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Vogelfreunde

Vormittag auf dem Belvedere. Es ist noch früh am Tage. Männer mit Besen und Schubkarren fegen Papierfetzen, Zigarettenreste, abgebrannte Zündhölzer, dürres Laub und Blütenblätter zusammen. Die grünen Rasenflächen und Büsche werden mit Wasser besprengt. Dann beginnt die Auffahrt der Kinderwagen. Junge Mütter, Kinderschwestern und halbwüchsige Mädchen betreuen die ihnen anvertrauten Küken, sitzen mit Handarbeiten auf den Bänken oder hocken auf niedrigen Klappsesseln in der Sonne. Alte Herren erscheinen, einzeln oder in Trupps, in der Würde ihrer vollbrachten Dienstjahre, noch festen Schrittes, durch ärztlich verordneten Spaziergang ihre Alterspension täglich neu verdienend oder doch schon keuchend, altersgebeugt, auf den Stock gestützt, durch die Alleen hinkend, wackelnd …

Das ist die Zeit, von der die Vögel wissen, daß die Stunde ihres zweiten Frühstücks gekommen ist. Das erste Frühstück haben sie bereits eingenommen, als die Anlagen noch tief in Tau und Schlaf lagen und die Wege fast menschenleer waren. Sie haben die Rasenplätze und Beete, das Strauchwerk und Unterholz nach Würmchen und Schnecken, Raupen und Käfern, verspäteten Nachtwandlern und Morgenspaziergängern der Weichtier- und Insektenwelt abgesucht und ihren ersten Hunger gestillt. Dann haben sie ihren Nachwuchs versorgt, gespielt, gebadet, geflirtet, Flugübungen gemacht, sich getummelt, gezankt, herumgetrieben; nun stellt sich der Appetit auf das zweite Frühstück ein. Und da kommen die freundlichen Spender, die ihnen den Tisch decken werden.

Ein langer, magerer Herr mit klappernden Knochen, pergamentnem Gesicht und halberloschenen Augen macht den Anfang. Kanzleirat, Oberkontrollor, Sektionschef a. D. oder ähnliches. Er war sicher kein angenehmer Herr am Aktentisch oder hinter dem Schalter. Seine ganze Erscheinung drückt Menschenfeindschaft aus. Aber da sind die Vögel — das ist etwas anderes. Zu den Vögeln hat sich sein verbittertes altes Herz geflüchtet. Er erscheint — und schon sind zwei, drei Dutzend Spatzen da. Finken, Stare, Amseln fliegen zu. Bald ist er von einem schwirrenden, zwitschernden Schwarm umringt. Da geht über sein Gesicht ein Leuchten. Seine Hand greift in die Tasche und streut mit müder Bewegung ein paar Körnchen, ein paar Bröckchen … Hier hat er Freude, ist er wohlgelitten, begrüßt man ihn mit Willkommen. Hier schmilzt die Eiskruste in seinem Innern. Hier, ganz flüchtig und dürftig, hat er das Erlebnis der Menschlichkeit …

Der zweite der Vogelfreunde dürfte ein in den Ruhestand versetzter Mittelschulprofessor sein. Er war sicher einmal ein tüchtiger Lehrer, der seinen Unterricht gut präparierte, jedem Schüler zu einer anständigen Bildung verhalf und streng auf Zucht und Ordnung hielt. Er ist seinem Metier treu geblieben. Mit einem sauberen Papierbeutel in der Hand kommt er daher. Daraus schüttet er auf die Hand ein Häufchen exakt geschnittener kleiner Brotwürfel. Die Vögel hüpfen und flattern um ihn herum. Das stört offenbar sein Gefühl für die vorgeschriebene Klassendisziplin. Lieber hätte er, wenn sie in Reih und Glied vor ihm stünden. Dann teilt er jedem unter Anruf die ihm zugedachte Gabe zu. „Das ist für dich!“ — „Das sollst du haben!“ — „Nein, du nicht!“ — „Wirst du wohl!“ — „Du hast doch schon zweimal!“ — „Frecher Bengel!“ So geht die Abfütterung vor sich. Zum Schluß wartet man geradezu, daß er sagen wird: „Nun wischt euch den Schnabel ab! Sagt danke schön! Abtreten!“

