Die Individualpsychologie in der Neurosenlehre.1

Von Dr. Alfred Adler in Wien.

Unser bewußtes Denken beginnt wohl immer anläßlich einer Schwierigkeit mit einem Akt der Konzentration. Gleichzeitig ist damit gesagt: Mit einem Akt der Ausschaltung unwesentlicher oder störender Einzelheiten, die wir hinderlich finden gegenüber der Lösung von brennenden Aufgaben. Nun sind wir freilich reichlich gesegnet mit Schwierigkeiten aller Art. Dementsprechend der große Umfang unseres bewußten Denkens. Wäre einer den Forderungen des Lebens vollkommen und in jeder Richtung angepaßt — wie es das menschliche Individuum vielleicht am wenigsten unter allen Lebewesen ist —, so könnte sein Leben bewußtseinslos verlaufen, wie ein mechanischer Prozeß im Bilde der gelungenen Vollwertigkeit. Da dem erfreulicherweise nicht so ist, so stehen wir stets vor Problemen, die wie eine Testprüfung auftauchen. Meine Antwort zeigt den Grad unserer Vorbereitung, zeigt unsere erworbene Geschicklichkeit, Leistungsfähigkeit, Mut, Verstand, Charakter und Moral.

So viele der Fragen und Schwierigkeiten das Leben des Einzelnen auch bietet, sie wären scheinbar einfach zu lösen, wenn wir richtig vorbereitet wären. Dann würden unsere Antworten und Lösungen auch „richtig“ ausfallen. Die für die Individualpsychologie gestellte Frage war demnach die: 1. Welcher Art sind die Probleme des Lebens? Gibt es nicht bei all ihrer Mannigfaltigkeit eine unerläßliche Voraussetzung? 2. Was geschieht, wenn in der Bereitschaft des Individuums diese Hauptvoraussetzung nicht erfüllt ist?

Für die erste Frage ergab sich eine überraschende Lösung. Es gibt keine anderen Fragen in unserem Leben als solche der sozialen Stellungnahme. Ob einer eine wertvolle Arbeit verrichtet, eine Erfindung macht, eine wissenschaftliche Leistung vollführt, — wertvoll, gut, wichtig wird mir jene Tat sein, die der Allgemeinheit nützlich ist. Wie einer zum andern steht, in Kameradschaft, Freundschaft, Geselligkeit, dies alles mit allen unmittelbar damit verknüpften Charakterzügen, Tugenden, Wahrheitsliebe, Offenheit, Interesse am andern, an seinem Volke, an der Menschheit, — in allen diesen Stellungnahmen schwingt der Grad seiner Anschlußbereitschaft, seiner Vorbereitung fürs Leben, für die Gemeinschaft mit. Unsere Sinnesorgane arbeiten auf Verbindung hin, die Augen, Ohren, der Tastsinn. Ihr Sinn, der häufig verfehlt wird, ist soziale Verknüpfung, Aufnahmebereitschaft. Die Sprache, alle Ausdruckbewegungen, richtige und unrichtige, „gesunde“ und neurotische, spiegeln den Grad der Anschlußbereitschaft wider. Der Verstand hat Allgemeingültigkeit, jede Moral will Spielregeln geben zum Nutzen der Gemeinschaft, die ästhetischen Gefühle und Urteile sind durchsetzt von einem Blick in die Zukunft der Menschheit im vollen Ewigkeitswert und weben an dem Traum einer schöneren, gesünderen Welt. Politische, religiöse Stellungnahme sieht auf das Wohl der Gesamtheit oder eines Teiles derselben. Liebe und Ehe sind in ihrer natürlichen und deshalb höchsten Entfaltung soziale Bindungen der Geschlechter zwecks beiderseitiger Glücksbefriedigung und Fortdauer des Menschengeschlechts. Auch in das sexuelle Berufssystem der Zweigeschlechtlichkeit tritt ordnend und lösend das Gemeinschaftsgefühl ein zum Zwecke der Nützlichkeit für die Allgemeinheit und verpönt den Inzest und die sexuellen Perversionen.

