KARL SCHRATT:
Ein Denkmal für Otto Gloeckel
Die politische Entmachtung der österreichischen Sozialdemokratie hat auch ihre soziale und kulturelle Arbeit zerstört. Die Ergebnisse von anderthalb Jahrzehnten voll begeisterter Hingabe, voll opferfreudiger Anstrengung sind heute vom Schutt und Schmutz der Diktaturen bedeckt. Aber auch hier gilt das Wort: „Sie töten den Geist nicht!“ Nicht nur dass der Gedanke an das damals Geleistete in den österreichischen Arbeitern weiterlebt und ihnen den Willen stählt, den stolzen Bau, wenn die Zeit gekommen ist, nochmals, aber diesmal auf gesichertem politischen Boden wieder in Angriff zu nehmen, immer aufs Neue erhält man Beweise, dass auch die Welt draussen die Taten der österreichischen Arbeiterschaft, die Leistungen des roten Wien nicht vergessen hat. So haben jetzt die Schweizer Lehrer, an ihrer Spitze Genose Jean Briner, der tatkräftige Leiter des Züricher Schulwesens, ein Buch herausgegeben — vorbereitet inmitten der immer bedrohlicher werdenden europäischen Konfliktsituation, erschienen, als schon die Schweizer Milizen die Grenzwacht bezogen hatten —, das der österreichischen Schulreform und dem Andenken an ihren führenden Vertreter, an Otto Glöckel, gewidmet ist.1 Es ist in Inhalt und Ausstattung ein würdiges Denkmal für den Mann und für die Sache.
Den Grundstock des Buches bildet eine Selbstbiographie, an der Glöckel im Jahre 1931 über Aufforderung eines reichsdeutschen Verlages gearbeitet hat, die aber skizzenhaft und unvollendet geblieben ist. Sie führt nur bis ins Jahr 1918, bricht also ge-
rade dort ab, wo Glöckels historische Leistung beginnt. So hat denn die Fortsetzung, und damit die Darstellung von Glöckels Lebenswerk, ein ungenannter Herausgeber übernommen, der sich allerdings auf die vorhandene Literatur, vor allem auf Hans Fischls ausgezeichnetes Buch „Wesen und Werden der Schulreform in Oesterreich“ (Wien 1929), und auf briefliche und mündliche Mitteilungen Glöckels stützen konnte, der aber keineswegs eine blosse Kompilation, sondern eine durchaus selbständige Arbeit geliefert hat. Es folgt dann eine knappe, aber sehr charakteristische Auswahl aus Glöckels Reden und Aufsätzen und als Ausklang ein Aufsatz Briners über Glöckels Beziehungen zur Schweiz. Ein Bild Glöckels eröffnet, ein Bild seiner Frau, der Genossin Leopoldine Glöckel, beschliesst das Buch; dazwischen zeigen einige Wiener und Schweizer Aufnahmen Glöckel im Kreise von Schweizer Lehrern und von Schweizer Kindern.
