Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose.

Von Dr. Alfred Adler, Wien.

Die Anwendung der Freud'schen Methode zur Aufdeckung des unbewußten Seelenlebens bei Gesunden und Neurotikern führt zur Anerkennung der Tatsache perverser Regungen, die bei Neurosen und Neuropsychosen aus dem Bewußtsein verdrängt sind, keineswegs aber ihren Einfluß auf das psychische Gleichgewicht verloren haben, vielmehr als pathogene Quelle des Handelns, Denkens und der Stimmungen unschwer zu erkennen sind. Ganz hervorragend ist dabei der Anteil des Sadismus und seines Gegenstückes, des Masochismus,1 die ich als den unmittelbarsten, zur nervösen Erkrankung führenden Faktor erkannt zu haben glaube. Die folgende Abhandlung soll als Versuch einer programmatischen Darstellung des Aggressionstriebes und seiner Phasen, von dem ich behaupten muß, daß er auch den Erscheinungen des Sadismus zugrunde liegt, gelten. —

Bisher ging jede Betrachtung des Sadismus und Masochismus von sexuellen Erscheinungen aus, denen Züge von Grausamkeit beigemischt waren. Die treibende Kraft stammt aber bei Gesunden (männlicher Charakter der Sexualität), Perversen und Neurotikern (s. u.) offenbar aus zwei, ursprünglich gesonderten Trieben, die späterhin eine Verschränkung erfahren haben, derzufolge das sadistisch-masochistische Ergebnis zwei Trieben zugleich entspricht, dem Sexualtrieb und dem Aggressionstrieb. Ähnliche Verschränkungen finden sich im Triebleben Erwachsener regelmäßig vor. So zeigt sich der Eßtrieb mit dem Sehtrieb, mit dem Riechtrieb (s. die Ergebnisse Pawlow's), der Hörtrieb mit dem Sehtrieb (audition colorée, musikalische Begabung), kurz jeder auffindbare Trieb mit einem oder mehreren der übrigen Triebe verknüpft, eine Verschränkung, an denen zuweilen auch der Harn- oder der Stuhltrieb ihren Anteil haben. Dabei soll uns „der Trieb“ nichts mehr als eine Abstraktion bedeuten, eine Summe von Elementarfunktionen des entsprechenden Organs und seiner zugehörigen Nervenbahnen, deren Entstehung und Entwicklung aus dem Zwang der Außenwelt und ihrer Anforderungen abzuleiten sind, deren Ziel durch die Befriedigung der Organbedürfnisse und durch den Lusterwerb aus der Umgebung bestimmt ist. In allen auffälligen Charakterbildern, deren Gesamtphysiognomie stets das Resultat einer Triebverschränkung ist, wobei einer oder mehrere der Triebe die Hauptachse der Psyche konstituieren, spielt der Sexualtrieb eine hervorragende Rolle. Die Ergebnisse einer großen Zahl von Psychoanalysen gesunder, neurotischer, perverser Personen, lebender und verstorbener Künstler und Dichter lassen in Betracht ihres Trieblebens und seiner Äußerungen folgende, stets erweisbare Tatsachen erkennen:

I. Die Kontinuität jedes Triebes und seine Beziehung zu anderen Trieben ist für das ganze Leben sowie über das Leben des Individuums hinaus, in seiner Heredität, mit Sicherheit festzustellen. Dieser Gesichtspunkt hat für viele Fragen der Charakterbildung und ihrer Vererbung, für Familien- und Rassenprobleme, für die Psychogenese der Neurosen, des künstlerischen Schaffens und der Berufswahl, des Verbrechens eine große Bedeutung.