Die körperliche Schwäche des Einzelmenschen der Natur gegenüber, die allzu große Beschränktheit auf diese arme Erdkruste sehen das Zusammengehörigkeitsgefühl zwecks Lebenserhaltung voraus und erzwingen eine Ausgestaltung der Kultur und eine Organisation der Arbeitsteilung. Eine Steigerung erfährt dieses Kontaktgefühl durch die Notwendigkeit der Sorge um die schwangere Frau, um den langsam wachsenden Säugling und die lange Unselbständigkeit des Kindes. Wahrscheinlich ist es die Schwäche und Minderwertigkeit des Menschen überhaupt, sein Wissen um den Tod und um drohende Gefahren, die als unumgängliche Ergänzung und Erlösung das Gemeinschaftsgefühl erzeugen.

An dieser Stelle kann ich es mir nicht versagen, auf den, wie ich glaube, müßigen Einwand einzugehen, ob denn das Gemeinschaftsgefühl angeboren sei. Die gleichen Schwierigkeiten sehen viele Autoren in betreff der Frage angeborener seelischer Eigenschaften überhaupt. Es scheint mir klar zu sein, daß sich nichts im menschlichen Seelenleben entwickeln könnte, für das nicht Anlagen, Möglichkeiten, Hinneigungen bestehen. Die Entwicklung von Charakterzügen, Eigenarten und Fähigkeiten hängt wohl in erster Linie von ihrer Pflege, ihrem Training und der Methode ab.

Das Kind kommt in seiner abgegrenzten Sphäre bereits am ersten Tage zu einem Training seiner seelischen Möglichkeiten. Die Beziehung zur Mutter, zu älteren und jüngeren Geschwistern, zum Vater und zu Außenstehenden, zu den Aufgaben seines Lebens, zu den Förderungen und Verhinderungen bringt ihm ein Training bei, das bald zu einer Mechanisierung seiner Lebensform reift. Es wird sich in mehr oder weniger ähnlichen Lebenslagen, angenehmen wie unangenehmen, immer ähnlich verhalten. Die schwachsinnigen Kinder, gehirnkranke also, muß ich hier ausschalten, weil ihr geistiges Training zu wenig mit den Tatbeständen rechnet. Sonst aber wirkt die Umgebung mit ihren Lehren, mit ihren Beispielen, noch mehr mit schwerer faßbaren Einflüssen richtunggebend. Haben wir hier schon mit angeborenen Möglichkeiten und mit dem Milieu zu rechnen, so wird unser Gebiet noch vielfach komplizierter, weil in der Art des Trainings eine große Möglichkeit von kindlichen Irrtümern steckt. Aus letzterem Grunde ist die fehlerhafte Entwicklung eines Kindes nicht im voraus berechenbar. Das Seelenproblem läßt sich nicht mathematisch oder vom kausalen Standpunkt aus lösen.

Diese Irrtumsmöglichkeiten im Aufbau des Lebensstils liegen offenbar den größeren Zusammenstößen und Spannungen zugrunde, die später im Leben, sobald seine Aufgaben sicht- oder fühlbar werden, zu auffälligen Erscheinungen, Symptomen, werden. Es läßt sich an dieser Stelle schon behaupten: Wenn es nur solche Fragen im Leben gibt, zu deren ungefährer Lösung ein gewisser Grad von Gemeinschaftsgefühl gehört, wenn dieser Grad des Gemeinschaftsgefühls schon frühzeitig festgelegt, im mechanisierten Lebensstil aufgeht, dann wird der Zusammenstoß der irrtümlich aufgebauten, des Gemeinschaftsgefühls allzusehr entbehrenden Lebensform stets vor den drängenden Fragen des Lebens erfolgen, die eben diesen Grad von Interesse für die andern erfordern. Denn dann hat dieser Mensch nicht, womit er zahlen soll.

