Ein Fall von Enuresis diurna
Stenographische Aufnahme einer Erziehungsberatung
Von Dr. ALFRED ADLER
Das Kind wird uns mit folgendem Bericht zur Beratung vorgestellt:
„Emil R., 12 Jahre, leidet an Enuresis....“
Wenn wir das Wort Enuresis hören, können wir uns auf unsere Erfahrung verlassen, daß die Enuresis immer eine Bewegung ist, die dahin zielt, sich auf eine wenn auch unanständige Weise mit der Mutter in Verbindung zu setzen. Das ist ein Kind, das mit der Enuresis spricht. Es ist so, wie wenn es eine Blasensprache führen würde. Wir können alle Ausdrucksformen als eine Form der Sprache verstehen. Diese Sprache bedeutet hier: „Ich bin noch nicht so weit, mich muß man noch überwachen!“ Und in der Regel geschieht es auch, daß die Mutter auf das Kind aufmerkt, 2—3mal in der Nacht zu dem Kinde hereinkommt, es aufweckt. Es teilt so der Mutter eine Fleißaufgabe zu.
Enuresis ist keine organische Erkrankung, und wir wissen, daß Kinder, die Enuretiker sind, tagsüber meist ihre Blase beherrschen. Das Problem ist, warum beherrscht dieses Kind seine Blase des Nachts nicht? Weil es in einer seelischen Spannung ist, die ihm die Funktion der Retention des Urins nicht ermöglicht. Woher die Spannung? Wir wissen, wie hartnäckig die Kinder bei der Enuresis verbleiben, weil sie eine engere Beziehung wünschen, sie wünschen mit jemandem verbunden zu sein, jemandem eine Fleißaufgabe zu geben.
Dies ist der Typus des verzärtelten Kindes. Wenn wir solche Anstrengungen sehen, diese Verzärtelung intensiver zu gestalten, dann wissen wir, daß es dem Kinde schwierig gemacht wurde, diese Beziehung mühelos aufrechtzuerhalten. Wir sind schon so weit, daß wir sagen können, daß die Enuresis offenbar ein Angriff aus einer kämpferischen Haltung entsprungen sein muß, wo ein Kind darum kämpft, jemand anderen heranzuziehen. Zu diesem Typus gehören auch die Kinder, die des nachts sich rastlos herumwälzen, aufschreien (Pavor nocturnus), durch einen Laut sich mit den anderen zu verbinden versuchen. Es gibt wieder andere, die aufstehen, herumgehen, um in einer Bewegung des Gehens den Zusammenhang herzustellen und dadurch die anderen zu bewegen, sich mit ihnen zu verbinden und zu beschäftigen. Es ist Sprache, ausgedrückt in einem anderen Organ.
Es ist bedeutsam warum das Kind sich so ausdrückt. Es ist in Zusammenhang
mit einer Organminderwertigkeit der Blase und der der Blase übergeordneten Zentren. Ich habe im Jahre 1907 als erster darauf hingewiesen, daß zuweilen bei Enuresis eine Minderwertigkeit des Lumbalmarks sich nachweisen läßt. Ich habe auch darauf hingewiesen, daß Zusammenhänge mit Spina bifida oder einem Naevus in dieser Gegend bestehen.
warum ein Kind die Blasensprache spricht. Es kommt hauptsächlich bei solchen Kindern vor, die man darauf besonders aufmerksam macht, daß diese Sprache von bedeutender Wichtigkeit ist, — wo die Mutter sich die größte Mühe gegeben hat, mehr als durchschnittlich, das Kind des nachts reinzuhalten, wenn sie diese Reinlichkeit überbetont hat. So kommt das Kind automatisch zur Idee: da läßt sich etwas anfangen. Wir verstehen, daß bei allen diesen Kindern Anzeichen der Verzärtelung immer wieder gefunden werden.
