Körperliche Auswirkungen seelischer Störungen.

Von Dr. ALFRED ADLER, Professor am Long Island Medical College, New York.

Im großen und ganzen kann man sagen, daß es sich wahrscheinlich im Laufe der Zeit herausstellen wird, daß es keine Organminderwertigkeit gibt, welche nicht auf seelische Einflüsse antwortet, nicht ihre Sprache spricht, die entsprechend der Frage gestaltet ist, die an das Individuum gestellt ist. Das ist bedeutsam für die Wahl der Symptome, insbesondere für das, was man jetzt noch als Hysterie bezeichnet, oder als funktionelle Neurose. Es zeigt sich hier, wie richtig die Basis der Individualpsychologie ist, wenn sie sagt: wenn an einem Organ vorübergehend oder dauernd ein Defekt sichtbar ist, muß dieses Organ sorgfältig in Betracht gezogen werden, wobei sich herausstellt, daß das Individuum auch sonst in irgendeiner Weise durch dieses Organ charakterisiert ist. Wir wissen auch, daß durch Eindrücke von außen her bald das eine, bald das andere Organ mehr beeinflußt ist. Ich will hier, wenn ich von seelischen Einflüssen spreche, besonders jene betrachten, die durch Erweckung von Gefühlen, Emotionen, Affekten die Erregung auf den Körper überleiten. Wir stehen nicht mehr allein, von allen Seiten werden immer mehr die seelischen Einflüsse festgehalten, auch vom Standpunkt der allgemeinen Medizin aus wird keiner leugnen, daß die Eigenart des Individuums jede Krankheit verändert und nuanciert. Das war den alten Ärzten bekannt, z. B. daß bei irgendwie empfindlichen Kindern die Infektionskrankheit die Empfindlichkeit stärker zum Ausdruck bringt; es ist noch kein sehr alter Befund, der feststellt, daß bei anderen Kindern z. B. die endokrinen Drüsen stärker in Anspruch genommen werden können. Diese allgemeinen Erscheinungen müssen daraufhin betrachtet werden, ob sie hier dauernde oder vorübergehende Veränderungen bringen. Wenn wir z. B. die allgemeine Befallenheit des Menschengeschlechtes in dieser Richtung hin betrachten, so sehen wir, wie fast jeder durch Herzattacken antwortet. Die Frage, ob die Veränderung dauernd oder vorübergehend ist, ist von Bedeutung. Bei der Neurose ist die dauernde Veränderung des Herzens sehr selten, aber wir wissen sehr genau, daß gerade von vornherein minderwertige Herzen oder die durch Krankheit geschädigt sind, solchen Einflüssen mehr ausgesetzt sind, die dann auch zu dauernden großen Schädigungen Anlaß geben können. Man darf nicht vergessen, daß der Organismus eine Einheit ist, daß durch einen Anstoß an einer Stelle der ganze Organismus in Vibration gerät. Wir wissen zu wenig, um Regeln aufstellen zu können, aber es ist ziemlich sicher, daß durch einen solchen Ansturm ein Organ geschädigt werden kann.

Es ist darüber nicht viel bekannt, wie ein seelischer Eindruck an die Organe herankommt, aber daß es sich um eine Gesamtwirkung handelt, ist keine Frage. Der Organismus hat ein starkes Streben, das Gleichgewicht zu erhalten. Aus einer großen Anzahl von Fakten werden wir belehrt, daß Störungen auf der Grundlage von Affekten zustandekommen können. Dabei ist die Eigenart des Individuums zu berücksichtigen, die wir erst erforschen müssen. Die Individualpsychologie hat darin keine großen Schwierigkeiten. Es gelingt ihr meist schon in der ersten Unterredung.

