Sigm. Freud: Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker.

I. Die Inzestscheu. (Imago, 1. Bd. 1912. S. 17—33.)

II. Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen. (Imago, 1. Bd. 1912. S. 214—227, 301—333.)

III. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. (Imago. 2. Bd. 1913. S. 1—21.)

Vor uns liegen die drei ersten Abhandlungen einer grösseren Reihe, die Freud in der „Imago“ zu veröffentlichen beabsichtigt. Er will in ihnen zu neuen Aufschlüssen über das Seelenleben der primitiven Völker gelangen, indem er beim Studium der Neurosen und Psychosen gewonnene Einsichten und Theorien auf dasselbe anwendet. Die Wilden stellen ihm das Kindheitsalter der Menschheit dar, der Neurotiker und Geisteskranke ist ihm der infantil gebliebene oder durch Rückschlag wieder gewordene Moderne, und so hofft er in dem gemeinsamen Merkmal des Infantilen eine genügend breite Basis für eine fruchtbare Vergleichung zu finden. Sollte es wirklich gelingen, auf diesem Umweg zum Verständnis der Psyche des Wilden zu gelangen, so wäre dies sicherlich ein wissenschaftlicher Fortschritt von ausserordentlicher Tragweite; denn dem unmittelbaren psychologischen Begreifen durch Einfühlen stehen hier fast unüberwindliche Hindernisse entgegen. Dem modernen Gelehrten ist es in den meisten Fällen schon sehr schwer, mit dem Arbeiter oder Bauer seines eigenen Volkes in wirklichen psychischen Kontakt zu kommen, wie sollte er da imstande sein, die Erlebnisse eines Primitiven in sich nachzuschaffen. Aber eben weil die Kontrolle der Einfühlung hier fast ganz versagt, wird der Psychoanalytiker beim Einschlagen indirekter Methoden um so vorsichtiger sein müssen, damit er sich nicht Naturvölker schaffe nach dem Bilde seiner Patienten, das er vorher stilisiert hat nach den Kunstregeln seiner Theorie.

Diese Vorsicht nun scheint mir in den vorliegenden Abhandlungen nicht immer festgehalten zu sein. So rückt Freud, auf Arbeiten Jungs und seiner Schule fussend, gleich anfangs den Parallelismus zwischen ontogenetischer und phylogenetischer Entwicklung des Seelenlebens nachdrücklichst in den Vordergrund. Dieser Versuch, das biogenetische Grundgesetz auf die Psychologie zu übertragen, ist ja keineswegs neu, und allgemein bekannt sind auch die Bedenken, die ihm entgegenstehen. Schon der Umstand, dass es sich in der Biologie dabei um Entwicklungsvorgänge des intrauterinen Lebens handelt, lässt die Psychologie kaum hoffen, hier einen wissenschaftlich stichhaltigen Anschluss zu gewinnen. Man kann daher die tatsächlich vorhandenen Ähnlichkeiten feststellen, aber eine Basis zu weit ausgreifenden Analogieschlüssen hat man dadurch nicht gewonnen. Gilt dies schon allgemein, so wird vom Standpunkt der Freud'schen Theorie aus dieser Parallelismus geradezu denkunmöglich. Für Freud ist ja die psychische Geschichte des Individuums die Geschichte seiner Libido, ihr Ausgangspunkt ist die polymorphe Perversität, ihr normaler Endpunkt die heterosexuelle Objektliebe. Es ist wohl ohne weiteres klar, dass dieser Endpunkt nicht erst im Laufe der Entwicklung des Menschengeschlechts erworben sein kann, weil er ja die Voraussetzung für das Fortbestehen der Gattung bildet. Trotzdem lesen wir bei Freud nicht ohne Verwunderung, dass der Wilde sich im Stadium des Narzissmus befinde1. Das scheinbare Paradoxon löst sich dann, indem wir erkennen, dass hier mit wissenschaftlichen Terminis ein geistreiches Spiel getrieben wird.