Diejenigen, die Glöckel vor allem als hinreissenden, rhetorischen Effekten nicht ausweichenden Redner gekannt haben, wird die schlichte Sachlichkeit seiner Selbstbiographie überraschen. Voll kulturhistorischen Interesses ist die Schilderung seiner Herkunft und seiner Jugend. Der Grossvater väterlicherseits ein blutarmer Flickschneider in Oedenburg — der Besitz einer Nähmaschine sein unerfüllbarer Lebenstraum! —, der Grossvater mütterlicherseits Spenglermeister in Mattersdorf, dem, wenn er auch selbst schwer mit der Not des Lebens zu ringen hat, die Heirat einer seiner Töchter mit einem armseligen Unterlehrer doch wie eine Mesalliance erscheint. Aber ein entscheidender Glücksfall: 1892 erhält der junge Lehrer eine Stelle in Pottendorf und kommt dadurch aus dem Bereich der ungarländischen konfessionellen Schule in den der interkonfessionellen Neuschule Oesterreichs; aus einem Untergebenen und Bedienten des Pfarrers wird er ein öffentlicher Funktionär. Das Pottendorfer Schulhaus und die Wiener-Neustädter Lehrerbildungsanstalt sind Otto Glöckels Bildungsstätten. Er gibt ein liebevolles und nachsichtiges Inventar der geistigen Anregungen, die ihm zur Verfügung standen. Es ist erhebend und ermutigend zu sehen — auch wenn man an das Schicksal derer denkt, die jetzt in Deutschland die geistige Blockade des Hitlersystems durchzustehen haben —, wie der Bildungshunger junger Menschen auch aus dürrem Boden Nahrung zu ziehen weiss. In jungen Jahren die erste Berührung mit dem politischen Leben: die Pottendorfer Liberalen feiern einen Gemeindewahlsieg über die „Vereinigten Antisemiten“; namens der an der Agitationsarbeit beteiligten Studenten hält Otto Glöckel eine kurze Ansprache. Er fällt dem anwesenden Reichstagsabgeordneten Pernerstorfer auf und dieser verschafft ihm zwei Jahre später, nach Vollendung der Schulzeit in der Lehrerbildungsanstalt, eine Stelle in Wien.
Mit der Uebersiedlung nach Wien ändert Glöckels Darstellung ihren Charakter. Es ist bezeichnend und es ist beste sozialdemokratische Schule, dass von dem Augenblick an, da das öffentliche Leben ihn in seinen Bann zieht, sein rein persönliches Erleben für ihn zu einer Sache minderer Wichtigkeit wird, über die zu berichten nicht lohnt. Und so zieht nur sein politischer Werdegang vor unseren Blicken vorüber. Als provisorischer Unterlehrer in einem Wiener Proletarierbezirk erhält er einen furchtbaren Einblick in Kinderelend und Kinderausbeutung. Im Pädagogium, der Fortbildungsstätte der Wiener Lehrerschaft, macht er die Bekanntschaft gleichstrebender Kollegen, die sich bald unter der Führung von Karl Seitz zur Bewegung der „Jungen“ zusammenschlossen. Die unermüdliche, in Kampfgemeinschaft mit der sozialdemokratischen Partei durchgeführte Tätigkeit dieser „Jungen“ hatte zur Folge, dass im Jahre 1897 Lueger fünf von ihnen, provisorische Unterlehrer, kurzerhand entliess. Unter ihnen war auch Glöckel, und so musste dieser geborene Lehrer sich nach fünf Jahren Schuldienst in einen Beamten der Sozialversicherung verwandeln. Und doch blieb er Lehrer: in den Arbeiterbildungsvereinen und Gewerkschaften. Vom Jahre 1905 an sprach er als Redner der „Freien Schule“ in unzähligen Versammlungen. Nach der Eroberung des allgemeinen Wahlrechts wird er sozialdemokratischer Kandidat für den Städtewahlkreis des Erzgebirges und geht nach schwungvollem Wahlkampf zur allgemeinen Ueberraschung gegen den deutschnationalen Kandidaten, dem der Wahlkreis „auf den Leib geschnitten“ war, als Sieger hervor. Es war der Winkel Böhmens mit den rückständigsten Bezirkshauptleuten und einer besonderes gedrückten proletarischen Bevölkerung. Zu den Pflichten des Abgeordneten gehört gelegentlich auch das Streikpostenstehen. Während des Weltkriegs bringt ihn eine Mairede ins Militärgefängnis; aber das Kriegsgericht spricht ihn frei. Von seiner weiteren Tätigkeit während des Kriegs zeugt eine Reihe von Aufsätzen für die „Arbeiter-Zeitung“ und ein Bericht an den Unterrichtsausschuss, die im Buche wiederabgedruckt sind. Man kann aus ihnen ersehen, welches Ausmass von Kritik an den sozialen Verhältnissen und an Massnahmen und Unterlassungen der Verwaltung für einen Mann von Mut und Geschick selbst unter der brutalen österreichischen Kriegszensur möglich war. Man sieht aus ihnen aber auch, dass das ganze Reformwerk der Nachkriegszeit nicht möglich gewesen wäre, wenn es in seinen Grundlinien nicht schon während des Krieges geistig vorbereitet worden wäre.
