Psychische Einstellung der Frau zum Sexualleben.

Von Alfred Adler Wien.

Zusammenfassende Darstellungen.

Heymans, G.: Die Psychologie der Frauen. Heidelberg: C. Winter 1910. — Weininger, O.: Geschlecht und Charakter, 17. Aufl. Wien: Braumüller 1918. — Vaerting: Wahrheit und Irrtum in der Geschlechtspsychologie. Karlsruhe: G. Braun 1923. — Mill, J. St.: Die Hörigkeit der Erau. Berlin 1869. — Schirmacher, K.: Die moderne Frauenbewegung. Leipzig: Teubner 1905. — Ellen Key: Über Liebe und Ehe. Berlin: S. Fischer. — Moebius: Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes, 5. Aufl. Halle 1903. — Bachofen, J.: Das Mutterrecht. Stuttgart 1861. — Aschner: Die Konstitution der Frau und ihre Beziehungen zur Geburtshilfe und Gynäkologie, 1924. — Liepmann, W.: Psychologie der Frau, 2. Aufl. 1922. — Sellheim, H.: Das Geheimnis vom Ewig-Weiblichen, 2. Aufl. Stuttgart: Enke 1924. — Deutsch, H.: Psychoanalyse der weibl. Sexualfunktionen 1925.

Unverrückbare Grundlagen zur Untersuchung dieser Frage sind nicht leicht zu finden. Der wissenschaftlichen Richtung unserer Tage entspräche es zumeist, die Sprache des Blutes zu studieren, aus der Wertigkeit der endokrinen Drüsen und ihrer Korrelationen Schlüsse zu ziehen und anzunehmen, daß bei einem richtigen Bestand körperlicher Bedingungen das Idealbild eines sexuellen Verhaltens zustande kommen müßte.

Aber schon an dieser Stelle erhebt sich die Frage: Welches Idealbild schwebt uns vor, wenn wir wägen und messen? Ist das Ziel einer sexuellen Entwicklung der Frau nur von der Eignung ihrer Keimdrüsen, deren Hilfen und ihren Gegnern abhängig? Welches ist die Voraussetzung des Richters über Gut und Schlecht? Sucht er die größte Glücksmöglichkeit, den stärksten Kinderreichtum, das Ausleben der Triebe? Verlangt er die Gleichwertigkeit beider Geschlechter oder die Unterordnung des einen unter das andere?

So viele Fragen, so viele Ziele der Entwicklung der Frau, so viele Forderungen nach sexuellen Lebensformen. Die Literatur über dieses menschlichste Problem ist ungeheuer groß. Mehr Licht als die wissenschaftlichen Arbeiten aus diesem Gebiet, die von einer ungeheuren Flut pseudowissenschaftlicher Albernheiten begleitet sind, verbreiten die Werke der Dichter, Schriftsteller, Maler und Bildhauer. Von der Bibel über die Sagen und Märchen bis zum modernen Roman und Drama, in der lyrischen Dichtung von Männern und Frauen findet sich das erotische Problem berührt oder ausgestaltet. Und da Kunst bis auf den heutigen Tag fast ausschließlich Männerwerk ist, ebenso wie Wissenschaft, spiegelt sich in ihnen vorwiegend das Wissen des Mannes um die Frauenseele. Nicht selten aber bleiben starke, ungelöste Reste und gemahnen uns an das Bekenntnis alter und neuer Rätselrater: „Das Weib ist ein Rätsel!“

Der männliche Einschlag bei den Urteilenden ist sicher ein Übelstand und erniedrigt nicht selten die Frau in der Betrachtung zum Objekt des Mannes oder der weiblichen Triebe. Über die Aufgabe, schön zu sein und Kinder zu gebären, sehen die Betrachter meist nicht hinaus. Dazu werden die auffallenden Mängel an Charakter, geistiger Freiheit, objektivem Streben, Fähigkeit für das Erwerbs- und öffentliche Leben so stark hervorgehoben, daß die Daseinsberechtigung der Frau nahezu nur in der Liebe und in der Sorge für die Nachkommenschaft gefunden wird. Dieses Urteil greift ungemein stark in die Mentalität der Frauen über. Zumeist findet man, daß auch sie mit männlicher Stimme reden und sich in die vom Manne ihnen zugewiesene Rolle zu fügen scheinen. In übertriebener Revolte zerfleischt George Sand dieses System mit den Worten: „Die Tugend der Frau, — das ist eine gute Erfindung der Männer!“

In der Tat drängt sich bei dieser Betrachtung der Gedanke auf, daß neben den körperlichen Grundlagen für die sexuelle Einstellung der Frau andere Einflüsse maßgebend sind, die den Ablauf der Erotik viel stärker modifizieren. Ganz allgemein dürfen wir hierher rechnen den Geist der Kultur, die Zahl oder Mehrzahl der Frauen und den großen Einfluß des Mannes mit seinem Vorrecht der aktiven Werbung, seiner stabileren ökonomischen Basis und seiner besseren Schulung im Wissen und Können. Soweit wir sehen, rechnet die Erziehung der Mädchen zur Frauenrolle unter allen Umständen mit diesen Faktoren und sucht eine Anpassung zu erreichen. Eine psychische Einstellung der Frau zu einer nur von ihrer Körperlichkeit abhängigen Sexualität, eine von allen anderen Faktoren isolierte Sexualität ist höchstens bei Idioten oder Dementen zu finden. Sonst aber rechnet jede Form des Sexuallebens mit einer vorgefaßten und vorbereiteten Stellungnahme zum Liebesproblem.

Gewiß ist eines: die Sexualform der Frau ist keineswegs einheitlich und zeigt sich von mehreren Faktoren abhängig. Und wenn sich auch eine gewisse Einheitlichkeit zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten, bei verschiedenen Völkern, in verschiedenen Altersstufen, ähnlich den Erscheinungen der Mode, feststellen läßt, so wird man sich doch leicht überzeugen können, daß trotz alles Scheins („es ist ihr ewig Weh und Ach aus einem Punkte zu kurieren“) der Gleichförmigkeit jede individuelle Stellungnahme schwerwiegende Differenzen aufweist. Wer etwa aus dem weitverbreiteten Wunsch, an den Mann zu kommen, auf eine wünschenswerte, gut geartete, weil gesellschaftlich notwendige Sexualbereitschaft schließt, der möge bedenken, wie durch die Einengung des Aktionskreises der Frau, durch Tradition, durch persönlichen Stolz, durch ökonomische Gründe die Wahl eines Partners ebenso nahegelegt wird wie durch sexuelle Impulse. Vielmehr sind letztere bei aller organischen Grundlegung, entsprechend der Lebensform des Individuums und durch seine wahren Endabsichten lenkbar und wandelbar und können in den verschiedensten Richtungen trainiert werden. Die Spuren des Sexualtriebs aus den ersten Kinderjahren unterliegen bereits der Modellierung durch die umgebende Kultur und erhalten ihre Zähmung oder Aufpeitschung wie alle anderen Triebe durch individuell erfaßte Erlebnisse und Erfahrungen, die nicht nur aus dem Gebiet der Sexualität stammen. Wenn es einer Gesamterziehung gelingt, ein Mädchen zu einer ausgesprochen passiven Haltung im Leben zu bringen, so wird ihr erotisches Verhalten diesen passiven Zug aufweisen.

Wir sind nur im Einzelfalle imstande, alle diese Einflüsse festzustellen, die auf den erotischen Ausdruck einer Frau eingewirkt haben. Man kann bei seelischen Ausdrucksformen, wie der psychischen Einstellung der Frau zum Sexualleben, keine wirkliche Kausilität erwarten. Alle Organgefühle und Organimpulse, alle Erlebnisse passieren das Filter der Persönlichkeit und werden in einer individuellen Perspektive erfaßt. Vom Standpunkt eines Idealtypus aus gesehen, wird jede Verwertung obiger Faktoren, jedes Wertgefühl und dessen Auswirkung in mehr oder weniger irrtümlicher Weise entwickelt. Je nach dem Ziel, das einer Frau für ihre Lebensführung vorschwebt, wird sie Annäherung, Werbung, inneren und äußeren Habitus eines Partners empfinden und werten. Die Erotik ist niemals reiner, tierischer Sexualtrieb, niemals, wie etwa Schopenhauer gemeint hat, nur ein Lockmittel der Natur zum Zwecke der Fortpflanzung des Menschengeschlechts, sondern ein hochqualifizierter Anteil des menschlichen Gemeinschaftsgefühls, der die ganze Persönlichkeit widerspiegelt und so auch den Grad der Verknüpfung mit dem gesellschaftlichen Leben und die Vorbereitung zu einem Leben zu zweit.

Die individualpsychologische Forschung konnte feststellen, daß die Entwicklung der Liebesfähigkeit durch gewisse Bedingungen gefördert, durch andere bedroht werden kann. Entscheidend wirkt die Situation in der Kindheit und die rechtzeitige Festlegung des Mädchens auf seine zukünftige Frauenrolle. Der Glaube an eigene Kraft, ein optimistischer Blick in die Zukunft, Kontaktfähigkeit den Menschen gegenüber, die Neigung Freude um sich zu verbreiten, ein unkritisches Zugehörigkeitsgefühl zum weiblichen Geschlecht und Achtung vor der Frauenrolle sind immer förderliche Elemente. Unkenntnis der eigenen Frauenrolle oder Schwanken durch einige Jahre der Kindheit, starke Verknüpfung an eine einzige Person der Familie, allgemeine Schwäche- und Minderwertigkeitsgefühle, eine lieblose Erziehung, Mißtrauen gegen sich und andere, Häßlichkeit aber auch Schönheit, vor allem Verachtung der Frau können unter allen Umständen die Vorbereitung zur Liebe stören.

Von größter Wichtigkeit ist die Situation des Mädchens in der Kindheit. Eine schlechte Ehe der Eltern, Roheit, Trunkenheit und Leichtsinn des Vaters, auch offen gewordene Untreue desselben lassen Töchter solcher Väter zeitlebens das gleiche Schicksal der elend gewordenen, tief gekränkten Mutter befürchten. Ihr Verhalten Männern gegenüber wird selbst bei bester sexueller Konstitution niemals von Mißtrauen, Bedenken, Hemmungen frei sein. Ihr Ziel und ihre Endabsicht, keine Erniedrigung zu erleben, die sie doch in der Frauenrolle als sicher voraussetzen, zwingt sie zu deren Ausschaltung und bringt in ihr ganzes Leben und in ihre Haltung zum Manne ein System von Sicherungen, die wir als Hemmungen, nervöse Symptome und Perversionen wiederfinden. Parallel laufend mit diesen Erscheinungen finden wir Weltanschauung, Logik, Gewohnheiten und Training des Sexualtriebes, ja den ganzen Verlauf des Lebens in eine dem Manne abgewandte Richtung gedrängt. Je nach der Artung der Persönlichkeit, die in den ersten Kinderjahren bereits erwächst, je nach den Erfahrungen und der mehr oder weniger irrtümlichen Perspektive wandelt sich das natürliche Endziel der Erotik in ein Ersatzziel. Dieses Ersatzziel1 liegt immer im Gebiet des Nebensächlichen (Perversionen aller Art und Akzentuation irgendwelcher Details aus der Erotik) oder erfüllt nur einen Teil derselben (Frigidität), zeitigt Furcht vor dem Manne, Gleichgültigkeit oder Ekel oder hat einen männlichen Einschlag und führt im Sexualleben sowie im ganzen Modus vivendi zu einer Männerrolle. Diese teilweise oder starke Abwendung von der Frauenrolle äußert sich auch charakteristisch. Abneigung gegen das Gebären und gegen das Stillen sind häufig, in milderen Fällen kann aber auch das Kind im Gegensatz zum Manne zum ausschließlichen Endzweck werden. In den meisten hierhergehörigen Fällen verhindern nervöse Symptome aller Art die harmonische Entwicklung der Erotik. Auch in der Prostitutionsneigung und in übertrieben polygamen Tendenzen zeigt sich der Widerwille gegen die Frauenrolle. Ein sprechender Ausdruck für diese Ablehnung ist auch der Vaginismus.

Wenn wir einen einheitlichen Gesichtspunkt suchen zum Verständnis aller dieser der Frauenrolle abträglichen Erscheinungen, so finden wir ihn in der Unzufriedenheit der Mädchen mit ihrer sozialen Stellung in der Kultur, genährt durch das wirkliche oder scheinbare Übergewicht des Mannes und die daraus erwachsende Kampfstellung, die alle Grade zeigt, angefangen von offener Revolte bis zur stumpfen Ergebenheit. Der Drang nach Änderung dieser Lage zeitigt alle Ideale von Gynaikokratie und Emanzipation und artet im persönlichen Leben zu 100 Formen des „männlichen Protestes“ aus2. Kant weist in seiner Anthropologie auf die gleiche Erfahrung hin, und Herder fand in seiner Sammlung von Brautliedern aller Zeiten und Völker durchweg nur solche traurigen Inhalts. Auch der allgemein verbreitete Aberglaube von der Minderwertigkeit der Frau, der nahezu vollkommene Ausschluß von den höchsten Leistungen der Wissenschaft und der Kunst, Erscheinungen, die ihre Gründe teils in mangelhafter Vorbereitung, teils in der männlichen Artung künstlerischer Ausdrucksformen haben, — im Tanz und in der Schauspielkunst erreichen Frauen oft die höchsten Gipfel —, wirkt allgemein verbitternd und frühzeitig entmutigend. Kein Wunder, daß so häufig die Unzufriedenheit mit der weiblichen Rolle zu Äußerungen männlicher Mimikry in Mode, Wünschen und Phantasien, in der Lebensführung und in der Erotik führt, kein Wunder, daß nach den Schätzungen erfahrener Ärzte die Zahl der frigiden Frauen trotz einwandfreier sexueller Konstitution um die 70% beträgt.

Neben allen diesen Gegengründen, die einer freien Entfaltung der Sexualität in der Richtung einer gesellschaftlichen, kulturellen Ausdrucksform im Wege stehen, aber mit ihnen meist in untrennbarer Verbindung, bedeutet die mangelhafte oder schlechte Vorbereitung zur Liebe ein schweres Hindernis für die Harmonie in der Erotik. Das allseits vorhandene gegenseitige Mißtrauen, die übergroße Selbstsucht, die Neigung, dem Partner über den Kopf zu wachsen und die Furcht, ihm unterlegen zu sein, hindern die unbefangene Hingabe und vergiften die Liebesbeziehung. Weniger schöne Mädchen fürchten die rasche Erkaltung des Gatten, schöne Frauen fühlen sich bedrückt, glauben bloß Sexualobjekt zu sein und finden ihre menschliche Würde beleidigt, was oft durch Junggesellengewohnheiten des Partners, durch schlechte Führung des Geschlechtsverkehrs oder durch Mißverstehen der Eigenart der männlichen Sexualität gefördert werden kann. Ungeschicklichkeit, Brutalität oder Verletzungen der seelischen Empfindlichkeit beim ersten Verkehr können zu dauernder Verstimmung führen. Ebenso eifersüchtige Einschränkungen der Bewegungsfreiheit im Beginne der Ehe und Schwängerung gegen die Verabredung oder gegen den Willen der Frau. Schreckende Erlebnisse in der Kindheit, furchterweckende Vorurteile über Schmerzen und Gefahren der Frauen sind auch nicht geeignet, das Minderwertigkeitsgefühl zu lindern. Die Entwicklung des Sexualtriebs aber drängt im Verlauf jeweils geweckter Impulse zu autoerotischen, onanistischen Handlungen. So kann es früher oder später, infolge von Verführung oder auf eigenen Wegen, von der Umgebung und von der Kultur des Kindes teils gehemmt, teils gefördert, zu masturbatorischen Befriedigungen kommen, die, an sich unschädlich, doch wieder Anlaß geben können zu einem Training in der Richtung der Autoerotik, die auch, weil sie wie ein allzeit bereites Ventil die sexuelle Spannung jederzeit vermindern kann, die Entwicklung der normalen Erotik und ihrer Auswirkungen hindert und deren Gegengründe namhaft verstärkt.