Ich darf darauf aufmerksam machen, wie sehr wir es mit tausend Varianten von Menschen zu tun haben, die erwarten, daß der andere für sie eintritt, die Hilfe suchen, Erleichterung, was fast regelmäßig zurückzuführen ist auf eine frühe Zeit des Trainings, wo man es dem Kinde anerzogen hat. Daß gerade diese Menschen in einer Welt wie der unseren besonders stark belastet erscheinen, ist keine Frage; sie fassen die Welt als feindlich auf, sie erzeugen in sich selbst nicht den Antrieb, über Schwierigkeiten hinwegzukommen, sondern sie wollen sie umgehen. Wenn ich mehr ins Spezielle eingehen sollte, wäre ich im Zweifel, welches Organ ich nicht besprechen sollte. Fast alle Gynäkologen stehen auf dem Standpunkt, daß die seelischen Veränderungen während der Menstruation auf Gefühlsmomenten beruhen. Über dieses Gefühl der Erregung, über diese Stimmungslage kann die Patientin kaum etwas sagen. Die Patientin ist so an ihre Stimmungslage gewöhnt, daß sie nicht versteht, warum ein solch belangloses Ereignis sie so bedrücken sollte. Sie hat sich damit abgefunden, daß monatlich etwas vorgeht, versteht aber nicht, daß ihre ganze Stimmungslage auf dieses verhältnismäßig kleine Ereignis die größte Wirkung ausübt. Man muß daran denken, wie viele Mädchen sich ganz instinktiv dagegen in einer Abwehrstimmung befinden. Auch die Aufklärung darüber, wie wertvoll das ist, nützt nichts, sie wissen aus anderen Beziehungen: man zeigt einem den Vorteil einer Sache, der andere sieht das ein, springt aber doch nicht hinein. Wir müssen so weit gehen, die mangelnde Bereitschaft zu erkennen und zu erklären. So wird man in allen Fällen von Schwierigkeiten der Menstruation aus der Stimmungslage heraus die Abwehrstellung leicht finden können, die auf irgendwelchen Bahnen zu einer Art von Verschluß führt. Man darf nicht übersehen, daß vielleicht diese instinktive Abwehrstellung eines Mädchens nicht von so großer Bedeutung wäre, wenn nicht das Einmalige zu berücksichtigen wäre. Die besondere Eigenart gerade dieses Mädchens kann uns einen Anhaltspunkt dafür geben, warum die gewohnheitsmäßige Abwehrstellung verstärkt wurde, z. B. durch Ablehnung der Frauenrolle überhaupt, durch Erfahrungen und Erlebnisse, wie leicht Mädchen während der Pubertät oder nachher in Schwierigkeiten geraten können. Das wird in Betracht gezogen werden müssen. Es ist die äußere Situation, die die Auslösung verursacht, sie wirkt auf die Stimmungslage.

Dieses einfache Beispiel läßt sich anwenden, um zu zeigen, daß das, was die Autoren zu trennen versuchen, indem sie etwas einmal als endogen, dann wieder als exogen ansehen, nicht zu trennen ist. Es gibt keine Erscheinung, die nicht bedingt wäre durch exogene und endogene Fakten. Wenn wir hier sehen, wie sich das auf alle Neurosen und Psychosen anwenden läßt, so sehen wir auch den Fortschritt der Individualpsychologie, der kaum mehr zu verhindern ist. Wir können mit eindeutigen Fakten aufwarten. Ich könnte keinen Fall als vollkommen klar ansehen, wenn man mir nicht die Situation zeigt, in der, wie in einer Funktionsprüfung, der Patient sich nicht genügend gewachsen erweist und in der wir gleichzeitig auch die Eigenart des Patienten gesehen haben, die uns zeigen konnte, daß er wirklich nicht richtig vorbereitet ist.

Die nicht richtige Vorbereitung muß nicht im Organischen liegen, sondern kann auch in der Meinung begründet sein. Die Meinung eines Menschen beeinflußt die Haltung, die Eigenart der Präsentierung seiner Funktionen. Alles hängt von der Meinung ab. Das gibt uns ja den Mut zu sagen, daß die Stellungnahme eines Menschen geändert werden kann.

