Über den Ursprung des Strebens nach Überlegenheit und des Gemeinschaftsgefühles

Aus einem Vortrag in der Wiener medizinischen Gesellschaft für Individualpsychologie

Von Prof. Dr. Alfred Adler

Es klingt fast wie ein aktuelles Problem über das Streben nach Vollkommenheit und über die Wurzeln des Gemeinschaftsgefühles zu sprechen. Für die Individualpsychologie ist es ein altes Problem. Ich darf wohl sagen, daß in diesen beiden Fragen und ihrer Lösung der ganze Wert und die ganze Bedeutung der Individualpsychologie steckt. Die Betonung dieser beiden Fragen hat niemals in unserer Arbeit gefehlt, aber Sie selbst wie ich werden wohl das Bedürfnis gehabt haben, diese Fragen einmal in einer grundlegenden Form behandelt zu sehen, damit wir jenes Schwanken und jene Unsicherheit vermeiden können, die wir gelegentlich bei unseren Freunden, noch häufiger bei unseren Gegnern angetroffen haben. Ich glaube nicht, daß es außerhalb unseres Kreises sehr gut bekannt ist, was wir unter Streben nach Vollkommenheit verstehen. Ich bin genötigt, weitere Zusätze zu der bisherigen Erkenntnis hinzuzufügen. Diese Erkenntnis ist nicht unmittelbar erfaßbar, sie kann nicht gefunden werden durch eine Analyse der sichtbaren Erscheinungen und Tatsachen, wie ja überhaupt niemals durch Analyse etwas Neues geschaffen werden kann. Wir haben dabei die Teile statt des Ganzen in der Hand. Uns Individualpsychologen sagt das Ganze viel mehr als die Analyse der Teile. Es kann auch nicht durch Synthese etwas Neues entstehen, wenn man die Teile einfach zusammenfügt.

Wo haben wir mit unseren Untersuchungen anzufangen, wenn wir über den Stand des Erreichten hinauskommen wollen? Was das Streben nach Vollkommenheit, oder wie es manchmal erscheint, das Streben nach Überlegenheit, oder, wie es uns manchmal von weniger verständigen Schriftstellern in die Schuhe geschoben wird, das Streben nach Macht anbelangt, so haben einzelne immer davon gewußt, aber nicht so gründlich, daß sie dieses Wissen einer größeren Masse hätten vermitteln können oder die grundlegende Bedeutung dieses Strebens für den Aufbau der ganzen Persönlichkeit hätten beleuchten können. Erst die Individualpsychologie hat festgestellt, daß jedes Individuum von diesem Streben nach Vollkommenheit erfaßt ist, daß wir es bei jedem Individuum finden, daß es gar nicht notwendig ist, wie der kühne Versuch Nietzsches gezeigt hat, es erst den Menschen einzuimpfen, daß sie sich zum Übermenschen entwickeln sollen. Die Individualpsychologie hat gezeigt, daß jedes Individuum vom Streben nach Vollkommenheit, vom Streben nach oben erfaßt ist. Wer zwischen den Zeilen lesen kann, dem wird es klar geworden sein, daß die Individualpsychologie sich der grundlegenden Bedeutung des Strebens nach Vollkommenheit dauernd bewußt ist und in der Betrachtung eines Krankheitsfalles die individuelle Richtung dieses Strebens stets aufdeckte. Und doch ist eine Frage übrig, die ständig wiederkehrt, so oft dieses Problem erscheint, von Freunden und Gegnern betont, eine Frage, die vielleicht auch in unserem Kreis noch nicht ganz geklärt war. Ich will versuchen, sie heute einer Lösung näherzubringen, weil es mir immer schon nötig erschien, in diesem Punkte Klarheit für alle zu schaffen.