Der Gegensatz der hier vertretenen Anschauung zu der der „Somatiker“ ist scheinbar sehr groß. Hier stehen im Vordergrund der Betrachtung Kulturschwierigkeiten und -fehler, schlechte Führung und mangelhafte Vorbereitung. Die Konstitutionalisten schlagen diese Faktoren gering an oder lassen sie als Folgen innersekretorischer Mängel erscheinen. Demgegenüber würden wir zweierlei hervorheben:

  1. Auch der bestgeartete Organismus kann infolge von Fehlern und Irrtümern fehllaufen.

  2. In gewisser Hinsicht erscheint in unserer Anschauung die Minderwertigkeit von Organen und der innersekretorischen Drüsen genügend berücksichtigt, freilich immer in einem wichtigeren Zusammenhang als einem rein organischen, nämlich: wie sich diese Minderwertigkeit auswirkt im Verhältnis zu den Forderungen der jeweiligen Kultur und wie sie das Selbstgefühl beeinflußt und zu einer niederen Selbsteinschätzung führt.

  3. Das körperliche und seelische Training, das im Falle einer gemeinschaftswidrigen sexuellen Haltung der Frau entsteht, bringt im Seelenleben andere Wertungen und Interessen zum Vorschein und verändert immer auch sekundär die organische Grundlage der sexuellen Funktion, aus deren Beeinträchtigung sich neue Erschwerungen ergeben. Die funktionsfördernden Reize der Außenwelt werden abgehalten, Impulse des Organs werden aufgehalten oder verschoben, das Organ wird in einen künstlichen Ruhezustand versetzt und kann durch die zwangsweise geänderte Lebenshaltung noch weiter geschädigt werden. Beim „Hungerstreik“ von Mädchen beispielsweise, der vielleicht immer aus „männlichem Protest“ in der Ablehnung der Frauenrolle eingeleitet wird, schwindet im Laufe der extremen Abmagerung die Substanz der Keimdrüsen und anderer Drüsen mit innerer Sekretion, aber vorher schon wird der Sexualapparat durch die Füllung des seelischen Apparates mit Ernährungs- und Entleerungsinteressen seelisch ausgeschaltet.

So ist es denn begreiflich, daß alle sog. „weiblichen“ Züge in äußerstem Maße dem sozialen Kräfteverhältnis zwischen Mann und Frau unterliegen, ihm seinen Ursprung verdanken, von ihm modelliert und zerstört werden können. Selbst die scheinbar eingeborenen Züge, wie Erwartung des Bewerbers, Passivität, Zurückhaltung, weibliches Schamgefühl, Mütterlichkeit, Monogamie unterliegen, viel mehr als anerkannt wird, dem Zuge der Zeit und werden durch das Endziel dirigiert. Angedeutete Züge von Exhibitionismus, meist durch die Mode gerechtfertigt, sind noch als neutral zu werten, deutlichere Ausdrucksformen verraten wohl schon den aktiveren Charakter.

Im Zusammenhang damit und mit der Entwertung des Partners findet man häufig fetischistische Überschätzung von Nebensächlichkeiten, die für die Liebeswahl oft ebenso starke Schranken setzt wie ein Idealbild des Partners. An beiderlei Forderungen und noch weiteren kann jede Vollendung scheitern. Oft sind sie nur schlecht verstandene Vorwände, um jede Wahl zum Scheitern zu bringen. Sonst finden wir die Liebeswahl, immer auch einer Selbstbeschränkung des Sexualtriebes und seines Überbaues entsprechend, den mannigfachsten Beweggründen gehorchen. Die Eindrücke der ersten Kindheit, das Bild des Vaters, der Brüder, des eigenen Volkes sind oft in hohem Grade mitbestimmend. Immer wird die Liebeswahl, solange sie uneingeschränkt vollzogen wird, den Eigenarten, Fehlern und Vorzügen der persönlichen Stellungnahme restlos entsprechen. Geradliniges Kraftgefühl, selten zu finden, wird gleichgearteten Männern den Vorzug geben, heimlich nach der Überlegenheit schielende Mädchen fühlen sich zu Schwächlingen, zu Krüppeln oft hingezogen oder wählen unter ihrer sozialen Sphäre. Auch die Wahl nahestehender oder blutsverwandter Partner deutet auf ein Schwächegefühl. Ebenso die Hinneigung zu wesentlich älteren oder wesentlich jüngeren Männern. Öfters wird eine mütterliche Linie in unfruchtbarster Weise verstärkt, zielt auf die Rettung oder Erhebung verkommener Partner und versucht die Gesetzmäßigkeiten der normalen Erotik zu verdrängen.

Lesbische Liebe, Verharren in sexuellen Phantasien, Masturbation und Pollutionen sind männlicher Protest und verraten uns die Furcht vor dem Manne und seine Ablehnung. Homosexuelle Träume sind nicht, wie in schädlicher Weise allgemein angenommen wird, Beweise einer Homosexualität, sondern die Zeichen des Trainings in eine falsche Richtung. Polygame Neigungen, übertriebener Flirt, Sucht sich zu kompromittieren, Kokottenphantasien, übertriebenes und abschreckendes Schreien nach einem Mann weisen über sich hinaus auf den Versuch der Ausschaltung einer Ehe. Ehebruch ist immer das Zeichen einer Revolte gegen den Mann, ein Racheakt, der immer durch zweckmäßig aufgestachelte Erotik verschleiert wird.

Die erste Menstruation gibt oft das Signal zum Kampfausbruch gegen die Frauenrolle, wenn eine mangelhafte Vorbereitung für dieselbe vorliegt. Häufig flammt der Widerstand bei jeder Wiederkehr von neuem auf. Schmerzen in dieser Zeit scheinen bei Abwesenheit organischer Gründe durch willkürliche Kontraktionen erzeugt zu sein, durch Bremsung des Blutabflusses, und der Unzufriedenheit und der Abneigung gegen das Geschehnis zu entspringen. Für diese Auffassung spricht auch, daß oft in der Ehe bei weitgehender Aussöhnung mit der Frauenrolle die Schmerzen verschwinden. Die weitverbreitete Anschauung, als ob die Menses Unreinheit oder Krankheit bedeuteten, auch von Ärzten häufig propagiert, drückt auf das Selbstbewußtsein der Frauen und bringt oft arge Mißstimmungen hervor. Steigerung erotischer Gefühle (auch weil gefahrlos?) ist in dieser Zeit häufig.

Bei Frauen, die in der Jugend und Schönheit das nahezu einzige Gut der Frau erblicken, wird die Annäherung an die Menopause und diese selbst ein äußerst fataler, schicksalschwerer Zeitpunkt. Der letzte Rest ihres Glaubens an ihren Wert geht verloren. Oft versuchen sie ihn durch verschärfte Forderungen an ihre Umgebung, die aus Depressionen und verzweifelter Stimmung der alternden Frau erwachsen, wieder zu gewinnen. Manche stürzen sich durch ihre Erotik, die in dieser Zeit nicht verschwindet, aber allenthalben zurückgestoßen, verlacht, nicht ernst genommen wird, in zerstörende Konflikte. Die fehlerhafte Haltung zum Leben rächt sich an Mann und Frau. Es ist keine Unterschätzung der organischen Grundlagen der Erotik, sondern eine notwendige Feststellung, wenn wir den überwiegenden Einschlag von individueller Stellungnahme in ihrer Richtung und in ihren Mängeln bloßgelegt haben.

Wenn wir zum Schlusse die meist mangelhaft geleisteten Voraussetzungen nennen sollen, die zu einer gesunden psychischen Einstellung der Frau zum Sexualleben erfüllt sein müssen, so sind es folgende:

  1. Frühzeitige Aufklärung über die Unwandelbarkeit der Geschlechtsrolle und Aussöhnung mit derselben.

  2. Erzieherische Vorbereitung zur Liebe im Einklang mit dem Gemeinschaftsgefühl.

  3. Achtung vor der Frauenrolle.

  4. Bejahung des Lebens und der menschlichen Gesellschaft.

Psychosexuelle Haltung des Mannes.

Von Alfred Adler Wien.

Zusammenfassende Darstellungen.

Flies, W.: Der Ablauf des Lebens. Wien: Deuticke 1906. — Tandler: Die biologischen Grundlagen der sekundären Geschlechtscharaktere. Berlin: Julius Springer 1913. — Weininger: Geschlecht und Charakter. 17. Aufl. Wien: Braumüller. — Hirschfeld, Magnus: Jahrb. f. sexuelle Zwischenstufen. Stuttgart: Püttmann. — Müller, Robert: Sexualbiologie. Berlin: L. Marcus 1907. — Ellis, Havelock: Die Psychologie des normalen Geschlechtstriebes. Handb. d. Sexualwiss., herausgeg. von R. Moll. Leipzig 1912. — Rosleder, H.: Die Fnnktionsstörungen der Zeugung. 2. Aufl. — Freud: 3 Abhandlungen zur Sexualtheorie 5. Aufl., Psychoanalytischer Verlag Wien, Freud: Gesammelte Werke, im gleichen Verlag.

Die wesentlichen Gesichtspunkte decken sich mit denen, die wir bei der Erörterung des Liebeslebens der Frau heranziehen mußten. Wir messen immer an einem uns vorschwebenden Idealtypus des Mannes und empfinden in letzter Linie die Differenzen entsprechend ihrer Tauglichkeit für das Zusammenleben der Menschen und für das Zusammenleben von Mann und Frau. Auch unsere Wertung der Eigenart eines Mannes ist unbedingt abhängig von diesen Voraussetzungen. Nur daß unsere Kultur seit alters her dem Manne stillschweigend oder offen Privilegien im Liebesleben einräumt, die sie der Frau zu versagen trachtet. Der größere Aktionsraum im Liebesleben des Mannes ist vor allem bedingt durch den ihm zufallenden größeren Aktionsraum im Leben überhaupt. Er wird ihm aber namhaft erleichtert durch das Freibleiben von den Schwangerschaftsfolgen der Erotik, durch die Rolle der aktiven Werbung, die ihm zufällt, und durch die Tradition, die eine ungeheure Macht darstellt.

Dazu kommt in gewissem Einklang mit obigen Bedingungen die laxere Herrenmoral des Mannes, dem die landläufige Sexualmoral keine so enge Grenzen zieht wie der Frau.

Der sexuelle Impuls des Mannes zeigt sich in variabler Stärke meist lange vor der Pubertät, kann aber im Knabenalter, in der Pubertät und später in mancherlei Fehlrichtung geraten. So wird das Verhalten eines Mannes zu den Fragen des Lebens immer auch seine Sexualentwicklung beeinflussen. Dies ist um so begreiflicher, da es ein feststehendes Maß des Sexualtriebes nicht gibt, und da seine Äußerungen durch mannigfache Einflüsse gesteigert oder vermindert werden können.

Schon in der Knabenzeit machen sich diese Einflüsse und die seelische Richtung in der deutlichsten Weise geltend. Die sexuelle Vorbereitung besteht zunächst in der Festigung einer zulänglichen Knabenrolle, in einem wachsenden Verständnis des Sexualproblems, in einer mutigen Zielsetzung in der Richtung auf Liebe und Ehe. Unsere Kultur und ihre Einrichtungen nehmen den Erziehern einen Teil ihrer Arbeit ab. Andere Kleidung, andere Spiele, andere Erziehungsmaßnahmen versuchen den Entwicklungsgang richtig zu lenken. Das umgebende Leben, Analogien aus dem Tierreich, erzieherische Eingriffe, zumeist kameradschaftliche Aufklärung fördern die Einsicht in das sexuelle Geheimnis, Lektüre, Theater und Kino, häufig auch Verführung vollenden sie. Da ferner der Knabe überall in seinem Leben auf die Tatsachen der Liebe und Ehe stößt, da allen Erziehungsmaßnahmen auch eine gesellschaftliche Lösung der Liebes- und Ehefrage in der Zukunft als Voraussetzung vorschwebt, und da der wachsende Sexualtrieb nach einer solchen Lösung sucht, so gestaltet sich des Knaben Weltbild der Zukunft in diesem Sinne.

Die Stellung des Knaben zum anderen Geschlecht trägt in den ersten Jahren zumeist deutliche Zeichen einer feindlichen, überlegenen Haltung. Wütende Abneigung gegen weibliche Kleidung oder gar gegen die Zumutung, ein Mädchen zu sein, findet man oft als übertriebene Zeichen der Geschlechtsfindung. Auch in den späteren Knabenjahren tritt meist, selbst bei Koedukation, das Gefühl der Überlegenheit zutage, und wie gemäß einer Verpflichtung wird den Mädchen die Gleichberechtigung abgesprochen. „Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe!“ Mitten in diese kritische Geste fallen oft Züge von Zärtlichkeit und Verliebtheit, oft schon im 4., 5. und 6. Jahre treten freundliche oder Neigungen kritischer, hämischer Art hervor. Ein Hang zur Neckerei, auch zu tätlichen Angriffen ist nicht selten.

Der Sexualtrieb kann schon in den ersten Jahren zur Onanie Veranlassung geben. Durch Verführung kommt es nicht selten schon in der frühen Kindheit zu gegenseitiger Masturbation oder, besonders in den Elendsvierteln, zu normalem Geschlechtsverkehr. Beachtenswert ist auch bei der Entwicklung von Knaben, um wieviel leichter es für sie ist, in mutueller Onanie den Weg zur „Homosexualität“ zu beschreiten als den Weg zur Norm zu gehen. Das 14. Jahr bringt zumeist die entscheidende Wendung zur Onanie, der fast alle Knaben verfallen, um sich früher oder später daraus zu befreien. Um diese Zeit der Pubertät macht sich der gedrosselte Sexualtrieb in mehr oder weniger häufigen Pollutionen Luft. Ermüdungserscheinungen und schlechtes Aussehen in dieser Zeit sind fast immer Folgen der Angst vor Erkrankung oder irgendwelcher Entwicklungsstörungen. Onanie und Pollutionen der Pubertäts- und Jünglingszeit können restlos überstanden werden. Halten sie lange Jahre an, so sind sie als Versuche zu werten: die Frau auszuschalten.

In der Pubertät und kurz nachher findet man zumeist die Gestaltung eines Mädchenideals, das meist deutlich Züge einer nahestehenden Person aufweist. Dieses Idealbild ist späterhin oft einem Wechsel unterworfen, ebenso wie auch andere Ideale oft zerfließen. Auch die Furcht, dieses Bild oder ein dieses Bild verkörperndes Mädchen durch sinnliche Gedanken zu beschmutzen, ist nicht selten wahrzunehmen. Daneben können in Phantasien die ausschweifendsten Bilder Platz nehmen. Häufig stellt die Onanie die Verführerin dar, sinnliches Verlangen in die Wirklichkeit zu übertragen. Neben dieser Reinheit der Gesinnung findet man oft unvermittelt nahe den Hang zu derber Sinnlichkeit oder auch die Aufnahme sexueller Beziehungen, zu denen sich in der Linie des geringsten Widerstands meist Prostituierte oder dienende Mädchen einfinden. Beides sind allzeit bereite Ventile, die den Weg zur Liebe und zur Ehe manchmal dauernd verfehlen lassen. Zu beiden Irrwegen aber leiten die Jugend oft aufmunternde Stimmen von gelehrten und ungelehrten Erziehern. Sie zu schließen wird nur denjenigen gelingen, die nicht der unbedingten Notwendigkeit des frühzeitigen Geschlechtsverkehrs das Wort reden, die aber auch nicht davor zurückschrecken, einer wirklichen Liebe, wo beide füreinander einstehen wollen, ihr volles Recht zu geben.

Sitten und Gebräuche der Gesellschaft, Zusammenkünfte, Tanz, beiden Geschlechtern gemeinsame Unternehmungen fördern und begünstigen die nunmehr eingetretene Hinneigung zu den Mädchen. Das Training zum Zusammenschluß bleibt ununterbrochen im Gang. In Gedanken, auf der Straße, im Theater, bei bildlichen Darstellungen erfolgen unausgesetzt Anregungen, die der Neigung zur Liebe und Ehe zum Durchbruch verhelfen. Die Eheschließung ist freilich in hohem Maße mit materiellen Fragen und mit der Berufsfrage verknüpft. Bis dahin gibt es eine verhältnismäßig lange Zeitspanne, in der allzu viele in sexuelle Verwahrlosung oder in Geschlechtskrankheiten verfallen.

