Karl Marx
Leben und Werk
von Otto Rühle
Avalun-Verlag · Hellerau bei Dresden
Vorbereitung
Historische Situation
In Abständen von Jahrhunderten sprengte die europäische Revolution in Holland, England und Frankreich der kapitalistischen Entwicklung die Tore.
Das Feudalsystem, auf Lehenswirtschaft und Bauernhörigkeit aufgebaut, durch patriarchalische Despotie, Erbuntertänigkeit und Gewissensknechtung festgefügt, brach beim Anprall der neuen Wirtschaftsmacht zusammen.
Das Geld besiegte die Scholle. Die Postulate der Freiheit triumphierten über die Traditionen der Gebundenheit. Junger Morgen über Westeuropa.
Die aufsteigende bürgerliche Klasse sah sich im Genuß eines neuen historischen Lebensraumes. Von Holland aus schuf sie eine Kolonialmacht, deren gigantische Ausmaße nur mit den Riesensummen wetteiferten, die sie dem Mutterlande zuführte. Von England aus, das sie zur Fabrik der Welt erhob, eroberte sie die Herrschaft über alle Märkte und Rohstoffquellen des Erdballs. Von Frankreich aus stellte sie die größte Militärmacht der Geschichte in ihren Dienst, um die sozialen Erfolge ihrer Emanzipation sicherzustellen. Ihr Tatendrang schreckte vor keiner Schwierigkeit der Aufgabe. Ihr Wagemut rang mit den höchsten Problemen. Ihr Ehrgeiz steckte sich die äußersten Ziele. In einem wahren Rausche des Erfolgs meisterte die bürgerliche Klasse ihr Schicksal.
Zunächst ihr ökonomisches Schicksal. Über Manufakturen und Merkantilsystem hinweg entfalteten sich die Produktionsverhältnisse zur großen Industrie. Der politischen Revolution folgte die technische. Die überlieferten Arbeitsweisen wurden erschüttert und umgewälzt. Die Geheimnisse der Natur wurden aufgeschlossen, ihre Kräfte gebändigt, ihre Gesetze der Produktion nutzbar gemacht. 1767 erfand Hargreave die spinning jenny, 1769 Arkwright den Kettenstuhl, 1775 Crompton die Mule. 1781 machte Watt die alte Dampfpumpe durch Verbesserungen für den Antrieb von Maschinen brauchbar. 1785 revolutionierte Cartwright die gesamte Textilindustrie durch Erfindung des mechanischen Webstuhls. Ein völliger Umschwung in der Spinnerei vollzog sich. Die Baumwolle hielt ihren Einzug in Europa. Cotton! Cotton! lautete die neue kapitalistische Losung. Fabriken wuchsen aus der Erde. Und ganze Armeen von Männern, Frauen, Kindern verschwanden in den Fabriken. Ein maschineller Fortschritt jagte den anderen. 1802 fuhr der erste Dampfer auf dem Firth of Clide, 1807 der erste Passagierdampfer auf dem Hudson, 1819 der erste Ozeandampfer über das Weltmeer. Seit 1804 leistete die Wattsche Dampfmaschine als Lokomotive wichtige Dienste. 1825 wurde die erste Eisenbahn dem Verkehr übergeben. Der Kapitalismus überwand Raum und Zeit. 1835 funktionierte zum erstenmal der elektrische Telegraph. Wie weit waren in wenig Jahrzehnten die Grenzen der Welt hinausgerückt worden! Wunder und Märchenträume hatten ihre Verwirklichung gefunden. Die Leistungsfähigkeit der menschlichen Arbeit war ins Fabelhafte gewachsen. Die Bourgeoisie triumphierte. „Sie hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt, als Völkerwanderungen und Kreuzzüge... Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen — welches frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schoße der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten!“
Auch ihr politisches Schicksal nahm das Bürgertum in die Hand. Sie überstand in Frankreich die bourbonische Reaktion, die dem Kaiserreiche gefolgt war, und ergriff in der Julirevolution 1830 die Macht. Sie wußte in England ein und einhalbes Jahrhundert lang alle Kompromisse und Zwischenlösungen zu ihrem Vorteil zu nutzen und machte sich schließlich 1832 durch die Reformbill zur Herrin der Situation. Den Regierungen diktierte sie die Gesetze. In ihrem Auftrage marschierten die Armeen. Um ihres Profites willen wurden Bündnisse und Verträge geschlossen, Kriege geführt und beendet, Proklamationen erlassen und diplomatische Noten gewechselt. Endlich befand sie sich oben. Ihre politische Sicherung war in jeder Hinsicht gelungen.