II. Was von den Trieben ins Bewußtsein dringt, sei es als Einfall, Wunsch, Willensäußerung, ebenso was für die Umgebung in Worten oder Handlungen deutlich wird, kann entweder in direkter Linie aus einem oder mehreren der Triebe abstammen und dabei kulturelle Umwandlungen, Verfeinerungen und Spezialisierungen (Sublimierung Nietzsche's, Freud's) erfahren haben. Oder der Trieb wird in seiner Ausbreitungstendenz, mittels derer er bei stärkerer Ausbildung unumschränkt alle Beziehungsmöglichkeiten zur Umgebung ausschöpft und geradezu weltumfassend auftritt, an einer durch die Kultur bestimmten oder durch einen zweiten Trieb geschaffenen Schranke gehemmt. (Hemmung des Schautriebs in bezug auf Fäkalien etwa; Hemmung des Eßtriebs bei seiner Richtung auf schlecht riechende Speisen — Triebhemmung bei inadäquater Beziehung; Hemmung des Schautriebs bei Kampf gegen die Masturbation.) — Diese Triebhemmung ist als eine aktive psychische Leistung anzusehen und führt bei starken Trieben zu ganz charakteristischen Erscheinungen, und dies umsomehr, je mehr von der Triebkraft durch dauernden psychischen Kraftaufwand gezügelt werden muß. Der Triebhemmung im Unbewußten aber entsprechen im Bewußtsein ganz charakteristische Erscheinungen, unter denen vor allem durch die Psychoanalyse aufgedeckt werden:

  1. Verkehrung des Triebes in sein Gegenteil (z. B. dem Eßtrieb im Unbewußten entspricht eine Andeutung von Nahrungsverweigerung im Bewußten; fast analog damit dem Geiz oder Futterneide — Freigebigkeit).

  2. Verschiebung des Triebes auf ein anderes Ziel. (Der Liebe zum Vater (incestuös) im Unbewußten entspricht Verliebtheit in den Lehrer, den Arzt, den Cousin usw. im Bewußten; oder die Verdrängung geht soweit, daß der Sexualtrieb nur in pervertierter Richtung — homosexuell — zutage tritt.)

  3. Richtung des Triebes auf die eigene Person (z. B. dem verdrängten Schautrieb im Unbewußten entspricht im Bewußten der Trieb, selbst angeschaut zu werden; Exhibitionismus, aber auch in weiterer Folge Wurzel des Beachtungs-, Größen- und Verfolgungswahns) bei der Paranoia und Dementia praecox.

  4. Verschiebung des Akzents auf einen zweiten starken Trieb, der meist gleichfalls in der Form 1 (Verkehrung in sein Gegen- teil) zur Äußerung kommt (z. B. die Verdrängung des Sexualtriebs steigert die Tätigkeit des Schautriebs derart, daß entweder überall Sexualsymbole gesehen werden oder daß durch nervöse Anfälle das bewußte Sehen z. B. von Sexualsymbolen gehindert wird, — Absenzen, hysterische Anfälle, Fälle von Platzangst usw.).

Eine wichtige Abart des auf die eigene Person gerichteten Triebes (s. o. 3) bildet das „nach innen Schauen, Hören“, mit Erinnerung, Intuition, Introspektion, Ahnung, Illusion, Halluzination, Angst im Zusammenhang. —

Diese Gesichtspunkte sind für das Verständnis von Kultur, Religion, des Bewußtseins, des Vergessens, der Moral, der Ethik, der Ästhetik, der Angst und der Verdrängungssymptome bei den Psychoneurosen von großer Wichtigkeit. —

