Mutterpflichten vor der Geburt.

Von Dr. Margret Hilferding-Hönigsberg in Wien.

Von der großen Zahl von Kindern, die alltäglich geboren werden, ist nur ein kleiner Teil von den Eltern mit Willen und mit Bewußtsein in die Welt gesetzt, ein noch kleinerer mit dem deutlichen Gefühle der Verantwortung, die in der Elternschaft gelegen ist.

Unvorbereitet tritt die junge Mutter in ihren neuen Beruf ein und bedarf des fremden Rates und Beistandes zur Erfüllung ihrer ersten mütterlichen Pflichten. Allgemein und berechtigt ist die Klage, daß unsere Mädchen nicht in der Schule und nicht in der Familie zur Mutterschaft herangebildet werden.

Doch mächtig waltet der Naturtrieb auch im Weibe.

Wir sehen unverständige Mädchen, fast selbst noch Kinder, durch die Mutterschaft zu klugen Frauen heranreifen.

Wir sehen kluge Frauen, die bis jetzt wissenschaftliche und künstlerische Arbeit geleistet haben, Schreibtisch und Staffelei verlassen, um den Platz vollkommen auszufüllen, an den die Natur sie gestellt hat.

Wir sehen Weltkinder, die sonst ihre Zeit in Nichtigkeiten vergeudeten, ernst und gewissenhaft an die Erziehung ihrer Kinder schreiten.

Und wir sehen all diese Frauen zu tüchtigen Müttern werden; die Taglöhnerin und die Fürstin sammeln in gleicher Weise ihre Tätigkeit, ihr Interesse, ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten um das Kind; die Frau der schweren körperlichen Arbeit und die Frau des verfeinerten geistigen Schaffens sind sich gleich in Selbstentäußerung und Opferfreudigkeit.

So mächtig wirkt der Trieb im Weibe, so kräftig sorgt die Natur für die künftige Generation.

Wie erst müßte es um das werdende Geschlecht bestellt sein, wenn die Mütter, die in ihrer Unbewußtheit und Verständnislosigkeit, von rein tierischen Instinkten getrieben, so Zweckdienliches leisten, mit Bewußtsein und Verständnis an ihre Aufgabe herangingen!

Denn es genügt nicht, eine gute Mutter zu sein — durch Zufall und Instinkt; wir müssen bestrebt sein, gute Mütter zu werden — durch Erkenntnis und Selbstzucht.

In kinderreichen Familien stellt sich freilich beim sechsten und achten Kinde diese Wissenschaft auf Grund der früheren Erfahrungen ein. — Doch kann es uns befriedigen, wenn nur die letzten Kinder gute Mütter haben, die Erstgeborenen aber von zu ihrem Geschäfte noch untüchtigen Frauen erzogen werden?

Wie wir in allen Berufen aus den Erfahrungen anderer lernen können, so sollte es auch im Mutterberufe sein.

Freilich kämpfen wir da mit der Schwierigkeit, daß das Können der Mutter nicht in einer Anhäufung von Fertigkeiten, hygienischen Grundsätzen und moralischen Maximen besteht. So wenig beim Künstler das Beherrschen der Technik den Inhalt des Berufes bildet, so auch bei der Mutter. Und dieses Höhere, dieses gewissermaßen Künstlerische im Mutterberufe, der ja dem des Bildners am meisten gleicht, ist nicht schulgemäß und nicht aus Büchern zu erlernen. Für den Begriff „Mutter“ läßt sich kein Paradigma aufstellen.

Doch wollen wir nicht so verstanden werden, als sei jede höhere Erkenntnis zu verwerfen, als sei die Mutterschaft nichts als ein rein tierischer Instinkt.

Nein, erst die Vereinigung von Fertigkeit und Naturtrieb kann das Höchste leisten. Es gibt eine Technik der Mutterschaft, die sich erlernen läßt, die in unseren Kinderhorten, Kindergärten, Lehrerinnenbildungsanstalten gelehrt wird, nur daß diese Technik an sich vielleicht eine gute Pflegerin nicht aber eine Mutter gibt.