Die Pseudogravidität gehört auch hieher. Man weiß heute noch nicht, wie sie entsteht. Ich habe einen Fall erlebt, der sehr aufschlußreich war. Es handelte sich um die Freundin eines Mannes, der seit vielen Jahren mit ihr Umgang pflog. Er äußerte die Absicht zu heiraten, wenn sie ein Kind hätte. Eines Tages schien sie in der Hoffnung zu sein. Das Abdomen entwickelte sich wie bei einer Schwangeren. Das dauerte 6—7 Monate. Ich wurde mit dieser Dame bekannt. Es fiel mir einiges auf. Ich riet den Beiden, zu einem Gynäkologen zu gehen. Eine Stunde später kamen sie zurück, der Bauch war verschwunden: der Gynäkologe hatte festgestellt, daß die Frau nicht schwanger war. Er selbst war sehr erstaunt darüber. Unter heftigem Ructus entwich die Luft aus Mund und Anus. Es war Meteorismus gewesen, eine Schöpfung der Frau aus dem Instinktiven heraus und nur bei einer Frau möglich, die diesen Meteorismus erzeugen wollte.

Ich möchte hier auf Erfahrungen hinweisen, daß es eine Anzahl von Menschen gibt, die Meteorismus erzeugen können. Sie schlucken Luft. Das wird in der internen Medizin nicht genug beachtet. Andere Erscheinungen spielen oft mit, so daß das Luftschlucken zum Hebel eines angstneurotischen Symptoms werden kann. Das habe ich oft beobachtet. Es läßt sich erklären, daß einer, der zu Angstsymptomen neigt, durch die Folgen, die sein aufgeblähter Magen mit sich bringt, in einem Zustand der Benommenheit gerät. Das kann auch weitere Erscheinungen haben. Man wird verstehen, daß das Luftschlucken in einer Situation erfolgt, wo der Patient nicht durchzukommen glaubt, wo er sich besonders bedrängt fühlt, wo sein Minderwertigkeitsgefühl sich besonders deutlich zeigt. Wenn man die Eigenart eines Menschen losgelöst vom Symptom ins Auge faßt, wird man finden, daß es ein Mensch ist, der sich von früher Kindheit an der sozialen Bedeutung der Angst, der Auswirkung der Angst auf andere bewußt war.

In den letzten Jahren war ich oft in der Lage, Einflüsse von Gefühlen und Emotionen auf die Schilddrüse zu beobachten. Es war mir klar, daß die endokrinen Drüsen durch Affekte beeinflußt werden können. Ich habe sogar behauptet, daß auch die Sexualdrüsen durch Gefühle in passive Haltung versetzt werden können. Auch hier muß man die Meinung des Individuums in Betracht ziehen, z. B. daß ein Junge, wenn er sich als unmännlich empfindet, demgemäß die Anregung für das Wachstum der Sexualdrüsen vermissen läßt; er wird gewisse Lebensbeziehungen, die für die Entwicklung der Sexualdrüsen wichtig sind, ausschalten. Es werden Knaben in Situationen gehalten, wie man sie als für die Mädchen geeignet ansieht, wo sie z. B. still zu Hause sitzen müssen, mit Puppen spielen, wo ihnen verwehrt wird, sich aktiv zu gebärden. Solche Buben können später feminin aussehen. Ich habe gesehen, wie solche Buben, wenn man sie unter Knaben gebracht hat, Veränderungen ins Knabenhafte aufwiesen. Der New Yorker Biologe Boas hat nachgewiesen, daß amerikanische Mädchen durch den Sport dem männlichen Typus näher stehen. Es ist keine Frage, daß z. B. die Sexualdrüsen und damit der körperliche Aufbau beeinflußt sind davon, ob einer seine Sexualrolle ernst nimmt oder nicht. Die Wirksamkeit der Sexualdrüsen bei Menschen, die für das andere Geschlecht eine größere Neigung haben, wird unter gleichbleibenden Umständen eine größere Aktivität bekommen. Wenn wir daran denken, wie groß die Einflüsse dieser Art sind, so werden wir zu dem Schluß kommen können, daß das, was man funktionsuntüchtig nennt, z. B. der Verfall bei Frauen im Klimakterium, nicht unabänderlich ist, sondern auch durch die Stimmungslage der Frau bedingt, die im Klimakterium eine Gefahr oder eine Krankheit sieht. Gerade wir Ärzte sind besonders verpflichtet, Schäden aus dem Glauben der Menschen zu entfernen.

