Zur Massenpsychologie.
Von Dr. Alfred Adler, Professor am Long Island Medical College, New York.
Was Massenpsychologie ist, oder daß es eine Massenpsychologie gibt, darüber sind alle einig. Jeder spricht davon, und jeder verwendet diesen Begriff. Wir sind aber arg daran, sobald wir sagen sollen, wie Massenpsyche zustande kommt, welchen Wert und welche Bedeutung sie für den Fortschritt der Menschheit hat, oder welche aufbauenden oder zerstörenden Kräfte ihr innewohnen. Fast in allen neueren Werken taucht ein und derselbe Name auf, des Autors Le Bon, sobald von Massenpsyche die Rede ist. Ich glaube ihm trotz seiner Verdienste um die Förderung dieses Problems nicht unrecht zu tun, wenn ich hervorhebe, daß auch er über die Feststellung nicht hinauskommt, Massenpsyche sei mehr als die Summe der Sinngestaltung der Einzelnen, und daß eine Massenbewegung sowohl gute wie schlechte Ziele verfolgen kann. Auch die Betonung, daß der Masse nie das Verantwortungsgefühl innewohnen kann, wie es den Einzelnen mehr oder weniger nie verläßt, auch diese Betonung muß ihm gutgeschrieben werden. Die Rolle des Führers in Massenbewegungen ist in allen Arbeiten über Massenbewegung stark hervorgehoben. Den schüchternen Versuch Freuds, die Unterordnung der Masse unter den Führer als libidinös zu erklären, sie der Liebe des Kindes zum Vater gleichzustellen, können wir übergehen.
Den großen Geschichtsschreibern wie Plutarch, Livius und anderen bis Gibbon und über ihn hinaus verdanken wir ein ungeheures Material, das noch der psychologischen Interpretation wartet. Sehen wir aber von den großen geschichtlichen, meist revolutionären und kriegerischen Massenbewegungen ab, wie sie sich so häufig als Resultate geänderter ökonomischer Bedingungen, des Mangels der Futterplätze und mangelhafter Organisation der Massen herausstellen, so bleiben noch eine ganze Menge von Tatsachen übrig, die nur als Massenaktion zu verstehen sind. So z. B. das Wunderwerk der Sprache, die nur als Massenprodukt, hervorgerufen durch einheitliches Zusammenwirken der Massenteile in ihrem Entstehen und in ihrer Ausbildung zu verstehen ist. Das Gleiche gilt von der Allgemeingültigkeit der praktischen Vernunft, die wir bezeichnend als common sense benennen. Jeder ist in seinem Denken daran gebunden, so zu denken und zu verstehen, als ob er darin die Gesamtheit vertreten würde. Auch der common sense wie die Sprache ist nicht unbeweglich. Er ergänzt sich, verbessert sich, breitet sich aus, aber in allem Fortschritt beider steckt Massenbewegung und Anerkennung durch die Masse. Die Individualpsychologie spricht als unwiderleglich aus, daß hinter all diesen Leistungen das Wirken des Gemeinschaftsgefühls, heute in seiner Größe oder in seiner Dürftigkeit ein Geschenk der Evolution, zu finden ist, und dessen Gebrauch durch den Einzelnen. So ist auch die Verhütung von Gefahren und des Todes vor dem natürlichen Ablauf des Lebens zum großen Teil der Sorge der Allgemeinheit anheimgestellt. Auch das Gefühl des Mitleides und der Mitfreude, die Achtung und Anerkennung gegenüber wertvollen Leistungen, der Schönheit in der Kunst und im Leben läßt erkennen, daß die Menschenmasse mit freilich unvollendeter Einheitlichkeit von einem gemeinsamen Streben geleitet ist, dem Wohl der Menschheit und ihrer Zukunft ihren Tribut zu zollen. So ist auch die Fortpflanzung der Menschheit ein heimlich aber sicher wirkendes Gebot, dem sich der Einzelne, mitwirkend oder wenigstens seine Bedeutung anerkennend, unterstellt. Würden doch religiöse Gebote wie das „Vermehret Euch wie der Sand am Meere“, nicht entstanden sein, noch weniger anerkannt oder gar in ihrer Ablehnung weitgehend unter Strafsanktion gestellt worden sein, wenn nicht die Notwendigkeit einer solchen Vermehrung dem Lebensprozeß aller entsprochen hätte. Auch das Verbot der engeren oder weiteren Blutsverwandtenehe läßt sich entgegen allen anderen Annahmen nur durch den Zwang der Massenpsyche erklären, die auf eine weitgehende Blutmischung über die Familie hinaus Einfluß nehmen mußte, um alle gemeinsam der Förderung und Einreihung in den Strom der Evolution teilhaftig zu machen zum Vorteil der Allgemeinheit, die so nicht stecken bleibt, verhaftet in der Begrenztheit familiärer und Stammeseigenheiten. Im allgemeinen waren alle Heiligungen von Geboten und Verboten, sowie bis heute alle Strafeinrichtungen, alle Wertschätzungen, alle Feststellungen von „gut und böse“ dem Diktat der Massenpsyche anheimgegeben, ebenso wie alle religiösen und ethischen Vorschriften, die alle dem Fortschritt und der Wohlfahrt der Menschheit dienen sollten.