Nicht zuletzt hat sie der Ideologie, die das Bild der Welt in Menschenköpfen malt, neue Farben und Konturen gegeben. „Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt... Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheines entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt. Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.“ So hat sie der ganzen Welt ein neues Gesicht gegeben, das menschliche Leben mit einer Fülle neuer Aspekte versorgt. Von der Warte ihres Erfolgs und ihrer Machtstellung überschaute sie mit Selbstgefühl und Stolz die Siegerlaufbahn, die sie in so kurzer Zeit zurückgelegt.
Zustände in Deutschland
Die bürgerliche Klasse Deutschlands hatte an diesem Triumphzuge des Kapitalismus bis 1800 kaum einen Anteil.
Dreihundert Jahre früher war der Kapitalismus reif und willens gewesen, das deutsche Wirtschaftsleben von Grund aus umzugestalten. Mit italienischen Kauffahrteischiffen war er über das Mittelmeer gesegelt, mit deutschen Handelskarawanen über die Alpenpässe gestiegen. Schon hatte sein revolutionierendes Element in den Adern und Hirnen der Menschen zu wirken begonnen. Es hatte die Bauern in den Aufstand gepeitscht, die Bürger in Konflikt mit Papst und Kirche verstrickt, die Städter zu Rebellen und Aufrührern gemacht. Dann war die Abriegelung des Okzidents durch die Türken und die Auffindung des Seewegs nach Indien gekommen. Die versperrten Handelswege verfielen und verödeten, die kapitalistische Lebensader Italiens und Deutschlands starb ab. Der Kapitalismus, nach der Küste des Atlantischen Ozeans abgedrängt, ergriff nacheinander Portugal, Spanien, die Niederlande, England, Frankreich, wühlte und wälzte alles um, vollbrachte sein zerstörerisches und schöpferisches Werk. Nun, dreihundert Jahre später, war er wieder in Deutschland gelandet. Er brachte englische Maschinen und amerikanische Baumwolle mit. Und sofort begann die Umwälzung der Produktion, die Erschütterung der gesellschaftlichen Zustände, die Neugestaltung des Weltbildes im Geiste der Menschen.Am Niederrhein, an der Ruhr, Wupper, Sieg, in Thüringen, Sachsen, Schlesien, Württemberg, Baden blühte rasch eine unternehmungsfrohe Industrie auf. Die Kontinentalsperre unter Napoleon, die englische Zufuhr von deutschen Märkten fernhielt, schuf Treibhausluft für ihr Wachstum. In Sachsen stieg die Zahl der Baumwollspindeln in sechs Jahren von 13000 auf 210000. In der Rheinprovinz nahmen Bergbau, Eisenverhüttung, Maschinenfabrikation und Metallindustrie gewaltige Formen an. Im Zusammenhange damit entfaltete sich ein für deutsche Verhältnisse sehr ausgedehnter Aus- und Einfuhrhandel nach allen Teilen der Welt. Als ob er das Versäumte eiligst nachholen wollte, legte der Kapitalismus mit Riesenschritten eine unerhörte Entwicklung zurück. Ganze Industriegebiete entstanden. Die Städte wuchsen. Der Verkehr nach den großen Stapelplätzen des Weltmarktes nahm an Umfang und Lebhaftigkeit zu, wurde immer lebhafter. Die Kapitalien häuften sich. Überall Aufstieg, Erfolg, wachsende Geltung und Macht.