Wenn es dagegen von Raffael heißt, er wäre ein großer Künstler geworden, auch wenn er ohne Arme geboren wäre, so dürfen wir uns doch nicht verhehlen, daß er dann kein Maler im landläufigen Sinne des Wortes, kein „Bildermacher“ geworden wäre. — Und jene Frau, die die trefflichsten seelischen Anlagen zur Mutter hat, wird ihre Kinder erziehen können, selbst wenn ihr die körperlichen und geistigen Fertigkeiten fehlen, die andere Frauen in Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen erwerben. Andererseits kann die beste Schulung in der Kinderpflege der Erfüllung der Mutterpflichten nicht genügen.

Es gibt Kinder, die gut genährt, sauber gehalten, artig und wohlerzogen sind, denen die eigene Mutter jede Handreichung tut, und die doch nicht wissen, was Mutterliebe ist. Manche Frau, die ihre Kinder zuweilen hart straft, ist eine bessere Mutter, als eine andere, die sie mit Sanftmut behandelt.

Einfache Frauen, die nicht lesen und schreiben können, sind mitunter Genies der Mütterlichkeit. Und Mütter gibt es, die nie ein Kind ihr eigen nannten.

Was an mütterlichen Instinkten fast in jeder Frau schlummert, das ist der Ausbildung und Entwickelung fähig. Und diese Ausbildungen sollen wir den heranwachsenden Mädchen gewähren. Unsere Bestrebungen, gute Mütter heranzuziehen, werden oft erfolglos bleiben, aber die Grundsätze der Kinderpflege, Kinderernährung und Kindererziehung können gelernt werden, damit wir der künftigen Generation wenigstens tüchtige Kinderpflegerinnen mitgeben können. Und manche Mutter hat sich erst in der Kinderpflegerin entdeckt.

Eine alte Landhebamme hat mir einmal das treffliche Wort gesagt: „Mädchen, die an der Mutterbrust getrunken haben, bekommen eine schönere Brust und ein besseres Herz als Ammenkinder oder Flaschenkinder.“ Auf den Kern der Sache zurückgeführt, heißt das: Mädchen erben von ihrer Mutter die physische Eigenschaft zur Mutterschaft (Entwickelung der Brust, Stillfähigkeit) und die seelische Veranlagung (das gute Herz).

Was vom Erbteil der Mutter gilt, das gilt auch von dem des Vaters und der früheren Generationen bis auf unbekannte Zeiten zurück. Aus gesunden und kräftigen Familien, in denen sich seit Menschengedenken keine körperliche oder geistige Krankheit fortgeerbt hat, gehen die auserlesenen Mütter hervor; aus Familien, deren Frauen stets leicht und gut entbunden haben; aus Familien, in denen die Mütter ihre Kinder selbst gestillt haben.

Und wie der Tierzüchter es sich wohl überlegt, welche Rassen er zur Vermehrung seines Viehstandes heranzieht; wie er sich hütet, Tiere zu paaren, deren Körperbau zu wesentliche Verschiedenheiten aufweist; wie er es vermeidet, kranke Tiere zur Zucht zu verwenden: so sollte auch bei der Wahl der Gatten für jene vorbestimmten Mütter nicht nach den Grundsätzen verfahren werden, nach denen bis jetzt Menschen gepaart wurden, und man sollte nicht zusammenschweißen, was körperlich nicht zusammengehört. Die Gesundheit der Eltern ist nicht nur ein bedeutsames Erbteil der Kinder, sondern auch eine Garantie für den Schutz ihrer Jugend.

