Amerika und die Individualpsychologie.
Die Bekämpfung des Minderwertigkeitskomplexes.
Von Dr. Alfred Adler.
(Aus einem Gespräch.)
Die Individualpsychologie marschiert. In diesem frohen Bewußtsein bin ich auch aus Amerika nach Wien zurückgekommen. Ich habe heute die Ueberzeugung, daß die Psychologen, Psychiater und Pädagogen Amerikas die Grundanschauungen der Individualpsychologie sehr ernst nehmen und auch dort, wo sie in theoretischen Einzelheiten abweichen, die individualpsychologische Methode in der Praxis, nämlich bei der Behandlung von Nervösen und Delinquenten sowie schwer erziehbaren Kindern, in weitem Ausmaße benützen.
Insbesondere das, was ich als Gefühl der Minderwertigkeit beschrieben habe, ist jedem Amerikaner, der sich mit den Grundbegriffen der Seelenforschung beschäftigt, als inferiority complex bekannt.
Meine Tätigkeit bestand vor allem darin, die Tragweite der individualpsychologischen Anschauungen in Theorie und Praxis auseinanderzusetzen. Dazu hat sich ja bei meinem dreimaligen Besuch in Amerika erfreulicherweise reichlichste Gelegenheit geboten. Ich habe wohl kaum jemals ernsten Widerspruch, dagegen fast immer lebhafte Zustimmung erfahren, und ich war bereits entschlossen, diese dritte Reise als meine letzte Amerikafahrt zu betrachten, da die Erfolge der Individualpsychologie in Amerika meine kühnsten Erwartungen übertrafen, und ich glaubte, die weitere dortige Arbeit getrost meinen Freunden und Schülern überlassen zu können.
Diese Absicht aber wurde mir in der liebenswürdigsten Weise durchkreuzt. Denn eines Tages wurde ich eingeladen, mich gemeinsam mit Psychiatern und Psychologen der Columbia-Universität in Newyork sechs oder drei Monate lang mit äußerst wichtigen Problemen zu beschäftigen. Ich entschied mich für drei Monate und werde in diesem Zeitraum im kommenden Winter Studenten, Aerzte, Psychologen und Lehrer theoretisch und praktisch in den Anschauungen der Individualpsychologie unterrichten. Ich werde eine Klinik führen, in der schwer erziehbare Kinder, Delinquenten und Nervöse dem Auditorium vorgestellt und behandelt werden.
Beratungsstellen nach Wiener Muster.
Vorher werde ich im Pädagogium von Detroit Lehrer über die Art der Behandlung schwer erziehbarer Kinder unterrichten und auch dort eine Klinik begründen. Der Hauptzweck meiner Arbeiten wird darin bestehen, Psychiater und Pädagogen für die Leitung von Beratungsstellen heranzubilden, wie sie ja in Wien in engstem Kontakt mit den Schulen bereits eine überaus segensreiche Tätigkeit entfalten. Es dürfte wohl auch zur Gründung eines Instituts an der Columbia-Universität kommen, in dem dieses Training für Lehrer und Psychiater dauernd durchgeführt wird. Von der Verwirklichung dieses Planes darf erhofft werden, daß die Schule kraftvolle Impulse zur Erziehung der künftigen Bürger empfangen wird.
Ich habe zwar in den Vereinigten Staaten keine Praxis ausgeübt, hatte aber drüben reichlich Gelegenheit, bei Konsultationen mit Aerzten, wenn es sich um Nervöse, Geisteskranke oder schwer erziehbare Kinder handelte, die individualpsychologische Methode ins rechte Licht zu rücken.
Die Qual der Angst.
Zur Illustration der individualpsychologischen Methoden möchte ich etwa folgenden Fall kurz berichten: Ich erhielt den Brief eines Unbekannten, der mir sein Leid klagte und dabei einige Kindheitserinnerungen berichtete. Seine Mitteilungen begannen: „Ich leide entsetzlich unter Angst, die mir die Kehle zuschnürt, wenn ich mich an eine neue Aufgabe wage.“ Ich las zwischen den Zeilen: schlecht vorbereitet für Schwierigkeiten des Lebens, starkes Minderwertigkeitsgefühl, zu starke Abhängigkeit von der Meinung der anderen.
„Seelisch leide ich unter Depression und körperlich fühle ich mich schwach und elend dabei. Mit dumpfem Kopf habe ich nur den einen Wunsch, zu Bett zu gehen und mich unter die Decke zu verkriechen.“ — Leicht in die Flucht zu schlagen, gerät in unverhältnismäßig große Spannung, die ihn konfus macht, als ob er große Werke plante, und benimmt sich dabei wie ein ängstliches Kind, das sich vor der Welt verstecken möchte.
„Ich neige sehr dazu, meine Umgebung zu belügen, halte mich aber im letzten Augenblick davon zurück.“ — Ich stelle dabei wieder die Neigung fest, die Meinung der anderen durch einen Kunstgriff günstig zu beeinflussen, aber Angst, sich deren Gunst zu verscherzen, wenn sie dahinter kommen.
Das Spiel mit dem Selbstmord.
„Wie oft war ich auf dem Sprung, Selbstmord zu begehen, aber immer stand ich davon ab aus Furcht vor Leiden, vor der Verachtung der anderen, vor der Möglichkeit, mit einem schweren, mir selbst zugefügten Leiden weiterleben zu müssen.“ — Wir sehen, daß bei der großen Anzahl von gewichtigen Gegengründen sein Leben vollkommen gesichert ist, so daß er mit Stolz darauf hinweisen kann: „Ich habe nicht die leiseste Furcht vor dem Tode, der mir mangels besserer Möglichkeiten als die einfachste Lösung meiner Lebensprobleme erscheint.“ — Der Todestrieb als die einfachste Lösung! Mühelos! Die Individualpsychologie hat seit jeher die gleichen Worte gebraucht. Kein Trieb, sondern eine Ausdrucksform der Entmutigung.
