Was ist Individualpsychologie?

Die Welt des Kindes.

Von Dr. Alfred Adler.

(Aus einem Gespräch.)

Wir beginnen im nachfolgenden mit einer Artikelserie, in der Dr. Alfred Adler die wichtigsten Probleme der Individualpsychologie in populärer Form behandelt.

I.

Ein dreißigjähriger Mann leidet an Angstzuständen, sobald er sich an eine Leistung heranwagt und das Leben von ihm eine besondere, entscheidende Aktivität fordert. Er glaubt sich zu erinnern, daß er im dritten Lebensjahr auf dem Fenster saß und auf die Straße blickte. Ein bleibender Eindruck aus der Kindheit. Aus diesen beiden Erlebnisformen läßt sich das Lebensprinzip dieses Mannes konstruieren: Zuschauer sein und nicht Akteur. Diese Erinnerung sagt uns, daß das Individuum in seiner Kindheit eine Situation erlebt hat, in der ihm nahegelegt wurde, daß es die richtige Methode im Leben sei, sich passiv zu verhalten, und in der es darauf trainiert wurde, nichts von sich, sondern alles von den anderen zu erwarten. Diese Einstellung ist zweifellos ein Irrtum, ein Mißverständnis, das der Mann mit der überwiegenden Mehrheit der Menschen teilt. Dem Verstehenden aber spiegelt der erste Akt eines Menschenlebens oft schon in wunderbarer Weise das Finale, den fünften Akt.

Die großen Fortschritte der medizinischen Wissenschaft lassen uns leicht vergessen, daß sehr viele Kinder mit schwachen, minderwertigen Organen zur Welt kommen und so den Forderungen des Lebens nicht ganz gewachsen sind. Diese Mängel übersehen wir um so leichter, als die meisten Kinder durch sorgsame Pflege, durch die Kunst der Aerzte oder durch eigene Widerstandskraft gerettet werden. Viele Kinder zeigen Schwäche des Organismus, die sie in ihrem ganzen Leben beibehalten, andere kommen später ins Gleichgewicht. Aber sowohl der organische Aufschwung wie auch die Bewältigung von Lebensaufgaben erfordert die Ueberwindung von oft großen Schwierigkeiten. In solchen Fällen ist die dauernde Seelenstimmung durch ein vertieftes Minderwertigkeitsgefühl charakterisiert, das erheblich deutlicher ist, als es der normalen Unsicherheit des Kindes dem Leben gegenüber entspricht. Die Stellungnahme zu den ersten Schwierigkeiten ist es, die für die ganze Stellung zum Leben verbindlich werden kann: Entscheidend ist, ob das Kind den Ereignissen mit Mut und Selbstbewußtsein oder feige und unentschlossen begegnet.

Die Grundlagen des Minderwertigkeitsgefühls liegen aber nicht immer in schlecht entwickelten Organen. Kinder, die im Elend aufwachsen oder aus guten in schlechte Verhältnisse geraten, leiden unter dem Minderwertigkeitsgefühl. Wie überhaupt Unsicherheit bei Kindern auch dort entsteht, wo ihnen zu große Lasten aufgebürdet werden. Ebenso dort, wo sie jede Liebe und Wärme entbehren müssen. Darunter leidet dann die Entfaltung ihres Gemeinschaftsgefühles, und ihr Zutrauen zu den Menschen bleibt unentwickelt. Ein anderer, weitverbreiteter Typus, der aus ungünstigen Kindheitssituationen entsteht, ist zum Beispiel das verzärtelte Kind, das niemals Schwierigkeiten erlebt, nicht zur Entfaltung seiner Fähigkeit kommt und darum vor jedem Hindernis zurückschreckt. Nach solcher Kindheit leben die Menschen ihr ganzes Leben in der Erwartung, daß andere alles für sie leisten werden. Sie stehen unter den verschiedensten Vorwänden sozusagen hinter der Front des Lebens, abseits von den Forderungen der Zeit.