Das Kind, mit dem wir uns hier befassen, ist 12 Jahre alt. Wir müssen fest im Auge halten, daß es verzärtelt worden ist, und daß es, seitdem die Enuresis begonnen hat, das Gefühl hat, nicht mehr genug Liebe zu bekommen. Wahrscheinlich hat es einen jüngeren Bruder oder eine jüngere Schwester. Das sind Gründe, aus denen heraus ein verzärteltes Kind einen Kampf beginnt. Oder es ist eine Anklage wegen verminderter Verzärtelung. Eine Anklage ist dasselbe wie ein Angriff. Beide stammen aus seiner Situation. Vielleicht hat es einen Stiefvater oder eine Stiefmutter; wir müssen irgendwie die Situation der verminderten Verzärtelung finden. Sein ideales fiktives Ziel ist: verzärtelt zu sein, einen anderen zu haben, den es in Kontribution ziehen kann. Dieses Ziel muß man ändern und dem Jungen ein Ziel zeigen, wo er sich nützlich machen kann.
„... niemals bei Nacht, nur bei Tag.“
Das ist nun eine Erfahrung, die unseren Gedankengang wesentlich beeinflußt. Er ist also bei Tag in einer großen Spannung, bei Nacht scheint er ganz zufrieden zu sein. Man kann sich darüber verschiedene Gedanken machen, etwa, daß er des Nachts bei der Mutter schläft, und daß er bei Tag sich unangenehm bemerkbar machen will, wie wenn er sagen wollte: „Kümmert Euch mehr um mich.“
„Verliert oft auch Stuhl.“
Bei Tag ist also sein Kampf noch stärker, er macht sich deshalb auch so bemerkbar, daß er sich gelegentlich mit Stuhl beschmutzt. Der Kampf ist nahezu in einer Stimmung der Hoffnungslosigkeit geführt. Ob man da an Imbezillität denken soll, ist Sache des Einzelnen, wie man den Begriff der Imbezillität auffaßt. Wir fragen: warum macht er das nicht bei Nacht? Man findet manchesmal, daß Kinder, wenn sie sich beim Spielen zu sehr engagieren, auf die Ausübung ihrer Funktionen gar nicht mehr achtgeben. An solchen Kleinigkeiten, solchen Details können wir wahrnehmen, wie stark unsere Funktionen sozial geartet sind. Als abnormal ist zu betrachten, wenn eine Funktion sich abseits eines sozialen Verhaltens abspielt.
„Ist ein uneheliches Kind.“
Man nimmt von solchen Kindern an, daß sie ohne Liebe, Wärme aufgewachsen sind, ohne die Verzärtelung, die man Kindern in den allerersten Lebensjahren immer entgegenbringt. Wir finden aber nicht selten auch unter unehelichen Kindern verzärtelte Kinder. Wir werden hier in diesem Punkte noch Klarheit bekommen müssen.
„Sein Vater ist im Krieg gefallen, die Mutter hat dann noch einmal geheiratet.“
Hier wird die Vermutung von einem Stiefvater schon bestätigt.
„Vom zweiten Mann sind zwei Kinder da, ein 8jähriger Knabe und ein 6jähriges Mädchen.“
Wenn wir uns erinnern, früher von einer Anklage gesprochen zu haben, dann sehen wir jetzt schon mehr. Er hat wahrscheinlich recht, anzuklagen, und es ist gar keine Frage, daß er das auch empfindet. Ich erinnere mich an einen Fall, wo ein Junge seine Mutter verlor, als er 2 Wochen alt war. Der Vater hat kurz darauf geheiratet, und niemand wußte, daß der Junge nicht von dieser Mutter ist. Er hat es auch nicht erfahren. Später kam dann noch ein Kind. Und nach Jahren kam der Junge, schon ein Mann, zu mir in Behandlung und erzählte mir, daß er bis zu seinem 14. Lebensjahr immer der Anschauung war, daß seine Mutter nicht die rechte, sondern eine Stiefmutter wäre, — bis sich das auch tatsächlich bestätigte. Das zeigt uns, wie Kinder in dieser Frage das Richtige sehr deutlich fühlen, wenn man sie auch gut behandelt hat. Sie empfinden doch einen Unterschied, wenn noch andere Kinder vorhanden sind und mehr Zärtlichkeit und Sorgfalt genießen.
„Das Kind verhält sich mit seinen Geschwistern angeblich sehr gut.“
Wir sehen hier zwischen den Kindern keinen Kampf. Ich habe oft beobachtet, daß ein Kind eifersüchtig sein, aber die anderen Kinder gern haben kann. Der Junge kann sich zurückgesetzt fühlen, aber er kann sich vertragen. Ein solches Gefühl kann verschiedene Folgen haben. Z. B.: Ein 5jähriges Mädchen ist 5 Jahre allein gewesen und bekam dann eine jüngere Schwester. Es stellte sich später heraus, daß dieses Kind (das Ältere) drei kleine Mädchen umgebracht hat, wie wenn sie sagen wollte: „Alle Mädchen müssen aus der Welt.“ Gegenüber der kleinen Schwester aber hat sie sich tadellos benommen. Bei dem Mord ist das Mädchen mit größter Schlauheit vorgegangen, so daß man es erst bei dem dritten Mord ertappt hat.