Aber die Bourgeoisie ist nichts ohne das Proletariat. Sie selbst erzeugt es, indem sie sich entwickelt. Sie muß es erzeugen, weil das Proletariat den Mehrwert erzeugt, auf dessen Existenz die Existenz der Bourgeoisie gegründet ist. Sie kann nicht auf das Proletariat verzichten, wenn sie nicht darauf verzichten will zu leben. Unablösbar ist das Dasein der einen Klasse in wechselseitiger Bedingtheit an das Dasein der anderen gekettet.
Das Proletariat in Deutschland hat sich, wie in England und Frankreich, aus den Massen der verarmten, landlos gewordenen Bauern, der von der Entwicklung überrannten Handwerker und Kleinbürger rekrutiert. Die erste Generation saß noch sicher und wohlversorgt auf der Scholle. Die nächste gab einen Teil ihrer Arbeitskraft an die Hausindustrie ab. Die dritte wanderte in die Fabrik und wurde Lohnproletariat. Die hier angelangten Massen, im Produktionsprozeß zusammengedrängt und militärisch organisiert, verfielen unter der Aufsicht des Chefs, der Anleitung des Meisters und der Peitsche des Antreibers einer schrecklichen Ausbeutung. Ihre Existenz begegnete hinfort — niemals und nirgendwo — einem wie auch immer gearteten menschlichen Interesse; sie hatte einzig und allein den kapitalistischen Sinn, Waren zu erzeugen, Mehrwert zu schaffen, dem Sicherungszweck der Herrenklasse dienstbar zu sein. Der Proletarier war selbst zur Ware geworden, die sich täglich verkaufen mußte. Ein Arbeitstier, ja weniger als dies, ein Instrument, ein Rädchen im Mechanismus der Ausbeutungsmaschinerie, ein totes Ding. Ohnmächtig, in dumpfer Resignation, bei Strafe des Verhungerns für den Weigerungsfall, war er an seine Fron gekettet. Ratlos, verzweifelt stand er seinem unausweichlichen Schicksal gegenüber. Gelegentliche Ausbrüche der Empörung oder tumultuarische Erhebungen wie die der Solinger Schleifer 1826 oder der Krefelder Seidenweber 1828 änderten daran nichts, sondern hatten nur zur Folge, daß in die Zuchtrute des Hungers noch die Spießrute der strafrichterlichen Exekution geflochten wurde.
Wo die große Industrie noch nicht Fuß gefaßt hatte, herrschte Hausindustrie vor. Besonders in Schlesien, wo gutsherrliche Privilegien die gewerbliche Versklavung des bäuerlichen Elends begünstigten, und im Erzgebirge, wo die Kargheit des Bodens den hungernden Parzellenbesitzer und Häusler in die Polypenarme des Verlegers trieb. In den Städten war es das zünftige Handwerk, das, schwerfällig und mit engem Horizont, allen technischen Neuerungen unzugänglich, im braven, selbstbewußten Schlendrian der Überlieferung die örtliche Kundschaft versorgte. Hier wie auf dem platten Lande, das 75 % der Bevölkerung in meist kümmerlichen landwirtschaftlichen Zwergbetrieben beschäftigt hielt, hatte die soziale und geistige Atmosphäre noch ganz das drückende Bleigewicht des düsteren Mittelalters bewahrt.
Utopische Sozialisten
Der faszinierende Glanz des kapitalistischen Aufstiegs, besonders in England und Frankreich, löste im Lager der bürgerlichen Gesellschaft helle Jubelrufe der Begeisterung und Bewunderung aus.
Nur wenige kritische Köpfe versenkten sich mit Nachdenklichkeit und Skepsis in den tieferen Zusammenhang der Erscheinungen. Dabei stießen sie auf die unheimliche Gegensätzlichkeit zwischen den Lichtseiten des Erfolgs, Reichtums und Aufstiegs Weniger und den Schattenseiten der Ausbeutung, Verelendung und Unterjochung von Millionen. Sie konstatierten ein Mißverhältnis, denn der Gewinn an kulturellem Fortschritt schien ihnen zu teuer erkauft durch das Maß an Unkultur und Barbarei, das er bedingte. Ihr sittliches Gewissen fühlte sich beleidigt. Ihr Verstand sagte ihnen, daß eine Entwicklung in so schreienden Kontrasten notwendig zu einer sozialen Katastrophe führen müsse. Und ihr Verantwortungsgefühl gebot ihnen, die warnende Stimme zu erheben, zur Besinnung zu mahnen, Vorschläge zur Umkehr zu machen und für eine harmonischere, alle Teile der Gesellschaft beglückende Sozialordnung zu werben.