Tritt der Mann dann an die Ehe heran, so hat er es nicht bloß mit den kategorischen Forderungen der Ehe3 zu tun, sondern er trägt in die Ehe auch fast immer seine individuellen Forderungen hinein, die oft darin keinen Platz haben und das Verhältnis stören. Die neue Situation wird ein Prüfstein auf seine Vorbereitung zur Ehe. In seiner Vorbereitung wird sich unter allen Umständen seine Weltanschauung und auch seine Stellung zur Frau spiegeln. Schon seine Wahl wird durch seine ideale Forderung an die Frau und an die Ehe gelenkt.

Je nachdem, ob er mit seiner Mutter, mit seiner Schwester zufrieden gewesen ist, ob er sich ihnen gegenüber Geltung verschaffen konnte, wird das Mädchen seiner Wahl diesen geistig und auch körperlich ähneln oder von ihnen abweichen. Ist er ein Mann, der sich nach Wärme sehnt, so wird er sich an Mädchen halten, von denen er sich Verzärtelung verspricht. Liebt er es, sich im Kampf durchzusetzen, so wird er solche suchen, die ihm stark erscheinen, andernfalls wird er in Wesen, Wuchs und Kraft jenen den Vorzug geben, die ihm leicht zu lenken scheinen. Daß dabei reichlich Irrtümer unterlaufen, ist weiter nicht verwunderlich. Vor allem weil kein Mädchen eine dauernde Unterwerfung verträgt.

Ist einer richtig auf die Ehe geschult, so hängt der weitere Verlauf der Ehe und seiner sexuellen Haltung ganz von seiner Mitspielerin ab. Versteht auch sie den Einklang herzustellen, so werden beide bis an ihr Lebensende das Bild einträchtiger Erotik geben. Dieser Fall dürfte selten sein, ein Beweis für die mangelhafte Erziehung des Nachwuchses für die Ehe. Innig verbunden mit der Erotik wird sich in solchen Fällen das Gefühl unbedingter Kameradschaft entwickeln, so daß unangenehme Weiterungen ausgeschlossen sind oder leicht überwunden werden. Auch für den Nachwuchs wird in solchen Ehen Platz genug übrig sein, die in die gleiche Kameradschaft aufgenommen werden. Die erotische Frage wird eine gemeinsame Lösung erfahren, wird nicht als Diktat des anderen empfunden werden, keiner wird sich als Objekt fühlen. Die erotische Zugehörigkeit wird durch nichts eine Trübung erfahren, bis sie in späten Jahren, oft über das 60. Jahr hinaus, langsam erlischt. Der Sexualverkehr wird keine Mängel zeigen, wird auch nicht zu Verstimmungen noch zu Abgeschlagenheit oder Traurigkeit Anlaß geben.

Anders die schlecht Vorbereiteten. Man kann 2 Haupttypen unter ihnen unterscheiden. Ihre mangelhafte Vorbereitung wird sich unter allen Bedingungen, ohne daß sie selbst darüber Aufschluß geben können, in der neuen Situation nach der Pubertät, in der Zeit der möglichen und sogar gewünschten Erotik schmerzlich fühlbar machen. Ein Gefühl der Unsicherheit, des mangelnden Vertrauens zu sich selbst läßt in der Erotik, demnach in der Frau und in der Hingabe an sie mehr oder minder große Gefahren für ihren eigenen Geltungsbereich erblicken. Sie werden jene Geradlinigkeit vermissen lassen, die ein Haupterfordernis gesunder Erotik darstellt. In ihrem Gebaren werden sich Umwege und Abbiegungen zeigen, deren stärkste wir in der Homosexualität und in der Autoerotik erblicken. Aber auch alle anderen Verschiebungen des Sexualzieles wie Fetischismus, Sadismus, Masochismus und perverser Manieren decken uns die alte Unsicherheit auf und die Versuche, private Lustbefriedigungen an Stelle von gesellschaftlich gebotenen zu setzen, um so einer Entscheidung über eigenen Wert und Unwert aus dem Wege zu gehen. Auch die Wahl von Prostituierten und die Neigung für leicht lösliche konsequenzenlose Bindungen verraten den gleichen Schwachmut. Wer diese Dynamik richtig verstanden hat, wird auch im Don Juan und in der Unterstreichung polygamer Neigungen leicht den Grad von Mutlosigkeit abzuschätzen wissen, der denjenigen Männern eignet, die nichts zu Ende führen wollen und lieber nach billigen Erfolgen angeln. Die Erotik ist „Zweisamkeit“ (Nietzsche), Leistung zweier gleichwertiger Partner. Das Streben des einen, auf Kosten des anderen hervortreten zu wollen, in der Liebe, die dafür keinen Platz hat, Eitelkeiten zu befriedigen, ist Mißbrauch, Unart und sprengt das Gefüge der Erotik, weil es mit den Gesetzmäßigkeiten der Liebe nicht rechnet.

Der Elan des Sexualtriebes ist wandelbar und sicherlich nicht ein für allemal als Konstitutionsformel gegeben. Man beobachtet oft Aufflammen desselben bei früher gemäßigtem Verhalten und umgekehrt. Sicherlich kann die Beschäftigung mit sexuellen Eindrücken, Bildern, Lektüre, Gesprächen eine Erhöhung der sexuellen Spannung hervorrufen, weil berechtigte oder unberechtigte Hemmungen dadurch zum Wegfall kommen können. Auch in gewissen Grenzen geübte Enthaltsamkeit führt meist Steigerungen herbei. Beiderlei Erfahrungen haben oft in oberflächlicher Weise therapeutische Maßnahmen gezeitigt. Daß Entbehrung von Sexualbefriedigung und Verweigerung zu erhöhtem Begehren Anlaß gibt, allzu willfähriges Gewähren Abstumpfung erzeugt, sind bekannte Tatsachen.

Das erotische Verhalten des Mannes ist, wie wir sehen, von verschiedenen Faktoren abhängig. Einen etwaigen primären, unbeeinflußten sexuellen Impuls können wir weder feststellen noch besitzen wir ein Maß für seine Stärke, weil wir immer die starken Beeinflussungen im Bilde haben. Nicht einmal bei Männern, die sich ganz von der Liebe und von der Ehe abgekehrt haben, sind wir, einen einzigen Fall ausgenommen, imstande, über die Stärke des Sexualtriebes etwas auszusagen, weil in diesen Fällen zumeist ein Training der Abkehr vorliegt, Hemmungen, die durch die meist neurotische Eigenart des Betreffenden verschuldet sind. Nur bei eunuchoidem Habitus und stark verkümmerten, zum Sexualverkehr untauglichen Genitalien, bei ganz infantilen Sexualorganen, wie sie z. B. bei Hypophysenerkrankungen vorkommen, nach frühzeitiger Kastration und bei gewissen Erkrankungen wie Diabetes und schweren Nierenaffektionen sowie bei Tabes dorsalis usw. können wir uns gestatten, aus den offensichtlichen Tatsachen auf eine organisch bedingte Impotentia coeundi und auf Mangel des Sexualtriebes Schlüsse zu ziehen. Ebenso finden wir begreiflich, daß im Alter der Sexualtrieb schwächer wird, um etwa um das 70. Lebensjahr herum zu erlöschen.

Die weitaus meisten Formen von Impotentia coeundi sind aber, ebenso wie die Ejaculatio praecox und Fehlen der Ejaculation durch psychische, immer irrtümlich entstandene Hemmungen hervorgerufen und können durch zweckentsprechenden Wegfall dieser Hemmungen beseitigt werden. Das souveräne Mittel ist eine Umwandlung der Persönlichkeit in einen mutigen, selbstbewußten Mitmenschen. Eine solche Umwandlung sollte in klar überlegter Weise, am besten nach Grundsätzen einer verstehenden Individualpsychologie, durchgeführt werden. Es ist aber nicht zu leugnen, daß sie sich manchmal vollzieht auf irgendein Wort oder Eingreifen des Arztes, ohne daß einer von beiden merkt, daß sich der Mut des Patienten hebt. Daß die gleiche Wirkung auch gelegentlich Medikamenten, den sog. Aphrodisiaca, zukommt, ist, wenn man ihre Unzuverlässigkeit beobachtet hat, kein Zweifel. Recht häufig bedeutet schon der Gang zum Arzt in solchen Fällen sich aufbäumende Kraft, die nur noch den stärkenden Zuspruch des Arztes sucht. In solchen Fällen kann jede Therapie Erfolg haben.

Seit urdenklichen Zeiten bemühten sich Gelehrte und Ungelehrte Mittel ausfindig zu machen, um den erotischen Impuls zu stärken. Gebete, Amulette, Zaubergetränke, erotische Abbildungen und Tierhoden, später Extrakte der letzteren nach des berühmten Brown-Séquards Rat, sollten der sinkenden Manneskraft nachhelfen. In der letzten Zeit bemühen sich Steinach und seine Anhänger, Woronoff u. a. teils durch einseitige Hodenausschaltung oder durch Implantation von Hoden dieses Ziel zu erreichen. Nach den obigen Ausführungen fallen die Mißerfolge entscheidender in die Wagschale als etwaige Erfolge. Steinachs Anschauung über die „Pubertätsdrüse“ steht wohl noch in Diskussion, findet aber immer mehr entschiedene Gegner.

Mehr als Voraussetzung und weniger als Feststellung findet man, wie im Artikel „Homosexualität“ auseinandergesetzt wird, die Anschauung vertreten, daß die sexuelle Stellung des Mannes zur Frau in erster Linie oder einzig von der Wertigkeit der männlichen Keimdrüsen abhängig sei oder [Schopenhauer, Möbius, Fliess, Weininger, Hirschfeld] von einem weiblichen Einschlag in der körperlichen Organisation des Mannes. Die experimentellen Arbeiten Steinachs, die vielen als Beweise gelten — Vermännlichung weiblicher Ratten, Verweiblichung männlicher —, durch entsprechende Keimdrüsenänderungen, zeigen nur krasse Gegensätzlichkeiten, nicht aber die feinen Nuancen, denen wir bei Männern begegnen. Jedenfalls ist es fraglich, ob selbst bei der extremsten künstlichen Effemination des Mannes, z. B. infolge von Kastration oder von Implantation von Ovarien und allen denkbaren körperlichen Folgeerscheinungen eine seelische Umwandlung erfolgen müßte, wie sie bei Ratten beschrieben wird. Die zahlreichen Fälle von Pseudohermaphroditen, die ihrer Erziehung und Vorbereitung gemäß weibliche Artung angenommen haben, ohne feststellbare Keimdrüsenveränderungen aufzuweisen, die Eunuchen und Eunuchoiden, deren männliches Gebaren nicht bezweifelt werden kann, sprechen dafür, daß die seelische Vorbereitung bei Menschen eine ungleich größere Rolle spielt als beim Tier.

Wie bedeutsam aber beim Manne die Hemmungen oder ihr Wegfall für die geschlechtliche Haltung zur Frau ist, geht aus zahlreichen Erscheinungen des Liebeslebens hervor. Seelische Verstimmung kann den Elan ebenso zum Verschwinden bringen als auch zum Aufflammen anderen Frauen gegenüber. Insbesondere sind Rachegedanken gegen die eine Frau leicht imstande, die Liebe zu einer anderen zu entzünden. Ebenso bricht die Sexualität häufig zusammen, wenn einem der Ehe abgeneigten Junggesellen eine Ehe in drohende Nähe rückt. Satyriasis, eine andauernde Erregtheit der Genitalien beobachtet man (außer bei Leukämie!) gelegentlich bei dauernden Verhinderungen des Geschlechtsverkehrs. Bei Manischen ist es der Wegfall von Hemmungen, der an der sexuellen Erregtheit die Schuld trägt. Bei Paralytikern, Altersdementen und Alkoholisierten findet man ebenso stärkeres als schwächeres sinnliches Begehren.

Wir kommen demnach zu dem Schlusse, daß die Art und der Grad des sexuellen Verhaltens beim Manne wie bei der Frau sich aus seiner Persönlichkeit herleitet, im allgemeinen seine Aktivität widerspiegelt und bei annähernd intakten Sexualorganen ein Erfolg seiner Vorbereitung und seines Trainings ist.

Pubertätserscheinungen.

Von Alfred Adler Wien.

Zusammenfassende Darstellungen.

Boehler, Charlotte: Seelenleben des Jugendlichen. 2. Aufl. Jena: Gustav Fischer 1923. — Hall, Stanley: Adolescence. New York: Editor D. Appleton 1918. — Spranger, Eduard: Psychologie des Jugendalters. 4. Aufl. Leipzig: Quelle & Meyer 1925. — Tumlirz, Otto: Die Reifejahre. Leipzig: Klinkhardt 1924. — Adler, Alfred: Praxis und Theorie der Individualpsychologie. 2. Aufl. München: J. F. Bergmann 1924.

Die Tatsachen der Pubertät verdanken ihre Auffälligkeit sowohl den körperlichen als den seelischen Reifungsvorgängen. Sie beginnen und enden bei Mädchen etwas früher als bei Knaben. Die organische Reifung betrifft sämtliche Organe und geht auch bei Schädigungen oder bei Verlust der Keimdrüsen vor sich, nur daß in letzteren Fällen die sekundären Geschlechtscharaktere eine mangelhafte Ausprägung erfahren. Die seelische Reifung kann durch unzweckmäßige oder mangelhafte Erziehung vorübergehend oder dauernd unterbunden werden.

Dichtern, Forschern und dem common sense sind vorwiegend zweierlei Ausdrucksformen aufgefallen, die einen zweifachen Standpunkt ermöglichen. Von der einen Seite werden wir auf Erscheinungen aufmerksam gemacht, die eine erhöhte Leistungsfähigkeit, qualitativ und quantitativ gesteigerte Kräfte verraten. So die soziale und berufliche Einordnung, die Fähigkeit des abstrakten Denkens, die Tendenz nach Ergänzung, der Antrieb zu sozialer und geschlechtlicher Vereinigung, Entdeckung oder Festigung des Ichs, Entstehung eines Lebensplans, Hineinwachsen in Betätigungsgebiete. Auch der Hang zum Idealismus, Eroberung einer Weltanschauung, Eroberung der Innenwelt, Idealisierung und Vergeistigung der Erotik und Stellungnahme zu den Werten des Lebens wird vielfach hervorgehoben!

Alle diese Erscheinungen treten plastisch hervor, sobald man als Aussichtspunkt die vorangegangene Kinderzeit wählt und die Maßstäbe der Kindheit an die reifende Jugend von 13—21 Jahren heranbringt.

Legt man dagegen Maßstäbe der Erwachsenen an diese Zeit, so müssen die Mängel stärker in die Augen fallen. Ungeschicklichkeiten und Ungelenkigkeit, durch die mangelnde Vertrautheit mit den größer und stärker gewordenen Bewegungsorganen verursacht, fallen auf, ebenso gelegentlich Schüchternheit und Scheu in ungewohnten Situationen, Trotz, kritisches und skeptisches Verhalten, oft auch übertriebenes Geltungsstreben, Ekstase und Fascination, Überschwang, ein Berauschtsein von Phrasen und Schlagwörtern, als ob damit die Lösung der Lebensrätsel gelingen müßte, eine absprechende Stellungnahme gegenüber früher angenommenen Werten, prinzipielle Opposition und Widersetzlichkeit gegen Zwang, die sich auch gegen kulturelle Werte richtet, kennzeichnet diese Phase, in der sich auch Ausartungen und Ausschweifungen aller Art einstellen als durchbrechender Protest und offene oder heimliche Revolte gegen das Minderwertigkeitsgefühl aus der Kindheit.

So scheint sich das Leben in der Pubertät mehr oder weniger scharf gegen die übrige Gesellschaft abzugrenzen, oft so scharf, daß manchen ein eigenes Recht und eine eigene Lebensform der Jugend in dieser Zeit als natürlich vorkommen. In den letzten Jahrzehnten treten Jugendorganisationen besonders auf deutschem Boden hervor, deren positiver Wert wohl im Zusammenschluß sichtbar ist, deren Kulturfeindlichkeit aber gelegentlich in ihrer Isolierung, in ihrer kämpferischen Stellungnahme gegen die „Elternschaft“ und in ihrer Flucht vor dem weiblichen Geschlecht hervortritt.