Dagegen scheint jetzt die Frage, bezüglich angeborener seelischer Eigenschaften, von Plus- oder Minusvarianten, von Eigenarten der Triebe, der Instinkte, der Heredität überhaupt, vollkommen wertlos. Wenn wir es in der Hand haben, — und das ist nach den erzieherischen Erfahrungen der Individualpsychologie durchaus sicher, — das Kind in der Richtung zum Mitmenschen zu entwickeln, dann würde es auch leicht gelingen, hereditäre Anlagen dem Gemeinwohl dienlich zu machen, wenn solche wirklich eine Rolle im Seelenleben spielen sollten, sie zu sublimieren, wie Nietzsche es nennt, sie zweckdienlich auszugestalten, wie es Fourier in seinem System der Phalansteren beschrieb. Beides hieße, sie mit Gemeinschaftsgefühl zu erfüllen.

Die Hereditarier, Trieb- und Instinktpsychologen machen es sich allzu leicht. Wo Fehlschläge sichtbar werden, suchen sie nach dem hereditären oder Triebeinschlag. Beide bemerken nicht, daß in ihrer Rechnung immer das fehlende Gemeinschaftsgefühl die Hauptrolle spielt. Sie vermeinen beide, an der Wurzel des Uebels zu forschen, ganz in der Tiefe, ohne zu sehen, daß sich später — vor den sozialen Fragen — nur abspielt, was dem Mangel menschlichen Interesses zufolge geschieht, wo sich dann alles „unrichtig“, „ungesund“, „unnormal“, „unmoralisch“ gestaltet, wo man dann, den Hauptfaktor vergessend, nur Triebe, Heredität, Physiognomik usw. sieht. Aehnlich, wie wenn man bei einer Ueberschwemmung die geschmolzenen Eismassen, die Gewalt des Stromes, seine Windungen und nicht die Schwäche seiner Dämme anschuldigen wollte.

Sapienti sat! Man wird an dieser Stelle verstehen, welches die neuen Gesichtspunkte waren, mit denen die Individualpsychologie die Entwicklung der Neurosenpsychologie zu bereichern trachtete. Bescheidenheit kann aus persönlichem Interesse zu gefallen, aufzufallen, ebenso entstehen wie aus Hinneigung zu sozialer Art und Weise. Erotik kann ebenso aus egoistischem Hang als aus Zugetanheit entspringen. Freundschaft kann vorgetäuscht sein, um andere zu beherrschen, Angst und Schwächegefühle können geübt und trainiert sein, um den Beistand anderer zu erzwingen. Wer tief genug zu sein glaubt, wenn er das „Triebbündel“ erhascht, ist noch lange an der Oberfläche.

In allen Fehlschlägen des menschlichen Seelenlebens ist stets die tiefste Wurzel der Mangel des Mitlebens, Mitspielens, Mitarbeitens, Mitliebens. Schwererziehbarkeit, Neurose, Neuropsychose, Selbstmord, Süchte aller Art, sexuelle Perversionen, Prostitution, — sie alle zeigen uns, wie der Strom des Lebens sein Bett verlassen hat, weil die Dämme zu schwach waren.

Die Individualpsychologie unternahm es, die Dämme zu verstärken. Sicherlich kein durchaus neuer Weg. Vielleicht der Weg, den die strebende Menschheit in Religion, Erziehung, Politik immer zu gehen versucht hat. Vielleicht haben wir nun die Zusammenhänge besser gesehen, weil wir in unheimlicher Vergrößerung in der Neurose sahen, was das Leben auch sonst an Wahrnehmbarem bietet. Und die Therapie der Individualpsychologie forderte Verstärkung der Dämme, Bändigung der elementaren Kräfte in der Erhebung zum allgemeinen Nutzen, wo andere zumeist den Damm für nutzlos hielten oder ihn offen oder heimlich niederreißen wollten, vielleicht im guten Glauben, er könne dann besser Mühlen treiben.