In der ersten Abhandlung beschäftigt sich Freud mit den bei den Ureinwohnern Australiens bestehenden Ehebeschränkungen. Da besteht zunächst einmal Exogamie für jede Totemsippe, d. h. Personen, die demselben Totem angehören, dürfen einander nicht heiraten, dürfen überhaupt nicht in geschlechtliche Beziehungen treten. Über den Totemsippen erhebt sich oft noch ein kompliziertes System von Heiratsklassen, durch das die Ehebeschränkungen sehr ausgedehnt werden, sodass dem einzelnen oft die grosse Mehrzahl der Frauen seines Stammes verboten sind. Obwohl die Totemsatzung nicht jeden Inzest unmöglich macht (es bleibt je nachdem die Verbindung Vater-Tochter oder Mutter-Sohn offen) und andererseits weit über die Grenzen der Blutsverwandtschaft hinausgreift, erblickt Freud dennoch in der Verhinderung des Inzests ihr eigentliches Wesen, wobei er allerdings ein der Einzelehe historisch vorausgehendes Stadium der Gruppenehe annimmt, sodass also ursprünglich die Verhinderung des Gruppeninzests Funktion der Satzung war. Auch die viel verwickelteren Verhältnisse der Heiratsklassen führt er auf die Inzestscheu der Wilden zurück, und da er jetzt noch von einer ganzen Reihe von „Vermeidungen“ zwischen Verwandten verschiedenen Geschlechts berichten kann, die auch dieselbe Tendenz verraten, so kommt er zu dem Schluss, dass diese Wilden viel inzestempfindlicher seien als selbst wir. Daraus wird natürlich der Schluss gezogen, dass ihnen die Gefahr eines Inzestes besonders naheliegend erscheine, dass ihre geheimen Inzestwünsche sehr intensiv seien.

Ob Freuds Zurückführung der weitausgreifenden Eheverbote auf die Inzestscheu richtig ist und ob sich diese nicht weit ungezwungener daraus erklären, dass die Einzelehe ursprünglich Raubehe war, bei der sich die Exogamie auf den ganzen Stamm erstreckte, darüber wäre eine Diskussion unter Psychologen natürlich vollkommen zwecklos; darüber können nur die Ethnologen entscheiden, die die Frage in ihren vielfachen historischen und sozialen Zusammenhängen betrachten, aus denen sie Freud für seine Zwecke herausgehoben hat. Die Parallelisierung der Inzestscheu der Wilden mit den Inzestkomplexen der Neurotiker scheint mir allerdings gerade psychologisch unstatthaft. Nichts berechtigt zu der Annahme, dass der Wilde den Inzest um des Inzestes willen liebe, sondern die Aufrichtung der Inzestschranke soll offenbar das Individuum zwingen, bei der Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse nicht den naheliegendsten und bequemsten Weg, sondern einen schwierigen und mühevollen Umweg zu gehen; dem Neurotiker dient die Inzestphantasie gerade dazu, den gebahnten Weg der Sexualität nicht zu gehen und statt dessen scheinbar einem Ziele zuzustreben, das er selbst als unrealisierbar voraussetzt. Beim Wilden soll das Inzestverbot den realen Inzest verhindern, beim Neurotiker entwickelt sich der Phantasieinzest überhaupt erst auf Grund des Inzestverbotes.

Erscheint schon hier das ambivalente Verhalten des Wilden zum Inzest als der eigentliche Kern des Problems, so steht in der zweiten Abhandlung die Ambivalenz vollends im Mittelpunkt. In dieser untersucht Freud das Tabu und stellt zunächst einige Ähnlichkeiten zwischen den Tabugebräuchen und bestimmten Symptomen der Zwangsneurose fest. In der Unmotiviertheit der Verbote, in ihrer Befestigung durch eine innere Nötigung, in ihrer grossen Verschiebbarkeit und in der Verursachung von zeremoniösen Handlungen findet er das Gemeinsame. Wie er in der Zwangsneurose die Wirkung einer äusserst gesteigerten Ambivalenz, eines unvermittelten Nebeneinanderwohnens entgegengesetzter Regungen in der Psyche erkennt, so erscheint ihm jetzt auch das Tabu als ein Ausdruck ambivalenten Verhaltens2. So gelangt er zur Annahme, es sei den Primitiven ein höheres Mass von Ambivalenz zuzugestehen, als bei dem heute lebenden Kulturmenschen aufzufinden sei. Mit der Abnahme der Ambivalenz sei auch das Tabu, das Kompromisssymptom des Ambivalenzkonfliktes, langsam geschwunden. Die zugrunde liegenden historischen Wandlungen aufzuzeigen, behält Freud einer späteren Abhandlung vor; erst diese wird also eine abschliessende kritische Stellungnahme zur Arbeit über das Tabu ermög- lichen. Nicht folgen aber können wir Freud jedenfalls darin, dass ihm die Ambivalenz als eine letzte seelische Tatsache erscheint, mit deren Feststellung die psychologische Erklärung haltmachen könne; er geht darin so weit, von einer bei den einzelnen Individuen verschiedenen natürlichen Anlage zur Ambivalenz zu sprechen und in einem besonders hohem Mass solcher ursprünglichen Gefühlsambivalenz die Disposition zur Zwangsneurose zu erblicken. Auf die Frage, warum es denn zwischen entgegengesetzten Regungen (z. B. feindliche und freundliche Einstellung zur selben Person), nicht zu einem Ausgleich komme, warum sich nicht eine zwischen beiden liegende Resultierende ergebe, wird uns die Antwort, weil eben die eine bewusst, die andere unbewusst sei und sie also nicht direkt zusammenstossen könnten. Nun ist das ein sauber konstruierter Grenzfall; in der Regel treten beide Regungen im Bewusstsein auf, und Spannung bleibt doch bestehen; Beweis dafür, dass sie eine Funktion zu vollziehen hat, und erst durch die Aufdeckung dieser Funktion wird sie verstanden und zugleich aufgelöst.

