Die Frau als Erzieherin.
Von Dr. Alfred Adler, Wien.
In der Poesie und in der Theorie ist die Frage entschieden: der Frau fällt die Erziehung der Kinder zu. Ein flüchtiger Blick ins Leben scheint den gleichen Schluss nahe zu legen. Selbst wenn beide Ehegatten dem Erwerbe nachgehen, ist der erzieherische Einfluss auf Körper und Geist der Kinder unmittelbar der Mutter anheimgegeben. Ebenso unbestritten tritt dieses Herrschaftsgebiet der Frau im System der Erzieherinnen und Gouvernanten zutage. Ferner ist die Schulerziehung der Mädchen in überwiegendem Masse, die der Knaben zum grossen Teile in die Hand der Lehrerin gegeben.
Scheiden wir die Stimmen aus, die der Erziehung jeden Einfluss bestreiten, — sie sind ebenso unbesonnen wie die, die alles von ihrer Erziehung erwarten —, so stossen wir auf die grossen Heerlager derer, die den Einfluss der Frau auf die allerfrüheste Zeit des Kindes, fast bis auf den Geburtsakt beschränken möchten, und ihrer Gegner, die zu mindestens die mütterliche Erziehung als die unantastbare Grundlage aller menschlichen Entwickelung betrachten. Beide weisen auf den reichen Schatz ihrer Erfahrungen hin und auf eine Reihe bedeutender Männer und Frauen als auf stichhaltige Beweise ihrer Anschauungen. Und in der Tat: mächtig bewegt uns die Erzählung, dass Achilles von Frauen erzogen ward, und unsere Stimmung, durchtränkt von der Innigkeit des Bildes der Mutter, labt sich an der Verehrung und Dankbarkeit Goethes für den Einfluss seiner Mutter. Aber heftig dringen uns die Stimmen ins Ohr, die unentwegt kritisieren und anklagen: „Weiberwirtschaft, Frauenerziehung taugt nicht!“ Bei Knaben insbesondere hält man vielfach die Frauenhand in der Erziehung für verhängnisvoll.
Mitten in dieses Gewirr von Anschauungen trägt nun der Krieg seinen ehernen Standpunkt hinein und legt die Kindererziehung von fast ganz Europa in die Hand der Mütter. Sind wir jetzt bereits imstande, uns ein Urteil zu bilden? Oder gibt es etwa Schwierigkeiten anderer Art als die der Materialbeschaffung, die eine ungetrübte Einsicht erschweren? Ist diese Frage nach der besseren Erziehung etwa gar eine jener unlösbaren Fragen, die mit der menschlichen Gesellschaft entstanden sind, um ewig ungelöst nur Streit und Wettstreit zu erzeugen?
Was wir derzeit, nach fast zweijähriger Kriegszeit, beitragen können, sind in erster Linie persönliche Eindrücke aus den Gesellschaftskreisen, denen wir selbst angehören. Eine Umfrage ergab mir, dass weder im Hause, noch in der Schule grössere Schwierigkeiten aufgetaucht seien; öfters sei vielmehr festzustellen gewesen, dass die Abwesenheit des Vaters und seine gefahrvolle Lage für die Kinder einen Ansporn abgegeben habe, allerlei Verlockungen zur Schlimmheit auszuweichen. Das Ziel dieser Kinder, dem Vater zu Gefallen zu sein, ihm in seiner Abwesenheit Sorgen und Kummer zu ersparen, trat deutlich hervor. Freilich hatte ich es in dieser Gesellschaftsschichte oft mit Eltern zu tun, die seit langem mit grossem Verständnis und Interesse den Fragen der Erziehung nachgehen und in Eintracht nebeneinander ihren Einfluss auf die Kinder ausübten.