Gemeinschafts- und Minderwertigkeitsgefühl.

Das Verdienst und die Bedeutung der Individualpsychologie bestehen meiner Ansicht nach vor allem darin, daß sie das menschliche Gemeinschaftsgefühl als angeborne Grundstimmung erkannt hat. Ferner hat sie als zweite Grundstimmung das überall vorhandene Minderwertigkeitsgefühl festgestellt, dem sich ein kontinuierliches Streben nach Macht und Geltung entringt. Der individualpsychologische Standpunkt zeigt uns das Verhalten des Nervösen: die schlechte Lebensmethode eines Menschen, der sich die Erfüllung der normalen Aufgaben nicht zutraut und deshalb eine andere Gangart annimmt. Das sind Abbiegungen, die man mit größter Deutlichkeit schon im frühen Kindesalter bemerken kann, im Haus und in der Schule. Mißratene Kinder sind entweder arrogant, bösartig, rücksichtslos, verwahrlost, oder sie tragen die Züge einer passiven Resistenz und sind faul, lügenhaft, indolent. Was aber alle am meisten fürchten, ist die Gefahr, daß der Makel ihrer Unfähigkeit sichtbar werde.

Die Umerziehung aller dieser Belasteten gelingt nur durch eines: durch Ermutigung. Allerdings macht es diese Methode notwendig, mit vielen Irrtümern aufzuräumen. So zum Beispiel besteht in vielen Kreisen die Auffassung, daß man sich nur mit List durchs Leben schlagen könne. Daß man jederzeit die glänzendsten Leistungen aufweisen müsse. Bei Mädchen findet man oft die Zwangsvorstellung: das weibliche Geschlecht tauge zu nichts, sei nur ein Objekt für den Mann und habe nur die eine Aufgabe: schön und jung zu sein.

Der häufigste Grundirrtum der Kinder liegt aber darin, daß der angebornen Begabung die allergrößte Bedeutung beigemessen wird. Diese Auffassueng schädigt die Begabten, indem sie Erwartungen hervorruft, die zu bösen Enttäuschungen führen können, und sie schädigt auch die scheinbar Unbegabten, die dadurch verleitet werden, bald alle Mühe fahren zu lassen und mutlos werden. Aber „wer überwindet, der gewinnt“ und Genie — das ist vielleicht nur Fleiß, heißt es bei Goethe.

Der Mensch steht vor dem Leben wie vor einer Rechenaufgabe, die eine absolut richtige Lösung erfordert, aber nicht in vollem Maße zu finden ist. Mut, Optimismus und trainierte Leistungsfähigkeit der Menschen haben als notwendige Antwort der realen Not dem Zwang der Natur gegenüberzustehen. Kultur und seelische Phänomene stellen die Mittel und Wege dar, seine Unsicherheit zu mildern. Die individuellen Verschiedenheiten, die Größe oder die Kleinheit der dabei zustande gekommenen Irrtümer — sie sind es, die das Bild der individuellen Persönlichkeit schaffen.


Fuente: »Was ist Individualpsychologie? Die Welt des Kindes. Von Dr. Alfred Adler. (Aus einem Gespräch.)«, Neue Freie Presse (Wien), Nr. 23300, 28. Juli 1929, S. 23. Transcripción hecha sobre la imagen de la página en ANNO (Österreichische Nationalbibliothek, ANNO_nfp19290728, Bild 23), con apoyo del OCR de la ÖNB y de un OCR Tesseract Fraktur propio, corregidos línea a línea contra la imagen. Ortografía original de 1929 («angeborne», «Aerzte», «Ueberwindung»); el espaciado (Sperrdruck) se da en cursiva; la nota introductoria de la redacción va en tipo menor en el original. «Auffassueng» es errata del impreso. Primero de cuatro artículos de la serie (II: 4.8.1929; III: 11.8.1929; IV: 18.8.1929).