Irrig erscheint es uns auch, das Spezifische des Tabu durch die Ambivalenz erklären zu wollen. Gerade das ist ein Zug, den es mit allen gesellschaftlichen Einrichtungen teilt; denn in jeder sozialen Institution müssen die Gegensätze zum Ausdruck kommen, die in der Gesellschaft wirksam sind. Freud, der zwar das Resultat als soziale Erscheinung erkennt, für den Entwicklungsprozess aber immer nur die Einzelpsyche ins Auge fasst, muss natürlich alle gesellschaftlichen Gegensätze ins Individuum hineinprojizieren. So werden ihm Schwankungen im realen Machtverhältnis zwischen Häuptling und Stamm zu Phasen einer psychologischen Entwicklung, so erscheint ihm der bildliche Ausdruck dieses realen Verhältnisses in den Tabugebräuchen als der Kern der Sache.

Höchst auffallend ist es, dass Freud die Behandlung der erschlagenen Feinde völlig trennt von dem Tabu des Toten. Hätte er diese eng zusammengehörigen Dinge auch zusammen behandelt, so wären die Analogien deutlich hervorgetreten und man wäre darauf hingewiesen worden, dass das Tabu der Toten seinen Ursprung hat im Grauen vor dem Tod und vor dem Toten, ganz gleich in welcher persönlichen Beziehung man zu ihm gestanden ist. So aber sind es im Fall des Feindes unterdrückte sympathische, im Fall des Familienangehörigen unterdrückte feindselige Regungen, die das Tabu bewirken. In einem Fall wird uns also als letzter Aufschluss der Hinweis auf eine innere Stimme, die sagt: „Du sollst nicht töten“, eine Erklärung, die Freud bei einem anderen Forscher, bei Wundt z. B., sicherlich nicht tief genug gefunden hätte, im zweiten Fall nähern wir uns wieder dem Ödipuskomplex, der ja das immer wiederholte und wenig variierte Grundthema der ganzen Zeitschrift bildet.

Auch im dritten Aufsatz wird der Primitive vor allem mit dem Zwangsneurotiker in Parallele gerückt. Wenn der Wilde es unternehme, die Vorgänge der Umwelt durch die Mittel der Magie nach seinem Willen zu lenken, so bekunde er dadurch wie der Zwangsneurotiker, den die Reue über nur gedachte Sünden verzehre, den Glauben an die Allmacht seiner Gedanken. Wie kommt nun dieser Glaube zustande? Für Freud beweisst dieses „grossartige Zutrauen des primitiven Menschen zu der Macht seiner Wünsche“, dass er wie das Kind unter der Herrschaft des „Lustprinzips“ steht, das erst im späteren Lauf der Entwicklung vom „Realitätsprinzip“ abgelöst wird. Der Glaube an die Allmacht der Gedanken ist ihm also etwas Primäres, die Rücksichtnahme auf die Realität das Sekundäre. Die Probleme der Kinderpsychologie wollen wir hier bei Seite lassen; was die Naturvölker betrifft, so scheint sich uns mit ziemlicher Klarheit der umgekehrte Sachverhalt zu ergeben. Sie warten nicht darauf, bis ihnen durch die Kraft ihrer Wünsche die Tauben gebraten ins Maul fliegen, sondern sie gehen auf die Jagd; sie begnügen sich nicht damit, ihre Feinde in effigie zu vernichten, sondern sie ziehen in den Krieg; kurz, sie suchen sich der Umwelt mit realen Mitteln zu bemächtigen. Erst wo diese versagen, wo sie tatsächlich machtlos sind, setzt die Magie ein, und so erkennen wir den Glauben an die Allmacht der Gedanken als eine kompensatorische Strömung, die durch ein Gefühl der Minderwertigkeit hervorgerufen ist.