Der bettelnde Straßensänger.
Von seinen Kindheitserinnerungen waren mir die folgenden bemerkenswert: „Meine Familie bestand aus Vater, Mutter, einem Stiefbruder aus der ersten Ehe meiner Mutter, einer vier Jahre älteren Schwester und mir.“ — Den Ehrgeiz des Jüngsten hat die Individualpsychologie weitläufig beschrieben. „Meine älteste Erinnerung ist, daß ich eines Abends allein gelassen worden war und heftig erschrak, als ein bettelnder Straßensänger in unserer Straße auf und ab ging. Eine zweite Erinnerung: Als ich und meine Schwester mit meiner Puppe spielten und sie die Puppe zerbrach, weinte ich unaufhörlich. Eine andere Erinnerung: Als meine Mutter einst das Haus verlassen wollte, um in ihre Arbeit zu gehen, weinte ich so bitterlich, daß meine Mutter ihre Stelle aufgab, um bei mir bleiben zu können.“ — In diesen und offenbar hundert anderen Fällen ging ihm die Erkenntnis auf, wie stark ein Mensch in seiner Depression ist.
„Ich liebte es auch, als ich ein Kind war, leere Schachteln, Karten, kleine Bilder und Pfennige zu sammeln, von denen ich eine große Menge hatte.“ — Hier tritt die Bettlerattitüde deutlicher hervor.
„Dreimal tat ich in meiner Kindheit einen schweren Fall.“ — Hier spricht sich der Eindruck von den Gefahren des Lebens aus, weniger in den Tatsachen, die Patient mit den meisten Kindern gemein hat, als in dem Festhalten eben dieser Erinnerungen.
Die Genesung.
Meine Besprechung mit dem Manne war kurz. Eine Behandlung lehnte ich ab, da es mir an Zeit fehlte. Ich stellte fest, daß der Patient in der bittersten Armut aufgewachsen war und von seiner Mutter außerordentlich verzärtelt wurde. Besser gestellte Nachbarn erbarmten sich oft seiner, wenn sie ihn blaß und mit seinen Blicken bettelnd sahen.
Ich erhielt einen zweiten Brief folgenden Inhaltes, der mir das zureichende Verständnis des Mannes zeigte: „Ich war tatsächlich die herrschende Person in meiner Familie, und wie Josef in der Bibel wuchs ich hoch über sie hinauf. Ich habe ihr auch ein auskömmliches Dasein verschafft. Ich sehe ganz deutlich, daß meine Traurigkeit und mein Weinen in der Kindheit und später in Hinblick auf Erleichterungen und Vorteile in meiner Familie, gegenüber meiner Frau und allen Personen, mit denen ich zu tun hatte, festgehalten wurden. Ich bin tatsächlich in meinen Kreisen stets die dominierende Person gewesen, vielleicht auch, weil ich nur in solchen Kreisen blieb, auf die meine Art Wirkung hatte. Offenbar blieb ich bei meiner Methode, weil sie mir auch leichter fiel als die direkte Aktion. Meine Selbstmordabsichten erscheinen mir jetzt auch als Mittel, mich in traurige Stimmung zu versetzen und anderen meinen Willen aufzuzwingen. Ich suchte immer eine Stütze an anderen Personen und trachtete, sie für mich arbeiten zu lassen.
Ich sehe ein, daß auch andere Kinder gefallen sind, ohne weiter für ihr ganzes Leben davon Aufhebens zu machen. Offenbar zog ich daraus den Schluß, wie viel mir die Welt dafür schuldig ist, da ich soviel gelitten habe.
Ich verstehe auch, daß ich tatsächlich durch mein ganzes Leben die Rolle eines Bettlers spielte, der durch sein Leiden auf die Schwäche der anderen hinzielt.
Jetzt glaube ich, daß ich wohl auch auf mutigere Weise hätte mein Leben führen können, und ich will es versuchen. Ich bin wie Sie überzeugt, daß ich meine wirklichen Erfolge gar nicht meiner Bettlertechnik verdanke, sondern meinen trainierten Fähigkeiten. Ich will also mutiger als bisher ins Leben gehen. Ich handelte wie ein Kaufmann, der des Glaubens ist, daß er seine Erfolge seiner veralteten Geschäftsmethode verdankt und nicht seiner eigenen Tüchtigkeit; der deshalb an eine Aenderung gar nicht denkt. Ich sende Ihnen beiliegend einen Zeitungsartikel, den ich während der Kriegsjahre geschrieben habe. Sein Titel lautet: „Eine Organisation der Bettler.“
Der Mann hat alle seine neurotischen Symptome verloren, ohne andere zu erwerben.
Fuente: »Amerika und die Individualpsychologie. Die Bekämpfung des Minderwertigkeitskomplexes. Von Dr. Alfred Adler. (Aus einem Gespräch.)«, Neue Freie Presse (Wien), Nr. 23256, 13. Juni 1929, S. 12. Transcripción hecha sobre la imagen de la página en ANNO (Österreichische Nationalbibliothek, ANNO_nfp19290613, Bild 12), con apoyo del OCR de la ÖNB y de un OCR Tesseract Fraktur propio, corregidos contra la imagen. Ortografía original de 1929 («Aerzte», «Newyork», «Aenderung»); el espaciado (Sperrdruck) se da en cursiva. «die Patient» (por «die der Patient») es errata del impreso. El artículo ocupa el pie de la primera columna y las columnas segunda y tercera, con ladillos de la redacción.