Wir sahen nur, daß später einstürzt, was ursprünglich schwach im Aufbau war, der im Rahmen der Gemeinschaft strebende, aber gemeinschaftslose Mensch. Was sich da im Einsturz zeigt, ist sicherlich der Betrachtung wert. Aber nicht so sehr um der Erscheinung willen, als weil zutage tritt, warum das Gemeinschaftsgefühl nicht vollwertig war. In den Angstsymptomen sehen wir das Gefühl der Schwäche und Unsicherheit, das wie in einer Panikstimmung ein Interesse für den andern schwer zuläßt. In den Zwangserscheinungen finden wir den schwächlichen Versuch, in unnützlichen Leistungen (ohne Gemeinschaftswert) zur Meisterschaft zu gelangen, — weil das Zutrauen zu allgemein nützlichen Leistungen zu schwach geraten ist. In der Melancholie zeigt sich der furchtbare Angriff gegen den andern, der über die Zerfleischung der eigenen Person, ähnlich wie im Selbstmord, geht. In der Manie das Strohfeuer leidenschaftlichen, krampfhaften Selbstvertrauens, der Schrei nach Selbstbestätigung des sich Aufgebenden. In der Schizophrenie ist die Ausschaltung des andern auf die höchste Spitze getrieben. Gesellschaft, Beruf, Liebe, die drei großen Lebensfragen, werden mit Erbitterung ausgeschaltet, und mit ihnen geht aller Sinn für das Gemeinschaftsleben (s. oben: Sprache, Verstand, Moral, sinnvolles Streben) verloren. Immer wieder fanden wir in diesen Erkrankungen den Ausdruck der Entgemeinschaftung, damit auch den Ausdruck der Entmutigung für ein selbstbewußtes Streben.

Der Brandherd ist niemals in der Vergangenheit zu finden. Immer bricht die Neurose aus in Hinblick auf eine der bevorstehenden sozialen Fragen, die sich auf Gesellschaft, Beruf oder Liebe beziehen. Die Symptome der Neurose entspringen immer aus der Spannung, in die der zahlungsunfähige Patient gerät. Die wichtigsten Grundformen dieser Spannung, wenn sie sich konkret gestaltet, sind: Angst, Wut und Trauer. Der Uebermut in der Manie ist, wie ich angedeutet habe, der krampfhafte Versuch, die Angst zu überwinden. Auch die Schwierigkeit, die verschiedenen neurotischen Ausdrucksformen zu erklären, scheinen wir teilweise überwunden zu haben. In dieser Spannung, die das vegetative System ergreift, reagieren verschiedene Menschentypen verschieden, die einen mehr nach dem Magendarmapparat, andere mit dem Zirkulationssystem, andere mit der Blase oder mit den Sexualorganen. Die erschütterte seelische Haltung des entmutigten Neurotikers sucht nach Stützpunkten für seine Ablehnung der Gemeinschaftsaufgaben, rechtfertigt sie wohl auch bis zu einem gewissen Grade (z. B. Herrschaft über den anderen in der Platzangst, abwegige Konzentration und Zwangsgefühle, Phobien, um Aufgaben auszuweichen, Perversionen zum selben Zweck. Was die Erregung des Sympathikus und Parasympathikus durch Emotionen anlangt, so stehen wir hier offenbar vor einer letzten, unlösbaren Frage. Wir wissen, daß es geschieht, aber wir werden nie wissen, wie es geschieht. Auch wenn sich bestätigen sollte, daß die Emotionen auf die endokrinen Drüsen wirken (Nebenniere, Thyreoidea, Sexualdrüsen usw.), — mehr als deren größere Anfälligkeit, vielleicht infolge ihrer Minderwertigkeit, vielleicht infolge einer Minderwertigkeit der zuführenden Stränge des vegetativen Systems, werden wir nie erfahren.