Es waren besonders die Franzosen Saint-Simon und Charles Fourier und der Engländer Robert Owen, die sich im Namen der Vernunft, der Gerechtigkeit, der Menschheit und des Sozialismus an das Forum ihrer Zeit wandten.
Im Namen der Vernunft. War dieses Schlagwort nicht die Parole aller bürgerlichen Revolutionen gewesen? Hatte nicht der Rousseausche Gesellschaftsvertrag, der für alle politischen Ideale der französischen Revolution das Paradigma bildete, seine klassische Gipfelung in der Forderung eines Vernunftstaates gefunden? Die Bourgeoisie hatte diesen Staat aufgebaut. Aber wie sah er aus? Es war der Staat der nackten Klassengegensätze, in dem der Überfluß aus dem Hunger, die Erhöhung aus der Erniedrigung, der Glanz aus dem Dunkel von Laster und Schande entsprang. Just derselbe Staat, gegen den sich die Stimme der Kritiker und Reformer wandte. Welche Vernunft sollte nun den künftigen Staat organisieren?
Im Namen der Gerechtigkeit. Hatte man diese Losung nicht auch im Munde der Bourgeoisie gehört? Nun wohl — die alte Ständeordnung war beseitigt, die Privilegien hatte der Revolutionssturm fortgefegt, es galten bürgerliche Freiheiten, die der Feudalismus kaum geahnt hatte, vor dem Gesetz waren alle Bürger gleich. War damit nicht die Forderung nach Gerechtigkeit erfüllt? Der bürgerliche Staat erhob Anspruch darauf, ein gerechter Staat zu sein. Mit welchem Rechte sollte er reformiert oder durch einen anderen Staat ersetzt werden?
Im Namen der Menschheit. Was bisher nur eine pathetische Geste, eine agitatorische Deklamation gewesen war, sollte sich erfüllen: es sollte in Zukunft nicht nur den Besitzenden, sondern auch den Besitzlosen gut gehen. Die Verbesserung der Lage aller Gesellschaftsglieder war das Ziel. Aber dieses Ziel sollte nicht erreicht werden mit den Mitteln der Revolution, deren Schrecken noch in allzu frischer Erinnerung standen. Sondern mit den Mitteln der Arbeit und Erziehung, der Bildung und Moral, durch ein neues Christentum, eine neue Lebensgestaltung mit Hilfe der Phalansterien, eine neue Eheform, eine Umgestaltung des Staates, eine neue Eigentumsordnung.
Im Namen des Sozialismus. In dieser Forderung fanden sich die drei großen Gesellschaftsreformer und Weltverbesserer einmütig zusammen. Nur war Sozialismus damals eine ökonomische Theorie, die die Regelung des Wirtschaftslebens vom Standpunkte der Industrie, also der bürgerlichen, nicht aber vom Standpunkte der proletarischen Klasse aus verlangte. So verschieden die Auffassungen von Vernunft und Gerechtigkeit, Freiheit und Wahrheit waren, so chaotisch und verworren sich ihre Bilder von der zu erstrebenden Gesellschaftsordnung malten — darin stimmten sie überein, daß eine Neugestaltung der Gesellschaft sich auf dem Boden des Gemeinschaftsbesitzes, der Gemeinschaftsarbeit und des Gemeinschaftslebens vollziehen müsse. Darum verdienen jene Reformer, Gesellschaftskritiker und Menschheitsbeglücker den Namen Sozialisten, den ihnen die Geschichte beigelegt hat.