Diese der Beurteilung der mütterlichen Erziehung günstigen Ergebnisse fallen nicht ins Gewicht. Der Einfluss des Vaters war nicht ausgeschaltet. Seit jeher vermochten diese Kinder in den Worten der Mutter zugleich die Stimme des Vaters zu vernehmen. Andererseits lag in meinen Fällen die Position der Kinder so, dass sie sich bestrebten, dem Vater Achtung abzugewinnen. Ihren Müttern wieder muss lobend nachgerühmt werden, dass sie dieses Streben nicht gestört, vielmehr ausbauen geholfen haben. Ein Zerrbild dieser nützlichen, gemeinsamen, erzieherischen Beeinflussung hätten wir in jenen Fällen vor uns, wo sich die Mutter heimlich der Mithilfe des Vaters bedient und den Kindern bei einer Entgleisung mit der Mitteilung an den Vater droht. Es wäre ein Irrtum, das Ergebnis einer solchen Erziehung angesichts einer derart festgewurzelten Autorität des Vaters als Erfolg oder Misserfolg der Erziehung durch die Frau auszugeben. Es wäre auch irrtümlich anzunehmen, dass solche Drohungen nur gelegentliche Kunstgriffe der mütterlichen Erziehung wären und keine weitere Bedeutung für die Beurteilung des Systems hätten. Sie zeigen uns vielmehr in ihrer auffallenden Bevorzugung, wie häufig sich die Erziehung durch die Frau mit der männlichen Autorität verstärkt. In anderen Fällen spielt der Vormund, der Oheim, der Lehrer, der Schuldirektor die gleiche Rolle. In einer Sammlung meiner Untersuchungen über die Furcht der Kinder finde ich z. B. folgende Mitteilung eines 7 jährigen Mädchens: „Ich fürchte mich vor dem Krampus (Teufel), wenn er kommt mit den Ketten. Ich fürchte mich vor einer Maus. Ich fürchte mich vor den Serben und Russen. Ich fürchte mich vor dem Gespenst. Ich fürchte mich vor meiner Mutter und vor meinem Vormund. Ich fürchte mich vor dem Pracker (Ausklopfrohr) und vor Schlangen. Am meisten fürchte ich mich vor Hieb.“ In der Stufenleiter seiner Befürchtungen stellt dieses arme Kind offenbar den Vormund obenan, lässt uns zu mindestens verstehen, dass sie jeden erzieherischen Eingriff der Mutter als im Namen des männlichen Vormunds erlitten ansah.
Überblicken wir also die starke Einengung der weiblichen Einflusssphäre von unserem Aussichtspunkt, so ergibt sich, dass von einer leitenden Erziehung durch die Frau derzeit in den seltensten Fällen gesprochen werden kann. Diese entscheidende Erkenntnis steht in voller Übereinstimmung mit der Tatsache des männlichen Übergewichts in der gegenwärtigen Kultur. Folglich hat der Mann für den ihm zufallenden Anteil an der Erziehung ohne Widerspruch die Verantwortung zu übernehmen.
Diese Arbeit will in erster Linie einen richtunggebenden Standpunkt einführen und zu weiteren Untersuchungen auffordern. Auch die Fortschritte in der Schule bei Kindern, die dauernd oder vorübergehend des Vaters, des Lehrers entbehren, sollen geprüft werden. Aber es gilt das gleiche Bedenken wie oben: der männliche Einfluss ist durchaus nicht ausgeschaltet. Er ist es um so weniger, als das allgemeine Kulturideal das Ziel jedes Kindes irgendwie beeinflusst. Und dieses Kulturideal trägt deutlich den männlichen Zuschnitt, richtet die Sehnsucht des Kindes und alle seine Bewegungen auf Herrschaft und Geltung in seiner Umgebung, ist in der Tat nichts als der zum gesellschaftlichen Willen zusammengeschmolzene Individualwille der Kindheit. Das allgemeine, männlich gerichtete Ideal drückt auf das Ansehen und auf die Geltung der Erziehung durch die Frau. Dieser Spannung entspringt in der Regel die Unbotmässigkeit des Kindes gegen die Mutter, während die Geltung des Vaters ursprünglich leichter ertragen wird.