III. Die Psychoanalyse läßt uns jeden der Triebe auf eine primäre Organbetätigung zurückführen, die zur Lustgewinnung eingeleitet wird. Diese primären Organbetätigungen umfassen die ungehemmten Leistungen der Sinnesorgane, des Ernährungstraktes, des Atmungsapparates, der Harnorgane, der Bewegungsapparate und der Sexualorgane. Der Begriff „sexuelle Lust“ kann auf dieser Stufe nur den Empfindungen des Sexualapparats zugesprochen werden; später kann durch die früher erwähnte „Triebverschränkung“ jedes Organgefühl mit Sexualität gepaart erscheinen. Der psychische Überbau2 entsteht unter den Hemmungen der Kultur, welche nur bestimmte Wege für die Lustgewinnung als statthaft gelten läßt. In diesem Überbau, dessen organisches Substrat aus Teilen der zu- und abführenden Nervenfasern und aus Nervenzellen besteht, soweit sie mit dem Organ in Verbindung stehen, liegen die Möglichkeiten und Fähigkeiten zu bestimmten Leistungen des Gesunden und des Neurotikers, und dieser bis zu einem gewissen Grade und Alter entwicklungsfähige Apparat gedeiht in der Regel soweit, daß er auf irgendeine Weise dem Lustbegehren des Organs, d. i. dem Triebe des Organs nachzukommen in der Lage ist. Er hat demnach die Tendenz, entsprechend der Triebstärke zu wachsen, um seinen Lustgewinn durchzusetzen. Dabei vollzieht sich die Anpassung der Technik seiner Leistungen an die Kultur aus egoistischen Motiven (im Bewußtsein: „logische Repräsentation“3), was freilich durch die Auslese und weitgehende Blutvermischung, durch die Heredität also, sehr vereinfacht ist. Immerhin hat das Zentralnervensystem, der psychische Überbau der Organe, in diesem Sinne die Ersatzfunktion für den Ausfall des primären Lustgewinns am Organe übernommen.

Je stärker also ein Trieb ist, um so größer ist auch die Tendenz zur Ausbildung und Entwicklung des entsprechenden Organüberbaues. Wie diese Überentwicklung zustande kommt, was sie im Kampfe gegen die Außenwelt gewinnt, wie es dabei zur Verdrängung, notwendiger Konstellation (Schautrieb gegen Freßtrieb beispielsweise) und zur Kompensationsstörung (Psychosen) kommt, habe ich in meiner „Studie über Minderwertigkeit von Organen“ geschildert. Desgleichen wie durch den Zwang der Außenwelt einerseits, durch den starken Trieb andererseits das Organ genötigt wird, neue Wege, eine neue, oft höhere Be- triebsweise zur Befriedigung seiner Bedürfnisse einzuschlagen. Auf diesem Wege vollzieht sich die Ausbildung des künstlerischen, des genialen Gehirns, ebenso aber auch, wenn die Kompensation der Verdrängungstendenz nicht gewachsen ist, sie nicht siegreich umgeht, die Ausbildung der Neurose.

Die Heredität der Organwertigkeit hinwiederum, sowie die mit ihr zusammenhängende Heredität der Triebstärke, die beide sichergestellt sind, lassen erraten, daß in einer längeren Ahnenreihe bereits ein erhöhter Kampf um die Behauptung des Organes im Gange war. Daß dieser Kampf nicht ohne Schädigung abläuft, und daß den in der Ahnenreihe geschädigten Organen eine Keimanlage in der Deszendenz entspricht, die einerseits Spuren dieser Schädigung (Hypoplasie), andererseits Kompensationstendenzen (Hyperplasie) zeigt, läßt sich aus der Biologie, aber auch aus der Kasuistik entnehmen. Heute, nach den uralten Kämpfen der Menschheit, haben wir es mit derartig veränderten Keimanlagen zu tun, und jedes Organ wird den Stempel der Gefahren und Schädigungen seiner Ahnenreihe an sich tragen. (Grundlagen der Physiognomik.) Da hauptsächlich die Spannung zwischen Organmaterial und Trieb einerseits, den Anforderungen der Außenwelt andererseits die „relative“ Organwertigkeit bestimmt haben, so wird die größere Schädigung in der Ahnenreihe (Krankheit, Überanstrengung, Überfluß, Mangel) das Organ zu einem minderwertigen machen, d. h. zu einem solchen, dem die Spuren dieses Kampfes in erheblichem Maße anhaften. — Diesen Spuren bin ich nachgegangen und habe am Organe als solche nachgewiesen: Erkrankungstendenz, Degenerationszeichen und Stigmen, hypoplastische und hyperplastische Bildungen, Kinderfehler und Reflexanomalien. So wird uns die Organuntersuchung eine wichtige Handhabe zur Aufdeckung der Triebstärke: Das minderwertige Auge hat den größeren Schautrieb, der minderwertige Ernährungstrakt den größeren Eß- und Trinktrieb, das minderwertige Sexualorgan den stärkeren Sexualtrieb. —

