinerie. Daher in jeder folgenden Revolution die Menschheit idealiter mehr beteiligt ist. (Objektiv ist sie beteiligt als Ganzes in jeder Revolution, aber historisch genommen wächst ihr Anteil mit dem Geschichtsablauf.) Und weil die bewußte Absicht einen Einfluß (gestärkt durch Vorbilder und Erfahrungen) stets wachsenden Grades auf den Gang der Dinge bekommt, ist neben der Tendenz zur Verallgemeinerung die Tendenz zur Vermenschlichung manifestiert.

Die umwälzende Praxis kann sich in langsamerem oder in eiligem Tempo vollziehen. Das entscheidet nicht über ihren Charakter als einer Revolution. Darüber entscheidet vielmehr, ob ihr Ziel eine Ordnung ist, unterschieden in Grundsätzlichem von der bisherigen.

Demnach ist die Entwicklungstatsache, die die kollektive Urgemeinschaft durch die Klassengesellschaft mit Privateigentum verdrängte, trotzdem sie sich über Jahrtausende erstreckt, als die bisher umwälzendste Revolution anzusehen. Alle seitherigen Revolutionen spielten sich innerhalb der Klassengesellschaft ab. „Die (geschriebene) Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ („Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell“ — so reiht Marx die in der Geschichte der Klassengesellschaften hervorstechendsten Gruppierungen auf.)

Bei dem auf den großen und einfachen Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat gebrachten Zustand wird diese Fortentwicklung zur Verallgemeinerung und Vermenschlichung der revolutionären Ziele besonders deutlich. Außer der verschwindenden Anzahl der Herrschenden sind alle Stände in größerem oder geringerem Grade in der unterdrückten Klasse untergegangen. Die Parole „Freiheit für alle“ ist daher weniger „falsches Bewußtsein“ als je zuvor, denn nicht nur im Hintergrund der Ewigkeit steht die menschliche Unfreiheit dunkel umrissen, sie ist in fast allen Zeitgenossen praktische, historische, fühlbare Unfreiheit geworden. Das Klasseninteresse des Proletariats ist auch historisch beinahe mit dem Menschheitsinteresse identisch geworden.

Die Tendenz zur Vermenschlichung auf noch nicht dagewesener Spannweite ist gekennzeichnet durch die Rolle, die das menschliche Bewußtsein in der Form des proletarischen Klassenbewußtseins in dieser größten Revolution zugewiesen bekommen, vielmehr sich zugemessen hat.

In Klassenkämpfen vor denen, die Bourgeoisie und Proletariat zum entscheidenden Endkampfe einander gegenüberführen, waren die Klassenmerkmale durch ständische und ideologische Verbrämungen verhüllt. Die Produktivkräfte, unergiebig und weitgehend unerkannt, konnten nur in einer beharrenden Arbeitsteilung (typisch dafür das Kastenwesen und das Charisma indischer Gesellschaftsformen) fruchtbar gemacht werden. Die Arbeit war geteilt in mancherlei Stände. Ein einheitliches Klasseninteresse konnte um so weniger deutlich werden, als die christliche Ideologie über alle ständischen Divergenzen hinweg ein Gemeinsames schuf. Diese christliche Ideologie war als Sicherungsmittel vortrefflich geeignet, mit der Verheißung himmlischen Ausgleichs jeden an der unterschiedlichen Arbeit festzuhalten, die nur er und er allein vollbringen, die ihm kein anderer abnehmen konnte. Das kapitalistische Zeitalter, das Zeitalter der Demokratie, ließ die klassenkonstitutive „Dieselbigkeit der Interessen“ deutlicher zutage treten. Nicht die Unterschiedlichkeit der Arbeiten, sondern die Gleichförmigkeit der Arbeit wurde im Wirtschaftsleben kanonisch. Jeder war bald an jeder Stelle verwendbar und mit jedermann austauschbar. Die christliche Ideologie, die nichts mehr zusammenzuhalten brauchte, zerfiel als demokratische Ideologie und erscheint bruchstückhaft und verwandelt nur mehr als eine unter den ideologischen Apologeten der Bourgeoisherrschaft. Die durch sie gebundenen Bewußtseinskräfte des Menschen wurden dadurch frei, frei wie er, der kapitalistische Mensch, überhaupt frei wurde durch das Abschütteln feudaler Bindungen. Als Lohnarbeiter frei, sich zu verkaufen oder zu verhungern, als Bewußtseinsträger frei, seine Unfreiheit zu begreifen oder stumpfsinnig zu werden. Die bourgeoise Ordnung schuf also gleichzeitig das Material (verschärften und vereinfachten Klassengegensatz, unerhörteste Knechtung, Schematisierung der Arbeiten und damit der Interessen) und das Mittel (Befreiung des Bewußtseins von abgeleiteten und verhüllenden Ideologien, Ermöglichung eines Klassenbewußtseins) ihrer eigenen Ueberwindung. (Abgesehen davon, daß sie auch [s. 1. Kapitel] in der Gestalt vergesellschafteter Arbeit und auf kollektive Nutzbarmachung abzielender Produktivkräfte die materiellen Bedingungen zu ihrer eigenen Ueberwindung bereitstellt.)

Zugleich aber mit der erstmaligen historischen Ermöglichung eines reinen Klassenbewußtseins als Funktion einer erstmalig rein in die Erscheinung tretenden Klasse tritt die historische wie überhistorische Nötigung zu diesem Klassenbewußtsein auf. In dem Maße, in dem die Bourgeoisklasse ihre Herrschaft gegen die zur Kollektivität tendierenden materiellen Bedingungen (nicht also nur gegen die Menschen in diesen Bedingungen) ideologisch sichert, lockt sie die gegnerische Klasse auf das ideologische Gebiet hinüber. Die Geschichte ist in ein Stadium getreten, wo nicht das Produktionsmittel, sondern der Produzent vornehmlich maßgebend wird. Die Pro- duktivkräfte sind in der imperialistischen letzten Phase des Kapitalismus so weit von ihrer wahren Funktion (der Menschheitssicherung) abgedrängt, so ausschließlich der Sicherung der Sicherungen (dem Weiterlaufen der Produktion an und für sich, ohne Rücksicht auf Produzenten) dienstbar gemacht, oder sind, wofern sie sich durchaus nicht dienstbar machen lassen, so weitgehend zum Schaden der allgemeinen Sicherung ausgeschaltet, daß ihr gestauter Anstoß aufs höchste nach der ordnenden Zielstrebigkeit verlangt. Es ist keine Zielstrebigkeit ex machina; sie springt nicht als Kobold aus der Kausalkette heraus. Sie ist die neue, zeitgemäße, im dermaligen Unsicherheitshöchststande erwachsene Produktivkraft, die Produktivkraft Klassenbewußtsein.

Schritt für Schritt hat die Menschwerdung sich vollzogen, indem immer mehr Lebensgebiete der mechanischen Zufälligkeit entrissen und im zuordnenden, logischen Bewußtsein der Sicherung dienstbar gemacht wurden. Durch alle Rückschläge, Antithesen und Klassenkämpfe scheint dieser allmähliche Aufstieg zur Menschwerdung hindurch. Das Bewußtsein hat sich immer weitere Provinzen der Umwelt untertan gemacht, immer mehr sind die materiellen Unterbauten durchsetzt von den ideologischen Reflexen der Vergangenheiten. Immer mehr Ideelles — d. h. im Menschenkopf umgesetztes Materielle — agglomeriert die jeweilige materielle Basis in ihren Quadern. Wasser, Wind und neuentdeckte Länder sind mechanisch zu handhabende, beiläufige Produktivkräfte geworden. Immer unwesentlicher werden sie gegenüber dem, was der zielstrebige Mensch damit macht. Das Handeln drängt das Geschehen nach und nach zum Vasallen herab. Die „Vorgeschichte der Menschheit“ naht sich ihrem Ende. Nur sich selbst hat der Mensch noch nicht aus den Zufälligkeiten der Geschichte herauszureißen gelernt, wo er doch alles schon beherrschte: Erde, Meer und Luft. Nur sich selbst hat er noch nicht dem Ziele der Sicherung logisch zugeordnet. Nun tut er's in der Form des Klassenbewußtseins. Er weist sich selbst den Platz an in der Vergangenheit und Gegenwart und stellt sich in Zukunftsgedanken als Herrscher in die Mitte der Welt. Er erkennt seine Bedingungen. Die Anstöße, die er empfing, verbucht er sich als Mittel der Menschwerdung trotz Not, Leid und Kämpfen. Er erkennt in seiner Artung, Kausalität als Motivation zu erleben, das menschlichste Sicherungsmittel, und nimmt es auf sich. Im Klassenbewußtsein verwirklicht er organisch die Vergesellschaftung, die bisher mechanisch war. Im Klassenbewußtsein statuiert er objektiv die Zielstrebigkeit, die unter Gruppensüchten subjektiv und historisch eingeengt war, als Zielstrebigkeit auf das absolute Menschheitsziel. Im Klassenbewußtsein nimmt er die gelungene, endgültig gelungene Sicherheit über die Umwelt und Natur ideologisch vorweg.

Die Entstehung des Klassenbewußtseins ist aber, von einer anderen Perspektive her gesehen, nur möglich als Antithese gegen die Verdinglichung, der alle Menschen innerhalb des kapitalistischen Systems unterliegen. Aus all den bisher angeführten Bedingungen heraus könnte und müßte das Klassenbewußtsein eine entscheidende Rolle im letzten Klassenkampf übernehmen: aus Bedingungen des ideologisch befestigten Gegners, aus Bedingungen schon beherrschter, nur noch nicht zielstrebig angewandter Produktionskräfte, aus Bedingungen einer „ideologischen Demokratie“ usw. Allein aber aus der Bedingung des Fetischcharakters dieser Gesellschaft muß das Klassenbewußtsein diese letzte Revolution führen.

Die Menschen (alle, auch die Kapitalisten) sind so sehr entmenscht, im Sinne von verdinglicht, so sehr Sklaven einer von ihnen selbst hervorgezauberten Naturgesetzlichkeit des Wirtschaftslebens geworden, daß ihr Untergang im Kampfe mit den Sachen bevorsteht. Eine Phantasie könnte den Endkampf des Lebendigen mit dem Toten ausdenken, in dem von allem auf der Welt Maschinen, Geld, Kredit, Ware allein übrigbleiben und auf der Leichenstätte der Menschheit ihr starres Reich der Dinghaftigkeit etablieren. Schiff in Not! Die Menschen sind bedroht nicht durch die Ausbeuter, sondern durch die Ausbeutung, nicht durch die Herrschaft der Kapitalisten, sondern durch die Herrschaft des Kapitalismus, unterjocht nicht vom reichen Mann, sondern vom Geld, gequält nicht vom Hunger, sondern von der Absatzkrise — sie sind Stück für Stück und Minute für Minute dem toten Ding verfallen, das sie selber hergestellt haben. Der Zauberlehrling wird von seinem Geist ersäuft. Will er nicht untergehen, muß er den Menschheitsdilettanten beugen unter das Bannwort des Menschheitsmeisters. Die zu ihrem Zwecke die Geister gerufen haben, müssen erkennen, daß es, sie loszuwerden, höherer Einsicht, höheren Mutes bedarf. Jenseits des Klasseninteresses des Proletariats (wiewohl es fast schon historisch die ganze Menschheit umspannt) steht nicht mehr idealiter, sondern realiter die ganze Menschheit und wartet auf das Wort, das den Zauber lösen soll. Die subjektive Aufgabe des Proletariats ist die Abschaffung des Elends. Die historische Aufgabe des Proletariats ist die Aufhebung der Klassen. Die menschheitliche Aufgabe des Proletariats ist die Entsachlichung der Menschheit, ist die Erlösung vom Fetischismus der Dinge, ist, den ersten Schritt zu tun in die Geschichte der Menschheit.

Die Sicherheiten, die durch die Erfüllung dieser dreifachen Aufgabe errungen werden, sind derart, um die Quellen des Sicherungsbedürfnisses in den Strom der Allgemeinheit verfließen zu lassen. Sie sind von höchster vitaler Bedeutung für das Fortbestehen des Menschengeschlechts, deshalb müssen sie teurer erkauft werden als je eine Teilsicherheit einer Menschengruppe zuvor. Mit allen Kräften, die aus Natur, Umwelt und Vergangenheit sowie im Lager des Gegners als reflektierende Kräfte bereitliegen, muß konzentrisch der Angriff unternommen werden. Nicht nur die Lohnarbeit und die Warenwirtschaft, das ganze kapitalistische System mit all seinen feinsten ideologischen Verästelungen gilt es zu entwurzeln. Ob dies eine Arbeit von Tagen, Wochen, Monaten, Jahren oder Jahrzehnten sei, Prognose dafür ist in Marx' Werken nicht zu finden. Analog den Teilrevolutionen, von denen die „geschriebene Geschichte“ berichtet, mag man sich diese gründlichste Revolution als eine in einem Hauptakt gekrönte Handlung vorstellen. Aber vielleicht ist das zu bequem. Die Bedingungen und die Ziele dieser Revolution sind anders als die der bürgerlichen Revolutionen. Sollten nicht auch ihre Mittel anders sein? Sicher ist, daß beide unrecht haben, Reformisten und Putschisten, wenn sie sich mit ihrer Taktik auf Marx berufen. Ohne Reformen oder Putsche grundsätzlich abzulehnen, konnte Marx sie im Sinne seiner Lehre doch nur als Teilstück in einer größeren Handlung — er nannte sie wiederholt die umwälzende Praxis — gelten lassen. Diese umwälzende Praxis ist äußerlich wie innerlich zugeschnitten auf die Befreiung der Menschen von den Menschen und von den Dingen. Nicht zuletzt auf die Befreiung von sich selbst (d. h. dem verdinglichten Menschen in sich). Sie muß daher mit allen Arten von Mitteln und allen Arten von Taktik operieren. Sie muß bereit und mutig zu allem sein. Unter allem ist die Erschlagung des alten Adam sicher ebenso wichtig und nicht leichter als die Erschlagung eines Unternehmers. Da es keinen „Tag nach dem Siege“ gibt, außer in einer Marxsatire, die viele Anhänger haben mag, da der Sieg vielmehr eine dialektische Qualität ist, die aus der Quantität potenzierten Siege und Niederlagen — Kämpfe — hervorgeht, gibt es auch kein Datum für den Beginn der Diktatur des Proletariats, jenes Durchgangsstadiums, in dem nach Marx die alte Gesellschaftsform, ungeschützt durch ihre in Schach gehaltenen ehemaligen Interessenten, allmählich abstirbt. Die Diktatur des Proletariats ist demnach nicht zu vergleichen mit jener Phase nach dem Siege in früheren Umwälzungen, wo die aggressive Tendenz zum Schaden besserer Aggressionen in konservierende Tendenz umschlägt. Dem siegreichen Proletariat, das mit dem Privateigentum, der Lohnarbeit und der Warenwirtschaft auch sich selbst als Klasse aufgehoben hat, liegt es nicht ob, gegen eine geschichtlich nachfolgende Klasse Diktatur zu üben. Es schützt die errungenen Sicherheiten — Sicherheiten totalitärer Art — nur gegen rückwärts gerichtete falsche Zielstrebigkeit, es schützt das Menschheitsinteresse der Zukunft gegen das Gruppeninteresse der Vergangenheit. Und zwar nicht nur im Sinne eines „falschen Bewußtseins“, sondern real nach vorn gibt das Proletariat den Weg frei; die Diktatur des Proletariats wird nicht durch einen neuen Kampf abgelöst, sondern stirbt ab in der durchgehenden Vergesellschaftung der Menschheit. Die Anstöße zur Spaltung sind nicht bloß verdrängt von den Anstößen zur Gesellung, sondern beide Anstöße sind ihrer Suprematie entkleidet und bewußt und planvoll in den Dienst der Menschwerdung — des Menschseins — gestellt. Individualisationsprinzip und Gesellungsprinzip sind eine Synthese höherer Ordnung eingegangen. Ob sie eine neue Antithetik aus sich hervortreiben werden, wer wagt es zu behaupten? Um solche Fragen zu klären, müßten wir die materialistische Dialektik auf sich selbst anwenden. Im Gesellschaftszustand des Sozialismus haben viele bisher für unumstößlich geltende Begriffe ihren Sinn verloren. Vielleicht wird es dem Begriff Dialektik auch so gehen.

Nachdem durch die Diktatur des Proletariats Anschläge auf die neue Menschheitssicherung endgültig vereitelt sind, nachdem gleichzeitig eine schrittweise Umorganisierung der Wirtschaft und Gesellschaft sich vollzogen hat, wird auch das demokratische Verpflichtungs- und Verteilungsprinzip des Sozialismus absterben. Mit Produktionsbedingungen, die aus der Verfahrenheit des kapitalistischen Endzustandes erst langsam herausgeführt sind, mit Menschen, die sich nach Marx „in einer langen Revolution erst den ganzen alten Dreck vom Halse schaffen“ müssen, kann zunächst nichts anderes geschehen, als daß die formale durch die soziale Demokratie ersetzt wird, wo jeder nicht nur rechtlich, sondern auch faktisch den gleichen Start hat.

Die abstrakte Gleichheit ist aber eine bürgerliche Idealforderung gegen die abstrakte Ungleichheit. In der konkreten Welt verfehlen beide ihren Anpassungswert an die flexiblen Bedingungen der Lebenssicherung.

Erst wenn durch die Schule der sozialen Demokratie die alten Menschen neu, und durch und mit diesen alt-neuen Menschen die karge, launische Natur üppig und willfährig geworden ist, erst dann ist die Menschwerdung vollbracht. Erst dann beginnt das Zeitalter des Kommunismus. „Erst dann darf die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“

Individualpsychologie

1. Neurosenlehre

Alle Erscheinungen der Neurose streben dem Endzweck der Ueberlegenheit zu. Sie sind geistige Bereitschaften, um den Kampf um das Persönlichkeitsgefühl einzuleiten. In der entwickelten Neurose peitscht die Fiktion der Macht alle diese Bereitschaften auf, die sich nun selbst wie Endzwecke gebärden.

Alfr. Adler: Der nervöse Charakter. S. 18.

Die Neurose ist keine Krankheit, sondern eine Lebensweise. In ihr ist die Abgeschiedenheit des Individuums von der Gemeinschaft der anderen Individuen zur kennzeichnenden Kategorie der Seele geworden. Einen Unterschied zwischen Individuum und Gemeinschaft gibt es schon so lange, als aus der ursprünglichen Gattungsgemeinschaft der Menschen an einem wichtigen Punkte der Entwicklung — er fällt mit der Entstehung des Privateigentums zusammen — das Individuum hervorwuchs, als der Mensch zu sich „Ich“ sagen lernte. Außer diesem Längsschnitt, der uns später noch deutlicher die Steigerung des „Ich-Gemeinschaftskonfliktes“ zeigen soll, können wir auch durch unsere Gegenwart einen Querschnitt ziehen. Wir finden dann viele Menschen, die in sich das Ich deutlich von der Gemeinschaft abgetrennt halten, ohne doch einen akuten Konflikt zwischen diesen beiden zu erleben. Erst wo es zu einem solchen kommt, spricht man im eigentlichen (d. h. ursprünglich von Adler so gemeinten) Sinne von Neurose. Es ist dies jener Zustand und jene Verhaltungsweise, in der das Individuum zu sich selbst in verschärfter Weise Stellung nimmt. Und zwar vollzieht es eine nicht nur heftigere, sondern auch anders geartete Selbsteinschätzung, als sie der „gesunde“ Mensch vollzieht. Diese Selbsteinschätzung des Neurotikers sieht ab von allen Besonderheiten an der eigenen Person, die ihn in günstiger oder ungünstiger Weise von den anderen Menschen unterscheiden. Er sieht aber ebenso ab von seinem, ihm mit allen Menschen gemeinsamen Wesenskern (von dem in dem Kapitel über das Seelenleben im allgemeinen ausführlicher die Rede sein wird). Er abstrahiert sozusagen von seinem speziellen wie von seinem generellen „Gebrauchswert“, seiner individuellen Menschqualität, und fragt nur nach dem Grade seiner Ueberlegenheit, also nach einer intermenschlichen Quantität.

Der Wert eines Menschen bildet sich in seiner Mitwirkung an den Aufgaben des Zusammenlebens, des Zusammenweiterlebens und Zusammenbesserlebenwollens. So viel oder so wenig er zu diesem Zwecke des Lebens mit seinen individuellen Kräften beitragen kann, so viel individuellen Gebrauchswert enthält er. Als Individuen sind die Menschen nicht vergleichbar. Die Rangordnung entsteht durch die gesellschaftlichen Bedürfnisse, die nach Zeit und Ort veränderlich sind. Auf dem Wege über die Mitwirkung an den Aufgaben der Gesellschaft wird der zur größten Ueberlegenheit gelangen, der mit der größten Leistung den größten Nutzeffekt hervorbringt, die Dinge am besten bewältigt, am meisten Macht (im Sinne von Kraft) entfaltet. Diese Machtentfaltung verleiht ihm in den Augen seiner weniger wirksamen Mitmenschen Geltung. Geltung ist der Wertmesser, nach dem der Neurotiker bei der Selbst- und Fremdeinschätzung verfährt. Sie zeigt ihm den Grad des individuellen Wertes an; denn in der Meinung des Neurotikers ist einer mit seinen noch so einmaligen Eigenschaften, Gedanken, Gefühlen und Handlungen nur gerade so viel wert, als er überlegen ist. Der Wertmaßstab des Neurotikers ist ein quantitativer. Aus der bluthaften Vergleichung eines „So“ oder „Anders“ treten wir in das düstere Reich des „Mehr“ oder „Weniger“. Von der Geltung, die allein den Wert zu bilden scheint, schließt er zurück auf die Macht. In der Macht sieht er die Ueberlegenheit, d. h. den Wert dargestellt. Macht ist ihm nicht mehr Zeichen besonderer Gemeinschaftsleistung, sondern das Mittel zur Flüssigmachung persönlicher Ueberlegenheit. Unabhängig von seinem individuellen Wollen oder Können erscheint ihm nun über allen Menschen ein Netz von Geltungsnuancen ausgespannt, in dem jede Masche über ein Individuum fällt, wie ein außerpersönliches Schicksal. Die Wertskala erstarrt zum Fetisch. Die Genealogie der Geltung (von der gemeinnützigen Leistung her) ist dem allgemeinen Bewußtsein entschwunden und wird vom Individuum im Unterbewußtsein zurückgehalten.

Mit seinem von der Gemeinschaft der Menschen abgezogenen Blick auf sich selbst setzt sich der Neurotiker nun mit den übrigen Menschen wieder in Beziehung. Doch dies ist nicht mehr die Beziehung von verschieden beschaffenen, gesellig lebenden Individuen, sondern eine Beziehung der Zahlen und Maße. Wenn Ueberlegenheit oder Unterlegenheit zur obersten Qualität des Menschen erhoben wird, so ergibt sich mitgefragt ein korrelatives Verhältnis zu denen, denen überlegen oder unterlegen zu sein man sich einschätzt. Um diese Wertvergleichung jedoch durchführen zu können, bedarf es des außerpersönlichen Vermittlers, der Macht. Es handelt sich nicht um einen Vergleich von Qualitäten, die ja schlechthin unvergleichbar sind, wie Aepfel und Birnen. Dort wo Qualitäten in eine Rangordnung eingehen, wo beispielsweise „Zartheit“ und „Forschheit“ wertend miteinander in Vergleich gesetzt werden, liegt nicht eine Schätzung der Eigenschaften an sich vor, sondern ihre Einbeziehung in ein außer ihnen liegendes, solche oder andere Eigenschaften als im Leben tauglichere bewertendes, zeitlich wandelbares Rangordnungssystem. Es werden vom Neurotiker also konkrete Eigenschaften nur insofern verglichen, als ohne ihre Verwirklichung in Eigenschaften, Gedanken und Handlungen eine Quantität von Ueberlegenheit nicht vorstellbar ist. Die konkreten Eigenschaften in sich — und, wie sich alsbald zeigen wird — in anderen sind ihm nur Stoff des Wertens und Vergleichens.

Der einzelne Neurotiker findet sich, sobald er sein Bewußtsein einschätzend und vergleichend auf sich selber lenkt, schon festgelegt auf einen bestimmten Grad von Wertigkeit, den er nun verschiedenen Ursachen zuschreibt. Etwa seinem angeborenen Charakter. Oder den Erziehungsmaßnahmen, denen er als Kind ausgesetzt war. Verschiedenen Personen seiner Umwelt. Seiner sozialen Lage, seinem „Pech“ oder „Schicksal“. Letzten Endes ist er (oft auch erkenntnismäßig) Fatalist, denn er sieht seine Wertigkeit ein für allemal gegeben. Seine Selbsteinschätzung fällt immer negativ aus, er sieht sich als „unterlegen“. Da er aber als Wertmesser nur die Geltung kennt, richtet sich seine Verhaltungsweise auf das Ziel, Geltung zu erlangen, obzwar er, seiner Selbsteinschätzung nach, keinen Wert (d. h. keine Ueberlegenheit) besitzt. Da er als Garant der Geltung den Besitz der Macht kennengelernt hat, erstrebt er Macht in irgendeiner Form, die den (wirklich oder scheinbar) fehlenden Wert ersetzen soll.

Die Geltung erscheint ihm nun abgelöst von der Leistung und verliert auch in seinem Bewußtsein den Zusammenhang mit dem gemeinnützigen Wert. Sie erscheint, in „gespenstiger Gegenständlichkeit“ fetischartig die Geschicke der Menschheit bestimmend, als das höchste der zu erstrebenden Güter.

Von sich schließt der Neurotiker auf andere. Alle, die er im Vergleich mit sich selbst als überlegen, mächtig und geltend beurteilt, erscheinen ihm als naturgegebene Rivalen. Vom Moment der am Gradmesser der Geltung vorgenommenen Selbsteinschätzung existiert für ihn keine Gemeinschaft von Mitmenschen mehr. Er sieht nur noch Ueberlegene, die ihm die beanspruchte Geltung streitig machen, und Unterlegene, die er mit der Begier nach Bestätigung des eigenen Geltenkönnens registriert. Die Beziehungen des Lebens verwandeln sich für ihn in Gegenbeziehungen. Er betritt den Schauplatz seiner menschlichen Tätigkeit wie einen Kriegsschau- platz, auf dem es nur um Lorbeeren oder Niederlagen geht. Niederlagen aber scheut der Neurotiker ärger als selbst Leiden und Tod, denn durch sie fühlt er seine Wertgeltung stets aufs neue bedroht. Darum schafft er sich ein Arsenal von Waffen. Je nach den Bedingungen, unter denen die Neurose erwuchs, gewinnen diese Waffen ihren Charakter. Ist dieser Charakter aggressiv, so herrschen die Züge von Trotz, Herrschsucht, Rechthaberei, Wut, Brutalität, Zorn vor. Tragen die Waffen defensive Züge, dann sind es Eigenschaften wie Mißtrauen, Neid, Geiz, übergroße Empfindsamkeit, Furcht, auch Verleumdung, Entwertung und Zurückhaltung. Dies ist alles sehr entfernt von jeder Leistung — der Neurotiker ist dadurch charakterisiert, daß er wenig oder gar nichts leistet, auch wenn er noch so viel tut. Die Betrachtungsweise des Neurotikers hat ihn zu der Meinung verführt, daß man gegen die festliegende, fetischhaft überpersönliche Wertigkeit der eigenen Person (oder anderer) nichts ausrichten könne. Bestenfalls könne es nur gelingen, sich durch List und Schlauheit den allmächtigen Klauen des Geltungsmechanismus zu entziehen oder die Lücken des Maschensystems zu seinem Vorteil auszunutzen.

Fetischartig verselbständigt haben sich auch dem Neurotiker gegenüber alle seelischen Vorräte, deren jeder Mensch mit sich trägt: die Erlebnisse, Erfahrungen und Erinnerungen. Sie haben ihm gegenüber ihren Werdegang verloren; es ist im Unbewußten untergetaucht, wie sie unter seiner Mithilfe, ermuntert oder gehemmt von seinem auf Geltung gerichteten Blick, seinerzeit zustande kamen. Nun stehen sie da, ein schicksalhaftes Handikap von „allem, das schon dagewesen ist und nun immer so werden wird“, alle seine Niederlagen, Zurücksetzungen und Enttäuschungen, die er als Grundstock eines nützlichen Vermögens (den „Schatz“ der Erfahrungen und Erinnerungen, sagt die Sprache!) mit kluger Auswahl dem Gedächtnis übergab. Sie alle haben sich dort ihren selbstherrlichen Platz geschaffen, von wo aus sie bei jedem Schritt in die Zukunft je nachdem fördernd oder bremsend, wie wohlwollende oder zürnende Götter, eingreifen werden.

Die Funktion des Gedächtnisses ist eine gemeinnützige, wie auch die der Sprache und des Verstandes. Erfahrungen und Erlebnisse, die für Fortbestand und Förderung des Menschengeschlechts von Bedeutung sind, müssen als Warner und Helfer für die Zukunft aufbewahrt werden. Sie sind sozusagen Vorräte für Zeiten der Not, die über gefährliche Lebensabschnitte hinwegtragen sollen. Der Neurotiker aber hat seine Erfahrungen nicht im Sinne der Lebensförderung gemacht, seine Erinnerungen nicht in bezug auf die Gemeinnützigkeit gesammelt. Er hat sie akkumuliert zu einem Kapital, das nun aus sich selbst wertebildend wirken soll. Um zu verstehen, in welcher Weise innerhalb des neurotischen Systems so etwas denk- und tatmöglich ist, müssen wir einen anderen Umstand etwas näher betrachten.

*

Seit die Menschheit in das Stadium der Individualisation getreten ist, ist die ursprüngliche Gemeinschaft immer mehr zerfallen und das Gemeinschaftsgefühl immer mehr verlorengegangen. Damit ist zwar die individuelle Selbständigkeit gewachsen und hat als Aequivalent für das schwindende Kollektivbewußtsein ein neues Selbstbewußtsein, das Persönlichkeitsgefühl, in die Wagschale des seelischen Gleichgewichts geworfen. Aber die menschliche Gesellschaft ist so geartet, daß sie durch eine starke Gemeinschaftsbindung am besten in ihrem Bestande und ihrer Förderung garantiert ist. Daher machte sich die Individualität zwar als ein Vorteil gegenüber der früheren gruppenhaften Gebundenheit geltend, brachte aber mit sich gleichzeitig alle Nöte und Gefahren des Aufsichselbstgestelltseins. In einer Welt, die zum Kriegsschauplatz von Geltungskämpfen geworden ist, genügt nicht mehr der goldene Seelenvorrat für schlechte Zeiten, genügen nicht mehr die allen gemeinsamen Erfahrungen und Erinnerungen, um sorglich den Weg zu behüten. Es bedarf einer verstärkten Sicherung, denn die Unsicherheit ist größer geworden. So übernehmen Gedächtnis und Apperzeption eine stärker führende Rolle auf dem Weg in die Zukunft jedes Einzelnen, als dies bei der Gemeinschaft je der Fall war. Besonders wird dies dort eintreten, wo das Individuum nicht nur durch seine Einzelheit, sondern darüber hinaus noch durch Besonderheiten seiner Person gefährdet ist oder sich gefährdet glaubt: wenn es durch mangelhafte Körperlichkeit, Ungunst der sozialen Lage, Fehlerhaftigkeit der Erziehung usw. den Fährden des Lebens besonders schwach gegenübersteht. Seine Selbsteinschätzung wird dann — gemessen an der Geltung der Gesünderen, Reicheren, Tüchtigeren — besonders niedrig ausfallen, und es wird um den Weg zur Geltungshöhe trotzdem nicht zu verfehlen, verstärkte Stützen aufrichten müssen.

Es zeigt sich, daß seine Seele das fertig bringt: je neurotischer der Mensch, desto gespitzter und schlagbereiter seine Waffen. Sein Kleinmut, der ihn sich fast allen Wert absprechen ließ, vermag im Bewußtsein solche Kraft der Seele nicht anzuerkennen. Deshalb verlegt er die Triumphe, die er auf Nebengebieten erringt, aus seiner Bemühung heraus in die gebahnte Vorschrift seiner Vergangenheit: alles, was ihm zustößt, Niederlagen wie Siege, werden mit dieser Vergangenheit verknüpft. Sie ist es, die in seinem Bewußtsein den Ton angibt und die Färbung bestimmt. Und nun sehen wir folgendes: Stellen sich Niederlagen ein, so sind Vergangenheit, Menschen, Umwelt (das „Pech“) schuld — wie beim Unternehmer die Arbeiter, die Konjunktur, die Krise „schuld“ sind. Erringt er Siege, so spaltet sich die Zurechnung: das Verdienst bucht er der eigenen Kraft, durch die er seine Geltung vor sich erhöht. Das Recht auf den Genuß des Sieges bezieht er jedoch aus seinen Erinnerungen und Erfahrungen, die ihm solches schuldig seien. So wie der Unternehmer sich — je nachdem — auf seine persönliche Tüchtigkeit oder auf sein eingeschossenes Kapital beruft, um den geschäftlichen Erfolg und den Alleinanspruch auf den Erfolgsgenuß zu begründen.

Aber es liegt hier eine unbewußte Selbst- und Fremdtäuschung (sowohl des Neurotikers, wie auch des Unternehmers) vor. Erfahrungen und Erinnerungen können ebensowenig selbsttätig etwas leisten, wie Kapital von selbst Geld hecken kann. Etwas anderes ist hier im Spiel, ein Mechanismus, den wir etwas näher betrachten müssen, da er den Angelpunkt des neurotischen Systems bildet.

