Die Krankheit des Tänzers Nijinsky. Wir meldeten vor kurzem, daß die Familie des seit Jahren geistig kranken berühmten Tänzers Nijinsky Hoffnung hegt, das schwere Leiden des derzeit in einem amerikanischen Sanatorium lebenden Künstlers besiegen zu können. Über diese neue Wendung im Schicksal Nijinskys, das in Budapest um so größeres Interesse wachrufen muß, als der geniale Tänzer ein Schwiegersohn unserer großen Bühnenkünstlerin Márkus ist, liegt uns heute aus London folgende Nachricht vor: Der Wiener Nervenarzt und Begründer der Individualpsychologie Dr. Alfred Adler hat die Behandlung des russischen Tänzers Nijinsky übernommen. Nijinsky, den man für den größten Tänzer aller Zeiten hält, ist vor acht Jahren an einem schweren Nervenleiden erkrankt und befindet sich derzeit in dem Sanatorium „Swiß Asylum“ bei New York. Nachdem alle Bemühungen der amerikanischen Professoren die Gesundheit Nijinskys nicht wiederherstellen konnten, wurde Dr. Adler, der bekanntlich seit zwei Jahren Leiter einer New-Yorker psychiatrischen Klinik ist, zu ihm berufen, um ein Gutachten über den Gesundheitszustand des Künstlers zu erstatten. Dr. Adler untersuchte den Patienten und fand, daß der Zusand Nijinskys wohl sehr ernst, aber nicht hoffnungslos sei. Er ist der Meinung, daß eine Behandlung nach den Methoden der Individualpsychologie geeignet sei, die schwere Psychose, die sich Nijinskys bemächtigt hat, zu heilen. Natürlich kann sich, so äußerte sich Dr. Alfred Adler, die Heilung nicht in Wochen oder in einigen Monaten vollziehen, da das Leiden bereits sehr vorgeschritten ist, doch besteht Hoffnung auf eine Genesung.


Fuente: «Die Krankheit des Tänzers Nijinsky», Pester Lloyd (Budapest), 12. November 1935, S. 6, ohne Verfasser, in der Spalte der Tagesnachrichten. Transcripción hecha sobre la imagen de la página en ANNO (Österreichische Nationalbibliothek, ANNO_pel19351112, Bild 6), cotejada con el OCR de la plataforma, muy defectuoso. La entradilla va en negrita en el impreso; las cursivas son del impreso. Se conservan «Swiß Asylum» y la errata «Zusand» del impreso.