Daß die Massenpsyche bis auf den heutigen Tag nicht imstande war, alle Fragen der Menschheit zu einer glatten Lösung zu bringen, ist leicht verständlich. Daß sie oft über das wünschenswerte Ziel hinausschoß, ist uns bekannt. Daß sie ebenso wie die Psyche des Einzelnen in falsche und allgemein schädliche Richtungen laufen kann, liegt an dem Mangel des menschlichen Verstehens vom Sinn des Lebens im Strom der fördernden Evolution. Um nur ein Beispiel anzuführen neben den unzähligen Kriegen, die die Menschheit immer wieder in die Wüste führten, so war die Hexenverfolgung, nicht gar zu weit entfernt von unserer Zeit, eine Massenbewegung, die fast die ganze Menschheit ergriffen hatte. Mehr als eine Million gänzlich unschuldiger Mädchen und Frauen erlitten nach unsäglichen Qualen den Feuertod aus mannigfachen schäbigen Ursachen, unter denen sicherlich die schwerwiegendste war, die Niederhaltung der Frau, wie sie seit alten Zeiten massenpsychologisch bestand, in einem wütenden Aufbruch zugunsten des männlichen Prinzips zu verschärfen.
Die Frage ist, wann ist eine Massenbewegung gerechtfertigt, und wann ist sie schädlich? Wann ist sie Schulung der Menschheit zu höheren Zielen, und wann hindert sie den Aufstieg der Menschheit? Wann ist sie im Strom der Evolution, und wann schlägt sie die Menschheit zurück auf ein niederes Niveau?
Es muß zugegeben werden, daß diese Fragen manchmal strittig sein können. Ein ganz genaues Programm zur Beurteilung von politischen, religiösen und andern geistigen Strömungen hat niemand zur Hand. Vielleicht muß man auch in Rechnung setzen, daß die Menschheit, auf diese arme Erdkruste gesetzt, vorübergehend zu fehlerhaften Umwegen genötigt ist, unter dem Druck einer drängenden Not. Aber Einiges kann doch zur Klärung der Frage gesagt werden, ohne daß ein gerechtfertigter Widerspruch erhoben werden könnte.
Würden wir uns über den Sinn des Lebens, unabhängig davon, was der Einzelne darüber meint, einigen können, so wäre viel gewonnen. Jeder verstünde wenigstens, daß er körperlich und seelisch die Kosten bezahlen müßte, sobald er sich in größerem Widerspruch mit den ehernen Tatsachen befindet, die der Zwang des ewig sich erneuernden Lebens, der menschlichen Evolution, setzt. Ich habe mit aller Bescheidenheit in zwei Büchern versucht, dieser Aufgabe näher zu kommen. Das eine Buch trägt den Titel "What Life should mean to you" (publ. by Little, Brown and Co), das andere, tiefer greifend, nennt sich „Über den Sinn des Lebens“, ist bis jetzt nur im Deutschen veröffentlicht (im Verlag Dr. Rolf Passer, Wien) und setzt sich mit den Fehlschlägen und ihren Folgen auseinander, wie sie notwendigerweise bei abwegigen Versuchen, gegen den Sinn des Lebens vorzugehen, eintreten müssen.