Eine unbefangene Betrachtung wird in der Zeit der Pubertät keine wesentlich neuen Kraftlinien entdecken. Alle hierher gehörigen Erscheinungen lassen sich zwanglos als fortgeschrittene Entwicklungsstadien erkennen, die ihre Vorbereitung in der Kindheit erfahren haben. Die Pubertätszeit mit ihrer Annäherung an die Front des Lebens, mit ihrer Reifung der Organe und mit ihrem Komplex gesteigerter körperlicher und seelischer erotischer Forderungen steht wie in einem Experiment den Zukunftserwartungen gegenüber. Die reifenden Kinder beziehen nun jene Stellung zum Leben und seinen gegenwärtigen und zukünftigen Forderungen, die durch ihre bisherige Schulung zu erwarten ist. In der gesellschaftlichen und mitmenschlichen Frage, in der Beziehung des Ich zum Du gelangen kameradschaftliche, freundschaftliche, weltanschauliche Züge zum Vorschein oder deren Widerspiel, je nach der Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls, das in der Kindheit gewonnen wurde. In der Richtung der Berufsergreifung merkt man Bewegungen der Annäherung oder der Ausreißerei, beides in dem Ausmaße, wie stark oder wie schwach der Glaube an die eigene Kraft gediehen ist. Die in früheren Jahren vorgenommene Wertung und Anschauung der Erotik, das erotische Ziel von früher, wird in der größeren Ungebundenheit und Freiheit, bei größerer Toleranz der Erwachsenen in den Bewegungen des Jünglings und des Mädchens um vieles deutlicher, und auf alle diese und andere Fragen der Pubertät erfolgen Antworten, die einer von langer Hand her angesponnenen Lösung näher kommen und niemals die Einschläge des bisher entwickelten Gemeinschaftsgefühls, des Geltungsstrebens und von Minderwertigkeitsgefühlen vermissen lassen.

Die mangelhaften Vorbereitungen aus der Kindheit bestehen zum größten Teil in unvollkommener Schulung fürs Leben, sei es in sozialer, beruflicher oder erotischer Richtung, und in einer Vernachlässigung eines selbständigen und selbstbewußten, mutigen Charakters. Das Leben in unserer Kultur erfordert Schulung und eine optimistische, entschlossene Haltung. Andernfalls sind Konflikte und Widersprüche unausweichlich. Sie zeigen sich bereits im Kindesalter, in der Schule, in der Familie, gegenüber den Kameraden und wirken gerade auf die Unselbständigen wegen deren größerer Empfindlichkeit und Unentschlossenheit verderblich, indem sie sie beharrlich in die Richtung eines vermeintlich geringeren Widerstandes drängen. Man findet dann häufig in der Pubertät, nahe der Front des Lebens, wo die Entscheidungen zu treffen sind, heimliche oder offene Abbiegungen von kulturellen Wegen, deren Sinn unzweideutig dahin gerichtet ist, einer Erprobung auszuweichen.

Hat man diesen Aussichtspunkt einmal gewonnen, unangenehm auffallende Gärungen der Pubertät als Kompensationsversuche, aus einem Schwächegefühl entsprungen, verstanden, dann löst sich vieles von dem, was man als Pubertätserscheinung, als Auswirkung der Pubertät, angesehen hat, in den Effekt einer fortschreitenden aber mangelhaften Entwicklung gegen das reife Alter hin, auf. Bei der fast allseits mangelhaften Vorbereitung im Kindesalter ist es nicht weiter verwunderlich, daß die Probe der Pubertätszeit zu Konflikten Anlaß gibt. Bei der fast allgemeinen Entmutigung der Jugend, an der die Mutlosigkeit großer Volksschichten, die Erziehung zur Feigheit, Verzärtelung oder Lieblosigkeit und die Belastung durch allzu große Erwartungen für die Zukunft die Hauptschuld tragen, ergibt sich im weitesten Ausmaße eine große Neigung zu Vorwänden, Ausreden und Ausflüchten gegenüber drängenden Forderungen.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die häufigen Bestrebungen, durch aufgepeitschte Konfliktssteigerungen Vorwände für die Flucht vor sozialen, beruflichen und Liebesfragen zu arrangieren. Nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche kommt es da oft zu Lebensformen, die eine Mimikry bedeuten und Stärke vortäuschen sollen. Es entbrennt ein oft sinnloser Kampf innerhalb der Familie, wertlose Kämpfe gegen wirkliche oder eingebildete Autoritäten ziehen alle verfügbaren Kräfte auf sich, Haß, Ekel und Interesselosigkeit gegenüber beruflicher Tätigkeit entspringen meist der Furcht vor Niederlagen, und die normale Liebesfähigkeit wird künstlich unterbunden durch ein andauerndes Training in der Richtung auf Perversionen, weil dort die eigene Überlegenheit sicherer gewahrt zu sein scheint. Ein tendenziös angefachter Ich-Kultus deutet auf die störende Drosselung des Gemeinschaftsgefühls, führt zu schädlicher Isolierung und ist stets in Verbindung mit Überempfindlichkeit und maßlosem Ehrgeiz, die immer wieder Anlaß zu Konflikten und zu stärkerer Isolierung geben.

In dieser kritischen Lage stellen sich als Zeichen der Rückwärtsbewegung zahlreiche nervöse Symptome ein, wie Zwangsneurosen, Hysterie, Neurasthenie, Angstneurosen und als Bild des völligen Zusammenbruchs das jugendliche Irresein. Auch der Weg in die Verwahrlosung und zum Verbrechen ist bei aktiveren Elementen, ebenso wie die Prostitution Ausdruck der Entmutigung gegenüber der normalen Rolle. Die Selbstmordziffern beginnen in der Zeit der Pubertät zu steigen, da der Hang zu mutlosen, aber rachsüchtigen Lösungen von Konflikten innerhalb dieses Typus leicht die Oberhand gewinnt.

Neben diesen unangenehm bemerkbaren Erscheinungen der Pubertät findet man immer auch gesteigerte Werte. Es zeigen sich Fortsetzungen und Fortschritte in allen möglichen Leistungen und Leistungsfähigkeiten. Die Selbständigkeit, die Verläßlichkeit, das Zusammengehörigkeitsgefühl treten stärker hervor. Lange geübte Vorbereitungen und Geschicklichkeiten äußern sich auch als erhöhtes Interesse, und der dauernde Erwerb von Fertigkeiten und deren Steigerung geben dem Leben des reiferen Menschen eine bestimmtere Richtung in bezug auf Tätigkeit und Beruf. Während scheinbare Begabungen für die Kunst und Wissenschaft in dieser Zeit oft verschwinden, steigert sich in anderen Fällen das schöpferische Können zu verblüffender Originalität. Die bisher gewonnenen Lebensformen treten mit wachsenden Kräften und im Kampfe um die Selbständigkeit in deutlicheren Umrissen zutage, und leitende Ideale, meist noch in Anlehnung an Gesehenes, Gehörtes und Gelesenes, weisen auf den Sinn des zukünftigen Lebens, das sich hier entfaltet.

Homosexualität.

Von Alfred Adler Wien.

Zusammenfassende Darstellungen.

Krafft-Ebing: Psychopathia sexual, Stuttgart. — Hirschfeld, M.: Jahrb. f. sex. Zwischenstufen. Stuttgart: J. Püttmann. — Bloch, Iwan: Beitrag zur Antiologie der Psychopathia sex. Dresden: Dohrn 1902. — Hirschfeld, M.: Sexualpathologie. Bonn: Marcus u. Weber 1922. — Freud, S.: 3 Abhandl. zur Sexualtheorie u. andere Schriften, Psychoanalytischer Verlag — Alfred Adler, über den nervösen Charakter, 3. Aufl. 1923, Praxis u. Theorie der Individualpsychologie, 2. Aufl. München: J. F. Bergmann 1924 und Zum Problem der Homosexualität. München: Reinhardt 1918. — Kronfeld, Arthur: Über Gleichgeschlechtlichkeit. Stuttgart: J. Püttmann 1922. — Schwarz, O.: Psychogenese und Psychotherapie körperlicher Symptome. Berlin: Julius Springer 1925. — Marcuse, M.: Handwörterbuch der Sexualwissenschaft.

Die Erscheinungen der Homosexualität lassen sich bis in die Anfänge der Kultur zurückverfolgen. Es sind uns Darstellungen päderastischer Akte aus den ältesten Zeiten erhalten. Zu manchen Zeiten, bei verschiedenen Völkern, artet diese Perversion zu einer Massenerscheinung aus. Allgemein bekannt ist ihre Verbreitung in manchen Gegenden des Orients und im alten Griechenland aus der Zeit der allgemeinen Hinneigung zum „griechischen Eros“. In unserer Zeit findet man allenthalben in allen Städten, auf dem Lande, bei hoch und niedrig, bei Männern und Frauen, in allen Altersstufen in allen Ländern vereinzelt Homosexuelle, die fast immer den Hang zeigen, Massenerscheinung zu werden, was durch ihre Vereinigung und Organisation namhaft unterstützt wird. Ihre große Verbreitung durch alle Länder und Zeiten trägt viel dazu bei, den Glauben an ihre Unabänderlichkeit zu festigen. Viele Forscher und Bekenner neigen sich der Meinung zu, als ob die Kultur zu einer Abschwächung des sexuellen Instinkts geführt hätte. Auch der Hinweis auf das Tierreich, wo angeblich nur bei domestizierten Lebewesen homosexuelle Akte beobachtet wurden, scheint diese Auffassung zu unterstützen, der wir uns nicht anschließen können. In neuerer Zeit sucht Freud durch die Annahme allgemein angeborener homosexueller Komponenten des Sexualtriebs die Häufigkeit homosexueller Neigungen zu erklären, die sich unter anderweitigen günstigen Bedingungen durchsetzen, sobald es zur Verdrängung normaler Sexualität kommt. In weiten Kreisen ist die Argumentation Freuds bekanntgeworden, nach welcher es die Kultur ist, die zur Verdrängung der Sexualität führt, während andererseits die Kultur aus verdrängter Sexualität entstehe.

Im Laufe der psychologischen Vertiefung in Einzelschicksale und in das Kinderseelenleben eröffnete sich das Geheimnis der überaus weitverbreiteten gelegentlichen Homoerotik und ihrer fragmentarischen Betätigung in beiden Geschlechtern. Neben der Masturbation und neben der Heterosexualität kommt es oft zu homosexuellen Akten oder Phantasien und Liebkosungen. Gelegenheit einerseits und Gefängnis, strenge Beaufsichtigung in Heimen, Konvikten, Kasernen oder im Familienheim, andererseits Verführung von Kindern durch Erwachsene usw. fördern fast regelmäßig den homosexuellen Anschluß. Aber auch bei Verehelichten und anderen Heterosexuellen findet man öfters gleichzeitige Ausübung dieser Perversion. Alle möglichen Varianten, Fellacio, Päderastie, mutuelle Onanie kommen zusammen oder isoliert vor. Bevorzugt wird mutuelle Onanie. Häufig bleibt es bei Exhibitionismus, Liebkosungen und Phantasien.

Nicht selten fanden die Beobachter andere sexuelle Perversionen gleichzeitig vor, wie Sadismus, Masochismus und Fetischismus. Neurotische und psychotische Zustandsbilder wurden oft als Beigabe oder als Grundlage beschrieben. Ich habe niemals den Einschlag einer Neurose, Zwangs- oder Angstneurose vermißt4. Auch Verknüpfungen mit Morphinismus und Cocainismus sind nicht vereinzelt.

Seit jeher hatten sich den Forschern der Neuzeit einige gemeinsame Beobachtungen aufgedrängt:

  1. Der Habitus.
  2. Das Benehmen.
  3. Anomalien der Geschlechtsorgane.
  4. Geringschätzung des anderen Geschlechts.
  5. Homosexuelle Träume und Phantasien.
  6. Frühzeitige Anzeichen in der Kindheit.
  7. Familiäres Vorkommen.

Bis in die letzten Jahrzehnte erhielt sich die Annahme, daß die Homosexualität ihre Ursachen in Lasterhaftigkeit, Übermut und Übersättigung habe. Spät erst gewannen die Ärzte Klarheit darüber, daß es eine große Anzahl von Homosexuellen gäbe, die sich gegen ihre Neigung aufs heftigste wehren und Heilung suchen.

Die obigen Feststellungen und diese Erfahrung bewirkten, daß man an angeborene Faktoren zu glauben begann. Da wohl nie ein einwandfreier Fall von geheilter Homosexualität weiteren Kreisen bekannt wurde, gewann diese Auffassung an Boden. An die ungleich zahlreicheren Fälle von „überstandener Homosexualität“ hatte man vergessen. Als später Heilungen vorkamen und publiziert wurden, entschloß man sich zu einer weiteren Annahme. Krafft-Ebing war vielleicht der erste, der eine erworbene Homosexualität von der angeborenen unterschied, und er verfiel auch auf die Idee eines weiblichen Gehirnteiles bei männlichen Homosexuellen. Binet und Schrenck-Notzing hielten sich, wie später Freud, an die Annahme eines sexuellen Traumas oder Erlebnisses in der Kindheit, dessen Fixation die spätere Richtung des Geschlechtstriebes bedingen sollte. Freud kam im Laufe seiner späteren Forschung zur Anschauung, die Homosexualität sei ursprünglich verdrängter, später neubelebter Anteil der Libido und finde sich als Neigung und Phantasie vielleicht bei allen Nervösen. Steinachs Anschauungen und Heilversuche berühren sich mit den Annahmen Krafft-Ebings, Magnus Hirschfelds und Weiningers und verlegen die Ursache der Homosexualität in die Mangelhaftigkeit der entsprechenden Keimdrüsen. Am bekanntesten ist Magnus Hirschfelds „Zwischenstufentheorie“ geworden. Seine Auffassung geht dahin, daß die körperlichen und seelischen Ausdrucksformen bei Mann und Frau von den Hormonen „Andrin und Gynäcin“ abhingen, deren Zusammenwirken hermaphroditische und homosexuelle Erscheinungen entstammten. Ich habe im Jahre 1914 als Ergebnis zahlreicher Untersuchungen und Nachprüfungen feststellen können, daß die Homosexualität immer aus psychischen Quellen stamme, wobei körperliche Eigenarten Vorschub leisten können. Kraepelin äußert die gleiche Meinung, daß die Homosexualität durch exogene Faktoren bedingt sei. Holl gesteht einem Teil der Fälle endogene Ursachen zu, hält aber Psychotherapie für notwendig. Ältere Anschauungen, wie die von Naecke, Kiernau, Havelock Ellis u. a., stehen wie die Hirschfelds auf dem Boden der Bisexualität und schuldigen unvollständige sexuelle Differenzierung an.

Wie wir sahen, bedeutete es einen Wendepunkt in der Auffassung der Homosexualität, als man so viele Pervertierte kennen lernte, die ihre Perversion als eine schwere, ja unerträgliche Marter empfanden und um jeden Preis befreit sein wollten. Ich habe gezeigt, daß die Homosexuellen, die über ihre „unglückliche Veranlagung“ klagen, damit eigentlich recht wenig leisten zur Beseitigung ihres Übels, ja daß sie vielmehr aus der Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen und aus der Demonstration ihres guten Willens auf die Unrettbarkeit schließen und sich so Milderungsgründe und Rechtfertigungen sichern. Ich stieß auch regelmäßig auf die Tatsache, die sich freilich erst aus der Betrachtung der ganzen Persönlichkeit ergibt, daß der Stolz anderer Homosexueller auf ihre „Andersartigkeit“ die Kompensation auf ein tiefsitzendes Minderwertigkeitsgefühl und Schwächegefühl der Frau gegenüber darstellt, die sich auch in der Mißachtung der Frau eine fiktive Genugtuung verschafft. Bezüglich der Annahme von „fixierten Erlebnissen“ erwies sich mein Zweifel als vollberechtigt. Und meine Fragestellung lautete bei den hierher gehörigen Fällen: Welche Umstände sind es, die die Fixierung besorgen?

