Ping:
Unsere Bank
Täglich gingen wir den Fluß entlang spazieren. Oft mehrmals des Tages. Denn wir hatten nichts weiter zu tun als essen, schlafen, baden, schwimmen, in der Sonne herumliegen und spazierengehen. Oft lockte der Morgen, manchmal der Mittag, meist der Abend zu einem Schlendergang. Immer denselben Weg. Morgens schritten wir frisch die ganze Strecke ab. Nach langem, erquickendem Schlaf hatten wir kein Bedürfnis, einmal Halt zu machen. Doch mittags wurden wir manchmal müde. Dann legten wir uns in den Schatten der hohen Bäume. Und gar erst abends — da hätten wir immer gern längere Rast auf halbem Wege gemacht. Doch da waren meist schon die Flußnebel da. Das Gras war tauig naß. Und bis in den Wald hinein fand sich kein Plätzchen, das uns gefiel. Wir stellten in schöner Uebereinstimmung fest: Hier fehlt eine Bank.
So oft wir nun durch die Wiesen schritten, so oft uns dabei das Bedürfnis nach einer Pause, einem Ruheplätzchen ankam, konstatierten wir: Hier sollte eine Bank stehen!
Aber der Platz blieb leer. Da reifte in uns der Entschluß, selbst eine Bank zu zimmern. Wir trauten uns zu, so mit Beil, Säge, Hammer und Axt umgehen zu können, daß eine Bank zustande kommen würde. Zum Glück begegnete uns noch im ersten Eifer unseres Entschlusses der Förster. „Ach, Herr Förster“, riefen wir ihn an, „dürften wir uns nicht eine Bank bauen?“ „Eine Bank?“ fragte er und zog die Augenbrauen hoch. Dann kraute er sich lange im Bart, ließ sich den Platz zeigen, wollte wissen, wie die Bank aussehen solle, ob wir uns darauf verstünden, sie zu bauen, und was wir dazu von ihm brauchten. „Nur ein paar Pfähle und zwei Bretter“, sagten wir. „Die können Sie haben!“
Wir gingen an die Arbeit. Holten Hammer, Säge, Zange, Beil, Axt und Nägel aus allen Winkeln des Hauses und der Nachbarschaft herbei. Dann spitzten wir die Pfähle an, sägten die Bretter zurecht und machten uns auf den Weg. Am geliebten Platze schlugen wir die Pfähle ein, nagelten die Bretter fest, probierten die Sitzhöhe aus und blickten voll Stolz auf unser Werk. Es hatte einige Mühe gemacht und etwas Schweiß gekostet. Aber wir wurden reichlich belohnt. Jetzt hatten wir eine Bank. Unsere Bank. An dem von uns ausgesuchten Platze. Heute abend würden wir sie einweihen. Hier nun abends zu sitzen, den Fluß zu Füßen, den tiefen Wald im Rücken, rechts und links die duftende Wiese und über uns den sternklaren Himmel — wie selig würden wir sein! Vor Freude kindisch drückten wir uns die Hände.
Dann gingen wir heim. Warteten den Abend ab und verzehrten das Abendbrot. Darauf traten wir den gewohnten Spaziergang an. Wie immer durch das feuchte Gras und die Flußnebel. Da tauchte in schattenhaftem Umriß die Bank auf. Aber — o weh! Sie war besetzt!
„Besetzt?“ rief ich aus. „Welch eine Frechheit! Das lassen wir uns nicht gefallen!“ Wir waren zum Aeußersten entschlossen.
Als wir näher kamen, sahen wir, daß zwei Leute auf der Bank saßen. Ein Liebespaar, zärtlich umschlungen. Und so in seine Liebkosungen vertieft, daß es unsere Stimmen und Schritte nicht hörte.
Da sind wir ganz still vorübergegangen …
Fuente: «Ping», «Unsere Bank», Der Sonntag, suplemento dominical del Prager Tagblatt, 58. Jg., n.º 200, 27 de agosto de 1933, columna derecha. Transcrito desde la imagen de página de ANNO / Österreichische Nationalbibliothek (ANNO_ptb19330827, imagen 8); el OCR de ANNO, inservible para la Fraktur, se ha descartado. Atribución del seudónimo «Ping» a Otto Rühle según Stecklina (2002, secc. 2.1.1).