Aber den größten Teil der zum Ausdruck gelangenden nervösen Symptome finden wir wurzelnd, angedeutet im frühen mechanisierten Lebensstil. Es war einer der ersten Befunde der Individualpsychologie, in denen wir festgestellt hatten, wie oft sich nervöse Störungen, funktionelle Neurosen, im Gebiete hereditär minderwertiger Organe und Organsysteme einstellen. Oft konnten wir zeigen, daß sich das Bild der Neurose in der neurotischen Funktion des ursprünglich schwachen Organs gestaltet und kamen so zu dem erst später gerechtfertigten Schluß (s. Adler, Studie über Minderwertigkeit von Symptomen, 1907), daß der Besitz minderwertiger Organe, auch endokriner Drüsen, eine Disposition zur Neurose schafft. Eine Reihe späterer Befunde, auch die Kretschmers, wiesen denselben Weg. Aber wir konnten Wichtigeres feststellen: Daß der Besitz minderwertiger Organe durch die oft große, andauernde Ueberbelastung des Kindes infolge von Krankheiten, Leiden, Schwäche und einseitigem Interesse die Entwicklung des Interesses für andere, des Gemeinschaftsgefühls, behindert. Wir möchten nur gleich die Bedeutung der Heredität, die in dieser Feststellung zu liegen scheint, wieder abschwächen. Denn es ist leicht zu verstehen, daß z. B. Linkshänder wohl unter der gleichen, hereditär geschaffenen Belastung leiden und bezüglich ihres Gemeinschaftsinteresses Gefahr laufen. Daß wir aber bei Anwendung einer geeigneten Methode die Gefahren dieser Belastung vermeiden können. Dasselbe gilt bis zum Grade unserer bisherigen medizinischen Kenntnisse für alle andern minderwertigen Organe. Und ferner möchten wir hervorheben, daß ein annähernd normales Kind bei unzweckmäßiger Ernährung die gleiche Belastung erlebt wie ein solches mit minderwertigem Magendarmtrakt. Es zeigt sich hier wieder die Grundauffassung der Individualpsychologie, nach welcher weder das Organ, noch das Milieu allein Ursache von Fehlschlägen sein können, sondern daß die Spannung aus beiden plus den irrtümlichen seelischen Auswirkungen den wesentlichen Faktor abgeben.

Einmal so weit, war der weitere Weg gegeben. Wir hatten die seelische Ueberlastung von Neurotikern in ihrer Kindheit auch in anderen Situationen aufzusuchen, die der Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls hinderlich ist. Und fanden sie bei den anderen Typen in mannigfach variierender Weise. Bei den „verwöhnten“ und bei den „gehaßten“ Kindern. Beide können den Anschluß an die Gemeinschaft nicht finden, und in ihrem nach dem 4.—5. Lebensjahr mechanisierten Lebensstil ist später kein Platz mehr dafür offen. Nur das richtige Verstehen dieses Mangels kann ein erneutes Training des Gemeinschaftsgefühls zulassen.

In weiterer Verfolgung unseres Weges kamen wir auch zur Ablehnung des Traumas und gar des sexuellen Traumas, wie es nach anderen Auffassungen der Neurose zugrundeliegen sollte. Alle Erlebnisse erwiesen sich als von dem frühzeitig mechanisierten Lebensstil assimiliert. Wo wir starke affektive Erlebnisse im Zusammenhang mit der Neurose fanden, dort fanden wir sie niemals als Ursachen, sondern durch den bereits vorgebildeten Lebensstil in den unheilvollen Zusammenhang gebracht. Deshalb konnten wir auch die Bedeutung des Unbewußten für die Neurose bedeutend ein- schränken. Alle wiedererweckten Eindrücke, Stimmungslagen, Stellungnahmen — immer auch im Bewußten sichtbar — zeigten sich als Fragmente im Aufbau des Lebensstils, immer zugehörig dem verstärkten Gefühl der Minderwertigkeit, das der Organminderwertigkeit, der Verwöhnung und der Unterdrückung entsprungen war. Der scheinbare Widerspruch zwischen Bewußtem und Unbewußtem, die scheinbare Ambivalenz von Gefühlen, Tendenzen, Charakterzügen erwies sich als nicht vorhanden, sobald die Einheit des Lebensstils verstanden war.