Eine ganz bedeutende Rolle spielt die Thyreoidea, insbesondere die basedowoide Dysfunktion. Ich hatte Gelegenheit, auf der Klinik Zondek in Berlin eine Anzahl von Basedowkranken zu untersuchen. Zondek steht auf dem Standpunkt, daß man Basedow nicht untersuchen kann, ohne die Eigenart des Patienten in Betracht zu ziehen. Das ist manchmal nicht leicht. Z. B. litt ein 26jähriger Mechaniker seit zwei Jahren an Basedow. Die Symptome waren deutlich, der Grundumsatz war um 30% erhöht. Ich forschte nach auslösenden Ursachen. Er war der einzige Knabe in der Familie und von größter Empfindlichkeit gewesen. Wer, wie ich die Charakterologie des Neurotikers studiert hat, weiß, daß wir unter seinen Charakterzügen immer wieder die Überempfindlichkeit konstatieren können. Der Patient sagte selbst: wenn einer krank wird, schickt man ihn auf Beobachtung, weil die Leute mißtrauisch sind. Es war wie ein Vorwurf. Es deutet darauf hin, daß der Mann sehr empfindlich ist, sich nicht leicht anschließt. Wenn der Patient es einem entgegenträgt, kann man vermuten, daß es sich hier um einen besonderen Grad von Empfindlichkeit handelt. Ungeduld konnte sich konstatieren lassen, weniger deutlich Affektausbrüche. Träume waren nicht festzustellen. Die älteste Erinnerung zeigte, daß er sich gegen eine neue Situation besonders wehrt. Aus seiner Arbeitsstätte möchte er um keinen Preis weggehen. Das sagt nicht viel über die krankmachende Situation. Auf meine Frage, ob sich nicht etwas zugetragen hatte, was ihn aufgeregt hatte, kam wenig zum Vorschein. Er sprach über eine Liebesaffäre. Er hatte bis vor sechs Monaten eine Freundin, die damals einen anderen Bewerber gefunden hatte. Wenn man ihm aufs Wort glauben würde, wäre auch das belanglos. „Ich war eigentlich froh; sie hat nicht zu mir gepaßt.“ Wenn man weiß, wie gerade Nervöse sich an einem Menschen festhalten wollen, sich verletzt fühlen, wenn einer sich einem anderen zuneigt, so wird man annehmen, daß es sich hier um die krankmachende Situation handelt, umsomehr als das Ereignis in eine Zeit fiel, in der die ersten Erscheinungen von Zittern auftraten. Das ist einer der schwierigeren Fälle und ich kann schon begreifen, daß, wenn einer nicht mit unseren Mitteln der Untersuchung ausgestattet ist, es nicht merkt. Gerade diejenigen, die aufs Endogene pochen, sind nicht so weit in der Feststellung des Endogenen wie wir.