Wenn ein Elternteil, der an schwerem Herz-, Lungen- oder Nierenleiden erkrankt ist, keine Kinder in die Welt setzen soll, weil er die Elternpflichten infolge seiner Erkrankung nicht voll und nicht lange genug erfüllen kann, so sollen andererseits Mütter oder Väter, die an Tuberkulose, Syphilis oder Geisteskrankheiten leiden, nur nach Einholung des ärztlichen Rates zur Zeugung schreiten, um nicht ihren Kindern ein verhängnisvoll im Keime eingeimpftes Leiden auf den Weg zu geben.

Jedes Mädchen, das in die Ehe tritt, prüfe sich sorgfältig, ob sie Mutter werden darf, ob sie glaubt, die geistige und körperliche Eignung zu besitzen. Und wo es sich um noch abstellbare Mängel handelt, sei sie bestrebt, diese zu beseitigen, sich zu vervollkommnen.

Unsere Großmütter und Urgroßmütter sahen keine Unannehmlichkeit darin, ein Dutzend Kinder und mehr ins Leben zu setzen und heranwachsen zu lassen. In unserer Zeit, bei dem erschwerten Kampfe ums Dasein, ladet solche Fruchtbarkeit eine schwere Verantwortung auf. Die Frau eignet sich heute weniger dazu als früher, ihr Leben zwischen ewigen Schwangerschaften abzuspinnen. — Die Natur selbst lehnt sich oft dagegen auf; denn sie gestattet selten eine lange Kette normal verlaufender Schwangerschaften; sie unterbricht dieselbe durch Fehl- und Frühgeburten mit ihrer unendlich größeren Gefährdung als die der rechtzeitigen Entbindung. Die große Geburtenzahl allein hat auch noch keinen volkswirtschaftlichen Wert. Manche Frauen, die 18 bis 20 Wochenbetten durchgemacht haben, schenken der Menschheit als Resultat ihrer volksvermehrenden Tätigkeit nur ein oder zwei gesunde Kinder. Die anderen haben nicht das Licht der Welt erblickt, sind früh gestorben, verdorben und haben nichts zurückgelassen, als die Spuren von Schmerzen und Arbeit im Körper der Mutter.

Solches zweckloses Schaffen bedeutet eine Verkürzung der Rechte jener Kinder, die heranwachsen. Mann und Weib mögen sich der Verantwortung bewußt sein, die sie mit der Zeugung zahlreicher Kinder gegen jedes einzelne derselben auf sich nehmen. Der Frau soll man sagen, daß ihr Körper, von Schwangerschaft zu Schwangerschaft geschleppt, frühzeitig verwelkt, an Arbeitskraft verliert, den Keim zu manchen Krankheiten und Gebrechen erwirbt.

Napoleon sagte, er schätze die Frau am höchsten, die am meisten Kinder zur Welt gebracht habe; wir glauben, daß jene Frau zu preisen ist, die die meisten Kinder zu gesunden arbeitsfähigen Menschen herangezogen hat.

Eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die kommende Generation hat die Wahl der Zeit, in welcher die Mutterschaft ausgeübt wird. Im allgemeinen stammen die kräftigsten und bestentwickelten Kinder von Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren. Die Entbindung verläuft für solche Frauen am leichtesten, die Stillfähigkeit ist am stärksten. — Um der Mutterschaft willen müssen wir ausdrücklich darauf dringen, daß der Frau der Eintritt ins Geschlechtsleben nicht früher gestattet werde, als bis sie reif zur Mutterschaft ist. Die Mutterschaft bei 14- bis 15jährigen Mädchen ist eine barbarische Unsitte, die sich an Mutter und Kind schwer rächt. Es ist ein bejammernswertes Schauspiel, wenn, wie es vor kurzem in Wien der Fall war, eine 14jährige Mutter wegen Vernachlässigung ihres Kindes angeklagt wird. Darum scheint es wünschenswert, jene Gesetzparagraphen, die das Geschlechtsleben des Mädchens vor brutalen Eingriffen schützen, in dem Sinne zu ändern, daß das schutzberechtigte Alter möglichst hoch angesetzt wird, so hoch, daß die erste Mutterschaft, körperlich, seelisch und nicht zuletzt materiell ohne schweren Nachteil ertragen werden kann.