Die Funktion des Seelenlebens ist ursprünglich die, sichernde Orientierungswege von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Ihre Fähigkeit und Ausdehnungsmöglichkeit ist aber mit den Grenzen des Bedürfnisses nach Orientierung nicht umschrieben. Unter besonderen Bedingungen produziert sie einen Ueberschuß an Leistung, der sich je nachdem in einem Geniewerk, einer großen Intelligenzschöpfung oder dem Gebäude einer Neurose auswirken kann. Die Struktur dieser drei außergewöhnlichen Seelenerscheinungen kann ungefähr gleich angesetzt werden. Entspringen sie doch alle gleichermaßen einem tiefer als zeitüblich begründeten und empfundenen Mangel und kommen nach dem Gesetz der Ueberkompensation zustande. So wie die Arbeitskraft des Menschen unter bestimmten technologischen Bedingungen die Fähigkeit entwickelt, überschüssigen Wert zu bilden, so produziert die Seele unter bestimmten Entwicklungsbedingungen einen Ueberschuß über das geforderte Maß an Orientierung hinaus. Unter bestimmten Produktionsverhältnissen verwandelt sich der Arbeitsüberschuß in kapitalistischen Mehrwert. Unter bestimmten Entwicklungsverhältnissen im Bereiche des Geltungskampfes tritt die seelische Ueberschußleistung als neurotische Plusmacherei in die Erscheinung. Darunter versteht man eine Art Taschenspielerkunst der Seele, mittels der sie ohne reale Leistung die nur einer realen Leistung geschuldete Gel- tung für sich einstreicht. Der Neurotiker verwendet seinen Witz dazu, erstens sich über sich und die Welt zu orientieren, weil er sich unsicher fühlt (normale Funktion der Seele). Dabei kommt er infolge besonders ungünstiger (oder auch nur irrtümlich für solche gehaltener) Bedingungen zu einer negativen Selbsteinschätzung. Daraus erwächst das Bedürfnis nach erhöhter Geltung, die er ja besonders schwer zu erreichen glaubt. Und nun setzt er seinen Witz dazu ein, sich von der Realität des Lebens ab- und z. B. einem Gebiet der fruchtlosen Phantasietätigkeit zuzuwenden. Damit erzielt er eine doppelte Wirkung: zunächst den praktischen Vorteil, eine Leistung ohne Gegenleistung zu empfangen, denn da er dem praktischen Leben abgewandt ist, müssen andere die Aufgaben des praktischen Lebens für ihn bestreiten. Und dann eine Geltung ohne Leistung, denn in seiner Phantasietätigkeit steht er — zumindest vor sich selbst, oft auch vor leichtgläubigen Anderen — als besonderer, besonders qualifizierter Mensch da. Ein anderes Beispiel von der Funktion der Plusmacherei: Die Empfindlichkeit hat den Sinn, fördernde und schädigende Reize aus der Umwelt aufzunehmen und der ordnenden Vernunft zu Sicherungszwecken zu übergeben. Der Neurotiker benutzt sie darüber hinaus, indem er auf Dinge reagiert, die mit Förderung und Schädigung seines Lebens nichts zu tun haben, sondern belanglose Randgebiete betreffen. Sie einverleibt er seinem Ueberlegenheits- und Unterlegenheitsschema, mit der — dem Bewußtsein meist verborgenen — Endabsicht, daraus für sich ein Plus an Geltung zu ziehen. Sei es, daß er bloß sein Selbstgefühl stärkt durch die Konstatierung, die anderen seien „grobschlächtiger“ als er, weil sie derartiges nicht zur Kenntnis nehmen. Sei es, daß er kränkende und scheinbar entwertende Stimmen aus der Umwelt zu hören vermeint, die sonst niemand hört, damit er die Bestätigung seines geringen Wertes erhalte und infolgedessen für sich selbst mildernde Umstände in Rechnung bringen könne.

Schon an diesen zwei zufällig herausgegriffenen Beispielen sieht man, daß die neurotische Ueberkompensation durchweg auf dem Gebiet des Nutzlosen spielt. Der Neurotiker ist eben dadurch charakterisiert, daß er das ganze Leben auf Schätzung des eigenen Ichs bezieht, daß Leistung bei ihm hinter Geltung zu stehen kommt; die seelische und wie oft auch die wirkliche Zeit wird mit dem Kampf um die — noch so spärliche und fiktive — Macht zugebracht, anstatt sie an die Förderung des allgemeinen und damit ja auch des eigenen Lebens zu wenden.

Wir sahen, wie im kapitalistischen System Waren für den Markt produziert werden. Die Mehrwertgewinnung, gleichzeitig Ursache und Folge der Warenwirtschaft und Angelpunkt des kapitalistischen Systems, bringt aus sich das rollende Rad der Akkumulation hervor. Im Gefolge der Akkumulation entsteht eine immer größere Anarchie der Produktion, so daß nicht nur mehr Güter über den Bedarf hinaus, mit dem Ueberschuß zu Profitzwecken, sondern schließlich Güter nur noch zu Profitzwecken produziert werden. Auf den Bedarf wird nur noch so weit Rücksicht genommen, als, wie schon im ersten Abschnitt erwähnt, Güter ohne jeden Gebrauchswert überhaupt nicht zu Waren werden. Aber es werden eher neue Bedürfnisse für profitversprechende Waren gezüchtet, als daß auf Kosten einer Profitmöglichkeit ein Bedarf befriedigt würde. Die Folgen sind immer häufigere, immer heftigere Krisen und schließlich der Zusammenbruch des Systems. Ganz ähnlich verhält es sich nun mit der Funktion der neurotischen Seele. Die Aufwendungen, Gedanken, Gefühle, Vernunft, Gedächtnis, Apperzeption und Logik stehen nicht in erster Linie den Bedürfnissen und Aufgaben des gemeinnützigen Lebens bereit und verwenden über diese Forderungen hinaus den seelischen Kraftüberschuß zu Sonderleistungen. Vielmehr ist die Seele gar nicht mehr auf Leistung, sondern auf Geltung und Macht, zumindest auf Vermeidung von Geringgeltung und Ohnmacht, eingestellt. Wo notwendige Leistung und erstrebte Geltung auseinanderfallen, wird die Leistung preisgegeben. „Wir können jeden Augenblick wahrnehmen, daß wir Handlungen begehen, die sowohl das Prinzip der Selbsterhaltung wie die Erhaltung der Gattung verletzen.“ (Adler.) Damit aber verwickelt sich auf die Dauer der Neurotiker in den Maschen seines eigenen Systems. Er erlebt nicht mehr, um zu leben, sondern um sein Machtstreben zu befriedigen. Er akkumuliert Macht.

Dieser Mechanismus des Geltungsstrebens hat zwei Erscheinungen im Gefolge, die später in ihr Gegenteil umschlagen: der Neurotiker wendet sich stets mehr von der Durchsetzung seines Wertes ab und der Erzwingung seiner Macht zu. Dabei drängt er sich selbst in eine immer größere Ichbezogenheit, in der immer ausschließlicher die Maßstäbe des „Mehr oder Weniger“ ausschlaggebend werden. Gleichzeitig drängt er seine Lebensmitspieler in die Rolle von defensiven Gegenspielern. Seine Seelenvorräte, Erinnerungen, Erfahrungen, Charakterzüge treten immer restloser in den Dienst der Vervollkommnung des Geltungskampfes, werden immer ausschließlicher zu Waffen und immer weniger zu Werkzeugen, so daß allmählich für Leistung keine Kräfte mehr freibleiben. Je weiter sich aber der Neurotiker von der Leistung entfernt, desto mehr entzieht er sich den realen Boden für die Wertung seitens der anderen. So verfängt sich der Neurotiker in einen unheilvollen Zirkel:

Um im Geltungskampfe zu bestehen, muß er all seine Seelenkräfte auf das Ziel der Macht richten. Durch die einseitige Richtung auf Machtgewinn wird das Gebiet der möglichen Plusmacherei relativ eingeschränkt (was nicht hindert, daß es zeitweise absolut vergrößert erscheint). Gleichzeitig werden die Mitspieler in die Defensive gedrängt. Will der Neurotiker aber den Boden für seine Machtgewinnung nicht schwinden sehen, müssen neue Zweige des Geltungsterrains erschlossen werden; dazu muß er stärkere Kräfte in das Spiel um die Macht investieren, die wiederum zugunsten der Plusmacherei einen Rückschlag auf die Leistung führen. Der Mangel an Gemeinschaftsleistung, der sich als Mangel an Wertgeltung bemerkbar macht, muß wieder kompensiert werden durch neue Geltung. Aus diesem Kreislauf stürzt der Neurotiker von Zeit zu Zeit in eine Krise.

Er entfernt sich immer weiter von den Aufgaben des Lebens, weil er immer unerfüllbarere Bedingungen an jede zu leistende Arbeit, jede zu gestaltende mitmenschliche Beziehung stellt. Die Aggression gegen das Leben, die vielleicht flüchtige Triumphe brachte, ruft allzubald die Gegenaggression des Lebens hervor: mit Verlassenheit, Untätigkeit, Krankheit, oft genug mit materiellem Mangel kündigt sich die neurotische Krise an. Ist eine Krise der Verzagtheit, des Sichausgeschlossensehens überstanden, ist die Geltung wieder in ihre Herrscherrolle eingesetzt, so muß mit erhöhter Intensität nach ihr gestrebt werden. Aber die erlittene Niederlage macht doppelt vorsichtig. Nicht nur die Sicherung (im Sinne von Befestigung) wird nun erstrebt, sondern es werden mannigfache Sicherungen angebracht, die die Funktion von Schutzvorkehrungen haben.

Eine der hauptsächlichen neurotischen Schutzvorkehrungen bezieht sich auf die Ausschaltung des gefährlichen Geltungswettkampfes. Der Neurotiker zieht den Kreis so, und so klein, daß er mit Mutmaßlichkeit dort die Ueberlegenheit gewährleistet sieht. Er beschränkt sich auf die Familie, seinen Berufskreis, eine einsame Beschäftigung oder zieht sich auf die Insel einer von niemand verstehbaren Tätigkeit zurück. Da er aus dem Wertungsbereich der Allgemeinheit freiwillig (durch seine Geltungsangst — d. h. Angst vor Geltungseinbuße — gezwungen) ausgeschieden ist, kann er nun alles, was er tut, in ein ganz nach seinen Bedürfnissen zugeschnittenes Wertsystem zwängen. Dinge und Handlungen, die zu den selbstverständlichen Obliegenheiten jedes Menschen gehören, erscheinen so in seinem neurotischen Bezugsystem maßlos verwichtigt, und ihr Vollbringen liefert ihm das so sehnlich begehrte Selbstwertgefühl, das er sich im Realitätskampfe nicht zu erwerben getraute. Da sich der Neurotiker in seinem Machtkampf stets mehr und mehr zum Gegenspieler entwickelt hat, mehr und mehr auch seine Mitmenschen zu Gegenspielern entwickelte, muß er von den ganz wenigen Personen seiner nächsten Umgebung unerhörte Selbstbestätigung verlangen. Oft ist es nur noch ein einziger Mensch — die Mutter, der Gatte, ein Freund, ein Berufsrivale — mit dem er sich mißt und über den er die Ueberlegenheit gewinnen will. Die reale Geltung — Anerkennung durch die Mitwelt, wirklicher Machtbesitz — sind im Unbewußtsein des Neurotikers umgefälscht in den Schein der Geltung. Der Wille zur Macht wird verwandelt in den Willen zum Schein der Macht.

Damit er jeder möglichen Niederlage durch Messung mit eventuell Ueberlegenen aus dem Wege gehen könne, verschanzt sich der Neurotiker hinter seine Neurose, die nun in diesem Stadium aus einer Lebensweise zu einer Waffe wird. Um den Schauplatz seiner Geltung in Ausmaß und Artung seinem Ueberlegenheitsbedürfnis gemäß ausgestalten zu können, läßt er aus seinem Unbewußten Zwangsvorstellungen, ein überfeines Gewissen, ein Ritual der Lebensführung aufsteigen, das, indem es die nächste Umgebung in seinen Dienst stellen soll, zugleich ihn selber mehr und mehr versklavt. Durch die Gebundenheit an seine eigene Fiktion, die sich ihm selber nachgerade leidvoll spürbar macht, fühlt er sich auf der Wertskala herabgedrückt, wird er tatsächlich unterlegen — nämlich denen, die besser mit sich und dem Leben fertig werden. Mehr und mehr wird ihm jeder Schritt zu einer Gefahr, der man nur durch Flucht noch entrinnen kann. Jeder Charakterzug, jede Situation, ja die Funktionen von Intelligenz und Moral werden in den Dienst der Fluchtabsicht gestellt.

Um bei der Flucht nicht als Feigling dazustehen und vor sich und den anderen den Schein der Geltung zu wahren, dient als vortreffliches Mittel die neurotische Krankheit selbst: Schlaflosigkeit, Herzbeschwerden, Funktionsstörungen aller Art, Anfälle, körperliche Schmerzen, Versagen von Aufmerksamkeit, Arbeitskraft und Lebenslust sind ebenso viele, je nach den Erfordernissen der speziellen Situation und den Gegebenheiten der individuellen und generativen Vergangenheit, gewählte Schutzmittel und Abwehrwaffen. Unter den mildernden Bedingungen des Krankseins sieht sich der Neurotiker endlich legaliter von der lästigen Befassung mit den Lebensaufgaben enthoben, gewinnt er endlich alle Kräfte frei zur Verfolgung seines Persönlichkeitsideals. Je brüchiger aber die Stützen seiner Geltung werden, desto weniger sind sie geeignet, ihn zufrieden zu machen. Dem Verstand halten so klägliche Triumphe, wie z. B. die Nachgiebigkeit einer Familie an einem Krankenbett, nicht stand. Deshalb wird der ganze Mechanismus tiefer als je ins Unbewußte versenkt und damit der Sphäre der Auflösbarkeit und Kontrolle des gemeinschaftsbindenden Bewußtseins immer mehr entzogen. Je nach der allgemeinen Umweltsituation bleibt der Ver- fall auf halbem Wege stecken oder erfaßt nur Teile der Persönlichkeit. Schließlich reißt er die ganze Persönlichkeit mit seinem großen Abwärtsschwunge in die Katastrophe. Das erste kann z. B. eintreten, wenn ein Neurotiker durch Ausbau seines nervösen Lebensplanes mit allen Vorbehalten des schlechten Handikaps, der dazugehörigen pessimistisch-mutlosen Weltanschauung und dem schwereren Geschütz irgendeines neurotischen Zwangs- oder Leidenssymptoms einen Teil seiner Umwelt erobert hat. Er genießt dann den Triumph der Geltung eventuell recht lange, bis eines Tages der mürbe gemachte Mitmensch zum Gegenmenschen wird und nun seinerseits mit neurotischen Mitteln seine verlorengegangene Geltung wiederzuerlangen sucht. Dann bricht der Machtkampf mit doppelter Heftigkeit los und endet mit der völligen Vernichtung mindestens eines Kombattanten. Im anderen Fall ist durch unfreundlichere materielle Situation, durch die stärkere Reizbarkeit der Partner, die besonders aggressive Note der speziellen Neurose die Lage von Anfang an zugespitzt. Die Umwelt setzt sich in Defensive oder ergreift die Flucht, entzieht jedenfalls dem Neurotiker die Operationsbasis. Aus der Gefangenschaft seiner Machtfiktion sendet er ihnen verzweifelte Geschosse nach. Seine Isolierung wächst und nun schließt sich der verhängnisvolle Kreis: der Verlust des Gemeinschaftsgefühls, die ausschließliche Ichbezogenheit, wird am Ende sein Verhängnis. Der Selbstmord ist oft der letzte Ruf an die Mitmenschen, das letzte Machtmittel, um wenigstens in der Form von nachträglicher Trauer und Selbstvorwürfen einen Letzten noch an sich zu fesseln und mit seiner ungetragenen Verantwortung zu beladen. Wenn auch weniger abrupt, ist doch dem Selbstmord gegenüber die Psychose der tiefere Tod: der flüchtige Machtaspirant verzichtet auf jede Hoffnung, auch nur den Schein der Geltung noch in der Wirklichkeit erringen zu können. Er zieht seine Verstandesfunktionen und Sinne von der Realität ab und wird fortan in mehr oder weniger gemeingefährlichen Formen Held oder Märtyrer in einer rein imaginären Welt des Wahns. Die Mauern des Irrenhauses besiegeln tragischer den neurotischen Untergang als die noch so schwarzen Wände eines Sarges, den wir ja alle einmal beziehen müssen.

*

Wir haben, anknüpfend an unsere Darstellung des marxistischen Systems, in sehr groben Zügen Wesenheit und Schicksal des Neurotikers darzulegen versucht. Die Frage der Entstehung der Neurose haben wir nicht mehr als gestreift, weil diese historische Frage dem zweiten Kapitel vorbehalten bleiben soll. Dort wird sich die Dynamik des neurotischen Seelenlebens als ein Spezialfall unter den seelischen Erscheinungsformen abheben, der eng verknüpft ist mit sozialen und biologischen Bedingungen. Wir haben die Zuständlichkeit und Funktion der Neurose an einem einzelnen Neurotiker erklärt, sind uns aber wohl bewußt, daß wir damit die Fiktion vom isolierten neurotischen Individuum nur als Arbeitsformel gebraucht haben. Wir haben die gesellige Verbundenheit der Individuen und ihr Geknüpftsein an die Untergründe ihrer materiellen Existenz metho- discher Rücksichten halber vorläufig aus dem Spiel gelassen. Dadurch wird die dialektische Verflochtenheit der Kategorien des Geltungssystems, der Oben-Unten-Apperzeption, der Fiktion der freien Persönlichkeit dogmatisch entstellt. Wir werden diese Verzerrung nachträglich berichtigen müssen, wenn wir einen Vergleichspunkt gefunden haben in den nunmehr zu behandelnden allgemeinen Gesetzen des Seelenlebens.

2. Allgemeine Seelenlehre

Das menschliche Seelenleben ist die versuchte Stellungnahme zu den Forderungen des sozialen Lebens.

Alfr. Adler: Der nervöse Charakter. Vorwort zur III. Auflage.

Psychologie als die Lehre vom Seelenleben ist erst mit dem Heraufkommen des naturwissenschaftlichen Zeitalters recht eigentlich in die Reihe der Wissenschaften aufgenommen worden. Bis dahin galt sie als Anhängsel der Theologie oder der Philosophie, als welches sie auf den akademischen Lehrstühlen heute noch behandelt wird. Wissenschaft wurde sie erst, als sie — zunächst sehr unbeholfen — versuchte, die Arbeitsmethoden der Naturwissenschaft auf ihr spezielles Gebiet zu übertragen. Eine Zeitlang war die Psychologie befangen in derselben Forderung, die an alle zeitgenössischen Wissenschaften gestellt wurde: ausreichendes Material zum Zwecke der Ableitung gültiger Gesetze bereitzustellen und zu verarbeiten. Aber mehr als bei anderen Disziplinen wurde bei der Psychologie alsbald offenbar, daß dieses Verfahren nicht ausreichte, der Aufgabe der Wissenschaft zu genügen: nicht, wie die Seele ist, genügte festzustellen, sondern wie sie zu verstehen und zu behandeln ist.

Die Fragestellung empfing die Psychologie, wie jede andere Wissenschaft, von den Forderungen der Gesellschaft, innerhalb der Klassengesellschaft von den Forderungen des herrschenden Klasseninteresses. Antworten, die heute als „wissenschaftlich widerlegt“ gelten, sind ihrerzeit sinngemäßer Ausdruck eines Klasseninteresses gewesen. So begreifen wir, daß im Zeitalter, da die Bourgeosie die Eroberung der Erde antrat, da Stoff und Kraft die beiden Pole der Welt bezeichneten, für die subtilen Eigenheiten der individuellen Seele kein notwendiges Interesse vorhanden war. Es genügte, den Körper des Menschen, seine Nerven und Zellen und deren Funktionen sich durch Beschreibung erschlossen zu haben, um auch das Gefäß, das Trauer, Wut, Liebe, Neid und Selbstvorwürfe beherbergt, vermeintlich in der Hand zu halten. Eine „Psychologie ohne Seele“ war gerade die richtige Psychologie für eine Epoche, deren Machtposition auf den sicht- und tastbaren Gütern dieser Welt aufgebaut ist. Alles, was man mit den Formeln der Gehirnpsychologie nicht ergreifen konnte, wurde einem nebelhaften Untergrund von „Anlagen“ und „Trieben“ anheimgegeben. Unkontrolliert und unerreichbar von den Präzisionsmaschinen der Seelenmesserei konnte dort alles Menschliche Obdach finden, was auf Verantwortungslosigkeit oder auf billigen Ruhm plädierte.

In einer Zeit jedoch, in der die Eroberung der irdischen Güter durch die eine bevorrechtete Klasse nicht mehr so unbestritten und widerstandslos sich vollzieht, in der die lebendigen Menschen anfangen gegen den Stachel der „Naturgesetzlichkeit“ zu löcken, ist die Bahn frei geworden für jene neuartige Auffassung der Psychologie wie der Seele, die sich uns in der Individualpsychologie Alfred Adlers darbietet. Dem Bürgertum, das an der Erhaltung der fetischartig angebeteten Naturgesetzlichkeit weiter interessiert ist, genügt nach wie vor für den Hausgebrauch und für die Volksschule jene barbarische Mischung der theologischen Prädestination: „Der Mensch ist böse von Jugend auf“ und des abergläubischen Naturalistenkultes der ererbten Anlagen und Triebe. Unter ihrem Banner darf sich jede Art Verantwortungsscheu austoben, die der unzulänglichen Lebensflucht wie die der brutalen Herrschaft. Das Proletariat als vorläufiger Repräsentant der Gattungsinteressen, stößt auf seiner Suche nach einer seinen Zielen dienenden Wissenschaft auf eine andere Seelenlehre. Sie soll ihm, wie jede Wissenschaft ihrem ursprünglichen Sinne nach, Zusammenhang bringen in die unübersehbar gewordene Menge der individuellen Besonderheiten, die sich dem Ziel der Vergemeinschaftung in den Weg stellen. Sie soll ihm die Werkzeuge liefern, mit denen es sich als Klasse und darüber hinaus die Menschheit aus dem Gefängnis der ohnmächtigen Verdinglichung befreien kann.

Unabweisbar drängt sich der neuen Wissenschaft vom inneren Menschen ein neuer Seelenbegriff auf. Die Seele erscheint nicht mehr, wie in der vorbürger- lichen Denkweise, losgelöst und unabhängig von der Gebundenheit durch den sie tragenden Körper und die sie gestaltende Um- und Mitwelt. Sie verschwindet aber auch nicht mehr als ohnmächtige Null unter der Allmacht dieses Körpers und dieser Umwelt, wie dies im Interesse des naturalistischen Fetischismus im Zeitalter des reinen Bürgertums nötig und also möglich gewesen war.

Die Seele des Menschen erhält ihren rechtmäßigen Platz als eines der vorzüglichsten menschlichen Organe. Sie ist ein Organ, das die Bewegungen der Menschen im Interesse ihrer Existenzsicherung und Lebensfürsorge orientierend, vorausschauend und erinnernd schützt, deckt und befördert. Die Seele ist ein Lebensmittel, ein Werkzeug, eine Produktivkraft.

Da die Seele in engstem Zusammenhang steht mit dem Sicherungsstreben der Gattung Mensch, muß ihre Entstehung und Funktion bei der Menschheit als Ganzem und bei jedem einzelnen Menschen dort studiert werden, wo das Bedürfnis nach Sicherheit am stärksten, weil die Unsicherheit am größten ist. Die Bedingungen, unter denen sich die vorausschauende, urteilende, reizaufnehmende und verändernde Seelentätigkeit entwickelt, müssen sichtbar und verständlich gemacht werden. Die erste Aufgabe, die die Individualpsychologie sich stellt, ist folglich, die Quellen und Zustände der Unsicherheit und des Mangels aufzudecken, die zu ihrer Kompensation eines Seelenlebens bedürfen und es also hervorbringen. Diese Gegebenheiten sind überpersönlicher Art.

Der Mensch — wir sprechen zunächst vom einzelnen Menschen, da er übersichtlicher die Vorgänge zeigt — ist in seiner Entwicklung durch Anstöße bedingt, die sich in der Seele als Antriebe abspiegeln. Ihm sind als Materialien zur seelischen Verarbeitung übergeben:

  1. Seine körperliche Natur, mit allen Möglichkeiten und Hemmungen, ihrer im Sinne der Naturbewältigung unzulänglichen Kraft.
  2. Seine Mitwelt und ihre Einflüsse.
  3. Die soziale Situation, in die er hineingeboren wird.
  4. Die Stellung, die er durch Geburt unter den Menschen seiner nächsten Umgebung zugewiesen bekommt.

Mit diesem Material baut sich nun der Mensch eine Brücke in die Zukunft. Würde der Mensch planlos und wahllos dieses Material benutzen, so käme er, außer gelegentlich durch Zufall, kaum einen Schritt vorwärts im Leben. Um überhaupt existieren zu können, muß er zu seinen Gegebenheiten Stellung nehmen, muß er seine Mittel und Kräfte kennen und abschätzen, um sie dann sinngemäß verwenden zu können.

Dies vollzieht sich nicht bewußt oder nur zum Teil bewußt. Das Bewußtsein ist nur eine Provinz der Seele, dort kommen die Anstöße und Strebungen erst nach vielfacher Auswahl und Läuterung hin. Die Hauptarbeit spielt sich im Unbewußten ab, ist also auch niemals aus den Aussagen eines Menschen zu erfahren, sondern vielmehr aus seinen Verhaltungsweisen und Ausdrucksbewegungen abzulesen. Wie der Mensch sich unbewußt mit seinen Gegebenheiten eingerichtet hat und fortwährend einrichtet, entgeht dem unkundigen Zuschauer. Und nachher sieht es aus, als wäre alles „geworden“, während es aus Gewordenem „gemacht“ ist. Der Lebensplan des Menschen ist eine komplizierte Zeichnung mit Geraden, Kurven, Winkeln, Ecken und unausgefüllten Stellen. Aber er ist nicht sichtbar, nicht greifbar. Man kann in die Hand bekommen nur die Materialien, aus denen er gemacht ist. Was wir schon bei den Produktivkräften und Produktionsverhältnissen gesagt haben, können wir hier wieder sagen: körperlicher Bestand, soziales Milieu, Umwelteinflüsse, individuelle Situation sind gegeben; der Lebensplan ist aufgegeben.

Zur Führung des Lebens erforderlich ist eine Vereinheitlichung der gesamten Kräfte. Sie erfolgt in der Ausbildung des Charakters. Der Charakter ist der Niederschlag der frühesten Einstellungen und Erfahrungen, die der Mensch auf Grund seiner Gegebenheiten vornahm und erlebte. Gegeben ist wieder nur das Rohmaterial, etwa das biologisch bedingte Temperament, eindringliche, der Nachahmung gebotene Vorbilder der nächsten Umgebung. Der Charakter selbst, das Gesamte der Eigenschaften und Fähigkeiten ist daraus im Nachhinein gebildet. Die Eigenschaften (Charakterzüge) sind Gleise, auf denen der Mensch sicher durchs Leben zu fahren hofft. Adler sagt: „Charakterzüge sind Kampfbereitschaften für den individuellen Lebensplan.“ Aber nicht nur die Charakterzüge stehen in engstem Zusammenhang mit dem gegebenen Material. Auch die Funktion der Intelligenz, als einer Führerin oder Warnerin, ist weitgehend dadurch bedingt. Ein Mensch kommt weder dumm noch gescheit auf die Welt. Er hat das Maß an Intelligenz (außer in ganz seltenen Fällen von gehirnphysiologisch bedingter Idiotie), das er zur Verarbeitung seiner Mitgegebenheiten braucht. Wie er es verwendet, ob er davon Gebrauch macht oder es anderen Seelenfunktionen unterordnet, ist Frage der Stellung, die, seinen spezifischen Bedingungen entsprechend, die Intelligenz einnehmen kann. Ein Mensch z. B., der in der Kindheit durch verzärtelnde Autoritäten jeder Denkarbeit überhoben wurde, der in der Schule vielleicht die Befähigung zu ihr mißtrauisch abgesprochen bekam, wird die Funktion der Intelligenz als unbrauchbar aus seinem Lebensplan verbannen; er wird „dumm“ werden. Ein anderer, der bereits frühzeitig Erfolge durch Anwendung von Logik und Denkschnelligkeit errang, wird auf der vorgezeichneten Linie weitergehen und sich vielleicht zu einem Geisteshelden heranbilden. Zur Orientierung im Leben dient auch die Verwertung der Vergangenheit mit Hilfe des Gedächtnisses. Ein Mensch hat nicht ein „von Natur“ gutes oder schlechtes Gedächtnis. Es hängt von der Bewertung seiner Bedingungen ab, ob er und was er von der Vergangenheit als Memento für die Zukunft aufbewahrt. Die Auswahl der Erinnerungen läßt auf die Artung des Lebensplanes schließen, dem sie dienend eingeordnet ist. Im Leben des Erwachsenen treten dann jene Werkzeuge der Lebenserhaltung deutlicher hervor, die dazu dienen sollen, den Charakter und den Lebensplan einlinig und dauerhaft zu machen, und die schon im Dienste der Erhaltung des Geschaffenen stehen: Moral und Weltanschauung. Auch sie sind keine außermenschlich präformierten Gebilde, die in freier Entschließung gewählt werden, sondern sie sind ebenfalls als verdichtete Erfahrungsniederschläge eng gebunden an den Aufbau des Lebensgefüges. Jeder Mensch hat also den Charakter, die Intelligenz, das Gedächtnis, die Moral und Weltanschauung, die „zu ihm paßt“, d. h. die im Dienste seiner Lebenssicherung am zweckmäßigsten aus dem Vorhandenen hervorwuchs. Ja, auch der Körper selbst und seine Dynamik wird in das Gefüge des Lebensplanes einbezogen: der Geschmack, die Richtung des Sinneslebens überhaupt, die Sexualität werden zum Material, das an dem Bau mitverwendet wird und sich dem Bauplan einfügen muß und auch einfügen läßt.

Unter dem Vorgefundenen, das im Lebensplane verarbeitet wird, steht an wichtiger Stelle ein Ueberindividuelles, davon jedem Einzelnen sein Teil als Mitgift zugemessen wird. Unentrinnbar sind über jeden Menschen die Ideologien seiner Zeit ausgebreitet, in die er als in gleichsam unverrückbare Gültigkeiten hineingeboren wird. Eine solche zeitlich-überpersönliche Gültigkeit besitzt z. B. innerhalb der Männerkultur die Bewertung des männlichen und weiblichen Wesens. Dieser — nicht ewig dagewesenen, sondern entwicklungsgeschichtlich bedingten — Bewertung tritt der Einzelne wie einer fertigen Tatsache gegenüber. Er kann zwar „Nein“ zu ihr sagen, er kann aber nicht achtlos an ihr vorbei- gehen. Er muß sich mit ihr auseinandersetzen. Dasselbe gilt für eine rangordnungsmäßige Auffassung von der Stellung der Menschen zueinander, wie sie sich aus dem Klassencharakter der Gesellschaft ergibt. Danach werden alle Lebensverhältnisse in der allgemeinen Ideologie an dem Schema Oben-Unten gemessen. Diese Apperzeptionsformen: männlich-weiblich, oben-unten, wiewohl sie kulturelle Erwerbungen der vergesellschafteten Menschen darstellen, präsentieren sich dem Einzelnen als unausweichliche Denkformen, innerhalb deren er nun den Inhalt seiner individuellen Gegebenheiten beurteilt und einordnet. Im Zusammenhang mit diesen Denkformen entwickelt sich seine Intelligenz, sein Gedächtnis, seine Moral, seine Weltanschauung oder Religion, in ihrem Namen nimmt auch der Körper Stellung zu den ihn betreffenden Funktionen.

Alles, was bisher vom Entstehen des Lebensplanes auf Grund gewisser Materialien individueller Art und im Rahmen gewisser zeitbedingt-allgemeiner Anschauungsformen gesagt wurde, geht noch nicht über das hinaus, was mit dem Wort „Anpassung“ die Lebensbewegungen aller Lebewesen bezeichnet. Im Verlauf seiner Anpassungsbedürfnisse lernt der Mensch (als Gattung, wie als Einzelner) jedoch schon sehr frühe ein über alles wertvolles Werkzeug finden, das ihm zum Unterschied von anderen Lebewesen ausschließlich eigen und für ihn ganz besonders charakteristisch ist. Es ist dies die Erscheinung der Zielstrebigkeit des Seelenlebens. „Was den Bau eines menschlichen Baumeisters von dem eines Bienenvolkes unterscheidet, ist nicht die größere oder geringere Zweckmäßigkeit des Baues,“ sagt Marx, „sondern der Umstand, daß der menschliche Baumeister seinen Bau im Kopfe fertig hatte, ehe er ihn in der Wirklichkeit aufführt.“

Wir haben schon in dem marxistischen Teil unserer Untersuchung die besondere Bedeutung kennengelernt, die das Interesse (innerhalb der Gesellschaften mit Zwangscharakter das Klasseninteresse) in der menschlichen Entwicklung besitzt. Es ist die besondere Aufgabe der menschlichen Seele, dieses Interesse (bewußt wie unbewußt) zielstrebig zu verfolgen und alle Bewegungen des Lebens planmäßig an ihm zu orientieren.