Den geistigen Habitus, der durch den Glauben an die Allmacht der Gedanken gekennzeichnet ist, identifiziert Freud dann mit dem narzistischen Stadium der Sexualität. Es ergibt sich dann ohne Schwierigkeit die weitere Parallele: religiöse Phase = Stadium der Bindung an die Eltern, wissenschaftliche Phase = Stadium der freien Objektfindung. Über den Wert und die Berechtigung solcher Analogien wurde schon eingangs gesprochen.

Die Erwähnung und Umbiegung des Begriffs Narzissmus gibt Freud Gelegenheit zu einer, wenn auch nur andeutungsweisen Polemik gegen die Annahme eines primitiven Minderwertigkeitgefühls in der kindlichen Psyche; eine solche Annahme werde ausgeschlossen durch den ursprünglichen Narzissmus des Kindes, der „massgebend für die Auffassung seiner Charakterentwicklung sei.“ Nun ist ja auch nach Freud der Narzissmus nicht insoweit etwas Ursprüngliches, dass ihm nicht ein anderes Entwicklungsstadium vorausginge. Freuds Argument schliesst also selbst von seinem Standpunkt aus die Möglichkeit nicht aus, dass auf dem Weg zum Narzissmus das Minderwertigkeitsgefühl liege. Für die Seite des „Narzissmus“, die ihn hier besonders interessiert, für die „Allmacht der Gedanken“, allgemein für die Grössenideen, glaube ich an dem Beispiel der Wilden die Herkunft vom Minderwertigkeitsgefühl immerhin wahrscheinlich gemacht zu haben. Übrigens wäre nicht einzusehen, woher ein Narzissmus, der nicht vom Stachel des Minderwertigkeitsgefühls angetrieben wird, die vorwärtsdrängende Kraft nehmen sollte, die sich in der Entwicklung des neurotischen Charakters verrät: Narziss sitzt am Bachesrand und lächelt sein Bild an.

Aus den weiteren Ausführungen des Aufsatzes wäre hervorzuheben, dass Freud die dualistische Gegenüberstellung von Körper und Geist psychologisch auf den Gegensatz von Bewusstem und Unbewusstem zurückführen will. Sollte es sich hierbei um mehr handeln als um einen gelegentlich hingeworfenen Einfall, so müsste man aus dieser Stelle schliessen, dass Freud sich auf dem Wege zu einer metaphysischen Auffassung des Unbewussten befindet.

Dr. Carl Furtmüller.

J. Sadger, Von der Pathographie zur Psychographie. (Imago. 1. Bd. 1912. S. 158—175.)

Von souveräner Verachtung aller nicht der Freudschule angehörigen oder nahestehenden Psychiater erfüllt, findet Sadger die ablehnende Haltung des Publikums gegenüber den von dieser Seite ausgegangenen Dichterpathographien vollauf berechtigt. Demgegenüber lebt er der Meinung, dass die im Freudkreis entstandenen Arbeiten über Künstler geradezu enthusiastische Aufnahme gefunden haben, während in Wirklichkeit gerade diese Schriften, von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, bis weit in den Kreis der Freudschüler hinein mehr Beklemmung als Bewunderung hervorriefen. Den Pathographien wirft er mit Recht vor, dass sie das Hauptgewicht allzu einseitig auf das Aufstellen einer Diagnose gelegt hätten; er stellt ihnen, nicht sehr scharf umrissen und ohne auf die vorhandenen Vorarbeiten Rücksicht zu nehmen, das Programm einer „Psychographie“ der dichterischen Persönlichkeit entgegen, die uns das Seelenleben des Künstlers in seiner Gesamtheit verständlich machen und vor allem zeigen soll, wie der Genius zu dem geworden, was wir heute bewundern. Gewissermassen als Probe aufs Exempel bringt er dann eine Analyse von Hebbel's „Judith“, die den zweiten und grösseren Teil seiner Arbeit bildet.

