(Der Individualpsychologe Dr. Alfred Adler über seine Amerikareise.) Der Begründer der Individualpsychologie Dr. Alfred Adler ist von einer Amerikareise heimgekehrt. „In den dreiundeinhalb Monaten meines Aufenthaltes,“ erzählte er, „mußte ich fast täglich einen Vortrag oder Kurs halten. Die Individualpsychologie ist in Amerika gut bekannt, die meisten meiner Schriften sind in Uebersetzungen erschienen, neue kommen nächstens heraus. Viele meiner Schüler wirken drüben, die zum Teil in Wien bei mir gearbeitet oder sich drüben ausgebildet haben. Meinen Vorlesungen wohnten daher Aerzte, Psychologen, Studierende und andere Intellektuelle bei. Auch offizielle Psychologieprofessoren der Universitäten waren oft zu sehen. In Chicago habe ich im Universitätsinstitut für delinquente und nervöse Kinder gearbeitet, in Springfield holte ich mir das Ehrendoktorat. Praxis habe ich nicht ausgeübt. Die Oeffentlichkeit nimmt in Amerika starken Anteil an der Arbeit der Universitäten. Nicht nur, daß viele und nicht die schlechtesten Universitäten zum größten Teil aus privaten Geldern erhalten werden, es gibt auch viel mehr Universitätsvorlesungen für Nichtstudierende. Jeder Intellektuelle steht in irgendeinem Zusammenhang mit der Universität, hat Vorlesungen besucht, kennt die Professoren und ihr Fachgebiet. So ist auch das Interesse für spezielle Zweige, besonders für Pädagogik, sehr groß. Schwer erziehbare Kinder finden in Amerika Fortkommen in vielen privaten Erziehungsanstalten, wo die Eltern beraten werden. Das private Erziehungswesen besitzt dort überhaupt großen Umfang, so gibt es in Newyork an 20.000 Erzieherinnen. Bei den Amerikanern hat nun die Wiener Methode der Individualpsychologie besonderen Anklang gefunden. Ich habe ihnen von den Beratungsstellen in den Wiener Schulen erzählt, und man ahmt diese Einrichtung bereits nach. Ich habe weiter angeregt, es möge eine individualpsychologisch ausgebildete Wiener Erzieherin eine Zeitlang in Newyork wirken, worauf man mit Begeisterung einging. Die Sache ist bereits in Vorbereitung. Ein zweiter Vorschlag ging dahin, einen ausgebildeten Wiener Lehrer nach Detroit zu nehmen und dafür einen Detroiter Lehrer nach Wien zu senden. Auch diese Idee hat in Amerika lebhaft interessiert und ich habe den Vorschlag zur Beratung und Durchführung bereits an den Wiener Stadtschulrat abgetreten Wien ist das heimliche Ideal der Amerikaner, nach dem sie sich sehnen. Wien gilt bei ihnen als ein Dorado, und allgemein hört man die Bemerkung, daß Wien und Oesterreich in den Friedensverträgen Unrecht getan worden sei. Man spricht und träumt drüben von Wien, obwohl die Propaganda dafür recht spärlich ist. Denn man findet Prospekte von Italien, der Schweiz, der Riviera, nur nicht von Wien. Aus Amerika nahm ich zahlreiche Einladungen für das nächste Jahr mit. In Newyork allein soll ich im kommenden Frühjahr 48 Vorlesungen halten. Wahrscheinlich werde ich auch, so ungern ich reise, wieder hinüberfahren, um drüben für die Individualpsychologie weiterzuarbeiten.“
Fuente: Neue Freie Presse (Viena), n.º 22878, viernes 25 de mayo de 1928, pág. 13, sección «Kleine Chronik»; nota sin firma con declaraciones de Adler en primera persona (ANNO / Österreichische Nationalbibliothek, nfp19280525, imagen 13). Transcripción a partir del OCR Fraktur propio y del de la ÖNB, corregida sobre la imagen; el espaciado del apellido se reproduce en cursiva. Se respeta la falta de punto tras «abgetreten» y la grafía «Newyork». La misma rueda de prensa la recoge, con otro texto, la Wiener Allgemeine Zeitung del mismo día (véase «Amerika im Lichte der Individualpsychologie»).