Wir können nun einer weiteren Frage näher treten. Woher kommt es, daß die meisten Menschen gegenüber der Homosexualität eine affektiv feindliche Stellung einnehmen? Daß sie sie zumindestens als Sünde, Laster, als Verbrechen empfinden und daß sie in den meisten Kulturländern als sträfliches Delikt behandelt wird? Freud und seine Anhänger begnügen sich mit der Antwort: Weil die anderen Menschen ihre Homosexualität verdrängt oder sublimiert haben. Diese Erklärung ist an sich unwahrscheinlich, sicherlich unbeweisbar, ist nicht aus den Tatsachen geholt, sondern aus der psychoanalytischen Theorie. Denn schon die Logik des menschlichen Zusammenlebens, der Drang zur Erhaltung des Menschengeschlechts, kurz das dem Menschen innewohnende Gemeinschaftsgefühl zwingt zu energischer Abwehr. Daß diese durch eine Strafhaft, einer neuerlichen Entfernung aus der Gemeinschaft zweckdienlich geleistet werden könnte, ist freilich ein Irrtum unserer Kultur. Auf dauernde Anerkennung aber, wie sie vielfach angestrebt wird, kann die Homosexualität nicht rechnen, ebensowenig wie der Inzest oder Vergehen gegen die Allgemeinheit. Von der Zukunft erwarten wir zunächst eine richtigere Stellung zu diesem Problem, eine freiwillige Entschließung des Straffälligen zum Heilverfahren.

Die Erörterung der obigen 7 Hauptargumente zugunsten einer angeborenen Homosexualität werden uns in allen Fällen deren Unhaltbarkeit ergeben.

  1. Der Habitus der homosexuellen Männer wird vielfach als weiblich geschildert, der solcher Frauen als männlich. Hauptsächlich kommen hier der Teint, das Becken, die Stirne, die Brüste, die Bart- und Schamhaare, die Stimme, die Hände und Füße in Betracht. Das häufige Vorkommnis dieser Anomalien im Zusammenhang mit Homosexualität kann nicht geleugnet werden. Es betrifft öfters die passiv homosexuellen Männer und die aktiv homosexuellen Frauen. Sie deuten als sekundäre Geschlechtscharaktere auf angeborene oder frühzeitig erworbene Keimdrüsenstörungen hin. Man findet die gleichen Erscheinungen aber so oft bei völlig Normalen, daß ihre ausschlaggebende Bedeutung für die Entwicklung zur Homosexualität mit Recht bestritten werden kann. Dieses variierende Verhalten bei gleichem körperlichen Befund legt vielmehr die Erkenntnis nahe, daß es bei der erotischen Stellungnahme sich gar nicht um die körperlichen Tatsachen handelt, sondern wie sie der Träger auffaßt und was er sich davon verspricht. Ich habe einige Männer mit weiblichem, öfters richtiger kindlichem Typus gesehen, deren äußere Genitalien gänzlich verkümmert und unbrauchbar waren, ohne daß je homosexuelle Regungen aufgetreten wären. Daß man sie aber hätte verführen können, bezweifle ich ebensowenig, wie ich es bei Kindern und Häftlingen bezweifle.

Die meisten Homosexuellen zeigen jedoch den durchschnittlich normalen Typus. Andere wieder zeigen sich in ihrem Habitus als hervorragende Repräsentanten ihres Geschlechts. Nichts weist auf Keimdrüsenanomalien hin. Sie lassen ihre körperliche Beschaffenheit offenbar nicht als Gegenbeweis gelten.

  1. Bezüglich des Benehmens der Homosexuellen können wir uns kürzer fassen. Was im Habitus als körperliche Eigenart den Schein der Andersgeschlechtlichkeit hervorruft, eigentlich aber erst durch seine Verwendung zum homosexuellen Endziel einen neuen Sinn5 und Würde erlangt, machen hier einstudierte und seit langem trainierte Bewegungen aus, die nach dem Muster des anderen Geschlechts gearbeitet sind, um nachträglich noch als Beweismittel Anspruch zu erheben. Und wieder ist es nicht gerade eine Überzahl der Homosexuellen, die über diese Mittel verfügen. Man findet vielleicht ebenso oft das dem Geschlechte zugehörige Gebaren. Es sind Entlehnungen zu einem bestimmten Zweck, schauspielerische Darstellungen, ein geziertes Wesen, schmachtende Blicke, gespielte Ängstlichkeit, Anlehnungsbedürftigkeit, Koketterie bei Männern, burschikose Haltung, Zynismus, Draufgängerei, Befehlshaberei bei Frauen. Daß man also Homosexuelle aus ihrem Benehmen erkennt, ist nicht weiter verwunderlich, ebensowenig daß sie sich gegenseitig erkennen: sie geben es einem zu verstehen.

  2. Anomalien der Geschlechtsorgane sind vielfach in der Literatur verzeichnet. Man findet sie bei Normalen nicht minder häufig. In meiner Studie „Über Minderwertigkeit von Organen“ (Urban & Schwarzenberg, Wien 1907) bin ich zu dem Schlusse gekommen, daß vielleicht alle Organminderwertigkeiten von Minderwertigkeitszeichen der Sexualorgane begleitet sind. Kehrt man diesen Schluß um, so ergibt sich, daß bei Anomalien des Sexualorgans auch andere Organsysteme minderwertig sind, so daß die ganze biologische Stellung des Individuums leicht zu einem Schwächegefühl Anlaß gibt. Dieses Schwächegefühl äußert sich zumeist in einer verstärkten Sicherungstendenz und Vorsicht den Lebensproblemen gegenüber, führt in besonderen Fällen zur Ausschaltung jeder Lösung oder zu günstiger scheinenden Lösungsversuchen. Im Zusammenhang mit allen anderen, kritisch erfaßten Tatsachen ergibt sich nun der Schluß, daß die Homosexualität ein Lösungsversuch schwachmütiger Menschen ist, die um das Sexualproblem herumkommen wollen. Auch im Hinblick auf die erwähnten Genitalanomalien bestätigt sich diese Auffassung, da niemals die Tatsache einer Phimose oder einer vergrößerten Klitoris für die Wendung zur Homosexualität entscheidend ist, wohl aber die irrtümliche Auffassung des betreffenden Menschen, er sei für die Norm mangelhaft ausgerüstet, von Bedeutung sein kann.

  3. Die frühzeitige Geringschätzung des anderen Geschlechts kann nur bei oberflächlicher Betrachtung als Causa movens oder als Zeichen angeborener Homosexualität gedeutet werden. Sie ergibt sich vielmehr als tendenziöse Sicherung gegen die Norm, zu deren Aufbau die mannigfachsten Erfahrungen und Erlebnisse des Kindes, soweit sie dazu brauchbar sind, als Stützpunkte dienen. Ist es da einmal der übergroße Respekt und die Furcht vor dem andersgeschlechtlichen Elternteil, der generalisierend wirkt und eine dauernde Abwendung hervorruft, so kann in der gleichen Position eine starke Verzärtelung und einseitige Bindung zum Ausweichen Anlaß geben in der Befürchtung, nie wieder einer gleichen Wärme teilhaftig zu werden. Bei unsicheren Knaben wirkt vielfach die der Frau meist abträgliche Schilderung und ihre fast feindselige Darstellung in der gesamten Literatur, von der Bibel angefangen, bei Mädchen die reichlich gehörten Übertreibungen von den Schmerzen und Gefahren der Sexualität, des Gebärens, von der Zaubermacht der Liebe und des Mannes, von der Schwierigkeit der Ehe und von der Unverläßlichkeit der Männer in verstärkendem Sinne.

Das unsichere Kind wird alle diese Wahrnehmungen leichter zum Anlaß nehmen, seine Vorbereitungen zur Liebe ausweichend zu gestalten. Im Laufe eines längeren Trainings sieht es schließlich nur die Schattenseiten des anderen Geschlechts.

  1. Manche Autoren erblicken im Auftreten homosexueller Träume und Phantasien einen Beweis für die Angeborenheit oder Unabwendbarkeit homosexueller Entwicklung. Es ist das eine kühne aber unrichtige Annahme, deren Aussprechen in Wort und Schrift viel zur allgemeinen Versteifung der Homosexualität beiträgt wie andere Annahmen auch. Seitdem die Wissenschaft Träume und Phantasien als bildliche Ausdrucksformen seelischer Bewegungsformen festgehalten hat — und das ist schon geraume Zeit her —, müßte man vielmehr die Bewegung in ihnen zu erfassen trachten, die ein Arrangement des Individuums bedeuten, nicht aber feststehende Tatsachen, ein Sollen und nicht ein Sein. Auch Freud, dessen Traumdeutung ein wichtiger Fortschritt war, hat diesem Umstand zu wenig Rechnung getragen. Seine unausrottbare Neigung, hinter allen Darstellungen des Traumes sexuelle Wünsche zu finden, in ihnen vor allem Sexualsymbole, hinderte ihn auch, sexuellen Ausdrucksformen des Traumes ihre allgemeinere Bewegungslinie zu entnehmen. Da demnach der Traum, wie ich feststellen konnte, ein probeweiser Anschlag ist und die Bedeutung eines Trainings besitzt, so sind homosexuelle Träume und Phantasien, wenn sie nicht Sexualdialekt für andere Beziehungen des Lebens darstellen, höchstens als Versuch zu verstehen, einer vermeintlichen Homosexualität Vorschub zu leisten, was nicht gerade auf große Sicherheit schließen läßt.

In diesem Zusammenhang müssen wir auch ein weiteres, höchst bedeutsames Training des Homosexuellen im Wachen erwähnen, das einen Hauptstützpunkt für diese Perversion abgibt, meist aber fälschlich als Beweis gilt: der ständig von dem anderen Geschlecht auf das eigene abgelenkten Aufmerksamkeit. Dies ist der wichtigste Weg, der zur Schablonisierung, zur Mechanisierung der Homosexualität führt.

  1. In der Tat berichten die Homosexuellen oft, daß sie seit frühester Kindheit bereits eine ganz einseitige Zuneigung zum selben Geschlecht gezeigt hätten, oder daß sie Gewohnheiten und Spiele des anderen Geschlechts auffällig bevorzugt hätten. Diese Vorliebe ist sicherlich nichts anderes als eine schlechte Vorbereitung für die wirkliche Geschlechtsrolle und kann oft aus den Situationen der Kindheit verstanden werden. So wird man bei schwächlichen, vielleicht einzigen Kindern Erziehungsfehler überwuchern sehen, die einen Knaben in die Nähe einer Mädchenrolle rücken. Diese unpassende Rolle kann erheblich verstärkt werden, wenn sich das Kind lange Zeit seiner wirklichen Geschlechtsrolle nicht bewußt ist, oder wenn ihm aus der Verzärtelung heraus eine Passivität angezüchtet wird, die in der Mädchenrolle leichter Befriedigung zu finden hofft. Bei Mädchen ereignet es sich häufig, daß der vorgefaßte Wunsch der Eltern, einen Knaben zu besitzen, so stark in die Erziehung einschlägt, daß ihnen förmlich die Knabenrolle aufgedrängt wird. Frühzeitige, auch sexuell geweckte Zärtlichkeit für das gleiche Geschlecht ist überaus häufig, auch leichter zu erlangen und zu befriedigen, während frühzeitiger normaler Sexualverkehr unter ungleich schwereren Bedrohungen steht und meist so schwer geahndet wird, so daß auch die mit der Norm verbundenen Gefahren die Frühreifen vom anderen Geschlecht abschrecken. Wie sich diese frühen Anzeichen mit den obigen unzureichenden Beweisstücken einer angeborenen Homosexualität verbinden, liegt auf der Hand.

  2. Manche Autoren finden einen weiteren Beweis für ererbte Homosexualität im familiären Vorkommen dieser Perversion. Sieht man näher zu, so findet man, daß die Schwachmütigkeit und Unsicherheit der gleichgestimmten Familienmitglieder sie auf den gleichen Weg geführt hat, oder daß eine einheitliche fehlerhafte Familientradition in der Erziehung zu gleichen oder ähnlichen Resultaten den Anlaß gegeben hat. So besonders, wenn sich in einer Familie seit längerer Zeit eine krankhafte Verzärtelung oder besondere Strenge forterbt. Ich habe öfters perverse Kinder bei Schwestern gefunden, die sich gleichmäßig durch Strenge und Herrschsucht auszeichneten.

Aus unserer Darstellung geht zur Genüge hervor, daß die Homosexualität einen Fehlschlag bedeutet in der Erziehung zum Mitmenschen. Die mangelhafte Vorbereitung für seine Geschlechtsrolle, die fehlerhaften Grundlagen seiner Erziehung, die unrichtige Deutung körperlicher Mängel kommen bei der individualpsychologischen Untersuchung des Patienten klar zum Vorschein. Scharf über sich hinausweisend bedeutet dieses Leiden eine Ausschaltung des anderen Geschlechts und damit der Erhaltung des menschlichen Geschlechts. Deshalb wird es mit Recht als kulturwidrig empfunden. Da es die Ausdrucksform einer starken Entmutigung und eines hoffnungslosen Pessimismus ist, die sich mit dem Leben in einem kleineren Kreis, fern vom anderen Geschlecht, abfinden können, wirkt jede stärkere Erschwerung des Lebens, jede allgemeine Steigerung der Unsicherheit in den menschlichen Beziehungen steigernd auf die Zahl der Homosexuellen und macht sie zur Massenerscheinung. Aus geschichtlichen Betrachtungen ergibt sich mir in diesem Zusammenhang als Tatsache, daß in Zeiten, in denen die Frau stärker in den Vordergrund des öffentlichen Lebens tritt, das große Heer der schwachmütigen Männer mit Vorliebe die Distanz zur Frau zu vergrößern trachtet und neben anderen Sicherungen auch in der Homosexualität einen Rettungsbalken sucht.

Heilungen und Besserungen gelingen durch psychische Beeinflussung. Man soll in älteren Fällen nicht leichte Arbeit erwarten. Die Aufgabe ähnelt vielmehr einer anderen: einen Feigling, der auszubrechen sucht, so weit zu bringen, daß er die Forderungen des Lebens ohne Einschränkung auf sich nimmt. Andere therapeutische Versuche, auch die Hormontherapie, Einpflanzungen von Keimdrüsen usw. scheinen keine ermutigenden Resultate ergeben zu haben. Ich selbst sah einige mißlungene Fälle. Immerhin beobachtet man bei leichteren Fällen oft Selbstheilung. Unter dem ermutigenden Einfluß irgendwelcher Prozeduren können immerhin Heilungen zustande kommen. Sucht man der einfachsten und umfassendsten Formel für ein Verständnis der Homosexualität, so läßt sich feststellen: die Homosexualität ist ein mißratener und mißverstandener Notbehelf.

Sadismus, Masochismus und andere Perversionen.

Von Alfred Adler Wien.

1. Sadismus und Masochismus.

Zusammenfassende Darstellungen.

Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis. Stuttgart. — Moll u. H. Ellis: Die Funktionsstörungen des Sexuallebens. Leipzig 1912. — Schrenck-Notzing: Die Suggestionstherapie bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes. Stuttgart 1892. — Marquis de Sade: Justine. — Freud: 3 Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1923, und Traumdeutung, 1924. Psychoanalyt. Verlag. — Allers: Psychologie des Geschlechtslebens. München: Reinhardt 1922. — Adler: Über den nervösen Charakter, 3. Aufl., u. Praxis und Theorie der Individualpsychologie, 2. Aufl. München: J. F. Bergmann 1923. — Bloch: Beiträge zur Ätiologie der Psychopathia sexualis. Dresden: Dohrn 1902. — Eulenburg: Sadismus und Masochismus. 2. Aufl. Berlin: Julius Springer 1911.