„Der Stiefvater war anfangs äußerst streng zu ihm,...“
Der Junge hat eine böse Periode mitgemacht. Wie der Stiefvater gekommen ist, hat sich seine Situation verschlimmert — da beginnt offenbar seine Anklage.
„... auf Zuspruch der Mutter hat sich das aber gebessert.“
Wir können uns vorstellen, daß diese Besserung nicht so war, daß der Junge das immer gespürt hätte.
„Das Kind ist größtenteils fern von zu Hause aufgewachsen, bei einer Tante,...“
Wahrscheinlich im Beginn seines Lebens. Dort dürfte er bessere Tage erlebt haben. Bei Tante, Großmutter geht es Kindern meistens ganz gut.
„... teils im Waisenhaus.“
Ich möchte nicht mit Sicherheit aussprechen, daß es ihm auch dort gut gegangen ist. Aus früherer Zeit sind meine Erfahrungen diesbezüglich nicht die allerbesten. Dort herrscht eine gewisse Ordnung und zu dieser Ordnung gehört, daß sich die Kinder nicht naß und nicht schmutzig machen. Wir haben hier vielleicht den Hinweis, daß diese Frage für dieses Kind überbetont ist. Die Tante hatte auch wahrscheinlich zu viel Gewicht auf seinen Stuhl, usw. gelegt. Wir wissen, daß wenn man einem Kind die Wichtigkeit des Essens besonders nahelegt, dann wird es Schwierigkeiten beim Essen haben — ebenso, wie sich Kinder, die gern zur Herrschaft ihrer Gliedmaßen, zur Herrschaft ihrer Funktionen kommen wollen, dagegen wehren, daß man ihnen irgendwelche Aufträge gibt. Man wird finden, daß sie sich des Nachts, halbschlummernd auf den Topf setzen lassen, wenn sie aber wach werden und es merken, weigern sie sich, und bekommen eine furchtbare Wut. Wir sind noch nicht ganz im klaren, wo bei diesem Jungen der Fehler gemacht worden ist. Er ist offenbar von einer warmen Situation in eine kalte gekommen.
„Das Kind geht jetzt in die 1. Hauptschulklasse.“
Ich glaube, das ist für sein Alter ein bißchen zu spät. Der Junge sollte schon mit 10—11 Jahren diese Klasse besuchen. Wir können mit Sicherheit annehmen, daß er, wenn er schon soweit gekommen ist, daß er die I. Hauptschulklasse besucht, kein Idiot und nicht als imbezill oder debil zu betrachten ist. Er hätte wahrscheinlich ein besserer Schüler sein können als er ist, wenn er nicht immer unter Spannungen leiden müßte.
„Die 1. und 3. Volksschulklassen hat er wiederholen müssen.“
Das entspricht unserer Auffassung, daß er unter einer Spannung gelitten hat und nicht gut vorbereitet war, insbesondere nicht für einen strengen Lehrer. Er ist der Hoffnungslosigkeit etwas näher gekommen. Auch zu Hause dürften ihm diese Vorfälle nicht viel genützt haben.
„Jetzt kommt er in der Schule ganz gut vorwärts,...“
Er hat wahrscheinlich einen freundlichen Lehrer.
„... hat Freunde.“
Er fängt an, wieder Hoffnung zu haben, hoffnungsvoller ins Leben hereinzublicken.
„Er pflegt oft in der Schule, auch auf der Straße zu grimassieren.“
Dieses Grimassieren ist wieder eine Ausdrucksbewegung, die wir als Sprache auffassen können. Es sagt: „Schaut mich an!“ Er spielt da eine Rolle, eine Komödie, die darauf berechnet ist, sich in den Mittelpunkt zu stellen. Da haben wir dasselbe, wie bei dem Sich-naß-machen, Sich-schmutzig-machen. Er möchte gerne mehr im Vordergrund stehen. Er hat das Gefühl, zurückgesetzt zu sein — und kämpft dagegen.