In den bewußten Ausprägungen sowohl wie in den „unbewußten“, irgendwie aus dem Dunkel der Erinnerung herausgeholten oder erratenen Ausdrucksbewegungen, Erlebnissen, Haltungen und Stellungnahmen zeigt sich immer der gleiche Lebensstil und — worauf es zuerst ankommt, das gleiche in der Neurose stark herabgesetzte — Gemeinschaftsgefühl. Dieses Minus ist es, das — wie früher betont wurde — die mangelhafte Eignung zur Lösung der immer sozialen Lebensfragen ausmacht. Die mangelhafte Eignung aber zeigt sich in der vergrößerten Spannung, die wieder zu den körperlichen und seelischen „Spannungssymptomen“ führt. Unmittelbar reichen diese Symptome weiter und ergeben Sperrvorrichtungen, denen zufolge der Patient, wie es sein Lebensstil befiehlt, zögert (Stottern, Angst, Zwangserscheinungen, Phobien usw.), stecken bleibt (Erythrophobie, Platzangst usw.) oder auf die unnützliche Seite des Lebens ausweicht (sexuelle Perversionen, Psychosen, Selbstmord, Verbrechen usw.). Gleichzeitig ist im Bilde der Erscheinungen die Entmutigung sichtbar und der Appell an die Zubilligung mildernder Umstände. In allen Fällen der Neurose spielt die „Einfühlung“ in die Krankheitssituation als Mittel der zögernden Attitude eine viel zu wenig beachtete Rolle, ebenso in verschiedenem Grade die dem common sense (Gemeinschaftsverstand) entzogene private Intelligenz. (Besonders deutlich in der Psychose.)

Nur kurz will ich streifen, was heute nahezu allgemein als Verdienst der Individualpsychologie anerkannt wird, ihre scharfe Betonung der „finalistischen Apperzeptionsweise“. Es ist damit gemeint, daß jedes Individuum aus einem Gefühl der Schwäche und Minderwertigkeit, wie sich dies auch in der körperlichen Entwicklung zeigt, nach einem Ziel einer „idealen Endform“ strebt, d. h. nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten des Lebens. Befriedigend und zum richtigen Wertgefühl führend, kann dies nur auf der nützlichen Seite geschehen, im entwickelten Gemeinschaftsgefühl, wo das Individuum sich als wertvoll (das kann nur heißen: wertvoll für die Allgemeinheit) empfindet. Deshalb wird man in der Neurose stets wieder das aus der frühesten Kindheit stammende verstärkte Minderwertigkeitsgefühl wiederfinden, demzufolge der Patient immer nach Erleichterungen (gesellschaftlich, beruflich, in der Sexualität) sucht, seinen Aktionskreis erheblich einschränkt und nicht selten im Todeswunsch diese Sehnsucht nach Erleichterung zum Ausdruck bringt. Aber auch auf der unnützlichen, gemeinschaftswidrigen Seite des Lebens peitscht ihn sein verstärktes Minderwertigkeitsgefühl einem Ziel der freilich unpersönlichen Ueberlegenheit zu oder dem Schein einer Ueberlegenheit, die meist auf Kosten der andern gesucht wird. Die dazu am meisten dienlichen Stimmungen und Affekte wie Angst, Wut, Trauer, Schuldgefühle, zeigen in ihrer eigenen Dynamik abermals den krampfhaften Versuch von „unten“ nach „oben“, aus einem verstärkten Minderwertigkeitsgefühl zur Ueberlegenheit über den anderen, den Gegenspieler, zu gelangen. In jeder seelischen Ausdrucksbewegung ist demnach neben dem Grad des Gemeinschaftsgefühls das individuelle Streben nach Ueberlegenheit festzustellen und an anderer Stelle zu bestätigen. So werden wir erst beruhigt die Akten schließen, wenn wir diese doppelte Dynamik im neurotischen Symptom genau in der gleichen Weise spielen gesehen haben wie in irgendwelchen anderen Lebensäußerungen.