Der Name „Sadismus“ knüpft an den berüchtigten Marquis de Sade an, dessen Greueltaten während der französischen Revolution zu seiner Verhaftung durch die Jakobiner führten. In seinen Büchern, wie in der „Justine“, finden sich die wohl widerlichsten Schilderungen sexuell-grausamer Untaten. Den Begriff „Masochismus“ hat Krafft-Ebing nach dem Namen des Schriftstellers Sacher-Masoch geprägt, dessen Leben und dessen Romane Charakterzüge aufweisen, wie sie der Hörigkeit des Mannes und seiner gewollten Unterwerfung unter die starke Frau entsprechen. Die hierher gehörigen Erscheinungen haben in den letzten Dezennien die Öffentlichkeit häufig beschäftigt und gaben nicht selten den Gerichten und den Gerichtsärzten Anlaß, sich mit ihnen zu befassen. Der Ausdruck „passive und aktive Algolagnie“, den Schrenck-Notzing gewählt hatte, deckt sich vollkommen mit den obigen Begriffen. In den Kulten des Altertums, in geheimen Zirkeln der Gegenwart und auch vereinzelt finden wir die eine oder die andere dieser Perversionen. So wie bei den Anhängern der Homosexualität besteht auch bei den von der vorliegenden Perversion Ergriffenen die Neigung sich heimlich zusammenzufinden, um ihre Neigungen mit gegenseitiger Hilfe zu befriedigen. Die Prostitution spielt dabei eine große Rolle, weil die Prostituierten mit oder gegen ihren Willen sich den Wünschen der Sado-Masochisten anpassen, bald als sadistischer, bald als masochistischer Partner auftreten und meist über ein ganzes Lager von Peitschen, Riemen, Fesseln usw. verfügen. Auch unter dem Deckmantel der Massage oder des „strengen Unterrichts“ bieten sich nicht selten die Diener am Werk an.

Vielleicht häufiger als alle anderen Formen der Algolagnie findet man sadistische und masochistische Phantasien. Sie entstehen meist schon in der Kindheit, im 6. oder 7. Lebensjahre. Zuweilen sind es Märchen und Geschichten grausamen Inhalts, bei deren Anhören deutliche sexuelle Gefühle bemerkbar werden. Oft sind es Schläge, bei denen sexuelle Gefühle wachgerufen werden und die Phantasie mit Bildern des Schlagens oder des Geschlagenwerdens erfüllen. Zeichen der Sexualität, Lustgefühle, Erektionen, Masturbation sind bei diesen Fällen ziemlich weit in die Kindheit zurückreichend.

Es ist natürlich Sache der Terminologie, ob man Charakterzüge weitgehenden Gehorsams und der Dienstbeflissenheit ohne Beimengung sexueller Gefühle ebenfalls als masochistisch bezeichnen will. Ebenso ist es ein Akt der Willkür, die weibliche Lebensform durchgängig zum Masochismus zu rechnen, die männliche mit ihrer deutlicheren Aktivität in der Werbung und im Liebesverkehr als sadistisch zu bezeichnen. Ebensowenig können wir die Anschauung, die in der Freudschen Lehre wiederkehrt, als ob alle grausamen Akte Einzelner, Cäsarenwahn, Massenmörder, Brandstifter, und ganzer Völker dem Sadismus, Stigmatisierte und Hypnotisierte dem Masochismus zugehörten, als gerechtfertigt ansehen. Wo sich indessen der Sexualtrieb zu aggressiven oder duldenden Attitüden gesellt, dort bildet er freilich eine gewaltige Verstärkung. So leicht es uns fällt, aus Phantasien und aus erotischen Tatbeständen, wie erotisch verknüpften Schlägen, Geschlagenwerden, Fesselungen, Vergewaltigungen, Lustmord, die Zwangsneurose der Algolagnie zu erschließen, so schwer ist es bei Abwesenheit von Lustgefühlen manchmal aus Träumen, aus schlechten Gewohnheiten und Traditionen, aus Neigung zum Raufen und Prügeleien solchen Schluß zu ziehen. Die Neigung von Kindern und Erwachsenen, bei Greuelszenen anwesend zu sein, Tiere zu quälen, gruselige Geschichten anzuhören, stammt oft ausschließlich aus der Tendenz, eine als schwachmütig empfundene Weichheit durch ein Training zu beseitigen. Einen sicheren Schluß läßt dann immer eine psychologisch geführte Untersuchung der Gesamtpersönlichkeit zu.

Die Ausartungen des Sado-Masochismus gehören wohl zu den scheußlichsten Verirrungen. Und nur die ärztliche Pflicht vermag es über den Ekel wegzukommen und gerecht und objektiv zu bleiben bei der Anhörung oft der widerlichsten Situationen, die der Menschengeist ersinnen konnte. Beschmutzung in allen Varianten, Urinentleerung und Defäkation in alle möglichen Körperteile des Masochisten und des Opfers des Sadisten, in der Phantasie und in der Wirklichkeit, sind nicht gar so seltene Vorkommnisse. Es wird einem schwer, angesichts solch ausgesuchter Raffinements dieser Kranken ernst die Auffassung zu diskutieren, als ob angeborene Faktoren oder eine Störung der Drüsenfunktionen unmittelbar derartigen Ausdrucksformen zugrunde liegen könnten. Die psychische Bedingtheit solcher Extravaganzen ist so wenig von der Hand zu weisen, daß die folgenden Beweisstücke nahezu überflüssig werden. An diesen Erscheinungen zerschellt jeder Versuch einer biologischen, jeder sexuell-konstitutionellen, jeder kausal gerichteten und jeder naturwissenschaftlichen Theorie.

Dagegen wird jede Theorie der Perversionen mit jenen Feststellungen zu rechnen haben, die aus den psychologischen Untersuchungen stammen. In erster Linie mit der Tatsache, daß die vorliegenden sexuellen Sonderbarkeiten mit der Eigenart der Gesamtpersönlichkeit übereinstimmen. Einen richtigen Mitmenschen wird man bei diesem Typus wohl niemals finden. Es ist nicht bloß die erotische Frage, die in solchen Fällen mangelhaft gelöst erscheint, sondern auch die beiden anderen großen Lebensfragen, die der Gemeinschaft und die des Berufes, erscheinen in bedenklicher Weise einer Lösung entzogen. Ein gewisser Grad von Entmutigung, eine pessimistische Weltanschauung liegt der Ausbildung der ganzen Persönlichkeit zugrunde und bewirkt, daß alle Leistungen aus einem Schwächegefühl und nicht aus einem Gefühl der Stärke abstammen. Mängel in der Verträglichkeit, in der Kameradschaft, in der Freundschaft, in der Geselligkeit sind immer wahrzunehmen und lassen sich bis in die Kindheit zurückverfolgen. Der verminderte Kontakt mit den Menschen ist eine Tatsache von so weittragender psychologischer Bedeutung, daß alle Erkenntnisse einer „Tiefenpsychologie“ oder einer „verstehenden Psychologie“ sie nicht erschöpfen können. Auch durch äußere Erfolge eines solchen Patienten, die oft aus anderen als den eigenen Kraftquellen herkommen, darf man sich nicht täuschen lassen. Ebenso findet sich gelegentlich übertriebener Familiensinn oder ausschließliche Hinneigung zu einem der Elternteile als Folge der ängstlichen und vorsichtigen Ausschaltung der übrigen menschlichen Gesellschaft.

Im Einklang mit dieser „Distanz zur Front des Lebens“ steht auch die Ausschaltung des normalen geschlechtlichen Partners und des normalen geschlechtlichen Verkehrs. Und die autobiographischen Äußerungen des Patienten, die immer bis in die Kindheit zurückreichen, verraten uns nicht, wie die Autoren meist annahmen, angeborene Triebrichtungen, sondern vielmehr ein altes, fehlerhaftes Training. Auch die normale Stellungnahme geht nur unter einem fortgesetzten Training vor sich, bei dem ununterbrochen Erlebnisse gesucht und die Phantasie beansprucht werden. Die Entwicklung zum Sadismus und Masochismus hat immer eine verständliche Vorgeschichte und geht unter mannigfachen Schwankungen vor sich. Nur das Ziel bleibt bestehen: die vorsichtige Ausschaltung und Entwertung der Norm. Innig damit verbunden ist der andauernde Versuch, sich gegen anfängliche Hemmungen abzuhärten, Anomalien oder auch Scheußlichkeiten liebzugewinnen und sie auszugestalten. So gestaltet sich mit der Zeit eine festgefügte Sicherung, eine Stütze und ein Rettungsbalken gegenüber der Norm, die über alles Maß zu gehen scheint. „In Flucht geschlagen, glaubt er zu jagen.“ Zu diesem Zwecke geht die Entwicklung der Perversion den der Gesamtpersönlichkeit einleuchtendsten Weg. Wie wenig Kausalität oder gar angeborene Triebanomalie in diesen Ausdrucksformen steckt, zeigen uns die häufigen fließenden Übergänge aus Sadismus in Masochismus, aus Homosexualität in Masochismus oder Sadismus. In jedem Menschen sind Züge von Trotz und Gehorsam, von Herrschsucht und Unterwerfung zu finden, die dem Streben nach Geltung dienen. So erklärt sich das gemeinsame Vorkommen von Sadismus und Masochismus auf der Fluchtseite des Perversen.

Als weiteren, sichergestellten Befund müssen wir anführen: frühzeitige sexuelle Erregungen bei Erlebnissen und Phantasien, die den Affekt der Angst auslösen. Es scheint mir eine nicht zu leugnende Tatsache zu sein, daß die Angst nicht bloß die Nervenbahnen des Herzens, des Darmes, der Blase, der Schweißdrüsen usw., sondern auch des Geschlechtsapparates erregen kann. Wie mir scheint, betrifft dieser Zusammenhang nur einen bestimmten Typus der Menschheit oder hat nur bei ihm eine deutliche Ausprägung. Vielleicht liegt hier ein Minderwertigkeitszeichen vor, wie ich ähnliche in meiner „Studie über Minderwertigkeit von Organen“ beschrieben habe. Die Plausibilität eines Zusammenhanges von Angst und Libido wird freilich den diesem Typus angehörigen Personen leichter einleuchten als anderen. Es ist aber eine starke Verlockung in diesem körperlich-seelischen Zusammenhang gelegen, sich in gefahrdrohende, verbotene Situationen zu begeben, sie in Wirklichkeit oder in der Phantasie heraufzubeschwören oder sich in eine Angstsituation eines anderen hineinzufühlen. Besonders ausgestaltet fand ich hierhergehörige Gedankengänge oft bei Mädchen, die sich gern die sexuelle Frauenrolle als ein Geschlagenwerden ausmalen, bei ihrer Phantasie verharren, der Verwirklichung aber unter allerlei Vorwänden aus dem Wege gehen. Der Sexualtrieb kann durch eifrige Übung an alle möglichen äußeren Situationen und Ziele angeknüpft werden, sobald das normale Ziel aus Furcht vor Niederlagen ausgeschaltet wird. Die hier betonte Schwachmütigkeit bei Perversen wird man uns betreffs der Masochisten gern glauben. Wir müssen für sie auch einstehen bezüglich der Sadisten. Immer sind Kinder oder Wehrlose die Opfer, immer bewegt sich ihr Sexualwunsch in der Richtung des geringsten Widerstandes.

Die Freudsche Schule und ihre Vorläufer haben eine große Neigung, den Sadismus biologisch, als konstitutionelle Triebkomponente, dem männlichen Sexualtrieb verwandt und zugehörig anzusehen, ebenso den Masochismus als mit dem weiblichen Sexualtrieb „gekoppelt“. Seit den Romantikern (Bader z. B.) und noch länger ist es ein häufig geübter Brauch, auch in der Wissenschaft — im Volke war dies immer der Fall — in ein neutrales Geschehen Machttendenzen oder Sexualbeziehungen hineinzudeuten, ohne das eigene Vorurteil, die eigenen „unbewußten“ Voraussetzungen ihrer Erwägungen zu verstehen: daß alle menschlichen Ausdrucksformen in einem sozialen Zusammenhang stehen, und daß im Seelenleben immer das Streben nach Macht, nach Geltung und Sicherheit irgendwie zum Ausdruck zu gelangen trachtet. In ihrem Sexualleben aber antworten die Menschen auf die stets drängende Frage einer Stellung zur menschlichen Gesellschaft, zum anderen Geschlecht und zur Frage ihrer eigenen Geltung, immer liegt im Sexualverhalten die Linie klar zutage, wie einer zur Anpassung, zur Geltung, zur Anerkennung, zur Überlegenheit und Sicherheit zu gelangen trachtet, wie er sein Wertgefühl innerhalb der Gesellschaft und sub specie aeternitatis zu steigern sucht.

Bei einer bewußten Erfassung dieser Tatsachen ergeben sich folgende Einblicke. Sadisten wie Masochisten (wie alle Perversen) bewegen sich auf der Linie der Schwachmütigen. Erstere suchen wenigstens den Schein der Macht, einer heimlichen, oft unbewußten Übermännlichkeit in einer Situation unbestrittener Überlegenheit. Den Masochisten finden wir beim überbetonten Bekenntnis seiner Schwäche.

Letzteres kann im menschlichen Seelenleben niemals Endergebnis, niemals einen Ruhepunkt bedeuten. Der Masochismus weist stets über sich hinaus, drängt zur Ausschaltung der Norm oder setzt sich in den Sadismus fort und ist eine Verquickung der Sexualität mit einem Gefühl der Erniedrigung, das Wert und Bedeutung der Sexualität zu fälschen trachtet, das aber Beruhigung darüber schafft, daß ernstere erotische Bindungen ausgeschlossen bleiben. Die Sehnsucht nach „Konfliktlosigkeit“ (Seif) treibt sie auf diesen falschen Weg, das verminderte „Selbstwertgefühl und dessen Störungen“ (Weinmann) erscheint in ihrer Perversion.

Aber selbst in dieser schwächlichsten Manifestation des Seelenlebens, die gelegentlich wie bei der Flagellation in Bußgedanken eine lächerliche Rechtfertigung sucht, im Masochismus, fehlt die kompensierende Linie nach aufwärts niemals. In ihr liegt aktiv abweichende Haltung gegen den Partner, dessen Stigmatisierung als Unterdrücker, Peiniger, Besudler offen zutage, immer auch Anklage und Verurteilung der Unterdrückung in der Kindheit, der Natur und der menschlichen Gesellschaft, die solche Mängel und Pein zulassen. Regelmäßig findet man auch kritisches, herabsetzendes Verhalten gegen die anderen und Tendenz zur Isolierung. Die Kompensation geht also in die Richtung einer Gehässigkeit.

Die aus der Psychologie fließende Menschenkenntnis setzt uns bald in die Lage, eine weitere Kompensation ausfindig zu machen, derentwillen der Masochismus unmittelbar als scheinbare Machtposition erfaßt und „fixiert“ wird. Der Partner verfällt nämlich dem Diktat des Masochisten und teilt sich mit ihm in der unsozialen, oft widerlichen Rolle.

Nun müssen wir aber auch der Versuche gedenken, die von anderer Seite gemacht wurden, um dem Rätsel Sadismus-Masochismus auf die Spur zu kommen, und damit allen anderen Perversionen. Am bekanntesten ist die aus der französischen Schule stammende Anschauung von der „Fixierung kindlicher sexueller Erlebnisse“. So verlockend sie auch erscheint, sie scheitert an der Frage, warum gerade dieses eine Erlebnis, nicht andere fixiert wurde. Oder, wie Wexberg sagt: ein Kind, das derartige Erlebnisse fixiert und ausgestaltet, ist bereits neurotisch und zeigt im weiteren nur die Ausgestaltung zur Neurose.

Freuds Hypothese, alle nervösen Erscheinungen, die Neurosen inbegriffen, seien Regressionen auf ein früheres biologisches Stadium der Sexuallibido, bezieht seine Kraft aus einem geschichtlichen oder physikalischen Vergleich: Zurückfluten einer Kraft (Libido) bei einem Hindernis (aktuellem Konflikt). Dabei werden, wie der Autor findet, alte Phasen der Libidoentwicklung (oder deren sexuelle, konstitutionellen Komponenten) neu belebt. Derartige Komponenten findet er als Sadismus und Masochismus auch.