Es gibt Fälle, die viel sprechender sind und bei denen sich gewiegte Untersucher nicht zurecht finden. Ein solcher Fall ist z. B. der eines 7jährigen Mädchens, das durch die Dysfunktion der Thyreoidea in einen lebensgefährlichen Zustand geraten war. Als ich sie sah, war die größte Gefahr vorüber; sie zeigte alle Symptome des Basedow. Es war mir darum zu tun, neben dem Endogenen der Anfälligkeit auch den äußeren Einfluß festzustellen, zugleich die seelische Eigenart des Mädchens. Sie war die Jüngste, verzärtelt, hatte eine Stelle bei einem Juwelier, die sie sehr liebte. Eines Tages schickte der Chef sie um einen Diener. Sie ging in das Haus, traf dort eine Frau, fragte nach dem Mann. Die Frau zeigte auf eine Tür. Sie öffnete die Tür und befand sich in einer Kaschemme, sah wüst aussehende Leute, die tranken. Sie schrie auf, rannte davon, weinte jämmerlich und war von diesem Augenblick an krank. Es war nicht ganz leicht, diese Geschichte herauszubringen. Sie war erstaunt, zu sehen, daß dieses Erlebnis einen Zusammenhang mit der Erkrankung haben könne. Als ich sie fragte, ob sie sich nicht aufgeregt habe, erzählte sie mir unter Weinen diese lächerliche Affäre. Aber bedenken wir, daß dieses Mädchen wahrscheinlich von Kaschemmen eine Meinung hat, die das Ärgste bedeutet — Verbrechen, Vergewaltigung, Mädchenhandel; sie litt an dem Abstand der Haltung, die man ihr gegenüber zu Hause und im Geschäft annahm und der Haltung, die sie dort erwartete. Das macht enorm viel aus. Wir könnten für jeden von uns eine Situation konstruieren, die uns in eine ähnliche Spannung versetzen würde.

Es ist vielleicht auch am Platze, das ganz Wenige, was wir wissen können, über die Beeinflussung der Organe hier anzuführen. Wie wirkt das Seelische auf die Organe? Selbstverständlich hat es die Sphären unseres Bewußtseins zu passieren, die Umwandlung des Aufgenommenen findet statt, von dort wird das vegetative System in Erregung versetzt. Durch das vegetative System wird die Erregung weitergeleitet in verschiedenster Art, nach der Eigenart des Individuums, nach der Eigenart der Organe, die in Vibration geraten. Bei allen diesen Erregungen kommt der gesamte Organismus in Erregung; wir können es nur an den Stellen feststellen, wo sich die Irritation deutlicher zeigt. Wir sprechen dann von Ausfallserscheinungen. Hier müssen wir viele andere Drüsen mit einbegreifen, auch die Leber. Auf die Leber hat die Erregung Einfluß, bei jedem in verschiedener Art. Es gibt Menschen, die bei einer Erregung, bei der man Zorn erwarten könnte, Schmerzanfälle in der Leber haben. Es ist nachgewiesen worden, daß auch der Gallenabfluß sich bei Erregung verändert. Auch das Pankreas, die Langerhansschen Inseln, können durch Affekte erregt werden. Es gibt Leute, die auf seelische Erregungen mit Zuckerausscheidung antworten und es ist klar, daß man wird trachten müssen, einen solchen Patienten in eine Stimmungslage zu bringen, wo er einer derartigen Schädigung nicht ausgesetzt ist.

Ein schwererfaßbares Gebiet ist das der Psychose und der Epilepsie. Daß wir dort auslösende Situationen finden können, wird kein einsichtsvoller Psychiater übersehen können. Die Eigenart der krankmachenden Situation wird ins Auge gefaßt werden müssen; das gilt für die Melancholie, Schizophrenie und Epilepsie. Wenn man nur einen Teil abgrenzt, wird man sagen müssen, daß bei der Affektepilepsie ein Teil des Gehirns auf die Irritationen antwortet. Daß da möglicherweise auch Veränderungen Platz greifen können, ist nicht von der Hand zu weisen; z. B. zeigen alte Fälle von Schizophrenie Veränderungen der Gehirnsubstanz. Das kann z. T. als Variante der Gehirnstruktur, die von vornherein die Eigenart des Individuums charakterisiert, angesehen werden. Möglicherweise handelt es sich um Quellungsvorgänge, durch die vielleicht das Gehirn beeinflußt werden kann, z. B. sind eine große Anzahl von neurotischen Erscheinungen bei der Morphiumentziehung durch Beeinflussung der Gewebe durch das zurückgehaltene Wasser bedingt (Untersuchungen von Dr. Alexandra Adler), ein Gesichtspunkt, der beleuchtend für andere Vorgänge wirkt. Es ist denkbar, daß seelische Erregungen vielleicht auch andere Zustände herbeiführen. Das ist kein Widerspruch gegen die individualpsychologische Anschauung; diesen Mechanismus kennen wir schon seit langem.