Nun bedingen diese zu Lustgewinn drängenden Triebe und ihre Stärke die Stellung des Kindes zur Außenwelt. Seine ganze psychische Welt und seine psychischen Leistungen gehen aus dieser gegenseitigen Relation hervor, und wir können die höheren psychischen Phänomene der Kindesseele sehr bald im Zusammenhang mit dieser Anspannung aufsprießen sehen. Der Schautrieb (und der Hörtrieb) führen zur Neugierde und Wißbegierde, in ihrer Richtung auf die eigene Person zu Eitelkeit und kindlichem Größenwahn, bei ihrer Verkehrung ins Gegenteil zu Schamgefühl (Verschränkung mit dem Sexualtrieb!); der Eßtrieb gestaltet den Futterneid, Geiz, die Sparsamkeit, gegen die eigene Person gewendet Bedürfnislosigkeit, bei Verkehrung ins Gegenteil Freigebigkeit usw. Und dies um so deutlicher und mannigfaltiger, je stärker der Trieb entwickelt ist, so daß das minderwertige Organ zumeist alle Möglichkeiten seiner Betätigung ausschöpft und alle Phasen seiner Triebverwandlung durchmacht. Denn auch der Zusammenstoß mit der Außenwelt, sei es infolge unlustbetonter Erfahrungen, sei es infolge der Ausbreitung des Verlangens auf kulturell verwehrte Güter, erfolgt beim minderwertigen Organ mit unbedingter Gewißheit und erzwingt dann die Triebverwandlung. Die Bedeutung des infantilen Erlebnisses (Freud) oder seiner Vielheit (Abraham) für die Neurose ist deshalb in der Richtung zu reduzieren, daß in ihm der starke Trieb und seine Grenzen (als Wunsch und dessen Hemmung) mit größter Deutlichkeit zur Geltung kommen, und daß das meist vergessene Erlebnis wie ein Wächter im Unbewußten die weitere nötige Ausbreitung des Triebverlangens auf die Außenwelt verhindert (infantile Psyche des Neurotikers) und allzu starke Triebverwandlung (Askese) erzwingt. Um kurz zu sein, das Schicksal des Menschen, damit auch die Prädestination zur Neurose, liegt, wenn wir an dem Gedanken eines gesellschaftlich durchschnittlichen, gleichmäßigen Kulturkreises und ebensolcher Kulturforderungen festhalten, in der Minderwertigkeit des Organs ausgesprochen.