Wir kommen demnach zu dem Ergebnis, dass die Erziehung durch die Frau regelmässig dem Einfluss des Mannes und der männlichen Kultur unterworfen ist, dass sie unter dem männlichen Diktat steht. Man wird ihr also nicht alle Verantwortlichkeiten aufhalsen können. Man wird nicht anklagen dürfen, sobald überraschende Änderungen wie in der Kriegszeit den Zusammenklang in der Leitung der Kinder erschüttern, und wenn Schwierigkeiten erwachsen. Denn jetzt geht ohne geeignete Vorbereitung die Führung auf die Frau über, und sie soll nun, entgegen ihrem innersten Wesen, selbständig ein Werk vollbringen helfen, das dem Sieg des männlichen Prinzips zum Ausdruck verhilft. Die Mithilfe des Mannes machte sich als Schranke und Wegweiser geltend. Der Frau aber fehlt, sobald sie allein das Erziehungswerk vollbringt, die instinktive, hingebungsvolle Vertrautheit mit dem männlichen Prinzip unserer Kulturwelt. Auch die bewusste Kenntnis desselben und der Versuch einer niemals restlosen Einfügung wird durch das natürliche, niemals auszuschaltende Geltungsbedürfnis der Frau immer wieder Einschränkungen erfahren. Der Geist einer einheitlichen Führung leidet noch mehr wie sonst, Unruhe und Schwanken in der Leitung der Familie erzeugen ein Gefühl der allgemeinen Unsicherheit und wirken auf die Empfindung der Kinder zurück. Diese aber, wenn sie selbst auch die Änderung nicht erfassen noch verstehen, erleiden dennoch gefühlsmässig den Eindruck einer widerspruchsvollen, zaghaften Führung. An dieser Stelle setzt nun das übergrosse kindliche Geltungsbedürfnis ein und äussert sich in verstärkten Antrieben zur Revolte. Oder die Frau versucht als Gegenmittel gegen den Zwang ihrer Unterordnung im Sinne einer Überkompensation eine starke Haltung zu forcieren, was oft schon durch eine Neigung aus der Kindheit her begünstigt wird; auch in diesem Falle droht die offene oder heimliche Auflehnung des Kindes, insbesondere der Knaben, häufig aber auch der Mädchen. Denn der Mangel einer geschulten Moral bringt es mit sich, dass man sich leichter einer sozial eingekleideten Autorität neigt, als dass man selbständig prüft und ohne Voreingenommenheit seine Einordnung vornimmt. Dazu kommt noch, dass vielleicht kein Kind heranwächst, ohne erlebt zu haben, wie die mütterlichen oder weiblichen Anordnungen gelegentlich oder regelmässig von seiten anderer Personen mit erhabener Geringschätzung bedacht werden. Gewöhnlich erklären dann die Mütter das auffällige Übergewicht des Vaters in der Weise, dass sie sein selteneres Zusammensein mit den Kindern als ausschlaggebend hinstellen. Aber wir finden die gleiche Erscheinung in der Schule und in Pensionaten, ebenso auch in Familien, in denen die Mutter den Kindern ebensowenig wie der Vater zur Verfügung steht.
Ein Übel, wie das geschilderte, wird nicht geringer, wenn man vor ihm die Augen schliesst. Der richtunggebende Punkt im Tun und Lassen des Kindes bleibt in unserer Kultur die überlegene Autorität des Mannes. Und wer immer seine Persönlichkeit in der Erziehung des Kindes einsetzt, muss wohl oder übel mit dieser Tatsache rechnen. Einer freien Entfaltung weiblicher Erziehungskunst steht derzeit noch das weibliche Minderwertigkeitsgefühl im Wege. Wenn etwas imstande ist, die vorhandenen Schwierigkeiten zu vermindern, so ist es die Erkenntnis von dem Mangel an Selbstvertrauen der Frau, aus der sich ihre Zaghaftigkeit herleitet, aber auch die Überspannung ihrer Autoritätsgelüste. Ferner müsste, wie es diese Arbeit versucht, die herrschende Entwertungstendenz gegenüber dem Erziehungswerk der Frauen als unberechtigt und sozial schädlich nachgewiesen werden.
Man kann also rechtlicherweise die gegenwärtigen Erziehungsresultate nur soweit zur Entscheidung unserer Frage heranziehen, als sie etwa durch die persönliche Abwesenheit des männlichen Miterziehers beeinflusst erscheinen. Sollte sich dabei herausstellen, dass diese körperliche Distanz allein schon ausreicht, das Verderbnis der Kinder herbeizuführen, so wäre in dieser Tatsache die schärfste Verurteilung unserer gegenwärtigen Erziehung gelegen, gleichviel, ob der Mann oder die Frau zur Erziehung berufen ist. Denn wir müssten nicht bloss die Selbständigkeit unserer Kinder in Frage stellen, sondern wir hätten in solchem Falle eine Erziehungsmoral vor uns, die mit den gröbsten Mitteln der Furcht und des Schreckens arbeitet, und eine Kindermoral, die nur durch den Anblick der Zuchtrute im Gang zu halten wäre. Wer wagt es, eine solche Behauptung zu vertreten, die als Voraussetzung einer Anschauung von der persönlichen Unabkömmlichkeit des Mannes nicht zu übersehen wäre?