Der Zurückhaltung Glöckels in allem Persönlichen ist auch der Fortsetzer seiner Lebensbeschreibung gefolgt. Was er gibt, ist im Wesentlichen ein Ueberblick über die Wiener Schulreform, man muss sagen, ein meisterhafter Ueberblick. Er versteht es, dem Lehrer einen Einblick in die unendlich verästelte Kleinarbeit zu geben, die zur Schulreform erforderlich ist, wenn sich diese auch in ihr nicht verlieren darf, und er gerät dabei doch nie in Gefahr, den sachlich interessierten Laien zu ermüden. Denn nie lässt er uns den grossen Zusammenhang des Ganzen aus den Augen verlieren, immer wieder rückt er das Problem der Schule in seine sozialen Zusammenhänge und an den entscheidenden Punkten erleben wir die unmittelbaren Beziehungen des Schulkampfes zum politischen Kampfe des Proletariats geradezu dramatisch mit. Am augenfälligsten wurde diese Verbundenheit wohl bei der Massenkundgebung, die am 18. Juni 1926 unter der Doppelparole „Für die Arbeitslosenunterstützung“ und „Für den Reformlehrplan“ Hunderttausende vor dem Parlament vorüberführte, sachlich ist sie am schärfsten dadurch hervorgetreten, dass unmittelbar nach der Niederlage der Arbeiterschaft die Sieger es zu ihren dringlichsten Aufga-
ben rechneten, die Schulreform rückgängig zu machen. Dass begabte junge Proletarier nach Vollendung der Schulpflicht aus der Hauptschule sollten unmittelbar in eine Obermittelschule übertreten können, schien den „Ueberwindern des Klassenkampfes“ unerträglich.
Diese Einsicht in die politischen Zusammenhänge führt den Biographen auch dazu, trotz uneingeschränkter Bewunderung für Glöckels Leistung doch auch die Grenzen nicht zu verschleiern, die seinem Werk durch die Gewalt der Tatsachen gezogen waren. Im Rahmen der österreichischen Republik von 1918 konnte die Schulreform keine sozialistische Gestaltung des Schulwesens herbeiführen, sie konnte nur eine demokratische Reform, wenn auch mit stärkstem sozialem Einschlag sein; sie konnte daher auch das Bildungsprivileg nicht aufheben, sondern nur abschwächen. Hier öffnet sich ein Ausblick in die Zukunft. Diejenigen, denen es einst vergönnt sein wird, das Werk Otto Glöckels wiederaufzunehmen, werden es nicht zu wiederholen, sondern auf einer höheren Ebene der gesellschaftlichen Entwicklung neu zu gestalten haben. Dass die Entwicklung, gestützt auf ihre Lebensarbeit, über ihre Lebensarbeit hinausführt, ist die schönste Dankbarkeit, die sich schöpferische Menschen wünschen können.
Fuente: transcripción a partir del facsímil de Der sozialistische Kampf / La lutte socialiste (París, editado por la Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten), 1940, n.º 4, 24 de febrero de 1940, págs. 88-90, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (aid dsk, 1940, imágenes 16-18), hecha desde la imagen con el OCR de la ÖNB como apoyo. Firmado «Karl Schratt», seudónimo de Carl Furtmüller en el exilio de París (atribución según la bibliografía de psyalpha, Zaufarek 2010). Reseña del libro Otto Glöckel. Aus dem Leben eines grossen Schulmannes (Zúrich, 1939). Ortografía del impreso (ss por ß; «Gloeckel» en el título y «Glöckel» en el texto); se conservan las erratas «Genose» y «einer besonderes gedrückten». La nota al pie es del original (en él, ¹)). Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.
Otto Glöckel. Aus dem Leben eines grossen Schulmannes. Verlag Genossenschaftsdruckerei Zürich. ↩