Nun finden wir schon im frühen Kindesalter, wir können sagen vom ersten Tage an (erster Schrei) eine Stellung des Kindes zur Außenwelt, die nicht anders denn als feindselig bezeichnet werden kann. Geht man ihr auf den Grund, so findet man sie bedingt durch die Schwierigkeit, dem Organ die Lustgewinnung zu ermöglichen. Dieser Umstand sowie die weiteren Beziehungen der feindseligen, kämpferischen Stellung des Individuums zur Umgebung lassen erkennen, daß der Trieb zur Erkämpfung einer Befriedigung, den ich „Aggressionstrieb“ nennen will, nicht mehr unmittelbar dem Organ und seiner Tendenz zur Lustgewinnung anhaftet, sondern daß er dem Gesamtüberbau angehört und ein übergeordnetes, die Triebe verbindendes psychisches Feld darstellt, in das — der einfachste und häufigste Fall von Affektverschiebung — die unerledigte Erregung einströmt, sobald einem der Primärtriebe die Befriedigung verwehrt ist. Den stärkeren Trieben, also der Organminderwertigkeit, entspricht normalerweise auch der stärkere Aggressionstrieb, und er bedeutet uns eine Summe von Empfindungen, Erregungen und deren Entladungen (hierher gehört auch Freud's „motorische Entladung“ bei der Hysterie), deren organisches und funktionelles Substrat dem Menschen angeboren ist. Ähnlich wie bei den Primärtrieben wird die Erregung des Aggressionstriebes durch das Verhältnis von Triebstärke und Anforderungen der Außenwelt eingeleitet, das Ziel desselben durch die Befriedigung der Primärtriebe und durch Kultur und Anpassung gesteckt. Das labile Gleichgewicht der Psyche wird immer wieder dadurch hergestellt, daß der Primärtrieb durch Erregung und Entladung des Aggressionstriebes zur Befriedigung gelangt, eine Leistung, bei der man normalerweise beide Triebe an der Arbeit sieht (z. B. Eßtrieb und Aggressionstrieb: Jagd). Am stärksten wird der Aggressionstrieb von solchen Primärtrieben erregt, deren Befriedigung nicht allzu lange auf sich warten lassen kann, also vom Eß- und Trinktrieb, zuweilen vom Sexualtrieb und vom Schautrieb aus (Eitelkeit), insbesondere dann, wenn diese Triebe, wie bei Organminderwertigkeit, erhöht sind. Ein gleiches gilt von körperlichen und seelischen Schmerzen, von denen ein großer Teil indirekt (Triebhemmung) oder direkt (Erregung von Unlust) die primäre lustvolle Organbetätigung hindert. Ziel und Schicksal des Aggressionstriebes stehen wie bei den Primärtrieben unter der Hemmung der Kultur; ebenso finden wir die gleichen Verwandlungen und Phasen wie bei ihnen. Zeigt sich im Raufen, Schlagen, Beißen, in grausamen Handlungen der Aggressionstrieb in seiner reinen Form, so führen Verfeinerung und Spezialisierung zu Sport, Konkurrenz, Duell, Krieg, Herrschsucht, religiösen, sozialen, nationalen und Rassen- kämpfen. (Lichtenberg sagt ungefähr: „Es ist merkwürdig, wie selten und ungerne die Menschen nach ihren religiösen Geboten leben und wie gerne sie für dieselben kämpfen“.) — Umkehrung des Triebs gegen die eigene Person ergibt Züge von Demut, Unterwürfigkeit und Ergebenheit, Unterordnung, Flagellantismus, Masochismus. Daß sich daran hervorragende Kulturcharaktere knüpfen, wie Erziehbarkeit, Autoritätsglaube, ebenso auch Suggestibilität und hypnotische Beeinflußbarkeit, brauche ich nur anzudeuten. Das äußerste Extrem ist Selbstmord.

Wie leicht ersichtlich, beherrscht der Aggressionstrieb die gesamte Motilität. — Daß er auch die Bahnen des Bewußtseins beherrscht (z. B. Zorn) wie jeder Trieb und daselbst die Aufmerksamkeit, das Interesse, Empfindung, Wahrnehmung, Erinnerung, Phantasie, Produktion und Reproduktion in die Wege der reinen oder verwandelten Aggression leitet, daß er dabei die anderen Triebe, vor allem diejenigen der minderwertigen Organe (Schimpfen bei Sprachorganminderwertigkeit; Sarkasmus), die den psychischen Hauptachsen zugrunde liegen, zuhilfe nimmt und so die ganze Welt der Aggressionsmöglichkeiten austastet, kann man bei einigermaßen starkem Triebleben regelmäßig beobachten. Ich habe in solchen Fällen unter anderem immer telepathische Fähigkeiten und Neigungen beobachten können und bin auf Grund meiner Psychoanalysen bereit, was an der Telepathie haltbar ist, auf den größeren Aggressionstrieb zurückzuführen, der die größere Fähigkeit verleiht, in der Welt der Gefahren zurecht zu kommen und das Ahnungsvermögen, die Kunst der Prognose und Diagnose, erheblich zu erweitern.

