Das nervöse Kind

Ein Leitfaden für Eltern und Erzieher, von Erwin Wexberg. Verlag Moritz Perles, Wien 1926.

Ein ungewöhnlich wertvolles, reiches und fruchtbares Büchlein, wichtig nicht nur für Eltern und Erzieher, sondern auch für jeden Arbeiterbildner, jeden Arbeitervertrauensmann, jeden Menschen, der mit Fürsorge zu tun hat. Der geschulte Psycholog und Pädagog wird hier in vorbildlicher Kürze und Klarheit eine Übersicht der Alfred Adlerschen Lehren vorfinden; zugleich aber muß er mit Wexberg zugeben, daß „die neue Pädagogik und Heilpädagogik aufhören muß, Fachwissenschaft zu sein“. Und jeder einfache, aber denkende Leser wird in den zwanglos aneinandergereihten Kapiteln (I. Die Erscheinungsformen der kindlichen Nervosität, II. Die Ursachen der kindlichen Nervosität, III. Verhütung und Behandlung) wohlvertraute Erlebnisse in neuem Licht erblicken, gewohnte Anschauungen bezweifelt, kritisiert und verdammt finden — ja, der Sozialist wird hier auf dem Gebiet der Erziehung, der Familie, des täglichen Zusammenlebens eine ähnliche Erweckung erleben, wie er sie auf wirtschaftlichem und politischem Gebiete erlebte, als er mit den Lehren des Sozialismus bekannt wurde.

Denn das Buch geht nicht nur die ausgesprochen nervösen Kinder an. Alle Erscheinungsformen der kindlichen Nervosität finden sich in geringerem Grad und vorübergehend an nahezu allen Kindern: das Schwierigkeitenmachen beim Essen, das Bettnässen, Aufschrecken aus dem Schlaf, Ängstlichkeit, Lutschen, Nägelbeißen, Onanie, die Neigung zur Lüge, die Trotzeinstellung. Nur hat man als Laie diese Dinge nie geordnet und ernsthaft betrachtet, hat sie als lästige Unarten hingenommen oder mit Geschrei und Klapsen zu „bekämpfen“ gesucht. Auf einmal stehen sie da vor uns, einfach und lebendig gezeichnet und durch Mangel an Mut beim Kind erklärt. Wir sind gespannt auf die Begründung dieser Behauptung. Diese Begründung, zugleich den Kern der Schrift, gibt das Kapitel „Die Ursachen der kindlichen Nervosität“. Nachdem die körperliche Anlage, Vererbung und Temperament kurz untersucht und als nicht entscheidend wichtig erkannt worden sind, geht es an die Schilderung der entscheidenden Faktoren in der kindlichen Entwicklung. Das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit, Schwäche, Kleinheit, Abhängigkeit — das ist die große Schwierigkeit, die zu Versagen, Entmutigung, Untauglichkeit — also Nervosität — führen kann und über die hinweg das Kind zum brauchbaren willigen Glied der Gemeinschaft gemacht werden muß. Bei diesem Weg spielt natürlich auch die wirtschaftliche und soziale Lage eine große Rolle; was Wexberg über das Minderwertigkeitsgefühl des Proletarierkindes (S. 37) und über verwahrloste Jugend (S. 59 bis 61) sagt, zeugt von tiefem Verständnis und echtem sozialen Geist. Aber von größter Wichtigkeit ist hier die jeweilige Zusammensetzung der Familie in Verbindung mit der Einschätzung der Geschlechter. Die Höherwertung des Mannes bildet sowohl für das Mädchen wie für den Knaben eine der gefährlichsten Klippen in der Entwicklung; nur daß diese Höherwertung eine vorübergehende, durchaus behebbare Erscheinung ist, schon deutlich in unserer Zeit zurückgehend, während das Minderwertigkeitsgefühl des Kindes in der Natur vorgezeichnet ist. Wie verhält sich nun die gewöhnliche „Erziehung“ zu all diesen Schwierigkeiten, mit denen jedes Kind zu kämpfen hat? Leider so, daß sie diese Schwierigkeiten noch hundertfach verstärkt. Die bewußte, grundsätzliche Autoritätserziehung, sowohl als die planlose zufallsmäßige Verzärtelung treffen in einem, im wichtigsten Punkt zusammen: sie benehmen dem Kind den Mut, die Selbständigkeit, die Tatkraft. Diese Stellen lesen sich bei aller Schlichtheit des Tons wie der spannendste Roman, wie das erschütterndste Drama. Und sie enthalten ja auch die Keime so vieler Menschentragödien, die alle nur auf Gedankenlosigkeit, Verständnislosigkeit, Unverantwortlichkeit der Erzieher, meist der Eltern beruhen. Auch die Charakterfehler der Erzieher selbst werden gestreift, vor allem der elterliche Egoismus, ob er nun als mütterliche Eitelkeit, als väterlicher Ehrgeiz oder als Besitzanspruch auf das Kind und Forderung einer vermeintlichen Dankespflicht auftritt. Muß da nicht der Sozialist an die liebe alte Dankbarkeit für den „Brotgeber“ denken, die der Kapitalist im Lesebuch forderte? Und erinnert das Minderwertigkeitsgefühl des Kindes nicht an das Minderwertigkeitsgefühl des unterdrückten, rechtlosen, schwachen Proletariats vor seiner Erweckung? Klassenbewußtsein, Solidarität, das waren die mächtigen Hebel des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Aufstieges der Arbeiterschaft: wie heißen die Ziele der richtigen Erziehung, die Wexberg im dritten Kapitel entwirft? Selbständigkeit, Mut, Arbeitslust, Gemeinschaftsgefühl. Aber nicht Phrasen sind hier geboten; sondern aus den wahren und ernst geschilderten Beispielen erwächst ein Bild lebensvoller, freudiger Erziehungsarbeit, das zur Nacheiferung mitreißen muß, das vor allem den Erzieher anspornt, mit der eigenen Erziehung einzusetzen. So wird niemand das Büchlein ohne Gewinn aus der Hand legen und es wäre nur zu wünschen, daß der Verlag den einzigen Fehler des Buches — den Preis von 3·50 S — verbessert, um es der großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, der es dienen will.

Aline Furtmüller


Fuente: transcripción a partir del facsímil de Bildungsarbeit. Blätter für sozialistisches Bildungswesen (Viena), año 14 (1927), pág. 97, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNOP bar19270004); se partió del OCR de la ÖNB (Antiqua) y se corrigió sobre la imagen. La cursiva reproduce la del original.