Der Sinn der Lebenssicherung ist mit jedem Leben gegeben. Erst in der menschlichen Seele wird dieser Sinn zu einem Ziel, zu einer Forderung mit all ihren Lockungen und Gefahren. Dieses Ziel selbst modifiziert sich nun in seiner Artung gemäß den vorhandenen Bedingungen. „Somit stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann“, sagt Marx. Die speziellen Sicherungsziele variieren an Hand der jeweils vorhandenen Sicherungsmittel. Diese Sicherungsmittel treten sekundär in den Dienst der einmal gestellten Sicherungsziele und bilden sich ihnen gemäß um und aus. Beim Einzelleben ist dies ganz besonders deutlich zu sehen. Im Zusammenhang mit der Einschätzung der eigenen Bedeutung und der der umgebenden Welt bildet sich im einzelnen Menschen eine ganz individuelle Zielsetzung aus. Wir müssen jetzt das vorher Ausgeführte ergänzen und sagen: Im Lebensplan verarbeitet der Mensch seine Gegebenheiten im Hinblick auf das aus diesen Gegebenheiten erwachsene Ziel.

Nun verstehen wir besser als erst, welche wichtige Rolle die Vereinheitlichung der seelischen Funktionen im Lebenshaushalt spielt: sie alle werden auf das übergeordnete Ziel zurechtgeschnitten. Kein noch so geringer Bruchteil des seelischen Bestandes darf durch Sonderwege den Zug nach dem Ziele hemmen. Kein Charakterzug, keine Meinung, kein Verhalten, kein Wunsch, keine Tat, ja kein Traum und kein Gedanke, der nicht einen Beitrag lieferte zu diesem zielstrebigen Aufschwung. Alle Anstöße von außen werden in der Seele zu Antrieben, die nach dem Ziele zutreiben. Die Ereignisse der Außenwelt werden im Sinne des Zieles angeschaut und nur so weit berücksichtigt, als sie dem Ziele dienen, so weit bekämpft, als sie dem Ziele widersprechen.

In den verschiedenen Anwendungsgebieten der Individualpsychologie werden nun diese Ziele nach ihrem konkreten Inhalt untersucht, zu ihren Trägern und Ausgangspunkten in Beziehung gesetzt. Indem an der Hand der Lebensäußerungen die Dynamik der Lebenspläne zwischen Ursachen und Zielen aufgezeigt wird, kann nachgewiesen werden, wie jede kleinste Funktion des Lebens innerhalb dieser Dynamik an ihrem zielstrebigen, bedingten, einmaligen, „richtigen“ Platze steht. Die Struktur der Seele ist gekennzeichnet durch die beiden Momente der ursächlichen Bedingtheit und der Zielstrebigkeit und durch das Moment der Einheitlichkeit. Die einheitliche Spannung zwischen Ursachen und Zielen macht das Seelenleben aus.

Man darf sich also nicht, wie dies die bloß beschreibende Psychologie tut, damit zufriedengeben, daß man ein zufälliges Teilstück, eine Handlung etwa, aus dem Leben eines Menschen herausgreift und nun diese Strukturformel: Bedingtheit des Ausgangspunktes — Einheitlichkeit des Lebensplanes — Zielstrebigkeit auf sie anzuwenden sucht. Man kann damit zu Resultaten kommen; aber diese sind nur aufschlußreich im Verhältnis zu früheren, ganz unvollkommenen Erklärungsversuchen. Ich kann z. B. eine Fehlleistung untersuchen, in der ein Mensch, der zu einer unerwünschten Verabredung ausgeht, auf der Treppe stürzt und sich den Fuß bricht. Die Erklärung der vor-individualpsychologischen Seelenkunde würde, da sie die Zielstrebigkeit des vereinheitlichenden Lebensplanes nicht kennt oder außer acht läßt, sich mit dem Hinweis auf die Zerstreutheit, Ungeschicklichkeit, Ermüdung dieses Menschen begnügen, und im übrigen ein außerpsychologisches Moment, etwa die Dunkelheit im Treppenflur, zur Erklärung heranziehen. Die stümperhaft angewendete Individualpsychologie würde einen Schritt weiter führen, indem sie etwa aussagte, jener Mensch habe die unbewußte Absicht gehabt, die Verabredung zu versäumen, ohne jedoch dafür verantwortlich zu sein, und habe deshalb den Unfall eingeschaltet, unter Benutzung seiner Ermüdung und des dunklen Treppenflurs. Folgerichtig muß aber weiter geforscht werden; und alle Fragen des ganzen Lebens müssen mit beantwortet werden, wenn auf diese kleine Detailfrage die richtige Antwort gegeben werden soll. Das allgemeine Lebensziel dieses gestürzten Menschen würde sich dann vielleicht wie folgt formulieren lassen: Vermeidung von riskanten Situationen und Ausweichen vor der Verantwortung. Die Herkunft dieses Zieles wäre in der Vergangenheit zu suchen und ließe dort etwa ein geringes Selbstvertrauen entdecken. Dieses könnte wiederum zurückgeführt werden auf die individuellen Gegebenheiten einer Sehschwäche, die die Orientierung im Sichtbaren erschwert, einer Umwelt, die mit verzärtelnder Erziehung den Mut zum Einsatz und zur Verantwortung verkümmert hat und einer sozialen Lage, die das Mißlingen im äußeren Wettstreit als wahrscheinlich darstellte. Diese Fehlleistung des erwachsenen Menschen, die wir da untersuchen, ist aber mit dem Hinweis auf Ursprung des Lebensplanes noch immer nicht genügend geklärt. Es muß noch etwas anderes berücksichtigt werden: Seit aus den Erfordernissen der individuellen Lage und der daraufhin vorgenommenen Selbsteinschätzung das Ziel zum erstenmal aufgestellt wurde, sind mannigfaltige Schritte in der Welt getan, mancherlei Erlebnisse dem Menschen zugestoßen. Sie alle hat er zielgemäß der Erinnerung übertragen. Dort haben vor allem jene Erfahrungen ihren Platz, die zur Verstärkung der einmal eingeschlagenen Linie dienen. So ist beispielsweise eine erste kleine Niederlage gehörig registriert und in Fällen späteren Risikos als Warnung verwendet worden. Je mehr Lebenszeit abgelaufen ist, desto mehr sind die Antworten auf schon gewesene Lebensfragen als neue Motive dem seelischen Unterbau zugesellt. Die Einstellung zur Welt, ursprünglich erwachsen aus den vorgefundenen Bedingungen, hat als selbsttätige Kraft neue, sekundäre Bedingungen geschaffen, die im Hinblick auf das Ziel gewisse Leitlinien zu verstärken geeignet waren. Bei der Analyse eines einzelnen Teilstücks muß also nicht nur Ausgangs- und Zielpunkt berücksichtigt werden, sondern es ist auch noch zu fragen: In welcher Weise und unter welcher Einstellung hat der Mensch bis heute an seinem Schicksal gearbeitet? Wie ist es zustande gekommen, daß er mit so besonderer Scheu an verantwortliche Entscheidungen herangeht? Wie hat er vorgebaut, daß sich nun gerade ihm besonders häufig schwierige Situationen ergeben? Und an welcher Stelle steht diese spezielle Fehlleistung im Gesamtbau? Wenn man so weiter schürft, wird man alsbald den Machtgewinn erblicken, der aus dem scheinbar so resignationsvollen Lebensplane abfällt. In eine banale Formel gebracht, würde er etwa lauten: „Mein Lebensmodus, mich Schwierigkeiten zu entziehen, gibt mir das Machtgefühl, mich ihnen nicht stellen zu müssen. Ich nehme Leid und Lächerlichkeit auf mich, um nicht der Herbeigezwungene zu sein.“

Glauben wir nun wieder einen Schritt weiter gekommen zu sein, wenn wir die Formel „Sicherung durch Flucht“ vertauschen mit der Formel „Sicherung durch Flucht mit Ueberlegenheitsgefühl als Nebenprodukt“, so liegt immer noch eine weitere dogmatische Irrtumsmöglichkeit offen. Wir haben vielleicht ein restloses Verständnis dieser einen Situation erzielt, indem wir sie solcherart in die Gesamtheit des Lebensplanes einbezogen. Nun könnten wir verführt sein, jede vergangene und künftige Detailhandlung dieses Menschen mit dem gleichen Schlüssel lösen zu wollen. In vielen Fällen wird das gelingen, besonders wo es sich um gewissermaßen festgefahrene Charaktere handelt, die die Mittel zum Ziel stark verselbständigt haben. Dies ist vorzüglich der Fall beim Neurotiker im engen Sinne, der, wie wir im vorigen Kapitel gezeigt haben, sich in den Maschen seines eigenen Systems verfängt. Er handelt wie die berühmte Motte, die, der veränderten Umwelterfordernisse nicht achtend, in ihrem Bedürfnis nach Helligkeit ins Licht der Petroleumlampe fliegt und verbrennt. Ein weit verbreiteter Typus von Menschen jedoch, vornehmlich die, denen wir alle Tage begegnen, haben ihre Seele nicht völlig von der Funktion der Wirklichkeitsorientierung abgezogen und weisen infolgedessen eine gewisse Beweglichkeit der Verhaltungsweise auf, die oft genug als Widersprüchlichkeit erscheint. So kann uns der erwähnte Beinbrecher in einer anderen Situation durch große Tollkühnheit in Erstaunen setzen. Mit der bloßen Beschreibung und Erklärung dieses zweiten isolierten Vorganges kämen wir möglicherweise zu einer ganz anders gearteten Deutung seines Zieles und Lebensplanes. Wir stünden dann ratlos dem Widerspruch gegenüber. Hier dürfen wir den dialektischen Formenwandel nicht übersehen, den die Spannung zwischen ursprünglicher Selbsteinschätzung und dementsprechend angesetztem Ziel mit sich bringt. Durch die fortgesetzte Taktik des Ausweichens kann das Selbstgefühl des Betreffenden so weit herabgedrückt werden, daß es einer Aufschnellung bedarf, die den Habitus vorübergehend durchbricht. Der Mut ist nicht stark genug, um eine langsame, besonnene Umänderung des Verhaltens durchzuführen. Es wird ein Gewaltstreich gegen sich selbst versucht. Eine solche plötzliche Kühnheit kann aber auch bloß den verborgenen Sinn haben, sich eine recht deutliche Niederlage beizubringen, damit die Berechtigung zum Ausweichen für künftige Gelegenheiten vorweg bewiesen werde.

Wir kommen auch zu keiner befriedigenden Lösung, wenn wir die besondere Funktion der Seele außer acht lassen, die Adler, in Analogie zu biologischen Vorgängen, das Gesetz der Kompensation nennt. Es muß dabei vom Formalen des Ursachen-Ziel-Verhältnisses zum Inhaltlichen vorgestoßen werden. Die Bewegung erfolgt nicht nur zeitlich, zwischen einem Früher und Später, sie ist auch nach ihrem Gewicht bestimmt. Es war schon wiederholt von der Selbsteinschätzung die Rede, und beim Neurotiker insbesondere wurde gezeigt, daß die Ueberkompensation, die er im Ziele der Allmacht symbolisiert, auf dem Boden einer abnorm niedrigen Selbstbewertung erwächst. Im allgemeinen ist dazu zu sagen: die ursprüngliche Situation jedes Menschen ist die der Unzulänglichkeit. (Zunächst durch seine kindliche Hilflosigkeit bestimmt.) Die von der eigenen Natur, der Umwelt, der sozialen Situation bereitgestellten Mittel werden als unzureichend befunden. In der Seele macht sich diese Unzulänglichkeit geltend als Unsicherheitsgefühl. Da aber kein Mensch seine Schritte ins Leben ohne ein Mindestmaß von Selbstvertrauen tun kann, muß das äußere Ziel: Verringerung der Unsicherheit durch Gewinnung von Sicherheiten, durch eine innere Zielsetzung greifbarer gemacht werden. Sie lautet: Kompensierung des Unsicherheits- und Minderwertigkeitsgefühls durch Erhöhung des Selbstwertgefühls. Dies kann zunächst ein rein quantitativer Vorgang sein, dem Zuschütten eines Loches vergleichbar. Sehr bald aber entstehen aus der Anhäufung der Quantitäten neue Qualitäten. Aus der Anstrengung, mit der die Schwächen kompensiert werden, entstehen an anderen, vorher nicht beachteten Seelenstellen neue Kräfte. Es wird z. B. im Hinblick auf die Kompensation einer Sehschwäche die Welt des Sichtbaren mit besonderer Intensität in Angriff genommen. Durch dieses Training entwickelt sich eine Sensibilität der Sinne im allgemeinen, die nun eine neue zu bewältigende Reizmenge zuführt. Dadurch, daß diese verstärkte Reizmenge nicht bewältigt werden kann, entstehen neue Unzulänglichkeitsgefühle. Antriebe entwickeln sich, die zu immer neuen, immer höheren Leistungen vorstoßen. In der Dynamik dieses Ablaufs kann auch das Ziel selbst verändert werden. Nicht aus freiem Willensentschluß. Dann nämlich, wenn durch die Einwirkung der tendenziös auf Kompensation gestellten Beobachtungen, Erinnerungen, Erfahrungen die ursprünglichen Bedingungen so weitgehend verändert worden sind, daß die alte Zielvorstellung nicht mehr im richtigen Verhältnis zu den Erfordernissen der Sicherung steht. Einmal gesetzt, beginnt auch das neue Ziel gleich wie ein Naturgesetz auf den Menschen zurückzuwirken und zwingt alle Aeußerungen des Lebens in seinen Dienst.

Aus all dem ergibt sich, daß solche Einteilungen der Menschen, wie die in zielbewußte und schwankende, kranke und gesunde, dumme und intelligente, oder gar gute und schlechte, nur trügerische Spaltungen innerhalb und zwischen den Menschen sind.

Die Seele ist das Organ mit den größten Möglichkeiten. Diese Gegensätze sind keine Gegensätze ein für allemal, unversöhnliche Widerspruchskategorien. Sondern sie sind Bestandteile einer dynamischen Antithetik. In der Wirklichkeit trifft man fast niemals und stets nur ganz vorübergehend auf Erscheinungen, die mit einem dieser Begriffe völlig geklärt werden. Das Seelenleben ist genau wie das geschichtliche Leben eine fortwährende Aufeinanderfolge von sich bildenden und wieder auflösenden Synthese-Haltepunkten. Das Ziel — Sicherheit — ist unendlich, denn mit jeder Etappe bilden sich neue Unsicherheiten heraus. Die Spannung zwischen dem Unzulänglichkeitsgefühl und seiner Kompensation ist aus dem Leben der Seele nicht wegzuschaffen.

Da im Bereich der Geschichte ein stets größerer Anteil der Sicherungsarbeit auf das spezifisch menschliche Sicherungsorgan, die Seele, entfällt, wird diese in immer neue Spannungszustände hineingezogen. Aller Fortschritt der Menschheit geschieht durch die Antriebe des Unzulänglichseins; alle Mittel, diesen Fortschritt zu betreiben, erwachsen auf dem Grund des sich Unzulänglichfühlens.

*

Es ist nicht leicht, sich die Ausgestaltung des Lebensplanes, die Wirkung des Zieles auf die Ver- einheitlichung der Seelenfunktionen und die Dialektik der formenwandelnden Sicherungen einleuchtend zu machen, wenn man, wie dies bisher geschehen ist, einen abstrakten Einzelmenschen im Auge hat. Schon am Anfang des Kapitels über die Neurose wurde erwähnt, daß der spezifische Charakter der Neurose in dem „Ich-Gemeinschafts“-Konflikt zu suchen sei. Vollends solche Erscheinungen wie der Protest, die indirekte und direkte Aggression usw. sind sinnlos, wenn man sie nicht innerhalb eines Bezugssystems der zusammenlebenden Menschen erfaßt. Der Mensch als Einzelwesen ist schon eine Denkfiktion der in solcher Konfliktzeit lebenden Philosophen und niemals eine Realität. Alle Funktionen der Seele sind von ihrer Entstehung an auf die Bewältigung der Umwelt, auf die Auseinandersetzung mit Natur und Mitmenschen zugeschnitten.

Das Ziel, das jedem Einzelnen erwächst, ist nur um eine Nuance von den Zielen seiner Mitmenschen abgewandelt. Mag es auch noch so eigenbrötlerisch erscheinen, es läßt sich immer als Vorleger vor dem allgemeineren Ziel erkennen, wenn man nur von der Fiktion des autonomen Einzelnen absieht und den Menschen im Zusammenhang des Erworbenen und ihn Umgebenden faßt. Die Bedingungen jedes Einzelnen sind allgemeine Bedingungen. Seine körperliche Verfassung ist weitgehend bedingt durch eine lange Reihe von Vorfahren, die wieder in ihrer körperlichen Kraft oder Schwäche von den sozialen Einwirkungen ihrer Zeit abhängig waren. Die Stellung in der Familie, eine für die Entwicklung des Einzelnen so eminent wichtige Stellung, hängt ebenfalls mit den Tatsachen des Gesellschaftslebens zusammen. Ob er Knabe oder Mädchen, Jüngster oder Aeltester ist, das ist vom unlenkbaren Zufall abhängig. Aber daß er in einer Familie aufwächst, in der diese Stellung eine so wichtige Rolle spielt, setzt die soziale Tatsache der Familie mit all ihren erzieherischen und moralischen Begleiterscheinungen voraus. Ob ein Mädchen sich zu ihrer Frauenrolle tätig bekennt oder ob sie ihr auszuweichen sucht, mag Sache der individuellen Gegebenheiten sein. Daß in der Auseinandersetzung mit der Frauenrolle überhaupt ein Problem mit gefährlichen Klippen liegt, ist jenseits der Psychologie im Vorhandensein einer Männerkultur begründet. Daß die Erzieher Fehler machen, die zu Erziehenden auf den Weg des Protestes und der Neurose treiben, kann im Einzelfall vermieden werden. Der Umstand aber, daß innerhalb der Klassengesellschaft eine autoritätsfreie Erziehung nicht durchführbar, ja erst seit kürzester Zeit und sehr bestrittener Weise überhaupt denkbar ist, das ist eine soziale Erscheinung.

Die Einwirkungen von Mangel, Entrechtung, Unehelichkeit, Wohnungsnot auf die Zielsetzung und den Lebensplan des Individuums zeigen vollends klar die Verstricktheit des Einzelnen in Zustände und Möglichkeiten der ihn überdeckenden Gesellschaftsordnung. Jedes Einzelnen seelische Entwicklung ist also geknüpft an die zeitlichen Bedingungen seines Lebens und darüber hinaus geknüpft an seine unlösbare — ob feindliche, ob kameradschaftliche — Gebundenheit an seine Nebenmenschen. Diese Nebenmenschen sind nicht ein Konglomerat von lauter Einzelnen, son- dern verfließen zu einer höheren Totalität, der Gemeinschaft. Das Erfordernis, sich mit dieser Gemeinschaft auseinanderzusetzen, zeigt sich in der Seele durch einen Antrieb, den Adler das Gemeinschaftsgefühl nennt. Der Ausdruck ist mißdeutig, weil darunter auch die Gegengemeinschaftsgefühle mitgedacht werden müssen. Alle — ob mitmenschliche, ob gegenmenschliche — Gefühle, die sich auf die Beziehung des Ich zur Gemeinschaft der anderen Iche beziehen. Der Mensch ist also nicht, wie in der vorkapitalistischen (religiös eingestellten) Psychologie, verantwortlicher freier Herr seines Innenlebens. Er ist aber auch nicht, wie zur Zeit des Materialismus, willenloser Spielball der „Verhältnisse“ und seiner „angeborenen“ Triebe und Anlagen. Er ist gebunden an die von vergangenen und mitlebenden Gesellungen bereitgestellten Möglichkeiten, die auch sein individuelles Ziel bedingen. Er kann aus dem Rahmen allein nicht herausspringen. Er kann wohl eine kraß gemeinschaftsfeindliche mit einer gemeinschaftsfreundlicheren Verhaltungsweise vertauschen, sobald sich die erstere zu teuer bezahlt macht. Er kann aber nicht etwa die Anschauungsformen „männlich — weiblich“, „oben — unten“ durch Willensentschluß aus seinem Lebensplan verbannen. Dies ist Aufgabe der Gemeinschaft, deren Freiheit gerade in der Veränderbarkeit solcher Anschauungsformen und ihrer sozialökonomischen Untergründe besteht. Die Konfliktsituation Individuum — Gemeinschaft ist eine soziale Situation. Soweit sie innerlich mit neurotischer Betonung überspitzt wird, mag sie individueller Ermutigung zugänglich sein. Der Mut selbst, eine Funktion der Seele, die die Gefahr mitdenkt, ist selbst aufs innigste abhängig vom Grade der Gemeinschaftsbindung. Der Mut ist eine soziale Funktion. Die Möglichkeit zum Mut stößt bald an die Grenze der gesellschaftlich präformierten Möglichkeiten und kann nur im Zusammenhang mit diesen gefördert werden.

Somit ist auch seelisch der Mensch weder gebunden noch frei. Er setzt sich seine Ziele selbst und folgt ihnen mit aller Willkür des autonomen Menschen. Aber die Art des Zieles bleibt abhängig von überindividuellen Gegebenheiten. Ob er scheitert oder besteht, ist eine Frage des größeren oder geringeren Mutes. Der Mut aber wiederum, der Mut zum Mut, ist eine Produktivkraft, die erst unter bestimmten sozialen Bedingungen ihre befreiende Rolle zu spielen beginnt.

3. Heilen und Bilden

Die gewonnenen Erkenntnisse belasten uns mit einer Lebensaufgabe: Voranzugehen beim Abbau des Strebens nach Macht und bei der Erziehung zur Gemeinschaft.

Alfred Adler: Nervöser Charakter, Vorwort zur III. Auflage.

Wir haben bis jetzt immer vom Neurotiker, von der Gemeinschaft oder vom Menschen schlechthin gesprochen. Um nicht mit unseren Erklärungen in der Luft zu hängen, müssen wir nunmehr den historischen Zusammenhang aufsuchen, in dem diese Begriffe ihren sinngemäßen Platz finden.

Am Anfang der Menschheitsgeschichte steht als einzige Form der Sicherung die Gruppenbildung. Die Unsicherheit findet einen direkten Weg zur Sicherung, ohne in der Seele, im „Menschenkopf“, besonders umgemünzt zu werden. Gesellschaftsbildung und kollektive Arbeit leisten die dringendsten Erfordernisse zur Erhaltung der Art. Ganz frühe schon jedoch entwickelt sich, was wir nachträglich die Seele nennen: jenes spezifisch menschliche Organ des Vorausfühlens, Planens, Schließens, Inzusammenhangbringens. Diese Gruppenseele registriert die erreichten Sicherheiten. Sie entwickelt aber allmählich auch eine Funktion der Warnung, um neuer Unsicherheit schneller Herr zu werden: das Unsicherheitsgefühl oder die Angst. Dieses durchaus kollektive Gefühl der Unzulänglichkeit wird kollektiv kompensiert im Gemeinschaftsgefühl. Das Gemeinschaftsgefühl leistet neue Antriebe zur Ueberwindung der Angst (etwa in Form von Religionen) und erfährt wiederum eine Festigung durch erfolgreich angegriffene Sicherungstaten. Je mehr aber die Seele in Form von Unsicherheits- und Gemeinschaftsgefühl mit beteiligt wird an der Sicherung, desto feiner muß sie sich ausbilden, um den neu herantretenden Aufgaben genügen zu können. So kann eine Arbeitsteilung in solche, die mit der Hand, und solche, die mit dem Geist (als Sammler und Deuter der seelischen Bewegungen) arbeiten, aufkommen. Gewiß steht diese Teilung mit der Arbeitsteilung nach Altersklassen im Zusammenhang. Die Gruppe der „Erfahreneren“, Aelteren beschränkt sich auf die berufliche Seelentätigkeit (als Priester, Führer und Wahrsager), da sie infolge ihrer schwindenden Körperkräfte an der rein materiellen Sicherung (durch Jagd zum Beispiel) weniger beteiligt sind. Es findet eine allmähliche Spaltung in zwei Sicherungstechniken statt.

Mit der Herausbildung des Privateigentums ist dann die Basis gegeben, auf der für die Urangst eine ganz neue Kompensationsform möglich wird: das Persönlichkeitsgefühl.

So wie wir eine Gemeinschaft annehmen und uns eine Gemeinschaftsseele entstehen denken, ehe diese Seele im Gemeinschaftsgefühl zu sich selber Stellung nimmt — so entsteht wohl auch das Individuum, lange bevor es sich durch das Ichgefühl seelisch zur Kenntnis nimmt. Dieses Ichgefühl steht aber in Beziehung mit dem Sicherungsbedürfnis. Es ist eine neuartige Kompensationsform der allgemeinen Unsicherheit. Nachdem es als solches entstanden, treibt es aus sich eine individuelle Unsicherheit hervor. Bisher war Geborgenheit und Verantwortungslosigkeit durch die Bindung in der Gemeinschaft. Dadurch wurde die Sicherheit gewährleistet. Zu größerer Sicherung entsteht das Individuum. Dadurch spaltet es sich von der Gemeinschaft ab und wird durch sie nicht mehr voll getragen. Es muß einen Teil der Gruppenverantwortung als Selbstverantwortung auf sich nehmen. Das Aufsichgestelltsein der Persönlichkeit wird gegenüber der früheren Gruppenbindung gleichzeitig als größerer Sicherungsbürge und als Verstärker der Unsicherheit empfunden. Die Sicherheit wird größer, wenn zur Gemeinschaftsverantwortung auch noch die Selbstverantwortung tritt. Aber die Unsicherheit wird größer, wenn das selbstverantwortliche Individuum ein Einzelner, abgetrennt von der Gemeinschaft, wird. Für diese neue Art Unsicherheit — die individuelle Unsicherheit — tritt als neue Kompensationsform die Geltung auf.

Waren es vorerst Einzelne, die sich vereinzelten, so wurden ihrer im Laufe der Zeit mehr, und schließlich finden wir auf einer gewissen Entwicklungshöhe die Gemeinschaft durchindividualisiert. Die Geltungsposition eines jeden ist gefährdet durch die Geltungsposition seines Nebenmenschen. Das vertieft die individuelle Unsicherheit. Der Geltungsraum wird immer kleiner, da immer mehr sich hinein teilen wollen. Das Vergleichen und Messen beginnt. Innerhalb der schon gespaltenen Gemeinschaft treten Stärkere und Schwächere auf. Die Mehrgeltung muß erreicht werden als Ausweg vor der Mindergeltung. Analog zu der sozialen Struktur der Besitzenden und Besitzlosen teilt sich die seelische Struktur in ein Oben und Unten. Es kommt nicht mehr darauf an, zu gelten, sondern mehr zu gelten, da man nicht weniger gelten will. Die Geltung wird eine Frage der Ueberlegenheit. Da aber keiner der Unterlegene sein will, sucht er seine Ueberlegenheit kämpfend zu erringen. Die Prämie des erfolgreichen Geltungskampfes ist der Besitz der Macht. Macht — ursprünglich nur Begleiterscheinung einer besonders erfolgreichen Leistung im Dienste der allgemeinen Sicherung — wird selbständiges Ziel, in dem die individuelle Geltung und Ueberlegenheit sich betätigen will. Der Machtmensch entwickelt sich aus dem Geltungsmenschen, das Individuum wird zur Persönlich- keit. Da aber Macht als Gegenpart Ohnmacht bedingt, und Ohnmacht, als Zeichen der Unsicherheit, nicht freiwillig auf sich genommen wird, treten alle Kräfte der Seele nach und nach in den Kampf ein, und immer weniger bleibt für die Gemeinschaftsbindung. Das Gemeinschaftsgefühl wird an den Rand der Seele gedrängt und stirbt allmählich ab. Solange noch überindividuelle Bindungen, wie Kirche, Volk, Stand, Staat, die Individuen notdürftig zusammenhalten, wird der Bruch nicht so offenbar. Die Neuzeit, in der die Bande des feudalen Systems mit seinen religiösen und ständischen Bindungen gesprengt werden, präsentiert sich als das Zeitalter reinster Individualisiertheit, in dem es nur noch Einzelne gibt. Die Forderung der Selbstverantwortlichkeit tritt an jeden als gräßliche Gefahr heran. Die gegebenen Bedingungen, anstatt die Lösung der Aufgabe zu begünstigen, tragen im Gegenteil zu ihrer Erschwerung bei. Das kapitalistische Zeitalter mit seiner Staatsform der formalen Demokratie hat die individuelle Vereinzelung auf die Spitze getrieben. Jedes Individuum fühlt sich als verhinderte Persönlichkeit und setzt seine Lebensrechnung auf der Basis eines Minderwertigkeitsgefühls an. Die primäre Unsicherheit hat sich durch das Aufsichselbstgestelltsein so sehr vertieft, daß die eigenen Kräfte zur Erlangung der Geltung nicht mehr auszulangen scheinen. Es handelt sich also nicht mehr um Geltung als Kompensation individueller Unsicherheit, sondern um Mehrgeltung, Ueberlegenheit, Macht, als Ueberkompensation des Sichminderwertigfühlens. Der Machtmensch wird zum Zeittypus.

Je enger aber — sehr eng angeknüpft an den Ablauf der wirtschaftlichen Verhältnisse — der Machtbereich, je erbitterter der Kampf um die Machtgebiete wird, desto aussichtsloser für den Einzelnen, sich auf geradem Wege seinen Anteil zu sichern. Die wachsende Gefahr des Unterliegens verschärft das Minderwertigkeitsgefühl, so daß eine immer stärkere Kompensation nötig wird, um auch nur das vorherige Gleichgewicht zu erhalten. Der Mut zur Ueberwindung der Hemmnisse wird angefressen von der Angst, sie nicht zu überwinden. Mit der Verengerung des Kampfbereichs wächst das Gedränge, das Unbehagen, die Angst, die Entmutigung. Da wird das Ziel der Macht fetischistisch verselbständigt und unpersönlich verallgemeinert. Das Gemeinschaftsgefühl wird in die Gewissensbisse schlafloser Nächte verbannt, Tag und Jahr ist ausgefüllt von der Jagd um das Gefühl der Macht. Und bedroht durch die allseitige Rivalenschaft, gequält von immer schmerzlicheren Unsicherheitsgefühlen, sinnt der Mensch auf eine neue Kompensationsform: er findet sie in der Neurose.

Die Neurose, die den Schein der Macht bringt und dabei vom Kampfe enthebt, die das Selbstgefühl hält, aber die Selbstverantwortlichkeit aufhebt, die die Besonderheit gewährleistet und die Verlassenheit vermeidet (oder zunächst zu vermeiden scheint) — sie ist die gegebene Kompensationsform des ganz entmutigten Menschen. Zuerst schlagen sich Einzelne davon, während andere die wachsende Angst durch lauteres Geschrei zu übertönen suchen. Es werden immer mehr, und im gegenwärtigen Zeitpunkt ist die Menschheit durchneurotisiert. Der Gegensatz des Unneurotischen fällt weg, da alle mehr oder weniger Neurotiker sind, so wie seinerzeit der Gegensatz der Gruppe wegfiel, als alle Individualitäten wurden. Die Neurose wird der normale Seelenzustand.

Aber die Katastrophe naht von ferne. Das Gemeinschaftsgefühl war seelischer Garant und Anstoß der allgemeinen Sicherung. Nachdem es verfiel, blieb noch die individuelle (auch gruppen- oder klassenindividuelle) Sicherung durch das Persönlichkeitsgefühl. Die Gesellschaft blieb in Funktion und bahnte sich trotz Stillständen und Rückschlägen ihren Weg in die bessere Zukunft. Doch mit dem Zunehmen der Vereinzelung und der Angst wurden immer mehr Kräfte der Sicherung entzogen und der Geltung zugeführt. Sicherung und Macht fielen auseinander, und die Macht wurde der Sicherung vorgezogen. Aber der Sinn des Lebens, das ja nur die Spannung zwischen Unsicherheiten und Sicherheiten darstellt, kann nie auf die Dauer vernachlässigt werden. Das Leben, das über ein gewisses Maß bedroht ist, wird zum Tod.

Als Gradmesser der Lebendigkeit einer Gesellschaft und einer Zeit dient der Erfolg, mit dem die Lebensaufgaben bewältigt werden. Dieser Lebensaufgaben sind in erster Linie drei: Bewältigung der Erde durch Arbeit, Garantierung des Erfolgs dieser Arbeit durch Ordnung der mitmenschlichen Verhältnisse, und Sorge für den Fortbestand der Menschheit durch Lösung der Geschlechtsbeziehungen. Je mehr die Seelenkräfte in den Dienst der Neurose treten, desto mehr werden diese Lebensaufgaben vernach- lässigt. Und in einer Zeit, in der jeder ein Neurotiker ist, bleibt keiner übrig, der die notwendige Sicherung vollbringt. Durch ihren überspitzten Sicherungskampf selbst hat sich die Menschheit allmählich den Boden unter den Füßen weggezogen. Ihr Minderwertigkeitsgefühl ist recht am Ort: Schiff in Not! Die Stunde der höchsten Gefahr hat geschlagen. Die Dynamik des Sicherungswillens ist an einem Wendepunkte angekommen. Die Quantitäten verdichten sich, um eine neue Qualität hervorzustoßen. Noch wissen wir nicht, welches diese Qualität sein wird. Ist die Entmutigung schon so tief wie bei dem Einzelneurotiker des ersten Kapitels, dann wird das Minderwertigkeitsgefühl zum Nullwertigkeitsgefühl und die kompensatorische Flucht aus dem Menschenkampfkreis wird Flucht aus der Welt. Es ist logisch nicht ausgeschlossen, daß die Menschheit vom Gipfel der Not in diesen unwiderruflichen Abgrund stürzt. Oder es kann noch ein Rest von Mut da sein, der die Aufstellung einer neuen Kompensationsform zuläßt: einer Kompensation des vermassenhafteten Einzelminderwertigkeitsgefühls durch eine neue Form des Gemeinschaftsgefühls, in dem die Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen mitbedingt und das Selbstgefühl des Einzelnen mitgewährleistet ist. In dieser Kompensationsform wäre die Antithetik: Individuum — Gemeinschaft synthetisch aufgelöst. Alle Kräfte der Seele flössen aufs neue aus den gesplitterten Kanälen heran, dem einen großen Strome zu, der die Menschen ans Ziel ihrer Gesichertheit trägt.

