Was geht uns die Schulreform an?

Für den denkenden jungen Arbeiter darf die vielbesprochene Schulreform kein bloßes Schlagwort sein. Gerade er hat wahrlich alle Ursache, sich darüber genau zu unterrichten, den er müßte aus eigener, noch frischer Erfahrung am besten die Fehler der bestehenden Schule kennen.

Was hat denn bis jetzt die Schule dem Proletarierkind geboten? Es saß auf dem flachen Land in einem einzigen niederen, dumpfen Schulzimmer unter größeren und kleineren Mitschülern, denen ein einziger unterernährter Lehrer gleichzeitig allen Wissensstoff der acht Schuljahre beibringen sollte; es saß in der Großstadt in überfüllten lähmend langweiligen Klassenräumen unter sechzig bis siebzig Gleichalterigen, die der überanstrengte Lehrer nach Wochen kaum dem Namen nach kennen konnte, geschweige denn nach Fähigkeit und Charakter beurteilen oder beeinflussen konnte. So lernte das Kind in eintönigem Zwang lesen — schreiben — rechnen, also die Grundlagen, die Voraussetzungen des Wissens. Was dann? Was erfuhr das Kind von den tausend gewaltigen Erscheinungen und Kräften der Natur, was von dem tausendjährigen Riesenkampf des Menschen gegen Naturkräfte, Getier und sich selbst auf dem Wege zu den lichten Höhen der Schönheit, Geistigkeit und wahren Menschlichkeit? Was von dem vielgestaltigen Leben und Ringen der Gegenwart, von den Sorgen und Geschäften seiner eigenen Umgebung? In Goethes schönem, revolutionärem Drama „Götz von Berlichingen“ fragt der Ritter sein bildungsstolzes Söhnchen, das soeben die Beschreibung des väterlichen Besitzes Jaxthausen heruntergeleiert hat, ob es den Besitzer kenne; aber das gedrillte Kind schaut ihn verständnislos an und weiß nur wieder zu beginnen: „Jaxthausen ist ein Dorf und Schloß an der Jaxt“ u. s. w.

Und das sollte auch das Unterrichtsergebnis des fortgeschrittenen zwanzigsten Jahrhunderts mit seiner Blüte der Technik und Wissenschaft vorstellen? Da müssen wir uns nur an die Erfahrung erinnern, daß jede Zeit die Schule hervorbringt, die den Bedürfnissen der gerade herrschenden Klasse entspricht. Der bürgerliche Kapitalist, der „Held unserer Zeit“, hatte ein Interesse an primitiver Schulung seiner Arbeiter, die ihre Leistungsfähigkeit erhöht, hatte aber keines an ihrer wirklichen Bildung, Aufklärung und geistigen Hebung. Daher die Verschlechterung, Verpfaffung, Verfinsterung der Volksschule in den letzten fünfzig Jahren. Anderseits brauchte aber die herrschende Klasse auch hochwertige geistige Arbeiter, um ihre Betriebe zu leiten, zu verbessern, ihre Rechte zu vertreten, ihre Muße zu verschönern, ihr Wohlergehen zu schützen; da mußte sie denn dafür sorgen, daß ihr diese geistigen Stützen völlig ergeben seien. So hat sich die Mittelschule, diese einzige Vorstufe zur Wissenschaft, als streng bürgerliche, ja volksfremde Einrichtung entwickelt; und auch die Universität, weit entfernt von ihrem früheren eifrigen Kampf um Freiheit der Wissenschaft, hat sich völlig der herrschenden Klasse zur Verfügung gestellt.

Aber die Herrschaft des Kapitalismus ist keine unbestrittene mehr. Wir leben mitten in der großen wirtschaftlichen Revolution und sehen wenigstens die ersten Anzeichen des Aufstiegs der Arbeiterklasse: in den Betrieben und Werkstätten gibt es keinen Absolutismus mehr, die Betriebsräte vertreten nun die Arbeiterinteressen. Bei diesem Punkt leuchtet es jedem Denkenden sofort ein: sollen die Betriebsräte wirkungsvolle Vertreter sein, so müssen sie geschult, gebildet, geistig gewaffnet sein. Aber das ist nicht der einzige Grund, der uns zum leidenschaftlichen Verlangen nach mehr, nach wirklicher Bildung treibt. Auf Schritt und Tritt wird der Proletarier an die Lücken und Mängel seines Schulwissens gemahnt. Zunächst im Kampf um das nackte Dasein, um erträgliche Arbeits- und Lohnverhältnisse, wo er immer auf Helfer angewiesen ist, die Recht und Gesetz überhaupt zu lesen verstehen. Dann, wenn er schon einige Mußestunden erkämpft hat, weiß er nichts damit anzufangen und würde ohne seinen instinktiven Drang nach Fortbildung nie aus dem dumpfen ausweglosen Lohnsklavendasein herausfinden. Er muß seine jetzige Welt genau kennen, um zu ermessen, wo verändert und verbessert werden soll, er muß alle seine Fähigkeiten entwickeln, um am Werk der Zukunft mitarbeiten zu können.