Aus diesen nahezu typischen Schädigungen des Einzelnen und der Masse läßt sich lernen, läßt sich auf eine unwiderstehliche Kraft schließen, die das Schicksal der Menschheit lenkt. Bleiben wir auf rein wissenschaftlichem Gebiet, bei aller Bewunderung der intuitiven Kraft der Masse, richtige Lebensregeln zu finden, die nahezu Ewigkeitswert haben, so richtet sich der Gedanke auf den Beginn des Lebens der Menschheit und des Einzelnen. In beiden Fällen finden wir, daß in der kraftvollen Anfangsstruktur eine Fähigkeit gegeben ist, sich zu einer aktiven Anpassung an den Sinn des Lebens zu entwickeln, sich durchzusetzen gegenüber der „gegenständlichen“ Außenwelt, sie vorteilhaft zu überwinden. Damit ist dem Leben des Einzelnen und der Gesamtheit ein weltenfernes Ziel gesetzt. Daß dem ursprünglichen menschlichen Leben, wie immer es entstanden sein mag, die Möglichkeit innewohnte auszudauern und auf eine höhere Stufe der Weltbeherrschung zu gelangen, zeigt der heutige Bestand der Menschheit. In der Keimzelle des gegenwärtigen Menschen aber ruht bereits die hochqualifizierte, evolutionär erworbene Fähigkeit, den errungenen Grad der besseren Fähigkeit zum Aufstieg festzuhalten und auszubauen. Viel lebendes Material ging endgültig verloren bei diesem Aufstieg. Immer jenes, das in einer fehlerhaften Richtung strebte. Was heute besteht, hat Aussicht auf weiteren Aufstieg, auf günstigere Überwindung der „gegenständlichen“ Außenwelt.
Masse und Einzelmensch tragen in sich diesen Zwang zur Evolution und die Fähigkeit dazu seit Bestehen des Lebens. Der Einzelmensch hat, dank des Geschenkes der Evolution, in seiner Denkkraft, die Möglichkeit einer Auswahl der Richtung seiner Entwicklung. Freilich ist die Wahlzeit auf die ersten 3 oder 4 Jahre seines Lebens beschränkt, in der sein Lebensstil, seine Gangart, seine Lebensrichtung soweit dauernd festgelegt werden, daß sie nur durch spätere durchdringende Einsicht in etwaige Fehlerhaftigkeit geändert werden können. In der Massenpsyche kommen die Vorzüge und Nachteile der Einzelpsychen zutage, die in den vorhandenen Generationen materiell oder numerisch das Übergewicht haben. Die Einzelpsychen summieren sich nicht nach Maßgabe ihrer speziellen, individuellen Qualitäten, sondern in Hinblick auf Stellungnahme zum Strom der Evolution, bald gleichlaufend mit ihm, bald ihm widerstrebend, je nach den Vorzügen oder Nachteilen im Lebensstil der vorhandenen Generationen.
Und wieder taucht die Frage auf nach der günstigsten Richtung.
Als ich nach langen Forschungen und Überlegungen feststellte, daß der Lebensstil, in der frühen Kindheit erworben, in einer sozialen Anpassung an die soziale Struktur der näheren Umgebung mit verhältnismäßig unzulänglichen Mitteln, mittelst der schöpferischen Kraft des Kindes, unter dem evolutionären Zwang zur Überwindung entsteht, war ich um einen Schritt der Lösung näher gekommen. Ich erkannte, daß sich unser ganzer Lebensprozeß in jener Richtung abspielt, in der uns, jedem Einzelnen anders, die richtige Lösung unserer sozial gegebenen Beziehung zu den Aufgaben der Gemeinschaft zu liegen scheint. Mit andern Worten: die Meinung, welchen Weg wir einschlagen sollen, um unsre Fähigkeiten soweit auszugestalten, daß wir in den uns von der Gemeinschaft gestellten Fragen keine Niederlagen erleiden. Mit andern Worten: daß wir uns nicht „wertlos“, im Gefühl der Minderwertigkeit, ausgestoßen aus dem Strom der Evolution empfinden oder erkennen wollen.