*

Wenn wir die Genealogie der seelischen Antriebe und Zielsetzungen so in einer vielleicht kühnen sozialpsychologischen Konstruktion bis heute verfolgt haben, wird uns eine Bestätigung durch den einzelnen Nebenmenschen. Der Neurotiker im engeren Sinne, den wir im ersten Kapitel geschildert haben, wurde von uns um seinen Werdegang geprellt. Wir ergriffen ihn sozusagen schon auf frischer Tat und konnten uns zunächst damit begnügen. Die Polizei verhaftet den Uebeltäter, und es genügt ihr, ihn zu haben und sich seiner Absichten durch Anschauung seiner Tat zu vergewissern. Vor Gericht werden die Motive zur Tat hervorgeholt. Und ihnen können wir nun einen besser belehrten Blick zuwenden.

Der einzelne Mensch von heute durchlebt von seiner Geburt an dieselben Entwicklungsstadien, wie wir sie für die Menschheit als Ganzes soeben skizziert haben. Aus den Unsicherheitsbedingungen seines kindlich-hilflosen Körpers, in einer Umgebung, der er die Lebensmittel nicht abzwingen kann, greift der neugeborene Mensch alsbald zur Entwicklung seines besten Werkzeugs: er schafft sich eine Seele. Ein Organ, mit dem er auf den hilflosen Körper und die unbezwingliche Umwelt reagieren kann. Jenes Organ, das durch seine Eigenart der Zielstrebigkeit ausgezeichnet ist. Es ist zunächst eine Gruppenseele, denn der kleine Mensch ist noch kein Ich. Er ist nur von jenem vagen Gefühl der Hilflosigkeit erfüllt, die als allgemeine Unsicherheit ihn zur Entwicklung sichernder Kompensationen drängt. Aber alles, was an Umwelt ihm nahetritt, ihn mit der nötigen Nahrung und Wärme versorgt, ist stärker und mächtiger als er. Die Umwelt tritt ihm entgegen, wie dem Urmenschen die Natur: rätselhaft und scheinbar unbezwinglich. Und wozu die Menschheit (die Soziologen der Sprache weisen es uns nach) Jahrhunderte und Jahrtausende gebraucht hat — der Mensch von heute lernt es schnell von seiner in Individuen zerfallenen Umwelt: zu sich Ich sagen. Die Ichfindung vollzieht sich schon im ersten oder zweiten Lebensjahre. Bis dahin und eine kurze Spanne darüber hinaus hatte das Kind in der Möglichkeit noch die sichernde Form des Gemeinschaftsgefühls. Sie äußerte sich in seinem Zärtlichkeitsbedürfnis, in der Entwicklung der Sprache und der mitteilenden Bewegungen, mittels deren er Anschluß an seine Umgebung sucht. Mit der Ichfindung wird zweierlei aktuell: der Mensch lernt zu sich selber und seinen Gegebenheiten Stellung nehmen, und er findet sich in die Auseinandersetzung mit den anderen Ichen hineingestellt. Seine stellungnehmende Selbsteinschätzung trifft nun auf Gegebenheiten, die keineswegs wie bei der zuerst sich individualisierenden Menschheit neben dem Nachteil der Selbstverantwortung auch den Vorteil des Selbstgefühls bieten. Diese Gegebenheiten sind ja durch den langen Filter der Gefährdung durch Vereinzelung, der Beeinträchtigung der Kräfte durch Kämpfe um soziale und seelische Geltung gegangen. Er hat als Erbmasse alle Mängel der Individualität überkommen, die nach einer erhöhten Kompensation schreien. Und seine besonderen, einmalig-individuellen Gegebenheiten, der Körper, die soziale Lage, die Stellung in der Familie, sie sind in den überwiegend meisten Fällen ebenfalls unzulänglich gegenüber den Aufgaben seiner Lebensbehauptung. Der Blick auf die Umwelt, den das kleine Ich tut, nachdem es zum ersten Male sich selbst erblickt hat, verschiebt die Auswahlmöglichkeit zwischen den Sicherungsmitteln: Gemeinschaftsgefühl — Geltungsstreben sofort zugunsten des letzteren. Denn die Umwelt ist ja samt und sonders im Stadium des Ich-Gemeinschaftskonflikts. Sie bietet dem sich orientierenden Kinde das Schauspiel der Machtkämpfe, sie hält seinem sich bildenden Anschauungsvermögen die Schablone „Oben — Unten“, „Männlich — Weiblich“ entgegen, in die es nun all seine Erfahrungen wird pressen müssen. Und was an dieser Welt, in die es hineinwachsen soll, es am auffälligsten betrifft, das ist, daß dies eine Welt der feindselig verglichenen Quantitäten, eine Welt des „Mehr“ oder „Weniger“ und eine Welt des „Gegen“ ist. Gegängelt von dem Kompensationsbedürfnis seiner Minderwertigkeitsgefühle und gerichtet auf das überindividuell präformierte Geltungsziel nimmt der neue Mensch seine Selbsteinschätzung, seine Zielsetzung und den Entwurf seines Lebensplanes vor. Er wählt sein Schicksal, innerhalb der Gebundenheiten der Zeitseele. Er ist gehandikapt durch die überindividuelle seelische Struktur des neurotischen Zeitalters. Er hat also nicht die Wahl zwischen Gemeinschaftsmut und individuellem Machtwillen. Die beiden sind nicht gleich stark akzentuiert. Nur im seltenen Ausnahmefall besonders günstiger Umstände und Bedingungen entwickelt sich ein Mut, stark genug, die Sicherung nicht allein gegen die anderen Menschen, sondern auch ein klein wenig mit ihnen zu versuchen. In den anderen, den allermeisten Fällen variiert der Einzelne von heute sein Leben zwischen den Polen: Sicherung durch individuelle Geltung (dies der „Gesundheit“ am nächsten) oder Kampf um den Schein der persönlichen Macht (dies der „Gesundheit“ am fernsten).

Seine gelungene Lebensleistung bemessen wir, die wir die Zusammenhänge zu verstehen glauben, so, wie die Menschheit seit je Lebensleistungen bemaß: an dem Sicherungserfolge für die Allgemeinheit. Aber die, auf deren Maßstab es heute ankommt und dem Einzelnen ankommen muß, haben nur das Lineal mit der Geltungsskala zur Hand. Und das Leben des Heutigen ist dann „gelungen“, wenn es ihm gelingt, unter möglichster Schonung benachbarter Machtbereiche sein Machtbereich geräumig und gefüllt zu machen. Die Leistungen, die er vollbringt, können nicht mehr der Gemeinschaft dienen, denn es ist keine mehr da. Sie werden als gelungen verbucht, wenn sie dem Interesse des Geltungsmechanismus, der in der herrschenden Klasse am reinsten ausgedrückt erscheint, zugute kommen.

Die Individuen von heute werden eingeteilt in „Persönlichkeiten“ und „Durchschnittsmenschen“. Das ist irreführend. Alle sind Persönlichkeiten, entweder entwickelte oder verhinderte. Denn die Persönlichkeit mit dem Geltungsakzent ist die erstrebte Sicherheitsform des Zeitalters. Nur steckt hinter dieser Zweiteilung eine andere, richtigere: die „Persönlichkeiten“ sind die Aggressionsneurotiker, die „Durchschnittsmenschen“ sind die Verzichtneurotiker. Sie haben keineswegs auf Geltung und Macht verzichtet. Nur auf den großen Kriegsschauplatz, wo die ersten Preise verteilt werden, läßt man sie nicht und folglich lassen sie sich nicht hin. Ihr Kriegsschauplatz ist die Familie, das Büro, der Fabriksaal, der Gesangverein, der Laubsägekasten. Auf ihm spielen sie im kleinen genau so „Held“, wie die anderen, denen nicht durch Rachitis, Wohnküche und Volksschule der Geltungsraum beschnitten ist und die an der Börse, im Ministerium, auf der Universität, im wirklichen Krieg „Held“ spielen. Nur ein Dimensions-, kein Strukturunterschied. Alle, alle sind sie zur Jagd auf die Ueberkompensation verurteilt, die unter dem Machtsterne geboren wurden, alle, alle sind sie geknickten Mutes und bergen tief im Winkel die kümmerlichen Reste des Gemeinschaftsgefühls! Aber sie sind nicht nur unter dem Machtsterne geboren, sondern auch unter der Untergangssonne. An sie alle tritt einmal die Frage heran, wo sie sich entscheiden müssen: den Weg der Einsamkeit bis zum einsamen Tod zu Ende zu gehen — oder sich aus dem Ich herauszuschmeißen. Wohin? Ins Leere. Es sind keine brüderlichen Arme da. Damit man sie finden könne, muß man selbst die Arme öffnen, muß man andere Hände entkrampfen lernen. Und um Arme öffnen, Hände entkrampfen zu können, muß man nichts mehr festhalten wollen, vor allem locker lassen das heilige, gemeinschaftsscheue, entmutigte Ich. Das Ich aber ist ja das Bollwerk der Selbstsicherung. Wie möchte man es preisgeben können? Schreit doch die Lücke des Minderwertigkeitsgefühls stärker als alle Todesgefahr nach Rettung.

In dieser kritischen Entscheidungsstunde kommt der erkennende Psychologe und lehrt: Du stehst fest, sofern du dich fallen läßt. Solange du festhältst, stehst du auf Wasser, das dir immer mehr an den Hals steigt. Ihm hören alle jene zu, denen das Wasser schon an der Brust steht, die Neurotiker im engeren Sinne, die, vom Machtdämon der Ichangst geplagt, nachts nicht mehr schlafen können, die, denen Krämpfe der Selbstnot den Körper durchrütteln, die aus Angst, in die Knie zu brechen, sich nicht mehr auf die Füße zu stellen wagen. Die, die spüren: Hier geht's ums Leben, das ich schon fast verloren habe. Und sie hören: Was hast du verloren? Das Leben? Du hast den Sinn des Lebens verloren; er heißt: gemeinschaftliches Werk an der Sicherung aller. Leistung nach vorwärts und aufwärts. Wo führt der Weg hinaus? Wir drehen die Qualpeitsche der Wertmesserei um und schauen, ob sie nicht auch heilsame Funken stieben lassen kann. Jeder ist jedes Feind, aus Angst, er möchte ihm unterliegen. Angst ist Ausdruck der negativen Selbsteinschätzung. Diese Selbsteinschätzung sagt: Ich bin minderwertig, darum muß ich mich schützen und wehren. Gut, entmutigter Mitmensch. Da eine andere Anschauungsform als die des Messens dir heute nicht zur Verfügung steht, suche diese zum Heil zu verwenden. Erkenne: Wir sind alle minderwertig. Nicht einer gemessen am andern. Sondern alle gemessen an der Forderung des Lebens. Wir alle verfehlen sie, wir alle halten nicht stand. Und erkenne: Nicht nur du bist verlassen, wir sind alle verlassen. Verlassen in unserer individuellen Einsamkeit, in unserer Geltungs- sucht, in unserm Machtfluchtwahn. Nicht du bist schlecht gehandikapt, die Zeit ist schlecht gehandikapt von dem, was wir alle ihr mitgebracht haben: Geminderten Mut, verschüttetes Gemeinschaftsgefühl. Sieh, wie du leidest, du Einzelner! Am eigenen Tisch, im eigenen Bett spürst du den Widersacher. Dein Körper ist dir fremd geworden, er will das seine nicht tun, weil du ihn in fremden Machtdienst gezwungen hast. Dein Geist ist unfruchtbar und kreist am Rande. Deine Taten sind nutzlos, denn du tust sie entgegen. Deine Liebe ist tot, liebst du doch nicht einmal dich mehr. Krank bist du, Mitmensch, und lebensarm. Willst du den Tod nicht — und wer wollte ihn! —, dann steure um. Steure ins Leere, noch ist nichts anderes da. Tu dich ab aus dir und warte. „Wer sein Leben verliert, der wird es gewinnen.“

*

Es ist nicht alles verloren. Im Kampf um die Macht ist eine Waffe geschärft worden, die nun als Werkzeug dienen soll: das Bewußtsein. Das Schwert wird zum Gegner des Schwertes. Mit dem Bewußtsein, das der Ichmensch verwendete, um seine Machtziele plausibel zu machen, um die der andern lauernd zu durchschauen, um die Rivalen zu beugen, mit dem Bewußtsein kann er auch in sich selbst hinunterlangen und erst einmal alles ans Licht holen, was er selbstschützend dort verbarg: seine Minderwertigkeitsgefühle, die, unkontrolliert von der Realität, weit über die gegebene Minderwertigkeit hinausgeschossen sind. Seine Ziele, die überkompensatorisch in den Wolken hängen. Alle Finten seines Lebensplanes, die ihn jetzt leiden machen. Erkenntnis des treibenden Fehlers in allem: die Kräfte der Seele sind nicht mehr Mittel zur Sicherung des Lebens, sondern Mittel zur Sicherung der Sicherungen. Erkenntnis der falschen Betonung, bei der der Ton auf der Vergangenheit, der hemmenden, fatalen, liegt. Erkenntnis des lähmenden Widerspruchs, durch den der Mensch auf dem Weg zur freien Persönlichkeit immer mehr der übermenschlichen Dinghaftigkeit des „Mehr“ oder „Weniger“, „Oben“ und „Unten“ anheimfällt.

Erkenntnis aber genügt nicht. Schon, um ihr zugänglich zu werden, muß der Mut dazu vorhanden sein. Diesen Mut (das Mittel gegen Gefahr, das die Seele ersann) muß man hervorziehen, wo immer sich noch ein Restchen davon findet. Man muß den Mut aus dem Hochmut herauslösen, die Kühnheit aus der Tollkühnheit befreien, den Eifer aus dem Wetteifer gewinnen. Und mit diesem geretteten Mut, dieser gewonnenen Kühnheit, diesem erlösten Eifer stürzt man sich in die Befreiung von der persönlichen Freiheit. Diese persönliche Freiheit, sie war ja eine Flucht. Sie fragte: Frei wovon? Von der Hemmung durch Minderwertigkeitsgefühl in uns und durch Ueberlegenheit außer uns. Befreiung von dieser Fluchtfreiheit und Eroberung der Leistungsfreiheit. Frei wozu? Zur Gemeinschaft der Befreiten.

So erscheint die Persönlichkeit, jene Haltung der Seele, die einst die Fessel der Gruppengebundenheit zu höherer Sicherung sprengte, nun selbst zur Fessel geworden, die gesprengt werden muß. Es ist Negation der Negation. Das neurotische Persönlichkeits- ideal hat die Kräfte aufgefressen, die das Individuum zur Leistung der Gemeinschaft beitragen sollte. So ist, an der Schwelle des Neuen, das Individuum in der Tat arm — minderwertig. Aber nicht minderwertig, weil andere Individuen mehr wert wären. Die Plusmacherei der Seele ist ja selbst schon, wenn sie auch erst Folge der segensreichen Ueberschußfähigkeit war, Selbstzweck und Machtmittel geworden, das in immer mehr verarmende Elendskrisen führt. Die Minderwertigkeit liegt darin, daß die arme Menschheit, die jetzt das Steuer herumwerfen soll, will sie nicht im Sturm zerschellen, nichts hat als diese Trümmer des Geltungskriegsschauplatzes. Und indem sie sie ordnet, um die neue Welt aus ihnen aufzubauen, muß sie mit Schauder sehen, daß jeder losgelöste Balken noch mit Erschlagen sie bedroht. Denn alles, was diese Zeit geschaffen hat, trägt das Kainszeichen der Feindseligkeit, des Mißtrauens, der Angst, des Ehrgeizes und der Feigheit.

Erst kommt also die große Aufräumungsarbeit. Das Feld muß freigemacht werden von allen trennenden Resten der Vergangenheit. Das ist beim Individuum vor allem seine Kindheit. Der Mensch, der neu werden will, hat zuerst eins nachzuholen, was er trotz grauer Haare stets versäumt hat: er muß erwachsen werden. Nicht werden; er muß erwachsen, sich selbst entwachsen, dem Gefängnis des Ich. Er muß hinaustreten in die kalte, dünne Luft, in der zunächst noch kein schützendes Haus für ihn bereit steht. Und alle müssen sich zusammentun zu dem mühsamen, lange undankbaren Werk des Aufbaus. Sie müssen zuerst frei werden von ihrer Einzelheit, damit sie zunächst gleich werden können in ihrer Armut. Das ist der erste Schritt. Er wird so viele Zeit in Anspruch nehmen, als der Andere im Einen noch nicht ganz den Feind des „Oben — Unten“ verlernt hat. Es ist die Phase der Seelenentwicklung, die der ersten Phase der klassenlosen Gesellschaft gleicht: Die Privateigentümer sind expropriiert und durch die Diktatur am Wiederusurpieren verhindert. Die Trümmer der „letzten Schlacht“ werden gereinigt, gesammelt, gesichtet und zu gesellschaftlichem Eigentum erklärt. Aber es ist spärlich und jeder muß sich bescheiden. So auch in der Seele. Die Persönlichkeit ist entpersönlicht und das gereinigte Bewußtsein hält sie in der Befreiung von sich selbst mit Anstrengung aufrecht. Der gemeinschaftliche Mut zur Leistung eröffnet nicht viel mehr als den Weg zum dürftigen Durchschnittsmenschen. Durchschnittsmensch freilich nicht mehr im alten Sinn, des neurotischen Nebenkriegsschauplatzes. Die Nebenkriegsschauplätze sind alle geräumt worden, denn sämtliche Kräfte werden an der Lebensfront gebraucht. Sondern Durchschnittsmensch, im neuen Sinn von Menschheitspionier ohne Achselstücke, mit Spaten und Schaufel das verwüstete Feld der Sicherung bestellend. In diesem Schweiße seines Angesichts verliert der Einzelmensch seine Einzelheit, und seine individuelle Unzulänglichkeit geht in die allgemeine Unzulänglichkeit ein. In dem Maße jedoch, als alle Ackernden Durchschnittspioniere werden, fängt der Boden an, Früchte zu tragen. Die starren Stämme belauben sich, grün sprießt es aus der Erde, allmählich wird die erste Ernte reif. Der Mangel stirbt ab, die Unsicherheit wird kleiner, die Isolation verschwindet, es wächst das Vertrauen und damit das Selbstvertrauen, die Minderwertigkeitsgefühle sterben ab, das alte Bewertungslineal wird zum Gerümpel geworfen. Eine neue Phase der seelischen Entwicklung hebt an, in der auch die zwangsmäßige Gleichheit des Seelisch-Armseins verschwindet. In der höheren Einheit der Brüderlichkeit dürfen die Verschiedenheiten der Brüder harmonisch zu leben beginnen. Es sind nicht mehr Verschiedenheiten des „Mehr“ oder „Weniger“, sondern des „So“ oder „Anders“. Ich und Ich verschmelzen im Wir, in dem sie nicht untergehen. Die volle Mannigfaltigkeit der Seelenwege wird offenbar. Alle münden in die große Straße der Menschheitssicherung. Das Gemeinschaftsgefühl steht auf aus der Verschüttung. Es ist bereichert um das so teuer erkaufte Selbstwertgefühl, das nun nicht mehr in den Klauen der neurotischen Wertmesserei hängt, sondern mit offenen Armen und bereiten Händen in den Kreis der Mitmenschen tritt. Der Mitmensch! Er ist ein anderer, als der Herdenmensch der vorindividuellen Zeit. In ihm hat die Seele ihre vornehmste Aufgabe auf sich genommen: Wegweiser zum Glück aller zu sein. Das Stadium des Kommunismus umfaßt die neue seelische Struktur des Mitmenschen. Die Persönlichkeit ist abgesetzt, die Person ist gewonnen. „Die freie Entwicklung eines jeden wird die Bedingung der freien Entwicklung aller sein.“ (Marx.)

Marxismus und Individualpsychologie

Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.

Karl Marx.

1. Revolutionäres Wesen

Die Wissenschaft der Neuzeit und in ihr insbesondere des 19. Jahrhunderts hat weite Gebiete ergriffen, die in der früheren Zeit entweder gar nicht erforscht oder den großen Wissenschaftszweigen der Gottesgelahrsamkeit und der Rechtsgelahrsamkeit als Anhängsel untergeordnet worden waren. Der Hauptforschungsgegenstand der modernen Wissenschaft ist die Natur in all ihren Zweigen. Ihre Gesetze aufzudecken und sie den Sicherungs- und Herrschaftszwecken der Menschen untertan zu machen, ist der geschichtliche Sinn all ihrer Forschung. Zum Zwecke der Uebersichtlichmachung des immer breiter werdenden Gebietes wurde eine komplizierte Verzweigung vorgenommen, die aus den einzelnen Disziplinen immer speziellere Unter- und Nebenfächer herausgliedert. Nach dem Prinzip der Vereinzelung geschieht die Einteilung des Stoffes. Innerhalb der einzelnen Disziplinen verfährt die Forschung nach dem Prinzip der Analyse. Immer kleinere Teile abzusondern und teilend ihre Grenzen zu erforschen, ist eine Hauptbeschäftigung der Wissenschaft, die als ihre Aufgabe die Materialsammlung und -sichtung ansieht. Die Sichtung erfolgt vermittels einer bestimmten wissenschaftlichen Methode, dem Prinzip der Kausalität. Die moderne Wissenschaft glaubt eine hinlängliche Erklärung geliefert zu haben, wenn sie für jede Erscheinung eine zugehörige Ursache aufweisen kann. Der ganze Zusammenhang des Geschehens wird in eine unendliche Kette von Ursachen und Wirkungen eingespannt. Da die Forschungsarbeit eine immer größere Arbeitsleistung erheischt, werden die Forscher immer mehr zu Fachgelehrten, die ihre Resultate nur einem sehr beschränkten Kreis von Fachleuten verständlich machen und zur Handhabung übergeben können.

Charakteristisch für die moderne Wissenschaft ist ferner ihr Gesetz-Fetischismus, jene Auffassung, die eine Erscheinung in ihrem Wesen verständlich, ja lenkbar in ihrer Funktion zu machen glaubt, wenn sie ihre Gesetze klargestellt hat. Die Verführung zu dieser Auffassung ist aus dem Gebiete der Mechanik hergekommen, in der sie bedingterweise begründet ist. Sollte sie in anderen Gebieten den Anschein der Bewährung wecken (auch vor dem Bewußtsein der Forscher selbst), so mußte jede Erscheinung so angeschaut werden, als ob sie ein Stück Naturgeschehen wäre. Die Vergangenheit der Erde, der Lebewesen, der Menschen, wurde als ein festen Gesetzen unterlegener Ablauf in eine zwingende Kausalkette eingespannt.

Neben der hier nach Forschungsgegenstand, For- schungsmittel, Forschungszweck, Forschungsmethode, Forscher und Publikum ganz grob skizzierten Naturwissenschaft nehmen im modernen Wissenschaftsbetrieb die Geisteswissenschaften einen weniger gesicherten und weniger eindeutigen Platz ein. Die „Produkte des menschlichen Geistes“, als da sind: Wirtschaft, Kultur, Kunst, Sprache, Wissenschaft, werden von ihnen in Analogie zur Natur behandelt durch Vereinzelung, Analyse, Systemisierung, Katalogisierung, Aufsuchen der Gesetzmäßigkeiten usw. Daneben aber besteht, teils noch mit den Traditionen des Mittelalters und Altertums, sowie der Theologie behaftet, die Philosophie, die nun all den quasi naturhaften Geistesprodukten eine Sinndeutung hinzufügt. Diese Sinndeutung ihrerseits ist wiederum entweder gemäß der Naturwissenschaft streng systematisch und am Kausalitätsprinzip orientiert, oder sie ist teleologisch, spekulativ, als solche von den Naturwissenschaften mit dem geringschätzigen Stempel des Mystizismus belegt. Das Zusammen- und Gegeneinanderwirken dieser beiden Richtungen: Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, hat eine dem Laien undurchsichtige und unverständliche Ueberfülle von Materialien, Systemen, Gesetzen, Sinndeutungen und Meinungen hervorgebracht. Da jedes, auch das kleinste Teilstück ein Lebensstudium erfordert, ist die große Uebersicht und damit der lebenssichernde Sinn der Wissenschaft völlig verlorengegangen. Diese vornehme Abgrenzung der Wissenschaft vom Leben hat freilich letzten Endes auch wieder einen Platz im Gefüge der menschlichen Sicherungsbestrebungen gefunden, die im heutigen Zeitalter Klassensicherungsbestrebungen sind. Man kann die Naturwissenschaften als Produktionsmittelknechte, die Geisteswissenschaften als Ideologiefabrikanten in den Rahmen der bürgerlichen Gesellschaftsordnung einbeziehen. Das Prinzip der Vereinzelung, des Fetischismus und des Herrschaftsstrebens lassen ebenfalls deutlich den Zusammenhang mit der seelischen Struktur der Zeit erkennen. Als Teilstück der Ideologie ihrer Epoche weist die Wissenschaft in ihrer Funktion und Zielsetzung den Charakter des kapitalistischen Wirtschaftssystems auf und stützt sich auf die zeitgegebenen seelischen Anschauungs- und Wertungsnormen. Sie ist eine Quantenwissenschaft und eine Gültigkeitswissenschaft.1

Soziologie und Psychologie als jüngste Zweige der Forschung nehmen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften eine Zwitterstellung ein: Die Soziologie ist ein Gemisch von Nationalökonomie, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte und Geschichtsphilosophie. Die Psychologie setzt sich aus biologischen, medizinischen, erkenntnistheoretischen und metaphysischen Teilen zusammen. So gehört auch rein äußerlich die Soziologie teils zur ökonomischen, teils zur geschichtlichen Disziplin, die Psychologie ist halb der Philosophie und halb der Psychiatrie zugefallen. Die Charakteristika der wissenschaftlichen Epoche finden sich in beiden. Das Kausalitätsprinzip erscheint vermischt mit beinahe theologisch anmutenden Spekulationen von „Zwecken“. Der Fetischismus kommt zum Ausdruck in der „Naturgesetzlichkeit“ des wirtschaftlich-gesellschaftlichen Ablaufs und den „geschichtsbildenden Ideen“. Die Vererbungs- und Trieblehre einerseits, und die Vermögenslehre anderseits reihen die Psychologie als Zwitter zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Die Resultate der bisherigen Soziologie sind, wie Leopold von Wiese sagt, vorerst Grenzabsteckungen und Gegenstandsbestimmungen. Die Psychologie hat die offenen Fragen der Menschenkenntnis und Pädagogik noch nicht einmal aufgegriffen.

Es ist nunmehr zu untersuchen, inwieweit sich der Marxismus und die Individualpsychologie zunächst als Soziologie bzw. Psychologie von ihren Vorläufern und Nebenbuhlern, ferner als Wissenschaften von der bisherigen Wissenschaft überhaupt ausnehmen und abheben lassen, inwieweit sie die Bezeichnung „revolutionäre Wissenschaften“ verdienen.

Von der bisherigen (auch nach ihm aus Klasseninteresse nicht anders gewordenen) Soziologie unterscheidet sich Marx vor allem durch seine historische, dialektische Methode. Bei ihm heißt die Frage nicht mehr: Was ist Gesellschaft, wie kommt sie zustande, wie sind ihre Teile beschaffen, wo will das alles hinaus? Sondern: Wie funktioniert eine bestimmte Gesellschaft unter bestimmten (zu untersuchenden) Umständen und geschichtlich bedingten Zielsetzungen (Interessen)? Von der bisherigen Psychologie unterscheidet sich Adler auf dieselbe Weise. Seine Frage lautet nicht mehr: Wie ist die Seele beschaffen? Oder: Wie soll sie beschaffen sein? Sondern: Wie funktioniert eine bestimmte (Einzel- oder Massen-) Seele unter so oder anders gearteten Umständen, unter Erstrebung eines so oder anders gearteten Ziels?

Von der Wissenschaft der Epoche im allgemeinen heben sich die beiden Lehren in jedem entscheidenden Punkte vollständig ab.

Zunächst im Forschungsgegenstand: Er ist weder die Natur, noch der Geist, sondern der Mensch. Bei Marx der vergesellschaftete Mensch in seiner historischen Wandlung, bei Adler der gemeinschaftsgebundene Mensch in seinem zielstrebig bedingten Funktionswechsel. Der Mensch, der zugleich „Natur“ und „Geist“ ist. Ihm wird Rechnung getragen durch die Begriffe der Produktivkräfte und der Ideologien, der Organminderwertigkeiten und des Lebensplanes. Der besondere Stoff „Mensch“ wird so in der Totalität seiner Erscheinungsweisen und Lebensäußerungen dem Verständnis nahegebracht. Doch völlig anders als etwa in der Anthropologie, die als Zweig der Biologie nur die naturhaft-statische Seite des Menschen künstlich herausabstrahiert. Die Menschen werden im Zusammenhang betrachtet, als eine unteilbare Einheit, die man nicht in Rassen, Spezies und Individualitäten, oder in Beherberger von Partialtrieben einteilen und spalten kann. Sie werden verstanden als besondere Erscheinungsformen und Funktionsträger des allgemeinen kosmischen wie erdhaften Lebens, in der Totalität ihrer ursächlichen Bedingtheiten durch Natur, Umwelt, Vergangenheit, Gesellschaftsbindung, Wirtschaft, Situa- tion usw. und ihrer zielstrebigen Gerichtetheiten auf Schaffung oder Erweiterung der Produktionsbasis, Ausgestaltung oder Umänderung der gesellschaftlichen Formen des Zusammenlebens, Sicherung der Sicherheiten oder Erwerbung neuer Sicherungen durch Geltung und Macht.

Hieraus erhellt schon die neue Forschungsmethode. Es wird nicht bloß versucht, die Menschen in die Kausalkette alles Geschehens einzuspannen, noch auch wird ihnen eine kausalitätsfreie Wirkensfreiheit zugeschrieben. Sie werden kausal-final, als ursächlich bedingte und zielstrebig gerichtete Lebewesen dargestellt, deren Naturhaftigkeit sie in der Kausalreihe festhält, deren Menschhaftigkeit sie in Form von Zielen neue Glieder in die Kausalkette einfügen läßt. Die gegenseitige Bezogenheit dieses zugleich Gebunden- und Freiseins wird mittels der materialistischen Dialektik und der Kompensationstheorie aufgehellt.

Aus dieser Stoff-, Mittel- und Methodenwahl erhält sowohl der Marxismus als auch die Individualpsychologie die neue Möglichkeit, aus dem Rahmen der bisherigen Wissenschaft herauszutreten. Sie sammeln nicht mehr bloß Material zum Katalogisieren für besitzwütige Ideologen. Sie geben auch keine kecke Spekulation zum Trost für verödete Gewissen. Für sie ist die Aufhellung von Tatsachen nur ein Mittel, um Wege zu weisen, die Aufdeckung der Gesetzmäßigkeiten nur ein Handlanger der Befreiung. Sie verändern den Sinn der Wissenschaft, indem sie sich ihrem ursprünglichen Sinn wieder zuwenden, bereichert um alle Errungenschaften der Epoche, da Forschung Selbstzweck und Lehre Herrschaftsmittel war: die Theorie wird Diener der umwälzenden Praxis.

Die erforschten Ursachen werden umgemünzt in Zielforderungen, die zu neuen Ursachen werden. Die erkannten Zielsetzungen werden zurückgeführt auf bedingende Ursachen, die ihre Veränderung und damit neue Zielsetzungen ermöglichen sollen. Mit der wissenschaftlichen Durchleuchtung der Zusammenhänge der menschlichen Praxis aber erhält auch die Wissenschaft selbst ein ganz neues Gesicht. Weit entfernt davon, durch einen banalen Nützlichkeitsdienst entwürdigt zu sein, steigt sie vielmehr, als Erkennerin und Lenkerin der menschlichen Notwendigkeiten und Freiheiten, weit über die abseits konstatierenden oder erratenden Fachwissenschaften empor. Sie wird wichtigstes Lebensmittel, menschlichste Produktivkraft. Sie hebt die Abdrängung der Theorie aus der Praxis auf, indem sie den Gegensatz zwischen Theorie und Praxis selbst in der synthetischen Wirklichkeit (die keineswegs nur Praxis ist) auflöst.

