Amerika im Lichte der Individualpsychologie

Ein Vortrag des soeben aus Amerika zurückgekehrten Wiener Individualpsychologen Dr. Alfred Adler und ein Gespräch mit ihm

Es wird oft behauptet, daß Alfred Adler, der Wiener Individualpsychologe nur im Ausland die ihm gebührende Würdigung in vollem Maße erfahren könne. Wer gestern abends im großen Saal des Volksbildungshauses auf dem Ludo Hartmannplatz der

Antrittsrede

beiwohnte, die Dr. Adler, eben aus Amerika zurückgekehrt, seinen Hörern hielt, der mußte zu der Ueberzeugung kommen, daß auch Wien diesen Gelehrten zu schätzen weiß. In dem bervollen Saal war kaum mehr ein Stehplatz zu finden. Mit Begeisterung und herzlicher Freude begrüßte man den Heimgekehrten und in atemloser Spannung folgten sie seinem schlichten, klaren Bericht über Amerika, wie er es gesehen hatte.

Der Amerikaner, führte Adler aus, betrachtet bewußt oder unbewußt jedes Ding und jedes Erlebnis vom Standpunkt der

Erfolgsmöglichkeit

aus. Die Erfolgsmöglichkeiten scheinen in Amerika sehr nahegerückt. Sie sind es, die die Auswanderer anlocken, so daß das Land seine Grenze gegen die Auswanderer der verschiedenen europäischen Staaten oftmals sperren muß. Allerdings zeigt sich die Durchdrungenheit vom Bewußtsein der Erfolgsmöglichkeit nicht immer nur in gutem Sinne. Wie über die ganze Welt, so geht auch über Amerika eine Verbrechenswelle hin. Und selbst im Verbrechen sehen wir das Bestreben nach Rekord. Die ungeheuren Erfolgsmöglichkeiten steigern eben den Willen zu einer Tat bis zur Rekordsucht.

Innerhalb dieses grandiosen Ringens um Ueberlegenheit finden wir aber doch einen starken Hang zur Pflege des Gemeinsinnes. Der Amerikaner achtet sein Land als das Mächtigste. Er pflegt körperliche und geistige Kultur. Allerdings wird die Körperkultur nach unserem Empfinden fast zu sehr in den Vordergrund gerückt.

Dem Europäer fällt vor allem die eigenartige Organisation der religiösen Interessen in Amerika auf. Zwar ist Religion dem Amerikaner Privatsache und die Schulen sind von religiösen Einflüssen freigehalten. Aber der öffentliche Geist rechnet mit der Religion des einzelnen und die Religion ist ihm ein noli me tangere. In den amerikanischen Kirchen sieht es auch ganz anders aus, als bei uns, sie sind wie Hotels eingerichtet, haben Schwimmbassins und Turnhallen; man kann dort auch sehr gut zu Mittag speisen.

Alfred Adler hat in zahlreichen Städten Amerikas, so vor allem in New-York und Chicago Vorträge gehalten.

In einer Universität in Michingan waren etwa 2500 Menschen im Saal und 500 harrten auf dem Korridor, weil sie nicht mehr zur Türe hineinkonnten. Alfred Adler war in der Menge derart eingekeilt, daß man ihn nicht sehen konnte. „Auf den Tisch springen“, riefen die Studenten, und als er wirklich auf den Tisch sprang, hatte er gewonnenes Spiel. Den Studenten imponierte es, daß der Sprung geglückt war und der Gast wurde mit einem geradezu indianisch klingenden Freudengeheul begrüßt.

Die Universität ist im Leben des Amerikaners kein Fremdkörper, sie ist vielmehr ein integrierender Bestandteil des öffentlichen Lebens. Wenn einer beispielsweise wegen einer Maschine eine Anfrage hat, dann wendet er sich an die Hochschule — der Professor kommt zu ihm, besichtigt die Maschine und gibt ihm die gewünschte Erklärung. Den Vorträgen an den Hochschulen wohnen nicht nur Studenten bei, sondern auch viele ältere in Berufen stehende Leute.

Die Vorliebe für die Bildung von Gruppen zeigt sich bei alten und jungen Schülern. Und das ist gut. So lernen sie aneinander.

Denn Verstand und Vernunft können sich nur innerhalb eines sozialen Kreises bilden und entwickeln. Man speist in Amerika auch selten allein, man wird eingeladen. Ueberall kommt der Gemeinschaftssinn, das Aneinanderschließen und Füreinander-Eintreten zum Ausdruck.

Dicht nebeneinander finden wir Zeichen niedriger und edler Gesinnung. Große Stiftungen gehören zu den Alltäglichkeiten. Es gibt beispielsweise Zeitungen, die eigene Rubriken für derlei Stiftungen führen. Da heißt es dann oft:

N. N. spendet dies oder jenes, weil er einmal die Steuerbehörde oder die Post um einen gewissen Betrag geschädigt

hat. Dieses verstärkte Rechtlichkeils- und Ehrlichkeitsgefühl hängt ebenfalls mit der nähergerückten Erfolgsmöglichkeit zusammen. Sie schafft ein empfindlicheres Gewissen und führt zur Selbstreinigung. Denn die Möglichkeit, mit anständigen Mitteln große Erfolge zu erzielen, schafft den Willen, sich auch in Gutem hervorzutun und die anständigsten Mittel zu wählen. Ein Schatten fällt dann auf den, der nach billigeren Mitteln greift.

Alfred Adler hat Einladungen zu neuen Reisen nach Amerika erhalten. Er wird aber voraussichtlich nun doch ein Jahr in Wien bleiben. Denn

er will fünf Bücher vollenden,

die er bereits in Arbeit hat. Eines dieser Bücher umfaßt die Geschichte eines Wiener Mädchens und die Erklärung, wie diese Geschichte vom Standpunkt des Individualpsychologen zu lesen und zu lösen sei. Ein weiteres Buch, das ebenfalls in kurzem erscheinen wird, bringt eine Sammlung der in Amerika gehaltenen Vorträge.

Elisabeth Thury


Fuente: Wiener Allgemeine Zeitung (Viena), viernes 25 de mayo de 1928, pág. 3; crónica firmada por Elisabeth Thury de la conferencia de Adler en la Volksbildungshaus (Ludo-Hartmann-Platz, Viena) la tarde anterior, con datos de una conversación con él (ANNO / Österreichische Nationalbibliothek, waz19280525, imagen 3). Transcripción a partir del OCR Fraktur propio y del de la ÖNB, corregida sobre la imagen; el espaciado se reproduce en cursiva y los pasajes compuestos en negrita, en negrita. Se respetan las grafías y erratas del periódico: «bervollen» (por «übervollen»), «Michingan», «Rechtlichkeils-». La Neue Freie Presse del mismo día publica otras declaraciones de Adler sobre el mismo viaje.