So durchdringt die soziale Struktur unseres Lebens die durch die Evolution uns aufgezwungene Entwicklung und stellt uns mit dem in der Kindheit erworbenen Grad unseres Mittuns, größer oder kleiner geraten, den sozialen Problemen des Lebens, der Beziehung zu andern, der Arbeit, der Liebe gegenüber. Diese kindliche Stellungnahme wird stark durch die soziale Atmosphäre der Umgebung beeinflußt, die die sozialen Aufgaben des Lebens, oft tragisch verzerrt, dem Kind näher bringt. Es ist meist keine leichte Aufgabe für das Kind, seine Lebensrichtung dem Strom der Evolution näherzubringen, der den Zwang zur Gemeinschaft als den einzigen Weg zur Erhaltung und zur Förderung der Menschheit in uns gelegt hat. Aktivität und Gemeinschaftsgefühl, damit verbunden die soziale Struktur aller menschlichen Ausdrucksformen, tausendfach verschieden in Qualität und Quantität, sind die schöpferischen Leistungen des Kindes, selbständig und nicht nach kausalen Relationen geschaffen von ihm.
Aktivität in der Richtung des Gemeinschaftsgefühls ist daher die siegreiche Forderung der menschlichen Evolution. So wie die Umgebung des Kindes mehr oder weniger den Grad der Mitmenschlichkeit widerspiegelt, der aus der menschlichen Gemeinschaft auf sie einwirkt, sie beeinflußt, so wirkt sich der Grad der Kooperation innerhalb der Umgebung des Kindes in einer vom Kinde bestimmten Richtung aus, bestimmt nicht seine Lebensrichtung, verleitet es aber, sie in der ihm, nicht andern, günstigst scheinenden Richtung auszubauen.
Was wir demnach „gut“, „böse“, „wertvoll“ nennen, bestimmt sich nach der Nähe zum Strom der Evolution, wird vom Volke intuitiv zumeist richtig erfaßt und kann nach den obigen Ausführungen der praktischen Vernunft und dem common sense unterstellt werden. Dieses intuitive Erfassen der Masse, in fast gleichmäßiger Weise zu beobachten, zeigt uns abermals die Massenpsyche als produktive Kraft. Es liegt in ihrer Auswirkung nicht bloß eine Feststellung für die Gegenwart, sondern weit darüber hinaus eine Feststellung sub specie aeternitatis, daß etwas gut, böse, wertvoll sei bis in alle Ewigkeit. Auch der historische Materialismus mit seiner Behauptung des menschlichen Geschehens entsprechend der Art und Weise, wie eine Masse auf Grund der ökonomischen Bedingungen seinen Lebensunterhalt erwirbt, hätte nur dann für eine ferne Zukunft Geltung, wenn alle möglichen Fehlschläge von Massenbewegungen sich selbst nach Opfern und unerhörten Qualen aufgelöst und revidiert haben würden. Für jede Gegenwart aber werden die ökonomischen Verhältnisse von jedem Einzelnen und von den Massen je nach ihrem vorher erworbenen Lebensstil reflektiert und beantwortet. Mag sein, daß die starke Betonung der Richtigkeit der materialistischen Geschichtsauffassung trotz aller Leugnungen den Elan ihrer Anhänger stark herabsetzt. Es kann heute nach den unwiderlegbaren Beweisen der Individualpsychologie nicht mehr übersehen werden, daß Menschen z. B., die in der Kindheit ihren Lebensstil in Anpassung an Verwöhnung aufgebaut haben, später im Leben alle Situationen, auch die ökonomischen, so auffassen werden, daß sie sich unter allen Umständen eine durch andere geschaffene, erleichterte Situation herbeiwünschen. Gleichgültig, welcher Strömung immer sie sich anschließen, einer religiösen oder politischen oder kulturellen, erwarten sie alles von den anderen, meist von einem Führer, der für sie denkt, schafft, die Verantwortung übernimmt und ihnen gestattet, sich an ihn anzulehnen. Zeigt er ihnen die Möglichkeit günstigerer Positionen, wenn auch gegen das Ziel der Höherzüchtung der Menschheit gerichtet, so werden sie ihm begeistert folgen, selbst wenn der common sense dagegen spricht.