Nichtsdestoweniger sind wir gezwungen, für einen grossen Teil der jugendlichen Verirrungen eine ähnliche Grundanschauung geltend zu machen. Soweit Schuldelikte und kriminelle Handlungen von Kindern, deren Zahl in den kriegführenden Ländern namhaft gestiegen ist, in Betracht kommen, hat uns ein vorläufiger Einblick gezeigt, dass die Täter niemals ein auffallendes Mass an Mut oder Aktivität besitzen, dass sie auch früher nur durch strenge Überwachung und furchterweckenden Antrieb zur regelmässigen Tätigkeit anzuhalten waren. Man wird viel häufiger, als man glaubt, unter ihnen Züge von Feigheit, Indolenz und Verträumtheit finden, ebenso Furcht vor selbständiger, sozial wertvoller Tätigkeit und ängstliche Ablehnung einer selbständigen Verantwortlichkeit. Diesen Deserteuren und Drückebergern aus der Kinderstube, die sich gerne aneinanderschliessen, um in der Bandenbildung einen Halt zu finden, die jetzt den Stock nicht mehr sehen, mit dem sie angetrieben wurden, droht nun das Schicksal des unselbständigen Schwächlings. Die Pubertätszeit, sein erwachendes Mannesbewusstsein drängt vor allem den feigen Knaben zu prahlerischen Leistungen. Sein Schwächegefühl verbietet ihm den Wettkampf auf sozialen Gebieten, denen er sich bisher gewohnheitsmässig nur unter dem Druck des Vaters genähert hat. Ihm sitzt bereits das Helotenbewusstsein im Blute, und er nützt seine neugewonnene Freiheit, um eine Sklavenrevolte anzuzetteln. Sein Gegenspieler bei seiner Vernachlässigung der Schule, bei seinem Ausflug ins Kriminelle ist der abwesende Vater. Deshalb muss die Mutter einflusslos bleiben, und ihre Bestrebungen versagen. Die ursprüngliche Feigheit solcher Kinder zeigt sich aber in der Ausnützung heimlicher Gelegenheiten, von Schwierigkeiten des mit Aufgaben überhäuften Lehrers, in der Lügenhaftigkeit im Haus und in der Schule und häufig auch in der Unterordnung unter einen geschulteren, führenden Geist, der wieder behufs eigener Deckung die Bandenbildung anregt. Über letztere als einer Kompensation des Minderwertigkeitsgefühls hat Dr. Charlot Strasser in seiner aufschlussreichen Arbeit „Das Kumulativverbrechen“ (Archiv für Kriminalpsychologie, Verlag Vogl, 1914) weitgehende Aufklärungen beigebracht, die ein Meisterstück individualpsychologischer Betrachtung darstellen.
Bei diesem Tatbestand ist es demnach nicht angängig, Wert oder Unwert der Erziehung durch die Frau an den Schülerleistungen oder an der steigenden Kriminalität der Jugendlichen im Kriege abzumessen. Und dies um so weniger, als die unausbleiblichen Rechtserschütterungen der Kriegszeit ganz allgemein die Festigkeit der zu Hause gebliebenen Moral in Versuchung führen. Für etwaige Verschlechterungen in der Schule sowie für die sichergestellte steigende Kriminalität der Jugend liegen viel bedeutsamere Gründe vor als eine Unfähigkeit der Frau in der Erziehung.
