Zur Statistik der Amenorrhöe.

Von Dr. Margret Hilferding-Hönigsberg.

Obwohl von wissenschaftlich hochstehenden Männern in Deutschland und in Österreich bestritten wurde, daß die veränderte Lebenshaltung der großen Massen im Kriege zu einer Schädigung der Volksgesundheit führen könne, mehren sich die Anzeichen, daß, während wir noch theoretisch über die Möglichkeit diskutieren, die Tatsache der Schädigung praktisch bereits eingetreten ist.

Ein solches Anzeichen, dem für die Frage der Volksvermehrung in Gegenwart und Zukunft die größte Bedeutung zukommt, ist die ungeheure Steigerung der Fälle, in denen das Ausbleiben der Menstruation bei der Frau uns ein Erlöschen oder Absinken der Geschlechtsfunktionen des Weibes anzeigt. Wir dürfen die Warnungen dieses Symptoms nicht übersehen.

Die wenigen Fälle von Amenorrhöe, die wir sonst beobachteten, ließen großenteils die bekannten Ursachen erkennen: jugendliches Alter, Chlorose, Fettleibigkeit, Laktation, Inanition bei schweren organischen Erkrankungen.

Die Fälle der letzten Zeit lassen die Fettleibigkeit bei Amenorrhöe fast vollkommen vermissen; auch die anderen bekannten Ursachen treten in den Hintergrund. Hingegen sehen wir bei sonst gesunden und wohlaussehenden Mädchen und Frauen, die nie eine Störung der Menstruation erlitten, von denen viele wiederholt geboren haben, ohne nachweisbare Ursache die Monatsblutungen verschwinden.

Die auffallende Zunahme der Amenorrhöe wird gleichzeitig von mehreren Seiten berichtet.

Die Durchsicht des Materiales der Allgemeinen Arbeiterkrankenkasse, das mir vom Verband der Genossenschaftskrankenkassen in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt wurde, sowie meines eigenen Materiales aus derselben Krankenkasse ermöglicht mir einen Überblick über die Ausbreitung der Amenorrhöe unter der arbeitenden Bevölkerung von Wien. In der Übersicht wurden nur die weiblichen arbeitsfähigen Krankenkassenmitglieder berücksichtigt.

Tabelle I.

Arbeitsfähige erkrankte Frauen der A. A.Zahl der AmenorrhöenpM.
191229.9922338
191328.1192428·6
191427.2282408·9
191519.24820410·6
1916—321—

Wir können eine geringe prozentuelle Zunahme der Fälle von 1912—1914 feststellen. 1915 bereits zeigt sich eine größere Zunahme — 2·6 pM. gegen das Jahr 1912, 1·7 pM. gegen das Jahr 1914. Für das entscheidende Jahr 1916 kann ich nur eine große Zunahme der absoluten Zahl (321 gegen 202) konstatieren. Da die Zahl der weiblichen arbeitsfähigen Erkrankten für das Jahr 1916 noch aussteht, war die prozentuelle Zunahme gegen die früheren Jahre noch nicht festzustellen. Für das Jahr 1917 konnte ich wegen technischer Schwierigkeiten überhaupt noch keine Zahlen gewinnen.

Obwohl mein eigenes Material infolge ungenauer Protokollführung für die Jahre 1913, 1914, 1915 nicht voll verwendbar ist, bietet es doch ein wesentlich schärferes Bild. Die große Zahl von Menstruationsstörungen erklärt sich aus dem Umstand, daß es vorwiegend gynäkologische Fälle aufweist.

Tabelle II.

Arbeitsfähige Frauen des V. d. G. u. d. A. A.AmenorrhöepCt.
19114805250·52
19125135280·55
191619921286·4
1917 (4 Monate)6388514

Es zeigt sich auch hier in den Jahren 1911 : 1912 eine geringe Steigerung der Prozentzahl von 0·52 pCt. auf 0·55 pCt. Im Jahre 1916 finden wir eine 12fache Zunahme der Fälle (6·4 pCt.); in den 4 ersten Monaten des Jahres 1917 steigt die Zahl auf 14 pCt. Das bedeutet, daß nahezu 1 Siebentel aller Fälle meiner Krankenkassenordination jetzt unter die Diagnose Amenorrhöe fallen.

Von diesen Amenorrhöen des Jahres 1917 kamen im Jänner 11 Fälle, im Februar 6 Fälle, im März 24 Fälle, im April 43 Fälle zur Beobachtung. Da ich unter die Diagnose Amenorrhöe nur Fälle einreihe, bei denen das Ausbleiben der Menses mindestens 2 Monate zurückliegt, so sind die im März und April beobachteten Fälle mit ihrem Beginn in die strengen Wintermonate Jänner und Februar zurückzudatieren. Auch die Beobachtungen früherer Jahre wiesen für die Frühjahrsmonate stets eine Zunahme der Amenorrhöen aus. Bedenken wir, daß alle diese Frauen erst nach mehrmonatiger Dauer der Störung den Arzt aufsuchen, so dürfen wir wohl annehmen, daß auch die Winterkälte in ursächlichem Zusammenhange mit dem Eintritt der Amenorrhöe steht. Ihre Hauptursachen sehe ich sowie Gräfe in einer graduellen Steigerung der schon im Frieden bekannten Ursachen für die Amenorrhöe jugendlicher Frauen: Unterernährung, Überarbeit, psychische Störungen, Veränderung der Lebensverhältnisse überhaupt.

Ein Vergleich mit den Zahlen meiner Privatordination scheint diese Auffassung zu bestätigen. Unter ungefähr 200 Fällen des Jahres 1917 befinden sich 10 Fälle (5 pCt.) von Amenorrhöe; das ist nur ungefähr 1 Drittel der Zahl meiner Kassenfälle (14 pCt.).