Aus dem ergibt sich, daß sie einen viel weiteren Umfang hat, als jede Fachwissenschaft bisher. Sie ist zugleich Sammlung, Erkenntnis, Deutung, Weisung, Tat. Sie ist, das bisherige Einteilungsprinzip durchbrechend, zugleich Naturforschung, Naturgeschichte, Oekonomie, Wirtschaftsgeschichte, Kulturgeschichte, Wissenschaftslehre, Erkenntniskritik, Anthropologie, Medizin, Pädagogik, Politik. Sie vereinheitlicht die Wissensgebiete und vereinfacht sie. Sie ermöglicht eine Wissenschaft ohne Fachgelehrte, ohne in Dilettantismus zu verfallen. (Ihre Begründer und Adepten sind keine Professoren oder Literaten, sondern weise Männer der Praxis mit voller theoretischer Beschlagenheit.) Sie ermöglicht daher auch einen Aufnahmekreis, der weit über das Laien-Fachsimpeltum hinausgeht, und die Spaltung in „Gelehrte“, „Gebildete“ und „Ungebildete“ ad absurdum führt.

Sie ist wesenhaft beteiligt an dem Umbruchsprozeß der Gegenwart, der ja zur Bedingung und Ursache ihres Entstehens wurde, und dem sie ihre Ziele entnimmt. Sie verzichtet auf den anmaßenden Dünkel der Zeitlosigkeit und Objektivität und stellt sich bewußt als zeitgemäß und zweckbestrebt hin.

Marx, der die historische Bindung jeder Ideologie herausgestellt hat, begibt sich folglich als Bannerträger an die Spitze derer, die die neuen Produktionsverhältnisse heraufführen werden. Er ergreift, indem er den Deckmantel der obligaten wissenschaftlichen Neutralität von den Interessen der herrschenden Klasse lüftet, bewußt Partei für die Interessen der beherrschten Klasse. Adler, der die Fadenscheinigkeit der Ambivalenz als Flucht vor der Entscheidung erwiesen hat, begnügt sich nicht mit der Schein-Objektivität des konstatierenden Gelehrten: er springt in die Praxis des Heilens und Bildens und entreißt gegen alle Widersacher die Menschheit der Neurose.

Auch die Grenzabsteckungen und Gegenstandsbestimmungen, mit denen die moderne — jetzt können wir schon sagen: die alte Wissenschaft — sich ab- müht, erscheinen ihr müßige Zeitvertrödelung. Für den größten, umfassendsten Gegenstand, den Menschen, gibt es keine Gebietsbeschränkungen. Wo immer er angetroffen wird, da ist er zu erfassen, in seiner Geschichte, in seinem Stammbaum, im Kampf um einen Lohnzuwachs, im Konflikt mit einer Geliebten, in der Produktion von Staatsgebäuden oder Wahngebilden, überall wird die Struktur aufzusuchen und nachzuweisen sein, mittels deren der Mensch dies alles erlebt und vollbringt.

Darum sind Marxismus und Individualpsychologie nicht Schulen, sondern Bewegungen. Sie schließen sich an alle an, die innerhalb und außerhalb der Intelligenz bisher vom Einblick in die menschlichen Zusammenhänge ausgeschlossen waren. Sie „lassen sich nicht buhlend zum Volke herab“, wie die mißgünstigen Neutralitätshascher meinen, sondern sie reichen die Hände allen, die in die Bewußtheit vom eigenen Schicksal eindringen wollen und eindringen müssen, wenn nicht diese ganze Welt mitsamt ihrer Wissenschaft dem Untergang geweiht sein soll.

Marxismus und Individualpsychologie erweisen sich daher als revolutionäre Wissenschaften durch folgende Kennzeichen:

Sie zerstören in ihrer Methodik die überkommene Methodik, indem sie den dogmatischen Kausalitätswahn mit der kausal-finalen Dialektik vertreiben. Sie brechen mit dem Prinzip der vereinzelnden Analyse und schreiten zur zusammenfassenden Synthese vor. Sie nehmen zum Gegenstand nicht das Dingliche und nicht das Schemenhafte, sondern das Menschlich-Wirkliche. Sie sperren sich nicht in eine Studier- stube von Fachgelehrten und in die Ruhmeshalle von Adepten, sondern mit all ihrem Fachwerkzeug zimmern sie, in Gemeinschaft mit allen, die ihr Handwerkszeug brauchen und es darum schnell handhaben lernen, das neue Gemeinschaftshaus.

Sie suchen nicht ängstlich die Priorität der Wissenschaft — (der „reinen“ Wissenschaft) —, die voraussetzungslos und zweckfrei (sogar wertfrei!) ist, vor dem Ranganspruch der Praxis zu bewahren. Vielmehr erheben sie die Wissenschaft zum wichtigen Instrument des Lebens, das gerade deshalb am wirksamsten ist, weil es sich zu seinen Voraussetzungen und Zwecken bekennt.

Sie verschmähen die Objektivität und Neutralität derer, die an der schweißkostenden Gemeinschaftsbildung unbeteiligt bleiben und nehmen auf sich Kampf, Aechtung und Gefahr der Widersacher.

Sie dienen nicht denen, die durch Vorteil der Geburt oder des Portemonnaies ihre Termini leichter nachplappern, sondern denen, die durch Nachteil der Geburt und des Geldbeutels ihrer am dringendsten bedürfen. Sie sind revolutionär, weil sie mit ihren Mitteln die gegebene Welt verändern wollen.

Sie sind Befreier aus dem Banne der Naturhaftigkeit im Sinne des Marxschen Wortes: „Alle Emanzipation ist Zurückführung der menschlichen Welt, der Verhältnisse auf den Menschen selbst.“

Sie sind schließlich revolutionär, weil sie unbeschadet aller Pseudowissenschaftlichkeit bekennen: Es gibt keinen höheren Gegenstand, als den Menschen, es gibt keinen edleren Zweck, als das menschliche Leben.

2. Gleichstimmigkeit

Die beiden Lehren haben sich als grundsätzlich verschieden von ihren wissenschaftlichen Vorgängern und Mitstreitern erwiesen. Schon dieser Umstand läßt auf ihre innere Verwandtschaft schließen. Aber es wäre immerhin nur eine Kriegskameradschaft im Hinblick auf gemeinsame Gegner. Wir müssen die Verwandtschaft der beiden Systeme auch unabhängig vom Gegner, an sich selbst und aneinander, nachzuweisen trachten.

Zwei Systeme sind dann als verwandt zu bezeichnen, wenn sie in den Grundlagen, im Aufbau, in der Funktion und in den Zielen übereinstimmen. An dies wollen wir uns halten.

Die Grundlage des Marxismus ist ein tatsächlich vorhandenes, der Anschauung sich darbietendes Produktions- und Gesellschaftssystem: der Kapitalismus. Er wird als gegeben Gegenstand einer Untersuchung. Bei der Untersuchung selbst wird wieder der zu untersuchende Gegenstand Kapitalismus nach seinen Grundlagen (historischen, produktionstechnischen, ideologischen), nach seinem Aufbau und seiner Funktion und nach seinen immanenten Entwicklungstendenzen angepackt. Der Marxismus hat zur Grundlage also eine ökonomisch-soziale Tatsächlichkeit, die er so anschaut, daß sie als zwar Gegebenes, nicht aber Absolutes erscheint. Durch die Betrachtungsweise der Dialektik wird die Tatsache Kapitalismus in den historischen Fluß des Geschehens einbezogen. Er erscheint so als Gebiet der Erfahrung.

Ein Mißverständnis könnte hier auftreten. Die Grundlage des Marxschen Systems ist die Erfahrung, nicht aber die bloße Empirie. Der Kapitalismus ist nicht etwa eine Erscheinungsform im Sinne Hegels, hinter der irgendeine absolute Geschichtsbewegung stünde. Vielmehr setzt sich die Geschichtsbewegung nur aus solchen „Erscheinungsformen“, Produktions- und Gesellschaftsgebilden zusammen, wird erst Geschichte durch die dialektische Aufeinanderfolge und Verknüpftheit solcher Gebilde, denen wir dann den Namen Antike, Feudalismus, Kapitalismus geben. Es handelt sich also bei den Marxschen Grundlagen nicht um einen Unterschied zwischen „Wesen“ und „Erscheinung“. Vielmehr ist der Kapitalismus, und in weiterem Sinne jedes geschichtliche Gebilde, Wesen und Erscheinung in einem, und zwar in der Bewegung begriffen. Die reine Empirie hält sich immer bloß an die Erscheinung. Sie ist, ohne es zu wollen und zu wissen, metaphysisch eingestellt, denn indem sie sich der bloßen Erscheinung zuwendet, setzt sie stillschweigend ein „Hinter der Erscheinung“, wenn es auch nur ein negatives „Nichts hinter der Erscheinung“ ist. Erfahrung liegt nicht da und kann nicht von jedem Vorübergehenden ergriffen werden; Erfahrung ist ein Auf-den-Grund-Gehen, das ebensosehr schöpferisch wie rezeptiv ist. Je nach dem Blickpunkt lehrt die Empirie Verschiedenes. Marx lehrte sie ihr unverbrüchliches Geknüpftsein an die zusammenhängenden Geschichtsgebilde.

Die Grundlage der Individualpsychologie ist die Neurose, ein tatsächlich vor- handener, der Anschauung sich darbietender Seelenzustand. Sie wird als gegeben Gegenstand der Untersuchung. Bei der Untersuchung selbst wird wiederum die Neurose nach ihren Grundlagen (organischen, sozialen, positionellen, erzieherischen), nach ihrem Aufbau, ihrer Funktion und ihren immanenten Entwicklungstendenzen angepackt. Die Individualpsychologie hat zur Grundlage also eine psychologische Tatsächlichkeit, die sie so anschaut, daß sie als zwar Gegebenes, nicht aber Absolutes erscheint. Die Neurose wird durch Anwendung der Kompensationstheorie als Phase in der Entwicklung des Seelenlebens begriffen (als „notwendiger Irrtum“, sagt Adler).

Die Verwendung des Wortes „Irrtum“ könnte hier zu Mißverständnissen führen. Es ist nicht gemeint, daß die Menschen oder die Zeit, an denen die Neurose erscheint, auch den Irrtum hätten vermeiden, mit ihrem „Wesen“ auch eine andere Erscheinungsweise hätten erwählen können. („Irrtum“ ist nur in bezug auf das der Neurose und der neurotischen Zeit transzendente Ziel der gemeinschaftlichen Sicherung zu beziehen.) An ihrem Platz und in ihrem logischen Aufbau ist die Neurose „richtig“, d. h. eindeutig. Sie ist ein genau so wesenhafter, sinnvoller und existenter seelischer Zustand wie die präsumtive „Gesundheit“ oder ein Seelenzustand des Gemeinschaftsgefühls. Der empirische Arzt, der Neurose als „Krankheit“ definiert, ist unbewußt Dualist, da er eine „Gesundheit“ als wesensanders, und Ethiker, da er die Gesundheit als Normativ hinstellt. Die Erfahrung, die sich bloß auf die Erschei- nungen der Neurose bezieht und nicht auf ihren „Sinn“ eingeht, bleibt an der Oberfläche der Erscheinungen haften.

Die dialektische Erfahrung begreift Neurose als sinnvolle Erscheinung im Zusammenhang der seelischen Gebilde. Sie nimmt sie zwar als Tatsache an, nicht aber als Unveränderliches.

*

Aus der Stellungnahme zu ihren Grundlagen entwickelt sich nun bei Marxismus und Individualpsychologie der Aufbau des Systems. Er vollzieht sich nicht schichtungsweise, indem ein Baustein nach dem anderen herbeigetragen wird, er ist nicht eine Induktion von Einzeltatsachen auf einen Nenner, noch auch eine Deduktion aus dem Allgemeinen einer leitenden Vorstellung. Der Aufbau des Systems ist ein dynamischer, der die dialektische Spannung des Erfahrungsgegenstandes an seiner Grundfunktion klarlegt.

Beim Marxismus ist diese Grundfunktion der Mehrwert. Er erscheint als Zentralpunkt des kapitalistischen Produktionsprozesses. An ihm treten alle Bestandteile der kapitalistischen Ordnung in die Bewegung ein: Ware, Wert, Geld, Kapital, der freie Arbeiter, Ware Arbeitskraft, Akkumulation, Konzentration, Verelendung, Krise. Der Mehrwert ist der Angelpunkt des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Der Umstand, daß der Mehrwert nur in der Hand des Kapitalisten realisiert wird und seinem klassenmäßigen oder privaten Profit anheimfällt, darf die Blicke nicht davon ablenken, daß der Mehrwert (die Mehrwertschaffung sowohl als auch die Mehrwerteinstreichung) die charakteristische Arbeitsform des gesamten Produktionssystems ist. Jeder Einzelne ist daran in genießender oder leidender Form beteiligt. Daß dies möglich, ja unausweichlich so ist, wird aber nur verständlich, wenn man diese Grundfunktion Mehrwert aus dem Wolkenraum abstrakter Produktionsgeschehnisse in die reale historische Erde verpflanzt, auf der allein er wächst und gedeiht: auf dem Boden der Warenwirtschaft, einer spezifischen Form der in Klassen gespaltenen Gesellschaft. Die Klassentatsache im spezifisch-kapitalistischen Sinn, in der unter Einschluckung der anderen Stände und Schichten nur noch die zwei Klassen einander gegenüberstehen: die Bourgeoisie, als Besitzerin und Beherrscherin der Produktionsmittel und Leiterin des Produktionsprozesses, und das Proletariat, als Nichtsbesitzer oder Nurbesitzer der Ware Arbeitskraft. Dieses Verhältnis macht erst die Mehrwertgewinnung möglich. Die Mehrwertgewinnung aber befestigt stets aufs neue das Verhältnis.

Dies wäre nun keine dialektische Spannung, sondern ein absolutes Polaritäts- und Wechselwirkungsverhältnis, wenn nicht (wie im ersten Teil des 1. Kapitels gezeigt) die Bewegung aus sich heraus neue Kräfte heraufschleuderte: die Erscheinungen der Krise, der Konzentration, des Imperialismus, der Verelendung, der „industriellen Reservearmee“, aber auch des Klassenbewußtseins, des Klassenkampfes.

Das Marxsche System ist daher nicht eine Konstruktion mit Grundlage, Gerüst, Wänden und Dach, sondern einem Strome vergleichbar, in den immer neue Flüsse und Bäche einmünden, bis das Bett zu enge wird und er sich selbsttätig Abflußgelegenheiten schafft.

Die Grundfunktion der Individualpsychologie ist das Machtstreben. Dies erscheint als Zentralpunkt der neurotischen Verhaltungsweise. In ihm treten alle Bestandteile des neurotischen Systems in die Bewegung des Lebens ein: die Ichbezogenheit, Selbsteinschätzung, Ueberlegenheit, Geltung, das Persönlichkeitsideal, die Ueberkompensation, die tendenziöse Erfahrung, die Isolierung, der Wille zum Schein, die spezielle Krankheit, der Zusammenbruch. Das Machtstreben ist der Angelpunkt der neurotischen Seelenstruktur.

Der Umstand, daß nur bestimmte Individuen als fertige Neurotiker in die Hand von Aerzten oder Leichenbeschauern geraten, darf die Blicke nicht davon ablenken, daß das Machtstreben die charakteristische Tendenz des Zeitalters ist. Jeder Einzelne ist daran als aktiver Held oder passiver Märtyrer beteiligt. Nicht etwa derart, als ob die Kapitalisten die Ausüber, die Proletarier die Opfer der Neurose wären. Sondern dergestalt, daß eine andere Art zu leben, als mittels der Unterwerfung unter die Funktion des Machtstrebens, innerhalb des neurotischen Lebensraumes nicht möglich ist. Kapitalist wie Proletarier haben unbeschadet ihrer Stellung im Produktionsprozeß nur die Möglichkeit, neurotisch zu leben. Entweder, indem sie das Machtstreben aktiv verwirklichen, etwa auf der Produktionsgrundlage der Wirt- schaftsbeherrschung, oder indem sie durch verschleiertes Machtstreben hintenherum ihre Geltung zu erlangen trachten und dabei (wie meist der Proletarier) auf Randgebiete des Geltungsplanes beschränkt bleiben. Daß die Neurose die einzig mögliche, ja die notwendige Form des zeitgemäßen Seelenlebens ist, wird aber nur verständlich, wenn man die Funktion des Machtstrebens aus der künstlichen Isolierung der beschreibenden Psychologie herauslöst und als Kompensationsform begreift. Am Grunde jeder Art von Machtstreben liegt das Minderwertigkeitsgefühl. Das Minderwertigkeitsgefühl ist die Art Stellungnahme, die unausweichlich erfolgt, wenn Ich und Gemeinschaft bereits als Gegenspieler vorhanden sind. Erst der Gegensatz Ich — Gemeinschaft als einzige Grundform mitmenschlicher Beziehungen ermöglicht den Zerfall der Gemeinschaft in lauter Einzel-Iche, woraus dann die Minderwertigkeitsgefühle und das kompensatorische Machtstreben erwachsen. Der Zerfall der Gemeinschaft verstärkt so sehr die individuelle Unsicherheit, daß sie in der Seele nur noch als verschärftes Minderwertigkeitsgefühl mit dem einzigen Kompensationsausweg des Machtstrebens erscheint. Das betätigte Machtstreben aber treibt die Gemeinschaft immer weiter in den Zerfall.

Hier läge keine dialektische Spannung, sondern eine simple Polarität vor, wenn nicht (wie im ersten Teil des 2. Kapitels dargetan) diese Bewegung aus sich heraus neue Kräfte heraufschleuderte: die Erscheinungen der neurotischen Lebensunfähigkeit, Abziehung der Kräfte von der realen Leistung, Ver- ödung der Lebensquellen, Steigerung der hemmenden Sicherungen, aber auch dringendere Forderung nach Bewältigung der Lebensaufgaben, Mut als neue Kompensationsform, die auf einer bestimmten Umschlagshöhe aus der tiefsten Entmutigung hervorgestoßen wird, und Verlangen nach neuer Gemeinschaft.

Die Individualpsychologie ist daher, wie der Marxismus, keine abgeschlossene Konstruktion, sondern eine Straße, in die alle Wege einmünden und die, indem sie weiterläuft, an einen Punkt kommt, von wo aus neues Land sichtbar wird.

*

Aus der Anschauung des kapitalistischen Systems mit seiner Grundfunktion Mehrwert eröffnet sich dem Marxismus ein Ausblick auf weitere Bezirke, als nur den des Gegenwärtigen. Vom Mehrwert und seinem gesellschaftlichen Aequivalent, der Ausbeutung, aus werden verständlich alle Erscheinungen materieller und ideologischer Art innerhalb des Gesellschaftsganzen. Alle Kräfte dienen der Sicherung der jeweils bestehenden Produktionsverhältnisse. Die politische Oekonomie erweitert sich durch diese Ganzheitsbetrachtung zur Soziologie. Aber die Sicherung von jeweils bestehenden Produktionsverhältnissen mit allen Mitteln materieller, sozialer und ideologischer Art treibt die Gegenkräfte der in diesem System jeweils Ungesicherten auf den Plan. Der Blick fällt auf die Klassenspaltung in der Gesellschaft, und es wird verständlich, daß die Kräfte nicht mehr der Sicherung des Produktionssystems als solchem, sondern der Sicherung der Klassenherrschaft dienen.

Die Klassenspaltung selbst kann zurückgeführt werden auf die Entstehung des Privateigentums, eines seinerzeit auf gegebener Stufe der natürlichen und menschlichen Produktivkräfte angemessenen Produktionsverhältnisses, das sich nach und nach als Zweck verselbständigt hat. So gewinnt der Marxismus einen Ueberblick über die Gesamtheit der entwicklungsgeschichtlichen Erscheinungen, indem er diese im Querschnitt und dann im Längsschnitt betrachtet. Die Soziologie wird zur Geschichtsauffassung.

Aus der Anschauung der Neurose mit ihrer Grundfunktion: Machtstreben (Plusmacherei) eröffnet sich der Individualpsychologie ein Ausblick auf weitere Bezirke als nur auf die des kranken Menschen. Vom Machtstreben und seiner mitmenschlichen Beziehungsform, der Gegenhaftigkeit, aus werden verständlich alle Erscheinungen des individuellen Lebensplanes. Und alle Lebenspläne erscheinen als Vorkehrungen und Einrichtungen zum Zwecke des Geltungserwerbs, wovon der engere Machterwerb des speziellen Neurotikers nur ein Sonderfall ist. Indem die am kranken Menschen aufgefundenen seelischen Verhaltungsweisen als charakteristisch für jeden Menschen im neurotischen Zeitalter erkannt werden, erweitert sich die spezielle Neurosenlehre zur vergleichenden Individualpsychologie.

Daß alle Lebenspläne Sicherungen des Geltungszieles sind, ist nur verständlich, wenn man zu der Basis des Ich-Gemeinschafts-Konfliktes dringt. Der Ich-Gemeinschafts-Konflikt mit den aus ihm abgeleiteten Anschauungsformen des „Oben — Unten“, „Männlich — Weiblich“ ist eine Entwicklungsphase der Seelengeschichte, und als solche der historischen Veränderung unterworfen. Er entstand an dem Punkte, wo, einer bestimmten Sicherungsreife der Menschheit entsprechend, das Individuum sich erstmalig aus der Gruppe löste. Wie er sich dann später zum Selbstzweck verselbständigt, dient er nicht mehr der Sicherung als solcher, sondern der Sicherung der Persönlichkeitsgeltung. Die Zusammenhangsbetrachtung der Individualpsychologie überträgt sich vom Einzelmenschen der Gegenwart auf die Menschen in der Geschichte und vermittelt uns einen Ueberblick über die Gesamtheit seelischer Entwicklungsvorgänge. Die Individualpsychologie wird, mit diesem Längsschnitt durch die psychischen Erscheinungen, zur Sozialpsychologie.

*

Die Analyse des gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems und die daraus gezogenen Schlußfolgerungen auf den geschichtlichen Ablauf überhaupt berechtigen und ermächtigen den Marxismus zu Diagnosen (Deutungen) und Postulaten (Zielforderungen). Er erkennt das gegenwärtige Stadium des Geschichtsablaufs als eine jener revolutionären Umbruchsstellen, in denen alt und unzulänglich gewordene Produktionsverhältnisse vor dem Untergang stehen. Sie sollen durch neue, anderen Prinzipien folgende Produktionsverhältnisse ersetzt werden, die mit den Mitteln der schon bereit- liegenden neuen Produktivkräfte eine bessere Sicherung der größeren Anzahl gewährleisten. Es ist jene Phase, von der Marx sagt: „Von allen Produktionsinstrumenten ist das größte die revolutionäre Klasse selbst. Die Organisation der revolutionären Elemente als Klasse setzt die fertige Existenz aller Produktivkräfte voraus, die sich überhaupt im Schoße der alten Gesellschaft entfalten konnten.“ Mit der Einsicht des Proletariers in seine Warenhaftigkeit erhält er zugleich die Einsicht in den spezifisch menschlichen Gebrauchswert seiner Arbeitskraft: Ueberschuß zu schaffen, und somit die Fähigkeit, diesen Ueberschuß vor den Profitinteressen der Mehrwertabschöpfer zu retten und in den Dienst besserer Sicherungsmaßnahmen zu stellen.

Um die Fesseln zu sprengen, die seine überschußliefernde Arbeitskraft an die Warenhaftigkeit und die Ausbeutung binden, schließt sich der zum Klassenbewußtsein erwachte Arbeiter mit seinen Brüdern zum Klassenkampf zusammen. Das Proletariat erkennt Eigentumsordnung und Klassengesellschaft als Hemmnisse der besseren Sicherung seiner selbst und seiner Aufgaben in der Menschheit. Es stellt daher als geschichtliches Ziel auf: die Abschaffung des Privateigentums und der Klassengesellschaft und die Aufrichtung des gemeinwirtschaftlichen, klassenlosen Sozialismus.

Diese Zielforderung erscheint nicht als moralisches Postulat, sondern als Aufruf zur Vollstreckung der geschichtlich notwendigen Reinigungsarbeiten, damit die bereits vorhandenen neuen Sicherungsmittel in die Erscheinung und in Kraft treten können. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel ist nur das Dach zum Haus, das innerhalb der alten Bauleitung auf dem Boden der großindustriellen Produktion mit den Mitteln der vergesellschafteten Arbeit bereits aufgeführt wurde. Es wechselt die Bauleitung und bestimmt dem fast fertigen Haus einen neuen Sinn. Nicht Luxuspalast, sondern Gemeinschaftswohnung! Bedarfswirtschaft, statt Profitwirtschaft! Von diesem Uebernehmen der Bauleitung und dem Vollenden des alten Baues zu neuen Zwecken sagt Marx: „Die Arbeiterklasse hat keine Ideale zu verwirklichen. Sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich im Schoße der alten Bourgeois-Gesellschaft bereits entwickelt haben.“

Die Einsicht in das Wesen und die Verbreitung der Neurose und die daraus gezogenen Schlußfolgerungen auf die Entwicklungsbedingungen des Seelenlebens überhaupt berechtigen und ermächtigen die Individualpsychologie zu Diagnosen (Deutungen) und Postulaten (Zielforderungen). Sie erkennt den Zustand der mitmenschlichen Beziehungen, in welchem wir uns befinden, als eine jener Umbruchsstellen, in denen die seelische Lebensweise einer Zeit alt und unzulänglich geworden ist. Sie muß durch eine andere Lebensweise ersetzt werden, die mit den Mitteln der während der alten Zeit erworbenen neuen Seelenkräfte eine bessere Sicherung der größeren Anzahl gewährleistet.

Es ist jenes Stadium, in dem die Auflösung des Unbewußten die Voraussetzung schafft für die Hinwendung zur Wirklichkeit. Bevor dies möglich ist, muß die volle Ausbildung all jener Kräfte der Feinnervigkeit, des Vorausplanens, Bedenkens, Abwägens, Messens usw. im Dienste der Neurose schon vollzogen sein.

Indem der Neurotiker das Bewußtsein seiner isolierenden Selbstbezogenheit erhält, vermag er auch die spezifisch menschliche Qualität seiner Seele: die der Ueberkompensation, einzusehen. Damit erhält er die Möglichkeit, die Ueberkompensation vor den Profitinteressen der seelischen Plusmacherei zu retten und in den Dienst gemeinschaftssichernder Leistungen zu stellen.

Um die Fesseln zu sprengen, die seine überkompensierende Seele an Ichbezogenheit und Gegenhaftigkeit binden, macht sich der ermutigte Neurotiker an den Abbau der Neurose. Er erkennt die Privatpersönlichkeit und die Spaltung der Welt in „Ueberlegene“ und „Unterlegene“ als Hemmnis der besseren Sicherung seiner selbst und der Menschheit. Er stellt sich daher ein neues Ziel: Abbau der Persönlichkeit und des Ueberlegenheitsstrebens, Herbeiführung einer Gemeinschaft von Gleichwertigen und Gleichwirkenden.

Diese Zielforderung erscheint nicht als moralisches Postulat, sondern als Aufruf zur Räumung sämtlicher Haupt- und Nebenkriegsschauplätze, nachdem die letzte Schlacht zwischen Machtstreben und Gemeinschaftsbedürfnis geschlagen ist, damit das Schwert zum Pfluge werde. Daß das Schwert zum Pfluge werde, ist keine Forderung der Ethik (die, gebunden an soziale und seelische Voraussetzungen, immer nur Diener, nicht Lenker einer Lebensphase sein kann), sondern eine Forderung der Lebensnot. Durch die Ueberspitzung des Machtstrebens ist der Neurotiker so abhängig geworden von Triumph und Niederlage, von allen Nücken und Tücken der Gegenspieler, daß seine Ichbezogenheit in Ichleere umschlägt. Es ist vom Ich nichts übriggeblieben als die leere Geltungshülle, und alle Seelenkräfte sind nach außen gewandt, um in tausendfältigen Tönen an die Welt der anderen Iche die ewige Machtfrage zu stellen. Die Neurotiker haben schon eine negative Gemeinschaft bereitet, da sie in ihren Machtbestrebungen alle auf die anderen als Gegenspieler angewiesen sind; jeder Plusmacher bedarf eines anderen, dem er das Plus entringt. Die Gemeinschaft wird also nicht aus der Erde gestampft, sie erhält nur eine neue Funktion: sie wird aus einer Gemeinschaft von Geltenwollenden eine Gemeinschaft von Sicherungswirkenden. Und auch die Gleichrangigkeit ist kein moralisches Postulat, sondern eine biologisch mögliche, ja nötige Form des Zusammenlebens. Mit der Aufdeckung des Fetischcharakters der angeborenen Anlagen ist die allgemeine Basis gegeben, auf der sich später die freie Gleichheit der Mitmenschen wird entfalten können. Mit der gleichen Befangenheit in Minderwertigkeitsgefühlen ist darüber hinaus der Start zur gemeinschaftlichen Kompensation der gemein gewordenen Mindertauglichkeit gegeben.

*

Wie der Proletarier vom Kapitalismus her ausgerüstet ist mit zwei Grundfähigkeiten zum Sozialismus: der Kraft, mehr Werte zu schaffen, als er selbst verzehrt, und der Geübtheit, mit seinesgleichen an einem Werke zu schaffen, so ist der Neurotiker aus dem Neurosenzeitalter befähigt: die Seele mit all ihren Künsten als Ueberschußproduzentin (nun nicht mehr für Geltungszwecke) anzuwenden, und sich auf die Mitmenschheit zu beziehen, die allein ihm die (nun nicht mehr leistungshemmende) individuelle Sicherung zu geben imstande ist.

Grundlage, Zentralfunktion, Aufbau, Bewegung und Zielsetzung beider Systeme — des Marxismus und der Individualpsychologie — entsprechen einander.

3. Einige Scheinprobleme

Wir wollen ein paar von den Einwänden herausgreifen, die der Verbindung von Marxismus und Individualpsychologie entgegengebracht werden:

Der Marxismus, so hören wir, ist die Lehre von der Gesellschaft. Die Individualpsychologie ist die Lehre vom Individuum. Man kann sich wohl denken, daß die zwei nebeneinander hergehen, der Marxismus das soziale, die Individualpsychologie das individuelle Leben erklärend. Mehr aber nicht.

Diesen Einwand wird zunächst der Marxist abschlagen müssen. Wenn Marx einen allgemeinen Erklärungsversuch des geschichtlichen und gesellschaft- lichen Ablaufs gegeben hat, so muß darin auch das Individuum seinen Platz finden. Marx hat ihn ihm nicht ausdrücklich angewiesen, wie ja auch andere Fragen der gesellschaftlichen Gesamtheit von Marx nicht beantwortet worden sind. Er hatte keine historische und keine aktuelle Veranlassung dazu. Ein rechter Marxist wird seine Lehre anwenden auf Gebiete und in Sphären, die von Marx nicht erfaßt worden sind. Wenn er den Grundprinzipien getreu bleibt, wird sich das Resultat auch in Harmonie mit Marx' Werk befinden. Es ergibt sich dann — ganz skizzenhaft gesagt —, daß auch der einzelne Mensch seinen „Ueberbau“ (Lebensplan), genau so wie die Gesellschaft als Ganzes, mit den gegebenen Produktivkräften (körperliche, soziale, Milieu- und Erziehungssituation) und innerhalb der gegebenen Produktionsverhältnisse (Anschauungsformen, z. B. das „Oben — Unten“, „Männlich — Weiblich“) errichtet. Daß aus der Quantität mehr oder weniger mißlungener Anpassungsversuche neue Qualitäten (produktive Proteste) entstehen. Daß Lebenspläne, die dem Sinn des Lebens (der Bedarfsdeckung = Erfüllung der Lebensaufgaben) allzuwenig gerecht werden, das Individuum in den Untergang führen, usw. Unterzieht man so das individuelle Seelenleben einer konsequent marxistischen Betrachtung, so ergeben sich die Befunde der Individualpsychologie. Die Individualpsychologie ist der auf das Seelenleben angewandte Marxismus.

Aber auch die Individualpsychologie hat ihre Bedenken. Da sie die Gesetze des individuellen Seelenlebens aufgedeckt hat, möchte sie an der Grenze des Einzelmenschen nicht stehenbleiben. Ungern entließe sie etwa einen geheilten Patienten in eine Außenwelt, deren Gesetze ihr fremd sind oder ihr gar widersprechen. Deshalb muß der rechte Individualpsychologe seine Lehre auch über den Einzelmenschen hinaus auf die Masse der geselligen Menschen und auf ihre Laufbahn durch die Geschichte anwenden. Es ergibt sich da eine Sozialpsychologie. Die Gebilde, die je nach den vorhandenen Möglichkeiten ihre Unsicherheit als Antrieb zu gemeinschaftlicher Leistung verwerten oder als Minderwertigkeitsgefühl mit kompensatorischem Machtstreben ausbilden, offenbaren sich als aufeinanderfolgende Gesellschaften. Als Spezialfall der menschlichen Gesellschaft, in der sich Geltung vor Leistung gedrängt hat und die Anschauungsformen des Oben — Unten bindend geworden sind, erscheint die Klassengesellschaft. Die Pseudogemeinschaft der neurotisch vereinzelten Machthaber und solcher, die es werden wollen, ist der Kapitalismus. Die dialektischen Umschläge, in denen überstark gewordene Unsicherheitsgefühle durch Hervorstoßen neuer Kompensationsformen produktiv gemacht werden, stellen sich als Revolutionen dar. Schaut man so die Gesellschaft individualpsychologisch an, erhält man die Befunde des Marxismus. Der Marxismus ist die auf das Gesellschaftsleben angewandte Individualpsychologie.