Dagegen lässt sich der Standpunkt wohl vertreten, dass diesen kulturellen Missständen die Frau oft ebensowenig gewachsen ist wie die Polizei oder die gerichtliche Strafdrohung und die Schule. Und so mag es, zum Besten der Allgemeinheit, dem Psychologen gestattet sein, drei schädliche Haltungen der Frau hervorzuheben, die häufig zu finden sind, und die den Wert der Frau als Erzieherin leicht beeinträchtigen können. In jedem dieser Fälle stehen wir vor einer Stellungnahme der Frau zum Leben, demnach vor Weltanschauungsfragen, und dürfen nicht ohne weiteres eine rasche Änderung erwarten. Alle drei Haltungen gleichen sich auch, so verschieden sie in ihrer äusseren Ausprägung erscheinen, in dem einen Punkte, dass sie sich aus einem Minderwertigkeitsgefühl entwickelt haben, das subjektiver Art ist, — noch mehr, dass es sich um die Übernahme eines männlichen Vorurteils handelt, dem die Frau in ihrer Kindheit erlegen ist: von der Unselbständigkeit und von der natürlichen Schwäche der Frau. Selten macht sich eines der Mädchen los davon. Sonst fühlt man, auch wenn man den Zusammenhang nicht versteht, das innere Zagen der Frau als einen dauernden Charakterzug und ist geneigt, auf eine natürliche Anlage zu schwören. Oder das Mädchen macht die grössten Anstrengungen, dem Fluch der vermeintlichen Minderwertigkeit und der Unselbständigkeit zu entkommen: und fällt leicht ins andere Extrem, seine Sache unter Krämpfen und mit Exaltation zu führen. Mischfälle kommen in den verschiedensten Abstufungen vor und gestalten das Schicksal.
Ehe und Kindersegen erscheinen solchen Personen oft als Lasten, die der Frau auferlegt sind, und sie ertragen sie wie eine unabänderliche Ungerechtigkeit. Oder sie streben danach in der sehnsuchtsvollen Erwartung einer Erlösung von allen Übeln der Minderwertigkeit, erwerben aber in diesem Entwickelungsprozess eine übergrosse Empfindlichkeit, der gegenüber die rauhe Wirklichkeit nur als Enttäuschung wirken kann. Auch verlassen sie sich im Gefühl ihrer vermeintlichen Schwäche oft mehr auf ihren Zauber als auf ihre eigene Kraft. Oder sie sind durch die Äusserlichkeiten der „männlichen Kraftnatur“ irregeleitet, ahmen sie nach, übertreiben sie auch und geraten in ein System von Herrschsucht, Tyrannei und Despotismus. An dem Ausbau eines kameradschaftlichen Verhältnisses zu Mann und Kindern, das für eine harmonische Erziehung unentbehrlich ist, gehen sie blind vorbei.
Aus dieser nicht gerade kleinen Zahl von schlechten Mitspielerinnen der Gesellschaft stammen die drei Typen von durchwegs unbrauchbaren Erzieherinnen, deren Unfähigkeit sich gerade in schwierigen Zeiten entpuppt. Ich will es nunmehr unternehmen, ohne auf die zahlreichen Mischfälle einzugehen, auch ohne anzuklagen, — denn es handelt sich ausschliesslich um Opfer kindlicher und kindischer Vorurteile —, ein leicht vergleichbares Schema der drei untauglichen Typen der Öffentlichkeit vorzulegen, in der Überzeugung, dass ein Übel von grosser Tragweite durch Verschleierung nicht kleiner wird.
Ganz offenkundig liegt der erste Fall, den ich bereits einmal in einer Arbeit über „Erziehung der Erzieher“ (in „Heilen und Bilden“, Verlag Reinhardt, München 1914) ausführlich beschrieben habe. Wächst ein Mädchen mit einer dauernden Missachtung der Frauenrolle heran, dann wird es, so es in die Ehe gelangt, während und nach der ersten Schwangerschaft in auffälliger Weise leiden, wird meist auch nervös erkranken. Auf rätselhafte Weise wird sich ergeben, dass die Pflege und die Erziehung des einzigen Kindes, ebenso zweier oder dreier Kinder, mit unglaublichen Schwierigkeiten verknüpft sind, so dass die Umgebung unter den Eindruck gerät, ein Mehr von Kindern wäre für die ganze Familie eine unerträgliche Last. Die Haltung der Frau beeinflusst trotz guter Vorsätze das ganze Erziehungssystem, das Kind steigert, verführt durch vernunftwidrige Verzärtelung, seine Ansprüche ins Masslose, oder beantwortet herzlosen Druck und ewiges Nörgeln mit einer rachsüchtigen Revolte. Bleibt es, wie jetzt im Kriege, mit seinem Gegenspieler allein, so werden alle Register gezogen, und es kann sich fügen, dass das Kind in einer Verfassung dem Vater entgegenkommt, die dem als ein lebendiger Beweis gegen weiteren Kindersegen gelten kann.