Die Wirkung von Strukturveränderungen im Falle einer seelischen Erregung sieht man besonders deutlich bei den Skoliose- und Plattfußschmerzen. Fälle, die ich gesehen habe, hatten die Bedingung für diese Schmerzen in sich; sie hatten sie nicht immer, sondern erst von irgendeiner Zeit an, gewöhnlich wenn der Betreffende die Haltung verlor, in einer Situation, in der er das Vertrauen zu sich eingebüßt hatte. Es ist eine Erfahrung, die heute schon 25 Jahre alt ist, daß das, was man Skolioseschmerzen nennt, viel komplizierter ist. Es gibt Schmerzen, die an der Vorderwand des Thorax sich lokalisieren und in der Zeit einer Depression zustandekommen, z. B. bei Melancholikern; auch bei Nichtmelancholikern, wenn sie sich zurückgesetzt fühlen. Ich glaube nicht, daß die bloße Annahme, die Nerven werden gedrückt, richtig ist; das wäre zu primitiv. Ausstrahlende Schmerzen anzunehmen, vielleicht im Sinne der Headschen Zone, ist mir auch nicht wahrscheinlich. Ich habe, schon lange bevor von der orthostatischen Albuminurie die Rede war, darauf aufmerksam gemacht, wie häufig sich Verkrümmungen der Wirbelsäule verbunden zeigen mit Erscheinungen an den Nieren. Ich habe das beim ersten urologischen Kongreß bei großem Skeptizismus der Anwesenden auseinandergesetzt. Vielleicht ist in der embryonalen Entwicklung das ganze Segment irritiert. Alle Verkrümmungen weisen mit Deutlichkeit darauf hin, daß eine familiäre Deformation vorliegt, die sich dadurch charakterisiert, daß an der Spitze der Skoliose oder im Segment ein Nävus ist. Ich habe frappante Erlebnisse in dieser Beziehung gehabt. Ich konnte voraussagen, wo der Nävus sitzt.

Dasselbe gilt für den Plattfuß. Diejenigen, die über Schmerzen geklagt haben, waren verstimmte Menschen. Das kann man sich nur so erklären, daß deprimierende Eindrücke den Verlust des Tonus der Muskulatur mit sich bringen. Sie können das am ganzen Menschen sehen; auch wenn er keine Plattfüße hat, zeigt er durch seine Haltung, was in ihm vorgeht; er spricht mit der Muskulatur. Wir müssen den Organdialekt verstehen lernen. Wenn ich das jemandem erklären wollte, habe ich ihm eine Geschichte erzählt, die ich auf einer psychiatrischen Klinik erlebte. Der Assistent zeigte mir einen Patienten, der ihn immer zum besten halten wolle. Der Mann stand am Sessel beim Fenster und hatte einen Zwirnsfaden um den Hals gelegt. Nun stieß er den Sessel weg und zerschnitt sich das Gesicht an der Fensterscheibe. Es ist im Wesen eines Menchen vorgebildet, daß, wenn eine für ihn zu schwierige Situation auftritt, auch der Körper Schaden nimmt.

Ich möchte auch darauf hinweisen, daß die Vasomotoren und damit auch die Haut unter seelischem Einfluß stehen. Es ist bekannt, daß Hauterkrankungen durch seelische Einflüsse angeregt werden. Doch gilt dies nicht für jedermann als bindend, der diese Eigenart hat. Wir kommen da zu einer Fragestellung von größter Bedeutung: ob einer, der endogen für die Erkrankung vorbereitet ist, die Erkrankung bekommen muß. Wenn wir an die Schizophrenie denken — wir sind über die körperliche Eigenart eines Schizophrenen zum Teil unterrichtet — ist damit gesagt, daß er wirklich Schizophrenie bekommen muß? Wenn die körperliche Eigenart des Patienten unter Verhältnisse gebracht würde, bei denen er sich im Gleichgewicht erhält, müßte er nicht erkranken. Wir können ihn beeinflussen, so daß seelische Einflüsse für ihn nicht diese ausschlaggebende Wirkung haben.