„Hat angeblich mit 11 Monaten gehen gelernt, begann spät zu sprechen,...“
Es gibt abhängige Kinder, deren Sprachentwicklung sich nach den äußeren Verhältnissen richtet (Hörstummheit).
„... zeigt auch einen Sprachfehler, indem er beim Sprechen die Zunge zwischen die Zähne schiebt.“
Es ist, was man in Wien „zuzeln“ nennt. Es ist schwer verständlich, warum solche Fehler so lange beibehalten werden, denn es gelingt ziemlich leicht, diesen Fehler abzugewöhnen. Man sollte dem Kinde zeigen, freundlich erklären, wie man die Zunge richtig hält, oder Drahtgestelle anwenden. Dieser Fehler dürfte auch mitgewirkt haben, daß das Kind seine Rolle als unangenehm auffaßt. Es wurde wahrscheinlich ausgelacht und dadurch bedrückt.
„Angeblich soll der Vater denselben Sprachfehler gehabt haben.“
Der Sprachfehler hat sich nicht vererbt, sondern vielleicht die Zungenbildung, die Form des Kiefers. Jeder Sprachfehler ist durch Organbildung begünstigt. Wir können z. B. bei Stotterern sehr häufig eine Veränderung des Knochengerüstes der Kiefer, des Kehlkopfes, oder andersartige Zahnstellung finden. Alle diese Umstände dienen dazu, den glatten Ablauf der Sprache zu verhindern und den Weg zu einem Sprachdefekt zu ebnen.
„Kinderkrankheiten: Masern, Varicellen. Sonst noch Lungenentzündung, wurde vor 3 Jahren adenotomiert. — Das Kind ist schwächlich, asthenisch, macht einen ängstlichen, verschüchterten Eindruck,...“
Wir haben nicht erwartet, daß das Kind einen mutigen Eindruck macht. Der Junge grenzt an die Hoffnungslosigkeit, was sich in letzter Zeit etwas verbessert hat, vielleicht seitdem er in der Schule bessere Fortschritte macht.
„... das dadurch, daß der Oberkiefer stark über dem Unterkiefer liegt und der Mund fast ständig offen gehalten wird, den Eindruck des Läppischen macht.“
Wir sehen, daß er Veränderungen des Knochengerüstes hat. Daß er den Eindruck des Läppischen macht, hat zu seiner Unbeliebtheit wahrscheinlich auch beigetragen.
„Sonstiger Befund ergibt: Innere Organe ohne Befund, Reflexe normal, näherer neurologischer Befund wurde nicht gemacht und speziell rhinologisch ist das Kind noch nicht untersucht worden. Harn ohne Befund. Röntgenbefund: normale Wirbelsäule, kein Anhaltspunkt für Spina bifida. Wassermannreaktion: negativ. Pirquet: negativ. Mutter hatte Nierenentzündung, ein Bruder auch.“
Es ist sehr interessant vom individualpsychologischen Standpunkte aus, worauf ich schon in meiner „Studie über Minderwertigkeit von Organen“ hingewiesen habe, daß man bei Enuretikern eine gleichzeitige Minderwertigkeit des Urogenitalsystems findet, oft nur am Stammbaum (z. B. eine Minderwertigkeit der Niere usw), die manchesmal zu Krankheiten einen Untergrund gibt. Das sagt nicht, daß die Enuresis selbst die Folge einer organischen Erkrankung ist. Es liegt eine embryonale Minderwertigkeit vor, die die Sache erleichtert hat. Eine Schwäche des Ernährungstraktes und des Sexualapparates ist bei Enuretikern auch zu beobachten, letztere fast regelmäßig.
Ob sich nun dieses Kind wirklich so hoffnungslos befindet, wird sich herausstellen, wenn wir mit der Mutter gesprochen haben. Wir werden feststellen, ob die Mutlosigkeit sich in der letzten Zeit gebessert hat, da sich gute Zeichen zeigen, wie Freunde, Schule. Weiterhin wird es sich darum handeln, die Mutter zu beeinflussen, dem Jungen seinen Wert zu erkennen zu geben, ihm zu zeigen, daß er nicht zurückgesetzt ist. Man sollte ihr den Vorschlag machen, daß sie den Vater beeinflußt, den Jungen freundlich zu behandeln, ihm manchmal Freude zu bereiten, z. B. an einem Sonntag mit ihm allein spazieren zu gehen. Dann möchte der Junge nicht mit einer Anklage wirken wollen, dann wird er der Familie nicht ihre Sonntagsfreude verderben.