Ich habe, um ein anderes Beispiel zu zeigen, nachgewiesen, daß sich jedes erstgeborene Kind an seine eigenartige Situation anpaßt, die keinem andern Kind derselben Familie zukommt. Es ist eine Zeitlang ein einziges Kind und wird nach einer Weile meist von einem andern Kind aus seiner Einzigkeit entthront. Was immer später im Leben solcher Erstgeborenen sich ereignet, sie folgen stets „dem Gesetze, nach dem sie angetreten“ sind. Wo immer sie stehen, werden sie immer mehr als die andern die Macht zu schätzen wissen und immer mehr die Entthronung fürchten. Selbst das Wohl der Allgemeinheit wird ihnen abhängig erscheinen von der Macht des Einzelnen. Daß daraus Weltanschauungen entspringen, unterliegt keinem Zweifel, ebensowenig, daß sie auf mehr oder weniger Gleichgerichtete anziehend wirken und zu Massenströmungen Anlaß geben können. Auch die Entwicklung der Kunst unterliegt solchen und anderen Strömungen, da der Künstler sein Stück auf der Bühne des Lebens und für die Bühne des Lebens spielen muß.
Im ganzen Ablauf der menschlichen Entwicklung, die unter Opferung der Widerstrebenden nach aufwärts und zum Wohl der Allgemeinheit führt, geht die Strömung über unhaltbare Lebenshaltungen hinweg zum aktiven Ausgleich, körperlich und geistig, mit den kosmischen Einflüssen. Das für jeden Einzelnen darin zu erwerbende Wertgefühl steht im Einklang mit den Meinungen vom Sinn des Lebens, das jeder, ohne es verstanden oder überprüft zu haben, in naiver Weise aus der ersten Kindheitsperiode weiterspinnt. Diese stets individuelle Meinung vom „Sinn des Lebens“ liegt allem Wertstreben zugrunde, dem der Einzelne und die Masse unaufhaltbar folgen muß. Wie einer sich wertvoll vorkommt, dies bestimmt seine Entscheidungen und Stellungnahmen in jeder Frage seines Lebens. Es bestimmt auch seine Stellungnahme zu Massenbewegungen und Massenanschauungen. Man kann da deutlich beobachten, wie der Einzelne zur Masse steht, und wie die Massenanschauung auf den Einzelnen einwirkt. Ich habe nachgewiesen, wie leicht ein weniger aktives, verwöhntes Kind, mit geringem Gemeinschaftsgefühl und einem geringen Grad der Fähigkeit zur Mitarbeit ausgestattet, vor den Fragen des Lebens, die Mitarbeit erfordern (Gemeinschaft, Beruf, Liebe) erschrickt. Die Schockwirkungen gestalten seine Neurose. Da waren es lange Zeit die Symptome der Hysterie, die das Staunen der gelehrten Welt und der Laien hervorriefen. Allmählich kamen diese Formen in Verruf. Hysterie galt geradezu als Schimpfwort. Und als sich gar, wenn auch ungerechtfertigter Weise die Meinung verbreitete, daß die hysterischen Symptome Ausbrüche sexueller Gereiztheit seien, da verschwanden sie fast ganz von der Bildfläche der ärztlichen Klinik und wurden durch andere Formen von Nervosität ersetzt.