Man könnte nach der hohen Zielsetzung des ersten Teiles auf den zweiten gespannt sein, wenn man des Rätsels Lösung nicht im voraus wüsste: sie heisst Ödipuskomplex. Wenn Holofernes die von ihrem Mann nie berührte Judith besitzt, so ist er Hebbel, der seine Mutter zur Geliebten, und zwar zur jungfräulichen Geliebten, wollte. Wenn er von Judith erschlagen wird, ist er Hebbels Vater, gegen den der eifersüchtige Sohn Mordgedanken hegt. Eigentümlich ist bei Sadger die völlige Unklarheit über die Tragweite einer solchen Erklärung, selbst wenn sie noch so gut fundiert wäre. Er weist die psychologische Zurückführung der geschraubten sexuellen Voraussetzungen in Hebbels Dramen auf die entbehrungsvolle Jugend des Dichters mit der richtigen Begründung zurück, mehr als ein deutscher Poet habe gehungert, ohne deshalb die dichterische Physiognomie Hebbels zu zeigen. Wolle man erschöpfende Aufklärung, so müsse man eine andere Schmiede aufsuchen. Und in dieser Schmiede hämmert er den Ödipuskomplex. Er übersieht dabei nur, dass die Zahl der Dichter, die gehungert haben, jedenfalls kleiner ist als die Zahl derer, bei denen Sadger sich anheischig machen wird, den Ödipuskomplex nachzuweisen.

Die Stelle, von der man auszugehen hätte, um die Entstehung der „Judith“ im Geiste Hebbels zu verstehen, führt Sadger an, ohne aber ihren psychologischen Gehalt auszuschöpfen. Die Erinnerung an ein Gemälde, Judith mit dem Haupte des Holofernes darstellend, stand so mächtig vor ihm, dass sich ihm dieser Dramenstoff von selbst aufdrängte. Das Bild der starken Frau, die einen furchtbaren Helden überwunden, getötet hat, eröffnet eindrucksvoll die Entwicklungsgeschichte dieses Dramas, die Furcht vor der Frau stellt den psychologischen Kristallisationspunkt des ganzen Werks dar. Es wäre nun der Entstehung dieser Furcht nachzugehen, es wäre zu zeigen, wie vielfältig abgetönt sie sich in dem Werk äussert, und wie das Verhältnis der Geschlechter und das Problem der Geschlechtlichkeit überhaupt im Drama selbst und in den Tagebuchäusserungen der Zeit immer wieder berührt werden. Die Reaktionserscheinungen, die diese Furcht vor der Frau hervorruft, wären im Drama aufzuweisen und schliesslich die Beziehungen dieser Gruppe seelischer Phänomen mit den Verhaltungsweisen Hebbels auf anderen Gebieten zu erörtern. So wurde man wirklich ins Innere der Dichterpersönlichkeit geführt werden. Aber man würde allerdings das nie erreichen, was Sadger gerade sucht: eine einfache Formel. Und man müsste versuchen, sich in das psychische Erleben des Dichters einzufühlen, es gewissermassen in sich selbst wieder aufzubauen, etwas, was gegen Sadgers methodische Grundsätze zu verstossen scheint; denn für ihn sind Psychoanalyse als Seelenkunde des Unbewussten und das Schauen in das eigene Innere Gegensätze.

Dr. Carl Furtmüller.

Dr. H. v. Hug-Hellmuth, Über Farbenhören. (Imago. 1. Bd. 1912. S. 228 bis 264.) — Dr. Oskar Pfister, Die Ursache der Farbenbegleitung bei akustischen Wahrnehmungen und das Wesen anderer Synästhesien. (Imago. 1. Bd. 1912. S. 265—275.)