Und so möchte ich zuerst betonen, daß das Streben nach Vollkommenheit angeboren ist. Freilich nicht in konkreter Art, wie wir es bei den einzelnen Individuen in tausendfacher Variation immer wieder finden, nicht so, wie wenn da ein Trieb bestünde, der später im Leben imstande wäre, alles zu Ende zu führen, der sich nur zu entfalten brauchte, sondern angeboren als etwas, was dem Leben angehört, ein Streben, ein Drang, ein Sichentwickeln, ein Etwas, ohne das man sich Leben überhaupt nicht vorstellen kann. Die Forscher, insbesondere die Naturforscher, haben immer dieses Entwicklungsprinzip im Körperlichen betont. Insbesondere seit Darwin, Lamarck u. a. ist es selbstverständlich, mit dem Entwicklungsgedanken zu rechnen. Wenn wir hier noch einen Schritt weitergehen und schärfer betonen, was diesen genialen Forschern vorgeschwebt hat, so wollen wir feststellen, Leben heißt sich entwickeln. Der menschliche Geist ist nur allzu sehr gewöhnt, alles Fließende in eine Form zu bringen, nicht die Bewegung, sondern die gefrorene Bewegung zu betrachten, Bewegung, die Form geworden ist. Wir Individualpsychologen sind seit jeher auf dem Weg, was wir als Form erfassen, in Bewegung aufzulösen, und da müssen wir für das einzelne Individuum unserer Zeit sowie für die Entwicklung der Lebewesen feststellen, daß Leben sich entwickeln heißt. Daß der fertige Mensch aus einer Eizelle stammt, weiß jeder; er soll aber auch richtig verstehen, daß in dieser Eizelle Fundamente für die Entwicklung liegen. Wie das Leben auf die Erde gekommen ist, ist eine zweifelhafte Sache, eine endgültige Lösung werden wir vielleicht niemals finden. Wir können daran denken, wie z. B. der geniale Versuch Smuts („Wholeness and Evolution“) es getan hat, anzunehmen, daß Leben auch in der toten Materie besteht, eine Auffassung, die uns durch die moderne Physik sehr nahegelegt wird, wo gezeigt wird; wie die Elektronen sich um das Proton bewegen. Ob diese Auffassung auch weiterhin recht behalten wird, wissen wir nicht; sicher ist, daß unser Begriff vom Leben nicht mehr angezweifelt werden kann, daß damit auch gleichzeitig Bewegung festgestellt ist, Bewegung, die nach Selbsterhaltung geht, nach Vermehrung, nach Kontakt mit der Außenwelt, nach siegreichem Kontakt, um nicht unterzugehen. An diesen Weg der Entwicklung, einer fortwährenden aktiven Anpassung an die Forderungen der Außenwelt müssen wir anknüpfen, wenn wir verstehen wollen, in welche Richtung Leben geht und sich bewegt. Wir müssen daran denken, daß es sich hier um Ursprüngliches handelt, das dem ursprünglichen Leben angehaftet hat. Immer handelt es sich um Überwindung, immer um den Bestand des Individuums, der menschlichen Rasse, immer handelt es sich darum, eine günstige Beziehung herzustellen von Individuum und Außenwelt. Dieser Zwang, die bessere Anpassung durchzuführen, kann niemals enden. Hierin liegt die Grundlage für unsere Auffassung vom Streben nach Überlegenheit.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, daß wahrscheinlich vieles von dem, was ich da auseinandersetze, Ihnen bekannt vorkommt, sicher auch von anderen gewußt war. Die Individualpsychologie hat nur das eine Verdienst, einen Zusammenhang hergestellt zu haben und gezeigt zu haben, wie sich diese Kraft „Leben“ in jedem einzelnen Individuum ausgestaltet und durchsetzt. Wir sind mitten im Strom der Evolution und merken es ebensowenig, wie wir die Umdrehung der Erde merken. In dieser kosmischen Verbindung, wo das Leben des einzelnen Individuums ein Teil ist, ist das Streben nach siegreicher Angleichung an die Außenwelt Bedingung. Selbst wenn man zweifeln würde, daß schon am Anfang des Lebens das Streben nach Überlegenheit bestanden hat, der Lauf der Billionen von Jahren stellt es klar vor unsere Augen, daß heute das Streben nach Vollkommenheit ein angeborenes Faktum ist, das in jedem Menschen vorhanden ist. Etwas anderes kann uns diese Betrachtung noch zeigen. Wir wissen ja alle nicht, welches der einzig richtige Weg zur Vollkommenheit ist. Die Menschheit hat vielfach Versuche gemacht, sich dieses Endziel der menschlichen Entwicklung vorzustellen. Die beste Vorstellung, die man bisher von dieser idealen Erhebung der Menschheit gewonnen hat, ist der Gottesbegriff1. Es ist gar keine Frage, daß der Gottesbegriff eigentlich jene Bewegung nach Vollkommenheit in sich schließt als ein Ziel, und daß es dem dunklen Sehnen des Menschen, Vollkommenheit zu erreichen, als konkretes Ziel der Vollkommenheit am besten entspricht. Freilich scheint es mir, daß jeder sich seinen Gott anders vorstellt. Da gibt es wohl Vorstellungen davon, die von vornherein dem Prinzip der Vollkommenheit nicht gewachsen sind, aber zu seiner reinsten Fassung können wir sagen: hier ist die konkrete Fassung des Ziels der Vollkommenheit gelungen. Natürlich gibt es eine Unzahl von Versuchen unter den Menschen, sich dieses Ziel der Vollkommenheit anders vorzustellen. Wir Individualpsychologen, insbesondere wir individualpsychologischen Ärzte, die mit den Fehlschlägen zu tun haben, mit Menschen, die an einer Neurose erkrankt sind, an Psychosen, die delinquent geworden sind, Trinker usw., wir sehen dieses Ziel der Überlegenheit in ihnen auch, aber nach einer anderen Richtung, die der Vernunft insoweit widerspricht, daß wir darin ein richtiges Ziel der Vollkommenheit nicht anerkennen können. Wenn einer z. B. dieses Ziel sich dadurch konkret zu machen sucht, daß er über andere herrschen will, so scheint uns dieses Ziel der Vollkommenheit deshalb schon unfähig den einzelnen und die Masse zu lenken, weil nicht jeder sich dieses Ziel der Vollkommenheit zur Aufgabe setzen könnte, weil er gezwungen wäre, mit dem Zwang der Evolution in Widerspruch zu geraten, die Realität zu vergewaltigen und sich voll Angst gegen die Wahrheit und ihre Bekenner zu schützen. Wenn wir Menschen finden, die sich als Ziel der Vollkommenheit gesetzt haben, sich auf andere zu stützen, so scheint uns auch dieses Ziel der Vollkommenheit der Vernunft zu widersprechen. Wenn einer vielleicht das Ziel der Vollkommenheit darin findet, die Aufgaben des Lebens ungelöst zu lassen, um nicht sichere Niederlagen zu erleiden, die das Gegenteil des Ziels der Vollkommenheit wären, so erscheint uns auch dieses Ziel durchaus ungeeignet, obwohl es vielen Menschen als annehmbar erscheint.