Demgegenüber sind folgende Einwände gestattet: 1. Da jede Entwicklung in jeder Phase Gegenwart und Zukunft spiegelt, kann von einer Regression im Sinne Freuds überhaupt nie die Rede sein. Es wäre sonst jeder psychische Akt Regression, da er immer auf Erfahrungen der Vergangenheit zurückgreift. 2. Eine Mischung von Aktivität und Passivität findet sich zu allen Zeiten in der menschlichen Seele und in allen Geschichtsperioden. Das Erleidenwollen (um später einen Vorteil zu gewinnen) liegt dem menschlichen Seelenleben, das mit Voraussicht begabt ist, ungemein nahe. Der starke Ausbau letzterer Neigung ist nur im Gefühl der Minderwertigkeit denkbar. 3. Die „Phasen“ der Libidoentwicklung sind ganz an die äußeren Umstände gebunden und sind ihnen so sehr konform, daß man feststellen kann, es gibt keine andere erotische Bindung und Lustsuche als die den äußeren Umständen und dem mangelhaft entwickelten Sexualtrieb entsprechende. Die Frage also, wie ein Kind zu einer Perversion kommt, läßt die Antwort zu: durch die Umstände. Wichtiger für die Neurosenpsychologie ist die Frage: warum bleibt einer bei seiner Perversion? Könnte es nicht sein, weil er bei einer normalen Lösung eine Niederlage befürchtet? Weil er fürchtet, nicht geliebt zu werden?

Die Algolagnie ist, wie wir hervorhoben, eine Ausdrucksform des starken Minderwertigkeitsgefühls und seiner irregeleiteten Kompensationen. Der Sadist ist der „triumphierende Besiegte“, der Masochist der geschlagene Sieger. Die äußere Situation der Algolagnie ist stets mit ängstlicher Aufregung, mit Gruseln und Furcht verknüpft. Der Sadist hilft dabei nach, indem er sich mit seinem Opfer identifiziert. Bei meinen Patienten konnte ich immer nachweisen, daß sich bei ihnen Angst und Aufregung anders oder sicher mehr wie bei anderen mit Sexualaufregung verknüpft. Dieser Typus ist es, der im Falle weitgehender Entmutigung der normalen Lösung der erotischen Frage ausweicht und seine Sexualerregung unter mildernden Umständen erzwingt, in gefahrlosen oder gefahrlos scheinenden Situationen, unter Vermeidung realer Gefahren, unter Arrangement der Angst in der Phantasie oder wie im Spiel. Begünstigt wird die Hinneigung zum Sadismus bei Kindern, die unter starkem Druck aufgewachsen sind und ein besseres Los anderer Kinder nicht vertragen können.

So sind auch wir, freilich in anderer Bedeutung, bis zu einem organischen Substrat vorgedrungen.

Die Therapie der Algolagnie ist eine schwierige Aufgabe. Sie wird, kurz gesagt, mit der individuellen Schablone des Minderwertigkeitsgefühls und der Schablone der Kompensationen zu rechnen haben, um sie zu zerstören. Sie wird sich aber auch heftig zu bemühen haben, um die Behebung der eigenartigen Hypnose, die dem Patienten den Zusammenhang von Angsterweckung und Sexualerregung immer stärker trainieren läßt und ihm seine Eigenart als eine natürliche und deshalb unzerstörbare erscheinen läßt, während doch unser Kulturleben auf Schritt und Tritt die Ablösung und Umwandlung „natürlicher“ Ausdrucksformen zugunsten gesellschaftlicher mit Erfolg erzwingt. Ohne Ermutigung des Patienten ist jeder Erfolg ausgeschlossen.

Auch die Jurisprudenz wird diesen Auffassungen Rechnung tragen und in Fällen von Strafbarkeit auf humane Überwachung und Heilung beantragen müssen.

2. Fetischismus.

Zusammenfassende Darstellungen.

Wie S. 887: Krafft-Ebing, Havelock Ellis, Bloch, Allers, Freud.

Nach allen obigen Feststellungen bezüglich der Perversionen können wir uns nun kurz fassen. Das Charakteristische des Fetischismus wurde stets in der Überwertung eines Gegenstandes oder eines Körperteiles gesucht, der in der Norm der Erotik eine geringere Rolle spielt. Bei dieser Neigung kann alles und jedes zum Liebesobjekt emporgezaubert werden. Am häufigsten findet man als Gegenstände der Verehrung Anteile von Kleidungsstücken und Gebrauchsgegenständen. Aber auch die Überbetonung von Körperteilen, des Fußes, der Hand, der Augen, der Beine, der Linie des Busens usw. sind ungemein häufig und, wie man sieht, der menschlichen Liebesbeziehung nicht sehr fremd. Vielleicht hat jeder Liebende einen Fetisch (Augen, Haare, Gestalt), der nur deswegen nicht als absonderlich auffällt, weil er bei vielen zu finden ist und meist die Norm der Erotik nicht stört, sie nur begleitet oder steigert. So der Fetischismus derber Worte oder der Spiegelfetischismus, eines Parfüms usw. So wirken auf manche auch Verkrüppelungen, lasterhafte Personen, fremde Rassen und untergeordnete Personen.

Die Erklärungen der Autoren enden meist an dem Punkte, wo die soziale Bedeutung dieser Perversion beginnt. Die meisten betonten das Steckenbleiben in einer die Norm vorbereitenden oder begleitenden Phase. Man stellte ferner Psychopathie, Degeneration oder, wie die Psychoanalyse, eine sexuelle Konstitution samt Konflikten fest. Uns scheint der Gesichtspunkt wichtiger, was bei der Gelegenheit des Fetischismus geschieht. Da ergibt sich nun, daß durch die Verschiebung des sexuellen Akzents auf den Fetisch der Geschlechtspartner eine Herabsetzung erfährt, entwertet wird. Nicht mehr die Person, sondern ein oft ganz nebensächliches Detail erhält sexuellen Rang und Würde. Der Kampf der Geschlechter um ihre Überlegenheit zeigt auch im Fetischismus seine listigen Züge, bringt den Perversen in eine stärkere Abhängigkeit vom Nebensächlichen, in eine geringere von seinem Partner und endet mit einer Milderung seiner Furcht und seines Schwächegefühls gegenüber dem anderen Geschlecht. Der Fetischismus ist wie alle anderen Perversionen Ausdrucksform eines Minderwertigkeitsgefühls, das sich in einer irrigen aber durch persönliche Erfahrungen und Training geleiteten Richtung zu kompensieren versucht.

Eine Verbindung des Fetischismus mit allen anderen Perversionen, mit Neurosen und kriminellen Neigungen, ist von diesem Aussichtspunkte leicht zu verstehen.

Ebenso ist es nicht verwunderlich, daß der Fetischismus vorwiegend bei visuellen Typen zu finden ist.

Die gleichen Wahrnehmungen können wir beim

3. Exhibitionismus

machen, dessen passive Abartung, also eine noch stärkere Ausdrucksform der Entmutigung in der Perversion des Voyeurs zu finden ist.

Zusammenfassende Darstellungen.

Moll: in Eulenburgs Enzyklopädie 1908. — Cramer: Die Beziehungen des Exhibitionismus zum Strafgesetz. Ärztl. Sachverst.-Zeit., Berlin 1897, S. 233. — Boissier u. Lachause: Perversions sexuelles à forme obsédante. Arch. de neurol. 1893, Okt. — Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis. 13. Aufl. Stuttgart: Enke 1907. — Reimann: Exhibitionismus eines nicht erweislich Geisteskranken. Zeitschr. f. Medizinalbeamte u. Krankenhausärzte, Berlin 1898.

Den Begriff „Exhibitionismus“ führte im Jahre 1877 Laségue in die Wissenschaft von den Perversionen ein. Er umfaßt sexuelle Ausartungen, bei denen in schamverletzenden Entblößungen sexuelle Befriedigung gesucht und gefunden wird. Beide sind visuelle Typen, die über das Zeigen und Schauen in der Erotik nicht hinausgekommen sind oder zumindestens diese Neigung gegenüber der Norm allzustark akzentuieren. Die Schwachmütigkeit und geringere Aktivität dieser Personen wird man auch in ihren übrigen Lebensbeziehungen leicht wahrnehmen können. Doch ist nicht ausgeschlossen, daß sie gegen Schwächere oft die Tyrannen spielen. Im Exhibitionismus steckt immer auch der Kampf gegen die Normen der Gesellschaft und die Neigung, durch Entblößungen der eigenen Person Kinder zu erschrecken und zu verderben, durch Entblößung anderer diese herabzusetzen, weist dieser Perversion einen Platz dicht neben dem Sadismus an.

Bei Kindern, die sich im Aufruhr gegen ihre Erzieher befinden, kann man oft in der Phase des Suchens nach der Geschlechtsrolle und später weitgehende exhibitionistische Bewegungen und Akte beobachten. Mit Unrecht nur könnte man bei derartigen Entwicklungen von Perversionsneigung sprechen. Denn nichts ist dem Kinde so unzugänglich, ist auch unter so schwere Bedrohung und Strafe gestellt, als die Norm der Geschlechtsbeziehung Erwachsener. Was infolgedessen übrig bleibt an erotischer Betätigung wird immer dem unbefangenen Betrachter analog einer Perversion erscheinen.

In gleichem Sinne erscheinen uns die exhibitionistischen Gelüste Unzurechnungsfähiger, während ein solcher Zug, wohl eingeordnet dem erotischen Erlebnis, als der Norm entsprechend erscheint. Bei Manie, Schizophrenie, progressiver Paralyse, Alkoholismus und Altersdemenz findet man oft infolge Wegfalls der Hemmungen des Schamgefühls, wohl auch infolge der Schwachmütigkeit, die zumeist Irrwegen der menschlichen Seele zugrunde liegt, den Exhibitionismus als vorwiegende, äußerste Leistung der Erotik. Damit im Einklang finden wir verstärkte Äußerungen der Schau- und Zeigelust bei annähernd Normalen und innerhalb normaler Erotik, z. B. Spiegelung, infolge von mangelhaftem Selbstvertrauen als Zwang zur Demonstration.

Eine Therapie dieser Perversion hat immer auch neben einem Training in normaler Richtung eine Umwandlung der ganzen Persönlichkeit zu erstreben in der Richtung auf eine mutigere Stellungnahme zum Leben und zur Gesellschaft. Die suggestive Beeinflussung in diesem Sinne durch Kuren anderer Art ist insbesondere in leichteren Fällen im Bereich der Möglichkeit gelegen.

Als eine äußerste Form der Entmutigung und Verzweiflung an erotischen Möglichkeiten finden wir

4. Sodomie.

Zusammenfassende Darstellungen.

Haberda: in Casper-Limans Handbuch der gerichtl. Medizin. — Maschka: Handbuch der gerichtl. Medizin.

die Ausübung des Geschlechtsaktes mit Tieren, bei der die Ausschaltung des menschlichen Partners sich bis zum entwerteten Partner in Tiergestalt versteigt. Zwangslagen und Isolation können nach vorhergehendem gedanklichen und Gefühlstraining in perverser Richtung, nach Abhärtung also, diesen Irrweg erleichtern. Ebenso ausschließlicher Umgang mit gewissen Tieren. Imbezillität mit dem ihr anhaftenden Mangel menschlichen Gemeinschaftsgefühls kann solche Neigungen fördern.

5. Nekrophilie.

Zusammenfassende Darstellungen.

A. Moll: Eulenburgs Enzyklopädie — Epaulard, Vampirisme, Lyon, A. Storck et Co. 1902.

Auch bei dieser Perversion, bei der der Geschlechtsakt von Männern an toten Frauen verübt wird, läßt sich als Motiv der Hang nach völliger Wehrlosigkeit des Partners feststellen. Voraussetzung hierfür ist der Verlust des Glaubens an die eigene erotische Wirkung bei erhaltenem Geschlechtstrieb und der weitgehende Verzicht auf Gemeinschaft im Sexualgenuß. Fördernd wirkt bei diesen lebensfeigen Männern auch noch das beruhigende Gefühl mangelnder Verpflichtungen und Folgen. Die Anziehungskraft dieser Perversion liegt in dem leicht erreichbaren Gefühl der unumschränkten Herrschaft über den toten Partner.

Von hier aus ergibt sich ein Einblick in die Psychologie des Lustmörders, dessen erotische Befriedigung daran geknüpft ist, daß er als Herr über Leben und Tod, als ein Gott in der Karikatur, die Wehrlosigkeit seines Opfers genießt. Die psychologische Nähe zum Sadismus ist auffallend genug.

Sexualneurasthenie.

Von Alfred Adler Wien.

Zusammenfassende Darstellungen.

Ellis, H.: Die Funktionsstörungen des Sexuallebens. Handb. f. Sexualwissensch., herausg. v. A. Moll. 7. Hauptabschnitt. Leipzig 1912. — Rohleder, H.: Die Funktionsstörungen der Zeugung. 2. Aufl. — Freud, S.: Beiträge aus der Psychologie des Liebeslebens. Zur Einführung des Narzißmus. Ges. Werke, Psychoanalyt. Verlag 1924. — Löwenfeld: Über sexuelle Konstitution. Wiesbaden 1911. — Allers, R.: Psychologie des Geschlechtslebens, aus Handb. d. vergl. Psychol. München: Reinhardt 1922. — Adler: Über den nervösen Charakter. 3. Aufl. München 1924, und die bekannten Lehrbücher der Nervenkrankheiten.

Name und Abgrenzung stammen von Beard. Die für die Neurasthenie durch lange Zeit festgehaltene Definition findet sich bei Krafft-Ebing wieder: „Reizbare Schwäche der Nervenfunktion im Bereiche des Sexuellen.“ Auch die andern Autoren sind über diese Definition nicht hinausgekommen, sofern sie die sexuelle Neurasthenie als selbständige Krankheit abgrenzen wollten.

Zur Ätiologie dieses Symptomenkomplexes findet man in der älteren Literatur wenig befriedigende Hinweise. Die Annahme einer neuropathischen Anlage deutet wenigstens auf eine Zusammenhangsbetrachtung, indem sie andere Seelenerscheinungen gleichzeitig in den Kreis der Erwägung zieht. Freilich nicht ohne das Problem in das Dunkel der allgemeinen menschlichen Degeneration zu verschieben. Noch weniger überzeugend wirken Angaben über Masturbation, Exzesse in venere, über abnormen Geschlechtsverkehr, Coitus interruptus, sexuelle Abstinenz, vorausgegangene Gonorrhoe und Gemütserregungen. Alle diese als ätiologisch behandelten Faktoren lassen zumeist ihre Bedeutung als Symptome oder als Begleiterscheinungen erkennen, denn wer „sexuelle Neurasthenie“ im Zusammenhang mit diesen Erscheinungen erwirbt, ist schon vorher neurotisch gewesen.

Der Symptomenkomplex der unter diesem Titel abgehandelten Erkrankung betrifft Schwäche der Erektion, Ausfall der Ejaculation, gehäufte Pollutionen im Schlafe, Pollutionen lange oder kurze Zeit vor der Kohabitation, Ejaculatio präcox, Impotenz, Spermatorrhöe, lang andauernde Erektionen, schmerzhafte Empfindlichkeit der Glans, Schmerzen in der Harnröhre, bei Frauen Pollutionen im Wachen und im Schlafe, Frigidität und Vaginismus, bei beiden Masturbationszwang. Manche Autoren sind geneigt, alle Formen von Perversion zur sexuellen Neurasthenie zu rechnen.

Der Verlauf aller dieser Erscheinungen, die entweder bald oder auch spät nach der Pubertät in Erscheinung treten, ist, abgesehen von gelegentlichem Auftreten, meist langwierig. Das Leiden trotzt zumeist allen medikamentösen, hydropathischen und endokrinologischen Kuren, ist aber unter allen Umständen psychischen Beeinflussungen zugänglich. Um ein Verständnis dieser Leiden zu erlangen, wird es sich lohnen, sie alle unter einen gemeinsamen Gesichtspunkt zu bringen und festzustellen, daß alle sexuellen Neurastheniker ein im ganzen auffälliges Vorleben aufweisen. Als dessen entscheidendes Endergebnis läßt sich entnehmen, daß sie durch eine ungeeignete Stellungnahme zum Leben für die Liebe mangelhaft vorbereitet erscheinen. Auch in ihren anderen Lebensbeziehungen zeigt sich dieser Mangel, manchmal freilich nicht mit so auffallender Deutlichkeit. Immer handelt es sich um Menschen, die seit der Kindheit durch ihre seelische Überempfindlichkeit auffallen. Aus ihrem Charakterbild ragen Züge von Ehrgeiz, Eitelkeit, Ungeduld, Vorsicht und Ängstlichkeit stark hervor. Sie zeichnen sich durch kritische Neigungen, pessimistische Grundanschauungen aus, haben ihren Lebenskreis meist auffallend eingeschränkt und neigen zu einem Leben in Isolierung. Stimmungswechsel deuten auf ihre Schwäche, frohe Laune und Lebensmut festhalten zu können. Ihre von Zeit zu Zeit („periodisch“ nennen es die Autoren) durchbrechende Lebensfreude ist immer forciert und als Kompensationsversuch eines Minderwertigkeitsgefühls zu verstehen. Kretschmars Versuch, Menschen mit dieser Verhaltungsweise als „Pykniker“ von „Schizoiden“ abzutrennen, ist unzulänglich, da er den gemeinsamen Untergrund, das gemeinsame Minderwertigkeitsgefühl und den daraus entspringenden nervösen Charakter übersieht oder zu leicht nimmt. Übrigens kommt es im Leben nie darauf an, was einer mitbringt, sondern was er daraus macht.

