G. G. L. Alexander: „Kämpfende Frauen“.*)

Von Dina Schreiber.

** Dies Büchlein, das Clara Zetkin gewidmet ist, stellt ein prächtiges Geschenk für die Frauen und Männer des kämpfenden Proletariats dar. Nicht, daß es sich hier nur um Kämpferinnen des Proletariats handelte! Mary Wollstoncraft, Olive Schreiner und auch Madeleine Marx sind Kämpferinnen für die individuelle Befreiung der Frau, ohne die Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse als notwendige Vorbedingung für ihre persönliche Befreiung zu betrachten. Aber obwohl eine Wollstoncraft, eine Madame Rolland und andere als Vertreterinnen der bürgerlichen Klasse dem proletarischen Endziel fernstehen, so hat sie doch ihr persönliches Schicksal dazu gedrängt, sich auch mit allgemeinen gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen. So schreibt Mary Wollstoncraft unter dem Eindruck der französischen Revolution eine „Verteidigung der Menschenrechte“, sie schreibt eine größere Abhandlung über „historische materialistische Betrachtungen der französischen Revolution“ und sie plante eine Schrift über die „Rechte und Pflichten des weiblichen Geschlechts“, in der sie die Einordnung der Frau in den gesellschaftlichen Produktionsprozeß fordert. Und ähnlich faßt Olive Schreiner, die allerdings ein Jahrhundert später lebt, die Loslösung der Frau vom Haus als gesellschaftliche Frage auf. Aber letzten Endes ist doch der Kampf der bürgerlichen Frau, die die allgemeine Unterdrückung des Menschen durch den Menschen nur als Unterdrückung der Frau empfindet, ein Ringen um ihre persönliche Freiheit; die gesellschaftlichen Fragen löst sie, wie alle Utopisten, durch Charakterbildung und veränderte Erziehung.

Das typische Bild dieser Halbheit bürgerlicher Emanzipation stellt das tragische Schicksal der Madame Roland dar, das uns Genossin Alexander schildert; bei Madame Roland tritt das Ringen um persönliche Befreiung zurück hinter ihrem Kampf für „allgemeine Menschenrechte“. Lebte sie ja mitten im Strudel der französischen Revolution, in der notgedrungen das Schicksal des Einzelnen bedeutungslos wurde gegenüber dem Schicksal der Nation. So ist Frau Roland orientiert über alle wirtschaftlichen und sozialen Fragen des damaligen Frankreichs. Sie kennt die Nöte des Volkes und schreibt im Jahre 1790 an ihren Freund Bosz:

„Man muß wachen und beten bis zum letzten Atemzuge — oder sich überhaupt nicht um die Rechte der Revolution kümmern.“

Aber trotz ihres revolutionären Temperaments, trotz ihrer glühenden Liebe für die Revolution stand sie — gebunden durch ihre Klassenlage — im entscheidenden Augenblick jenseits der Barrikade. Wie die Sozialrevolutionäre in Rußland, die ehemaligen Helden und Märtyrer der bürgerlichen Revolution, heute die Feinde der proletarischen Revolution sind, so wandte sich auch Madame Roland ab, als Marat und Hébert an der Spitze der entrechteten Volksmassen für die proletarische Revolution in die Schanze traten. Und so tragisch und widersinnig die Hinrichtung der Frau Roland in ihrem eigenen Bewußtsein sein mag, so war, wie G. G. L. treffend sagt, „ihre Hinopferung nicht umsonst, ihr Tod war eine Notwendigkeit, damit die bürgerliche Revolution siegen konnte, denn sie siegte eben nur mit Hilfe der nachdrängenden Ultrarevolutionäre und unter ihrem Druck, der sich in der Schreckensherrschaft auslöste“.

Dem heutigen Proletariat am nächsten steht die Heldin der Pariser Commune; hier waren bereits Frauenmassen in Bewegung, und an ihrer Spitze stand Louise Michel, eine bescheidene Pariser Lehrerin. Mit der Waffe in der Hand verteidigte sie die Pariser Commune, und ihre Kampfeskraft erlahmte nicht, als sie zu zehnjähriger Verbannung nach Neu-Kaledonien verurteilt wurde. In Wort und Schrift trat sie bis zu ihrem Lebensende für die Commune ein, die der erste blutige Kampf des Proletariats für seine endgültige Befreiung war.

Der letzte Artikel — „Der Heroismus der Frauen in der Russischen Revolution“ — zeigt den Unterschied zwischen bürgerlicher und kommunistischer Frauenbewegung. Wie schon bei Louise Michel tritt das Einzelschicksal der Heldinnen völlig in den Hintergrund, oder ist, besser gesagt, — nur insoweit von Bedeutung, als es hemmend oder fördernd für ihre Teilnahme am allgemeinen Kampf wirkt. Wir kennen nicht die Namen der russischen Heldinnen und doch wird ihr Andenken ein ewiges sein. Die Ursache, warum die russischen Arbeiterinnen und Bäuerinnen in so viel höherem Maß zum „Mitleiden“ und daher auch zur Hingabe an eine Sache befähigt sind als das westeuropäische Proletariat, legt G. G. L. durch eine Analyse der russischen zaristischen Verhältnisse treffend dar. Sie weist darauf hin, daß erst jahrzehntelange blutige Unterdrückung durch den Zarismus die russischen Frauen mit der Waffe in der Hand zu kämpfen gelehrt hat.

Die Soldateska in Deutschland, die die blutige Unterdrückung schafft, wird auch bei uns ein ganzes Geschlecht „kämpfender Frauen“ schaffen.

*) G. G. L. Alexander: „Kämpfende Frauen“. Historisch-materialistische Studien. Neuer Deutscher Verlag, Berlin W 8, Unter den Linden 11.


Fuente: transcripción a partir del facsímil de la Internationale Presse-Korrespondenz (Inprekorr), edición alemana (Viena), 4.º año, n.º 56, 20 de mayo de 1924, pág. 684, sección «Buchbesprechungen», en archive.org (volumen «Inprekorr. Januar–Juni 1924»); se partió del OCR de archive.org y se corrigió íntegramente sobre la imagen. La reseña, al final de la sección de reseñas de libros, ocupa el pie de la primera columna y la segunda columna de la página. Las cursivas reproducen la negrita del original. Se conservan las grafías del impreso: «Wollstoncraft», «Madame Rolland» (junto a «Roland»), «Bosz» (por Bosc). La nota bibliográfica del original, al pie de la primera columna, va al final. Firmado «Dina Schreiber» (registro semestral de autores: «Schreiber, Dina, Nr. 56, S. 684»): seudónimo de Valentine (Vali) Adler según el Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) y la nota biográfica de los Beiträge zur Marx-Engels-Forschung, Neue Folge, Sonderband 3.