Wenn wir unseren Ausblick vergrößern und die Frage aufwerfen: was ist mit jenen Lebewesen geschehen, die sich ein unrichtiges Ziel der Vollkommenheit gesetzt haben, deren aktive Anpassung nicht gelungen ist, weil sie den unrichtigen Weg eingeschlagen haben, die nicht den Weg der Förderung der Allgemeinheit gefunden haben2? — da belehrt uns der Untergang von Spezies, Rassen, Stämmen, Familien und tausenden von einzelnen Personen, von denen nichts übrig geblieben ist, wie notwendig es für den Einzelnen ist, einen halbwegs richtigen Weg zu finden zum Ziel einer Vollkommenheit. Es ist ja auch für unsere Tage und für den Einzelnen unter uns selbstverständlich, daß das Ziel der Vollkommenheit die Richtung gibt, für die Entwicklung seiner ganzen Persönlichkeit, für alle Ausdrucksbewegungen, für sein Schauen, für sein Denken, seine Gefühle, seine Weltanschauung. Und ebenso klar und für jeden Individualpsychologen verständlich ist es, daß eine einigermaßen von der Wahrheit abweichende Richtung zum Schaden des Betreffenden ausschlagen muß, wenn nicht zu seinem Untergang. Da wäre es eigentlich ein glücklicher Fund, wenn wir Näheres wüßten über die Richtung, die wir einzuschlagen haben, da wir ja doch im Strom der Evolution eingebettet sind und ihm folgen müssen. Auch hier hat die Individualpsychologie große Arbeit geleistet, ebenso wie mit der Feststellung des allgemeinen Strebens nach Vollkommenheit. Sie hat aus tausendfältiger Erfahrung eine Anschauung gewonnen, die imstande ist, die Richtung zur idealen Vollkommenheit einigermaßen zu verstehen, und zwar in ihrer Feststellung der Normen des Gemeinschaftsgefühls.