Denn wenn jede Schwangerschaft „die süße Strafe, die des Weibes Erbteil“, Schmerz und Sorge im Gefolge birgt, so gilt dies vor allem von der ersten. Die erste Schwangerschaft, die dem solcher Beschwerden noch ungewohnten Weibe mehr Mühen bringt, als jede folgende; die zu dem bis dahin ungewohnten körperlichen Unbehagen eine ganz eigentümliche seelische Verfassung hinzufügt; die sich gewöhnlich nur als vermehrte Reizbarkeit und Unruhe geltend macht, mitunter aber in völlige Geistesgestörtheit ausartet; die erste Schwangerschaft, die mit einer oft geradezu wahnsinnigen Angst vor der Entbindung einhergeht; die in phantastischer Vergrößerung die Sorgen der Zukunft überwältigend und erdrückend scheinen läßt: das ist die Zeit, wo den Frauen freundlicher Zuspruch nottut, am besten von Gatten oder Mutter gespendet.

Und das ist die letzte Frist, von der Natur dem unreifen Weibe gewährt, um sich auf seine Mutterpflichten zu besinnen und sich für dieselben vorzubereiten.

Die erste und wichtigste Pflicht ist die, den empfangenen Keim zur Entwickelung zu bringen, die Frucht im Mutterleibe ungestört reifen zu lassen.

Zahlreich und verschiedenartig sind die Vorschriften für die Lebensweise Schwangerer. Die Wahrheit ist, daß sich keine festen und allgemein gültigen Regeln aufstellen lassen. Hier muß vor allem der Grundsatz gelten: Keine allzugroße Abweichung von der früheren Lebensweise. Wer an körperliche Arbeit gewöhnt ist, soll sie auch während der Schwangerschaft maßvoll ausüben. Wer eine sitzende Lebensweise geführt hat, soll sich nicht durch Bücher und Vorschriften verleiten lassen, um plötzlich stundenlange Spazierwege zu machen. Man lebe so, wie es die Gesundheitslehre erfordert, mit wenigen Ausnahmen, die dem schwangeren Zustande gelten. Besondere Vorsicht übe man nur in den ersten Schwangerschaftsmonaten und kurz vor der Entbindung. — Schwimmen, Radfahren, Turnen, Reisen, obwohl es von einzelnen gut vertragen wird, ist wohl besser zu unterlassen. Dagegen ist die Reinlichkeitspflege des Körpers mit besonderer Sorgfalt zu handhaben. Namentlich gegen Ende der Schwangerschaft bilden heiße Bäder eine notwendige Vorbereitung zur Entbindung. Regelmäßige körperliche Bewegung im Freien ist notwendig. Das Tragen hemmender Kleidungsstücke ist nun gänzlich zu unterlassen. Das Mieder hindert die Brust in der freien Entwickelung und unterbindet die Tätigkeit der Bauchmuskeln, die für die Entbindung von wesentlicher Bedeutung ist. Auf „Taille“ sollte eine Frau, die Mutter wird, leichten Herzens verzichten. Aber solange es noch Frauen gibt, die den Zustand der guten Hoffnung als entstellend und peinlich betrachten, so lange werden wir noch all jene wunderlichen Verkleidungen sehen, durch die Schwangere, in der Absicht ihr Aussehen zu verbergen, besonders aufzufallen pflegen. Ein sogenannter Busenhalter schütze die Brust vor dem Schlaffwerden. Die Kleider seien nicht an den Hüften befestigt, sondern der sogenannten Reformmode angepaßt, also von den Schultern herabfallend. Das runde Strumpfband, über oder unter dem Knie getragen, ist ganz zu verbannen. Es verstärkt nur die während der Schwangerschaft ohnehin vorhandene Neigung zur Bildung von Krampfadern, die im Volksmunde so treffend „Kinderfüße“ genannt werden. In den letzten Monaten leistet eine passend gearbeitete Bauchbinde, die jedoch nicht fortwährend getragen werden darf, gute Dienste gegen die allzustarke Senkung des Leibes. Dieselbe Binde soll, entsprechend umgearbeitet, später von der Wöchnerin wieder angelegt werden.