Die Massenpsychologie muß sicherlich unter dem gleichen Gesichtspunkt gesehen werden wie die Psychologie des Einzelnen, denn in ihr fließen die Sehnsüchte der Einzelnen zusammen. In erster Linie ist deshalb das durch die Wucht der Evolution geforderte Streben nach Überwindung einer Minussituation ins Auge zu fassen. Dies vorausgesetzt, kommen wir zu dem durch die Erfahrung festbegründeten Urteil, daß wie beim Einzelnen so auch bei der Masse das Streben nach Überwindung eine Unzahl von Fehlschlägen aufweisen kann. Es ist anzunehmen, daß es im Sinne der Evolution der Menschheit, gleich einer mathematischen Aufgabe, nur einen einzigen richtigen Weg gibt zur idealen Lösung der kosmisch und sozial gegebenen Aufgaben des Lebens. Leider ist niemand im Besitze der lösenden Formel. Es scheint aber, daß sich bisher die individualpsychologische Weltanschauung dieser Formel näher befindet als andere. Vielleicht wirkt folgendes Beispiel überzeugend: Die Entwicklung unsres gesellschaftlichen Lebens geht seit 2000 Jahren in die Richtung der Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Unterordnung der Frau war durch die Erfindung des Krieges gegeben, infolge der Höherschätzung körperlicher Kaft und Ausdauer. Die daraus entspringende Massenbewegung und Weltanschauung war durchaus zuungunsten der Frau, dauert bis heute an wegen der Unfähigkeit der Menschheit, den Kriegen ein Ende zu setzen, wirkt sich stärker aus in kriegslüsternen Ländern unter allerhand unhaltbaren Forderungen wie der, daß des vollen Rechtes nur teilhaftig sein soll, wer Waffen tragen kann. Die Höherentwicklung der Technik, der Wissenschaft, sicher auch der Liebe, förderte aber unaufhörlich den Aufschwung der Frau und ihre Teilnahme am öffentlichen Leben. Diese beiden Gegenströmungen verursachten viel Unheil im persönlichen und sozialen Leben der menschlichen Gesellschaft. Und stets, wenn die Rechte der Frau stärker zum Ausdruck kamen, stellte sich ihnen die privilegierte männliche Weltanschauung in den Weg. Unter den blutigen und verwerflichsten Versuchen, die Frau in ihre untergeordnete Stellung zurückzuwerfen, stehen die 300 Jahre der Hexenverbrennung, die mehr als einer Million unschuldiger Frauen unter den schrecklichsten Qualen das Leben kostete, die erste Stelle ein. Dem Verstehenden nicht überraschend, und wie ein Wegweiser in unsre Zeit, schwenkten die Universitäten mit ihren Professoren am sichersten ein und lieferten „gelehrte Beweise“ für die Hexenkünste der Frauen. Es klingt natürlich kindisch heute zu betonen, daß uns bei richtigerem Verständnis der unausweichlichen Entwicklungslinie der Menschheit diese unerhört schreckliche Periode, die 300 Jahre währte, erspart geblieben wäre, das heißt: bei stärkerer Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls. Aber eines sollte der Menschheit in Betrachtung dieser und anderer Schändlichkeiten klar werden, daß uns nur die Erziehung des Kindes zur Mitmenschlichkeit über Fehlschläge der Masse hinweghelfen kann, dass sie nur vermieden werden können, wenn die Schulung des Kindes es dem Strom der Evolution näher bringt, näher zur Wohlfahrt und zur Höherentwicklung der gesamten Menschheit. Denn sonst bleiben Massenbewegungen und Massenpsyche stets darein verwickelt, sich zusammenzufinden zur Befriedigung verfehlter, persönlicher, aus einem fehlerhaften Lebensstil entsprungenen Gelüste.
Aber auch alle diese in tausenden von Opfern verfallenen Massenbewegungen entsprachen einer Massenpsyche, die dem Einzelnen und der Masse ein höheres Wertgefühl vorspiegelte, sie dem Gefühl der Wertlosigkeit zu entreißen schien und regelmäßig ihr Wertgefühl aus der Wertlosigkeit anderer bezog, zu der sie diese andern verdammen wollte. Es ist in der Massenpsyche das gleiche öde Spiel wie beim Einzelnen, wenn er fehlgeht, und wenn seine Fähigkeit zur Kooperation in der Kindheit nicht entwickelt wurde. Er sucht sein Wertgefühl immer abseits vom Wohl der Allgemeinheit und betrügt sich und läßt sich gerne betrügen durch Redensarten, Phrasen und Gleichnissen, abseits vom Common sense auf den Wegen einer „privaten Intelligenz“.