Die Erklärung liegt vielleicht darin, daß die Frauen der Privatordination nicht ausschließlich der arbeitenden Klasse angehören, ferner daß sie bessere Möglichkeiten der Körperpflege, des Kälteschutzes, der Beschaffung von Lebensmitteln haben als die Arbeiterin. Um wieviel ungünstiger diese gestellt ist, lehrt auch die Beobachtung, daß die größten Amenorrhöenzahlen sich in meiner Ordination (X. Bezirk) sowie bei Ärzten des III. und XI. Bezirkes vorfinden, also im Umkreis der großen Munitionsfabriken mit Schwerstarbeit und Nachtbetrieb.

Ich muß hervorheben, daß die subjektiven Beschwerden der nicht menstruierenden Frauen gering sind. Sie bestehen in Stechen, Ziehen, Kreuzschmerzen, Müdigkeit. Nur wenige Frauen wurden durch die Furcht vor Schwangerschaft, die meisten durch die Angst, „es könne sich auf die Lunge schlagen oder im Unterleibe zusammensetzen“, zum Arzt geführt.

Von Interesse ist die Altersgruppierung unserer Fälle.

Tabelle III.

Jahre1912pCt.1913pCt.1914pCt.1915pCt.1916pCt.
15—2054235020512139208828
20—25803475305523552710232
25—302711·53615351439207122
30—35156·594177189299
35—40114·5115156126134
40—45231032133214136113
44—5023102911351416851

Während die Altersgruppen der jüngeren und älteren Jahrgänge unregelmäßige Schwankungen zeigen, sehen wir in der Altersgruppe 25—30 Jahre eine erhebliche und entschiedene Zunahme. Die Prozentzahl des Jahres 1916 (22 pCt.) ist fast doppelt so groß als die des Jahres 1912 (11·5 pCt.).

Es scheint also, daß gerade die sexuell vollwertigsten Frauen von der Schädigung der Geschlechtsorgane am stärksten betroffen sind, die Frauen, die wir sonst als die geeignetsten zur Aufzucht ansehen. So hält der Krieg unter den Frauen des Hinterlandes eine ähnliche Auslese im negativen Sinne, wie unter den Männern an der Front.

Über die Therapie ist leider nicht viel zu sagen. Nur in wenigen Fällen war durch Eisenpräparate, Organtherapie, Wärmebehandlung und lokale Massage ein ein- oder zweimaliger Wiedereintritt der Menses zu beobachten. Eine vollständige Reparation (mit oder ohne Therapie) konnte ich bis jetzt nicht feststellen. Es scheint, daß die in der Amenorrhöe zum Ausdruck kommende Schädigung des weiblichen Körpers durch unsere Maßnahmen derzeit nicht beeinflußbar ist.

Wenn Gräfe vorschlägt, durch Mehrzuteilung von Lebensmitteln an amenorrhoische Frauen Abhilfe zu schaffen, so kann ich seinen Optimismus nicht teilen. Weder haben wir die Sicherheit, daß die zugewiesenen Lebensmittel in der beabsichtigten Weise verwendet werden, noch ist die Unterernährung die einzige zu bekämpfende Ursache. Vielleicht kommt einer solchen Mehrzuteilung, wenn sie sich durchführen läßt, prophylaktische Bedeutung zu.

Weder Gräfe1 noch Dittrich2 konnten von einem Wiedereintritt regelmäßiger Menstruationen berichten. Das stimmt zu meinen Beobachtungen. Pok3 und Schweitzer4 berichten von vereinzelten Schwangerschaften während oder richtiger am Abschlusse einer Amenorrhöeperiode. Ich sehe darin keinen Beweis für die Annahme der ungestörten Funktion der Eierstöcke.

Ob die Schädigung der weiblichen Geschlechtsorgane, als deren Ausdruck wir die Kriegsamenorrhöe ansehen, vorübergehend oder dauernd sein wird, und welche Umgestaltung der Menstruationstypus erfahren wird, läßt sich nicht voraussagen. Wohl aber können wir vermuten, daß die Konzeptions- und Gebärfähigkeit der amenorrhoischen Frauen schweren Schaden leidet.

Mein Material für den Mai 1917 ergibt unter 24 Fällen 40 Amenorrhöen, also eine weitere Steigerung auf 32·3 pCt. gegen 14 pCt. des ersten Quartals 1917.


Fuente: Wiener Medizinische Wochenschrift 67 (1917), Nr. 27, Sp. 1182–1184 (fecha del número calculada: sábado 7.7.1917), según el facsímil de ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (http://data.onb.ac.at/ANNOP/wmw19170003, imágenes 523–524); transcrito y cotejado con la imagen de página, con el OCR de la ÖNB como base (tablas y cifras revisadas una a una; corregido, por ejemplo, «April 43 Fälle» y «32·3 pCt.»). Firmado «Dr. Margret Hilferding-Hönigsberg». Se conservan sin corregir las incoherencias del original: «321 gegen 202» (la tabla I da 204 para 1915), el intervalo «44—50» de la tabla III y «unter 24 Fällen 40 Amenorrhöen» (quizá por 124). Las cifras en negrita de la tabla III lo están en el original; los decimales llevan punto alto, como en el impreso. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Los comentarios Sp. n del código marcan el comienzo de cada columna impresa.

  1. Gräfe: Münchner mediz. Wochenschr. Nr. 18. ↩

  2. Dittrich: Zentralbl. f. Gynäkol. Nr. 12. ↩

  3. Pok: Zentralbl. f. Gynäkol. Nr. 20. ↩

  4. Schweitzer: Münchner mediz. Wochenschr. Nr. 17. ↩