Die Garderobe während der Schwangerschaft soll aus guten Gründen weder allzu reichhaltig noch allzu geputzt sein. Es genügt, daß die Kleider weder zu enge noch zu kurz sind. Wer guter Hoffnung ist, braucht keine Modedame zu sein.

Die Ernährung während der Schwangerschaft gehe von demselben Grundsatze des „so wie früher“ aus. Die Mehrzahl der Frauen ißt während der Schwangerschaft mehr als sonst; manche bedeutend weniger. Beides ist unbedenklich. Die Furcht vor dem Starkwerden während der Schwangerschaft ist hinfällig. Denn die Frauen verlieren während des Wochenbettes meist wieder alles Gewonnene. Jene Fülle, die den Frauen zurückbleibt, wird in der Regel erst während des Stillens erworben, ist physiologisch, und verliert sich bei geeigneten diätetischen und hygienischen Maßnahmen nach dem Absetzen. Die Angst, daß durch gute Nahrung der Mutter die Frucht größer und die Entbindung schwieriger werde, ist unzutreffend; aus diesem Grunde eingeleitete Entfettungs-, Zitronen- und ähnliche Kuren sind unsinnig, weil sie die Frau knapp vor der Entbindung zu einer Zeit, wo sie ihre Kräfte am nötigsten braucht, schwächen. Wer also Appetit hat, der esse sorglos und tröste sich bei dem Gedanken, daß er für zweie ißt. Den abnormen Gelüsten der Schwangeren, die indes nicht so häufig sind, als die weisen Frauen erzählen, darf man meist nachgeben. Selbst schwere Speisen werden manchmal gut vertragen.

Häufige große Störungen in der Ernährung verursacht das Erbrechen. Manche Frauen können nach demselben sofort wieder essen, andere erbrechen stets aufs neue. Werden gewisse Speisen nicht vertragen, so kann man unbedenklich eine eingeschränkte Diät (Milch, Milchspeisen, Eier, Schinken usw.) durch Wochen fortsetzen. In manchen Fällen genügt Bettruhe (wenigstens während der Morgenmahlzeit).

Mitunter wird feste Kost besser vertragen als flüssige. Eine häufige Veranlassung des morgendlichen Erbrechens ist die Mundreinigung; man verschiebe sie also auf eine andere Tageszeit.

Bei Übelkeit und Brechreiz leisten oft Pfefferminzpastillen gute Dienste. Kognak und Wein vermeide man ganz, damit nicht der Alkohol zum gewohnten Getränk werde. Die gewöhnlich auftretenden Verdauungsbeschwerden suche man durch entsprechende Diät zu beheben; bleibt dies erfolglos, so wende man Wassereinläufe oder leichte Abführmittel wie Rizinus, Rhabarber, Karlsbader Wasser an. Im zweiten oder dritten Monat stellt sich fast immer vermehrter Harndrang ein; er ist lästig, erfordert aber kein Eingreifen.

Die Neigung zu Krampfadern, sowie die leichte Schwellung der Beine, die in den letzten Schwangerschaftsmonaten auftritt, bekämpft man durch Wickelungen mit Flanellbinden. Stärkere und andauernde Schwellung, sowie dauernde Harnbeschwerden oder gar das Auftreten von Blut und Eiter im Harn machen eine fachmännische Harnuntersuchung nötig.