In den großen und kleinen religiösen Strömungen pochte immer unbeirrbar, wie in den großen Leistungen der Philosophie, der Wissenschaft, der Kunst und staatsmännischer Weisheit das Herz der Menschheit, deutlich vernehmbar nur jenen, deren Sinn auf die Hebung des Menschengeschlechtes gerichtet war. Sie alle, ob sie zur Wahrheit durchdringen wollten oder das Denken, das Fühlen, das Sehen und Hören der Menschheit zu veredeln suchten, tragen in ihrem letzten idealen Ziel tief eingeprägt, wissend oder unwissend, die erhabenste Ausprägung menschlicher Größe, das „Liebe deinen Nächsten“. Ob es der Einzelne ist, von dieser Erhabenheit erfaßt, eine Gruppe, ein Volk, eine Nation, ein Staat, sie alle umschließt und eint der tragende Gedanke: ihren Wert und ihr Wertgefühl zu suchen in ihren Beiträgen zum Wohl der gesamten Menschheit. Kein Leiden, keine Unterdrückung konnte sie aus dieser Welt verbannen, die ausschließlich die ihre ist. Denn sie haben den unsterblichen Geist ihrer Ahnen in sich aufgenommen und tragen ihn weiter in die Unsterblichkeit. Nur sie allein, als Einzelne und als Masse, besitzen den Aufschwung zu weiteren Taten und Gedanken, der die Menschheit nach oben führt. Denn sie allein fühlen sich richtig eingebettet in das große Geschehen der Evolution und verlieren nicht den Mut zum Bekenntnis und zur Tat, sich aller Errungenschaften zu freuen und vor Schwierigkeiten nicht zurückzuschrecken.
Da nun Massenbewegungen immer dem Lebensstil entspringen, von ihm aufgenommen werden, der in einer oder zwei Generationen vorwiegt, so ist es für den Forscher auf dem Gebiete der Massenpsychologie unumgänglich, sich mit den Tatsachen vertraut zu machen, die dem Aufbau des Lebensstils zugrunde liegen. Heredität und Eindrücke der Umwelt sind nur die Bausteine, die das Kind benützt, um aus ihnen seine Persönlichkeit zu formen, die bis ans Lebensende anhält und nur geändert werden kann, wenn das Individuum den Irrtum im Gebrauch seiner Heredität und in der Verwendung seiner Umweltseinflüsse völlig erkennt. Diese Erkenntnis ist auch nötig, wenn eine Massenbewegung fehlgegangen ist. Nur daß sie dann sich ändert oder zum Stillstand kommt, sobald durchdringt, was bei Fehlschlägen durchdringen muß, daß auf dem falschen Weg ein Wertgefühl nicht zu erlangen ist, oder, was dasselbe bedeutet, daß eine Erlösung aus dem Gefühle der Wertlosigkeit nur auf einem andern Weg zu erlangen ist. Wer also unrichtige Massenbewegungen zum Stillstand bringen will, muß imstande sein klar nachzuweisen, daß das Gefühl der Wertlosigkeit nur auf einem andern Weg behoben werden kann.
Das ideale Ziel der Evolution ist — Idee, und kann nur auf spekulativem Wege erfaßt werden. Um wirksam im Leben zu werden, muß es ins Irdische übersetzt, je nach den Zeitumständen konkret gefaßt werden. Dies geschieht regelmäßig im frühesten Kindesalter, in der plastischesten Zeit der Entwicklung, in der das Kind eine einheitliche Lösung sucht in aktiver Anpassung an seine Erlebnisse und in deren individueller Ausgestaltung. Seine Lösungsversuche gehen auch weiterhin in dieselbe Richtung.