Als den zweiten Typus der schlechten Erzieherin, dem Ursprunge nach dem ersten ähnlich, will ich diejenigen Mütter bezeichnen, denen der mangelnde Glaube an ihre eigene Kraft ganz in den Unglauben an den erzieherischen Wert der Frau aufgegangen ist. Sie glauben nur an den Mann, sehen in ihm ihre natürliche und verantwortliche Stütze und stellen sich, ohne an eine Änderung zu denken, im Gefühle der Ohnmacht mit deutlichem Lampenfieber an die Spitze der ungläubig gewordenen Kinder. Mit ihrer Haltung gegenüber den Kindern haben diese Frauen die Rückzugslinie im Auge, als ob es ihre Hauptaufgabe wäre, ihre Lebensmethode zu rechtfertigen, nach welcher der Mann allein schöpferisch und demnach auch in der Erziehung ganz und gar unersetzlich wäre. Ihre Erziehungsmittel sind dementsprechend: quälendes, verzweifelndes Jammern, kraftloses Gezeter und hohles Poltern. Die Kinder ersehen leicht den Spass und spielen ihre Heldenrolle verblüffend richtig, freilich ohne zu verstehen, dass sie ihrem Gegenspieler in die Hand spielen. Zum Schlusse klappt es, der „Beweis“ ist hergestellt: nur der Mann taugt zur Erziehung!
Die grösste Aktivität kommt dem dritten Typus zu. Er hat als Zauberformel, um die Schwierigkeiten des Lebens zu lösen, für sich die „männliche“ Aggression erspäht — und übertreibt sie. Züge von Herrschsucht und besonderer Strenge treten auf und die Prügelstrafe wird zum dauernden Pol der Erziehung. Das Kind artet unter solchem Druck leicht zur Feigheit und Zaghaftigkeit aus, schielt aber heimlich nach der Niederlage der Mutter. Da öffnet sich ihm der breite Weg zum Kampf gegen Ordnung und Recht in Familie, Schule und Gesellschaft. Die Abwesenheit des Mannes wirkt oft auf solche Frauen wie eine Aufforderung zu vermehrter Härte. So kann sie den Trotz des Kindes steigern, und beide scheitern dann. Exaltation ist noch nicht Kraft, auch wenn sie sich männlich gebärdet.
Erziehen heisst: für ein gesellschaftliches Zusammenleben tauglich machen. Meister wird der sein, der selber tauglich ist, Mann oder Frau.
Fuente: Alfred Adler, «Die Frau als Erzieherin», Archiv für Frauenkunde und Eugenetik (ed. Max Hirsch; Würzburg, Curt Kabitzsch), Bd. II, Heft 3, 1916, S. 341-349. Transcripción a partir del ejemplar digitalizado en Internet Archive (colección «Women and World War I», per_women-and-world-war-i_archiv-fr-frauenkunde-und-eugenik_1916-09-10; fascículo completo, PDF págs. 29-37), con OCR propio (Tesseract) cotejado con la capa de texto del PDF y corregido sobre las imágenes de las páginas; el espaciado de la tipografía se reproduce en cursiva. La cubierta del fascículo dice «II. Band. Ausgegeben am 10. September 1916. 3. Heft» (la segunda cifra del día está borrosa en la imagen; se sigue la fecha de la ficha de Internet Archive) y advierte que «este fascículo cierra el tomo II»; el pie de página impreso en S. 349 confirma «Archiv für Frauenkunde, Bd. II. H. 3». La Studienausgabe (y de ella el inventario) cita «Bd. 3»: probablemente es un error, o una confusión con el tomo III, en cuyo fascículo 1 se publicaron la portada y el índice del tomo II. El título exacto de la revista en 1916 es Archiv für Frauenkunde und Eugenetik (no «Eugenik»). Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa; la raya horizontal reproduce el filete que separa dos partes del artículo en S. 343.