Ich möchte noch auf eine Erscheinung hinweisen, auf die Gestaltung der menschlichen Körperform, auf die Physiognomik. Es ist etwas daran, nur wissen wir nicht, was, weil das, was die Physiognomik hervorruft, Bewegungen sind. Physiognomik ist Form gewordene Bewegung. Diesen Übergang kennen wir zu wenig, wir urteilen nach Äußerlichkeiten, oft in verwegenster Weise, doch ist kein Zweifel, daß die seelische Stimmung die Körperlichkeit beeinflußt, so daß die Gesichtszüge sympathisch oder unsympathisch erscheinen. Wer beobachtet hat, wie der Melancholiker in seiner melancholischen Phase aussieht und nachher, wird verwundert sein. So wirkt in jedem in seinem Ausdruck seine seelische Stimmung nach.

Wir kommen auf unsere Grundanschauung zurück, auf die Grundlage aller richtigen Funktionen: auf das Richtig-eingebettet-sein in den Entwicklungsgang der Menschheit. Nur so können wir verstehen, woher wir annehmen, daß der eine sympathisch, der andere unsympathisch ist, daß sich das automatisch vollzieht, daß wir es erst genauer verstehen, wenn es uns gelingen wird, den Vorgang in Begriffe zu fassen. Das ist ein Gedanke, der nur in eine Evolutionsanschauung hineinpaßt. Bei den Spezies kommt es auf das an, was irgendwie zu dem Entwicklungsgang der Menschheit gehört. Von hier aus werden wir verstehen, was als fehlerhaft oder als ungefähr richtig anzusehen ist. Ein weitverbreiteter Irrtum besteht über den Begriff der Gemeinschaft. Nur der wird ihn verstehen, der weiß, wie innig er mit dem Entwicklungsgang der Menschheit zusammenhängt, als etwas zu Erstrebendes. Was die äußere Form eines Menschen anbelangt, so ist sie viel mehr durch seinen Gleichklang mit der zu erstrebenden Gemeinschaft verbunden, als wir bisher nachweisen konnten.

Es scheint, daß seelische Einflüsse langdauernder Natur nur das minderwertige Organ dauernd beeinträchtigen können. Da stehen wir wieder vor der Frage: wo beginnt die Minderwertigkeit des Organes? Vielleicht muß man mehr an die Schädigung durch den ganzen Körperhaushalt denken, die sich auswirkt im locus minoris resistentiae. Es gibt viele Beispiele, die die Schädigung im Körperlichen zeigen. Ein Mann wurde z. B. an dem Tage von einem Auto überfahren, an dem er durch seine bösartige Gesinnung eine untergebene Beamtin zur Hingabe zwingen wollte. Sie mobilisierte Freunde, um zu beraten, was man mit ihm anfangen solle. Wenn solche Zufälle — die für uns keine Zufälle sind — möglich sind, kann man sich schon denken, daß man in den Schwierigkeiten, die den Menschen immer umgeben, Schädigungen bei jenen Menschen wird eher verfolgen können, die seelisch nicht gestärkt sind. Dasselbe erleben wir auch bei Epidemien.


Fuente: Alfred Adler, «Körperliche Auswirkungen seelischer Störungen», Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 12 (1934), n.º 2 (abril-junio), págs. 65-72 (el texto termina en la parte superior de la pág. 72, antes del artículo de A. Holub, aunque la cabecera de esa página ya lleva el nombre de Holub). Transcripción hecha a partir del OCR del ejemplar digitalizado en archive.org (número completo, Internationale Psychoanalytische Universität Berlin), cotejada con la imagen de cada página. Se corrigen los errores del OCR; se conserva la errata del impreso «Menchen» (pág. 71). Los nombres propios van en cursiva, como en el original.