Den Jungen selbst müssen wir darin ermutigen, daß er etwas leisten kann; wir müssen ihm auch ein Ziel stecken, von dem wir wissen, daß er es erreichen kann. Wir werden versuchen, ihm auch die Aufgabe zu setzen, ob er sich mit der Mutter, mit dem Vater in ein freundliches Verhältnis setzen kann. Wenn es hier gelingt, ihn freundlicher zu stimmen, dann würde er sich selbst bemühen, zu vermeiden, den anderen revoltierend Unannehmlichkeiten zu machen. Es ist vorauszusetzen, daß er bei dem Lehrer sich nicht schmutzig macht. Er macht sich nur dort schmutzig, wo er von sich nichts erwartet. Es handelt sich also hauptsächlich darum: die Eltern günstiger zu stimmen, den Jungen zu ermutigen und ihn bedeutungsvoll auf einen Beruf hinzuweisen.
(Die Mutter des Kindes wird in den Saal gerufen.)
Adler (zur Mutter): Wir möchten wegen des Buben mit ihnen sprechen. Wie geht es ihm in der Schule?
Mutter: Er nimmt sich in der letzten Zeit zusammen.
Adler: Hat er schon einmal gesagt, was er werden möchte?
Mutter: Er möchte Elektriker werden.
Adler: Er hat also schon Ehrgeiz? Versteht er etwas davon?
Mutter: Er hat schon ein wenig Verständnis dafür.
Adler: Macht er sich gerne nützlich im Haus?
Mutter: Ja!
Adler: Ist er froh, wenn man das anerkennt, wenn man ihn lobt? Ich möchte den Buben öfters loben. Er ist hungrig darauf, gelobt zu werden. Er möchte immer zärtlich, freundlich behandelt werden. Wie verträgt er sich mit Ihnen?
Mutter: Er folgt, man kann sich auf ihn verlassen.
Adler: Gibt er auch auf die anderen Kinder acht? Verträgt er sich mit ihnen? Ist er nicht eifersüchtig?
Mutter: Der Zweite läßt sich nichts einreden von ihm.
Adler: Der Zweite ist viel beweglicher, viel schneller, wie die Zweiten meistens, die bewegen sich immer schneller. — Wie schläft er?
Mutter: Er schnarcht sehr stark, er hat Polypen gehabt.
Adler: Wo schläft der Junge?
Mutter: Er schläft mit mir in einem Zimmer. Ich glaube der Junge fürchtet sich vor dem zweiten Mann und ist sehr furchtsam. Er war früher bei fremden Leuten, die Tante war gut mit ihm, dann ging er ins Waisenhaus.
Adler: Die Veränderung der Situation hat also im Waisenhaus begonnen. — Könnte man dem Vater nicht einen Wink geben, daß er ihm diese Angst abgewöhnt? Der Junge ist hungrig danach, daß man ihn lieb und freundlich behandelt, er ist ein ganz netter Bursch. Aus ihm kann noch etwas werden. Wenn der Vater einmal an einem Sonntag mit ihm spazieren gehen möchte, ihm eine Freundlichkeit erweisen möchte, wäre es sehr gut. Diesen Jungen dürfte man nie schlagen, nie anschreien. Er ist auf dem besten Weg, er wird sich gut entwickeln. — Wie liegt er beim Schlaf?
Mutter: Er liegt am Bauch.
Adler: Abkehr vom Leben, sich verstecken.
Mutter: Er deckt auch den Kopf zu. — Seitdem er vom Waisenhaus gekommen ist, fürchtet er sich sehr.
Adler: Probieren Sie einmal, ihn nicht zu tadeln, nicht zu nörgeln! Ich möchte ihm sagen: „Du bist tüchtig!“ Ich möchte ihn loben und ihm zeigen, daß ich ihn gerne habe. So ein Kind braucht einen Beweis, daß man es gerne hat. Dann möchte die Geschichte mit dem Buben ganz gut gehen. — Fortgehen möchte er nicht von Ihnen?