Die beiden unabhängig voneinander entstandenen Arbeiten behandeln dasselbe Thema und gelangen zu ähnlichen Resultaten. Pfister formuliert dieses Ergebnis sehr präzis folgendermassen: Wie man es bei den komplizierten Synopsien mit stereotypen Halluzinationen zu tun habe, so seien die einfachen Synästhesien als Reste verdrängter Halluzinationen zu betrachten. So führen die beiden Verfasser die Synästhesien auf Erinnerungen an traumatische Kindheitserlebnisse zurück. Pfister schränkt diese Behauptung einstweilen mit Vorsicht auf viele Fälle ein, während Hug-Hellmuth sie ganz allgemein aufstellt, aber die Bedingung einer konstitutionellen Eignung hinzufügt. Zum Erweis seiner Ansicht gibt Pfister die Ana- lyse eines Falles und fügt hinzu, dass er noch in einigen anderen Fällen zum gleichen Resultat gelangt sei. Die Verfasserin der ersten Arbeit stellt die Photismen zusammen, die sie bei sich selbst beobachten konnte, und erläutert sie dann in einer sehr viel Kindheitsmaterial beibringenden Autoanalyse. Die Beweiskraft, die von diesem Teil ihrer Arbeit ausgeht, wird in nichts verstärkt dadurch, dass sie einige von anderen aufgezeichnete Fälle von Farbenhören behandelt und dabei das unzugängliche Erinnerungsmaterial der Analysanden durch eigene Einfälle ersetzt. Nicht solche „Phantasieanalysen“, sondern nur der ja von ihr und Pfister schon mit Glück eingeschlagene Weg der Aneinanderreihung sorgfältiger Einzeluntersuchungen können weitere Klärung in das Problem bringen.

Dr. Carl Furtmüller.

Karl Abraham, Amenhotep IV. (Echnaton). Psychoanalytische Beiträge zum Verständnis seiner Persönlichkeit und des monotheistischen Atonkultes. (Imago. 1. Bd. S. 334—360).

In dem anregend geschriebenen Aufsatz wird ein Bild des Lebens und der Persönlichkeit Amenhoteps IV. entworfen, der im 14. Jahrh. v. Chr. lebte und dessen Regierung vor allem gekennzeichnet ist durch den Versuch einer religiösen Umwälzung (Ersetzung des Amonkultes durch eine Atonreligion), durch die Gründung einer neuen Hauptstadt und durch das Aufkommen neuer Strömungen in Architektur und bildender Kunst. Abraham fasst ihn als hochbegabten Menschen mit neurotischen Zügen auf und sucht in seinem ganzen Wirken die Kampfeinstellung gegen den verstorbenen Vater nachzuweisen. In der psychologischen Erklärung dieser Feindschaft gegen den Vater hält sich Abraham nicht frei von Widersprüchen. Einmal geschieht sie nach dem Schema des Ödipuskomplexes: Liebe zur Mutter, daher Eifersucht gegen den Vater, dann wird wieder gerade die besondere Anhänglichkeit an den Vater in den Vordergrund geschoben und der Kampf gegen ihn als ein Versuch aufgefasst, sich von dieser Abhängigkeit zu befreien. Aber das Vorhandensein dieser feindlichen Einstellung weiss er durch eine Reihe ansprechender Deutungen wahrscheinlich zu machen. In der Abschätzung der Bedeutung dieser individual-psychologischen Tatsache schiesst er freilich weit übers Ziel. Alle religiösen, ethischen, ästhetischen und politischen Wandlungen der Epoche werden aus ihrem historischen Zusammenhang losgelöst und auf den Vaterkomplex Echnatons als eigentliche Wurzel zurückgeführt.

Dr. Carl Furtmüller.


Fuente: transcripción a partir del recorte (págs. 547-553) del Zentralblatt für Psychoanalyse 3 (1912/13), H. 10/11, julio-agosto de 1913, sección «Referate und Kritiken», digitalizado en Internet Archive (zb319131011); el OCR del PDF se corrigió con las imágenes de las páginas. Ortografía original («beweisst», «narzistischen», «Minderwertigkeitgefühls», «besonders hohem Mass», «So wurde man … geführt werden», «Phänomen» por «Phänomene»), sin corregir. El espaciado del original se da en cursiva. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.

  1. Narzissmus ist ein von Freud konstruiertes Stadium in der Entwicklung des Kindes, das zwischen den Stufen des Autoerotismus und der Objektwahl liegt und in dem das Individuum sich selbst als Objekt gegenübertritt. ↩

  2. Das führt er dann an drei speziellen Fällen: an der Behandlung der Feinde, am Tabu der Herrscher und am Tabu der Toten, im einzelnen durch. ↩