Ebenso wie die Schrecken der Weltgeschichte und des individuellen Lebens schafft der erregte, verhaltene Aggressionstrieb die grausamen Gestaltungen der Kunst und Phantasie. Die Psychoanalyse der Maler, Bildhauer und insbesondere des tragischen Dichters, der mit seinen Schöpfungen „Furcht und Mitleid“ erwecken soll, zeigt uns die Verschränkung ursprünglich starker Triebe, der Seh-, Hör- (und Tast-)triebe, die sich auf dem Umweg über den Aggressionstrieb in hochkultivierten Formen durchsetzen und uns zugleich ein anschauliches Bild der Triebverwandlung liefern. Eine große Anzahl von Berufen — von Tätlichkeitsverbrechen und Revolutionshelden nicht zu sprechen — schafft und erwählt sich der stärkere Aggressionstrieb. Die Richterlaufbahn, der Polizeiberuf, der Beruf des Lehrers, des Geistlichen (Hölle!), die Heilkunde und viele andere werden von Personen mit größerem Aggressionstrieb ergriffen und gehen oft kontinuierlich aus analogen Kinderspielen hervor. Daß sie vielfach, oft in erster Linie, der Triebverwandlung (Verkehrung ins Gegenteil z. B.) genügen, ist ebenso verständlich, wie die Flucht des Künstlers ins Idyll. Insbesondere sind die kindlichen Spiele, die Märchenwelt und seine Lieblingsgestalten, der Sagenkreis der Völker, Heroenkultus und die vielen, vielen grausamen Erzählungen und Gedichte der Kinder- und Schulbücher vom Aggressionstrieb für den Aggressionstrieb geschaffen. Ein weites Reservoir zur Aufnahme des Aggressionstriebes bildet auch die Politik mit ihren zahllosen Möglichkeiten der Betätigung und der logischen Interpretation des Angriffes. Der Lieblingsheld Napoleon, das Interesse für Leichenzüge und Todesanzeigen, Aberglaube, Krankheits- und Infektionsfurcht, ebenso die Furcht vor dem Lebendigbegrabenwerden und das Interesse für Friedhöfe decken oft bei sonstiger Verdrängung des Aggressionstriebes das heimliche Spiel der lüsternen Grausamkeit auf.

Entzieht sich der Aggressionstrieb durch Umkehrung gegen die eigene Person, durch Verfeinerung und Spezialisierung wie so oft unserer Erkenntnis, so wird die Verkehrung in sein Gegenteil, die Antithese des Aggressionstriebs, geradezu zum Vexierbild. Barmherzigkeit, Mitleid, Altruismus, gefühlvolles Interesse für das Elend stellen neue Befriedigungen vor, aus denen sich der ursprünglich zu Grausamkeiten geneigte Trieb speist. Scheint dies verwunderlich, so ist doch leicht zu erkennen, daß nur derjenige wirkliches Verständnis für Leiden und Schmerzen besitzen kann, der ein ursprüngliches Interesse für die Welt von Qualen zu eigen hat; und diese kulturelle Umwandlung wird sich umso kräftiger ausgestalten, je größer der Aggressionstrieb ist. So wird der Schwarzseher zum Verhüter von Gefahren, Kassandra zur Warnerin und Prophetin. Alle diese Erscheinungsformen des Aggressionstriebes, die reine Form, Umkehrung gegen die eigene Person, Verkehrung ins Gegenteil mit der äußerlich wahrnehmbaren Erscheinungsform der Aggressionshemmung (Abulie; psychische Impotenz) finden sich in den Neurosen und Psychosen wieder. Ich nenne nur Wutanfälle und Attacken bei Hysterie, Epilepsie, Paranoia als reine Äußerung des Triebes, Hypochondrie, neurasthenische und hysterische Schmerzen, ja das ganze Krankheitsgefühl bei Neurasthenie, Hysterie, Unfallsneurose, Beobachtungswahn, Verfolgungsideen, Verstümmelung und Selbstmord als Phasen der Umkehrung des Aggressionstriebes gegen die eigene Person, die milden Züge und Messiasideen der Hysteriker und Psychotiker bei Verkehrung ins Gegenteil.