Bezüglich des Gemeinschaftsgefühls werden Sie auch gewisse Schwankungen in der individualpsychologischen Literatur beobachtet haben und deshalb wollte ich darüber sprechen. Ich will nicht viel über den gewöhnlichen und kopflosen Fall sprechen, der gelegentlich innerhalb unseres Kreises bei Anfängern gefunden wird, und außerhalb unseres Kreises, als ob das, was wir Gemeinschaft nennen, etwa ein Privatzirkel in unserer Zeit wäre oder ein größerer Kreis, dem man sich anschließen müsse. Gemeinschaftsgefühl besagt viel mehr, vor allem besagt es Fühlen mit der Gesamtheit sub specie aeternitatis, ein Streben nach einer Gemeinschaftsform, die für ewig gedacht werden muß, wie sie etwa gedacht werden könnte, wenn die Menschheit das Ziel der Vollkommenheit erreicht hat. Es handelt sich niemals um eine gegenwärtige Gemeinschaft oder Gesellschaft, auch nicht um politische oder religiöse Formen, sondern das Ziel, das zur Vollkommenheit am besten geeignet ist, müßte ein Ziel sein, das die ideale Gemeinschaft der ganzen Menschheit bedeutet, die letzte Erfüllung der Evolution. Natürlich wird man fragen, woher ich das weiß. Sicher nicht aus der unmittelbaren Erfahrung und ich muß schon zugeben, daß diejenigen recht haben, die in der Individualpsychologie ein Stück Metaphysik finden. Die einen loben es, die anderen tadeln. Es gibt leider viele Menschen, die eine irrige Anschauung von der Metaphysik haben, die alles, was sie nicht unmittelbar erfassen können, aus dem Leben der Menschheit ausgeschaltet wissen wollen. Damit würden wir die Entwicklungsmöglichkeiten verhindern, jeden neuen Gedanken. Jede neue Idee liegt jenseits der unmittelbaren Erfahrung. Unmittelbare Erfahrungen ergeben niemals etwas Neues, sondern erst die zusammenfassende Idee, die diese Tatsache verbindet. Sie können es Spekulation nennen oder transzendental, es gibt keine Wissenschaft, die nicht in die Metaphysik münden müßte. Ich sehe keinen Grund, sich vor der Metaphysik zu fürchten, sie hat das Leben der Menschen und ihre Entwicklung im stärksten Grad beeinflußt. Wir sind nicht mit der absoluten Wahrheit gesegnet, deshalb sind wir gezwungen, uns Gedanken zu machen über unsere Zukunft, über das Resultat unserer Handlungen usw. Unsere Idee des Gemeinschaftsgefühles als der letzten Form der Menschheit, ein Zustand, in dem wir uns alle Fragen des Lebens, alle Beziehungen zur Außenwelt gelöst vorstellen, ein richtendes Ideal, ein richtunggebendes Ziel, dieses Ziel der Vollendung muß in sich tragen das Ziel einer idealen Gemeinschaft, weil alles, was wir wertvoll finden im Leben, was besteht und bestehen bleibt, für ewig ein Produkt dieses Gemeinschaftsgefühles ist. Ich will wiederholen, was ich in einem anderen Zusammenhang ausgeführt habe. Das neugeborene Kind findet im Leben immer nur das vor, was die anderen zum Leben, zur Fürsorge, zur Sicherheit beigetragen haben. Was wir vorfinden, wenn wir in unser Leben eintreten, ist immer der Beitrag unserer Vorfahren; schon diese eine Tatsache könnte uns darüber aufklären, wie das Leben weiterrollt, wie wir uns einem Zustand größerer Beiträge nähern, größerer Kooperationsfähigkeit, wo sich jeder Einzelne mehr als bisher als ein Teil des Ganzen darstellt, ein Zustand, für den natürlich alle Formen unserer gesellschaftlichen Bewegung Versuche, Vorversuche sind, von denen nur diejenigen Bestand haben, die in der Richtung dieser idealen Gemeinschaft gelagert sind.