Es ist viel Unberechenbares in der Auswahl des Kindes, wie es aus Erlebnissen zu Zielrichtungen gelangt. Immerhin gibt uns die Erfahrung Fingerzeige und Möglichkeiten zu einer Berechnung statistischer Wahrscheinlichkeiten. Deshalb können wir gewisse Eindrücke in der Kindheit als maßgebend, nicht als „ursächlich“ für den Aufbau seines Lebensstiles erkennen, weil wir ihre Spuren und Folgen bis ins späte Alter verfolgen können. Wenn z. B. ein Kind frühzeitig Ungerechtigkeiten in seiner Umgebung erfährt, fühlt und erkennt, die wie eine unfreundliche Einladung ins Leben erscheinen, so kann es sich der Feindlichkeit des Lebens bewußt werden, vielleicht ohne es in Worte noch kleiden zu können. Seine Unsicherheit kann steigen, und es wird in dieser Unsicherheit zu dem bestehenden Faktum Ungerechtigkeit Stellung nehmen müssen. Welche Stellung das Kind dazu einnimmt, sich lieber selbst der Position des Ungerechten zu bemächtigen oder gegen Ungerechtigkeiten sich aufzulehnen, — und dazwischen liegen hundert verschiedene Möglichkeiten, — kann nicht vorausgesagt werden, sondern nur später erkannt werden. Nur wenn das Kind bereits zum Gemeinschaftsgefühl erwacht ist, kann man mit Sicherheit erwarten, daß es Ungerechtigkeiten als wertlos und drückend erfassen wird, wo immer es sie später beobachten kann. In der Masse kommt immer der Lebensstil der vereinigten Einzelnen zum Ausdruck, bald in Auflehnung dagegen, bald in Duldung und Verübung.
Ebenso ist es sicher, daß Kinder, die in früher Zeit den Krieg erlebt haben, — spätere Einführungen in die Kriegsgeschichte in welcher Haltung immer ändern nichts mehr an seiner Haltung, — auf dieses Faktum in der Weise reagieren werden, je nachdem ihr menschlicher Kontakt und ihr Gemeinschaftsgefühl besser oder schlechter entwickelt ist. Allen denen, die sich auf dem Weg menschlicher Kooperation befinden, wird der Krieg als abscheulich und unmenschlich erscheinen. Wächst eine Generation oder ein Teil derselben ohne genügendes Gemeinschaftsgefühl heran, so daß ihnen ihr persönliches Interesse mehr am Herzen liegt als das allgemeine Wohl, dann kann ihnen der Krieg als gerechtfertigtes Mittel erscheinen, persönliche und eigennützige Interessen zu befriedigen.
Wenn man große Zeitläufte überblickt, so kommt man zu dem Schlusse, daß alle Massenbewegungen nur dann dauernden Erfolg haben konnten, wenn sie im Sinne der Evolution abliefen. Andererseits kamen sie immer in Widerspruch mit den von der Evolution geschaffenen Tatsachen. Weitere Kämpfe, Niederlagen und Vernichtung bewiesen ihre Unhaltbarkeit im Strome der Zeit.
Unsere individualpsychologischen Erfahrungen lassen demnach die Folgerung zu, daß in jeder Generation der ungefähr gleiche Lebensstil der aktiveren Gruppe als Massenpsyche zum Vorschein kommt. Dies gilt für alle Strömungen des sozialen Lebens, für Kunst ebensowohl als für Politik und Weltanschauung. Dieser Lebensstil ist in den ersten drei Jahren der Kindheit völlig entwickelt und kann nur auf wissenschaftliche Art gebessert werden. In der Massenpsyche einer Generation spiegeln sich die Eindrücke des sozialen Lebens in der Kindheit in positivem oder negativem Sinne. Das Ausmaß des kultivierten, gesteigerten oder beschränkten Gemeinschaftsgefühls gibt den Ausschlag für die Richtung der Massenbewegung. Der weniger aktive Teil der Generation wird entweder überrannt oder geht als Mitläufer mit, bis eine andere Massenbewegung ihn aufnimmt. Das Urteil, bestätigend oder verdammend, spricht die unüberwindliche Macht der menschlichen Evolution, die, soweit menschliche Einsicht widerspruchslos zeigt, zur Erhaltung der Menschheit, zur Erfüllung des Sinnes des Lebens rücksichtslos das Wohl der Allgemeinheit verlangt.
Fuente: Alfred Adler, «Zur Massenpsychologie», Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 12 (1934), cuaderno 3, S. 133-141. Transcripción a partir del volumen anual completo de 1934 digitalizado en archive.org (PDF, págs. 139-147; el cuaderno 3 no se conserva suelto en los materiales): capa de texto OCR cotejada página a página con la imagen. Las cursivas reproducen las del original. Se respetan las particularidades del impreso, entre ellas la errata «Kaft» por «Kraft» (S. 138), «dass» junto a «daß» (S. 139) y «Common sense» con mayúscula (S. 139). Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.