Beides scheint nur so lange ein sonderbarer Zufall, als man Individuum und Gesellschaft künstlich getrennt hält. Diese künstliche Trennung ist uns wohl verständlich als Denkbehelf eines indivi- dualistischen Zeitalters, in dem Individuum und Gesellschaft in Konflikt stehen, und als Ausdruck einer ökonomischen Situation, in der die Exponenten der herrschenden Klasse: Unternehmer, Held, Genie, wesensgetrennt der Masse der Beherrschten gegenübertreten. Also: ein seelisch-ökonomisch bedingter Denk-Notbehelf ist die Trennung von Individuum und Kollektivum. Heute, an der Umbruchsstelle der privatwirtschaftlich-individualistischen Zeit, können die neuen Wissenschaften auf diese Denktrennung schon teilweise verzichten. Marx weist nach die individuelle Gespaltenheit der Gesellschaft in lauter verdinglichte Warenproduzenten-Konsumenten, die infolge der „Dieselbigkeit ihrer Interessen“ (ihrer Einzelinteressen) zur Klasse werden. Adler bindet jedes Individuum in die unlösliche Verknüpftheit der Mitmenschen, die in ihrem geltungssüchtigen Gegeneinander das Kollektivum zu sprengen suchen. Eine Klasse ist die Summe und Potenz von Einzelnen auf dem Boden der „Interessen-Dieselbigkeit“. Ein Neurotiker ist der abgespaltene Teil aus der Gemeinschaft infolge seiner „Interessen-Sonderheit“.

Ein anderer Einwand bezieht sich auf den Scheingegensatz zwischen Materie und Geist. Das Marxsche System stützt sich auf die festen Grundlagen der irdischen Wirklichkeit mit Bodenschätzen, Gütern, Produktionswerkzeugen, Waren, Maschinen. Die Individualpsychologie schwebt durch das luftige Reich der Einstellungen, Gefühle, Träume, Strebungen, Irrtümer. Es scheint, als habe Marx in das Tote der Dinge Bewegung gebracht, und als habe Adler das Luftig-Ungreifbare in Formen geschlagen. Wiederum könnte man glauben, daß eben der Marxismus als Erklärer des Materiellen, die Individualpsychologie als Erklärerin des Ideellen nebeneinander hergehen könnten, und mehr nicht.

Der Marxist wird diese Ergänzungsweise ablehnen. Denn der Marxismus ist ein totales System und kann das Ideelle von sich aus erklären, als „im Menschenkopf umgesetztes Materielles“. Die Gebilde des Geistes haben ihren Platz im Ueberbau, wo sie sich gemäß dem produktionstechnischen Unterbau entwickeln und verändern. Wenn man aber mit marxistischen Augen sieht, in welcher Weise sich das Materielle im Menschenkopf in Ideelles umsetzt, dann kommt man eben zu den Befunden der Individualpsychologie, die zeigt, daß und wie die Gegebenheiten der materiellen Welt im „Menschenkopfe“ zu Anpassungen oder Protesten, immer aber Material der Zielstrebigkeit werden.

Auch der Individualpsychologe wird einer Erklärung der Materie nicht zu bedürfen meinen. Denn er stellt sie als Stoff der Seele von Anfang an in seine Rechnung ein. Die Materie ist das, „woraus die Seele etwas macht“, einen Lebensplan zu einem Ziele nämlich. So wie die Physiologie ihm unentbehrliche, aber untergeordnete Helferin der Psychologie, so wird die Materie selbst ihm Material der Seele. Und wenn man nun etwa die Hinweise der Individualpsychologie auf die bestimmende Rolle organischer und sozialer Bestände auf Ausgestaltung des Zieles und Ausbau von Charakter und Lebensplan in die Breite und Tiefe erstreckt, so kommt man eben zu den Befunden des Marxismus, der der Materie die Funktion des „Bestimmens“ und „Richtunggebens“ zuweist.

In der Darstellung des Marxismus im ersten Kapitel ist uns klar geworden, daß die Materie nach Meinung Marx' gar nichts bewirkt, sondern nur Anstoß und Triebkraft liefert, mit denen die vergesellschafteten Menschen ihre Produktionsverhältnisse, Gesellschaftsgebilde und ideologischen Ueberbauten bewirken, und daß „das Materielle“ sehr viel mehr ist als die Materie. In der Darstellung der Individualpsychologie hatten wir (im zweiten Kapitel) gesehen, daß die Seele nicht willkürlich und freiwillig Ziele setzt, Lebenspläne spinnt und Einstellungen vornimmt, sondern daß sie nur im — zeitgemäß gefärbten — Sicherungsinteresse Folgerungen aus dem gegebenen Stoff des Körpers und der Umwelt zieht und das Vorhandene in vorgeschriebenen Bahnen ausgestaltet. „Materie“ wie „Geist“ sind Lebensmittel im Dienste der Lebenssicherung.

An dieser Stelle macht sich ein Exkurs über „Geist“ und „Seele“ notwendig, der uns auch später noch von Nutzen sein soll. In der üblichen Meinung ist der „Geist“ das Reich des Intellekts, des Denkens, die „Seele“ der Bezirk der Gefühle und Strebungen. Eine neue verwirrende Zweiteilung macht sich kund, die irgendwie mit den Begriffen „Bewußtsein“ und „Unbewußtes“ zusammenzuhängen scheint. Nach individualpsychologischer Auffassung ist die Seele „ein Organ, das die Bewegungen im Leben orientieren und sichern hilft“. Gefühle, Strebungen, Denken, Ueberlegen, alles steht im Dienste des Sicherungs- (bzw. Geltungs-) zieles und wird als Helfer am Aus- bau des Lebensplanes angewandt. Das Bewußtsein beherbergt, je nachdem, Intellekt, oder Gefühl, oder Willen; was nicht im Dienste des Zieles steht und seine Verfolgung hindern könnte, gehört dem Unbewußten an. Es kann von da aus jederzeit aktiviert werden. Wohl aber hat der Geist, als das der Seele dienend Untergeordnete, seine besondere Funktion im Lebenshaushalt: er ist es, der die tauglich befundenen Seelenerfahrungen registriert, verallgemeinert und in eine Form bringt. Wenn daher gesagt wurde: der Marxist verlegt den Geist in den „Ueberbau“, so bleibt das zu Recht bestehen, obwohl später gesagt wurde: daß die Materie an sich gar nichts bewirkt. Nun ist hinzuzufügen: der „Ueberbau“ gehört zwar dem Geist, aber der „Unterbau“ nicht der bloßen Materie, sondern der Materie und der dadurch hervorgetriebenen, die Materie als Material verwertenden Seele. Dies beides zusammen ist „das Materielle“. Im „Unterbau“ vollziehen sich also: die von der Materie (Produktivkräfte, Körper des Menschen) vollzogenen Anstöße und die infolgedessen von der Seele vorgenommenen Zielstrebungen. Zwischen Anstößen und Zielen liegen Produktionsverhältnisse und Lebenspläne als Mittel. Im Ueberbau befinden sich die geistigen (ideologischen) Formen, mit denen jeweils eine Epoche sich dieses unterbaulichen Materie — Seele — Dynamismus bewußt wird, mit denen sie ihn je nachdem befestigt, ausbaut, schmückt, verteidigt, verdeckt oder — an Umbruchsstellen — auch anficht. Ebendieselbe Rolle spielt der individuelle Geist in einem Menschen. Er dient dazu, die Antriebe und Strebungen der mate- rialgebundenen Seele zu veranschaulichen, zu verklären, zu rationalisieren (d. h. durch Vorschiebung billiger Gründe die wahren Motive zu verdecken oder — an Umbruchsstellen — auch zu verändern). Mit den Produktivkräften ändern sich die Produktionsverhältnisse: ein neuer seelisch-materieller Unterbau entsteht, dem sich der geistige (nicht seelische!) Ueberbau langsamer oder rascher nachwälzt. Denn er ist wirklich das Sekundäre. Das Abhängigkeitsverhältnis des Ueberbaues vom Unterbau tut sich darin kund, daß er von diesem die Anstöße, das Material, haben muß, daß er nichts aus sich heraus — immateriell — gestalten oder bewirken kann. Es ist aber nicht so zu verstehen, als ob zwischen Unterbau und Ueberbau stets eine Richtungseinstimmigkeit vorhanden sein müßte. Das ist vielmehr nur zu den Epochen der Fall, wo ein System fest und geschlossen in sich dasteht, in den sogenannten „Blüteperioden“. An den Umbruchsstellen kann der „Ueberbau“ die Kritik am Unterbau stärker in den Vordergrund treten lassen; es wäre ja sonst auch unerfindbar, wieso auf Grund von konservativen Produktionsverhältnissen jemals revolutionäre Ideen — z. B. die des Marxismus — erwachsen könnten. Verständlich wird dies durch den individualpsychologischen Hinweis auf die Wandelbarkeit des Zieles, auf „Anpassung“ und „Protest“. Wir haben also in der Entwicklung der Menschheit im „Unterbau“ aufzusuchen: Produktivkräfte (Natur- und Körperkräfte, sowie Niederschläge schon erlangter technischer und geistiger Fertigkeiten) und Produktionsverhältnisse, d. h. Strukturen, mit denen die Menschen sich seelisch und materiell mit diesen Produktivkräften einrichten (also z. B. die Struktur der Privatwirtschaft und der Persönlichkeit). Im Ueberbau finden wir, davon jeweils abhängig, die Formen dieses Erlebens, die mit zeitgemäßem Inhalt erfüllt sind (Bestreitung der Privatwirtschaft mittels Staatsform der absoluten Monarchie oder konstitutionellen Demokratie, oder aber auch ideologischer Kampf gegen die Privatwirtschaft — z. B. Erlangung des Persönlichkeitszieles durch christliche Askese oder Aufstellung von Boxerrekorden, oder auch Anfechtung des Persönlichkeitszieles durch die Gemeinschaftsforderung usw.). Somit ist ein Gegensatz zwischen Marxismus und Individualpsychologie, der sich auf den Gegensatz „Materie — Geist“ bezieht, trügerisch. In beiden Systemen spielt das Sicherungsbedürfnis die Rolle des Produzenten, und der Geist die nur ephemere Rolle des Grosso- oder Detailverschleißes, die Materie die Rolle des Antreibers, die Seele (bei Marx „Interesse“ genannt) die Rolle des Werkmeisters.

Mit der Aufhellung dieser Tatbestände rückt ein weiterer Scheingegensatz, der von „Materialismus und Idealismus“, in ein neues Licht. Materialismus ist jene Anschauung oder Weltauffassung, die alle Vorgänge durch materielle Ursachen und Interessen bedingt sieht. Idealismus die entgegengesetzte Meinung, der zufolge jede Bewegung durch das Diktat des Geistes gelenkt wird. In bezug auf den Menschen kann man die zwei gegensätzlichen Anschauungen mit den zwei Zitaten ausdrücken: „Ohne Phosphor kein Gedanke“ und „Es ist der Geist, der sich den Körper baut“. Es scheint zunächst so, als ob der Marxismus eine materialistische, die Individualpsychologie eine idealistische Lehre wäre.

Der historische Materialismus geht zunächst über den naturwissenschaftlichen hinaus, indem er fragt: „Wieso wird aus Phosphor einmal dieser, ein anderes Mal jener Gedanke?“ Der historische Materialismus verwendet also die Resultate des naturwissenschaftlichen Materialismus als Material. Darüber hinaus ist er materialistisch, weil er als geschichtsbildende Kräfte ablehnt: außermenschliche Kräfte, wie Götter, Geister; außerwirkliche Kräfte, wie Ideen; außerkollektive Kräfte, wie Helden und Genies. Die Kräfte, die nach materialistischer Geschichtsauffassung die Geschichte bewegen, sind die wirklichen Kräfte des vergesellschafteten Menschen, der seine Lebensgüter produziert. Sie ist aber zugleich idealistisch, indem sie in den „Klasseninteressen“ (zielstrebigen seelischen Vorgängen) den wichtigsten Bewirker geschichtlicher Veränderungen erblickt. Zur Wirklichkeit gehört jede Art von antreibender Lebensnot, sowohl die des Hungers als der Vereinsamung, der Arbeitslosigkeit wie des Minderwertigkeitsgefühls. Zum vergesellschafteten Menschen gehört die vergesellschaftete Hand mit dem Spaten oder dem Treibriemen, und der vergesellschaftete Kopf mit einer christlichen oder einer liberalen Weltvorstellung. Zu den Lebensgütern gehören Nahrung, Kleidung, Wohnung, aber auch mitmenschliche Beziehung, Tätigkeit, Sicherheitsgefühl.

Die „materielle Basis“ umfaßt also sehr viel mehr als die Dinge, die man mit der Hand greifen oder in den Mund stecken kann, sie umfaßt alles, was zu Sicherung und Fortbestand des Lebens jeweils unerläßlich ist.

Der „Idealismus“ der Individualpsychologie bezieht sich nicht auf den „Geist, der sich den Körper baut“, sondern auf die Seele, die den gebauten Körper umbaut und ausbaut. Sie konstatiert nicht einfach: Der Geist schaltet frei mit der Materie. Sondern sie fragt: Wieso bringt aber der Geist — vielmehr die Seele, einmal ein solches, und einmal ein anderes Gebäude zustande? Den reinen Idealismus der „Trieb- und Anlagen“-Psychologie entlarvt sie als fatalistischen Fetischismus und stellt Triebe und Anlagen dar als in frühestem Stadium erworbene Verhaltungsweisen dem Gegebenen gegenüber. Darüber hinaus ist die Individualpsychologie in viel weiterem Sinne idealistisch, indem sie die Fähigkeit des Menschen, aus dem Material der Produktivkräfte Natur, Körper, Vergangenheit auf den Anreiz der Unzulänglichkeit hin zielstrebig neue Sicherungen zu produzieren für ausschlaggebend im Verlauf der entwicklungshaften Geschehnisse erklärt. Sie ist aber auch zugleich materialistisch, denn sie begnügt sich nicht mit der Kenntnisnahme geistiger Rationalisierungen, sondern steigt in den Unterbau der seelischen Interessen hinab. Ausschlaggebend für die Entwicklung des individuellen Lebensplanes sind somit nicht nur die Materiale des Körpers, des Temperaments und der „Umwelteinflüsse“, sondern die gleichsam als unausweichliche Produktivkräfte vorhandenen Anschauungsformen von Leistung oder Geltung, Gemeinschaft oder Persönlichkeit, und die diesen Anschauungsformen gemäß erfolgten Zielsetzungen und Einstellungen. Der lebendige Mensch ist der Treffpunkt von Ideellem und Materiellem.

Von dem eben Gesagten muß noch ein Blick fallen auf die Fragen „Dualismus — Monismus“. Unter Dualismus versteht man jenes Anschauungssystem, das zwei wesensverschiedene Kräfte mit- oder gegeneinander am Werke der Entwicklung sieht. Also zum Beispiel all jene Systeme, die eine Zweiheit von Materie und Geist, Individuum und Kollektivum an den Grund alles Geschehens setzen. Monismus wäre demgemäß die Anschauungsform, bei der alle Geschehenskräfte auf einen Nenner gebracht werden, und zwar entweder die Materie (materialistischer Monismus) oder den Geist (idealistischer Monismus), entweder das Individuum (individualistischer Monismus) oder die Gemeinschaft (kollektivistischer Monismus). Dies ist aber nur ein scheinbarer Monismus, denn er löst die Dualität der Erscheinungen nicht auf, sondern setzt sie nur in eine Rangordnung: Der materialistische Monismus zum Beispiel bezieht alles „Geistige“ als Reflex oder Resultat in das „Materielle“ ein usw. Ein wahrer Monismus ist daher erst in den Systemen zu finden, die wie Marxismus und Individualpsychologie die Scheinhaftigkeit dieser Gegensatzpaare aufzeigen und die Kräfte, die sich uns heute geteilt darbieten (infolge unserer geschichtlich bedingten dualistischen Anschauungsweise) nicht eine in der anderen verschwinden lassen, sondern beide in einer höheren Totalität einschmelzen. Der Gegensatz „Individuum — Kollektivum“ löst sich auf in die Totalität „Mensch“, der Gegensatz von „materiell“ und „ideell“ löst sich auf in die Totalität „lebenswirksam“.

Mit der Auflösung dieser Scheinantagonismen wird auch eine andere Frage klar, die wir an anderem Ort schon gestreift haben: die Frage der „Gebundenheit und Freiheit“.

Der Marxismus scheint die Lehre von der Gebundenheit zu sein. Alles Geschehen ist in die feste Bahn von Entwicklungsgesetzen eingespannt, denen keiner und nichts sich entziehen kann. In der Tat kann auch kein Einzelner sich diesen Gesetzen entziehen oder sie auf eigene Faust umändern. Aber es sind keine unverbrüchlichen Naturgesetze. Das waren sie bei den vormarxistischen Oekonomen und Soziologen. Marx gerade hat den Fetischcharakter der Naturgesetzlichkeit aufgedeckt und gezeigt, daß die Bindungen nichts weiter sind als erstarrte Freiheiten früherer Epochen, die nun freilich den Einzelnen gleich Naturgesetzen umspannen. Eine völlige Gebundenheit der Menschen würde ja voraussetzen die Natur, den Weltgeist oder sonst außermenschliche, außerwirkliche, außergesellschaftliche Kräfte als Deus ex machina der Weltgeschichte, der die historischen Veränderungen bewirkt. Die marxistische Gebundenheit ist eine Zeitgebundenheit in schon geschaffene Freiheiten. Wenn die alten Freiheiten nicht mehr zur Sicherung der Menschen ausreichen, werden an den Umbruchsstellen die alten Gebundenheiten gesprengt und von den vergesellschafteten Menschen durch neue Freiheiten ersetzt.

Bei der Individualpsychologie scheint es sich zuerst um ein System der bloßen Freiheit zu handeln. Einstellung, Lebensplan, Machtwille, Geltungsstreben, ebenso viele voluntaristische Begriffe. Aber sie sind eingekeilt zwischen zwei Pole von Unfreiheit: die Art und Stärke des Minderwertigkeitsgefühls und die Lage und Gestalt des Zieles. Die Minderwertigkeitsgefühle sind wiederum gebunden an tatsächliche Minderwertigkeiten, die aus der subjektiv gegebenen Lage des Individuums (Körper, Umwelt usw.) erfließen oder an „fiktive“ Minderwertigkeiten, die aus den objektiv gegebenen, zeitbedingten Anschauungs- und Bewertungsnormen („unten“ gegen übergeordnete Personen, „weiblich“ gegenüber der bevorrechteten Männlichkeit usw.) abgeleitet werden. Aus diesen Minderwertigkeitspositionen wird nach dem bindenden Gesetz der Kompensation das Ziel bestimmt. Es wird frei bestimmt (in Fällen sonderbaren Protests im Gegensatz zu den gültigen Normen), wirkt dann aber als Kraft gleich einer Naturkraft. Die Veränderungen in der Zielsetzung, in der Ausgestaltung des Lebensplanes beim Individuum, und in der gesamten seelischen Struktur, wenn man es sozialpsychologisch nimmt, treten immer als Umbrüche auf, depossedieren ein Altes und setzen ein Neues. Sie sind bedingt durch die Grade der subjektiven und objektiven Ungesichertheit, die, damit sie die Qualität des Mutes zum Neuen hervorbringen könne, erst auf einen kritischen Nullpunkt gesunken sein muß.

Gebundenheit und Freiheit sind also bei Marx und Adler keine absoluten Kategorien, sondern historisch relative Qualitäten. Bemerkenswert ist, daß bei beiden die Gebundenheit zusammenhängt mit dem Beharren, die Freiheit mit dem Neuschaffen. Jede Be- freiung hat in diesen Systemen eine Richtung nach vorwärts, sei es, daß alte Produktionsverhältnisse gesprengt werden, sei es, daß der Einzelneurotiker sich der Gebundenheit seiner Kindheit entringt.

Hier streifen wir schon an ein anderes Gegensatzpaar, das von Absolutismus und Relativismus. Absolutistisch ist eine Auffassung, die das von ihr Beinhaltete als ein für allemal vorhanden, gültig, richtig erklärt. Relativistisch dagegen die Meinung, die die Gültigkeit und Richtigkeit eines Vorhandenen vom Standpunkt des subjektiv oder zeitlich Gebundenen aus für variabel erklärt.

Relativismus könnte nur scheinbar dem Marxismus zugeschrieben werden, etwa wenn man die Aussagen über „Klassenbedingtheit der Ideologien“, „Zeitbedingtheit einer Gesellschaftsordnung“ usw. dogmatisch faßt. Dann ergibt sich eine Unbeständigkeit der geschichtlichen Gebilde, die einen Relativismus des Geschichtsbetrachters vermuten läßt, aber nicht beachtet, daß die Unbeständigkeit selbst verabsolutiert wird.

Absolutismus könnte nur scheinbar der Individualpsychologie zugeschrieben werden, wenn man etwa die Ausdrücke, wie „Irrtum“, „absolute Wahrheit“ usw. dogmatisch auffaßt. Die „absolute Wahrheit“ Adlers ist kein Bestandteil der Existenz, von der man in „Irrtümer“ abweicht. Sondern sie ist der — freilich etwas mißverständlich gewählte — Ausdruck für „absolute Lebensforderung.“

So ist z. B. die Geisteshaltung, die das Treiben der kapitalistischen Wirtschaft als „naturgesetzlich“ hinstellt, ein Irrtum, denn in Wirklichkeit sind es die um ihre Interessen besorgten, wirtschaftenden Menschen, die dieses Getriebe hervorgebracht haben und es täglich neu hervorbringen. Es ist aber ein notwendiger Irrtum. Notwendig, wenn man die Stellung des Einzelnen bedenkt, der dem anarchischen Getriebe der „freien Konkurrenz“ als Einzelner wie einem Naturgeschehen ausgeliefert ist und infolgedessen in „wirtschaftliche“ Minderwertigkeitsgefühle verfällt. Der Mut zur Selbstverantwortung hat in diesem System gar keinen Sinn, denn der Einzelne vermöchte mit noch so großer Selbstverantwortlichkeit den Lauf des kapitalistischen Geschehens nicht eine Sekunde aufzuhalten. Deshalb wird die „Wahrheit“ der Selbstverantwortung verdrängt und durch den verantwortungsscheuen „Irrtum“ von der Naturgesetzlichkeit des Wirtschaftsgeschehens ersetzt. Dieser Irrtum ist innerhalb des kapitalistischen Systems historisch richtig, falsch nur in bezug auf die „absolute Wahrheit“, d. h. die Forderung des Lebens, die von der einzelnen Person Selbstverantwortung im Dienste der Allgemeinheit verlangt.

Der Neurotiker, der Macht mit Wert verwechselt, begeht einen Irrtum; aber es ist ein unvermeidlicher Irrtum, denn in der ganzen Gesellschaft steht Macht tatsächlich an Stelle von Wert. Ursprünglich war Macht und Wert (= gemeinschaftstüchtige Spitzenleistung) wirklich identisch. Im neurotischen Zeitalter hat es keinen Sinn, Macht durch gemeinnützige Leistung erringen zu wollen, denn Macht folgt in diesem Zeitalter weit eher auf gemeinschaftswidriges Tun. In diesem Zeitalter ist der Machtirrtum nicht nur notwendig, sondern auch „richtig“. Er wird erst falsch, wenn er verabsolutiert wird, und den Menschen für immer von der gemeinnützigen Zukunftsleistung absperrt. Dann tritt die gebietende Lebensforderung auf den Plan und spricht ihr: „Falsch!“ — Auch Marx war die Rolle dieser „Irrtümer“ nicht unbekannt. Er schreibt (in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie): „So lange das Ancien regime als vorhandene Weltordnung mit einer erst werdenden Welt kämpfte, stand auf seiner Seite ein weltgeschichtlicher Irrtum, aber kein persönlicher. Sein Untergang war daher tragisch.“

Die „Irrtümer“ sind historisch aufeinanderfolgende Antworten auf die stets eine Frage der Lebensnot, und variieren mit den Kräften der Antwortenden. Sie sind das einzig Existente; und somit fallen wir, individualpsychologisch gesehen, nicht aus „der Wahrheit“ in Irrtümer ab, sondern wir reisen „von Irrtum zu kleinerem Irrtum“ der Wahrheit, d. h. der Beseitigung der Lebensnot, entgegen.

Der Marxismus enthält aber Elemente von Absolutismus und Relativismus. Er erklärt die Gültigkeit und Berechtigung von Gesellschaftsformen, indem er sie in den historischen Ablauf stellt, für variabel, relativ. Er erklärt aber für absolut die Gültigkeit innerhalb einer Epoche selbst. Der scheinbare Widerspruch klärt sich auf, sobald man den historischen Standpunkt bezieht: innerhalb einer Epoche ist kein Relativismus möglich. Absolut bindend sind die Produktionsverhältnisse und die mit ihnen zusammenhängenden ideologischen Formen. Man kann sich nicht, je nach Wahl, innerhalb oder außerhalb der Produktionsverhältnisse stellen. Diese sind nicht, relativ nach der Klassenlage, vorhanden oder nicht vorhanden. Sie sind absolut vorhanden. Ihr widersprüchlicher Charakter, demnach sie positiv oder negativ bewertet werden, hängt mit der Widersprüchlichkeit der antagonistischen Gesellschaftsform zusammen, der entsprechend die eine Klasse das Vorhandene stützt, die andere Klasse das Vorhandene bekämpft. Der Relativismus aber besteht in der Vergänglichkeit und Wandelbarkeit dieses zeitlich Vorhandenen überhaupt. Somit werden die Absoluta zwar in dialektische Widersprüche zerspalten und entwicklungsgemäß aufgelöst, aber sie werden nicht im Sinne einer Geschehens- oder Betrachtenswillkür relativiert. Im Marxismus ist kein Platz für die unbeteiligte Skepsis des Relativisten.

Auch die Individualpsychologie enthält Elemente von Absolutismus und von Relativismus. Die Art von Reaktion auf das Gegebene mittels Einstellung und Zielsetzung ist relativ und variiert mit diesem Gegebenen. Innerhalb eines gesetzten Spannungszustandes wirkt das Bezugssystem absolut. Man kann sich ihm einpassen, man kann es bekämpfen: man muß sich mit ihm auseinandersetzen. Je nach der Art der Gegebenheiten kann die absolute Kompensation gemäß der bestehenden Kompensationsform (etwa in bezug auf Persönlichkeitsgeltung) oder gegen sie erfolgen (etwa in bezug auf Gemeinschaftsleistung). So ist die „Einstellung“, das „je nachdem, wie man sich dazu einstellt“, kein relativistisches Moment der Willkür, sondern ein dialektischer Vorgang im vorgeschriebenen Raum, der Zustimmung oder Widerspruch ermöglicht.

Die Relativismen beider Systeme sind keine Relativismen im Sinne von unkontrollierbarer Geschichts- oder Geisteswillkür, sondern dialektische Phasen. Die Absolutismen, wie „Lebenssicherung“, „Interessen“, sind keine eigentlichen Absolutismen, sondern zweckmäßig verabsolutierte Denkbehelfe, Fiktionen. Absolutismus und Relativismus erweisen sich beide als starre Denkmittel aus dem Arsenal einer dogmatisierten, klassenhaft gespaltenen Logik, und werden in der Dialektik und Kompensationstheorie vereinheitlicht und aufgehoben. „Aufgehoben“ hier, wie bei allen anderen Gegensatzpaaren, die wir schon erwähnten und noch erwähnen werden, im doppelten Sinne von „vernichtet“ und „aufbewahrt“.

Wir haben erkannt: beide Systeme erwachsen auf demselben Untergrund: der Lebensunsicherheit, arbeiten mit denselben Mitteln: der Lebenssicherung, auf dasselbe Ziel: die Lebenssicherheit hin, wir haben die Scheingegensätze entlarvt und erkennen beide Lehren als Bewegung um die umwälzende Praxis; bleibt noch die Frage der Anwendung der beiden Systeme in der gegenwärtigen Umbruchszeit und die Erklärung, die sie für vergangene Umbruchszeiten geben: die Frage Evolution oder Revolution. Zwischen dem Satz „die Natur macht keine Sprünge“ und dem Satz vom Umschlagen der Quantität in Qualität, mit dem realen Inhalt des „Sprunges von der Notwendigkeit zur Freiheit“ scheint ein unlösbarer Gegensatz zu bestehen.

Evolution ist langsame Entwicklung, dergestalt, daß immer mehr Elemente des Alten abgetragen und ausgemerzt werden, immer mehr Elemente des Neuen sich anfügen und eingliedern, bis das Alte völlig neu geworden ist. In der Natur (etwa in der Entwicklung der Arten, oder des menschlichen Organismus zwischen Geburt und Tod) ist dieser Punkt: daß das Alte völlig neu geworden ist, nie zu bestimmen. Nur sieht man in gewissen Zwischenräumen, daß die Entwicklung eine andere Richtung eingeschlagen hat, daß z. B. bis vor kurzem ein Aufstieg war, und seither unmerklich ein Abstieg wurde. Jede Evolution enthält also in sich irgendwo revolutionäre Stellen.

Denn Revolution ist einmalige, grundsätzliche Veränderung eines Wesentlichen in ein anderes Wesentliche. Ihr Zeitpunkt ist gerade die kleine Sekunde, die in der langen Evolution nicht festzustellen ist, wo das Wesen sich so verändert hat, daß das Neue da ist. Dies bemerkt man in der Umschichtung, nicht aber das Gleichzeitige, Vorherige, Nachherige, Evolutionäre, welches vielmehr als „Vorbereitung“, „Begleiterscheinung“, „Nachwehen“ um die Erscheinung Revolution selbst sekundär herumgruppiert erscheint.

Die Abschaffung des Privateigentums und der Klassengesellschaft ist marxistisch gesehen eine Revolution. Denn sie vertilgt die Basis des Bisherigen und stellt eine neue Basis: Gemeinwirtschaft und klassenlosen Sozialismus, auf. Der Abbau der Neurose und der Geltungspersönlichkeit ist individualpsychologisch gesehen eine Evolution. Denn er erfolgt allmählich, indem immer mehr Elemente des Alten abgetragen und Elemente des Neuen hinzugetragen werden, bis die Basis Gegenhaftigkeit sich in die Basis Mitmenschlichkeit verändert hat. Aber marxistisch gesehen ist z. B. der Abschluß eines Tarifvertrages, die Zunahme von Stimmen bei Wahlen usw. ein evolutionär-reformistisches Moment, das jedoch zur Revolution — wenigstens zu ihrer Vorbereitung — unerläßlich ist. Und bei der Individualpsychologie erscheint die Abänderung des Zieles (etwa im Verfolg einer Therapie) von „Ich will gelten“ auf „Ich werde leisten“ etwas Revolutionär-Radikales, obwohl es nur in ganz allmählicher Abänderung der Verhaltungsweise und des Charakters zutage tritt. Im Zusammenarbeiten der beiden Systeme übernimmt vorläufig der marxistische Flügel die revolutionäre Seite der Bewegung (Kämpfe, Putsche, Verfassungsänderungen), während der individualpsychologische Flügel die evolutionäre Seite (Erziehung, Beratung, Therapie) bearbeitet. Aber schon innerhalb dieser doch noch so lückenhaften Zusammenarbeit zeigt es sich, daß die Agitation, das Sammeln der Arbeiterklasse, die Erweckung des Klassenbewußtseins langsame, evolutionäre Arbeit erfordert, während etwa ein „geheilter Patient“, der verhältnismäßig plötzlich aus einem Machtmenschen ein Fastgemeinschaftsmensch wurde, ein revolutionäres Resultat vorweist.

Wenn man vollends im marxistischen Lager die Revolution, die auf Veränderung der Produktionsbasis ausgeht, als einen langen, zusammenhängenden Prozeß wird auffassen gelernt haben — wenn anderseits die individualpsychologische Erziehung und Therapie den revolutionären Umbruchspunkt zur Antipersönlichkeit und Antiautorität klarer wird erfassen können — dann wird das Zusammenarbeiten dieser beiden Systeme erst den wirklich lebens- fördernden Sinn gebären in einer Beschleunigung der Revolution und Evolution, die ja beide nicht Selbstzweck, sondern Mittel im Dienste der Befreiung sind.

Der Gegensatz von Evolution und Revolution wird aufgelöst in die Oberbegriffe der „umwälzenden Praxis“ und des „Heilens und Bildens“, die zugleich evolutionär und revolutionär sind.

4. Gegenseitige Kritik

Wir haben in all dem Bisherigen gesehen, daß Marxismus und Individualpsychologie übereinstimmen, daß sie verwandt, ja wesens- und inhaltsgleich sind. Wir sind damit aber dem tatsächlichen Entwicklungszustand der beiden Bewegungen ein wenig vorausgeeilt. Nun müssen wir betrachten, wie die beiden Systeme in der Gestalt ihrer betreffenden Vertreter zueinander Stellung nehmen und warum sie nicht schon längst eine völlige Verschmelzung eingegangen sind.

Marxismus wie Individualpsychologie sind als ideologische Erklärungs- und Deutungsversuche über den Unterbau des kapitalistisch-neurotischen Zeitalters aufzufassen. Beide gehen aus von einer besonders intensiv gewordenen Lebensnot, die der Marxismus als ökonomisch-soziale, die Individualpsychologie als seelische ins Auge faßt. Beide sind Kompensationsversuche einer leidenden Menschheit oder von Teilen der leidenden Menschheit mittels einer Theorie. Ein Werk der Vorstellung als Kompensation zu benutzen, ist wiederum typisch für die vom Marxismus gezeigte Abdrängung des Proletariats von den Lebensgütern und für die Entmutigung der Neurotiker, die keine Kompensation im Realen mehr zu erreichen hoffen. Es sind Ideologien als Waffen gegen ein altgewordenes Gesellschaftssystem. An allen Umbruchsstellen der Geschichte sehen wir, wie der unterdrückteste Teil der Menschheit die vorhandenen Ideologien umkehrt und die Verteidigungswerkzeuge der alten Ordnung zu Angriffswaffen gegen diese Ordnung und zu Werkzeugen am Aufbau einer neuen Ordnung verwandelt. Eine neue Ideologie kann sich auf den alten Produktionsverhältnissen entwickeln, wenn die Klassengegensätzlichkeit in einen Zustand der Reife eingetreten ist. Er besagt, daß die alten Produktionsverhältnisse die neu andrängenden Produktionskräfte nur noch lose zusammenhalten. Das neue Produktionssystem im Schoße des alten ermöglicht neue — kämpferische — Ideologiebildungen. Es sind Ideologiebildungen der bisher unterdrückten und ideologisch gefesselten Gesellschaftsklasse, die sich anschickt, die alten Produktionsverhältnisse zu sprengen. Die beiden Bewegungen stoßen also von der Tatsache der Lebensnot in das Bedürfnis nach Beseitigung dieser Lebensnot, nach Lebenssicherung vor. Ihre Mittel sind: Abschaffung des Bestehenden und Errichtung eines Neuen. Dieses Neue definieren sie gleichermaßen als eine Gemeinschaft, frei von Zwang, Autorität, Unterdrückung, Angst, Not und Elend, eine Gemeinschaft, die jedem den gleichen Start bietet, so daß er sich mit un- gehemmten Kräften der gemeinnützigen Sicherungsarbeit widmen kann.

*

Der Marxist hat in der Lehre des Marxismus völlig sein ideologisches Auskommen gefunden. Was immer in sein Blickfeld tritt, ist mit marxistischen Maßen zu messen und mit marxistischen Erklärungen zu begreifen. Daher stellt sich der Marxist zur Individualpsychologie so ein:

Kritik der Marxisten an der Individualpsychologie

Die Individualpsychologie ist die Lehre vom Seelenleben des Einzelmenschen. Wir brauchen eine Lehre vom Seelenleben des Einzelmenschen, denn wir fassen das gesamte Leben als Klassenkampfhandlung im Dienste des Sozialismus auf und können die Einzelseele nicht draußen lassen. Wir wissen zwar, daß der Einzelne in seiner seelischen Verhaltung bedingt ist durch seine sozial-ökonomische Klassenlage und beeinflußt ist von den Ideologien der herrschenden Klasse, die er in Schule, Oeffentlichkeit, Zeitung, Kino eingepflanzt bekommt. Aber wir müssen diesen Menschen erfassen, wenn wir ihn für unsere Ziele gewinnen, ihn bei unserer Bewegung erhalten wollen. Deshalb brauchen wir eine Seelenlehre, die uns sagt, wie sich die sozial-ökonomischen Tatsachen und die ideologischen Zeitgebilde im Bewußtsein und im Unbewußten des Einzelnen spiegeln. Wir blicken uns um unter den vorhandenen Psychologien. Sie sind alle mehr oder minder versteckte Apologeten der bestehenden Ordnung. Die physiologische Psychologie zerspaltet uns den Einzelnen in kleinste Teile, so wie uns schon die kapitalistische Teilarbeit die Gesamtheit in kleinste Teile gespalten hat. Auch die neuen Richtungen tun's nicht: die Strukturpsychologie teilt die Menschen in verschiedene Gruppen, die sich letzten Endes nicht ineinander überführen lassen, so wie dies der Klassenspaltung in der Gesellschaft entspricht. Die Psychoanalyse mit ihrem Sexualfetischismus sucht die Gründe für alles Versagen in überzeitlich-übergesellschaftlichen Gefilden und offenbart sich, hängt sie auch mit einem Fuß noch in der kausalen Naturwissenschaft fest, als pessimistische Rücklaufswissenschaft, die die Menschen an einen unabänderlich gegebenen Naturkonflikt bindet. Mit der Urfeindschaft, die sie zwischen Lust und Realität legt, verewigt sie das Dilemma des Lohnarbeiters, der fortgesetzt zum Schutze der „Kultur“ auf seine Lust verzichten soll.

Aber die Individualpsychologie demokratisiert die Menschen, indem sie ihnen das Handikap der Anlagen und Triebe wegnimmt, sie aktiviert sie, indem sie sie zu einer aussichtsreichen Betätigung im Sinne der Gemeinschaft ermutigt, sie löst den Fetischismus des angeborenen Charakters und Talents und läßt uns die Ursachen der hemmenden Minderwertigkeitsgefühle in abänderbaren Verhältnissen erkennen. Sie befreit den Menschen vom Aberglauben seiner Schwäche und vom Glauben an eine stärkere Autorität. Dies alles sind Eigenschaften, die uns Vertrauen zu ihr einflößen. Wir wollen ihr gern unsere Kinder zur Erziehung anvertrauen, damit sie sie zu mutigen Menschen mache. Denn ein mutiger Mensch wird leicht für den Klassenkampf zu gewinnen sein. Wir wollen auch gern von ihr Menschenkenntnis lernen, damit wir den Gegner im fremden und im eigenen Lager besser durchschauen. Wir wollen sie überall dort zu Rate ziehen, wo Teilerfolge im vorbereitenden Kampf uns ein Feld geben, etwas nach unserem Sinne einzurichten. Sie soll uns eine willkommene Dienerin sein, wenn sie sich mit dieser Rolle begnügen will.

Aber, was sie als die Grundlagen des Geschehens anspricht: Minderwertigkeitsgefühl, Wirklichkeitsfremdheit, Geltungsstreben, Machtziel, das erscheint uns doch nur als der sinngemäße Ueberbau des sozialökonomischen Bestandes. Wie soll der entrechtete, verelendete, unterdrückte Proletarier sich anders als minderwertig fühlen? Wie soll er der Wirklichkeit nicht fremd sein, wo er von ihr tagaus tagein nichts sieht, als einen Schrägstreifen rauchdurchzogenen Himmels und nichts anderes von ihr zu greifen bekommt, als das winzigste Teilchen an einem Werk, das nicht ihm zur Freude und Sicherung dienen wird? Wie soll er nicht gelten wollen, da auf dem Arbeitsnachweis und in der Fabrik mehr zu gelten als die Gefährten die einzige kleine Lebenschance scheint? Wie soll er nicht Macht ersehnen, da er sieht: die Mächtigen haben's gut in dieser Welt? Gebt ihm Brot, Licht, Luft und Freiheit, und er wird ein stolzes Selbstvertrauen entwickeln. Macht ihm die Wirklichkeit auf, und macht sie begehrenswert, und er wird nicht mehr vor ihr in die Neurose fliehen. Schafft jedem einen Raum, in dem er sich frei bewegen kann, und er wird nicht mehr den anderen von seinem Platz verdrängen wollen. Zeigt ihm, daß Wohlergehen und Glück auf Leistungen folgen, nicht auf Macht, und er wird sich gleichmütig von der Macht abwenden. Kämpft mit uns um all dies, und wenn wir es errungen haben, dann wollen wir auf euch hören und unsere neue Welt mit eurer Hilfe bauen.

Jetzt aber sehen wir Gefahr. Ihr wollt nicht nur dem Proletariat, ihr wollt allen helfen. Ihr nehmt die Magenschmerzen des Bankdirektors, die vielleicht aus einem — eingebildeten — Konflikt mit seinem Bruder herstammen, genau so wichtig wie den Zusammenbruch des Arbeitslosen, den das Leben faktisch mindertauglich gemacht hat. Damit verwischt ihr die Klassenunterschiede und entwürdigt die proletarische Not in eine Reihe mit den Nötchen der Bourgeoisie. Ihr wendet euch an den inneren Menschen und lehrt: Alles kommt auf die Einstellung an. Und damit lenkt ihr die Blicke ab davon, daß nicht alles auf die Einstellung ankommt, daß noch so starker Mut des Einzelnen nichts vermag gegen Wohnungsnot und Arbeitsmangel. Ihr macht die Menschen verstehend. Werden sie dann nicht am Ende im Klassenfeind den bedauernswerten Neurosenbruder erkennen? Und ihr macht die Menschen einig mit sich selbst. Werden sie dann noch kämpfen wollen? Werden sie dann nicht, jeder für sich, in ihrer kleinen Welt sich behaglich einrichten, bei Fehlschlägen die eigene Verhaltungsweise haftbar machen, und sich mit dieser Welt begnügen?

Wir nehmen euch als Diener an, aber unter unserer Kontrolle. Wir werden scharf darüber wachen, daß ihr den Gegnern keine Schlupfwinkel bietet, von denen aus sie ein bißchen Machtstreben abgeben, aber die Produktionsmittel in der Hand behalten. Und wir brauchen keine Geschichtserklärung, die die Veränderung der Seelenzustände und heute die Ausbreitung der Neurose verantwortlich macht für unser Elend. Marx hat uns erklärt, was an unserem Elend schuld ist, und daß wir kämpfen müssen, wenn wir nicht untergehen wollen. Also zeigt Gemeinschaftsgefühl und dient: denen, die es am nötigsten brauchen, dem Proletariat!

*

Der Individualpsychologe hat in der Lehre der Individualpsychologie völlig sein ideologisches Auskommen gefunden. Was immer in seinen Gesichtskreis kommt, er kann es individualpsychologisch verstehen und bewerten. Daher stellt er sich zum Marxismus so ein:

Kritik der Individualpsychologen am Marxismus

Wir haben es mit dem Einzelmenschen zu tun. Aber wenn wir ihm helfen wollen, so stoßen wir an die Nebenmenschen, die nicht mittun. Wir stoßen an seine sehr realen Minderwertigkeiten, die seinen Mut beschneiden, und den Ermutigten immer wieder zurückholen. Auch sehen wir, je tiefer wir blicken, den Neurotiker nicht mehr vereinzelt: es gibt keine Gesunden mehr. Alle müßten erfaßt werden, und dazu brauchten wir Einfluß bei Behörden und Regierungen, Schulen und Krankenhäusern. Wir müßten Plätze haben, wo wir die Kinder hintun können, die in der Familie zu kurz kommen. Wir müßten die Möglichkeit haben, den Menschen einen Beruf, eine Arbeit zu ver- schaffen, in dem sie ihren Mut üben können, ohne gleich wieder geknickt zu werden. Wir müßten es in der Hand haben, die soziale Mindergeltung der Frau abschaffen zu können. Dies alles können wir nicht, und wir ahnen, es liegt außerhalb unserer psychologischen Mittel. Es ist eine Sache der Soziologie und der Sozialpolitik. Der Marxismus erklärt uns, warum es so ist. Er liefert uns die Statistiken, vor denen wir fast machtlos erschaudern. Er erklärt uns, warum die Reichen meist ihre Krankheit — wenn sie nicht gar zu schmerzhaft ist — der Gesundung vorziehen, und warum sie lieber ungeheilt an ihre Kassenschränke zurücklaufen, ehe sie mit der Gemeinschaft ernst machen. Er erklärt uns auch, warum Regierungen, Behörden, Schulen und Krankenhäuser sich uns abgeneigt zeigen, uns, die wir ihnen ihre reale Macht zugunsten der Machtlosen wegermutigen wollen. Ihr gebt uns die Einsicht, wie das alles zu ändern wäre, und die sozialökonomischen Belege, daß es zu ändern wäre. Aber ihr schlagt einen Weg vor, der uns bedenklich scheint. Ihr teilt die Menschen in feindliche Lager: Klassen. Ihr wollt eine Gemeinschaft nur für das Proletariat auf Kosten der anderen, der Bourgeoisie. Warum nicht „Menschheit“? Wohl sehen wir: die Gemeinschaft der Klasse ist wenigstens eine Art Gemeinschaft, und wir begrüßen es, wenn ein Isolierter sich ihr anschließt. Wohl sehen wir: der Sozialismus, wie ihr ihn erstrebt, wäre der hygienische Lebensraum, in dem alle Kräfte sich frei entfalten könnten. Wir sehen die Kindergemeinschaft, die in Zukunft das Oben — Unten der Familie ersetzen soll. Wir sehen die kluge Arbeitsteilung, bei der jeder nach Neigung und Fähigkeiten zum Dienst an der Allgemeinheit herangezogen wird. Wir sehen die Aufhebung der sozialökonomischen Mindergeltung der Frau als eine wichtige Voraussetzung zur Ausrottung des „männlichen“ Protests. Wir sehen die Abschaffung jeglicher Unterdrückung und Knechtschaft als wichtigstes Mittel zum Abbau des Machtstrebens.

Wir müssen auch zugeben, daß selbst die Demokratie in ihrer Vollendung nur die rechtliche, nicht aber die ökonomische Gleichheit schaffen kann, und wir sind sehr sorgenvoll, ob die Machthaber jemals freiwillig auf ihren Krankheitsgewinn werden verzichten wollen.

Aber im Zwang, im Kampf, in der Diktatur sehen wir schlechte Mittel zum guten Zweck. Eure Kampforganisationen, wenn sie auch wohltätige Sammelbecken für Gemeinschaftswillige sind, bilden gleichzeitig Schulen der Neurose. Die Machtgier der Einzelnen sammelt ihr, um sie als geballte Machtausübung gegen die Beharrenden zu wenden. Ihr wollt mit Macht die Macht vertreiben. Wenn ihr die Macht erlangt habt, werdet ihr sie nicht für euch verewigen wollen? Ist nicht euer Klassenkampf eine furchtbare Form der Neurose? Wir verstehen sie: sehen wir doch die Bedingungen dieser Zeit, die klassenmäßige Minderwertigkeitsgefühle züchten und also klassenweise Kompensationen verlangen. Aber ist eure Berufung auf die Gemeinschaft in der Zukunft nicht eine Flucht nach vorn — da die Gemeinschaft heute schon zu etablieren, euch der aktive Mut fehlt?

Wir nehmen euch als Helfer an, wenn ihr durch euer fortgesetztes Drängen den Lebensraum der Vielen wohnlicher zu machen sucht. Aber wir werden darüber wachen, daß sich unter der Maske der Gemeinschaft nicht eine neue Neurose in eure Reihen schleicht, furchtbarer als jede einzelne Neurose. Wir werden versuchen, die Auseinandersetzung, wenn sie unvermeidlich wird, so mild als möglich zu machen. Wir wollen lieber noch ein bißchen länger warten, ehe wir das Schwert zücken, denn alle, die es trifft, sind ja krank und also nicht verantwortlich. Wir werden auch versuchen, unsere Geschichtserklärung in die eure einzuflechten, damit nicht „Verhältnisse“ und „Umstände“, „Klassenlage“ und „Produktivkräfte“ zu Zufluchtsstätten der Verantwortungsscheuen werden. Wir wollen akzeptieren die ökonomische Basis, wie Marx sie uns zeigt, aber wir wollen kämpfen gegen den Fetisch des Geschichtsfatalismus, der die Kräfte lähmt und an der Umstellung hindert. Wir bieten euch ein Bündnis an. Wir wollen euch helfen, mit euern Kindern, mit euch selbst, ja mit den „Verhältnissen“ besser fertig zu werden. Helft ihr uns aber, die Macht aus der Welt zu schaffen, nicht nur indem ihr sie gewaltsam ausrottet, sondern indem ihr sie ablegt, auch in euren eigenen Reihen. Ihr sagt, wir wollten euch zur Demut erziehen. Nein, wir sind keine Christengläubigen. Wir wollen euch zum Mut erziehen. Ihr glaubt, die anderen würden den Hochmut behalten und den Geldsack und alles bliebe beim alten? Nun, wenn das eintritt, dann habt ihr recht gehabt. Aber ehe ihr zuschlagt, probiert's mit dem Mut!

5. Verschmelzung

Die Zweifel, die die Vertreter unserer beiden Lehren gegeneinander hegen, sind auf folgende einfache Formel zu bringen:

Die Marxisten sagen: Um neue Menschen erziehen zu können, brauchen wir neue Verhältnisse.

Und die Individualpsychologen sagen: Um neue Verhältnisse schaffen zu können, brauchen wir neue Menschen.

Die Marxisten fürchten: Wenn wir uns an die Erziehung der Menschen machen, ehe neue Verhältnisse geschaffen sind, dann verfallen wir in den Fehler der Utopisten. Wollen wir auf die neuen Menschen warten, so kommen wir niemals zu neuen Verhältnissen.

Und die Individualpsychologen fürchten: Wenn wir uns an die Umgestaltung der Verhältnisse machen mit den alten Menschen, so werden immer wieder die alten Verhältnisse daraus werden. Adler hat uns ja gelehrt, daß auch die verschiedensten Verhältnisse (= „Lebenspläne“) dasselbe aussagen, solange das innere Ziel nicht angetastet wird, solange wir nicht eine neue Richtung einschlagen.

*

„Menschen“ und „Verhältnisse“ — das lehrte uns der Marxismus wie auch die Individualpsychologie — sind nicht zu trennen und in eine zeitliche Reihenfolge einzuspannen. Alle Verhältnisse werden von Menschen gemacht, getragen oder geändert. Alle Menschen leben in und durch die Verhältnisse.

Es leuchtet ohne weiteres ein, daß Menschen und Verhältnisse gleichzeitig und zusammen verändert werden müssen.

Das könnte nun so verstanden werden: Die Individualpsychologie befaßt sich mit der Veränderung der Menschen, der Marxismus mit der Veränderung der Verhältnisse. Am Ziele — Gemeinschaft — treffen sie sich.

Obzwar aus all dem bisher Gesagten die Mündung der beiden Lehren und Bewegungen in eine höhere Gemeinsamkeit mit Evidenz hervorgeht, und obzwar sich in der vorangeschickten Kontroverse Marxist und Individualpsychologe über das Ziel einig waren, wollen wir an dieser Stelle noch einmal eigens begründen, warum unserer Meinung nach die Ziele identisch sind; warum die individualpsychologische Gemeinschaft nur im Sozialismus erreicht sein kann, warum der Sozialismus eine leere Wirtschaftsform bleibt, wenn er nicht die Gemeinschaft darstellt, wie sie die Individualpsychologie erstrebt.

Die individualpsychologisch gemeinte Gemeinschaft ist eine zwischenmenschliche Beziehung anderer Art, als wir sie heute in irgendeiner der bestehenden Beziehungsformen antreffen. In ihr verhalten sich alle Menschen wie gleich zu gleich. Es gibt kein Oben — Unten, kein Stark — Schwach, kein Groß — Klein als Wertmesser. Jeder ist „so“ oder „anders“, nicht „mehr“ oder „weniger“. Die verhängnisvolle Rangordnung unter den Menschen ist aufgehoben. Die erste der drei Lebensaufgaben, die Lösung der mitmenschlichen Beziehungen, erfolgt im Sinne der Kameradschaft und des Miteinander-Da- seins. Ferner ist aufgehoben die Rangordnung der Geschlechter. Männlich — Weiblich ist nicht mehr ein Wertmaßstab (ein Quantitatives), sondern eine Wesensabgrenzung (ein Qualitatives). Die zweite der drei Lebensaufgaben, die Lösung der Geschlechtsbeziehungen, erfolgt im Sinne der Gleichberechtigung und der Gleichwertigkeit. Schließlich ist aufgehoben der Zustand, daß Menschen vor der mitmenschlichen Arbeitsleistung auskneifen können, was immer ja bedeutet, daß sie auf Kosten anderer leben. Die dritte Lebensaufgabe, die Regelung der menschlichen Arbeit, erfolgt im Sinne einer zweckentsprechenden, alle Gemeinschaftsmitglieder umfassenden Arbeitsteilung. Die Voraussetzungen für eine derartige Organisation mitmenschlichen Daseins sind nur gegeben in der sozialökonomischen Gestalt des Sozialismus. (Wir sagen hier „Sozialismus“, gekürzt für „Sozialismus und Kommunismus“, welche zwei historische Stufen darstellen.)

In jedem klassengespaltenen Gesellschaftssystem stellt sich unvermeidlich die Anschauungsform des Oben — Unten, Männlich — Weiblich, des Mehr oder Weniger ein. Sie innerhalb der gegebenen Ordnung aus der Welt zu schaffen, ohne diese Ordnung selbst anzutasten, bleibt Utopie. Denn aus dieser Ordnung beziehen ja die Menschen die Anlässe zu ihren vielfältigen Minderwertigkeitsgefühlen, die sie immer wieder zu der Aufrechterhaltung und Verstärkung der neurotischen Anschauungsformen verlocken.

Innerhalb der Klassengesellschaft mit ihrem Elend, ihrer Ungerechtigkeit, ihrem Zwang, kein Loskommen von der Minderwertigkeit, keine Ausrottung der Min- derwertigkeitsgefühle. Und außerhalb des Sozialismus keine gleichberechtigte, mitmenschliche, neurosenfreie Gemeinschaft.

Der Sozialismus ist das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, in dem die Produktionsmittel Gemeingut aller Gesellschaftsmitglieder sind; mittels ihrer wird in gemeinsamer, von allen zu ihrem Teil zu leistender Arbeit die Sicherung des Lebens bestritten. Die Gesellschaft (zuerst noch der Staat) verwandelt sich von einer Herrschaft über Menschen in eine Verwaltung von Sachen. Alle Lebensverhältnisse werden im Hinblick auf den gemeinsamen Bedarf (= die gemeinsame Sicherung) geregelt. Dies kann jedoch nur dann gelingen, wenn jeder Einzelne — die Gesamtheit der Einzelnen stellt ja die Gemeinschaft dar — sein individuelles Ziel von Geltung auf Leistung umgestellt hat. Wenn er bereit ist, auf seine hochmütig-schmerzvolle Einzelheit zugunsten einer brüderlichen Einheit zu verzichten. Wenn er den Quantitätswertmesser des bürgerlichen Oben — Unten, Mehr — Weniger vertauscht hat mit dem Qualitätswertmesser So — Anders. Ohne all diese Voraussetzungen in der Seele des Menschen wird der Sozialismus nie aus der Zwangsphase des Durchgangsstadiums in die Freiheitsphase des Kommunismus münden. Er wird eine Zwangsgesellschaft bleiben und sich nicht wesentlich von der bürgerlichen Ordnung letzten Grades (Staatskapitalismus) unterscheiden.

Aber wenn man noch meinen könnte, diese seelische Umstellung werde „am Tage nach dem Siege“ von selbst beginnen und dann im Rahmen der neuen Wirtschaftsordnung sich automatisch entfalten, so übersieht man, daß zur Heraufführung der neuen Wirtschaftsordnung selbst — freilich keine neuen Menschen (Sozialisten), wohl aber — neu gerichtete Menschen (klassenbewußte Proletarier) unerläßlich sind. Der Klassenkampf als Weg zum Sozialismus ist undurchführbar ohne den gleichzeitigen Vollzug des Abbaues der Neurose.

*

Wenn wir somit angedeutet haben, in welcher Weise die Ziele der beiden Lehren zusammengehören und ineinander übergehen, müssen wir nun auch noch begründen, warum die beiden Bewegungen sich nicht erst am Ziele treffen können, sondern auch den Weg zusammengehen müssen.

Die zwei Haupteinwände der Marxisten gegen die Individualpsychologie waren: die Umstellung des Geistes kann erst auf Grund schon geschaffener neuer Produktionsverhältnisse erfolgen. Und: die Taktik der Individualpsychologie, mit der sie diese Umstellung bewirken will, scheint die Gefahr der Versöhnlichkeit zu enthalten. Der erste Einwand ist von uns schon dort entkräftet worden, wo wir andeuteten, daß der Geist allerdings eine Ueberbau-Funktion ist, die sich erst mit und nach der Unterbau-Revolution verändern kann; daß aber die Seele selbst Element des Unterbaues und infolgedessen Mitträger und Mitgetragener der Revolution ist. Und nur die Seele meint der Individualpsychologe, nicht den Geist, den er vielmehr ja auch beim Individuum nur als Ueberbau-Erscheinung gelten läßt. Der zweite Einwand, der des Pazifismus, wird entkräftet werden, wenn wir uns mit der sozial kämpferischen Rolle des Mutes werden beschäftigt haben.

Die zwei Haupteinwände der Individualpsychologen bezogen sich auf die marxistische Taktik (in der sie eine neurotische Machtattitüde sahen) und den marxistischen Gesellschaftsbegriff der Klassenspaltung. Was die Taktik betrifft, so meinen die noch so umschriebenen Bedenken eigentlich immer nur den Kern der Frage, die Frage der Gewalt. Gewalt, als etwas Neurotisches, als etwas, das man tun oder auch lassen kann. Diesen Einwand möchten wir, da wir die Widerlegung besser nicht formulieren könnten, mit den Worten zu entkräften suchen, die vor fast hundert Jahren der revolutionäre Dichter Georg Büchner schrieb: „Man wirft uns den Gebrauch der Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand? Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, daß wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen und Füßen und mit einem Knebel im Munde. Was nennt denn ihr gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum frondenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderheit zu befriedigen? Dies Gesetz ist eine ewige rohe Gewalt, angetan dem Recht und der gesunden Vernunft!“ Diesen Gewaltzustand durch Gewaltlosigkeit bekämpfen wollen, das heißt, in der Sprache der Individualpsychologie, sich den Machtgelüsten von Neurotikern widerstandslos ausliefern. Um den zweiten Einwand der Individualpsychologen gegen den Marxismus zu entkräften, müssen wir auf die gemeinschaftsbildende Rolle des Proletariats als Klasse und auf seinen Klassenkampf etwas näher eingehen.

*

Eine Klasse ist die Gesamtheit aller Menschen, die in bezug auf den Produktionsprozeß die gleiche Stellung einnehmen und die gleichen Interessen haben. (Schon hier zeigt sich die Verflochtenheit von Sozialem und Seelischem: Die Stellung im Produktionsprozeß ist etwas Materiell-Gegebenes, die Interessen im Produktionsprozeß sind etwas Seelisch-Aufgegebenes.)

Eine Klasse als etwas Kollektives setzt voraus und bewirkt einen seelischen Kollektivismus. Klassen als Zerfallsprodukte der ursprünglichen Gemeinschaft setzen aber auch voraus und bewirken einen seelischen Individualismus. Eine Klasse ist der soziale Raum, in dem sich Individualität und Kollektivität treffen. Nun sind aber seit dem Zerfall der Urgemeinschaft keineswegs alle Klassen gleichzusetzen. Vielmehr ist ihre Grundhaltung die individualistische — durch die Privatwirtschaft gegebene — und ihre klassenhafte Verbundenheit ist nur ein Kollektivismus der Not oder der Abwehr. Daher haben auch alle historischen Klassen bis auf das Proletariat kein stetiges Klassenbewußtsein entwickelt. Die „Dieselbigkeit“ ihrer Stellung und ihrer Interessen im Produktionsprozeß berechtigte Marx, als er den Klassenbegriff aufstellte, sie nachträglich als Klassen zu definieren. Die erste und eigentliche Klasse ist das Proletariat. Die Bourgeoisie ist nur insoweit Klasse, als es sich um die Verteidigung der ihr gemäßen Produktionsverhältnisse handelt. In sich selbst ist sie gespalten. Die Bourgeoisie (als Vertreter aller bisherigen privatwirtschaftlichen Klassen) ist gewissermaßen von außen zur Klasse geworden: durch den Anstoß der hemmenden Feudalklasse von rückwärts und die Bedrohung der treibenden Proletarierklasse von vorwärts. Das Proletariat ist eine Klasse nicht nur von außen — indem es sich formiert gegen die hemmende Bourgeoisieklasse —, sondern auch von innen, indem es die Klasse benutzt als Mittel der Entindividualisierung: nicht Klasse mehr als Mittel zur Etablierung oder Instandhaltung individueller Macht — sondern Klasse als Weg zum Abbau individueller Macht und Aufbau gemeinschaftlicher Sicherung. Infolge dieser einzigartigen historischen Situation als letzte Klasse ist allein das Proletariat befähigt und auch genötigt, ein Klassenbewußtsein zu entwickeln. Klassenbewußtsein ist mehr als die Erkenntnis der spezifischen Klassenlage. Es ist das Aufsichnehmen der Klassenmission. Insoweit könnte man sagen, daß etwa auch die bürgerliche Klasse in der Durchführung ihrer Revolutionen ein Klassenbewußtsein entwickelt hat. Aber dies tat sie nur als Kampfmittel, nach der Etablierung ihrer Herrschaft löst sich die Klasse wieder in Einzelne — eben freie Konkurrenten — auf. Die spezifische Mission der proletarischen Klasse aber ist die Abschaffung der Klassen überhaupt. Dies geschieht in der proletarischen Revolution.

In diesem Zusammenhang spielt der Klassenkampf nun eine doppelte Rolle. Er ist einmal das aggressive und defensive Mittel der proletarischen Klasse, die Gesellschaft zu verändern. Dieser Klassenkampf ist es, den das Mißtrauen unseres individualpsychologischen Diskutanten vom vorigen Kapitel betrifft. Dieser Klassenkampf ist in der Tat Ventil und Kompensation einer klassenmäßig bedingten Neurose, mit allen Erscheinungsformen einer individuellen Neurose, und vollzieht sich in den zeitgegebenen Anschauungsformen Oben — Unten. Er ist aber auch mehr als eine Klassenneurose, wofern er vom Klassenbewußtsein getragen wird: von der Erkenntnis und dem Aufsichnehmen der Klassenmission, die da lautet: alle Klassen, und somit auch sich selbst als Klasse, aufzuheben. Damit wird eine Kardinalforderung der Individualpsychologie: Aufhebung der neurotischen Isolation und des Machtzieles überhaupt, erfüllt.

Wofern er vom Klassenbewußtsein getragen wird... Das ist nicht eindeutig gegeben. Der spärliche Hinweis von Marx im „Kapital“: „Im planmäßigen Zusammenwirken mit andern streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen“ bezeichnet nur die objektive Möglichkeit, aber nicht die subjektive Wirklichkeit des Klassenbewußtseins. Damit dieses Klassenbewußtsein Wirklichkeit werde, damit also der Klassenkampf aus einem Massenprotest ein Gemeinschaftsaufbau werde, müssen die Fesseln gesprengt sein, die die Klassenkämpfer — Proletarier — in ihrer neurotischen Einzelheit festhalten.

Der Marxismus hat uns gezeigt, daß die herrschende Klasse der beherrschten ihre Ideologie (ihre Geistesform) aufnötigt. Sie aus den ideologischen Banden zu befreien, genügt vielleicht die marxistische Erklärung dieser Bande. Hat sich doch aus der beherrschten Klasse trotz des ideologischen Zwanges ja der Marxismus entwickeln können! Aber die beherrschte Klasse ist nicht nur ideologisch, sie ist auch seelisch beherrscht von den Triebkräften der Zeit: wie der Kapitalismus die Arbeitskraft des Proletariers zur Ware macht, wie er seine ganze Tätigkeit im Produktionsprozeß entpersönlicht, so verpersönlicht er den Proletarier seelisch um so mehr. Denn nach dem Gesetz der Kompensation, wie sie innerhalb des Oben-Unten-Systems der individualistischen Gesellschaft funktioniert, wird der Proletarier um so mehr Bedürfnis nach Persönlichkeit haben, je weniger ihm davon in der Praxis zugemessen wird. Die Minderwertigkeits-Macht-Konstellation, in die er hineingeboren wird, läßt ihm fast kein Ventil faktischer Machtausübung. Er verfällt der Neurose. Diese Neurose betätigt er auf den Nebenkriegsschauplätzen der Familie, der Bierbank, des Kegelklubs. Und er findet im großen Hauptschauplatz der Gegenwart, in der Arena des Klassenkampfes, einen prächtigen Boden, wo er seine Neurose ausleben kann. Für manchen Proletarier ist die Rolle des Klassenkampfes erfüllt, wenn sie ihm die unbewußt so sehnlich erstrebte Kompensation seines privaten Minderwertigkeitsgefühls bietet. Die Organisation des kämpfenden Proletariats wird ihm zum Tummelplatz seiner Geltungswünsche, die Genossen werden Rivalen, die er je nach Situation neurotisch über- oder entwertet, die Aufstiegsmöglichkeiten zum Führer, Sekretär, Funk- tionär, Vertrauensmann, Abgeordneten, sind ihm Staffeln zur Macht. Dieses Eindringen des Ehrgeizes in den Klassenkampf verhindert aber das Zustandekommen des echten Klassenbewußtseins. Nun könnte man wohl einwenden: selbst wenn die Tätigkeit im Klassenkampf vom einzelnen Proletarier nicht aus wirklich klassenbewußtem Solidaritätsgefühl, sondern aus privatem Geltungsstreben aufgenommen wird, wir fragen nicht danach, sofern sie nur überhaupt aufgenommen wird. Und der „männliche Protest“, der gegen den Druck der Ueberwertigen revoltiert, ist uns gerade recht als Antrieb zu Massenbewegungen. Wenn es damit sein Bewenden hätte, könnten wir freudig ja sagen. Aber es hat nicht damit sein Bewenden. Der Proletarier, dem die Klassenfront nur Raum seiner Geltungsgelüste ist, wird aus ihr desertieren, wenn von wo anders größere Geltung lockt, oder wenn er durch die auf Solidarität gerichtete Klassengemeinschaft sich in seinem Machtstreben beschnitten sieht. Er wird sogar, wenn andere Klassenneurotiker sich vordrängen, ihn zurücksetzen und entwerten, nun gegen die eigenen Genossen in Protest treten und vielleicht Helfer der Bourgeoisie werden. Er wird gegen den Klassenkampf genau so revoltieren wie er in der Kinderstube, in der Familie, im Beruf revoltiert hat. Er wird klassenkampfunzuverlässig sein. Denn das ist ja gerade das Kennzeichnende am Neurotiker, daß es bei ihm nicht um die Leistung geht, sondern um die Macht (oder den Schein der Macht), und daß Tragkraft und Richtung seiner Handlungen stets abhängig bleiben vom Machtziele und mit dem Auf und Ab des Geltungs- thermometers sich verändern. Das echte Klassenbewußtsein hat nämlich eine soziologische und eine psychologische Seite. Die soziologische Seite ist gegeben in der Vergesellschaftung des Produktionsprozesses. Die Arbeiter am fließenden Band sind natürlich mehr als die Gesellen bei Kleinmeistern und die Gelegenheitsarbeiter auf dem Land zum Klassenbewußtsein prädisponiert. Aber nur prädisponiert, nicht gezwungen. Die psychologische Seite involviert einen Uebergang vom Ich zum Wir. Wer „Klasse“ wirklich denkt, muß „Wir“ denken können. Nun haben wir aber aus der ausschlaggebenden seelisch-wirtschaftlichen Situation alle nur „Ich“ denken gelernt. Und wenn selbst acht Stunden am fließenden Band den Arbeiter zum Wir treiben, die sechzehn Stunden in der kleinbürgerlichen Familie, im Kino, am Sportplatz, in der Kneipe, reißen ihn wieder ins Ich zurück. Es stellt sich also der automatischen Entfaltung des Klassenbewußtseins aus den zugehörigen Produktionsgrundlagen ein seelisches Hemmnis entgegen, das innerhalb des kapitalistischen Zeitraumes — und nur ihm gilt ja die Dauer des Klassenkampfes — nur von der Individualpsychologie erkannt und behoben werden kann. Die Durchsetzung der Klassenfront mit mehr oder weniger ausgesprochenen Machtneurotikern ist eine Gefährdung des Klassenkampfes durch Unzuverlässigkeit und ist eine Gefährdung des Zieles durch falsche Richtung.

Daß wir die Beseitigung dieser Gefahren nicht darin erblicken, jeden Einzelnen erst einer individualpsychologischen Therapie zu unterziehen, sei vorneweg gesagt. Es wäre unmöglich, utopisch, ist aber, wie aus dem Folgenden sich ergeben wird, auch gar nicht nötig.

Der Abbau der Neurose, die dem Klassenkampf so gefährlich zu werden droht, erfolgt vermittels der Ermutigung.

Bevor wir daher zur zweiten Funktion des Klassenkampfes Stellung nehmen, wollen wir uns mit dem Hauptproblem der Individualpsychologie, mit dem Mut, befassen.

Im üblichen Sprachgebrauch ist „Mut“ der Gegensatz zu „Feigheit“. Unter Mut versteht man die Sicherungsmethode des Anpackens, unter Feigheit die Sicherungsmethode des Ausweichens und Flüchtens. Mut wie Feigheit sind Antworten des menschlichen Charakters auf gegebene Lebensfragen. Die Lebensfragen lassen sich alle letzten Endes reduzieren auf die Frage der Sicherung. Sicherung ist das Bestreben, eine Unsicherheit zu beseitigen. Die Unsicherheit erscheint in der menschlichen Seele als Unsicherheitsgefühl, das bei einer gewissen Stärke sich als Angst äußert. Mut ist in diesem Bezugsystem Beseitigung der Angst mit positiven (Angriffs-) Mitteln, Feigheit Beseitigung der Angst mit negativen (Flucht-) Mitteln. Ihren Wertakzent bekommen beide Eigenschaften in bezug auf ihre Tauglichkeit. Der Mut, der durch Angreifen reagiert, hat erfahrungsgemäß größere Chancen, die Unsicherheit in Sicherheit zu verwandeln, als die Feigheit, die der Unsicherheit nur aus dem Wege geht, sie aber bestehen läßt. Durch das Ausdemwegegehen kann zwar eine individuelle Sicherung bewirkt werden; die Unsicherheit im allgemeinen wird dadurch jedoch nicht auf- gehoben. Die Bewertung, die Mut höher schätzt als Feigheit, entstammt somit einer Epoche kollektiver Wertsetzungen. Da Mut sowohl wie Feigheit Aeußerungsformen der Angst sind, hat Angst eigentlich gar kein Wertvorzeichen. Die Geringschätzung, mit der man etwa sagt, „er hat Angst“, meint also eigentlich: „Er hat Angst und wird sich infolgedessen feige benehmen.“ Im bisher gebrauchten Sinn sind also Mut und Feigheit als Verhaltungsweisen, nicht als Eigenschaften gemeint: Mutig ist einer, der zupackt, feige einer, der davonläuft.

In individualpsychologischem Sprachgebrauch bedeutet aber Mut mehr. Er ist dann nicht das Gegenstück zu Feigheit, sondern zu Mutlosigkeit. Die Individualpsychologie hat sich am zeitgenössischen Menschen entwickelt. Sie ist zunächst zugeschnitten auf den Menschen der höchstentwickelten individualistischen Epoche. Jeder Mensch ist allein auf sich selbst gestellt in einer Welt von einzelnen Individuen. Allein schon dadurch ist die allgemeine Unsicherheit für jeden Einzelnen noch zu einer besonders verstärkten Unsicherheit geworden, zu einer individuellen Gefahr. Der Einzelne nimmt nun zu sich selber Stellung und meint, je nach seinen individuellen Gegebenheiten, mittels seiner individuellen Kräfte die Gefahr überwinden zu können, oder er meint, ihr, infolge seiner unzulänglichen Kräfte, erliegen zu müssen. Je nachdem wie die Selbsteinschätzung ausfällt, wird er mutig oder mutlos (durch seine Unzulänglichkeit entmutigt) sein. Infolge der durch die Individualisiertheit und dazu die individuelle Minderwertigkeit aufs höchste gestiegenen Angst erscheinen in den aller- meisten Fällen die Gefahren übergroß und dementsprechend die eigenen Kräfte überklein: es kommt zur Mutlosigkeit. Infolge der Mutlosigkeit entwickelt der Einzelne die Verhaltungsweise des Feiglings, wird nie mit der Gefahr fertig, sondern sieht sie vielmehr von einem Ausweichen zum anderen ins Unüberwindbare anwachsen. Seine Sicherung gelingt ihm nicht einmal mehr individuell, er kommt zum Scheitern, wird neurotisch. Die Therapie hat daher die erste Aufgabe, nachdem sie das Bewußtsein des Neurotikers auf diese Zusammenhänge gelenkt hat, ihn zu ermutigen. Dies geschieht, indem die Selbsteinschätzung korrigiert wird. Durch den Hinweis darauf, daß nicht der Einzelne allein besonders geschwächt, verkürzt, gefährdet sei, sondern daß es jedem anderen ebenso ergehe, wird den entmutigenden Minderwertigkeitsgefühlen ein Teil ihres Nährbodens entzogen. Die individuelle Mutlosigkeit wird damit (in günstigen Fällen) teilweise behoben. Völlig kann sie nur behoben werden durch Abänderung des Zieles von Persönlichkeitsgeltung auf Gemeinschaftssicherung, da die Verfolgung des ehrgeizigen Persönlichkeitszieles den Einzelnen immer tiefer in die Mutlosigkeit verstrickt hat. Seine Kompensationsform, die Neurose, wird ihm als unrentabel nachgewiesen. Die individuellen Minderwertigkeitsgefühle sind abgebaut, es bleibt aber die Angst, die aus der tatsächlichen Unsicherheit jedes Einzelindividuums fließt. Sie kann nur durch Gemeinschaft beseitigt werden, denn die spezielle Gefahr für das Individuum ist ja seine Einzelheit. Mit einer intellektuellen Aufklärung über die wirkliche und fiktive Minderwertig- keit ist nur der erste Schritt zur Ermutigung getan. Die weitere Ermutigung ist Sache der tätigen Erfahrung. So wie der Neurotiker durch seine isolierte Lebensweise der Gegenhaftigkeit stets tiefer in die Entmutigung hineingeraten ist, so muß er allmählich durch die Betätigung in der Mitmenschlichkeit die Ermutigung erfahren, immer weiter in den Mut hineingeraten. Hier gerät nun die Individualpsychologie an eine Grenze. Betätigung in der Mitmenschlichkeit setzt eine Mitmenschheit voraus. Aber die Menschheit ist in Klassen gespalten. Eine Zeitlang mag der Mut wachsen, indem man ihn (trotz Hemmungen der Oben-Unten-Struktur) zum Beispiel in der Familie übt, oder sich die winzige Gemeinschaft eines Vereins, eines Freundeskreises als Betätigungsfeld sucht. Schon bei der Berufsfrage aber stößt der Einzelne auf die Gegenmenschlichkeit der Gesellschaft. Jede kleine Gemeinschaft verschwindet im umfassenden Rahmen der allgemeinen Gespaltenheit.

Der Mut wird also auf künftige Gemeinschaft ausgerichtet. Um diese Gemeinschaft verwirklichen zu können, muß der Einzelne sich mit den Kräften auseinandersetzen, die in der Gegenwart für oder gegen eine künftige Gemeinschaft am Werke sind. Er muß sich einer Klassengemeinschaft anschließen.

Nun könnte der bürgerliche Individualpsychologe dem auszuweichen trachten, indem er die Klassentatsache leugnet und sich mit kleinen Pseudogemeinschaften und einem kompromißlerischen „freundlichen Auskommen“ mit den gegnerischen Tendenzen begnügt. Aber er stößt sehr bald an eine Grenze, die ihn vor die Alternative stellt: entweder sich mit dem Gegebenen gemeinschaftswillig abzufinden und dabei die Neurose, als zeitgemäße Verhaltungsweise, im Grunde zu behalten (vielleicht ein wenig abgeschliffen) — oder die Neurose ernstlich abzulegen und die neurotische Gesellschaft zu verändern. Hier trifft die Individualpsychologie mit ihrer Ermutigung auf die zweite Funktion des Begriffs Klassenkampf, mit der wir uns jetzt beschäftigen müssen.

Die Hoffnung des Individualpsychologen, neben dem Klassenkampf in einem „neutralen“ Feld einen Betätigungsboden für den neuen Mut zu finden, erweist sich als trügerisch, wenn man entdeckt, daß innerhalb des Kapitalismus jeder Boden Klassenkampfboden ist. Der Klassenkampf ist nämlich eine Bewegung, ein Abwehr- und Sicherungsmittel nicht nur des Proletariats, sondern jedes Menschen innerhalb der Klassengesellschaft. Da die beiden ausschlaggebenden Klassen, Bourgeoisie und Proletariat, in entgegengesetzter Funktion an dem Produktionsprozeß beteiligt sind und also entgegengesetzte Interessen haben, stoßen diese entgegengesetzten Interessen und Funktionen an jedem Punkte der Wirklichkeit aufeinander und geraten in Kampf. Er ist oft lange, auf manchen Gebieten immer ein latenter, „friedlicher“ Kampf, aber an den entscheidenden Stellen enthüllt er sich nackt und macht auch die Blinden sehend. Alle Erscheinungen im heutigen Wirtschafts-, Gesellschafts-, Staats-, Geistesleben sind Niederschläge von Kampfhandlungen, die entweder mit Siegen oder mit Niederlagen oder mit vorläufigem Waffenstillstand geendet haben. Alle Bewegungen der heutigen Ordnung sind Gegen- bewegungen zweier vital verschiedener Menschengruppen. Jeder einzelne Mensch gehört durch seine Stellung im Produktionsprozeß der einen oder anderen Klasse an (auch wenn dies, wie etwa bei den freien Berufen, etwas verschleiert ist). Er braucht seine Interessen im Bewußtsein nicht mit seiner Stellung im Produktionsprozeß zu identifizieren, das heißt er braucht nicht klassenbewußt zu sein. (Die freien Berufe zum Beispiel, die zum Proletariat gehören, da sie nur ihre Ware Arbeitskraft als Besitz haben, sind durch den Umstand, daß sie bürgerlich erzogen sind und ihre „Waren“ nur innerhalb der bürgerlichen Klientel hinreichend bezahlt bekommen können, an der Gewinnung des proletarischen Klassenbewußtseins stark behindert.) Aber an den entscheidenden Punkten seines Lebens wird sich herausstellen, daß er gegen seine eigentlichen Interessen gehandelt hat. Die „soziale Frage“ ist verzweigt bis in die schmalsten Kanäle der Anschaffung einer Hobelbank für eine Schule, der Stundung einer Steuer, der Zuweisung einer Wohnung usw. Jedes Gesetz, jede Verordnung, jede wissenschaftliche Entdeckung oder technische Erfindung wirkt sich früher oder später im Interesse der einen und gegen das Interesse der anderen Klasse aus. Das ist oft undeutlich, oft hinter demokratischen oder philanthropischen Masken versteckt, am Effekt aber nach einiger Zeit immer abzulesen.

Der Klassenkampf ist keine Frage der Politiker, sondern des täglichen Lebens jedes Einzelnen, auch wenn ihm das sein ganzes Leben lang unbewußt bleibt (wie ja auch sein Minderwertigkeitsgefühl und Machtstreben einem ungeheilten Neurotiker unbewußt bleiben kann). Ja, Politik ist überhaupt nicht ein Spezialfach des Lebens wie Zähneziehen — wenn auch die Warenwirtschaft des Kapitalismus es ermöglicht, daraus einen Beruf zu machen —, sondern die allgemeine aktive Stellungnahme zu den Vorgängen der Gegenwart, die direkt oder indirekt jeden etwas angehen. Der unpolitische oder neutrale Mensch ist daher weder unpolitisch noch neutral, er weiß nur von sich nicht, daß er politisch und parteiisch ist, und da er das nicht weiß, wird er oft die Beute seiner tiefsten Interessengegner.

Der Mut zur Gemeinschaft, den der Einzelne durch seine Loslösung von individueller Entmutigung freigemacht hat, muß zuerst durch das Stadium der Wirklichkeit hindurch. Diese Wirklichkeit ist keine Gemeinschaft, sondern erst der Kampf um die Gemeinschaft. Von diesem Kampfe bewußt Kenntnis zu nehmen, ist die erste Phase des Mutes, der in die erste Phase des Klassenbewußtseins umschlägt. Denn die erste Phase des Mutes ist die Bereitschaft zur Erfahrung der Wirklichkeit, und die erste Phase des Klassenbewußtseins ist Erkenntnis der eigenen Klassenbedingtheit. Beides sind zunächst individuelle Schritte, es sind die ersten Schritte des Individuums von der Individualität (ihrer Angst, ihrer Isoliertheit, ihrer Zusammenhanglosigkeit) weg.

Hier könnte nun für den Einzelnen die Frage auftauchen, welches Klassenbewußtsein, das bürgerliche oder das proletarische, er mit seinem neuen Mut besiedeln soll. Wir nehmen an, daß auch Einzelne der bürgerlichen Klasse, die an ihrer Privat- neurose gescheitert sind, den Schritt zur Wirklichkeit wagen. Ihrer Klassenlage entspricht das bürgerliche Klassenbewußtsein. Dieses ist aber, wie wir gesehen haben, durch die unbewußten Klasseninteressen an der Entfaltung verhindert. Denn bürgerliches Klassenbewußtsein entfalten, würde bedeuten, sich mit seiner ganzen Person zu einer Gesellschaftsform der Ausbeutung, der Ungerechtigkeit, der Macht und der Unterdrückung bekennen, würde bedeuten: indem man die individuelle Neurose preisgibt, sich der Kollektivneurose anzuschließen. Daher kann auch der Bürger ein Klassenbewußtsein nur im proletarischen Sinne erwerben. Denn das proletarische Klassenbewußtsein ist nicht durch die Klasseninteressen des Proletariats an der Entfaltung behindert, sondern wird vielmehr gerade durch sie gefördert. Der Weg des Mutes führt den Bürger also nicht nur aus seiner individuellen Isoliertheit, sondern auch aus seiner Klassenzugehörigkeit heraus. Indem sich die Seelenform des Zeitalters: die Neurose, bei ihm individuell nicht mehr bewährt, muß er, da er sie verläßt, auch die Neurose im allgemeinen, das heißt die Sicherung durch Herrschaft und Macht, damit die Voraussetzungen dieser Sicherungsform, also das Privateigentum und die Klassengesellschaft ablehnen. Die Heilung und Ermutigung bringt daher den bürgerlichen Neurotiker in einen neuen Konflikt, in die Auseinandersetzung mit der in Klassen gespaltenen Wirklichkeit. Um seinen Mut zu bewähren, muß er nicht nur sein individuelles, sondern auch sein klassenmäßiges Machtziel aufgeben. Damit muß er sich selbst als bürgerlichen Menschen, als Individua- listen, als Bevorrechteten, als Herrscher aufgeben. Deshalb kann die Heilung des bürgerlichen Neurotikers bestenfalls bis an die Grenze seiner Privatpersönlichkeit gehen. Darüber hinaus wird sie selten kommen. Ihr Resultat wird sein, einen zänkischen Ehemann mit Magenschmerzen in einen liebenswürdigen ohne Magenschmerzen, einen brutalen Unternehmer in einen konzilianten Unternehmer zu verwandeln. Dort, wo das Privatleben aufhört, wird der konziliant gewordene Unternehmer entweder gegenüber seinen „ungeheilten“ Konkurrenten oder Helfershelfern unterliegen, oder aber, er wird seine Neurose wieder hervorkehren. Anders der proletarische Neurotiker. Indem er von seiner privaten Angst und seinen privaten Minderwertigkeitsgefühlen befreit wird, verliert er die Konfliktsmöglichkeiten in der größeren Wirklichkeit. Wenn er mit seinem neuen Mut ein proletarisches Klassenbewußtsein entfaltet, so dient er zugleich seinen individuellen und seinen Klasseninteressen. Er schafft die Hemmungen weg, die ihn in seinem Sicherungsstreben bisher machthaft behinderten, und bekommt die privaten Kräfte frei zum Einsatz in die gesellschaftliche Wirklichkeit.

Wir möchten hier die Blicke der Individualpsychologen auf einen unseres Erachtens noch nicht genügend gewürdigten Tatbestand lenken. Die Neurose im engeren Sinne (so, wie sie sich, ehe sie wissenschaftlich als Lebensweise entlarvt wurde, den Aerzten darbot, die eigentliche neurotische Krankheit) kommt fast ausschließlich im Bürgertum und dort wieder vornehmlich in den wirtschaftlich selbständigsten und unabhängigsten Kreisen vor. Die Kompensation des bürgerlichen Minderwertigkeitsgefühls (das meist aus körperlichen, noch öfter aus positionellen und erzieherischen Schwierigkeiten erwächst), läuft in die Einsamkeit, die Krankheit, den Irrsinn, den Selbstmord. Die Kompensationsform und -richtung selbst verstrickt den Neurotiker immer tiefer in seine Isoliertheit. Ihn von dort in eine Gemeinschaft, sei es auch nur die kleinste, geschweige denn die gefährliche Klassenfront, zu holen, bedeutet wahrhaft eine Revolution zu vollbringen. Der Proletarier zeigt zwar ab und zu auch Formen „bürgerlicher“ Neurose. Im allgemeinen schneidet ihm aber sein hartes Wirklichkeitsleben die Flucht aus der Wirklichkeit ab. Die Krankheit enthebt z. B. den Bürger der Arbeit, die er ja auch nicht braucht, da sein Bankkonto, seine Rente oder sein Vater für ihn sorgt. Der Proletarier, der sich vor der Arbeit in die neurotische Krankheit flüchten möchte, wird durch Hunger und Kälte bald wieder an die Arbeit geholt. Dieser Weg der Kompensation ist ihm verschlossen. Der Weg der neurotischen Isolierung ist schwer zu beschreiten für einen, der nicht einmal ein eigenes Bett hat. Aber auch die Minderwertigkeitsposition des Proletariers ist eine von der bürgerlichen völlig verschiedene: die klassenmäßige gesellschaftliche Mindergeltung und die individuelle proletarische Benachteiligung durch Elend, Wohnungsnot, Kinderausbeutung, Unehelichkeit usw. wirken im Sinne eines sozial betonten Minderwertigkeitsgefühls. Infolgedessen finden wir die neurotische Ueberkompensation viel mehr auf sozialem und ideologischem Gebiet, als auf privatem und körperlichem. Der Exponent der proletarischen Neurose ist der fanatische Klassenkampfprotestler, der unter dem Deckmantel menschheitserlösender Ideologien sein privates Machtstreben betätigt. Seine Neurose führt ihn nicht aus der Gemeinschaft immer weiter weg, sondern gerade immer weiter in sie (zunächst die Klassengemeinschaft) hinein. Wenn er sich aus privatem Machtstreben mit Dingen, wie Solidarität, Gleichheit, Brüderlichkeit, befaßt, ist er zwar nicht weniger Neurotiker als der in die Schizophrenie flüchtende Millionärssohn. Aber er ist durch seine Neurose auf ein Gebiet geführt worden, das die besten Bedingungen zur Entneurotisierung liefert. Die Therapie der proletarischen Neurose ist eine leichter zu vollziehende, aussichtsreiche Evolution. Aber es ist, trotzdem die Bedingungen der Ermutigung hier weit günstiger liegen, praktisch unmöglich, den einzelnen Proletarier anders als ausnahmsweise zu erfassen. Die individuelle Therapie ist eine Sache, die Zeit und Geld kostet, die Menschen, die sie ausüben, sind Proletarier, angewiesen auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft an zahlungsfähige Konsumenten. Eine generelle Therapie in Krankenhäusern oder unentgeltlichen Ambulanzen oder eine generelle Vorbeugung in den Schulen wird unmöglich durch den Umstand, daß alle öffentlichen Institutionen sich in den Händen der neurosenfreundlichen Bourgeoisie befinden. Die erste Etappe der Ermutigung, die Abschaffung der individuellen Minderwertigkeitsgefühle, kann also beim Proletariat in breiter Masse nur angebahnt werden durch Literatur, Vorträge, Beratungsstellen. Die zweite Phase, die der Erfah- rung des Mutes in der Aktivität, kann vielmehr nur auf sozialer Stufenleiter erfolgen, durch die Erprobung und Schulung des Mutes im aktiven Klassenkampf. Hier fällt die zweite Phase des Mutes zusammen mit der zweiten Phase des Klassenbewußtseins: dem Aufsichnehmen der Klassenmission, eine Gemeinschaft zu begründen. Diese zweite Phase des Klassenbewußtseins, die mehr ist, als die intellektuelle Einsicht der ersten Phase, deckt sich mit der zweiten Phase des Mutes, die mehr ist als individuelle Angstlosigkeit. Der Treffpunkt ist die Aktivität. In der tätigen Erfahrung übt sich der Mut im Klassenbewußtsein, entfaltet sich das Klassenbewußtsein durch den Mut. Dazu ist freilich nötig, daß die kämpfende proletarische Klasse in ihren Interessenverbänden organisatorisch und inhaltlich vom entmutigenden Oben-Unten-Schema der herrschenden Klasse abweicht. Wie in der Familie des klassenbewußten Proletariats ernst gemacht wird mit der autoritäts- und zwangsfreien Erziehung, so wird in den Organisationen und in der Klassengemeinschaft des Proletariats überhaupt ernst gemacht mit dem Abbruch der bürgerlichen Ideologie. Dazu gehört eine nach individualpsychologischen Gesichtspunkten angepackte Lösung des Massen-Führerproblems, des Organisationsproblems, der Frauen- und Jugendbewegung, der Bedeutung der Erziehung für den Klassenkampf usw.

Durch diese mutig-klassenbewußte Umorientierung erhält der Klassenkampf ein neues Gesicht. Der Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie und um den Sozialismus entneurotisiert sich. Es wird, nach den Worten Victor Hugos, der Ehrgeiz aus der Revolution abgesondert. Diese wird dadurch zuverlässiger, schlagbereiter und vielgestaltiger. Auch der Klassenkampf als Lebensboden aller wird ein anderer. Bisher war er faktisch ein Kampf zwischen zwei Mächtegruppen. Nun kristallisiert sich die fundamentale Wesens- und Richtungsverschiedenheit der Gruppen heraus: die Bourgeoisie entlarvt sich, wie wirtschaftlich im Imperialismus, so seelisch als die Gruppe der Mutlosen, Individualisten, deren Machtausübung dem Herrschaftsziele gilt. Das Proletariat konstituiert sich als Gruppe der Mutigen, Kollektivistischen, deren Machtausübung dem Gemeinschaftsziele gilt. Da die Ziele entgegengesetzte sind — hie Herrschaft, hie Gemeinschaft —, geht es ohne Kampf nicht ab. Aber es ist ein Kampf mit verschiedenen Vorzeichen. Die Macht als Kampfwaffe der Bourgeoisie ist jene Macht, die die individualpsychologische Neurosenlehre als außerwirkliche Fiktion und teuflisches Untergangsnetz entlarvt hat. Die Macht als Verteidigungswaffe des Proletariats ist schon nahe jenem ursprünglichen Sinne der Macht, der das Vorbild zu allen neurotischen „Irrtümern“ abgegeben hat und der da lautet: Macht ist Ausdruck der Kraft im Interesse kollektiver Sicherung. Die Gewalt bekommt einen neuen Sinn: sie ist Selbstschutz der werdenden Gemeinschaft gegen Angriffe der Individuen-Gruppen. So wie der Psychotherapeut ja den Psychotiker, den er nicht heilen konnte, zum Schutze der Mitmenschen in ein Irrenhaus interniert, so werden durch die Diktatur des Proletariats die Störer der neurosenfreien Gemeinschaft hintangehalten. Die letzte Klasse hindert die vorletzte daran, die Klassenhaftigkeit zu verewigen. Und indem sie die Bourgeoisie als Klasse beseitigt, hebt sie alle Klassen und damit sich selbst auf.

Der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat ist die einzige Form der heutigen Wirklichkeit. Ihm entwachsen individuelle Neurose und klassenmäßige Ohnmacht, die sich als Schranke vor die neue Welt stellen. Die Ermutigung des Einzelnen führt ihn über die individuelle Angstlosigkeit in die Bereitschaft zur Tat und zur Tat in der Wirklichkeit. Die Erziehung zum Klassenbewußtsein entringt die ohnmächtige proletarische Klasse ihrer kollektiven Neurose und führt sie über die Erkenntnis der Klassenbedingtheit zum Aufsichnehmen der Klassenmission. Der Klassenkampf des Proletariats hört auf, soziales Machtmittel zu sein und wird individuelle Funktion. Der Mut des Einzelnen hört auf, individuelle Eigenschaft zu sein und wird soziale Funktion. Im echten Klassenbewußtsein geht das Soziale und das Seelische, das Individuelle und das Kollektive, geht Einsicht und Tat ineinander über. Die heutige Wirklichkeit: Klassenkampf als unbewußter, neurotischer Zustand, wird ihres ewigen, beharrenden Charakters entkleidet durch den bewußten, mutigen Klassenkampf als Tat. Und eine neue Wirklichkeit bricht an.

Es entsteht die neue Synthese, in der alle alten Gegensatzpaare, alle Konfliktspartner, alle Antagonismen, Thesen und Antithesen aufgehoben sind: die Gemeinschaft des Sozialismus.

6. Neue Einheit

Klassenkampf und Mut sind aus ihren besonderen Sphären — hie soziale Klassenangelegenheit außen, hie seelische Individuenangelegenheit innen — befreit und in der Aktivität des wirklichen Klassenbewußtseins ineinander übergegangen. Damit hören Marxismus und Individualpsychologie auf, zwei besondere Lehren und Bewegungen zu sein. Die Widerstände der klassenhaft gegebenen Gegensatzpaare: Individuum — Kollektivum, Materie — Seele, Außen — Innen, Evolution — Revolution, verlieren ihre gültige Kraft. Die übergeordneten neuen Kategorien treten auf:

Der vergesellschaftete Mensch, zugleich Träger des Innen und Außen, des Individuellen und Kollektiven, wird alleiniger Gegenstand der synthetischen Bewegung. Die Wirklichkeit, zugleich materieller wie ideeller Raum dieses vergesellschafteten Menschen, wird alleiniger Boden dieser Bewegung. Die Gemeinschaft, zugleich eine wirtschaftlich-gesellschaftliche Ordnung und eine mitmenschliche Beziehung, wird das alleinige Ziel der Bewegung.

Diese Bewegung, zugleich Forschung und Lehre, Theorie und Praxis, stellt sich dar als eine Art Synthese des Menschen. Sie ergründet seine naturhaft gegebene Unsicherheit, die die Antriebe liefert zu allen gesellschaftlichen und individuellen Bewegungen. Und sie leitet seine gesellschaftlich und individuell bedingten Bewegungen, die das Ziel erstreben der kulturhaft errungenen Sicherheit.

Diese Synthese des Menschen ist die notwendige und darum auch mögliche Ideologie der Zeit, die den Sprung tun muß vom Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit. Sie wird alle notwendige Kleinarbeit leisten, die diesem Sprung vorangehen muß, und sie wird dem Sprung die Richtung geben, damit er nicht im Abgrund endet.

Diese noch nicht vorhandene, aber mit allen Kräften der Einsicht und des Mutes, in der tätigen Erfahrung gemeinschaftsbildenden Klassenkampfes zu verwirklichende Synthese von Marxismus und Individualpsychologie führt uns dem Ziele entgegen, von dem Marx gesagt hat:

„Erst wenn der wirkliche, individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine Forces propres (individuellen Kräfte) als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.“

Literatur zur Einführung

Marx: Das Kommunistische Manifest. — Zur Judenfrage. (Reclams Universalbibliothek. — Im Neudruck der „Deutsch-französischen Jahrbücher“, Verlag Liebing u. Franz, Leipzig. — Im 1. Band des Marx-Engelsschen Nachlasses, Dietz-Verlag, Berlin.) Daselbst auch: Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. — Zur deutschen Ideologie. (Im 1. Band des Marx-Engels-Archivs, Verlag des Marx-Engels-Instituts, Frankfurt a. M.)

Engels: Feuerbach und die deutsche klassische Philosophie. (Verlag für Literatur und Politik, Berlin.) — Herrn Dührings Umwälzung der Wissenschaft. (J. H. W. Dietz Nachf., Berlin.)

Julian Borchardt: Die volkswirtschaftlichen Grundbegriffe nach der Lehre von Marx. (E. Laubscher Verlag, Berlin.)

Max Adler: Marx als Denker. 2. Auflage. (J. H. W. Dietz Nachf., Berlin.)

Georg Lukàcs: Geschichte und Klassenbewußtsein. (Malik-Verlag, Berlin.)

K. A. Wittfogel: Die Wissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft. (Malik-Verlag, Berlin.)

*

A. Adler: Der nervöse Charakter. 3. Auflage. (Verlag J. A. Bergmann, München.) — Menschenkenntnis. (Verlag S. Hirzel, Leipzig.)

Rühle-Gerstel: Freud und Adler. (Verlag Am andern Ufer, Dresden-Buchholz-Friedewald.) Selbstbewußtsein und Klassenbewußtsein. (Daselbst.)

Wilcken: Die nervöse Erkrankung als sinnvolle Erscheinung im gegenwärtigen Kulturzeitraum. (Verlag J. A. Bergmann, München.)

Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie. (Verlag S. Hirzel, Leipzig.)

*

Otto Rühle: Die Seele des proletarischen Kindes.

Otto und Alice Rühle: Am andern Ufer. (Beides Verlag Am andern Ufer, Dresden-Buchholz-Friedewald.)

Otto Müller: Sexuelle Verirrung. (Ad.-Hoffmann-Verlag, Berlin.)

Tagungsbericht des 1. Kongresses der marxistischen Individualpsychologen. (Zentralstelle für sozialistische Individualpsychologie, Wien I, Kleeblattgasse 4.)

*

Arbeitsgemeinschaften für Marxismus und Individualpsychologie bestehen in Wien, Dresden und Berlin. Nähere Auskunft erteilt die Zentralstelle für sozialistische Individualpsychologie, Wien I, Kleeblattgasse 4.


Fuente: transcripción a partir de las imágenes del ejemplar de la Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz digitalizado por la propia biblioteca (Digitalisierte Sammlungen, PPN890690723, https://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN890690723; licencia de la digitalización CC BY-NC-SA 4.0): Alice Rühle-Gerstel, Der Weg zum Wir. Versuch einer Verbindung von Marxismus und Individualpsychologie, Dresden (Buchholz-Friedewald), Verlag Am andern Ufer, [1927] (copyright 1927 by Otto Rühle; impreso por Kaden & Comp., Dresde), 224 págs. Texto establecido sobre el OCR ALTO de la SBB (tesseract, sin corregir), corregido de manera sistemática (la s larga leída como «S», la ligadura tz leída como «ß», cortes de palabra, párrafos y espaciados reconstruidos a partir de las coordenadas del ALTO) y cotejado página a página con las imágenes. El ejemplar es el de reseña («Zur Besprechung — Beleg erbeten»); se omiten las cubiertas, la hoja del sello de reseña, las hojas de biblioteca y las cuatro páginas de anuncios del editor del final (pp. 225-228). El índice del original (pp. 6-11) se imprimió en dos columnas por página y en un orden de lectura que mezcla las partes; aquí se reordena según la estructura del libro, con las páginas de las secciones tal como se imprimieron (algunas no coinciden con la página real en que empieza el apartado). Se conservan la ortografía del impreso («Ueber-», «Oekonomie», «Bourgeosie», «Gesell», «Mathias Claudius») y sus citas tal como las da la autora. Las cursivas reproducen el espaciado del original. La nota de la autora (p. 142) va como [^1]. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.

  1. Wer sich über die spezifische Rolle der „Wissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft“ näher unterrichten will, sei auf Wittfogels gleichnamige vortreffliche Broschüre verwiesen. ↩