Wir wollen nicht entscheiden, nur das eine können wir sagen: eine Bewegung des Einzelnen und eine Bewegung der Massen kann für uns nur als wertvoll gelten, wenn sie Werte schafft für die Ewigkeit, für die Höherentwicklung der gesamten Menschheit. Vielleicht wird Ihnen diese Tatsache besser einleuchten, wenn ich noch einmal die Frage aufwerfe: was geschieht mit jenen Menschen, die nichts beigetragen haben? — Verschwunden, ausgelöscht! — Da sehen Sie wieder, wie die Kraft der Evolution, wie dieser Drang auf eine höhere Stufe zu gelangen, körperlich, geistig, wie dieser Drang alles auslöscht, was nicht mittut und nichts beiträgt. Wenn man ein Freund von Formulierungen ist, könnte man sagen, es gibt ein Grundgesetz in der Entwicklung, welches den Verneinenden zuruft: hinweg mit dir, du verstehst ja gar nicht, um was es geht! So betont sich der Bestand, der ewige Bestand des Beitrags von Menschen, die etwas für die Allgemeinheit geleistet haben. Freilich sind wir besonnen genug, nicht anzunehmen, als ob wir den Schlüssel dazu hätten, in jedem Fall genau zu sagen, was für die Ewigkeit berechnet ist und was nicht. Wir sind überzeugt, daß wir irren können, daß nur eine ganz genaue, objektive Untersuchung entscheiden kann, oft auch erst der Lauf der Dinge. Es ist vielleicht schon ein großer Schritt, daß wir vermeiden können, was nicht zum Streben nach Vollkommenheit beiträgt. Ich könnte noch mehr davon sprechen und zeigen, wie alle unsere Funktionen darauf berechnet sind, die Gemeinschaft der Menschen nicht zu stören, den Einzelnen mit der Gemeinschaft zu verbinden. Sehen heißt Aufnehmen, Fruchtbarmachen, was auf die Netzhaut fällt. Dies ist nicht bloß ein physiologischer Vorgang, er zeigt den Menschen als Teil des Ganzen, der nimmt und gibt. Im Sehen, Hören, Sprechen verbinden wir uns mit den anderen. So sind alle Funktionen unserer Organe nur dann richtig entwickelt, wenn sie dem Gemeinschaftsgefühl nicht abträglich sind. Wir sprechen von Tugend und meinen, daß einer mitspielt, von Laster und meinen, daß einer die Mitarbeit stört. Ich könnte noch darauf hinweisen, wie alles was einen Fehlschlag bedeutet, deshalb ein Fehlschlag ist, weil er die Entwicklung der Gemeinschaft stört, ob es sich um schwererziehbare Kinder, Neurotiker, Verbrecher, Selbstmörder handelt. In allen Fällen sehen Sie, daß der Beitrag fehlt. In der ganzen Menschheitsgeschichte finden Sie keine isolierten Menschen, die Entwicklung der Menschheit war nur möglich, weil die Menschheit eine Gemeinschaft war und im Streben nach Vollkommenheit nach einer idealen Gemeinschaft gestrebt hat. Das drückt sich in allen Bewegungen, allen Funktionen eines Menschen aus, ob er diese Richtung gefunden hat oder nicht, im Strom der Evolution, der durch das Gemeinschaftsideal charakterisiert ist, weil der Mensch unverbrüchlich durch das Gemeinschaftsideal gelenkt, gehindert, gestraft, gelobt, gefördert wird, so daß jeder Einzelne jede Abweichung nicht nur zu verantworten, sondern auch zu büßen hat. Das ist ein hartes Gesetz, grausam geradezu. Diejenigen, die in sich bereits ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt haben, sind unentwegt bestrebt, die Härten von dem, der fehlerhaft schreitet, zu mildern, als ob sie es wüßten: das ist ein Mensch, der den Weg verfehlt hat, aus Ursachen, die die Individualpsychologie erst nachzuweisen imstande ist. Wenn der Mensch verstünde, wie er, der Seite der Evolution ausweichend, fehlgegangen ist, dann würde er diesen Weg verlassen und sich der Allgemeinheit anschließen.