Aber ihr Sozialismus war ein Gebilde von Träumen und Wünschen, ein Produkt von Spekulationen und Konstruktionen, ein Ergebnis von Einsicht und Willen, ein Werk von Humanität und Philanthropie, eine Schöpfung ihres guten Herzens, ihrer anständigen Gesinnung, ihres edlen Eifers, ihres lauteren Gewissens. Ihr Sozialismus sollte von oben nach einem fertigen Plane gemacht werden. Er war im Kopfe bis in alle Einzelheiten vorausbedacht. Das Proletariat, an seinem Zustandekommen völlig unbeteiligt, hatte ihn als Geschenk der Weisheit und Güte nur dankbar in Empfang zu nehmen. Dieser Sozialismus war eine Utopie.
Wen entzückte nicht die Genialität Saint-Simons, die in sprühenden Gedanken durch das schwere, drängende Gewölk seiner geschichtsphilosophischen und gesellschaftstheoretischen Abhandlungen blitzt! Wer wäre nicht erschüttert von der zermalmenden Kritik, mit der Charles Fourier dem glühend gehaßten Schwindelgeiste des Kapitalismus zu Leibe geht! Wen erfüllte nicht Rührung und Begeisterung angesichts der Selbstlosigkeit, Unbeirrbarkeit und Hingabe, mit der Robert Owen gegen eine Welt von Widersachern seine Ideen verficht!
Und doch — wie romantisch ist die Hoffnung auf eine Neugeburt der Welt nach den Verordnungen eines fertigen Rezeptes, das ein Denkergehirn entwarf. Wie naiv der Glaube, daß Fabrikanten, Bankiers, Börsenjobber aus Selbstbesinnung und innerer Umkehr ihre Hand zur Befreiung der Menschheit vom Kapitalismus bieten würden. Wie grotesk die Tatsache, daß niemals der Gedanke auftauchte: eine neue, höhere Gesellschaftsordnung werde das Ergebnis eines historischen Prozesses sein, dessen Vollstrecker das Proletariat zu sein hätte und der auf einem bestimmten Punkte der Entwicklung über sich selbst hinaus umschlagen müsse.
Dieser Gedanke lag der Vorstellungswelt und dem Denkbereiche dieser Zeit unendlich fern. Es fehlten alle Vorbedingungen, ihn denkbar zu machen. Das Unvermögen der bürgerlichen Theoretiker zu entwicklungsgeschichtlichem Denken wie die Schwäche und politische Bedeutungslosigkeit des Proletariats in dieser Phase machten ihn zur Absurdität.
Und doch mußte er gedacht werden, weil sich mit ihm die einzig mögliche Lösung des Problems erschloß. Denn es ist die Aufgabe der Wissenschaft, abstrakt zu formulieren, was die Praxis der Entwicklung braucht und konkret ins Werk setzt. Der Gedanke wurde gedacht.
In der Universalität dieses Gedankens konzentriert sich das ungeheure Lebenswerk von Karl Marx.
Karl Marx
Karl Marx kam nicht aus dem Proletariat. Er ging auch nicht aus den Reihen der utopischen Sozialisten hervor.
Seine Laufbahn war nicht durch Geburt, Klassenzugehörigkeit, Milieu oder Bildungsgang vorgezeichnet. Sie entschied sich erst, als sein individueller Lebenskreis die große Arena der sozialen Erlebniswelt berührte.
Am 5. Mai 1818 kam Marx in Trier zur Welt. Alle seine Vorfahren väterlicher- wie mütterlicherseits, durch viele Generationen hindurch, waren Rabbiner gewesen. Vererbungstheoretiker mögen daraus folgern, daß ihm Sophistik und Rabulistik im Blute lagen. Zum mindesten läßt sich ohne Glauben an den Vererbungsfetisch sagen, daß die Ahnen mit Systematik und Erfolg auf Geistigkeit, Gedankenarbeit und Verstandesschärfe trainiert hatten. Der Enkel folgte der Tradition des Intellektualismus und trat in die Fußtapfen der Voreltern.
