Sophie Lazarsfeld. Die Ehe von heute und morgen. Individuum und Gemeinschaft, Heft 3. Bergmann, München. Die Arbeiterschaft ist eine treibende Kraft in der Frage der Ehereform in Österreich sowie in anderen Kulturfragen geworden. Ein Schritt auf dem Weg ist die Dispensehe, die früher oder später, trotz des Widerstrebens der Klerikalen und ihrer Anhänger, zur gesetzlichen Zivilehe und damit zur löslichen Ehe führen wird. Wir sehen, daß die alte Ehe an ihren inneren Widersprüchen und äußeren Hemmnissen zusammenzubrechen droht. Da ist es nun ein beachtenswerter Versuch der Genossin Lazarsfeld, zu zeigen, daß auch diese alte überlebte Ehe noch Werte in sich birgt, die der Entwicklung und des Weiterlebens fähig sind. Die psychologischen Grundlagen, die sie uns klarlegt, sind dem Lebenswerk Alfred Adlers entnommen, das dem Proletariat durch die seit Jahren arbeitenden individualpsychologischen Erziehungsberatungsstellen vertraut ist. Die Verfasserin zeigt, daß seelische Einstellungen, losgelöst von wirtschaftlichen Bindungen, noch immer die Tragpfeiler der meisten Ehen bilden. Als erste solcher Einstellungen nennt sie die Forderung nach Gleichberechtigung beider Ehepartner, um das Minderwertigkeitsgefühl bei dem unterdrückten Teile — heute noch fast immer die Frau — zu bannen. Sie weist nach, daß gerade das Minderwertigkeitsgefühl bei Männern und Frauen dazu führt, in der Ehe das letzte ihnen noch erreichbare Gebiet zur Befriedigung ihrer Machtgelüste zu suchen. Als zweites hebt sie das Problem der Dauer hervor, welches einer Beeinflussung durch den Willen zugänglich ist. Als drittes zeigt sie, welche Rolle der Treue in der gegenwärtigen Ehe zufällt. Nur eine gut vorbereitete Ehe kann eine gute Ehe werden. Und diese Vorbereitung kann nur eine Schulung im Sinne der Lehre Alfred Adlers sein, die dem Proletariat in noch größerem Ausmaß zugänglich gemacht zu werden verdiene als bisher. Ihr temperamentvolles Buch enthält Hinweise auf Fälle aus der Praxis und aus der Literatur, die ihre Auffassung von der Erlernbarkeit der Ehe unterstützen. Es muß zugegeben werden, daß eine solche Schulung, wenn sie auch nicht zur Reform der gegenwärtigen Ehe führen wird, doch zahlreiche reformbedürftige Ehen erträglich machen kann. Deshalb können wir unseren Ehefrauen und denen, die es werden wollen, dringend empfehlen, sich mit den Gedankengängen der Genossin Lazarsfeld vertraut zu machen und ihr Buch zu lesen und zu beherzigen.

Margret Hilferding.


Fuente: transcripción a partir del facsímil de la Arbeiterinnen-Zeitung 37 (1928), n.º 1, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNOP abg19280101, imagen 12), en Fraktur; se partió del OCR tesseract (frk+deu) y se corrigió íntegramente sobre la imagen. La cifra del cuaderno de la serie Individuum und Gemeinschaft está borrosa en el facsímil (puede leerse 3 u 8); se da «Heft 3», como en la reseña de la autora en Der Kampf (1928) y en la bibliografía.