Der Geschlechtsverkehr ist während der Schwangerschaft nicht verboten; doch soll er in den ersten und letzten Wochen selten und mit Vorsicht ausgeübt werden. Ganz zu verbieten ist er nur in Fällen von habituellem Abortus, in denen auch sonst besondere Vorsichtsmaßregeln (Bettruhe, Hütung vor Anstrengung und Aufregung) anzuwenden sind.

Der Volksmund sagt, daß Frauen in guter Hoffnung vor Kummer und Sorgen gefeit seien. In der Tat sehen wir, daß oft schwere Schicksalsschläge mit Fassung getragen wurden. Vielleicht ist es wirklich die stete Beschäftigung mit der Zukunft, der Hinblick auf die künftigen Mutterpflichten, die der Frau diese ruhige Seelenstimmung geben. Die Umgebung soll sich hüten, sie zu zerstören. Denn sie ist die beste Gewähr für eine glückliche Zukunft. Die Natur selbst scheint die Mutter in dieser Zeit zu unterstützen. Die Beschwerden der Schwangerschaft und die nervöse Zerfahrenheit der ersten Monate verschwinden. Die Kindesbewegungen setzen ein und rufen in der jungen Mutter jetzt schon persönliche Beziehungen zu dem Ungeborenen wach. Die Zunahme des Leibesumfanges nötigt zu einer häuslich-ruhigen Lebensweise. Der Schlaf, der im Anfang unruhig war, wird fest und tief.

Nur eine Sorge wächst drohend, die Angst vor der Entbindung. — Dann dulde man nicht, daß törichte Hebammen und weise Gevatterinnen die Chroniken schwerer Geburten vor der bekümmerten Zuhörerin aufrollen. Man gebe ihr nicht fachmedizinische Bücher der Geburtshilfe in die Hand, in denen gerade die pathologischen Geburten einen breiten Raum einnehmen. Sondern man weise sie auch in ihrer Lektüre auf das Künftige, auf die Zeit des Wochenbettes, des Stillens, die Entwickelung des Säuglings. Hier ist der Rat und Zuspruch des Arztes nicht zu unterschätzen. Die ärztliche Untersuchung kann mit fast völliger Gewißheit den Verlauf der Entbindung voraussagen; sie kann eine voraussichtliche Geburtserschwerung erkennen und bekämpfen.

Jede Frau sollte während der ersten Schwangerschaft auch bei vollständigem Wohlbefinden den Arzt zu Rate ziehen. Sie wird dann ruhiger das Kommende abwarten. Bei stärkeren Schwangerschaftsbeschwerden jedoch ist es unerläßlich, einen Arzt hinzuzuziehen, der allein hier die Grenze zwischen physiologisch und pathologisch feststellen kann. Kaiserin Maria Theresia hat vor fast 150 Jahren ihrer Tochter Marie Antoinette während deren Schwangerschaft nebst vielen beherzigenswerten Lehren geschrieben: „Halte Dich nicht an das, was die alten Weiber sagen, sondern glaube den Ärzten.“

Kurpfuscherei und Aberglauben sollen aus der Wochenstube, sowie später aus der Kinderstube verbannt werden.

Wissen und Klarheit soll herrschen zwischen Mutter und Kind. Seltsam mystisch und geheimnisvoll bleibt nur der mächtige Trieb, der ewig war und sein wird, die alles besiegende Mutterliebe.


Fuente: transcripción a partir del escaneo de Google del ejemplar digitalizado en archive.org (bub_gb_RwESAAAAYAAJ): Das Buch vom Kinde, hg. von Adele Schreiber, Bd. I, Leipzig und Berlin, B. G. Teubner, 1907, S. XX–XXV (firmado «Dr. Margret Hilferding-Hönigsberg in Wien»). Transcrito desde la imagen de página; el OCR Fraktur de archive.org solo sirvió de apoyo. El volumen salió a fines de 1906 (reseñas de enero de 1907). El título impreso es «Mutterpflichten vor der Geburt», sin artículo. Ortografía original. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.