Mutter: Wenn ich ihm sage, ich gebe Dich ins Waisenhaus zurück, dann fürchtet er sich.
Adler: So etwas möchte ich ihm nicht sagen. Beschmutzt es sich alle Tage?
Mutter: Seit 14 Tagen ist es besser.
Adler: Ist es ganz gleich in der Schule und zu Hause?
Mutter: Der Junge fürchtet sich in der Schule, da er nicht immer hinausgehen kann. Er traut sich nicht, dem Lehrer immer zu sagen, wenn er hinaus muß.
Adler: Vielleicht wäre es gut, von dem Spital aus dem Lehrer eine Mitteilung zugehen zu lassen.
(Verabschiedet sich von der Mutter, die sich entfernt. — Das Kind wird in den Saal gerufen.)
Adler (zu Emil): Geht es dir in der Schule gut? Was möchtest Du werden?
Emil: Mechaniker.
Adler: Bravo! Bist Du tüchtig? Wie geht es mit dem Schreiben?
Emil: Nicht gut!
Adler: Mit dem Zeichnen?
Emil: Es geht ganz gut.
Adler: Du kannst ein tüchtiger Mechaniker werden! Aber Du mußt Courage haben, Du darfst Dich nicht fürchten! Es geschieht Dir ja gar nichts! Willst Du es lernen, Dich nicht zu fürchten? Vor dem Lehrer mußt Du auch nicht gleich so stehen wie ein kleiner Bub! Du bist ja schon groß, Du bist ja kein Wickelkind. Du brauchst Dich nicht zu fürchten, wenn Du auch eine schlechte Note kriegst! Ich habe auch schlechte Noten bekommen, habe aber dann fester die Sache angepackt, und es ist besser gegangen. Man braucht sich nur nicht zu fürchten! Du fürchtest Dich und benimmst Dich dann so wie ein Wickelkind! Wie lange mußt Du noch in die Schule gehen?
Emil: Zwei Jahre, dann komme ich in die Lehre.
Adler: Wie geht es Dir mit dem Turnen?
Emil: Ich habe „2“ gehabt.
Adler: Hast Du viel Freunde?
Emil: Ich habe auch schlimme Freunde, sie schlagen mich immer.
Adler: Raufst Du auch?
Emil: Hie und da.
Adler: Man soll den anderen nur nicht weh tun, weißt Du, das ist das Raufen so wie Turnen! — Raufst Du auch mit dem Bruder?
Emil: Er ist 8 Jahre alt.
Adler: Dann bist Du der Ältere! Ist er brav?
Emil: Er ist auch schlimm und rauft mit mir.
Adler: Er scheint nicht so ängstlich zu sein. Du mußt schauen, daß Du vorwärts kommst. Wenn er mit 8 Jahren sich wie ein Großer benehmen kann, mußt Du es auch zusammenbringen! Komme in einem Monat wieder und erzähle mir, wie es Dir geht, ob Du schon mehr Courage hast, und ob Du Dich als ein Erwachsener und nicht mehr wie ein Wickelkind benimmst. Probiere das und erzähle mir dann, ob Du es zustandebringen kannst!
(Verabschiedet sich von dem Kind. Emil entfernt sich.)
Jetzt ist nur die Zeit für eine Ermutigung. Wenn man jetzt von seinem Fehler spräche, so wäre das keine Ermutigung. Sollte er in einem Monat wieder herkommen, und sollten wir sehen, daß er vorwärts kommt, dann kann man darüber sprechen. Von der Mutter und dem anwesenden Lehrer dürfen wir wohl während dieser Zeit alle Hilfe erwarten.
Fuente: Alfred Adler, »Ein Fall von Enuresis diurna. Stenographische Aufnahme einer Erziehungsberatung«, Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 8 (1930), Heft 5 (Sonderheft: Kinder und Eltern), Leipzig, S. Hirzel, S. 471-478. Transcripción a partir del OCR del ejemplar digitalizado en Internet Archive (izi_8_1928_5), corregida contra las imágenes de las páginas (PDF, págs. 33-40). Los fragmentos del informe sobre el niño, en tipo menor en el original, se dan como citas; los nombres de los interlocutores y los pasajes en cursiva lo son en el original. Erratas del impreso corregidas: «ricntet» (por «richtet»); se conservan «mit ihnen» (por Ihnen), «usw)» y «manchesmal».