Zum Schluß möchte ich einen Gedanken vorlegen, der viel für sich hat, den Sie sich überlegen sollen. Wenn sie meinen Erörterungen zustimmen, dann werden Sie die Frage aufwerfen müssen: wie steht es mit dem Gemeinschaftsgefühl, ist das auch angeboren oder muß man es in den Menschen hineintragen? Selbstverständlich ist es auch angeboren, nur kann es erst entwickelt werden, wenn das Kind bereits im Leben steht, es kann erst wie die von ihm abhängigen Charakterzüge lebendig gemacht werden im sozialen Zusammenhang, freilich nur in der Weise, wie das Kind den sozialen Zusammenhang dunkel versteht. Es liegt die Entscheidung in der schöpferischen Kraft des Kindes, geleitet durch die Außenwelt, durch Erziehungsmaßnahmen, beeinflußt durch das Erlebnis seines Körpers und dessen Wertung. Bei dem heutigen Stand der seelischen Entwicklung der Menschheit, vielleicht auch deren körperlicher Entwicklung müssen wir das angeborene Substrat des Gemeinschaftsgefühles als zu gering bewerten, nicht stark genug, um sich ohne soziales Verständnis durchsetzen und entfalten zu können. Es gibt ja angeborene Fähigkeiten und Funktionen, die sich fast allein durchsetzen, z. B. das Atmen. So weit sind wir mit dem Gemeinschaftsgefühl noch lange nicht, wir haben es nicht in dem Maße entwickelt wie das Atmen, und doch müssen wir im letzten Ziel der Vollkommenheit die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühles so stark erwarten, daß die Menschheit der Zukunft es besitzen und betätigen wird wie Atmen. Was wir in dem gegenwärtigen Notstand zu tun haben, ergibt sich von selbst. Es ist keine Frage, daß diese Betrachtung uns eine sichere und feste Grundlage gibt nicht nur für die Beurteilung eines Menschen, für die Erziehung eines Kindes, sondern auch für die Verbesserung, Lenkung eines, der fehlgegangen ist. Aber dies gelingt nur durch Erklärung und Verständnis. Wir müssen darüber sprechen, weil wir nicht sicher sind, daß jedes Kind, jeder Erwachsene weiß, wohin der Weg geht. Deshalb muß darüber gesprochen werden, solange, bis vielleicht im Laufe von tausenden Jahren auch das Sprechen überflüssig sein wird, so wie vielleicht das Sprechen über das richtige Atmen heute überflüssig geworden ist. Das Sprechen über das Gemeinschaftsgefühl, als der Evolution der Menschheit angehörig, als ein Teil des menschlichen Lebens, dieses Sprechen und das Erwecken des Verständnisses besorgt heute die Individualpsychologie. Das ist ihre grundlegende Bedeutung, ihre Daseinsberechtigung und das macht ihre Stärke aus. Über Gemeinschaft und Gemeinschaftsgefühl sprechen heute schon alle. Wir waren nicht die Allerersten, aber wir sind die Ersten, die eine starke Betonung auf das grundlegende Wesen der Gemeinschaftsgefühle gelegt haben. Man kann auch den Begriff der Gemeinschaft und des Gemeinschaftsgefühles mißbrauchen. Aber wer richtig verstanden hat, weiß, daß im Wesen der Gemeinschaft und des Gemeinschaftsgefühles ein evolutionäres Moment steckt, das sich gegen alles wendet, was dieser Richtung widerstrebt. Der wird vermeiden können diesen Begriff der Gemeinschaft zu mißbrauchen oder sich durch andere dafür mißbrauchen zu lassen. Das macht den praktischen Wert und die Bedeutung der Individualpsychologie aus, daß sie die grundlegende Bedeutung des Gemeinschaftsgefühles für die Entwicklung, die Höherentwicklung des Einzelnen und der gesamten Menschheit klargestellt hat.


Fuente: Alfred Adler, «Über den Ursprung des Strebens nach Überlegenheit und des Gemeinschaftsgefühles. Aus einem Vortrag in der Wiener medizinischen Gesellschaft für Individualpsychologie», Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 11 (1933), S. 257-263. Transcripción a partir del volumen anual completo de 1933 (reimpresión Swets & Zeitlinger, Ámsterdam, 1968) digitalizado en archive.org (PDF, págs. 263-269): capa de texto OCR cotejada con la imagen de cada página. Las cursivas reproducen las del original. Las comillas, impresas como ,,…“, se normalizan a „…“, y se suprime el espacio que el impreso pone ante «?» y «!». Las dos notas del autor, numeradas «1)» al pie de las S. 259 y 260, se numeran aquí 1 y 2 y van al final. Se respeta «Wenn sie meinen Erörterungen zustimmen» (S. 262, con minúscula). Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.

  1. S. Liz. Ernst Jahn und Alfred Adler: Religion und Individualpsychologie. Eine prinzipielle Auseinandersetzung über Menschenführung. 1933. Verlag Dr. Rolf Passer (vorm. Dr. H. Epstein), Wien und Leipzig. ↩

  2. S. Alfred Adler: Der Sinn des Lebens. Verlag Dr. Rolf Passer (vorm. Dr. H. Epstein), Wien und Leipzig. ↩