Bei diesem weitverbreiteten Typus von Menschen ist das Zutrauen in die eigene Kraft vermindert oder geschwunden. Die Stimmungslage, die daraus entspringt, und ihre Folgen lassen sich nicht materiell begründen, sondern nur psychologisch begreifen. Dies um so mehr, als uns Heilerfolge mit allen möglichen Mitteln, vor allem aber die Einsicht in den tieferen Zusammenhang und die großen, auf Ermutigung gerichteten Vorzüge der individualpsychologischen Behandlung davon überzeugen können, daß diese Übel nicht kausal begründet sind, sondern in einer irrtümlichen Haltung zum Leben wurzeln.

Unsere Erfahrungen zwingen uns, das Verständnis für jede der abnormen sexuellen Ausdrucksweisen aus dem Verständnis des ganzen Menschen herzuleiten, nicht etwa umgekehrt, wie es die Freudsche Psychoanalyse lehrt. Man soll aber nicht übersehen, daß manche der oben genannten Leiden aus eingewurzelten Technizismen erwachsen, für die aus der Phantasie die erleichternde Grundlage geschaffen wurde wie beispielsweise bei Pollutionen und Ejaculatio präcox. Andere wieder, wie insbesondere Parästhesien, Hyperästhesien, schmerzhafte Sensationen und Spermatorrhöe scheinen nach meinen Erfahrungen mit frustranen Erregungen und protrahiertem Coitus und ebensolcher Onanie im Zusammenhang zu stehen. Ich habe einige solcher Fälle beobachtet, bei denen bei solchem Abusus größere oder kleinere Blutungen aus der Harnröhre auf einen Reizzustand in der hinteren Harnröhre schließen ließen. Auch für gehäufte und lang andauernde Erektionen besteht dieses Verdachtsmoment, das von andern Autoren auch als Erklärung der Ejaculatio präcox herangezogen wurde. Man soll aber in diesen Fällen immer auch an unterstützende oder grundlegende psychische Zusammenhänge denken, wie bei Ejaculatio präcox, bei der ich immer Hinweise auf nervöse Ungeduld und auf die Furcht vor einer intensiveren Bindung fand. Letzteres im Zusammenhang mit Furcht vor Nachkommenschaft konnte ich auch bei Mangel des Orgasmus und der Ejaculation beobachten.

Gehäufte Pollutionen und Zwangsmasturbation nach der Pubertät deuten in erster Linie auf Furcht vor der Frau; wir finden darin die erotische Ausdrucksform des Isolierten. In der Literatur finden sich gelegentlich Annahmen, als ob die letzte Ursache für solche Erscheinungen die Verliebtheit in den eigenen Körper, der Narcissismus (Naecke) wäre. In Wirklichkeit ist diese Verliebtheit sekundär, Notprodukt, und kommt durch Ausschaltung anderer Sexualobjekte zustande. — Der gleichen Sexualformen können, wenn sie Beunruhigung stiften, einen Wink für den Arzt bedeuten, durch sein Machtwort doch dem Zaudern des Patienten ein Ende zu machen und ihm den Sexualverkehr zu befehlen. Es tritt die Absicht zutage, sich um die Verantwortlichkeit herumzudrücken.

Nebenbei: den Verkehr mit Prostituierten raten wir abzulehnen. Der Patient muß für honette weibliche Gesellschaft und für die Liebe erzogen werden. Der billige und feige Ausweg in die Prostitution erschwert diese richtige Lösung und leistet dem Minderwertigkeitsgefühl Vorschub.

Vaginismus, schmerzhafter Krampf der Scheidenmuskulatur, ist der körperliche Ausdruck für ein „Nein“! Die individualpsychologische Untersuchung ergibt in solchen Fällen Isolierungstendenzen, Abneigung gegen die Frauenrolle, die nicht über die Vorbereitungen hinaus gediehen ist, Furcht vor Verlust an Eigenwert, vor Herabsetzungen und Enttäuschungen. Brüskes Auftreten des Mannes und Schmerzen bei Kohabitationsversuchen, auch kleine Verletzungen am Scheideneingang können bei seelisch disponierten Frauen den Krampf auslösen oder steigern. Gelegentlich kann eine absonderliche Festigkeit des Hymens als auslösendes Moment in Betracht kommen.

Bei Vaginismus als auch bei Frigidität kann die Klitorisempfindlichkeit, meist als Überbleibsel masturbatorischer Ansprechbarkeit, erhalten sein. Immer ist die Geschlechtskälte ein Zeichen von Leidenschaftslosigkeit gegenüber einem bestimmten Manne oder gegenüber allen Männern. Frigide Frauen „gehen nicht mit“. Die seelischen Ursachen sind die gleichen wie bei Vaginismus. Nur daß letzterer eine Defensive darstellt, Frigidität eine passive Resistenz. Man wird bei „kalten Frauen“ auch in ihren sonstigen Lebensbeziehungen eine äußerliche Fügsamkeit finden, ein Geschehenlassen. Die Kälte kann von Anfang an bestehen. Sie kann aber auch bei eintretenden Enttäuschungen auf eine Zeit normalen Geschlechtsgenusses folgen. Die Befriedigung bei Verkehr mit einem andern Mann wird wesentlich gefördert durch die stürmische Absicht, die mangelhafte Eignung des früheren Partners zu erweisen.

Die Feststellungen der Individualpsychologie6, vor allem ihre Nachweise über nervöse Symptome als Ausdrucksformen haben zum Verständnis der Psychoneurosen viel beigetragen, soviel, daß sich heute keine neurologische Schule und kein praktizierender Arzt an neurologische Probleme heranwagen kann, ohne zu den individualpsychologischen Anschauungen Stellung genommen zu haben.

Es ist ein irreparabler Fehler Symptome aus ihrem naturgegebenen Zusammenhang zu reißen und isoliert zu betrachten. Ein solcher, derzeit in der Neurosenpsychologie noch allgemein geübter Vorgang gleicht dem Beginnen, aus einer Melodie eine Note herauszuholen und einzeln zu betrachten. Für das Verständnis nervöser Erscheinungen ist ihr gesellschaftlich gegebener und sich gesellschaftlich auswirkender Zusammenhang strenge im Auge zu behalten.

Deshalb ist die wichtigste Frage bei allen nervösen Symptomen, die also jeder organischen Grundlage entbehren: was geschieht bei der Gelegenheit? Die Antwort im Falle der psychischen Impotenz lautet: die sexuelle Bindung wird ausgeschaltet. Frägt man den Leidenden nach seinen Absichten, so wird man hören, was jedes Lebewesen im Sinne trägt. Frägt man aber nach den Gegengründen, so vernimmt man mehr als man sonst zu hören erwartet. Furcht vor Geschlechtskrankheiten, die schlechten „gegenwärtigen“ Verhältnisse, Bedenken ein unschuldiges Mädchen zu verführen, einer Verführerin zum Opfer zu fallen, — diese und hundert andere, an sich diskutable Gründe bilden die vorderste Reihe der Sicherungen, gegen die sich die Dialektik des Arztes als kraftlos erweist, solange er nicht unseren Standpunkt einnimmt: Geschlechtsverkehr ohne Liebe ist eine Unart, die Liebe ist das einzige sichere Mittel gegen Geschlechtskrankheiten, sie verhindert auch die andern schädlichen Folgen. Es kann nicht Aufgabe des Arztes sein, zu einer Unart zu erziehen, auch wenn er sie derzeit nicht aus der Welt zu schaffen vermag.

Nach dieser Erledigung gerät man auf die zweite Front der Sicherungen: die Furcht vor Blamage. Nach den landläufigen Grundsätzen der vereinfachten Menschenkenntnis („wer zuviel beweist, beweist zu wenig“ usw.) stellt man die Sachlage richtig: diese Furcht vor einer Niederlage stellt ein viel bedeutsameres Motiv dar als die früher genannten. Sie ist so eigentlich der Provokateur der anderen Sicherungen. Solange sie besteht, ist der sexuelle Elan soweit ausgeschlossen, daß Wünsche, Gefühle und — Worte gar keine Bedeutung haben.

Ist demnach die individualpsychologische Auffassung, der Impotenz liege ein Minderwertigkeitsgefühl zugrunde, als erklärendes Prinzip über jeden Zweifel erhaben, insbesondere da sie auch therapeutisch einen unvergleichlich sicheren Standpunkt bietet, — so wird unsere Überzeugung (der Impotenz liege ein Minderwertigkeitsgefühl zugrunde) unerschütterlich, sobald wir nun wahrnehmen können, unserem Verdacht vorsichtig Folge leistend, daß die Impotenz als Krankheit überhaupt nur bei Menschen auftritt, die auch sonst in ihrem Leben die zögernde Attitude aufweisen und mit gebremster Aktivität leben, sich gleichzeitig aber auch die höchsten Ziele stecken und zu einer Synthese gelangen: jeder Entscheidung auszuweichen, da sie gegen sie fallen könnte.

Eine solche Lebensform zeigt sich in einfachster Weise darin, daß mancherlei begonnen, aber nie etwas vollendet wird, daß der Anschluß an die Menschen mangelhaft und schwer sich vollzieht, und daß die Liebesbeziehungen immer nur mangelhaft gedeihen.

Ich habe für alle Verhinderungen, Lähmungen, Hemmungen und Symptome der Neurosen, die der Lösung der Lebensaufgaben hindernd oder erschwerend im Wege stehen, gezeigt, daß sich, wenn man von ihnen gänzlich absieht, aus der richtig erkannten Persönlichkeit des Patienten eine ganze Reihe von Gedankengängen, Haltungen und Ausdrucksformen finden lassen, aus denen die gleichen Verhinderungen hervorgehen könnten wie aus den Symptomen. Nur daß diesen seelischen Bewegungen die Konsequenz abgeht, daß sie zu keiner dezidierten Haltung, zu keiner entschlossenen Bewegung führen. Aber anstelle dieser zu erwartenden Konsequenz tritt das Symptom, in unserem Falle die Impotenz ein. Es ist, als ob durch die erwähnten seelischen Abhaltungen der nötige Elan geschwächt würde, als ob dem sehnlichst gewünschten Ziel der Sexualbefriedigung eine Anzahl von Gegengründen im Wege stünden.

Aber diese Gegengründe und das ihrer Stärke entsprechende Symptom sind durchaus nicht Zufälligkeiten, Gedankenlosigkeiten oder grundlose Schwächen. Sondern sie sind erwachsen aus der Schwachmütigkeit der ganzen Persönlichkeit, deren Endabsicht nach einer reibungslosen Überlegenheit, zumindestens nach einem Zustand „absoluter Konfliktlosigkeit“ gerichtet ist7. In der sexuellen Impotenz zeigt sich die Schwachmütigkeit des Patienten auf einer der Hauptlinien des Lebens materialisiert, der Kranke weicht der Aggression aus, die er selbst sehnlichst wünscht, und während die Sprache des Mundes, während seine Gedanken und Wünsche seiner Sehnsucht Ausdruck verleihen, spricht sein Körper, sein Sexualorgan, eine andere Sprache, zeigen letztere die Ausdrucksform seiner Feigheit.

So erklärt sich auch die oft wechselvolle Gestaltung der Impotenz im Leben des Kranken. Unter gewissen, mildernden Bedingungen gelingt der Geschlechtsverkehr. So bei liebevollem, hilfsbereitem Entgegenkommen, bei Wegfall aller Konsequenzen, mit untergeordneten, niedriger stehenden Personen, mit jugendlichen, mit alten Frauen, unter Zuhilfenahme von körperlichen und seelischen Reizmitteln, nach freundlichem, geduldigem Zuspruch des Partners, in der Zeit bis zur Erwerbung einer Geschlechtskrankheit, bis zu einer Enttäuschung, nach Zuspruch des Arztes, nach Einnahme von Alkohol oder eines Medikamentes, bei Anwendung eines äußerlichen Reizmittels usw. Wieviel Spielraum dabei der Suggestibilität des Patienten, seiner Leichtgläubigkeit gegeben ist, geht auch daraus hervor, daß alle diese erleichternden Bedingungen ebenso oft versagen als nützen.

So ist es aber auch verständlich, daß die mannigfachsten Einwirkungen gelegentlich Erfolg haben und den Arzt wie den Patienten verleiten an die Richtigkeit seiner Anschauung zu glauben. In der Tat ist es die vorübergehende oder dauernde Hebung des Mutes, gleichviel ob mit oder ohne Wissen des Arztes, der der Erfolg zuzuschreiben ist.

Immer jedoch wird man bei der psychischen Untersuchung dieser Patienten feststellen können, daß ihnen der Kontakt mit andern Menschen in jeder Richtung schlecht gelingt. Sie sind keine richtigen Mitmenschen, ihr Interesse für die gegenwärtige und künftige Gesellschaft ist ziemlich gering. Es scheint die natürliche Konsequenz ihrer Lebensanschauung, daß „ihr Samen ausgerottet wird“, — wenn sie ihre Stellungnahme nicht ändern.


Fuente: transcripción a partir del ejemplar digitalizado en Internet Archive del Handbuch der normalen und pathologischen Physiologie, Bd. 14, 1. Hälfte (Berlín, Julius Springer, 1926), S. 802-807, 808-812, 842-844, 881-886, 887-894 y 895-899 (págs. 824-834, 864-866 y 903-921 del PDF); se partió del OCR de archive.org y se cotejó página por página con las imágenes, en particular bibliografías, nombres, cifras y cursivas. Se conservan las erratas evidentes del impreso («Kausilität», «Erau», «Fnnktionsstörungen», «Rosleder», «Antiologie», «Campmann», «Kiernau», «Kretschmars», «Laségue») y se corrigen solo los errores del OCR. Los nombres de autores, en versalitas en el original, van en redonda; las cursivas reproducen la cursiva del impreso. Los títulos corridos de las páginas (p. ej. «Der Habitus», «Homosexuelle Träume und Phantasien», «Vaginismus. Frigidität. Nervöse Symptome als Ausdrucksformen», «Minderwertigkeitsgefühl») no son epígrafes del texto y no se reproducen. En 1931, a raíz del caso Kürten, la Wiener Allgemeine Zeitung (16.4.1931) y Der Abend (22.4.1931) reprodujeron extractos de «Sadismus, Masochismus und andere Perversionen»; no se transcriben aquí (los dos párrafos finales del segundo son de la redacción). Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.

  1. Adler: Über den nervösen Charakter, 3. Aufl. München: J. F. Bergmann 1922. ↩

  2. Adler: Praxis und Theorie der Individualpsychologie, 2. Aufl. München: J. F. Bergmann 1923. ↩

  3. Adler: Die Ehe als Aufgabe, in „Buch der Ehe“. Herausgegeben von H. Keyserling. Celle: Campmann 1925. ↩

  4. Siehe Adler: Über den nervösen Charakter. 3. Aufl. München: J. F. Bergmann. ↩

  5. Schwarz, Oswald: Das psychophysische Problem in der Sexualpathologie. Wiener klin. Wochenschr. 1922, Nr. 11. ↩

  6. Adler: Praxis und Theorie der Individualpsychologie. 2. Aufl. München: J. F. Bergmann; ferner Zeitschrift für Individualpsychologie, Verlag Wien VI, Joanellig. 6, 3 Jahrgänge. ↩

  7. Seif, L.: Das Ziel der Konfliktlosigkeit. Internat. Zeitschr. f. Individualpsychol. Jg. 2. ↩