Da lobe ich mir den jovialen Dickbauch, der nun auf der Bildfläche erscheint. Er ist kugelrund, hat ein lächelndes Vollmondgesicht mit nußfrohen Lippen und gütigen Augen. Leben und leben lassen: mag seine Daseinslosung sein. Im Arm hält er eine umfangreiche Tüte voll Kuchenkrümel, Semmelbrocken und Brotreste. Dann langt er mit breiter Hand hinein und streut sechs, sieben, achtmal in vollem Wurf, über sein ganzes Gesicht strahlend, die Gottesgabe über den Rasen. Er kann sich nicht genug tun im Spenden, Schenken und Verschwenden. Dann schaut er mit Behagen und Beglückung dem Gewimmel, Geschrei und Gebalge der freßbegierigen Schar zu. Bis das letzte Krümchen aufgepickt ist, kann er sich von seinen Schützlingen nicht trennen. Und wenn er, sich immer noch einmal umwendend, davongeht, sieht man ihm an, wie er sich auf den morgigen Tag freut. Die verkörperte Seligkeit des Gebens.

Sein Nachfolger macht es den kleinen Kostgängern nicht so leicht. Auf leisen Sohlen kommt er einher, stellt sich unter einen Baum oder ins Gebüsch und beginnt nach Vogelart zu pfeifen, zu zwitschern, zu flöten. Die Vögel stutzen, sie kennen den Lockruf, werden unruhig und schwirren herbei. Dann streckt er seine offene Hand aus — und husch! ist der Kern vom Handteller fortgeholt. Er nimmt den Kern zwischen die ausgestreckten Fingerspitzen — und schon ist er verschwunden. Er legt ihn auf seine Lippenöffnung — und wirklich flattert ein Fink herbei, um sich die Spende zu sichern. Er wirft den Kern in die Luft — und im Flug wird er geschnappt. Das sind kleine Kunststückchen, entzückend in ihrer Anmut und Lieblichkeit. Einmal war ein Fink da, der holte sich den Kern von der Zunge im Munde. Aber — der Vogelfreund berichtet es mit tiefer Traurigkeit — der Oberkellner vom Hotel nebenan hat ihn durch Schlagobers an sich gelockt und seinem alten Wohltäter abspenstig gemacht …

Es sind fast immer nur Männer, die ein Freundschaftsverhältnis zu Vögeln haben. Nur gelegentlich taucht eine Frau auf, die zieht aus ihrem Handbeutel ein Aspirin-Röhrchen, schüttet ein paar Körnchen heraus und wirft sie unter die Vögel. Aber es ist keine feste Beziehung da, kein Band zwischen Mensch und Tier, kein Vertrautsein. Vielleicht müssen Frauen zu viel von ihren Gefühlen an Menschen verwenden und verschenken, so daß für Vögel nicht mehr viel übrig bleibt. Oder vielleicht reicht die Gefühlsarmut so vieler Männer eben nur für Vögel aus …


Fuente: «Ping», «Vogelfreunde», Der Sonntag, suplemento dominical del Prager Tagblatt, 59. Jg., n.º 140, 17 de junio de 1934, primera página del suplemento (sin número de página visible; imagen 7 del número), columna izquierda, con final en la franja inferior de las columnas segunda y tercera. Transcrito desde la imagen de página de ANNO / Österreichische Nationalbibliothek (ANNO_ptb19340617, imagen 7); el OCR de ANNO, inservible para la Fraktur, se ha descartado. La última línea de la segunda columna está muy empastada en la impresión; la lectura «kennen den Lockruf, werden unruhig und» es probable pero no segura. Atribución del seudónimo «Ping» a Otto Rühle según Stecklina (2002, secc. 2.1.1).