Anschließend an die Erörterung der Umkehrungsform gegen die eigene Person muß ich noch ein Phänomen erwähnen, dem die größte Bedeutung in der Struktur der Neurose zukommt, die Angst. Sie stellt eine Phase des gegen die eigene Person gerichteten Aggressionstriebs dar und ist nur mit der halluzinatorischen Phase anderer Triebe zu vergleichen. Die verschiedenen Formen der Angst kommen zustande, indem sich der der Angst zugrunde liegende Aggressionstrieb verschiedener Systeme bemächtigen kann. So kann er das motorische System innervieren (Tremor, Stottern, tonische, klonische Krämpfe, katatonische Erscheinungen; funktionelle Lähmungen als Aggressionshemmung); auch die Vasomotoren kann er erregen (Herzpalpitation, Blässe, Röte) oder andere Bahnen, so daß es zu Schweiß, Stuhl-, Urinabgang, Erbrechen kommt, oder zu Sekretionsverhinderung als Hemmungserscheinung. Strahlt er ins Bewußtsein aus, so erzeugt er koordinierte, den minderwertigen Bahnen entsprechende Bewußtseinsphänomene, wie Angst- und Zwangsideen, Sinneshalluzinationen, Aura, Traumbilder. — Immer aber wird die Richtung auf das minderwertige Organ sowie auf seinen Überbau, auf Blase, Darm, Kehlkopf, Bewegungsapparat, Respirationsorgan (Asthma), Herzkreislauf, innegehalten werden, so daß im Anfall die psychische Hauptachse des Erkrankten wieder in Erscheinung tritt. — Im Schlaf, in der Bewußtlosigkeit und Absence der Hysterie und Epilepsie sehen wir den höchsten Grad der Aggressionshemmung.

Abgesehen von den Primärtrieben ist auch der Schmerz imstande, den Aggressionstrieb zu erregen, sowie auch, — was aus dem Zusammen- hang der Erscheinungen hervorgeht, der auf die eigene Person gerichtete Aggressionstrieb sich der Schmerzbahnen bemächtigen kann, um je nach Maßgabe der Organminderwertigkeit Migräne, Clavus, Trigeminusneuralgie, nervöse Schmerzen in der Magen-, Leber-, Nieren- und Appendixgegend (ebenso wie Aufstoßen, Gähnen, Singultus, Erbrechen, Schreikämpfe) zu erzeugen. In der Psychoanalyse läßt sich als auslösende Ursache stets eine Triebhemmung nachweisen, und ebenso geht dem Schmerzanfall voraus oder folgt ihm nach ein Aggressionstraum mit oder ohne Angst. Oder das Bild wird durch vorübergehende oder dauernde Schlaflosigkeit variiert, als deren nächste Ursache der unbefriedigte Aggressionstrieb aufgedeckt werden kann.

Insbesondere die motorischen Ausstrahlungen des Aggressionstriebes sind im Kindesalter ungemein deutlich. Schreien, Zappeln, sich zu Boden werfen, Beißen, Knirschen usw. sind einfache Formen dieses Triebes, die im neurotischen Anfall, insbesondere bei der Hysterie nicht selten wieder zu finden sind.


Fuente: transcripción a partir del número 19 (10 de julio de 1908) de Fortschritte der Medizin, año 26 (Leipzig/Eberswalde, Max Gelsdorf), págs. 577-584, digitalizado en Internet Archive (PDF y OCR del portal); el texto se cotejó página por página con las imágenes. Ortografía original; el espaciado del original se da en cursiva (no se marca el de los nombres propios: Freud, Pawlow, Nietzsche, Abraham, Lichtenberg, Adler). Las notas a pie son de Adler (la tercera cita su artículo de 1905 con título abreviado: «Drei Psycho-Analysen von Zahleneinfällen und obsedierenden Zahlen», Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift). Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa. Adler reimprimió el artículo en Heilen und Bilden (1914), págs. 23-32.

  1. Siehe auch Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Deuticke, Berlin, Wien 1906. ↩

  2. Siehe Alfred Adler, Studie über Minderwertigkeit von Organen, Urban & Schwarzenberg, Berlin, Wien 1907, S. 61 u. f. ↩

  3. Siehe Alfred Adler, Drei Analysen von Zahleneinfällen, Neurologisch-psychiatr. Wochenschr. 1905. ↩