Das Asylum des „Unbewußten“ dürfte durch diese Feststellungen merklich erschüttert sein. Das „Triebhafte“ dorthin zu verlegen und es aus dem „Bewußten“ zu verbannen, das „Bewußte“ in Gegensatz zu bringen zu den „Komplexen“ des „Unbewußten“ erscheint als ein Irrweg. Für den Individualpsychologen existiert dieser Unterschied nicht, weil er alles Bewußtseinsfähige in seinem Zusammenhang verstehen muß. So bricht auch die Idee der „Ambivalenz“ zusammen, wenn man die gleichlaufenden Linien und Bewegungsformen ihres Gemeinschaftsgefühls und des Strebens nach Ueberlegenheit in zwei oder mehreren Ausgestaltungen wahrnimmt. Höchstens daß durch einen scheinbaren Gegensatz oder Widerspruch (bei Entschlußunfähigkeit, Zweifel oder ergebnislosem Wollen) die zögernde Attitude ihre Ausgestaltung findet. Das Gemeinschaftsgefühl fängt das gesamte Triebleben am 1. Tage nach der Geburt so sehr in sich auf, daß eine isolierte Betrachtung des Trieblebens ein Unding wird. Was davon als sonderbar, krankhaft, abnormal erscheint, ist es durch den Mangel an Gemeinschaftsgefühl geworden. Letzteres aber und das immanente Streben nach der idealen Endform sind die tiefsten Triebfedern des menschlichen Seelenlebens.

Deshalb aber haben die bedeutenden Vorarbeiten Freuds nichts an ihrem Wert verloren. Nur ist, was er im Unbewußten fand, nicht Triebfeder, sondern späteres irregeleitetes Machtstreben, assimiliert durch den fehlerhaften tieferliegenden Lebensstil. Geht man von unserem Standpunkt an die maßvolleren Darstellungen des Oedipuskomplexes heran, an die Theorien der Verdrängung, der Triebverwandlungen, der Zensur der sexuellen Komponenten, des traumatischen Erlebnisses, so wird man mit leichter Mühe finden, daß die „unbewußten“ Voraussetzungen der Autoren bei der gleichnishaften Konzeption ihrer Anschauungen immer diese sind: Verstärktes Minderwertigkeitsgefühl, Streben nach persönlicher Ueberlegenheit, Mangel an Gemeinschaftsgefühl.

Auch der Hinweis auf archäische Verhältnisse kann die Aufstellung eines „triebhaften Bösen im Menschen“ nicht rechtfertigen. Alle glaubhaften Forschungsergebnisse zeigen uns das Bild des „Wilden“ als eines Gemeinschaftswesens, wohl bedacht auf die Stärkung des menschlichen Zusammenlebens.

Um auch noch kurz den Beitrag der Individualpsychologie zum Traumverständnis zu berühren, fassen wir diesen dahin zusammen: Der Traum hat die Aufgabe, durch Erzeugung von Gefühlen den Einfluß des common sense zu schwächen oder aufzuheben. Deshalb hat er „unverständlich“ zu sein und in tendenziöser Weise den Lebensstil des Träumers anläßlich einer bevorstehenden Aufgabe durchzusetzen, wo dies nur durch den „Betrug der Gefühle“ und nicht durch verstandesgemäße Ueberlegung gelingt.


Fuente: Deutsche medizinische Wochenschrift 55 (1929), Nr. 6, viernes 8 de febrero de 1929, S. 213-215 (Leipzig, Georg Thieme). Transcripción a partir del ejemplar digitalizado por Google (archive.org), con el OCR de la plataforma, muy deficiente en la primera columna de S. 213 y en la de S. 215 por la curvatura del escaneo, corregido íntegramente sobre la imagen de las tres páginas; el espaciado se reproduce en cursiva. Se respetan las grafías y erratas del original: el paréntesis que no se cierra en «(z. B. Herrschaft über den anderen…», «Ausdruckbewegungen» y la cita «Studie über Minderwertigkeit von Symptomen, 1907» (el título del libro de Adler es Studie über Minderwertigkeit von Organen). Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.

  1. Vortrag im Verein für Innere Medizin und Kinderheilkunde in Berlin, am 17. XII. 1928. ↩