Wie soll nun dies erreicht werden? Zunächst soll endlich eine wirkliche Gleichheit der Bildungsmöglichkeiten hergestellt werden: nicht wie bisher für das Bürgerkind die hochwertige Privatschule (mit den elend bezahlten Privatlehrkräften!) oder zumindest die Pflege und Nachhilfe zu Hause und hernach die Mittelschule — für das Proletarierkind der Massendrill, wie wir ihn vorhin gestreift haben und mit vierzehn Jahren schonungsloser Abschluß, die Lehre, der Erwerb. Sondern es muß die allgemeine, öffentliche Volksschule endlich auf die Stufe gehoben werden, die den modernen Erfahrungen der Erziehungswissenschaft entspricht; und für das begabte Kind der Besitzlosen muß der Weg zur höheren Bildung offen stehen, es muß also während der Schulzeit für seinen Unterhalt gesorgt werden. Und hier setzen die grundlegenden Reformen ein, die unser Genosse Glöckel als Leiter des Unterrichtsamtes durchgeführt hat. Lehrspaziergänge, bodenständiger Unterricht, Arbeitsunterricht — das alles sind nicht technische Ausdrücke, die nur den Fachmann angehen. An einem praktischen Beispiel wird uns das gleich klar werden. Wurde früher im Oktober etwa ein Lesestück „Der Herbst“ durchgenommen, in dem Hasenjagd und Weinlese breit und ledern beschrieben waren, so werden jetzt die Schulkinder auf den nächsten Marktplatz geführt, gehen von einem Stand zum anderen, sehen Obst und Grünzeug, sehen wohl auch ein paar Hasen und kommen mit lebendigen, frischen Eindrücken in die Schule zurück. Wenn sie dann diese Eindrücke niederschreiben sollen, werden sie ganz anders dabei sein als beim Aufsatz über eine nie erlebte Weinlese! Aber noch mehr wird aus dem Lehrspaziergang herausgeholt als ein Schulaufsatz. Die Kinder sollen an der Hand dieser neuen Erfahrungen all ihre Fähigkeiten entwickeln. Sie bekommen Buntpapier, Schere, Plastilin in die Hand; nun werden Marktfrauen, Früchte, Tiere u. s. w. ausgeschnitten und modelliert, Auge und Hand werden geübt, die Naturgeschichte der Früchte und Tiere kann hier eingeprägt werden — und Schüler und Lehrer erleben fröhliche Stunden voll Spannung und Abwechslung. Freilich wird der Stundenplan nicht mehr Herr im Schulhaus sein (daher „freie Methode“), freilich wird der Lehrer kein Drillmeister mehr sein, der ruhig auf dem Katheder sitzend mit Katalog und Bleistift, wenn nicht gar Staberl, einen Schüler nach dem anderen vorlesen läßt — mit anderen Worten: Die Arbeitsschule kann keine Schule der bloßen Autorität sein. Wie das Ziel, so der Weg. Aufrechte, denkende Menschen sollen erzogen werden, nicht gefügige Werkzeuge einer Herrenklasse; zum sozialen Staat drängt die Entwicklung, das Gemeinschaftsgefühl, die Verantwortlichkeit müssen geweckt und gepflegt werden: das geht freilich nicht mit den Methoden, die das entgegengesetzte Resultat ergeben haben. Und hier ist der Grund der tiefen unbesieglichen Feindseligkeit, mit der die verschiedenen christlichen oder nationalen oder sonstigen Vertreter des bürgerlichen Kapitalismus der Schulreform, der Volksbildung gegenüberstehen. Jeder Schritt begegnet den tückischesten Angriffen einer ebenso böswilligen wie unwissenden Kritik. Aber es geht vorwärts, besonders seit der Wiener Stadtschulrat unter Glöckels Leitung am Werk ist. Jetzt ist schon der ärgste Giftstoff aus den Schülerbibliotheken ausgeschieden worden. Mit Beginn des kommenden Schuljahres soll die Einheitsschule verwirklicht werden, die die Fach- und Berufsscheidung — fast immer auch Klassenscheidung — vom zehnten bis zum vierzehnten Lebensjahr hinausschiebt. Und so geht es weiter auf dem ganzen weiten Gebiet. Hier Arbeit — dort Wutgeschrei. Aber wir verstehen ja, warum der Lärm. Wer die Bildung des Volkes nicht will, wer das denkende Volk zu fürchten hat, der ist gegen alle Schulreformbestrebungen, natürlich unter allen möglichen Vorwänden und Mäntelchen. Wir aber, arbeitende, kämpfende Menschen, wir wollen empor, wollen alles, was es an Wissen und Bildung zu erringen gibt. Die klassenbewußte Arbeiterschaft hat begriffen, was die Schule für sie bedeutet: die ganze Zukunft — und wird das Errungene zu wahren wissen.

Aline Furtmüller


Fuente: transcripción a partir del facsímil de Der jugendliche Arbeiter (Viena), 1922, n.º 5 (mayo), pág. 5, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNOP jua19220105), en Fraktur; se partió del OCR de la ÖNB y se corrigió sobre la imagen. El espaciado del original se da en cursiva. Se conserva «den er müßte» (por «denn») del impreso.