Pong:

Der Tag fängt gut an

„Das gibt Verdruß … der Tag fängt gut an!“ sagt unwirsch der Mann und setzt sich mit ärgerlicher Miene an den Frühstücktisch. „Was gibt Verdruß?“ fragt aufhorchend die Frau. „Ich habe da das Salzfaß umgeworfen … das gibt Verdruß“, erklärt kurz angebunden der Mann, mit einem Ton, der weitere Unterhaltung abschneiden möchte. Die Frau aber beruhigt sich nicht. „Warum soll das Verdruß bringen?“ „Das ist eine alte Erfahrung … nenne es meinetwegen auch einen alten Aberglauben. Aber es stimmt!“ „Und du glaubst daran?“ „Warum soll ich nicht? Bei meiner Mutter hat es immer gestimmt.“ „Bei deiner Mutter?“ Die Frau lacht hell auf. „Ja das glaube ich wohl … nur sind das ungefähr vierzig Jahre her …“ „Und wenn es hundert Jahre wären … ich sage dir: ein umgeworfenes Salzfaß bedeutet immer Verdruß!“

„Aber geh, mein Lieber,“ sagt begütigend und fast mitleidig die Frau, „du bist doch ein Mann des Fortschritts und der Vernunft …“

„Was heißt Fortschritt?“ fällt er ihr ins Wort. „Was heißt Vernunft? Schau um dich, wo du heute Fortschritt und Vernunft findest! Wir stecken im allertiefsten Mittelalter!“

„Aber deshalb braucht doch der älteste Aberglaube nicht modernste Wahrheit zu sein. Ich erkenne dich nicht wieder … ist das dein Ernst?“ „Ach hör auf, bitte …“ „Ich will dir sagen, was los ist: du bist verdrießlich und ärgerlich aufgestanden, willst dirs aber nicht eingestehen; in der Aufregung hast du das Salzfaß umgeworfen, nun hast du einen erwünschten Vorwand, um deinen Verdruß ohne Verantwortung vor dir und andern ausleben zu können. Dein Aberglaube dient dir nur als Versteck vor dir selbst.“ „Also eine Analyse? … Bin ich ein Kranker, der therapeutisch behandelt werden muß?“ fährt der Mann beleidigt auf.

„Das nicht. Aber du solltest vielleicht abends weniger rauchen, regelmäßig zu Bett gehen und nicht bis tief in die Nacht lesen. Dann würdest du besser ausgeschlafen haben und nicht den Tag mit Verdruß beginnen.“

„Ich will keine Ratschläge … ich will Ruhe, Ordnung, nichts was mich nervös macht. Aber du bist es, die darauf keine Rücksicht nimmt!“

„Da hört doch alles auf!“ verteidigt sich die Frau. „Hier war die größte Ruhe, alles war in Ordnung, das Frühstück stand auf dem Tisch. Aber du mußt etwas zum Nörgeln haben, du brauchst einen Verdruß … Da kam dir das umgeworfene Salzfaß und der kindische Aberglauben gerade recht!“ „Meine harmlose Bemerkung …“, stottert der Mann. „Deine harmlose Bemerkung war in Wirklichkeit ein Angriff

gegen mich, eine Feindseligkeit, ein Wutanfall …“, weist ihn die Frau zurecht.

„Das ist zu viel!“ Der Mann schlägt auf den Tisch und springt auf. Da macht die Frau eine Handbewegung und stößt ein Glas um. Es fällt klirrend zu Boden. Beide erschrecken.

„Haha … Scherben!“ lacht die Frau laut, „Scherben bringen Glück! … Welcher Aberglaube ist nun stärker — deiner oder meiner?“ Beide stehen halb ernst, halb lachend einander gegenüber. „Sind wir nicht rechte Toren?“ fragt nach einem Weilchen die Frau. „Da sind wir abergläubisch, weil wir nicht den Mut haben, ohne Rückversicherung für unser Tun und Lassen einzustehen … Na, zum Glück wirfst du ja nicht alle Tage ein Salzfaß um.“ „Zum Glück!“ sagt er, plötzlich verstehend. „Sonst müßtest du ja jeden Tag ein Glas auf den Boden schmeißen!“


Fuente: «Pong», «Der Tag fängt gut an», Prager Tagblatt, 58. Jg., n.º 273, 22 de noviembre de 1933, pág. 3, columna derecha, con final en la pág. 4, columna izquierda. Transcrito desde las imágenes de página de ANNO / Österreichische Nationalbibliothek (ANNO_ptb19331122, imágenes 3 y 4); el OCR de ANNO, inservible para la Fraktur, se ha descartado. La bibliografía de Stecklina (2002, secc. 2.1.1) atribuye la pieza a Otto Rühle, que firmaba otras del mismo diario como «Ping»; la firma «Pong» deja un margen de duda sobre la autoría.