Der Vater war nicht Rabbiner, sondern Advokat. An Voltaire und Leibnitz geschult, vereinigte er in sich französische Bildung mit deutscher; die Überlieferungen der großen Revolution wie der großen Kaiserzeit waren in seinem Geiste lebendig. Seiner politischen Gesinnung nach zählte er sich zu den preußischen Patrioten, doch war er beherrscht von jener redlichen und kultivierten Mäßigung des Temperaments, die sich mit dem Programm begnügt, ein anständiger Mensch und Bürger zu sein. Die Mutter war ein gutes Hausmütterchen ohne besondere Geistesgaben; sie hat nie richtig deutsch sprechen und schreiben gelernt.
Als Karl das Schulpflichtalter erreicht hatte, trat der Vater Hirschel Marx als Heinrich Marx mit seiner Familie zum Protestantismus über. Ein Glaubenswechsel pflegt nicht ohne triftige Beweggründe zu erfolgen. Besonders, wenn die Familie durch Beruf und Überlieferung so innig mit dem Väterglauben verbunden gewesen ist. Wir haben keine bestimmten Anhaltspunkte dafür, welche unmittelbaren Anlässe oder Erwägungen den Vater Marx nach dem Tode seiner Mutter bewogen haben, Christ zu werden. Aber wir wissen, daß der Jude damals im Rheinland besonders gehaßt, verachtet und gemieden war, und daß es einer bürgerlichen Karriere nicht zur Förderung gereichte, Jude zu sein. Wir dürfen deshalb vermuten, daß der sanfte, friedliche, zu Kompromissen leicht geneigte Mann mit seinem Wechsel des Bekenntnisses nicht nur „eine beleidigende Tatsache für das religiöse Auge des Christen“ aus der Welt schaffen, sondern auch seinem Sohn einen „Eintrittsschein zur europäischen Kultur“ sichern wollte.
Da wir über die frühe Kindheit von Marx keinerlei Berichte oder Angaben besitzen, sind wir versucht, im Zusammenhange dieser Umstände noch weitere Vermutungen zu hegen. Die jüdische Abstammung, sicher ganz früh schon dem Bewußtsein des Kindes einverleibt und durch familiäre Tradition befestigt, dürfte von dem Kinde, sobald es durch Beziehungen zur Umwelt auf Vergleichsmaßstäbe gestoßen wurde, als Benachteiligung, Makel und schlechter Lebensstart empfunden worden sein. Vielleicht ist hier der Punkt zu suchen, der die starken Antriebskräfte für seine in Vehemenz und Intensität ungewöhnliche geistige Aufwärtsbewegung ausgelöst hat. Seine außerordentliche Kapazität, seine erstaunlich entwickelte Assoziationsgabe, seine verblüffende Scharfsinnigkeit des Denkens, seine Kraft der Exegese und sein ausgebreitetes Wissen wären dann als zu höchster Leistungsfähigkeit ausgebildete Werkzeuge anzusehen, bestimmt, auf einem Gebiete von anerkannter Rühmlichkeit und Ehrwürdigkeit einen Ausgleich zu schaffen gegenüber dem Manko der Rassenzugehörigkeit und Geburt. Weiter ist zu vermuten, daß auch die Charakterentwicklung des Kindes in ihren allerfrühesten Leitlinien mit diesen ersten Eindrücken in Verbindung steht. So sehr der Vater entzückt war von den „herrlichen Naturgaben“ des Knaben, so besorgt und angstvoll sah er einen Charakter sich herausbilden, für dessen kämpferische Unbeugsamkeit und trotzige Härte er in seiner eigenen Natur weder Verständnis noch Sympathie aufbrachte. Karl lernte ausgezeichnet, hatte aber keine Freunde, nie hat er später auch nur mit einem Worte seine Kameraden auf der Schulbank erwähnt. Fliegenden Geistes durcheilte er die Klassen, aber sein Herz machte nirgends Halt. Alle seine Seelenkräfte waren von Anfang an unermüdlich und angespannt auf Arbeit, Leistung und Erfolg konzentriert.
Dem widerspricht nicht, daß Marx, der mit siebzehn Jahren die Universität bezogen hatte, sich mit achtzehn Jahren, im vollen Rausche der erwachten Liebessehnsucht mit einer Jugendgespielin seiner Schwester, