Friedrich Schlegel und Chamfort.

Von Alice Rühle-Gerstel in Buchholz-Friedewald.

Literaturverzeichnis und Abkürzungen.

Ath. = Das Athenäum, eine Zeitschrift von A. W. und Fr. Schlegel.
A. = Athenäumsfragmente.
Lyc. = Lyceumsfragmente.
I. = Ideen.

Fr. Schlegel, Jugendschriften, hrsg. von Minor, Wien 1882. 2 Bände.
Fr. Schlegel, Philosophische Vorlesungen, nebst Fragmenten, 1836, hrsg. von Windischmann.
Fr. Schlegel, Lucinde, Berlin 1799 bei Heinrich Frölich.
Br. = Fr. Schlegel, An seinen Bruder W. Schlegel, hrsg. von Walzel, Berlin 1890.
Caroline, Briefe aus der Frühromantik, hrsg. von Waitz-Erich Schmidt, 1913.
RBr. = Romantikerbriefe, hrsg. von Gundelfinger, Jena 1907.
Ch. = Chamfort, Oeuvres, par Guinguené, 1795, wonach zitiert wird, weil Schlegel sie benützte.
Chamfort, Oeuvres, par Auguis, 1828.
F. Deibel, Fr. Schlegels Fragmente („Die Fruchtschale“ Bd. 3).
H. Eßwein, Chamforts Aphorismen („Die Fruchtschale“ Bd. 9).
O. Walzel, Deutsche Nat.-Lit. Nr. 143.
R. Haym, Die romantische Schule, Berlin 1906.
J. Rouge, Frédéric Schlegel, et la genèse du Romantisme allemand, 1904.
C. Enders, Fr. Schlegel, die Quellen seines Wesens und Werdens, 1913.
A. Reißig, Chamfort, ein Schriftsteller aus der französischen Revolutionszeit (Z. f. nfrz. Spr. u. Lit. Bd. 5).
M. Pélisson, Chamfort, Étude sur sa vie et ses oeuvres 1895.
Franz Muncker, Friedr. Schlegel, Allg. d. Biogr. 31/372.
F. Steppuhn, Friedr. Schlegel, Beitrag zu einer Philosophie des Lebens. Logos I. 1910.
Rosenwaldt, Chamfort, Nouvelle Biographie univers. IX 602.
H. Steffens, „Was ich erlebte“. Bd. 4.
E. Lewalter, Fr. Schlegel, und sein romantischer Witz, Diss. 1917.
F. W. Anspach, Schopenhauer und Chamfort, Göttingen 1914.
Emile Faguet, La Prose Française, Paris 1912.

*

I. Teil.

1. Chamfort der „Zyniker“.

Die Revolution ist ein recht „zynisches“ Geschäft, wenn man sich ihr, wie Chamfort, von der Höhe einer aristokratischen, illusionslosen Einsamkeit hingibt; ein „Verhältnis, wo die künstelnde Unnatur ihren Gipfel erreicht, eben dadurch sich selbst überspringt und den

Weg nach unbedingter Naturfreiheit wieder öffnet“[^810-1]. Besser kann man Chamfort gar nicht definieren, als wenn man ihn mit Schlegel „einen echten Zyniker“ nennt[^810-2]. Und wenn man weiß, was Schlegel unter diesem Wort versteht, und daß er es mit Namen verbindet, die er sonst nur mit höchster Bewunderung nennt (mit dem Lessings vor allem), dann wird man die Bezeichnung nicht wie einen Vorwurf von Chamfort abzuwehren suchen, wie Eßwein[^810-3] tut. „Das Wesen des Zynismus besteht darin, der Natur vor der Kunst, der Tugend vor der Schönheit und Wissenschaft den Vorzug zu geben; unbekümmert um den Buchstaben, auf den der Stoiker streng hält, nur auf den Geist zu sehen, allen ökonomischen Wert und politischen Glanz unbedingt zu verachten, und die Rechte der Willkür tapfer zu behaupten“[^810-4]. Durch diese Willkür, diesen „Zynismus“ (im Schlegelschen Sinn) löst sich das Rätsel (vor dem sogar Nietzsche erstaunte und zu einer gewaltsamen Deutung griff)[^810-5], daß Chamfort, der Mann, der gesagt hat: „vivre est une maladie dont le sommeil nous soulage toutes les 16 heures. C’est un palliatif. — La mort est le remède“[^810-6], plötzlich in Schrift und Tat seine Energie an Gesetzesreformen und soziale Besserungen wendet, nachdem er lange schon kühl geworden war, noch einmal und feuriger aufglüht; man kann eben Chamfort nicht in eine philosophische Kategorie einreihen, weder ihn als Pessimisten ansprechen (siehe Eßwein und Anspach), noch auch ihn gegen diese Meinung in Schutz nehmen (Pélisson, der aus einer großen Anzahl fast widersprechender Zitate einige wenige zusammenstellt[^810-7] und daraus eine Ehrenrettung des gemütvollen Optimisten Chamfort ableitet). Optimist und Pessimist sind Begriffe, die auf Chamforts Geistesart nicht angewendet werden können. Denn es fehlt ihm jede denkerische Systematik — die Voraussetzung zu philosophischer Stellungnahme. Niemals erklärt er: die Welt ist gut und soll ergo so bleiben, oder: die Welt ist schlecht und ergo soll sie zugrunde gehn. Er zieht keine Schlüsse, er beobachtet nur. Er hält sich an die Dinge. Die Begriffe interessieren ihn nicht. „Il se montra peu capable d’abstraire et de généraliser[^810-8]. Sein Schicksal disponierte ihn zum Misanthropen. Sein klarer Blick in die Wirklichkeiten seiner Zeit und Nation machte ihn vollends dazu. Aus Instinkt — er war Aristokrat! — mochte er die Masse nicht leiden. Aus Überzeugung zog er sich von der aristokratischen Gesellschaft zurück. Sein Charakter aber war nicht misanthropisch. Sein zynisierender Lebensstil — um ein Wort zu gebrauchen, das Schlegel aus seinem geliebten Begriff des Zynismus ableitet[^811-1], entriß ihn der Schmeichelei und Bewunderung, mit der die Pariser Hofgesellschaft den Menschen und den Dichter umwarb, ließ ihn im Wirbel der Revolutionsbewegung Mirabeau, Sieyès, Talleyrand, zündendste Worte in den Mund legen, führte ihn von dem weichen Platz in der Gunst der Fürsten und Frauen in die Einsamkeit von Auteuil, von den konventionell-sentimentalen Theaterstücken zu den „Maximes et Pensées“. Chamfort hat das vollbracht, was Schlegel forderte: Er hatte sich zur Ironie gebildet[^811-2].

2. Schlegels und Chamforts Verwandtschaft und Verschiedenheit.

Vielleicht ist es nun schon ein wenig begreiflicher, was Schlegel mit Chamfort verband; alle, die diese Beziehung bisher im Rahmen größerer Arbeiten gestreift haben1, beschränkten sich darauf, den Witz der beiden in Verbindung zu bringen und auf die formalen Anregungen hinzuweisen. Allerdings ist die Anregung durch die Form erfolgt. Aber kann man denn die Form vom Geist ablösen und als selbständiges Wesen in den Raum stellen? Ist sie nicht vielmehr nur die Chiffre des Geistigen, das, was das Wort „Ausdruck“ etymologisch meint? Es wird später gezeigt werden, wie Schlegel zu diesen Begriffen „Form“, „Ausdruck“ gesinnt war. Vorwegnehmend kommt es darauf an, einzusehen, daß Schlegel wohl freilich nicht Chamfortsche Gedankeninhalte übernahm2, daß ihm der Chamfortsche Stoff gleichgültig war, aber daß er doch anderseits nicht nur den rein äußerlichen Mechanismus sich zu eigen machte, noch auch einfach „Chamforts Witz mit der revolutionären Polemik Lessings verbinden und in dieser aphoristischen Form den Tiefsinn der neuen Philosophie, die Anschauungen der neuen Poesie zum Ausdruck bringen“ wollte3. Er empfing Chamfort nicht stückweise, sondern als Ganzes. Freilich, es lag in seiner Natur, nur das Verwandte aufnehmen zu können. Aber das meiste war ihm irgendwie verwandt, und auch was ihm ewig unzugänglich blieb, das war

ihm noch nah als Ziel der Sehnsucht, als Trieb nach dem ewigen Gegensatz. Denn in Chamfort vereinigten sich Strömungen, die er hier als Betätigung eigener dunkler Gewalten, dort als Ziel ruhelosen Strebens empfand und sah. Das sind ja die zwei Tendenzen, die von den Franzosen immer auf die Deutschen hergewirkt haben: Das, was *sie bestätigte*, das, was am besten in Rousseau kondensiert ist: die Leidenschaftlichkeit; und das, was sie nicht bestätigte, weil es ihrem Wesen völlig fremd, diametral entgegengesetzt war und darum *sie lockte*: das Kühle, Schwebende, Glatte, wie es sich in Voltaire kondensiert hat, das ewig Antagonale, ewig Unzugängliche und gerade darum Erstrebte. Aber wie in den Deutschen diese zwei Strömungen nun feindlich auseinanderliefen, und sich in Gottsched und die Pietisten, in Nicolai und Hamann flüchteten, so fand auch im französischen Geist eine Trennung statt, wenn auch keine so krasse, wenn auch gemildert durch gleitende Übergänge.

Was auf den ersten Blick befremdet, wenn man von einer Beziehung des deutschen Romantikers zu dem Epigonen des französischen Klassizismus hört, das ist, daß man die Sonderstellung nicht bedenkt, die die beiden unter ihren Volksgenossen einnehmen. Ein für allemal sei hier festgestellt: Wenn man die Romantik nur faßt als den Inbegriff des Verschwommenen, Verschwimmenden, Dämmerhaften, Schmelzenden, Gleitenden, zu tiefst Musikdurchspülten — und wenn man alles dies in der Zone sucht, wo das ganze Wesen des Menschen davon gepackt wird — dann war Friedrich Schlegel kein Romantiker. Aber das heißt eben den Begriff eng fassen, fast schief sehen. Dies alles ist nur dann mit Recht als romantisch zu bezeichnen, wenn man seinen Grund sieht in der rastlosen Sucht nach dem Unendlichen, in dem Streben nach allumfassender Einheit und Verbindung, in der Durchdringung der geformten Welt mit dem ewigen Geist. Die Romantik ist keine Strömung des Gemüts und es heißt sie im tiefsten mißverstehen, wenn man sich mit aller sentimentalen Verworrenheit und wässerigen Gefühlchensucht auf sie beruft! Und unter den Romantikern, die sich um seine Fahne sammelten, ist Friedrich Schlegel am weitesten von dem entfernt, was man alltäglich „romantisch“ nennt. Auf den ersten Blick wenigstens. Wenn man die Wurzeln seiner Persönlichkeit aufgesucht hat, bindet er sich doch auch, nun freilich in anderer Weise, an all das zweideutig Schimmernde, Nachthafte, Unsichere, und dieses erhält durch ihn eine neue Färbung. Friedrich Schlegels Wesen ist die „reine Geistheit“. Seine Intellektualität ist mächtig über alle andern Zweige seines Wesens hinausgewachsen, und hat in ihrer unbegrenzten Weite alles Bestehende und alles Nichtbestehende in ihren Schatten gestellt. Er besitzt die ganze Welt, aber er besitzt sie geistig. Für immer war durch diese eine Übermacht das Gleichmaß seines Wesens gestört. Niemals konnte er, wie er doch manchmal sehnlichst wünscht („ich liebe nichts, gar niemand, bedenke, was in diesen Worten liegt“ schreibt er an Wilhelm)4, dieses Übermaß von Wachheit dämpfen, diesen ewig sprungbereiten Verstand, der vor dem absurdesten Wagnis nicht zurückschreckte. Rouge sagt darüber: „condamné par sa nature à penser toujours, à penser surtout, en particulier, sur l’inconnaissable („Ich habe soviel Hang, über das Unbegreifliche zu denken und zu reden“)5 et jusqu’à l’épuisement, jusqu’au dégoût, il est condamné en même temps à penser sans suite, sans méthode; son esprit ne peut suivre aucune voie droite et régulière; son imagination trop ardente l’interrompt sans cesse et le lance sur une autre piste; son besoin d’infini ne lui permet pas de s’arrêter à aucun objet; il veut les embrasser tous à la fois; son attention se disperse et de ces divagations il ne rapporte que lassitude et découragement“6. Diese Geistigkeit, die alle Adern durchfloß und keinen letzten Winkel seines Wesens unerreicht ließ, ist der Punkt, von dem aus er die Welt begriff; und von seinem Weltbegriff aus schuf er sich seine Postulate von Kunst, Leben, Form. Und so ist es nichts Peripherisches, das ihn zu Chamfort treibt, sondern sein Innerstes ist beteiligt. Vielleicht könnte man freilich sagen, daß er so ein Innerstes gar nicht besaß. Daß sein Wesenskern nichts war als die Summe, die gegenseitige Durchwirkung vieler peripherischer Erscheinungen? Er selbst sprach einmal so etwas aus: „Es wäre ungerecht, mir Seele abzusprechen; aber die Seele der Seele, die fehlt mir doch ganz offenbar, nämlich der Sinn für Liebe“7. Wie bei den Griechen alle Seele Körper geworden ist, so bei ihm alle Seele Geist. Ein Symptom dafür ist vielleicht seine ganz tiefe Unmusikalität.

Wenn man die „Maximes et Pensées“ von Chamfort durchblättert, so glaubt man es ebenfalls mit einem Manne zu tun zu haben, der vom reinen Geiste beherrscht ist. Aber sehen wir näher zu: Woher das hastig Unebene, manchmal Krampfige im Geiste Schlegels, die schöne Leichtigkeit, die Anmut im Geiste Chamforts? Denn Chamfort war seine Geistigkeit nicht als Brandkreuz vom Schicksal auf die Stirne gezeichnet worden, ihm war sie nicht, wie Schlegel, Zeit seines Lebens höchster Genuß und Geißel zugleich.

Was Schlegel außerhalb seiner Nation stellt, die absolute Unsentimentalität, die Zugespitztheit und Schärfe, und was ihm ebenso eine Last ist wie eine Gnade, eben weil es ihn hinaus und in Gegensatz stellt — das ist bei Chamfort Natur, Erbteil seiner Väter; bei ihm hat sich die Intellektualität in Blut verwandelt, wie bei Schlegel das Blut in Intellektualität. Ihm ist sein Verstand und sein Geist selbstverständlich, wenn er auch manchmal mit traurigem Lächeln bedauert, so tief und sicher sehen zu können8. Aber er ist niemals vom Geist erdrückt wie Schlegel, niemals auch von ihm bis ins Groteske gespannt. Wenn es bei ihm trotzdem zu keiner Harmonie gekommen ist und auch sein Tod so wie sein Leben nur ein Gemisch von unterliegender Sensibilität und heroischem Trotz darstellt, so liegt der Grund hiefür nicht, wie bei Schlegel, in einer Unausgewogenheit der einzelnen Seelenkräfte, sondern in dem einfacher zu überschauenden, größer zu nehmenden und ganz unkomplizierten Gegensatz von Freiheit und Schicksal, Gesinnung und Leben, innen und außen, wie man es nun nennen will. Bei einer auch nur ganz oberflächlichen Betrachtung von Chamforts Maximen und Schlegels Fragmenten springt der tiefe Unterschied in die Augen: Chamfort ist immer sachlich, sogar aktuell, Schlegel hängt im Zeit- und Raumlosen. Gleich kann man hier auch ihre Stellung zum Tagesereignis einordnen: Schlegel beschäftigt sich mit der Idee des Republikanismus und wagt radikalste Vorschläge; das Frauenstimmrecht, der vollendete Kommunismus ist ihm nah und selbstverständlich. Chamfort wirkt im Jakobinerklub für die Revolution, schreibt Reden für die Tribüne, bemüht sich im „Mercure de France“ unter dem Deckmantel von Literaturkritiken um Reformen und Neuerungen auf politischem und sozialem Gebiet.

Das Element, in dem Schlegels Geist zu Hause ist, durch das er wie durch die grüne Brille Welt und Leben erblickt, ist die Philosophie; „Wer nicht um der Philosophie willen philosophiert, sondern die Philosophie als Mittel braucht, ist ein Sophist“9. Was er vom Künstler verlangt, sein Werk solle ihm so lebendig werden wie die Geliebte oder der Freund10, das gilt von seinem Verhältnis zur Philosophie. Jeder Mensch muß Philosoph sein. Für Chamfort ist der Philosoph nur eine Abart der Gattung Mensch (so wie der ehrliche Mann11); eine Meinung, die aus tausendmal gebrochenem Herzen geboren ist) über den er sich, wie über Anhänger einer merkwürdigen Sekte, sogar ein wenig lustig macht: „Je dirais volontiers des philosophes, ce que Scaliger disait des Basques: on dit qu’ils s’entendent, mais je n’en crois rien“12. Wenn er ernsthafter gestimmt ist, nimmt er den Begriff wohl von einer andern Seite, aber wiederum ist sein Philosoph verschieden von dem Schlegels. Kein Weltdurchforscher, Weltumspanner, ein sachlicher, ja zweckbewußter Mensch13. Die einzelnen Philosophien sind gut, man muß sie nur an ihren richtigen Platz stellen (les placer à propos!)14 „à propos“ — ein Wort, das sich in Schlegels Wörterbuch nicht finden könnte. Ihm muß alles ewig, von der Gelegenheit, die er verachtet, unabhängig sein, auf jede Zeit und jeden Gegenstand anwendbar. Nun ist freilich Chamfort kein Gelegenheitsfanatiker, und wenn er immer sachlich ist, so ist er doch niemals materiell. Sonst wäre eine Beziehung zu Schlegel von vornherein undenkbar. Er erfüllte in seiner Stellung zur Welt die Forderung Schlegels, ein System und zugleich keines zu haben15. Und gewiß war sein System keines, das einen Klumpen in der Mitte hat16. Seine Gedanken wickeln sich nicht, wie die Schlegels, ruckweise17 sondern leicht und regelmäßig ab. Nie verlor er den Boden unter den Füßen. Darum hat er auch nicht wie Schlegel immerfort das drängende Bedürfnis, Stellung zu nehmen, Partei zu ergreifen, Fragen aufzuwerfen und zu lösen. Sein Reich ist von dieser Welt. Er studiert das Leben. Es philosophisch, in abstracto zu bejahen oder zu verneinen fällt ihm gar nicht bei. Vom Schicksal bis zum Tode gestraft und geschlagen, sucht er zeitweilig Halt in jenen höheren Regionen: „Je me suis réduit à trouver tous mes plaisirs en moi-même c’est à dire, dans le seul exercice de mon intelligence“18. Aber bald kehrt er auf die Erde zurück. Sein Genie ist, was Rouge sehr gut von den rationalistischen Regelbefolgern sagt, eine exaltation du sens commun19, eine Höchststeigerung des gesunden Menschenverstandes.

Es begegnet sich also auf dem weiten Gebiete des Geistes, was in Chamfort das Erbteil seiner Nation war, in Schlegel Gabe seines eigenwilligen Einzelschicksals.

In das Gebiet des Geistigen gehört auch der Witz, den man bei oberflächlicher Untersuchung leicht zum Angelpunkt der ganzen Beziehung machen könnte. Esprit, die Äußerungsart von Chamforts Geist, ist etwas so durchaus Französisches, daß es nicht einmal ein deutsches Wort für diesen dem deutschen Wesen fremden Begriff gibt. Es ist bekannt, welche Wichtigkeit Schlegel dem Witz beimißt20. Er ist ihm das Verbindungsmittel zwischen dem Realen und Irrealen. „Die Phantasie strebt aus allen Kräften sich zu äußern, aber das Göttliche kann sich in der Sphäre der Natur nur indirekt mitteilen und äußern. Daher bleibt von dem, was ursprünglich Phantasie war, in der Welt der Erscheinungen nur das zurück, was wir Witz nennen“21. — „Diejenige Tätigkeit, wodurch das Bewußtsein sich am meisten als Bruchstück kundgibt, ist der Witz; sein Wesen besteht eben in der Abgerissenheit und entspringt wieder aus der Abgerissenheit und Abgeleitetheit des Bewußtseins“22. Immer geht Schlegels Streben auf das Absolute. Witz und Ironie sind aber die Erscheinungsarten der Relativität. Dennoch ist dies kein Gegensatz zu Schlegels Forderung einer All-Einheit; vielmehr Ausdruck des Wunsches, die Welt von allen Seiten zu besitzen, durch Spiegelung der Spiegelungen. Chamfort hatte dem Witz keine so entscheidende Stellung in seinem geistigen Verhalten angewiesen. Ihm war er nur eine Waffe gegen die Hoffnungslosigkeit der Welt. (Eine Auffassung, die von Schlegel zurückgewiesen wird23.) Aber tiefer als in dieser „logischen Geselligkeit“24 begegnen sich Chamfort und Schlegel in Gebieten der Seele, die dunkler und unerforscht hinter dem Rationalen liegen. Nietzsche hat darauf hingewiesen, daß Chamfort den Franzosen vielleicht deshalb so fremd geblieben sei, weil er etwas ganz Unfranzösisches an sich habe. „Ein Mensch, reich an Tiefen und Hintergründen der Seele, düster, leidend, glühend — viel mehr wie ein Italiener und Blutsverwandter Dantes und Leopardis als wie ein Franzose“25. Und so erklärt Nietzsche sich auch Chamforts Witz, der trotz seiner Bonmots, die als bloße Bonmots zwischen seine moralisierenden Aphorismen eingestreut sind, weit entfernt ist von Raillerie. „Der Mensch allein lacht. Er allein leidet so tief, das er das Lachen erfinden mußte“26. Eine verhaltene Leidenschaft geht durch jedes Wort, das Chamfort sagt und darum ist seine Moralität so überzeugend, drücken sich seine Aussprüche so markig ins Gedächtnis ein: weil sie kein bloßes Geistspiel, keine bloße Pläsanterie sind. Diese Heftigkeit und diese Melancholie sind unfranzösisch; und wenn man sie natürlich auch nicht deutsche Eigenschaften nennen kann (Chamfort sagte: „Je ne sache pas de chose à quoi j’eusse été moins propre qu’à être un allemand“27) enthalten sie doch immerhin eine „Portion Deutschheit“28. Schlegel anderseits, so durchaus er auf dem Boden der reinen Geistheit steht, hat in sich all das Irrationale der deutschen Seele, alles Weiche, Fließende, niemals in einer Form völlig Gebannte, das Verschleudernde und Traumverlorene. Nur daß alle diese seelischen Ausschweifungen bei ihm ins Geistige umgedeutet sind. Die Beziehungen gehen also kreuzweise: Im Gebiet des Temperaments begegnet sich, was bei Schlegel Erbteil seiner Nation, bei Chamfort aber Gabe seines eigenwilligen Einzelschicksals war. Aus dieser doppelten Beziehung ergeben sich viele Ähnlichkeiten, die sich sogar bis in die Biographie nachweisen lassen: beide beginnen ihre literarische Laufbahn im Kampfe gegen ein bürgerliches Dasein. Sie wollen nur frei auf sich selbst stehen und ziehen es vor, der Not den Tribut literarischer Handlangerdienste zu leisten, als ihr ihre persönliche Freiheit zum Opfer zu bringen. Chamfort arbeitet am „Grand Vocabulaire encyclopédique“29 und am „Dictionnaire dramatique“30 und bei Schlegel sind die „Frondienste31 die Hauptsache“. Beide brechen zusammen, da sie ihre Nerven durch ausschweifende Abenteuer zu sehr aufs Spiel gesetzt haben und wollen von nun an einsam leben. Beide treiben einen schwärmerischen Freundschaftskultus; Chamfort war „amoureux de l’amitié“32 wie Schlegel; nur bedeutete Freundschaft ihnen nicht dasselbe: Schlegel war sie Ausdruck seiner Sucht nach der All-Einheit und großen Verschmelzung — Chamfort, der Freundschaften durchaus nicht suchte, aber, wenn er sie fand, sich ihnen mit süßer Inbrunst hingab, vielmehr ein Rückhalt gegen die Niederträchtigkeit der übrigen Menschen. In der opfervollen Liebe einer um vieles älteren Frau finden beide später Frieden. Nur ihr Ende läuft weit auseinander.

Wir sahen, wie zwischen dem Franzosen Chamfort und dem Einzelmenschen Schlegel einerseits, zwischen dem Einzelmenschen Chamfort und dem Deutschen Schlegel anderseits sich Beziehungen feststellen lassen. Zwischen dem Franzosen und dem Deutschen aber, zwischen den Einzelmenschen Chamfort und Schlegel bestanden ewige wie zeitliche Gegensätze. Dieser Wesensunterschied weist sich auch in ihren Briefen. Chamfort hat das unvergleichliche Geschick der schönen Übergänge, und mag er auch viel Heterogenes in einem Brief zusammenbringen, nirgends findet sich ein Gedankenstrich, weder buchstäblich noch geistig. Schlegels Briefe sind abrupt aneinander gestemmte Sätze. Die Gedanken kommen ihm ruckweise, er ist eilig, sie zu Papier zu bringen, einer stolpert dabei über den andern hinweg. Eben noch handelte es sich um Laubtaler, plötzlich ist man tief im Spekulationsgewirr und findet den Ausweg nicht mehr. Schon das Schriftbild bietet Gelegenheit zum Vergleich: selbst in Briefen Chamforts, wo sich eine heftige Gemütsbewegung ausspricht, bemerkt man nichts von der Emphase, die sich bei Schlegel auf jeder Seite durch Sperr- und Fettdruck ankündigt, nichts von der Dekomposition, deren Zeichen die Gedankenstriche sind. Allerdings wußte Schlegel, wie er schrieb; in einem Brief an seinen Bruder heißt es: „Ihr beschämt mich sehr, daß Ihr alle so geistvoll schreibt. Ich brauche allen Witz zu den Fragmenten und allen Stil zum Meister. Das andere schludere ich“33. Bei Chamfort die innere Geformtheit, die er mit seiner Nation gemein hat, ein Geist, den Schlegel „zyklisch“ genannt haben würde, Glätte, Kühle, eine stete Bereitschaft, Ungeformtes einzuordnen, gerade zu stellen, abzuschließen; bei Schlegel aber die planlose, oft ziellose Fülle, der Hunger nach der Unendlichkeit, das grenzenfliehende, stürmische Weiter, das, was nach Schlegels Ausdruck dem Zyklischen als das Progressive gegenübersteht; dort die Gestalt, hier die Bewegung; dort das Maß, hier der Überschwang; dort ein Beruhen, hier ein Weitertreiben; Kosmos dort, Chaos hier. Und gerade diese ewige Antithese auch ein Bindungsstoff, denn die deutsche Sehnsucht, es wurde schon betont, geht ebenso auf den Gegensatz wie auf die Gleichartigkeit, und vielleicht ist es das, was ihr allein gegenüber anderen Nationalcharakteren zukommt und was sie, wenn nicht groß, so doch sicherlich weit und tief gemacht hat34.

Eine zweite Antithese bleibt uns zu berücksichtigen, die zwischen dem Menschen Chamfort und dem Menschen Schlegel. Da treten uns die Eigenschaften vor Augen, die wir vorher als vom allgemeinen Nationalcharakter abweichend definiert haben. Bei Chamfort die Leidenschaft, das durchblutete Pathos, das sich selbst verzehrende schmerzliche Kämpfen mit der Welt. Bei Schlegel das universale Zurückführen auf Geistiges, all das, was sich in den Begriffen von Ironie und Witz zusammendrängt und was man, mit seinem Wort über Lessing35 „Enthusiasmus der reinen Vernunft“ nennen könnte. Wir haben gesehen, wie Schlegel selbst seinen Mangel an Wärme beklagte. Durch Chamforts Klarheit aber bricht oft ein heißes Pathos, Revolution aus Schmerz und nicht aus Gedanklichkeit, der Schrei eines Menschen, der getreten wurde und sah, wie man auch seine Brüder trat. Viele Aphorismen sind solche Aufschreie36 und Chamfort (zu seiner Ehre sei es gesagt), scheute sich nicht, sein Gefühl zu bekennen, wo es ihn dazu treibt. Sein Pathos ist nicht hohl, es ist, wie Schlegel sagt, voll Seele und Leidenschaft37. Nicht leere, sondern enthusiastische Rhetorik38. Wieder ist also im Triebe zum Gegensatz ein Weg gefunden, der Schlegel zu Chamfort führt. Es ist natürlich keine Gefolgschaft. Es ist eine geistige Angelegenheit, was, da es sich um Friedrich Schlegel handelt, bedeutet, daß sie vom Zentrum ausging — aber auch, daß sie nur eine Zelle in diesem vielzelligen Wesen war.

Noch einen Blick auf den Verlauf ihrer Biographie wollen wir werfen, um dann von dieser Auseinandersetzung über die Möglichkeiten einer Beziehung zur Beziehung selbst, zur Frage der Abhängigkeit und Beeinflussung überzugehen.

Auf den ersten Blick stimmt den Betrachter der beiden Biographien ihr Ende verschieden: Bewundernd sieht man Chamforts trotzig-heroischen Tod, mit Teilnahmslosigkeit oder Geringschätzung den Niedergang Friedrichs, sein Fett- und Dumpfwerden, sein häßliches Ende. Aber es ist nicht so. Chamfort ist nicht der Konsequente und Schlegel der Inkonsequente, vor dem Ziel Abbiegende. Chamfort hatte keine programmatische Lebenshaltung. Sein Übergang vom Leben mit den Aristokraten zum Leben in der Revolution hat psychologische, nicht metaphysische Hintergründe; während Chamfort das Leben weder bejaht noch verneint, sondern es führt, bejaht es Schlegel, trotzdem er es oft satt hatte, erst als Produkt des sich objektivierenden Ich, dann als Synthese von Natur und Geist, schließlich als Feld einer katholischen Laufbahn. Mit den Tagesforderungen und Plagen des Alltags gab er sich nicht ab. Nur mit der Unendlichkeit. Bei Chamfort ist es umgekehrt. Und wenn zum Alltag mehr Mut gehört, so zum Unendlichen mehr Kühnheit! Nicht wertend, nur schauend wollen wir diesen Erscheinungen gegenübertreten, die beide ein Ganzes waren, obwohl Schlegel bekennt: „Wir sind nur ein Bruchstück von uns selbst“39.

3. Vergleich zweier kritischer Arbeiten von Chamfort und Schlegel.

Bei der Erforschung von Chamforts und Schlegels Geistesart kann vielleicht nichts bessere Dienste leisten als eine Nebeneinanderstellung zweier gleichartiger Arbeiten. In vielen Punkten berührt sich ihre Produktion, aber nicht alles wird gleichermaßen unserem Zwecke dienen. Die Gedichte nicht, weil sie bei beiden mehr auf einem Nebengeleise der ganzen Bahn verlaufen und von der dichterischen Unzulänglichkeit ihrer Verfasser zeugen40. Die Theaterstücke nicht, aus ähnlichen Gründen und weil sie stofflich gar zu verschieden sind. Die Poetiken schließlich nicht (wenn anders wir Friedrichs Griechenaufsätze so nennen dürfen), weil der Wert der beiden Gegenstücke zu ungleich ist; weil bei Chamfort in der Erkenntnis der dramatischen Kunst nicht so sehr ihm Eigentümliches gesagt wird als vielmehr das traditionelle Urteil des Klassizismus auf geistvolle Weise wiederholt, weil anderseits der Schlegel, der für uns im Mittelpunkt des Interesses steht, über seine Griechenepoche schon fast hinaus ist. Der günstigste Vergleichsgegenstand sind Kritiken und Charakteristiken, weil sich in der Stellung zum Gegenstand allein schon das Bild des Autors ausdrückt und weil die beobachtende und charakterisierende Prosa sowohl für Schlegel wie für Chamfort das Element ist, in dem sie sich am sichersten und ursprünglichsten bewegen.

Von Chamfort gibt es zwei Elogen, ein literarisches Genre, das dem Akademienbetrieb jener Zeit eigentümlich war41. Er errang mit ihnen Preise der Akademien von Paris und Marseille (1769 und 1774)42. Der Éloge de Lafontaine ist untadelig in seinen reinen Einfachheit, in seinem klaren Bau, tief in seinen reichen Beobachtungen, liebenswürdig in seiner abwechslungsvollen Leichtigkeit. Chamfort liebt Lafontaine, er kennt ihn aber auch. Gern räumt er dem Lobe des „bonhomme inimitable“ (die zwei Namen, die Lafontaine von der Nachwelt und von den Zeitgenossen zugesprochen wurden) den größten Raum ein. Aber auch an der Erörterung seiner Fehler drückt er sich nicht vorbei. Und gerade weil er das nicht tut, weil er die unschuldige Inkonsequenz von Lafontaines Charakter, seine wenig strengen Sitten, dem liebenswürdigen Gesamtbild so schön eingegliedert, entsteht ein Eindruck von vollkommener Menschlichkeit, so daß man von der Lektüre dieses Eloge so zurückkommt, wie Chamfort selbst von der Lektüre Lafontaines: still, ausgeruht und erfrischt, wie bei der Rückkehr von einem einsamen ländlichen Spaziergang43. Es ist die vollkommene Einheit des Darstellenden mit dem Dargestellten, die diesen friedlichen Seelenzustand hervorruft. Und wie die Gesinnung harmonisch, freundlich und sturmlos ist, so bietet auch die Fassung den Anblick eines klaren Weges, den man mit dem Autor dahinwandert und an dem die einzelnen Kapitel: Lafontaines Geistesart, sein Talent, sein Charakter, zwanglose Ruhepunkte ergeben. Die Art der Darstellung ist historisch-psychologisch. Überall werden die Wurzeln des Werkes im Menschen aufgesucht. Vom Menschen ausgehend, geführt von einer sicheren Hand, gelangt man in gleichmäßigem Tempo zu dem Werk; und da wir eins aus dem andern wachsen sahen, ergibt sich von selbst am Ende ein Ganzes. Die Sprache ist schmucklos, die Epitheta sparsam verteilt, kein Teil überschreit den andern durch lebhaftere Akzente, die Übergänge sind natürlich und ungezwungen (z. B. wo er von dem Charakter Lafontaines zu seinem Stil übergeht), das Verbindende sind die „Contes“, die er von dem Vorwurf der Sittenlosigkeit nur dadurch reinigen kann, daß er ihren künstlerischen Wert hervorhebt, diese narration badine, diese unschuldige Tändelei44 und somit zum Kapitel Stil kommt. Kann man die einfache Menschlichkeit Lafontaines besser charakterisieren, als dies Chamfort mit der Umkehrung des Juvenalschen „ridet et odit“ tut: „Il rit et ne hait point“45? Chamfort folgt dem Gange der Entwicklung Lafontaines, ohne sich in Allgemeinheiten oder tendenziöse Exkurse zu verlieren. Nur manchmal fügt er eine Betrachtung organisch ein. Eine große Rolle spielt die Wirkung, die von Lafontaine ausgegangen ist. Man bemerkt hier noch ein Stück der Nützlichkeitsphilosophie, die schon im Éloge de Molière auffiel, und die man sich sehr leicht aus dem Pragmatismus des 18. Jahrhunderts, wie er von Lamettrie, Holbach, Helvetius usw. ausging, erklären kann.

Man sieht in dieser Charakteristik des liebenswürdigsten Dichters schon die Präzision, die Eleganz und den sichern Griff Chamforts. Seine Verve, sein Pathos, kommt darin weniger zum Ausdruck. Aber die Nationaltugend der französischen Prosaisten, die belle ordonnance, tritt hier in schönste Erscheinung. Hier kann man sich nicht, wie bei Schlegel, in jedem Satz verirren; sein Éloge ist ein „bel assortiment de parties heureusement combinées“46, von denen er sagt, daß es ohne sie keine „vraie création“ gebe47.

Da wir nun ein so hohes Lob über Chamfort ausgesprochen haben, welches Werk Schlegels sollen wir ihm entgegenstellen, um nicht der Parteilichkeit in der Auswahl bezichtigt zu werden? Wir sind verlockt, den „Meister“ zu wählen48. Aber typischer für Schlegel sind seine Rezensionen über Forster und Lessing. Hier werden neue Werte gesetzt, während bei Chamforts Elogen schon anerkannte Werte nur neu betont worden waren.

Im „Forster“ erhob Schlegel das neue Postulat des gesellschaftlichen Schriftstellers, eines Menschen, „der nirgends ganz angesiedelt sein kann, weil er nirgends ganz fremd ist“49, der sich „am eigentlichsten im lebendigen Gespräch äußert“50 und der alle Seelenkräfte in sich und andern ausbildend, echte Popularität erwirbt51. Im „Lessing“ aber stellte er ein festgewordenes Urteil auf den Kopf und entriß den „Zyniker“52 seinen Mißverstehern, den „harmonisch Platten“53. So verschieden die beiden Aufsätze ihrem Gegenstande nach sind, man kann sie doch unter einen gemeinsamen Gesichtspunkt zusammenfassen. Beide sind typisch für Schlegels Art der Kritik, von der er verlangte, sie solle zugleich Philosophie der Kritik54 und ein Kunstwerk55 sein. Gleichzeitig gilt aber auch von ihnen, daß sie statt „eines Auslegens oft ein Einlegen des Erwünschten“56 seien. Alles wird sub specie aeternitatis behandelt. Chamfort hatte freilich auch schon die Absicht ausgesprochen, den Geist eines Dichters zu fassen (saisir son génie) und den philosophischen Zweck seiner Werke aufzudecken57. Aber wenn nun Schlegel den Geist Lessings im Ganzen charakterisieren will58, wenn er versucht, „die Schriften und das Leben eines großen Mannes zu vergleichen, um sich ein Ganzes daraus zu bilden“59, so liegt dem doch wieder eine andere Tendenz zugrunde. Was Chamfort meint, wenn er den but philosophique (siehe oben) eines Autors erforschen will, das ist der Drang nach dem Zweck, der ihm, dem Erben des Rationalismus, immer anhaftet. Schlegel begnügt sich aber nicht, wie Chamfort, die Werke und das Leben im ganzen einer Persönlichkeit zu sehen; er will dieses Ganze

wieder in ein höheres Ganzes einzuordnen. Auch bei Chamfort fehlt es nicht an Hinweisen auf allgemeinere Beziehungen (z. B. I, 66) aber sie lösen sich bei ihm aus dem Komplex des Einzeldichters heraus. Schlegel dagegen stellt allgemeine Begriffe auf und führt seinen Autor dann als Exempel dafür an. Chamfort will in seinen Elogen — was auch schon durch deren Zweck bedingt war — einen Einzelnen charakterisieren und ihm huldigen und weil er dies nicht nur aus tendenziösen Gründen tat, sondern sein erfülltes Herz darin ausströmte, bieten seine Kritiken ein so schönes Bild von Einigkeit und Harmonie. Schlegel wollte im „Lessing“ und „Forster“ wohl auch seinen Heroen ein Denkmal setzen, gleichzeitig aber konnte er seinen „Oppositionstick“ befriedigen, wie Haym sagt[^824-1], indem er hier (Forster) einen Mann lobte, der sich soeben die allgemeine Mißbilligung als Hochverräter zugezogen hatte, dort (Lessing) die anerkannte Meinung umstürzte und Seiten von Lessings Persönlichkeit ins grelle Licht seiner Huldigung stellte, die man bisher vernachlässigt hatte. Und von einem andern geheimen Zweck noch sind seine Kritiken diktiert: er will, indem er den Einen charakterisiert, seine Literatur- und Menschheitswünsche an diesem demonstrieren. Er will zur Nachfolge aufrufen. Daher die vielen abstrakten Abschweifungen, Exkurse in allgemeine Betrachtungen, die mit dem Thema nur lose zusammenhängen. Sehr deutlich bemerkt man dies vor allem im „Forster“. Das Ideal eines gesellschaftlichen Schriftstellers war aus der Seite der Schlegelschen Natur entsprungen, die Gegensatz forderte. Der Typus des Causeurs, des Weltmannes, der mit schöner Sicherheit viele sonst verlaufende Fäden in seiner Hand zum Gewebe bildet, schwebte ihm vor, ohne daß in ihm selbst auch nur die geringste Fähigkeit dazu vorhanden gewesen wäre. Heftig und maßlos in seinen Neigungen, einseitig in seiner Manier zu sehen, dabei linkisch in seiner Art sich auszudrücken, fehlte ihm vollkommen jener gesellige Geist, den er sowie Wilhelm Schlegel als das Ideal der Lebensform eines Dichters anpreist[^824-2]. Im „Lessing“ dagegen betonte er nicht ein Ideal, das seine Sehnsucht als Gegensatz aus sich herausgestellt hatte, sondern ein Ideal, dessen Rudimente aus ihm selbst gewachsen waren. Daher die besondere Intensität, daher auch der Umstand, daß er immer wieder auf sich selbst darin zu sprechen kommt. Der Stil ist heftig, überredend und vergreift sich oft, so z. B. wenn er die Lobeserhebungen gar zu sehr häuft und die eine so durch die andere erdrückt[^824-3].

Trotz dieser Parteilichkeit, die zwar die Glaubwürdigkeit Friedrichs, an der kühlen Objektivität seines Bruders gemessen, etwas herabschwächt, ist Schlegel weit davon entfernt, Schwärmer zu sein, Kultus zu treiben, wie etwa die Stürmer und Dränger mit Shakespeare. Seine kritischen „Musikalien“ haben auch einen sachlichen Wert. So, wenn er im „Lessing“ darauf hinweist, daß der Mann selbst mehr wert war, als alle seine Talente60, und im „Meister“ den Personen des Romans in ihrer Stellung zueinander und ihrer Verbindung mit dem Ganzen das richtige Gleichmaß und bedeutende Beziehungen verleiht. Nein, ein Schwärmer war der Kritiker Schlegel nicht, wohl aber geht er über die Grenzen des sichtbaren Werkes mit Vermutungen und Behauptungen hinaus61, wie er es vom Kritiker verlangt.

Wenn wir den Gegensatz nun kurz formulieren, so gilt am Ende dies: Chamfort deckt im Menschen das Wesen des Stils auf, Schlegel im Stil das Wesen des Menschen. Beiden wird von der Vernunft geboten — von dem nämlich, was Schlegel das „Vermögen der Ideale“ nennt62. Aber bei Chamfort ist es der Sinn für Gliederung, waches Auseinanderhalten der Begriffe, Klarheit und Durchsichtigkeit. Bei Schlegel der Blick ins Ganze63, der Trieb nach dem Unendlichen64, wobei immer wieder zu betonen, daß das ein geistiger Trieb ist. Chamforts Vernunft ist nicht die dünne, wässerige, die Schlegel so geringschätzig abtut65, wohl aber kann man seine eigene mit ihm eine „dicke und feurige“ nennen.

II. Teil

1. Die Entstehung der Beziehung, Zeugnisse Schlegels und der Zeitgenossen darüber.

1795, ein Jahr nach seinem Tode, waren Chamforts Werke aus dem Nachlaß herausgegeben worden. Ende Oktober 1796 erschien in der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung eine Rezension von Wilhelm Schlegel, durch welche Friedrich höchstwahrscheinlich zuerst auf Chamfort aufmerksam gemacht wurde. Zu jener Zeit lebte Friedrich in Jena, und so nimmt es nicht wunder, daß sich in

der Korrespondenz der Brüder der Name Chamfort nicht vorfindet. Über alles, was Friedrich bewegte, wurde in den Briefen getreulich Buch geführt, und namentlich jede literarische Neuerscheinung ausführlich erörtert. Aber vom 28. Juli 1796 bis 2. August 1797 tritt im Briefwechsel eine Unterbrechung ein und wir sind wohl berechtigt anzunehmen, daß das Ereignis Chamfort zwischen den Brüdern mündlich besprochen wurde.

Die Rezension Wilhelms enthält im Rahmen allgemeiner Charakteristik einen Auszug aus Ginguenés Biographie und eine Besprechung der Werke. Die Rezension ist ein echter Wilhelm Schlegel, dessen Talent zur Biographie entschieden war66 und der sich nach Bedarf klassisch und romantisch, modern und dann wieder „teufelsmäßig antik“ geben konnte67. Einfühlend, tolerant, konziliant, richtig sehend und präzise sprechend; er lobt nicht uneingeschränkt und tadelt mit Würde. Bemerkenswert ist, daß er Chamfort immer wieder in seine Zeit und Nation einordnet, besonders in die Nation. Das Charactériseurmäßige an Wilhelm, d. h. das Einfühlen in die einzelne Persönlichkeit, vermischt sich hier mit einer Zeittendenz in der Literaturkritik, die nach allgemeiner Übersicht strebte. Es war der Drang, alles Geschaffene brüderlich zu umfassen, der romantische Vereinigungswille, der als einer der Hauptgedanken der Romantik in den Werken und Briefen und der Lebensführung ihrer Anhänger so vielfachen Ausdruck gefunden hat. Nichts Seiendes, nichts Menschliches lag außerhalb des Bereiches ihrer wißbegierigen Sehnsucht. „Es gibt eine Größe und eine Schönheit für jedes Klima, auch für den Nordpol und für jedes noch so entartete Geschlecht der Menschen“, sagt Friedrich Schlegel68. So unterschieden die Romantiker wohl schon Gruppen, Einzelarten in der Gesamtheit. Doch es waren ihnen nicht nur geographisch bestimmte Menschheitsarten, sondern allgemeine Typen. „Deutsche gibt es überall. Germanität ist so wenig wie Romanität, Gräcität oder Britannität auf den besonderen Staat eingeschränkt; es sind allgemeine Menschencharaktere, die nur hie und da vorzüglich allgemein geworden sind69. Mit diesem bedeutungsvollen Wort hebt Novalis die Betrachtung der Nationalitätenfrage in die höhere Sphäre der Allmenschheit.

Ein anderer Grundsatz von Wilhelms Kritik wird auch in der Chamfort-Rezension ausgesprochen: „Viel schwerer ist es, geistvoll zu loben als mit Verstand zu tadeln“70. In dieser Rezension erwähnt Wilhelm, daß bereits zwei Übersetzungen von Chamfort sich in Arbeit befänden. Nur eine davon ist erschienen: N. P. Stampeel, Maximen, Charaktere und Anekdoten. Leipzig 1797. Erst 80 Jahre später hat Max Ring seinen Chamfort herausgegeben71, und Eßwein ist mit seiner Auswahl 1906 gefolgt72.

Es wäre absurd, Hinweise zu suchen auf eine bewußte Nachahmung von seiten Friedrichs. Was ihm bei Chamfort besonders eindrucksvoll wurde, getrauen wir uns ohne ausdrückliche Hinweise, als gewiß anzunehmen, nachdem wir die Persönlichkeiten der beiden in einer mehr psychologischen Analyse einander gegenübergestellt haben, und es wird uns deutlicher werden, wenn wir den Begriff der Form bei Schlegel, erklärt und belegt in unzähligen Stellen aus Briefen und Schriften, in Verbindung bringen mit dem, was das Wesen der Chamfortschen Form ausmacht; wenn wir ferner untersuchen, welche Stoffgebiete bei Chamfort für eine Übernahme in den Schlegelschen Stoffkomplex in Betracht kommen. Wir geben nun eine Übersicht über Schlegels Äußerungen zu Chamfort. Es sind dies die Fragmente, Lyc. 50, 59, 111 und A. 38, 82, 425.

Lyc. 50. „Wie tief doch im Menschen der Hang wurzelt, individuelle oder nationale Eigenheiten zu generalisieren! Selbst Chamfort sagt: „les vers ajoutent de l'esprit à la pensée de l'homme qui en a quelquefois assez peu; et c'est ce qu'on appelle talent73. Ist dies allgemeiner französischer Sprachgebrauch?“

Schlegel wirft hier dem von ihm Hochgeschätzten — daß sein Urteil, seine Objektivität bei Schlegel in hohem Ansehen stand,

beweist sein „selbst Chamfort“[^828-1] — etwas vor, was er selbst regelmäßig aus Temperament und aus Überzeugung tat: altgewordene Begriffe mit neuem, oft originellem Sinn zu füllen. Es war einer der Grundtriebe seines Wesens, „umzuschaffen das Geschaffene, daß es sich nicht zum Starren waffne“, der Drang, das, was schon festgeworden war in der Sprache, in neuen Fluß zu bringen, allseitig schon Gedeutetes nochmals umzudeuten, oft auch das Wort auf seine etymologische Bedeutung zurückzuführen (wie z. B. im Worte „Philosoph“). Unzählige Beispiele lassen sich da anführen. Vom „Zynismus“[^828-2], von der Ironie[^828-3] und vom „Witz“[^828-4] war schon die Rede. Wir erwähnen noch die Umdeutung der Worte „Enthusiasmus“[^828-5], „korrekt“[^828-6], „Sinn“[^828-7], „Bildung“[^828-8] usw. „Meine Erklärung des versifizierten Wortes *Romantisch* kann ich dir nicht gut schicken, weil sie — 125 Bogen lang ist“, schreibt er 1797 an Wilhelm[^828-9]. Alle diese Begriffe werden aber nicht nur aus Freude am Neuschaffen, sondern in bezug auf die Grundideen der romantischen Doktrin mit neuem Sinn erfüllt. Wenn nun aber Chamfort das Wort „Talent“ als den versifizierten Ungeist anspricht, und sich durch das „on appelle“ scheinbar auf einen öffentlichen Sprachgebrauch beruft, so ist dies eine witzige Wendung, ein Bonmot, in das er eine vielfach gar nicht zutreffende Beobachtung einkleidet. Daß er die Welt so beobachten kann und muß, daß ihm gerade *dies* in die Augen springt, ist ein Symptom seiner Weltanschauung. Das Witzwort, an dem Schlegel Anstoß nimmt, ist es *nicht*. Aber wenn Schlegel sagt: „Bildung ist antithetische Synthesis, Vollendung der Ironie“[^828-10] oder „Enthusiasmus ist ein lichtes Chaos von göttlichen Gedanken und Gefühlen“[^828-11], so steht freilich seine ganze Weltanschauung dahinter. Seine Neigung, auch den Scherz noch ernst zu nehmen, die Schwere, die seinem Geist trotz aller Willkür anhaftet („ich bin eine so schwerfällige Natur, daß es [das Studium der Übersetzung der griechischen Elegien] Studium und Zeit erfordern dürfte“, schreibt er an Wilhelm Schlegel)[^829-1], hat dieses bedeutungslose Mißverständnis zur Folge. Chamfort meinte ohne Zweifel nicht, daß „man“ Talent so auffasse, wie er es hier definiert. Der Vorwurf Schlegels, Chamfort habe seine eigenen Gedanken der Allgemeinheit untergeschoben, trifft also daneben[^829-2].

Lyc. 59. „Chamforts Lieblingsgedanke der Witz sei ein Ersatz der unmöglichen Glückseligkeit, gleichsam ein kleines Prozent, womit die bankerotte Natur sich für die nicht honorierte Schuld des höchsten Gutes abfinde, ist nicht viel glücklicher als der des Shaftesbury, Witz sei der Prüfstein der Wahrheit, oder als das gemeine Vorurteil, sittliche Veredlung sei der höchste Zweck der schönen Kunst. Witz ist Zweck an sich, wie die Tugend, die Liebe und die Kunst. Der genialische Mann fühlte, so scheint es, den unendlichen Wert des Witzes, und da die französische Philosophie nicht hinreicht, um diesen zu begreifen, so suchte er sein Höchstes instinktmäßig mit dem, was nach dieser das Erste und Schönste ist, zu verknüpfen. Und als Maxime ist der Gedanke, der Weise müsse gegen das Schicksal immer en état d'épigramme sein, schön und echt zynisch.“

Der Wert, den Chamfort dem Witz beimißt, ist aus folgendem Zitat zu ersehen74:

„C'est par elle qu'on évite de se compromettre. C'est par elle qu'on met tout en place sans sortir de la sienne. C'est elle qui atteste notre supériorité sur les choses et sur les personnes“ usw.

Die französische Philosophie, sachlich, empiristisch, eigentlich unmetaphysisch, wie sie von den Enzyklopädisten vertreten wird, wurde von Schlegel, dem Kant und Fichte vertraute Gefährten täglicher Gedanken sind, sehr gering geschätzt. Über diese Philosophie heißt es bei Humboldt:

„In Condillac liegt der Ursprung noch aller heutigen Metaphysik in Frankreich. Sie nimmt kein a priori an, ihre Metaphysik ist also nur eine rationelle Psychologie75.

Der Ausspruch Chamforts, auf den sich Schlegel hier in der Folge bezieht, heißt:

… il (l'honnête homme, detrompé de toutes les illusions) doit être plus gai qu'un autre, parcequ'il est constamment en état d'épigramme contre son prochain“76.

Daß „echt zynisch“ bei Schlegel ein hohes Lob ist, wurde schon gelegentlich festgestellt.

Lyc. 111. „Chamfort war, was Rousseau gern scheinen wollte: ein echter Zyniker, im Sinne der Alten mehr Philosoph als eine ganze Legion trockener Schulweiser; obgleich er sich anfänglich mit den Vornehmen gemein gemacht hatte, lebte er dennoch frei, wie er auch frei und würdig starb, und verachtete den kleinen Ruhm eines großen Schriftstellers. Er war Mirabeaus Freund. Sein köstlichster Nachlaß sind seine Einfälle und Bemerkungen zur Lebensweisheit, ein Buch voll gediegenem Witz, tiefem Sinn, zarter Fühlbarkeit, von reifer Vernunft und fester Männlichkeit, und von interessanten Spuren der lebendigsten Leidenschaftlichkeit, und dabei auserlesen und von vollendetem Ausdruck; ohne Vergleich das Höchste und Erste in seiner Art.“

Dies ist eine von den „exemplarisch kurzen Rezensionen“, die er für das Athenäum sich zu schreiben vornahm77, in eine Reihe zu stellen mit denen über Tieck78, Fichte79, Jean Paul80, Hülsen u. v. a. Hier sagt er selbst, daß die „Maximes et Pensées“ der Teil von Chamforts Werk waren, der ihm den größten Eindruck machte. Schon Lyc. 59 zeigte, daß Schlegel es mit der Lektüre nicht so genau nahm, er las, wie er es selbst vom Leser verlangte, „schnell, in einem Zuge, zur Übersicht des Ganzen“81, denn bei Chamfort ist nicht die Rede vom „état d'épigramme“ gegen das Schicksal, sondern gegen seine Nebenmenschen (siehe oben). Hier wiederum spricht er davon, daß Chamfort sich „anfänglich mit den Vornehmen gemein gemacht habe“; nun, Chamfort war Mitte der Vierziger, als er sich vom Grafen von Vaudreuil trennte, und fast bis zu seinem Tode bezog er eine Pension aus dem Trésor Royal82. Freilich hatte er sich in seinem Verkehr mit der Aristokratie, die er als Prinzip bekämpfte, immer seine Gesinnungsfreiheit zu wahren gewußt. Das Umschwenken Chamforts, auf das Schlegel hier anspielt, wäre also nur der äußerliche Moment, da er sich in die Einsamkeit zurückzog. Daß es ihn aber doch immer wieder in jene Sphären lockte, ist eben seinem Temperament zuzuschreiben. Auch Nietzsche hat auf sein aristokratisches Blut hingewiesen83. Der Grund seines Wesens wurde durch das Schicksal und durch seine Neigungen nicht angetastet, er war im wahrsten Sinne ein Charakter, und Pascals: diseur de bons mots, mauvais caractère', (Pascal S. 184 Nr. 19) trifft hier nicht zu. Aber auf die akzessorische Gestaltung seines Lebens (und dazu gehören diese Beziehungen zur Aristokratie, die fürstlichen Renten usw.) gestattete er dem Schicksal und dem eigenen Temperament wohl einen Einfluß. Auch auf seine eigene Produktion, die vielfach Einblicke in sein Privatleben gestattet. Bei Schlegel findet das umgekehrte Verhältnis statt: der ganze Aufbau seines Wesens ist mitbedingt durch persönliche Faktoren. Auf seine Äußerungen, im Leben, vor allem im Schreiben aber, haben sie recht wenig Einfluß. Der Alltag bleibt da fern.

A. 38. „Die Geduld, sagt S., verhält sich zu Chamforts état d'épigramme, wie die Religion zur Philosophie.“

Dieses Fragment ist von Schleiermacher84, worauf das „sagt S.“ hindeutet. Zu verstehen ist dieser Vergleich, wenn man interpretiert, daß Geduld eine Gefühlshaltung, der état d'épigramme eine Geisteshaltung sei.

A. 82. (Die in Betracht kommende Stelle lautet:)

„auf die Definitionen läßt sich anwenden, was Chamfort von den Freunden sagte, die man so in der Welt hat. Es gibt drei Arten von Erklärungen in der Wissenschaft: Erklärungen, die uns ein Licht oder einen Wink geben; Erklärungen die nichts erklären; und Erklärungen, die alles verdunkeln. Die rechten Definitionen lassen sich gar nicht aus dem Stegreif machen, sondern müssen einem von selbst kommen; eine Definition, die nicht witzig ist, taugt nichts, und von jedem Individuum gibt es doch unendlich viele reale Definitionen“ usw.

Enders85 meint, daß dieser Hinweis auch Chamfort sich auf folgende Stelle aus den „maximes et pensées“ beziehe:

„il paraît impossible que dans l'état actuel de la société il y ait un seul homme, qui puisse montrer le fond de son âme et les détails de son caractère, et surtout de ses faiblesses à son meilleur ami: mais (encore une fois), il faut porter le raffinement si loin, qu'il ne puisse pas même y être suspect, ne fût ce que pour ne pas être méprisé comme acteur dans une troupe d'excellents comédiens“86.

Um zwischen diesem und dem Schlegelschen Ausspruch eine Verbindung herzustellen, muß man sehr weit ausholen. Man muß etwa die Parallele aufstellen, daß die Definitionen ihre Definienda ebenso verbergen, wie der Freund sein Leben vor dem Freunde, oder daß zwar nicht die Definitionen diese böse Absicht der Verunklärung haben („pour ne pas être méprisé comme acteur“),

daß sich aber der Sinn vor den Definitionen versteckt, wie der Freund vor dem Freunde, und daß sie seiner bei aller Anstrengung nicht habhaft werden können. Aber dieser Vergleich ist sehr erzwungen. Denn wenn man nicht nur das von Enders zitierte Bruchstück, sondern die ganze Maxime bei Chamfort liest, so ergibt sich, daß es sich da gar nicht so sehr um Freunde als um Heuchelei und Verstellung handelt[^832-1], und daß, wenn schon die Verstellung für Schlegel das tertium comparationis war, gar nicht einzusehen ist, warum er da von den Freunden redet. Aus der Verlegenheit dieses hinkenden Vergleichs zieht uns ein Chamfortscher Ausspruch[^832-2]:

„J'ai trois sortes d'amis. Mes amis qui m'aiment, mes amis qui ne se soucient pas du tout de moi, et mes amis qui me détestent.“

Der Bau dieses Satzes stimmt völlig mit Schlegels Ausspruch überein, die Einteilung der Freunde hier wie der Definitionen da, in positive, indifferente und negative ist so konkordant, daß ein Zweifel über die Richtigkeit unserer Annahme wohl ausgeschlossen ist. Dasselbe Zitat gibt Auguis in seiner Ausgabe von Chamforts Werken (Paris 1828) in ganz verunstalteter Fassung87.

„J'ai trois sortes d'amis, mes amis qui me détestent, mes amis qui me craignent, et mes amis qui ne se soucient pas du tout de moi.“

Wenn Auguis das Zitat nicht selbst so geistlos verstümmelt hat, sondern es schon in diesem Zustande überkam, so beweist es nicht viel Klugheit, es als Dokument von Chamforts Geist und Witz anzuführen. Unsere Annahme, dies sei das von Schlegel gemeinte Witzwort und nicht das, welches Enders mitteilt, wird noch dadurch bekräftigt, daß auch Wilhelm in seiner Rezension88 das Zitat anführt, und zwar in etwas veränderter Form; er hat „haïssent“ statt „détestent“ (W. Schlegel X, 303). So wurde Schlegel noch besonders darauf aufmerksam gemacht. Übrigens scheint das Wort im Schlegelschen Kreise kursiert zu haben. (Wie es ja überhaupt eins von Chamforts geflügelten Worten geworden ist, das sich von Mund zu Munde fortpflanzt wie das „guerre aux châteaux, paix aux chaumières“ oder das „sois mon frère, ou je te tue“). Denn auch Caroline spricht davon in einem Brief an Wilhelm Schlegel89 wie von etwas selbstverständlich Bekanntem. (Erich Schmidt sagt in der Anmerkung zu diesem Brief90: „Chamforts Aphorismen kannte Caroline durch Wilhelms Rezensionen. Sein Witz hatte stark auf Friedrich gewirkt.“) Daß dieser Aphorismus gemeint ist, scheint also gar nicht mehr fraglich. Abhängig von diesem Wort ist vielleicht auch das Fragment:

„Zum großen Nachteil der Theorie von den Dichtarten vernachlässigt man oft die Unterabteilungen der Gattungen. So teilt sich z. B. die Naturpoesie in die natürliche und in die künstliche und die Volkspoesie in die Volkspoesie für das Volk und in die Volkspoesie für Standespersonen und Gelehrte“91.

Es ist das gleiche wie oben: Wie hier ein scheinbar in allen Merkmalen bekannter Begriff nach einem Einteilungsmerkmal in Unterabteilungen geteilt wird, das mit dem Inhalt des Begriffes in paradoxem Widerspruch steht. Hier hat wirklich „Chamforts Witz auf Schlegel gewirkt“.

A. 425. „Die erste Regung der Sittlichkeit ist Opposition gegen die positive Gesetzlichkeit und konventionelle Rechtlichkeit, und eine grenzenlose Reizbarkeit des Gemüts. Kommt dazu noch die selbständigen und starken Geistern so eigene Nachlässigkeit, und die Heftigkeit und Ungeschicklichkeit der Jugend, so sind Ausschweifungen unvermeidlich, deren nicht zu berechnende Folgen oft das ganze Leben vergiften. So geschieht's, daß der Pöbel die für Verbrecher oder Exempel der Unsittlichkeit hält, welche für den wahrhaft sittlichen Menschen zu den höchst seltenen Ausnahmen gehören, die er als Wesen seiner Art, als Mitbürger seiner Welt betrachten kann. Wer denkt hiebei nicht an Mirabeau oder Chamfort?“

Dieses hohe Lob ist eine Fortsetzung der Charakteristik im Lyc. 111. Man ist auf den ersten Blick versucht, nun auch folgendes Fragment auf Chamfort zu beziehen:

„Warum sollte es nicht auch unmoralische Menschen geben dürfen, so gut wie unphilosophische und unpolitische? Nur antipolitische und unrechtliche Menschen können nicht geduldet werden“92.

Aber wenn Schlegel da wirklich Chamfort vor Augen gehabt hat, was niemand mehr nachweisen kann — dann hat er Chamfort Unrecht getan. So sehr Chamfort sonst (z. B. in seinen Kunstanschauungen) die Nützlichkeit in Frage zieht, er kannte in sittlicher Beziehung ein absolutes Gesetz und nicht nur die utilitaristische Forderung, nicht zu schaden.

Von den Zeitgenossen Schlegels spricht Steffens in seinen Erinnerungen93 über Schlegels Beziehungen zu Chamfort: „sein Witz war unerschöpflich und treffend. Auch gehörte er zu jenen, die

den Witz zu schätzen wissen; in dieser Rücksicht war ihm Chamfort sogar bedeutend …“ Steffens lernte Schlegel im Jahre 1798 in Berlin kennen, im „Fragmentenjahr“. Frau Unger, die ihm mit ihrer heftigen Gemütsart viel Not macht und gar keinen Respekt vor seiner Zeit hat[^834-1] und die er mit Vorliebe die Ungeheure nennt[^834-2], schreibt an F. L. W. Meyer (im Oktober 1798) Friedrich Schlegel, der Chamfortierende, sei bei ihr gewesen[^834-3].

Daß im Bewußtsein der Zeitgenossen Chamfort und Friedrich Schlegel irgendwie zusammen gehörten, zeigt auch folgende Stelle in einem Briefe Varnhagens (von 1809): „Im Diderot, Chamfort, Friedrich Schlegel, Lichtenberg und allen Besten, gibt es kein solch pikantes, unerschöpfliches, augenleuchtendes Glückswort —“94.

2. Stoffliche Beziehungen.

Wir geben nun eine Übersicht der Zitate, wo eine inhaltliche Verwandtschaft vorliegt. Inwiefern daraus auf eine direkte Beeinflussung geschlossen werden kann, sei dahingestellt. Es ist nur zu natürlich, daß von einem Buch wie Chamforts Maximen manches im Gedächtnis haften bleibt, zumal ja die markige und zugleich formal vollendete Diktion der Maximen das Behalten sehr leicht macht95. Es sind Rudimente, die in einer halbbewußten Zone des Gehirns hängen bleiben und dann von neuer Individualität umgefärbt ans Tageslicht treten. Nur eine solche Beziehung gibt es bei Chamfort und Schlegel. Sein Fragmentenhunger mag neben der unbewußten Assimilation auch noch eine bewußte Suche nach geeignetem Stoff hervorgebracht haben, denn er meinte, „die Menge der Fragmente müsse es machen“ 96, beauftragte Caroline, aus seinen und Hardenbergs Briefen, woher sie wolle, aus Himmel und Erde Fragmente zu exzerpieren 97, und schreibt an Wilhelm; „Werdet Ihr mir denn gar keine schicken? Willst Du keine machen? Will Caroline keine machen? Will Auguste keine machen? Bei Tische könntet Ihr das sehr gut. Auguste kann sie gleich aufschreiben“ 98. Auch Schleiermacher beklagt sich: „Mir hat er das Onus auferlegt, daß ich seine philosophischen Papiere wie ein Trüffelhund habe abtreiben müssen, um Fragmente und Fragmentensamen aufzuwittern. Er selbst hat viele ganze Tage nichts als Striche gemacht, wie ein Silberprobierer“ 99.

Da eine Einteilung nach dem Merkmal der bewußten und unbewußten Entlehnung sich doch nur auf anfechtbare Eindrücke unbestimmter Natur stützen könnte, lassen wir nun ohne solche Scheidung die verwandten Aphorismen folgen:

R.100 Ch. IV, 62.Schlegel A. 85.
„Les maximes générales sont dans la conduite de la vie, ce que les routines sont dans les arts.“„Grundsätze sind fürs Leben, was im Kabinett geschriebene Instruktionen für den Feldherrn.“
IV, 20.Lyc. 127.
„Il y a des gens à qui on n'a besoin que de présenter le vrai, pour qu'ils y courent avec une surprise naïve et intéressante. Ils s'étonnent qu'une chose frappante leur ait échappé jusqu'alors.“„Es ist indelikat, sich darüber zu wundern, wenn etwas schön ist oder groß; als ob es anders sein dürfte.“

Der Ausgangspunkt ist der gleiche, aber die Folgerung ist anders. Chamfort wird durch das, was er sieht, an die Dummheit der Menschen erinnert. Schlegel sieht dasselbe und erinnert sich an die Notwendigkeit des Schönen. Beide machen sich lustig. Chamfort über das Bestehende, die Einbildung, den Egoismus der Menge; Schlegel über das Mangelnde, ihr Mißkennen hoher Ideale. (Zum Stoff vgl. auch Ch. IV, 11 „En général, si la société …“

R. IV, 170.A. 318.
„Peu de philosophie mène à mépriser l'érudition, beaucoup de philosophie mène à l'estimer.“„Heraklit sagte, man lerne die Vernunft nicht durch Vielwisserei. Jetzt scheint es nötiger, zu erinnern, daß man durch reine Vernunft allein noch nicht gelehrt werde.“
R. IV, 138.Minor II, 363.
„Ce que j'ai appris, je ne le sais plus; le peu que je sais encore, je l'ai deviné.“„Alles Denken ist ein Divinieren.“

Man sieht, wie Schlegel aus Chamforts subjektiver Beobachtung einen abstrakten Satz gewinnt. (Vgl. noch Ch. IV, 174, IV, 179, Schlegel A. 82.)

Ch. IV, 371.Lyc. 74.
„Ne se brouille pas avec moi qui veut.“„Man kann niemandem ein Ärgernis geben, wenn er es nicht nehmen will.“
Ch. IV, 145.A. 34.
„Quand un homme et une femme ont l'un pour l'autre une passion violente, il me semble toujours que, quelques soient les obstacles qui les séparent, un mari, des parents etc., les deux amants sont l'un à l'autre de par la nature, qu'ils s'appartiennent de droit divin, malgré les lois et les conventions humaines.“„Schon darum sollte die Willkür, die wohl ein Wort mitreden darf, wenn es darauf ankommt, ob einer ein Individuum für sich oder nur der integrante Teil einer gemeinschaftlichen Personalität sein will, hier so wenig als möglich beschränkt werden; und es läßt sich nicht absehen, was man gegen eine Ehe à quatre Gründliches einwenden könnte. Wenn aber der Staat gar die mißglückten Eheversuche mit Gewalt zusammenhalten will, so hindert er dadurch die Ehe selbst, die durch neue vielleicht glücklichere Versuche befördert werden könnte.“
Ch. IV, 161.A. 425.
„Il y a une certaine énergie ardente, mère ou compagne nécessaire de telle espèce de talents, laquelle pour l'ordinaire condamne ceux qui les possèdent au malheur, non pas d'être sans morale, de n'avoir pas de très-beaux mouvements bis seraient atteints et convaincus d'actions très-condamnables, de sentiments quelquefois très pervers. O, altitudo!“(Schon zitiert S. 833.)
Ch. IV, 218.Schlegel Lyc. 35.
„Le public le public! Combien faut-il de sots pour faire un public?“„Mancher redet so vom Publikum, als ob es jemand wäre, mit dem er auf der Leipziger Messe im Hotel de Saxe zu Mittag gespeist hätte. Wer ist denn dieser Publikum? — Publikum ist gar keine Sache, sondern ein Gedanke, ein Postulat, wie Kirche.“
Ch. IV, 33.Schlegel Lyc. 92.
„Les trois quarts des folies ne sont que des sottises.“„… dies nicht ertragen und begreifen zu können, ist das Wesen der Torheit. Es schlechthin nicht zu wollen, der Anfang der Narrheit.“
R. Ch. IV, 331.Schlegel A. 79.
„Mad. de Créquy me disait du Baron de Bréteuil: Ce n'est morbleu pas une bête que le Baron: c'est un sot.“„Die Narrheit ist dadurch von der Tollheit verschieden, daß sie willkürlich ist wie die Dummheit &c.“

Die unbewußte Beeinflussung besteht hier darin, daß Schlegel sich wie Chamfort mit den feinen Unterschieden von Narrheit und Dummheit beschäftigt.

Ch. IV, 140.Schlegel Lyc. 16.
„L'homme peut aspirer à la vertu; il ne peut raisonnablement prétendre de trouver la vérité.“„Man soll von jedermann Genie fordern, aber ohne es zu erwarten.“

Viele Gedanken finden sich bei beiden, ohne daß man von einer Beeinflussung sprechen könnte, weil es eben Gedanken sind, die beiden sehr nahe lagen, z. B. Ch. III, 314 und Schlegel A. 212 über Freiheit, Ch. IV, 135 und Ed. Aug. V, 312 und Schlegel Lyc. 81 über unpersönliche Polemik, Ch. IV, 16 und Schlegel A. 375 über Biegsamkeit des Geistes, Ch. IV, 100, Schlegel Lyc. 71 über Verständnis für Witz, Ch. IV, 103 und Lucinde S. 117 über die Bedeutung des Witzes in der Gesellschaft, Ch. IV, 158 und Schlegel A. 50 und A. 102 über Liebe und Frauen, Ch. 434 und Schlegel A. 404 über Individualismus, Ch. IV, 164 und Schlegel A. 432 über die bewußte Produktion; oder man kann deshalb von einer Beeinflussung nicht sprechen, weil die entsprechenden Stellen bei Schlegel in Schriften stehen, die vor seiner Bekanntschaft mit Chamfort entstanden sind, z. B.

„Ch. IV. 164: Je dirais volontiers des métaphysiciens ce que Scaliger disait des Basques: on dit qu'ils s'entendent mais je n'en crois rien und Schlegel Minor I, 175 … daher die erdichte Härte, der barsche Ton, das finstre Kolorit mancher, sonst trefflicher Deutscher Schriftsteller. Dieser Weg kann endlich so weit von der Einfalt der Natur, von dem großen Wesentlichen und ächter Schönheit entfernen, daß sich Zweifel regen dürften, ob jene ästhetischen Mysterien nicht etwa ein Orden ohne Geheimniß seyn möchten, wo jeder glaubt, der andere wüßte es.

Und ferner die folgenden Stellen: Ch. IV, 171 und Schlegel Minor I, 108 über die Verbindung von mittelmäßigen Autoren und mittelmäßigem Publikum: Ch. IV, 167, IV, 204, IV, 206 und Schlegel Minor I, 96 über die Abhängigkeit von günstigen Bedingungen, Ch. IV, 185 und ed. Aug. IV, 9 mit Schlegel, Minor I, 12 über Schmerz und Freude u. v. a.

Ab und zu wird ein Bild entlehnt:

Ch. IV, 41.Schlegel A. 394101.
„Il en est de la valeur des hommes comme de celles des diamants qui à une certaine mésure de grosseur, de pureté, de perfection, ont un prix fixe et marqué mais qui par de là cette mésure restent sans prix et ne trouvent point d'acheteurs.“„… man muß seine (des Witzes) Produkte nach dem Gewicht würdigen, wie Cäsar die Perlen und Edelsteine in der Hand sorgfältig abwog. Der Wert steigt mit der Größe ganz unverhältnismäßig und manche, wie bei einem enthusiastischen Geist und barockem Äußeren, noch beseelte Akzente, frisches Kolorit und eine gewisse kristallene Durchsichtigkeit haben, die man dem Wasser der Diamanten vergleichen möchte, sind gar nicht mehr zu taxieren.“

Man kann also auch aus diesen wenigen Stellen, wo eine Beeinflussung höchstwahrscheinlich vorliegt, ersehen, wie weit der Einfluß gehen konnte und wo er durch die Persönlichkeit des Beeinflußten gehemmt wurde.

3. Die Wurzeln von Schlegels Form.

„Le style c'est l'homme“ sagt Buffon. Um zu einer Erkenntnis von Schlegels Form zu gelangen, muß man zu den Wurzeln seiner Persönlichkeit zurück- und von ihnen neu ausgehen.

Die Kantsche Philosophie konnte mit einiger Gewaltsamkeit so aufgefaßt werden, als ob seit Kants kritischem Idealismus dem Geist überhaupt keine Schranken mehr gesetzt seien. War er bis dahin von der Außenwelt durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt gewesen, so bot sich nun die Möglichkeit, die Welt als Ganzes zu erfassen und alles Seiende unter einen großen Oberbegriff zu bringen. Durch diesen hohen Irrtum über Kant ist die Romantik in Deutschland mitbedingt. Der eine große spiritus motor ist hier: Das Streben nach der Einheit. Es wirkt durch alle Äußerungen des romantischen Geistes, in Kunst und Lebensführung. Aus allen Biographien ist es abzulesen. „In meinem Leben und philosophischen Lehrjahren ist ein beständiges Suchen nach der ewigen Einheit“ 102. Alles hat Zusammenhang mit dem Ganzen. Man muß das Ganze genau kennen, um einen Teil zu verstehen 103. „Niemals wird einer, der den Geist der Solonischen Gesetzgebung nicht kennt, die Winke der Alten über den Dithyrambus verstehen und wer kann den Pindarschen Rhythmus begreifen, dem die Sitten und die Staatsverfassung der Dorier fremd sind?“ 104.

Und zwar strebt Schlegel nach einer Einheit, die besser mit dem Wort Allheit bezeichnet werden möge, wofern man sich darunter etwas Organisches und nicht nur etwa die locker gefügte Summe alles Seienden vorstellt. Es soll nichts, was ist (und unter das Seiende rechnet der Schüler Kants und Fichtes natürlich an bedeutender Stelle das Denkbare) irgendwie beschnitten werden. Auf eine Verschmelzung hat er es abgesehen, nicht auf eine Ordnung und Fügung. Wenn man Ecken abfeilte, ginge Substanz verloren. Um die Totalität der Erscheinungen zu beherrschen, braucht er ein System. Es darf freilich keines sein, das „tödlich für den Geist“ wirkt 105; kein Knochengerüst, sondern ein Adergeflecht. Steppuhn sagt über dies: „Er will das System als eine aus Widersprüchen bestehende Einheit, nicht aber als eine die Widersprüche auflösende Vereinheitlichung. Er will eine ausgesprochene Beherrschung der absoluten Totalität, aber ohne irgend eine formale Überwindung der konkreten Inhaltlichkeit mit ihren Gegensätzen“ 106. Dieses System fand Schlegel nicht bei Kant 107, sondern bei Fichte. Er lehrte die Allmacht des Subjekts und dehnte die Spannen des Geistes so weit hinaus, daß die ganze Wirklichkeit darunter Platz fand. Aber Fichte ließ seinen Geist die Welt nur erschaffen als einen Stoff für die sittliche Betätigung. Was Schlegel ersehnte, die vollkommene Vereinigung von Geist und Welt, ohne jegliche Präpotenz von einer oder der andern Seite, das konnte er schließlich auch bei Fichte nicht finden. Die Erschaffung, Setzung und Bearbeitung der Welt vom Subjekt her ist nun auch noch zu progressiv, noch nicht zyklisch genug. Die Wechselwirkung von Vorstellung und Gegenstand war hier noch nicht erreicht. Wie Schlegel sie postulierte und sie bei Kant nicht fand, fährt er fort: „Dies dürfte schon über Fichte hinaus sein. Schelling ahnts …“ 108. Erst bei Schelling bot sich die wahre „Ehe von Natur und Geist“ 109.

Die zweite Haupttendenz, die sich natürlich aus der Tendenz der Einheit ergibt, ist die Verwirklichung. Wenn man alles Seiende als Einheit auffaßte, konnte man nicht mehr zwischen Idealität und Realität scheiden, noch viel weniger Werturteile mit diesen Begriffen verbinden. „Alle Realität soll ideal sein und alle Idealität real“ 110. Daß die Einheitstendenz der Romantik sich nicht in Mystik verwandelt, wurde verhindert durch ihren Bewegungs- oder wie man von nun an sagen kann, Verwirklichungsdrang. „Faire passer en acte toutes les virtualités, tel est le fond de sa doctrine et de la doctrine romantique“ 111. Es ist keine Materialisierung, und eine Realisierung nur dann, wenn man dies Wort, wie Schlegel dies tut, in seiner höchsten Bedeutung auffaßt. Das Mittel dazu ist die Ironie. Die Ironie soll deutlich machen, daß es keine darstellbare Tatsächlichkeit, sondern nur eine unfaßbare Unendlichkeit gibt. Der neue Realismus soll nicht so sehr das Unendliche verwirklichen, als das Wirkliche verunendlichen. „Der Idealismus in jeder Form muß auf die eine oder die andere Art aus sich herausgehen, um in sich zurückkehren zu können (wieder das Postulat des Kreises, des Zyklischen!) und zu bleiben, was er ist. Aus seinem Schoß wird sich ein neuer, ebenso grenzenloser Realismus erheben“ 112. Immer wieder ist von dieser Verwirklichung die Rede 113. Sie ist für Schlegel die hergestellte „Harmonie des Ideellen und Reellen“ 114. Manchmal erblickt er in der Kunst diese Synthese der entgegengesetzten Weltströmungen, oft aber faßt er, sich selbst widersprechend, die Kunst nur als eine Seite der Antithese, die mit deren anderen Seite, der Praxis, erst die Synthese eingehen soll. Aber schließlich war in der Kunst Einigung und Einheit nicht zu finden. Denn die Kunst hat es immer mit Grenzen zu tun, mit Abstecken, Gegensatz zwischen Einbezogenem und Außengelassenem, mit Auswahl. Die Kunst ist Ausdruck. Und das Absolute ist vernichtet im Keim, wo Ausgedrücktes und Auszudrückendes sich aufeinander beziehen. Wo Ausdruck ist, ist Relativität. Aber auch eine Verwirklichung findet in der Kunst nicht statt. Da gibt es überwirkliche Postulate, Ideen, Forderungen. Die Einheit ist vernichtet, weil die Kunst eine Auswahl trifft, und nicht die ganze Wirklichkeit einbezieht. Die Verwirklichung ist vernichtet, weil die Kunst eine Umbildung des Wirklichen vollzieht, die ein der Verwirklichung entgegengesetzter Prozeß ist, eine Entwirklichung. Diese Abtrennung einzelner Lebensteile und ihre planmäßige Umgestaltung mußte Schlegel ablehnen. Er verlangte nicht eine gegenseitige Steigerung von Kunst und Leben (wobei in dem „Gegenseitig“ schon eine Antagonie schweigend mit verstanden wird) sondern eine Durchkreuzung, ja geradezu eine Auflösung von Kunst und Leben ineinander. Eine Idealkunst, die vom Tatsächlichen abstrahiert, um zum Typischen zu kommen, gilt ihm kalt und lebensfremd, sinnlos. Gegen diese ganze Kunst ist sein Wesen gerichtet.

In Erscheinung tritt diese Gegnerschaft in seiner Ablehnung der Form. Er erblickte in der Form nicht den einen Bestandteil einer erhabenen Synthese, wie sie im klassischen Kunstwerk vorlag und wie er sie noch vor kurzem bei den Griechen höchlichst gefeiert hatte 115, er erblickte in der Form den Feind alles Unendlichen.

Die Form ist das Trennende; aber für Schlegel wird ein Werk zum Werk, unterscheidet sich vom Studium nur dadurch, daß es eins und alles 116 ist; und „nur durch Beziehung aufs Unendliche entsteht Gehalt und Nutzen“ 117.

Steppuhn nennt das, was die Form bringt, das Ebenmachen, das Einbauen ins Feste, „die negative Vereinheitlichung“ 118, zum Unterschied von Schlegels Einheit; und diesen Gegensatz bekämpfte Schlegel, indem er die Form bekämpfte, sie mit allen Mitteln ihrer Macht zu berauben suchte. Die Form sollte nun in effigie vernichtet werden und das geschah, indem das Prototyp der Form überhaupt, die strenge, die klassische Form, vernichtet wurde.

Auch die Stürmer und Dränger hatten die klassische Form bekämpft. Aber zwischen ihrer Form und der romantischen Friedrich Schlegels ist ein weiter Unterschied. Schlegels Form ist viel weniger revolutionär als die elliptische ha- und ach-Sprache der Stürmer und Dränger. Aber diese ist doch eine Form, wenn auch eine mit negativem Vorzeichen. Schlegels Form aber ist nicht ästhetischer Selbstzweck, sondern Mittel, eine Waffe im Kampf gegen das Erstarrte, ein Schlachtruf gegen den Rigorismus der Klassiker. Die Form sollte vernichtet werden: man stellte ihr die Unform gegenüber, auf daß sie in deren grellem Scheine erlösche. In der letzten Konsequenz von Schlegels Weltanschauung war seine eigene romantische Form ebenso ein abzulehnendes Surrogat wie die klassische, nur daß es bei dieser schärfer ins Auge fiel. Die Folgerung aus seinen Anschauungen gezogen ergibt — absolutes Schweigen. Kein Kunstwerk, sondern Werk, die Wirklichkeit nicht gestaltet, sondern erlebt, die Einheit nicht gefaßt, sondern empfunden, Wort- und Gestaltlosigkeit, die reine Geistheit.

Was er daher am ehesten als Formgattung gelten ließ, was den schärfsten Gegensatz zur „negativen Vereinheitlichung“ bot, waren: das Fragment, der Aphorismus, das Gespräch, Memoiren und Briefwechsel. Bekenntnisse sind ihm eine wichtige Kunstform 119. Von den größeren Formen stellt er über alle den Roman, diesen „lockeren Gesellen, der schnell alt wird und stirbt“ 120, d. h. nicht erstarrt, diese „Encyklopädie des ganzen geistigen Lebens eines genialischen Individuums“ 121. Aus Schlegels Kampf gegen die erstarrende Gestalt stammt auch sein Drang, die übereingekommene Terminologie auf den Kopf zu stellen. In seinen Schriften, vor allem in den Fragmenten, herrscht ein Überfluß an originellen Umdeutungen 122. Da man die Sprache nun einmal nicht entbehren konnte, sollte sie wenigstens in heftige Erschütterung versetzt werden, um etwas an Ähnlichkeit mit dem Hergebrachten einzubüßen. Ein weiteres Symbol dieser Auflehnung ist die Störung der Illusion (wie z. B. in Tiecks Märchenkomödien), nicht ein Formproblem unter anderen, nicht, daß man so und nicht anders gestalten solle, drückte sie aus; sondern sie negierte die Berechtigung der Gestalt überhaupt, indem sie den Mikrokosmos des Kunstwerkes am Makrokosmos des Lebens maß, und über die Diskrepanz in Gelächter ausbrach. Nichts war ihm so sehr ein Zeichen des Starren, wie das vollendete Kunstwerk. „Der Himmel behüte uns vor ewigen Werken“ 123, denn „schlechthin unübertreffliche Vorbilder beweisen unübersteigliche Grenzen der Vervollkommnung“. Während er immer ins Unendliche hinausströmen will. Daß man das All wohl ganz fühlen, aber nie ganz fassen kann, weiß er von sich, und deshalb ist alle Schönheit ihm nur Allegorie, und das Höchste kann man, weil es unaussprechlich ist, nur allegorisch sagen 124.

Aber es ist darauf hinzuweisen, daß Schlegel durchaus nicht eine nebelhafte Verschwommenheit und unklare Ballung vorschwebte, wenn er das Wort Einheit aussprach. Nur „diejenige Verworrenheit ist ein Chaos, aus der eine Welt entspringen kann“ 125 und „die Phantasie des Dichters soll sich nicht in eine chaotische Überhauptpoesie ergießen“ 126. Auch die Unordnung ist bei ihm nicht das Verfließen von allem Vorhandenen zu einem Klumpen. Das System ist zwar etwas, was mit Feuer und Dolch getilgt werden müßte 127, aber der Geist des Systems ist etwas anderes als das System, er allein kann zur Vielseitigkeit führen 128 und Vielseitigkeit ist der Weg zur Allseitigkeit 129. Nicht auf Trennung hat Schlegel es abgesehen, wir stellten fest, daß er sie als Feindin alles Absoluten bekämpfte wohl aber auf Gliederung alles Absoluten. Novalis drückt diesen Gedanken sehr schön aus: „Vor der Abstraktion ist alles Eins, aber ein Chaos; nach der Abstraktion ist wieder alles vereint, aber diese Vereinigung ist eine freie Verbindung selbständiger, selbstbestimmter Wesen. Aus einem Haufen ist eine Gesellschaft geworden, das Chaos ist in eine mannigfaltigere Welt verwandelt.“ „Es gibt nur einen Sinn und in dem liegen alle“ 130. Auch Caroline schreibt an Novalis: „Der höchste Sinn besteht aus vielen“.131 Denn eine Einheit ohne Gliederung ist plump, ist bäurisch, ist das ungeistige Aufeinanderpappen geistiger Massen. Aber „das Universum in sich reifen lassen, das kann nur ein Geist, der ein System von Personen in sich enthält“ und dieses „in freier Willkür gruppiert“ 132. Dieses mit leichter Hand sich Umgruppieren, diese Vielseitigkeit macht den Wunsch möglich, ein recht freier und gebildeter Mensch möge sich selbst nach Belieben philosophisch oder philologisch, kritisch oder poetisch, historisch oder rhetorisch, antik oder modern stimmen können 133, und die Ansicht, daß der universelle Geist alle ursprünglichen ewigen Individuen, den ganzen Olymp in sich trage 134. Philosophie ist logische Chemie 135, d. h. das Element, wo alle Stoffe sich vermischen und verschmelzen.

Wir haben nun die Anschauungen kennen gelernt, die Schlegel zu seiner Grundform, dem romantischen Fragment, führten. Und die Wurzeln dieser Form aufzusuchen, nicht aber einen Überblick über Schlegels Weltanschauung zu geben, war hier der Zweck 136.

4. Das romantische Fragment.

„Friedrich Schlegel stempelt die Bequemlichkeit der Unform zum philosophischen und literarischen Grundsatz“ sagt Haym 137 und deutet damit das romantische Fragment psychologistisch, so als ob Schlegel hier aus der Not eine Tugend gemacht hätte, das, was er nicht wollte oder nicht konnte, bemäntelt hätte durch die Behauptung, daß man es nicht solle. Enders wiederum sagt, das Fragment sei ein Symbol dafür, wie der Ausdruck sich bescheide vor der „unfaßbaren, ewig sich wandelnden und mit dem Unendlichen verbundenen Persönlichkeit, die die einzig berechtigte Einheit darstellt“ und der gegenüber „das klassische Ideal der Geschlossenheit ein beinahe gotteslästerliches Unterfangen sei“ 138. Nein, nicht das Zeichen einer Ohnmacht sind die Fragmente, noch das eines gewollten Verzichts. Es war allerdings einer ihrer Zwecke, die Ohnmacht des Wortes gegenüber der Allmacht des Sinnes zu erweisen. Aber es handelte sich darin nicht um die Bewältigung des Stoffes (die gelingen oder mißlingen konnte) sondern um die Überwältigung der Form überhaupt. Jedenfalls ist das Fragment durchaus bewußt entstanden. Im Jahre 1798 bildete es den Mittelpunkt des Interesses, und an zahlreichen Briefstellen kann man die Geschichte seiner Entstehung verfolgen und sehen, welchen Raum diese neue Form in Schlegels Gedanken einnahm 139.

„Ein Fragment muß gleich einem kleinen Kunstwerk von der umgebenden Welt ganz abgesondert und in sich selbst vollendet sein, wie ein Igel“ 140. Diese Forderung ist offensichtlich abgezogen von seinem Vorbilde Chamfort. Denn dessen Aphorismen entsprechen ihr viel mehr als Schlegels eigene Fragmente. Nicht die Menge machte es bei Chamfort, wie im Athenäum, jeder Aphorismus steht allein, ein sinnvolles Einzelwesen, da und braucht sich nicht nach vor-, nicht nach rückwärts umzudrehn. Schlegels Fragmente dagegen fangen in der Mitte an und hören in der Mitte auf. Sie könnten ad libitum fortgesetzt werden. Eigentlich sind sie gar keine Aphorismen, sondern kleine Romane. Hundert Dinge werden zusammengestellt und zur weiteren Erforschung dargeboten. Unermüdlich werden Fragen aufgeworfen, kaum jemals gelöst. Es genügt ihm, darauf hingewiesen zu haben, daß da etwas zu lösen ist. Er selbst erforscht nicht, er fordert, deutet, prophezeit. „Behaupten ist schwerer als beweisen“ 141, mit diesem Satz hat Schlegel seine Rechtfertigung ausgesprochen gegenüber all jenen harmonisch Platten, die ihm Flüchtigkeit und Unergründlichkeit vorwarfen. In seinen Charakteristiken und Rezensionen knüpft er wohl an Gegebenes an, aber die meisten Fragmente sind ihrem Wesen nach Forderungen und schießen über den Sachgehalt der Welt weit ins Irrationale hinaus 142.

Chamforts „Maximes et Pensées“ sind ein Glied in der langen Kette der französischen Aphorismenliteratur. Was er Neues in diese dem französischen Geist sehr adäquate Form brachte, das ist sein Pathos, das Pathos der Revolution und sein Weltschmerz, der Weltschmerz der erst noch keimenden französischen Romantik. Schlegel aber hat in Deutschland die Fragmentenform fast aus dem Nichts erschaffen. Es war die typische Form für den romantischen, den deutschen Geist. „Wir Deutsche sind Hegelianer, auch wenn es nie einen Hegel gegeben hätte, insofern wir (im Gegensatz zu allen Lateinern) dem Werden, der Entwicklung, instinktiv einen reicheren Wert und tieferen Sinn zumessen, als dem, was „ist“. Wir glauben kaum an die Berechtigung des Begriffs „sein“ 143. Die abgebrochene, lockere, nicht gebaute Fragmentenform ermöglichte es, dieses ewige Werden am deutlichsten abzuspiegeln. Sie hatte den denkbar weitesten Abstand von der planmäßigen und abstrahierenden klassischen Form, die vernichtet werden sollte. So wurde das Fragment denn auch als Waffe gehandhabt, an der sehr wohl mehrere anfassen können, damit der Stoß kräftiger wird. Das bedeutet es, wenn Schlegel mit Wilhelm, Caroline, Novalis, gemeinschaftlich Fragmente schreiben will 144 (wenn allerdings auch eine unschuldige Spielfreude an der neuentdeckten Form hier mitwirkt). Sein Ideal war „ein bunter Haufen von Einfällen, die, nur vom Geiste eines Geistes beseelt, nach einem Ziele zielen“ 145, ein System von Fragmenten 146. So ein System von Fragmenten sind seine gesamten Werke. „Deine Rezension von Niethammers Journal hat den gewöhnlichen Fehler deiner Schriften; sie reizt, ohne zu befriedigen, sie bricht da ab, wo wir nun gerade aufs beste gefaßt sind — Andeutungen, Versprechungen ohne Zahl, Augen haben deine Schriften genug — helle, seelenvolle keimende Stellen — aber gib uns auch endlich — wo nicht etwas Brauchbares, doch etwas Ganzes, wo man auch kein Glied mehr supplieren muß“ 147, schreibt ihm Novalis. Aber Schlegel empfindet dies Fragmentarische nicht als Mangel. Das „Reizen ohne zu befriedigen“ war einer seiner Hauptzwecke; der Entstehungsgrund der mystischen Terminologie“ 148, wenn auch Ausdruck eines neuen Lebensgefühls, ist doch hauptsächlich von diesem Gesichtspunkt aufzufassen. Durch geheimnisvolle Verundeutlichung sollten die oberflächlichen Leser abgewehrt, die ernsthaften dagegen zu tieferem Nachdenken gezwungen werden. „Vernehmt mich nur jetzt und merket, warum ihr euch nicht verstehen könnt untereinander, so habe ich meinen Zweck erreicht. Ist der Sinn für Harmonie geweckt, dann ist es Zeit, das Eine, was ewig wieder gesagt werden muß, harmonischer zu sagen“ 149. Fast wird man an den Evangelisten Johannes erinnert: Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen. — An anderer Stelle heißt es: „Warum soll ich Mißverständnisse darbieten, wenn niemand sie ergreifen will?“ 150.

Chamfort schreibt die Biographie des ancien régime in Anekdoten („ein Anekdotenmeister muß alles in Anekdoten zu verwandeln wissen“ verlangt Novalis) 151. Manchmal verzichtet er auf jeden Kommentar, und dadurch erhalten seine genialen Einfälle eine besonders pikante Note 152. Aber durch die helle Glätte seiner Sätze schreit sein „leidendes, glühendes“ Herz 153 nach Reform, nach Revolution, nach praktischen Maßnahmen, nach Handanlegen, Bessern und Wenden. Unter seinem gleichmütig konstatierenden „man sagt“, „ich bemerkte“, „es geschah“ verbirgt sich der zentrifugalste Wille zur praktischen Tat. Schlegels Form dagegen ist höchst politisch und kämpferisch: „man soll“, „es wird“, es muß“ usw. und hinter dieser tätigen Bewegtheit steckt doch nur ein höchst zentripetales Spiel des Geistes, der sich um sich selber dreht. Der Realist hat trotz allem keine Beziehung zur Aktualität. Sein Idealismus begreift einen Universalismus, aber einen Sozialismus schließt er aus. Sein Reich ist nicht von dieser Welt.

Schlegel glaubte sich Chamfort verwandter als es wirklich der Fall war. In Chamforts Art, einfach zu erzählen, was er beobachtet hat, glaubte er den schlagendsten Beweis für seine Ablehnung der künstlerischen Gestalt zu erblicken und zu erkennen, daß man im bloßen Hinsprechen, ohne zu bilden, schon des Sinnes habhaft werden könne. Sein Mißverständnis war aber dies: im französischen Geist ist das formale Prinzip an und für sich da. Es dokumentiert sich auch in dem scheinbar Ungeformtesten, im simpelsten Satz. Denn schon in der Stoffwahl gibt es ein Formales. Man kann als Franzose jeder Kunst fernstehen und es ergibt sich doch Geschlossenheit, Geste, Gestalt. Das ganze Leben ist geformt, Form nicht der Gegensatz zur Urform, sondern ein Absolutes. Und so besitzen auch Chamforts Aphorismen trotz ihrer Absichtslosigkeit154 alle französische Eleganz, Glätte, prägnante Schärfe und Exaktheit.

5. Der Einfluß in der Form.

Börne sagt, daß die französische Sprache gar kein Kupfer-, nur Silbergeld habe und daß deshalb ein schlechter französischer Schriftsteller immer besser schreibe als ein schlechter deutscher155. Schlegel läßt diesen Vorteil des Instruments nicht ohne weiteres gelten: Die Klarheit der französischen Sprache ist gar nicht ursprünglich, im Gegenteil, sie ist klar aus demselben Grunde, wie man in Holland reinlich ist, weil man sonst vor Schmutz umkommen würde“156. Immerhin muß man bei einer Vergleichung in Betracht ziehen, daß schon die Sprache an sich die Nachahmung oft erschwerte. Ebenfalls großenteils im Sprachlichen begründet ist Chamforts Witz, der in Schlegels Augen dem ohnedies schon Hochverehrten die Krone höchsten Verdienstes verlieh: Die Abkürzungen durch Partizipialkonstruktionen u. a. m. sind im Deutschen unwiederholbar. Der Stil ist „periodischer, wie es einem Deutschen geziemt“157. Schlegel war nun auch noch besonders weitschweifig und viel zu schwer, um die graziöse Leichtigkeit des Bonmots treffen zu können. Seine Begeisterung für diese Äußerungsart von Chamforts Geist verliert sich daher auch schnell.

Wenn man die Fragmente im Lyceum, im Athenäum von 1798 und in dem von 1800 durchgeht, so sieht man, wie der Einfluß Chamforts sich stufenweise verringert und schließlich ganz verliert. Im Lyceum eine Menge knapper Definitionen, die allerdings nur der Form nach hell, dem Inhalt nach recht dunkel sind158. Der Wert der Pointe wird anerkannt159 und die Fragmente zu präziser Kürze zugestutzt. Dieses Wort sagt das Rechte. Denn das Wesen der Schlegelschen Aphorismen ist nun einmal die Kürze nicht und man spürt hier immer etwas von Scherenschnitten. Kommt man zum Athenäum, so findet man „pfündigere Gedanken“160. Er verwirklichte die dem Bruder gegenüber ausgesprochene Absicht: mehr kondensierte und komplette Abhandlung und Charakteristik zu geben als Einfälle161. Wiederholt weist er darauf hin, wie die Fragmente im Athenäum sich von denen im Lyceum unterscheiden würden162. Die Ideen schließlich von 1800 stehen schon auf anderem Boden. In der Nachschrift an Novalis sagt er: „dein Geist stand mir am nächsten bei diesen Bildern der unbegriffenen Wahrheit“163. Hatte er sich im Lyceum noch in halb unbewußtem Spieltrieb in der Chamfortschen Manier versucht, so gab er das nun auf und bekannte sich zu seiner eigenen Art.

„Ich glaubte, unter meinen ersten 150 wären viele, wenn auch nicht eben witzig, doch flüchtig und leicht genug. Ich halte die Flüchtigkeit nicht eigentlich für den schönsten Vorzug von Fragmenten. Mir wird gleich so bange, sie fliegen gar weg. Ich dachte, meinen ersten Schwärmern könnte ich schon ein tüchtiges Gewicht an die Beine hängen“164.

Seine langen Fragmente werden für seine besten gehalten und er glaubt, das sei richtig165. Der Wert eines Fragmentes scheint ihm im Gewicht zu liegen166. Wie er sich die Form seiner Fragmente dachte, sieht man ferner aus folgender Stelle:

„Es scheint mir, daß vermischte Gedanken so gesagt sein müssen, wie man sie auch wohl für sich in sein Taschenbuch hätte aufschreiben können. Du hast das Publikum immer leibhaftig vor dir stehen und scheinst mir überhaupt in Gefahr zu sein, Epigramme oder lyrische Fragmente in Prosa statt eigentlicher Fragmente zu schreiben.“

Lyrisch war in der Tat nichts an Schlegel, und so setzte er auch fort: „ein Fehler, vor dem ich freilich gesichert bin“167. Aus vielen Briefstellen sieht man, wie ihm die Fragmente am Herzen lagen, wie er damit sein Bestes zu geben gedachte, und alles darin bringen wollte, wovon sein vielseitiger Geist erfüllt war. Wie die Fragmente geworden sind, sind sie echt Schlegel; auch diejenigen, die wir in Form oder Inhalt auf fremden Einfluß zurückführen können; er hat darin, wie Enders sagt168, nichts angenommen, was seiner Natur zuwider war. Was er aber annahm, das erhielt so sehr seine Farbe, daß man es nicht mehr aus dem System seiner Persönlichkeit wegdenken kann. Aber daß es Fragmente geworden sind, ist sicher teilweise auf Chamforts Einfluß zurückzuführen. Das Fragmentarische war Schlegels Naturform, das Aphoristische aber durchaus nicht. Ihm fehlte das, was er von andern so dringend verlangte: Selbstbeschränkung. Eine Auswahl zu treffen, zu runden, zu bilden lehnte er ab. Es war seine Art nicht, sich vorsätzlich aus der eigenen oder fremden Literatur Muster herauszuholen, nach denen er seinen Aphorismus hätte bauen können. Aber der Aphoristiker Chamfort wurde ihm gewissermaßen in den Weg gelegt. Mit genäschigem Eifer saugte er sich an Chamforts Maximen fest; und, sich täuschend über das wahre Wesen dieser Aphorismen, meinte er, in ihnen die ihm adäquate Form gefunden zu haben. Hatte er noch geschwankt, welchen Weg er jetzt einschlagen sollte, nun war es entschieden: in Bruchstücken, deren jedes aber ein kleiner Kosmos, deren Masse ein einheitliches Ganze werden sollte, sprach er die neue Lehre aus, teilte er sich mit, redete zu den andern; eigentlich aber immer nur zu sich selbst. Wir meinen mit Sicherheit annehmen zu dürfen, daß Chamfort sein Vorbild war und daß sich auch die eine oder andere Briefstelle auf ihn bezieht, vor allem die, wo Schlegel sich gegen seinen Bruder auf „das Beispiel aller Männer, die wir andere bewundern und die für uns das Dasein, den Charakter und die Grundsätze der Gattung (des Fragments) außer Zweifel setzen“, beruft169.

Wieso ist nun bei Schlegel etwas so ganz anderes aus dieser Gattung geworden? Unter den Händen wuchs ihm der Stoff. Im Lyceum hatte er noch einzelne Einfälle, paradoxe Gedanken und Bruchstücke der romantischen Theorie aneinandergereiht, ohne ein Programm aufzustellen. Auch gilt noch am ehesten von den Lyceumsfragmenten Walzels Bemerkung: man meine bei Schlegels Aphorismen, Chamfort in Übersetzung zu lesen und umgekehrt170. Jedoch auch hier fällt schon in die Augen, daß Schlegel die Handhabung seiner neuen Waffe nicht so ganz leicht fiel, daß das Prinzip „die größte Masse von Gedanken in den kleinsten Raum“171 oft in Kollision geriet mit seinem Expansionsdrang, mit der natürlichen Scheu vor Grenzen, seien es die der Denkbarkeit, oder auch nur der Syntax. Im Athenäum lag nun schon ein ganz bestimmter Plan vor: eine ἐπιδειξις von Universalität172 sollte die Grundlage sein, aus der der Bau der romantischen Doktrin herauswuchs. An 50 meist längere Fragmente stellen die neue Lehre auf, sehr viele andere sind von ihr durchwirkt, und man kann sie leicht in dogmatische Sätze verwandeln. Auch das Stoffliche hat eine Veränderung erfahren: Im Lyceum handelt es sich vor allem um Kunst173, Künstler174, Antike175 und Moderne176, Publikum177 etc. Im Athenäum ist das Interesse viel mehr der Philosophie zugekehrt. Neben vielen Fragmenten, die dieselben Fragen wie die im Lyceum behandeln, steht nun die überwiegende Masse von 88 Fragmenten über Philosophie, davon allein 10 über Kant, und außerdem 70 über abstrakte Begriffe (Freundschaft, Sittlichkeit etc.) Wieder 2 Jahre später die „Ideen“, ein neues Bild; Religion und kosmische Gefühle haben jetzt den ersten Platz inne. Die Weichheit und Versonnenheit des Novalis muten uns daraus an, von Chamforts harter Klarheit ist nichts mehr wahrzunehmen. Der unersättliche Problemjäger Schlegel war von diesem Objekt schon weiter geeilt in dämmerige Wälder und hatte Chamfort im hellen Mittag dahinten gelassen.

Auch in der Form hat sich vieles geändert. Im Lyceum noch mehr Bildhaftigkeit, Plastizität der Sprache, sichtbare Gedanken, durch faßliche und reale Vergleiche178, Metaphern179 usw. ausgedrückt. Im Athenäum überwiegen unsinnliche Vergleiche, wo als Vergleichsgegenstand etwas Abstraktes herangezogen wird180, allenfalls noch Gestalten und Ideen aus einem Buch181. Die Anschaulichkeit ist einer körperlosen Dialektik gewichen, einem Operieren mit sonderbar unwirklichen Begriffen, die in ihrer Neuheit und Originalität oft unverständlich bleiben oder erst durch eine Definition begreiflich werden müssen. Diese Definitionen, die man produktiv nennen kann, vollziehen die schon vorhin erwähnte Umschmelzung der überkommenen Begriffe, indem sie Merkmale herausheben, auf die man bisher nicht geachtet hatte182 oder dem scheinbar bekannten Begriff durch Verbindung mit einem fernliegenden eine neue Färbung geben183. Wenn Schlegel sagt: „Ein Dialog ist eine Kette, ein Kranz von Fragmenten“184 oder: „das Wesen der komischen Kunst ist der enthusiastische Geist und die klassische Form“185, so ist dies ganz anders aufzufassen, als wenn Chamfort sagt, Talent sei die Fähigkeit, seinen Gedanken Geist zuzufügen, indem man sie in Verse bringe186. Niemals geht Schlegel darauf aus, eine komische Wirkung durch seine Paradoxe hervorzubringen. Er verschmähte auch den starr gewordenen Witz und ließ nur die Situationskomik gelten187. Nur was im Fließen mitströmte, war ihm wertvoll, die Ruhepunkte auf dem eiligen Weg galten ihm kleinliche Hindernisse. Seine Eile, sein Weiterstürmen, war so stark, so heftig, daß er nicht einmal innerhalb eines kurzen Fragmentes sich auf einen Gedanken beschränken und konzentrieren konnte: aufgerufen zu einer Äußerung, drängten sich seinem beweglichen Geist neue Ideen zu, er verzichtete auf das, was er zuletzt geplant hatte und schweifte endlos ab. Daher die verwirrende Wirkung, die seine Fragmente erzeugen. Er beginnt z. B.188: „Da man immer so sehr gegen die Hypothesen redet, so sollte man doch einmal versuchen, die Geschichte ohne Hypothesen anzufangen. Man kann nicht sagen, daß etwas ist, ohne zu sagen, was es ist. Indem man sie denkt, bezieht man die Fakta schon auf Begriffe —“ hier kommt ein neuer Einfall: „und es ist doch wohl nicht einerlei, auf welche. Weiß man dies, so bestimmt und wählt man sich selbst unter den möglichen Begriffen die notwendigen …“ oder:189 (über den Stil, den historische Werke haben sollen) … „wodurch das Werk nicht bloß mannigfaltiger, sondern auch systematischer werden würde. Es leuchtet ein, daß eine solche regelmäßige Abwechslung nicht das Werk des Zufalls sein könnte, daß der Künstler hier ganz bestimmt wissen müsse, was er wolle, um es machen zu können;“ nun kommt das neue hinzu: „aber es leuchtet auch ein, daß es voreilig sei, die Poesie oder die Prosa Kunst zu nennen, ehe sie dahin gelangt sind, ihre Werke vollständig zu konstruieren.“ Und ein dritter Gedanke: „daß das Genie dadurch überflüssig gemacht werde, steht nicht zu besorgen …“ Hieher gehören auch die nur halb ausgeführten Parallelen, wie dort, wo der „Deputierte“ und der „Repräsentant“ miteinander verglichen werden sollen, der Deputierte aber ganz vernachlässigt wird190. Bei Chamfort kommt so etwas kaum jemals vor191, aber für Schlegel ist es typisch. Seine Unruhe bezeigen auch Stellen wie diese: „… gemacht haben oder vielmehr immer noch machen …“192 das Nebeneinander von zwei Ausdrücken, während, wenn man das Zutreffende auswählte, größere Klarheit entstanden wäre. Auch bei Shakespeare gibt es eine solche Häufung beinahe synonymer Ausdrücke, z. B.: „the spring, the head, the fountain of your blood is stopped; the very source of it is stopp'd“193.

Aber bei Schlegel ist es nicht Überfülle des Temperaments wie bei Shakespeare, sondern etwas wie geistige Wucherungen. Zwischen diese breit ausladenden Fragmente schieben sich nun immer wieder solche, in denen er sein Vorbild in der äußern Knappheit erreichen will. Und nur in der äußeren gelingt es ihm auch. Um Sätze, wie: „Manieren sind charakteristische Ecken“194, „Witz ist logische Geselligkeit“195 u. v. a. mitdenken zu können, muß man schon mit Schlegel durch viele Sphären des Unsinnlichen gereist sein. Es ist hier nicht die Rede von der mystischen Terminologie, wo eben neue Begriffe geprägt werden, auch teilweise mit der Nebenabsicht, zu tieferem Nachdenken aufzufordern196, sondern von der Ungeschicklichkeit im Ausdruck, wenn man damit Chamforts knappe Aussprüche vergleicht!

„Amour, folie aimable; ambition, sottise sérieuse“197, „quand on veut plaire dans le monde, il faut se résoudre à se laisser apprendre beaucoup de choses qu'on sait par des gens qui les ignorent“198. „On souhaite la paresse d'un méchant et le silence d'un sot“199. Il faut savoir faire les sottises que nous demande notre caractère“200 usw.

In dem Bestreben, diese knappe Präzision, wo jedes Wort unentbehrlich, aber auch kein ferneres nötig ist, nachzuahmen, entsteht oft eine Sentenz, die äußerlich an Chamfort erinnert, innerlich aber verworren und dunkel ist, da, um an Worten zu sparen, der Sinn zugestutzt werden mußte; z. B.: „alles beurteilen zu wollen, ist eine große Verirrung oder eine kleine Sünde“201. Es fehlt zum Verständnis: je nachdem, ob es unbewußt oder bewußt geschieht. Aber damit wäre der Satz zu lang geworden.

Die Unfertigkeit in Schlegels Fragmenten — im Sinne der Möglichkeit, sie weiterzuführen — zeigt sich auch dort, wo er einen Begriff in Unterabteilungen gliedert; eine Einteilung wie die der Grundgesetze der schriftstellerischen Mitteilung in 1. etwas zu haben, das mitgeteilt werden soll, 2. jemanden zu haben, dem mans mitteilt, 3. es wirklich mitzuteilen, erschöpft den Begriff nur unzulänglich nach dem Merkmal der Mitteilung202. Wenn dagegen Chamfort sagt:

„La société est composée de deux grandes classes: ceux qui ont plus de dîner que d'appétit et ceux qui ont plus d'appétit que de dîner“203 oder: „j'ai renoncé à l'amitié de deux hommes, l'un parce qu'il ne m'a jamais parlé de lui, l'autre parce qu'il ne m'a jamais parlé de moi“204.

so ist zwar auch nur nach einem bestimmten Merkmal eingeteilt, aber man gewinnt doch den Eindruck, daß hier kein Mensch mehr außen geblieben sei. Diese Form der Umkehrung erleichtert es überhaupt, zu blenden und zu glänzen205, und wird auch von Schlegel in dieser Zeit vielfach verwendet, z. B.:

„Im Aristophanes ist die Immoralität legal und in den Tragikern ist die Illegalität moralisch“206.

Sehr typisch für Schlegel ist die Form der Entgegnung, d. h. eine Antwort auf etwas, was ein anderer gesagt hat, Fortsetzung mit Neuorientierung fremder Gedanken, z. B.

„Der Ursprung der griechischen Poesie, sagt man, liege in der lydischen Doppelflöte. Sollte er nicht nächstdem auch in der menschlichen Natur zu suchen sein?207

Die Ansprache an das Publikum war verpönt208. Jedoch finden sich in den „Ideen“ sehr viele solcher Anreden an den Leser209 und vor allem die Frageform ist sehr häufig210. Durch die Frage wird immer irgendwo in den Raum außerhalb des Fragments hinausgelangt; immer bleibt etwas offen. Und wenn die Frage auch nichts anderes bedeutet als ein nachdenkliches Selbstgespräch, Abwägen, eines Gedankens, den man nur zögernd ausspricht, so entsteht eben durch dieses Schwankende ein Gefühl von Unsicherheit, das die runde, glatte Kontur des eigentlichen Aphorismus verwischt. Etwas, was den Schlegelschen Fragen verwandt ist, sind die Aufforderungen Chamforts zum Weiterdenken: „qu'on réplique à cela“211, „tirez à conséquence“212, „à l'application“213. Die Dialogform war dem Schüler Platons und Hemsterhuis' nicht neu214. In Chamforts Dialogen215 fand er die gewünschte geistreiche Zuspitzung dieser Form.

Bei der Untersuchung einer Dichtersprache spielen Vergleiche und Bilder natürlich eine Hauptrolle. „Im Vergleichen besteht alle Poesie,“ sagt Wilhelm Schlegel216. Wir wiesen schon darauf hin, daß in der Fortsetzung der Fragmente die Vergleiche abstrakter werden. Daß es überhaupt Vergleiche waren, ein Zeichen von Schlegels damaliger Entwicklungsstufe. Daß es abstrakte Vergleiche waren, Zeichen seiner innersten Natur, der Unsinnliches näher lag als Greifbares. Man vergleiche: Schlegel: „Manieren sind charakteristische Ecken“217, „Urbanität ist der Witz der harmonischen Universalität“218, „Philosophie ist logische Chemie“219 usw. Dagegen Chamfort:

„Un sot qui a un moment d'esprit étonne et scandalise comme des chevaux de fiacre au galop“220 „les pauvres sont les nègres de l'Europe“221 „il faut être juste avant d'être généreux, comme on a des chemises avant d'avoir des dentelles“222 „les courtisans … auraient bien voulu qu'on nettoyât l'étable d'Augias avec un plumeau“223 usw.

Oft gelingen freilich auch Schlegel solche handgreifliche Anschaulichkeiten z. B.:

„Es hat etwas Kleinliches, gegen Individuen zu polemisieren, wie der Handel en détail“224 „der Roman Faublas ist der Champagner seiner Gattung“225

und besonders dieses, welches leider nicht in die Fragmente aufgenommen wurde:

„die transzendentalen Begriffe behandelt Kant wie homerische Gäste; erst lange nach dem Empfang werden sie gefragt, wer sie sind“226.

Der Vergleich als solcher ist eine Relativität, eine Gegenseitigkeit, deren Zentrum in dem = liegt. Schlegels Weitereilen stand diese Form (von der Aristoteles verlangt, sie müsse umkehrbar sein) im Wege und es entsprach ihm viel mehr das von Punkt zu Punkt Fortschreitende, wie etwa in den großen romantischen Fragmenten. Wenn Chamfort einen etwas fernliegenden Vergleich bringt, so wird er vorbereitet, damit der neue Gedanke nicht verwirre.

„Quelqu'un disait que la goutte est la seule maladie qui donne de la considération dans le monde. Je le crois bien, répondit M., c'est la croix de Saint Louis de la galanterie“227.

Würde er sagen:

„La goutte est la croix de St. Louis de la galanterie“,

sowie Schlegel sagt: „Ein Kritiker ist ein Leser, der wiederkäut“228, so käme die Pointe nicht so zur Geltung, denn ehe man den Gedanken begriffen hat, ist der erste Blitz vorüber. Der Klarheit Chamforts, der Unklarheit Schlegels entspricht es auch, daß der eine, indem er zwei Dinge in Antithese stellt, ein Merkmal festhält, während der andere alles neu und dadurch schwankend macht. Z. B.:

„en apprenant à connaître les maux de la nature, on méprise la mort, en apprenant à connaître ceux de la société, on méprise la vie“229.

Und:

„Aus dem, was die Modernen wollen, muß man lernen, was die Poesie werden soll, aus dem, was die Alten tun, was sie sein muß“230.

Manchmal gibt Chamfort ein allgemeines Beispiel und läßt ein Exempel darauf folgen. Ebenso Schlegel. Vgl.:

„Le moment où l'on perd ses illusions, les passions de la jeunesse, laisse souvent des regrets: mais quelquefois on hait le prestige qui nous a trompé. C'est Armide qui brûle et détruit le palais où elle fut enchantée“231

und:

„der komische Witz ist eine Mischung des epischen und des iambischen. Aristophanes ist zugleich Homer und Archilochus“232.

Wenn man von direkter formaler Beeinflussung sprechen kann, so sind es wohl hauptsächlich die knappen Definitionen und Vergleiche, die Schlegel sich nachzuahmen bemühte; siehe oben. Eine besondere Art der Vergleiche sind die bei Chamfort wie bei Schlegel häufigen Proportionalvergleiche, wie wir sie nennen möchten, da hier ein Verhältnis mit einem andern verglichen wird.

„On fausse son esprit, sa conscience, sa raison, comme on gâte son estomac“233.

Oder

„la pensée est à l'esprit, ce que marcher est à courir“234.

Und:

„Das Druckenlassen verhält sich zum Denken, wie eine Wochenstube zum ersten Kuß“235.

Diese Form ist von besonderer Durchsichtigkeit und eigentlich der Idealtypus des „Igels“. Chamforts Vergleiche sind sehr witzig. Das einfache Mittel, diese Wirkung zu erreichen, teilt er selbst mit236: Der Witz läge schon in dem Erzählten selbst; die Tatsachen seien voller Widersprüche, die man nur zu verbinden brauche und der esprit, cette chose appliquable à tout237, sei da. Eine andere Art um witzig zu sein, ist bei Chamfort beliebt: Die Umdeutung von Begriffen. Es ist nicht die mystische Terminologie Schlegels; es wird gezeigt, daß der tatsächliche Inhalt eines Begriffs mit dem, den man ihm gemeinhin in schweigender Übereinkunft zuschreibt, sich nicht deckt. Diese Diskrepanz von logischem und praktischem Inhalt geht manchmal bis zum direkten Widerspruch238. Diese Paradoxie ruft dann die komische Wirkung hervor.

Die Wortspiele sind selten. Schlegel schätzte sie nicht und erst in der späteren Romantik (Brentano) gelangte diese Ausdrucksform zu voller Bedeutung. Jedoch hatte schon Wilhelm Schlegel theoretisch darauf hingewiesen239. Bei Chamfort findet sich ein einziges Wortspiel240, bei Schlegel auch nur wenige241.

Chamfort hatte auch eine ganz andere Ansicht von den Fragmenten. Ihm waren sie ein Resumé von Gedanken, die die Wenigen für die Vielen denken242. Nur die Masse begnügt sich damit, diese Gedankenextrakte zu verallgemeinern und nimmt sich nicht die Mühe, den Denkweg, den der Aphoristiker zurückgelegt hat, ehe er zu seiner Maxime kam, nun umgekehrt nochmals zu machen243. Das sind keine Probleme, die Schlegel beschäftigen. Freilich entstanden auch seine Aphorismen aus der Fülle des zu Sagenden. Aber seine Fragmente waren nicht Extrakte, sondern Teile von Gedanken. Was nicht Platz hatte, blieb eben ungesagt. Von der schönen Rücksicht, mit der bei Chamfort die Gedanken einander begegnen (und die Schlegel z. B. selbst von den Personen seines Romans verlangt)244, weiß er wenig Gebrauch zu machen. Seine kleinen Romankapitel — und was anders sind die meisten Fragmente? — genügen seinen Ansprüchen: Lessingsches Salz gegen die geistige Fäulnis, Randglossen zum Texte des Zeitalters zu sein245.

6. Chamfort als Zeichen der Zeit.

In der Beziehung Schlegels zu Chamfort erblicken wir, nachdem wir so die Bedingungen ihrer Produktion und ihres Wesens aufgesucht haben, ein Können, aber kein Müssen. Es läßt sich nicht rekonstruieren, wie Schlegels Entwicklung weiter verlaufen wäre, wenn Chamfort seinen Weg nicht gekreuzt hätte. Denn man kann eigentlich nicht bemerken, daß Schlegel durch Chamfort irgendwie aus seiner Bahn gedrängt worden wäre. Dürfen wir nach dem Vorhergehenden viele Fragmente auf Chamfort zurückführen, so ist uns die Annahme erlaubt, daß das Lyceum und das Athenäum ohne Chamfort ein etwas anderes Bild geboten hätte. Die Fragmente, diese „verdammten Dinger, die so sehr zusammenhängen“246, hätten sich, um einiges pikante Salz247 ärmer, enger zusammengeschlossen zu kompakterer Masse. Aber wir wollen nicht fruchtlosen Spekulationen nachhängen.

Wenn Schlegel etwas von Chamfort gelernt hat, so ist es vielleicht die ein wenig sachlichere Einstellung, Tatsachen zu beobachten, nicht Forderungen aufzustellen. Aber auch das bleibt ein schmales Gebiet. Überwiegend sind immer die Unwirklichkeiten. Schlegels heftiger Verstand stieß ihn auf manche Tatsache, aber er konnte sich nicht an ihr fixieren, stellte das eben erst aufgefangene Problem zur Diskussion hin und eilte weiter.

Haben wir nun untersucht, welche Rolle der Franzose, der Mensch, der Künstler Chamfort in Schlegels Geist spielte, so bleibt uns noch übrig, darauf hinzuweisen, daß auch der Revolutionär Chamfort für Schlegel von Bedeutung war. In einem Brief schreibt er: „Ich will dir's nicht leugnen, daß mir der Republikanismus noch ein wenig näher am Herzen liegt, als die göttliche Kritik und die allergöttlichste Poesie“248. Walzel meint, Schlegel habe sich an Chamfort und nicht an den früheren französischen Aphoristikern — er nennt Larochefoucauld — entzündet, aus stilistischen Gründen. Gewiß. Aber sollte nicht auch das einen Eindruck gemacht haben, daß Chamfort eben Zeitgenosse war, daß sein großartiger Tod, seine Rolle in der Revolution noch in aller Leute Munde, seine Werke, der Niederschlag seines revolutionären Geistes, eben erst erschienen waren? Es war das Vorbild des Staates der Menschenrechte, das Schlegel veranlaßte, in seinem „Versuch über den Republikanismus“ so weit über das lebendige Vorgehen der griechischen Republiken und die theoretischen Forderungen, die Kant im „Ewigen Frieden“ aufgestellt hatte, hinauszugehen. Die französische Revolution ist ihm eine der großen Tendenzen des Zeitalters249, außerdem aber der Mittelpunkt und Gipfel des französischen Nationalcharakters250. Das große Ereignis zwang jeden Zeitgenossen, Stellung zu nehmen. „Wer mag sich im Staub des Altertums begraben, wenn ihn der Gang seiner Zeit alle Augenblicke wieder auf- und mit sich fortreißt!“ ruft Schelling aus251. Es war die gewaltige Intensität dieser Bewegung, die alle Romantiker hinriß. Das, was die Zeit in ihnen allen gesät hatte, war in Frankreich aufgebrochen und hatte ein weithin sichtbares Feuerzeichen an den Himmel gemalt. Für Schlegel war die Revolution eine Hieroglyphe der neuen Zeit. Und wenn er sie später252 hauptsächlich als das heftigste Inzitament der schlummernden Religion feierte, unter ihren Führern die „Mystiker“253 — Robespierre — an erster Stelle sah, im Jahre 1796 war sie ihm noch die reichhaltigste aller Naturerscheinungen254, sah er sie noch allgemeiner als den großen Aufschwung, den Ruf zum Vorwärts und Aufwärts, ein erstes Leuchten, eine Morgenröte der Brüderschaft. Im Großen und Ganzen sah er Alle und Alles. Und so auch Chamfort als den Exponenten einer großen Zeit, die große Revolution, der er angehörte, als Anfang und Bruchstück kommender Gemeinschaft. „Mich däucht, wer das Zeitalter, d. h. jenen großen Prozeß allgemeiner Verjüngung, jene Prinzipien der ewigen Revolution verstünde, dem müßte es gelingen können, die Pole der Menschheit zu ergreifen und das Tun der ersten Menschen, wie den Charakter der goldenen Zeit, die noch kommen wird, zu erkennen und zu wissen. Dann würde das Geschwätz aufhören und der Mensch inne werden, was er ist, und würde die Erde verstehen und die Sonne.“


Fuente: transcripción a partir de las imágenes de Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte, t. 24 (1922), cuaderno 4 (aparecido en 1923), págs. 809-860, digitalizado en Internet Archive (euphorion-zeitschrift-fur-literaturgeschichte-24.1922c, págs. 817-868 del PDF), cotejada con el OCR de archive.org y con un OCR de Fraktur propio (tesseract), y corregida página a página contra la imagen. Se conservan las erratas del impreso (comillas y paréntesis desparejados, etc.); se omiten las signaturas de pliego y, en la pág. 860, el artículo siguiente (M. Enzinger). Las notas, numeradas por página en el original, llevan aquí la etiqueta página-número; las citas en letra menor van como bloques citados. Es la versión impresa y revisada de la tesis doctoral mecanografiada de 1921 (ARG1921-01): «Siehe S. 35 ff.» (nota 843-4) remite aún a la paginación de la tesis.

  1. Haym, S. 274, Enders, S. 368, Walzel XXIX, Lewalter S. 57—60. ↩

  2. Lewalter S. 59. ↩

  3. Haym, S. 248. ↩

  4. Br. S. 17. ↩

  5. Br. S. 92. ↩

  6. Rouge S. 33. ↩

  7. Br. S. 108. ↩

  8. Ch. I, 46: „l’observateur trop attentif du coeur humain en est puni par le malheur de le connaître.“ ↩

  9. A. 96. ↩

  10. A. 117. ↩

  11. „L’honnête homme est une variété de l’espèce humaine.“ Ch. IV, 294. ↩

  12. Ch. IV, 164. ↩

  13. Ch. IV, 33. ↩

  14. Ch. III, 264. ↩

  15. A. 53. ↩

  16. Windischmann II, 415. ↩

  17. Windischmann II, 419. ↩

  18. Ch. 4, 211. ↩

  19. Rouge S. 162. ↩

  20. Darüber vgl. Ernst Lewalter, Friedrich Schlegel und sein romantischer Witz. Diss. München 1917. ↩

  21. Minor II, 371. ↩

  22. Windischmann II, 89. ↩

  23. Lyc. 59. ↩

  24. Lyc. 56. ↩

  25. „Fröhl. Wissenschaft“ Nr. 95. ↩

  26. „Wille zur Macht.“ ↩

  27. Ch. Ed. Aug. II, 155. ↩

  28. Novalis Ath. I, 1, S. 87. ↩

  29. Pélisson S. 61. ↩

  30. Pélisson S. 69. ↩

  31. Br. 38. Vgl. Enders S. 18. ↩

  32. Pélisson 103. Das Wort ist von Montesquieu. ↩

  33. Br. 354. ↩

  34. Chamfort ist übrigens auch der Typus von Schlegels ersehnter, ihm ewig unerreichbarer „Urbanität“. Er besaß in reichstem Maße jene schöne Mischung von gesetzlicher Freiheit und freier Gesetzlichkeit und der Sprache des Dichters, Redners und Denkers, deren Wirkung der „urbane Ausdruck“ ist. (Vgl. A. 438 und Fußnote bei Minor II, 286.) Jene weltmännische Gewandtheit des Wortes, die nicht an der Oberfläche erstarrt und so in die Tiefe dringt, als sei sie im Spazierengehen dahingekommen (Br. 224). ↩

  35. Minor 268. ↩

  36. Ch. IV, 87, IV, 99, III, 278 u. v. a. ↩

  37. A. 250. ↩

  38. A. 187. ↩

  39. Windischmann II, 19. ↩

  40. „Chamforts Gedichte sind keine wahren Gedichte, sondern nur rhetorische Übungen in Versen“ sagt Wilhelm Schlegel (in seiner Rezension). ↩

  41. Siehe Pélisson S. 50. ↩

  42. Der Éloge de Molière soll uns hier weniger interessieren, da Chamfort darin die Gewohnheiten des preisgekrönten Schülers der Rhetorik noch in klingenden Sätzen und Apostrophen äußert, vor allem aber, weil ihm ein unkünstlerischer Zweck zugrunde liegt: Er sollte den zu seinen Lebzeiten mißachteten Molière nachträglich zum Ehrenbürger der Akademie machen. Es galt daher vor allem, ihn von einer moralisch tadellosen Seite zu zeigen und darzulegen, wie sein Spott und Scherz ernsteste Grundlagen und nützlichste Wirkungen gehabt habe. ↩

  43. Ch. I, 79. ↩

  44. Ch. I, 85. ↩

  45. Ch. I, 79. ↩

  46. Ch. I, 50. ↩

  47. Ebenda. ↩

  48. Haym meint (S. 281), man sehe diesem Aufsatz — den Gundolf die beste Rezension in deutscher Sprache nennt — zu sehr an, daß er Schlegels Ideal, die Kritik solle selbst ein Kunstwerk sein, entsprechen wolle. Wir können diesem Urteil nicht beistimmen. Er hat sich, sowie auch Chamfort, eben bis in die Diktion hinein mit dem Inhalt identifiziert. Weiter als der Chamfort von 1774 von Lafontaine absteht, ist der Schlegel von 1797 vom Wilhelm Meister entfernt und darum mag man leicht glauben, daß er seine Natur vergewaltigt habe, um dem Vergötterten gerecht zu werden. Weit entfernt. Wir finden unter dem harmonischen Gleichmaß der Rede, unter der Geschlossenheit, die dem Werke anhaftet, obzwar es äußerlich Fragment geblieben ist, jene echt Schlegelschen Abschweifungen ins Allgemeine, manchmal Unsachliche, und die ganze Einstellung verrät ihn. Alles wird auf „höchste Begriffe“ (Minor 271) bezogen. Goethe hatte in seiner Hamlet-Analyse das Werk, die Personen, die Handlung, als selbständige Wesen betrachtet. Die Gestalten und Ereignisse des Dramas waren an sich Gegenstand der Kritik, waren Mythus geworden (Gundolf). Nicht so bei Schlegel. Durch seine Beschreibung der Gestalten und Begebenheiten an Hand der einzelnen Bücher des Meister zieht sich wie ein goldener Faden der Hinweis auf den leitenden Kunstverstand. Diese Personen haben alle ein individuelles Leben, aber Schlegel erörtert hauptsächlich ihre Beziehung zum Allgemeinen. Das Beschränkteste noch scheint ihm nur eine andere Seite, eine neue Veränderung der allgemeinen und unter allen Verwandlungen einigen menschlichen Natur, ein kleiner Teil der unendlichen Welt (Minor 266). Und in dieser Beziehung zum Unendlichen, in dieser hohen Vernunft, die aus der Vielfachheit die Einfachheit und Einheit bildet, um diese dann wiederum zu gliedern, sieht Schlegel den größten Wert des Romans. Zwischen den einzelnen Büchern erblickt er ein magisches Schweben zwischen vorwärts und rückwärts (Minor 268), die vielen Sinne verbinden sich zu einem und über der Vielfalt waltet ein System. Wir glauben, daß Schlegel hier in der Auffassung des Geschilderten sich selbst treu geblieben ist, und wenn der maßvolle und klare Stil seinem gewohnten Ausdruck fremd scheint, so müssen wir uns gegenwärtig halten, was er von sich und allen verlangte, wenn er sagt (Minor 222), es könne jede menschliche Kraft nur durch entschiedene Absonderung von allen übrigen zu echter Bildung gedeihen. ↩

  49. Minor II, 235. ↩

  50. Minor II, 237. ↩

  51. Minor II, 223. ↩

  52. Minor II, 245. ↩

  53. Lyc. 79, 95. ↩

  54. A. 44. ↩

  55. Lyc. 117, A. 403. ↩

  56. A. 25. ↩

  57. Ch. I, 21. ↩

  58. Minor II, 240. ↩

  59. Br. 15. ↩

  60. Minor 251. ↩

  61. Minor 277. ↩

  62. Br. 126. ↩

  63. Minor 238. ↩

  64. Br. 126. ↩

  65. Lyc. 104. ↩

  66. Br. 203. ↩

  67. Br. 408. ↩

  68. Br. 26. ↩

  69. A. 393. ↩

  70. Ein Gedanke, den Friedrich schon 1793 in einem Briefe aussprach. Siehe Br. 150. ↩

  71. Max Ring: Chamfort und seine Werke. Westermanns Monatshefte 1871. ↩

  72. Hermann Eßwein, Chamfort, Aphorismen und Anekdoten. München 1906. — Der Vollständigkeit halber hier noch die Belegstellen zu den von Schlegel in der Rezension erwähnten Stellen. Wilhelm sagt, Chamfort habe sich geirrt, wenn er meinte, die griechische Komödie sei nicht unter dem Schutze der Gesetze gestanden. Die Stelle, worauf diese Bemerkung sich bezieht, steht Chamf. I, II. In einer Fußnote S. 301 erwähnt Wilhelm „eine artige Satire auf das Bestreben, allen Genuß und alle Beschäftigungen des Lebens in einen engen Raum zusammenzudrängen“. Es ist wohl diese Historiette gemeint (Ch. IV, 109): de nos jours un peintre fait votre portrait en sept minutes; un autre vous apprend à peindre en trois jours; un troisième vous enseigne l'anglais en 40 leçons. On veut vous apprendre 8 langues avec des gravures qui représentent les choses et leurs noms au-dessous en 8 langues. Enfin si on pouvait mettre ensemble les plaisirs, les sentiments ou les idées de la vie entière et les réunir dans l'espace de 24 heures, on le ferait, on vous ferait avaler cette pilule et on vous dirait: allez vous en.“ ↩

  73. Ch. IV, 166. ↩

  74. Ch. IV, 103. ↩

  75. W. v. Humboldt, Tagebücher I, 449. ↩

  76. IV, 139, vgl. Ch. IV, 238 und IV, 419. ↩

  77. Vgl. Br. S. 302. ↩

  78. A. 418. ↩

  79. A. 291. ↩

  80. A. 295. ↩

  81. Forster-Aufsatz Minor II, 125. ↩

  82. Vgl. Pélisson S. 112 ff. ↩

  83. Nietzsche, Fröhl. Wiss. Nr. 95. ↩

  84. Vgl. Minor II, 209 Fußnote. ↩

  85. Schlegels Fragmente, hrsg. von Enders, Inselbücherei Nr. 179 (S. 27, Anmerkung). ↩

  86. Ch. IV, 83. ↩

  87. Auguis Ch. I, VII. ↩

  88. W. Schlegel X, 302. ↩

  89. Caroline II, 63. ↩

  90. Ebenda II, 607. ↩

  91. A. 4. ↩

  92. A. 272. ↩

  93. „Was ich erlebte“ IV, 304. ↩

  94. Rahel Varnhagen, ein Frauenleben in Briefen, S. 110. ↩

  95. So ist es wohl Chamfort mit Pascal gegangen: Pascal, Pensées (par Havet, Paris) S. 167, Nr. 9: „On ne choisit pas pour gouverner un vaisseau celui des voyageurs qui est de meilleur maison.“ — Chamfort IV, 188: „La nécessité d'être gentilhomme pour être capitaine de vaisseau est tout aussi raisonnable que celle d'être sécrétaire du Roi pour être matelot ou mousse.“ — S. 175, Nr. 2: „La raison nous commande bien plus impérieusement qu'un maître: car en désobéissant à l'un on est malheureux et en désobéissant à l'autre on est un sot.“ — IV, 26: „Pour parvenir à pardonner à la raison le mal qu'elle a fait à la plupart des hommes, on a besoin de considérer ce que ce serait que l'homme sans sa raison. C'est un mal nécessaire. ↩

  96. Br. 351. ↩

  97. Br. 335. ↩

  98. Br. 327. ↩

  99. Br. 343. ↩

  100. Die mit R. bezeichneten Zitate finden sich auch in der Wilhelmschen Rezension, so daß Friedrich noch besonders darauf aufmerksam gemacht wurde. ↩

  101. Einige Fragmente im Athenäum, welche von Schlegels Mitarbeitern herrühren, zeigen ebenfalls Beziehung zu Chamfort, nämlich: Ch. IV, 385. „Je n'ai pas besoin de ce qui me manque.“ — Schleiermacher A. 35. „Der Zyniker dürfte eigentlich gar keine Sachen haben … es kömmt also nur darauf an, die Sachen so nicht zu haben als ob man sie hätte.“ / Ch. IV, 54. „Celui-là fait plus pour un hydropique, qui le guérit de la soif, que celui qui lui donne un tonneau de vin.“ — Schleiermacher A. 86. „Echtes Wohlwollen geht auf Beförderung fremder Freiheit, nicht auf Gewährung tierischer Genüsse.“ Hier ist es besonders deutlich, wie ein drastisches Bild Chamforts in der Romantik ins Philosophische übersetzt wird. / Ch. IV, 108. „Des qualités trop superieures rendent souvent un homme moins propre à la société. On ne va pas au marché avec des lingots; on y va avec de l'argent ou de la petite monnaie.“ — Novalis Ath. I, 1, 102. „… freilich muß jedes nützliche Buch wenigstens stark legiert sein. Rein ist das edle Metall in Handel und Wandel nicht zu gebrauchen.“ / Ch. IV, 243. „… ce sont, disait-il, des chiens dans un tourne broche: il suffit qu'ils remuent les pattes pour que tout aille bien.“ — Wilhelm Schlegel A. 18. „… er muß mit fort, oder er ist nicht besser dran als ein Hund im Bratenwender, der die Pfoten nicht vorwärts setzen will.“ ↩

  102. Windischmann II, 525. ↩

  103. Siehe auch Rouge, S. 297. ↩

  104. Br. 255. ↩

  105. A. 53. ↩

  106. Steppuhn S. 275. ↩

  107. „Von der Idealität alles Positiven hat er (Kant) nie auch nur den Schimmer einer Ahnung gehabt: auch hat er die Positivität keines Idealen nur einigermaßen erweisen können. Von Vorstellung und Gegenstand muß eins das Zentrum, das andre der Horizont sein, oder beide sich gegenseitig und wechselweise möglich, notwendig und wirklich machen.“ (Windischmann II, 417.) ↩

  108. Windischmann II, 417. ↩

  109. Novalis. ↩

  110. Windischmann II, 419. ↩

  111. Rouge, S. 168. Vgl. auch Walzel DNL. S. 269. ↩

  112. Minor II, 360. ↩

  113. A. 90, 98. 137, 147, 222 u. v. a. ↩

  114. Minor II, 360. ↩

  115. Nun hatte sich freilich auch Schlegels Meinung über die griechische Kunst geändert. Er sieht darin nicht mehr die schöne Gliederung (wie z. B. im Aufsatz von den Schulen der griechischen Poesie), sondern jetzt „hängen alle klassischen Gedichte der Alten zusammen, unzertrennlich, bilden ein organisches Ganzes, sind richtig angesehen nur ein Gedicht, das einzige, in welchem die Dichtkunst selbst vollkommen erscheint. (I. 95; vgl. auch Minor II, 385.) ↩

  116. Minor II, 366. ↩

  117. Ebenda 3. ↩

  118. Steppuhn S. 276. ↩

  119. Minor II, 131, 137, 152, 375. ↩

  120. Minor II, 121. ↩

  121. Lyc. 78. ↩

  122. Siehe S. 35 ff. ↩

  123. Minor II, 121. ↩

  124. Minor II, 364. ↩

  125. I. 71. ↩

  126. Minor II, 355. ↩

  127. Br. 126. ↩

  128. Br. 111. ↩

  129. Br. 126. ↩

  130. I. 79. ↩

  131. Caroline I, 497. ↩

  132. A. 121. ↩

  133. Lyc. 55. ↩

  134. A. 451. ↩

  135. A. 220. ↩

  136. Über Schlegels phil. Anschauungen siehe auch Haym, Kircher, Joachim-Deege. ↩

  137. Haym S. 243. ↩

  138. Enders, Inselbücherei, Vorwort. ↩

  139. Br. 336, 360 u. a. Caroline I, 439 u. a. ↩

  140. A. 206. ↩

  141. A. 82. ↩

  142. Von 127 Fragmenten im Lyceum sind über 20 Postulate unter anderen 8, 10, 20, 23, 37, 43, 44 usw. im Ath. von 319 über 70; und zwar 8, 28, 32, 42, 50, 92, 111, 214, 246, 252, 297, 431 usw. ↩

  143. Nietzsche „Fröhl. Wissenschaft“. ↩

  144. Br. 304, 307, 310. ↩

  145. Lyc. 103. ↩

  146. A. 77. ↩

  147. R. Br. 188. ↩

  148. Dilthey, „Schleiermachers Leben“, III, 71. ↩

  149. Minor I, 121. ↩

  150. „Über die Unverständlichkeit“. Minor II, 390; vgl. auch Nietzsche, „Fröhl. Wissenschaft“ Nr. 381. ↩

  151. Ed. Heilbronn II, 98. ↩

  152. Wilhelm Schlegel, A. 171. ↩

  153. Nietzsche, „Fröhl. Wissenschaft“ Nr. 95. ↩

  154. Er schrieb sich seine Beobachtungen auf Zettel, ohne sie zu feilen, ohne an Wirkung zu denken. ↩

  155. „Schilderungen aus Paris.“ ↩

  156. Fr. Schlegel, Europa I, 2 A. 139. ↩

  157. Minor II, 131. ↩

  158. Vgl. Lyc. 9, 48, 82, 83, 90 etc. ↩

  159. Lyc. 109. ↩

  160. Br. 361. ↩

  161. Br. 304. ↩

  162. Br. 304, 376, 377, 426. ↩

  163. Minor II, 307. ↩

  164. Br. 358. ↩

  165. Br. 363. ↩

  166. Br. 361. ↩

  167. Ebenda. ↩

  168. Enders, S. 381. ↩

  169. Br. 360. ↩

  170. Walzel D. N. L. XXIX. ↩

  171. Br. 376. ↩

  172. Br. 369, 376. ↩

  173. Lyc. 4, 8, 12, 13, 14, 20, 21, 23, 24, 30, 32, 33, 37, 43, 45, 49, 52, 53, 54, 61, 62, 64, 65, 73, 75, 79, 87, 94, 95, 97, 98, 100, 103, 113, 115, 119, 121, 124, 125. ↩

  174. Lyc. 1, 58, 68, 87, 88. ↩

  175. Lyc. 11, 39, 44, 46, 60, 91, 105. ↩

  176. Lyc. 76, 84, 93, 107. ↩

  177. Lyc. 2, 35, 70, 72, 79, 85. ↩

  178. Lyc. 5, 21, 24, 27, 32, 34, 41, 54, 55, 77, 81, 91, 92, 95, 97, 103, 119. ↩

  179. Lyc. 8, 10, 22, 24, 36, 49, 88, 90, 95, 103, 112, 117, 119, 125. ↩

  180. A. 29, 66, 73, 76, 82, 84, 97, 113, 116, 120, 146, 155, 157, 163, 220, 279, 308, 359, 365, 366, 427, 438, 445. ↩

  181. A. 21, 27, 48, 82, 99, 105, 266, 319, 325. ↩

  182. Lyc. 9, 27, 34, 56, 63. A. 51, 64, 80, 96, 98, 113, 263, 359, 451 usw. ↩

  183. Lyc. 26, 29, 35, 59, 65, 75, 82, 83, A. 16, 77, 213, 246, 300, 344, 366, 427, 438, 441 usw. ↩

  184. A. 77. ↩

  185. A. 246. ↩

  186. Ch. IV, 166. ↩

  187. Vgl. Steffens IV, 302. ↩

  188. A. 226. ↩

  189. A. 432. Vgl. auch Lyc. 46, 119, A. 100 u. a. ↩

  190. A. 369, siehe auch Lyc. 69. ↩

  191. Ch. IV, 26. ↩

  192. A. 153. ↩

  193. Macbeth. Akt II, Szene 1. ↩

  194. Lyc. 83. ↩

  195. Lyc. 56. ↩

  196. Manche solcher termini werden aus den Briefen verständlicher; z. B. wird die „moralische Mathematik“ aus A. 89 erläutert durch Br. 134. ↩

  197. Ch. IV, 64. ↩

  198. Ch. IV, 110. ↩

  199. Ch. IV, 24. ↩

  200. Ch. IV, 34. ↩

  201. Lyc. 102. ↩

  202. Lyc. 98. ↩

  203. Ch. IV, 79. ↩

  204. Ch. IV, 239. ↩

  205. Vgl. auch Ch. IV, 431, IV, 79, Ed. Aug. II, 139, IV, 34 usw. Schlegel vgl. auch A. 56, 240, 242, 302, 359 usw. ↩

  206. A. 240. ↩

  207. A. 315, so auch noch Lyc. 13, 43, 86, 116, A. 3, 12, 71, 213, 234, 235, 256, 257, 318, 324, 367, 387, 394, 444. ↩

  208. Br. 344, 357. ↩

  209. I. 7, 57, 68, 72, 74, 90, 98, 99, 109, 111, 115, 150, 152. ↩

  210. Lyc. 6, 30, 50, 68, 100 usw., A. 3, 12, 13, 36, 73, 123, 147, usw. ↩

  211. Ch. IV, 185. ↩

  212. Ch. IV, 54. ↩

  213. Ch. IV, 9. ↩

  214. Siehe Br. 344. ↩

  215. Ch. Bd. III. ↩

  216. Ath. I, 1, S. 69. ↩

  217. Lyc. 83. ↩

  218. A. 438. ↩

  219. A. 220. ↩

  220. Ch. IV, 38. ↩

  221. IV, 204. ↩

  222. IV, 64. ↩

  223. IV, 307. ↩

  224. Ch. IV, 307. ↩

  225. Lyc. 41. ↩

  226. Windischmann II, 417. ↩

  227. Ch. IV, 307. ↩

  228. Lyc. 27. ↩

  229. Ch. IV, 41. ↩

  230. Lyc. 84. ↩

  231. Ch. IV, 30, siehe auch IV, 204. ↩

  232. A. 156, A. 4. ↩

  233. Ch. IV, 39. ↩

  234. Ch. III, 250 siehe auch Ch. IV, 44, IV, 62, IV, 64 etc. ↩

  235. A. 62 siehe auch Lyc. 42, 51, A. 85, 268, 365, I. 39, 43, 116. ↩

  236. Ch. IV, 42. ↩

  237. IV, 164. ↩

  238. Z. B. In dem Zitat von den Freunden (siehe oben) und A. 4, A. 82 vgl. auch: „Ch. IV. 294: l'honnête homme est une variété de l'espèce humaine.“ und IV, 220 „… moi, je n'ai rien perdu; c'est que je suis veuf“. Lyc. 116. „…. Gewiß; nur gibt es sehr wenige Deutsche.“ ↩

  239. D. N. L. 143, 166, 12. Vorlesung über dramatische Kunst und Literatur. ↩

  240. Ch. IV, 344. ↩

  241. Z. B. Lyc. 88, 99, 113, A. 25, 267, 319, 442. ↩

  242. Ch. IV, 5. ↩

  243. Dasselbe sagt Wilhelm Schlegel in seiner Rezension, ohne den Autor seines Gedankens zu zitieren. ↩

  244. A. 118. ↩

  245. Wilh. Schlegel A. 259. ↩

  246. Br. 359. ↩

  247. Lyc. 97. ↩

  248. Br. 278. ↩

  249. A. 216. ↩

  250. A. 424. ↩

  251. R. Br. 156. ↩

  252. I. 94. ↩

  253. Ebenda. ↩

  254. Minor II, 129. ↩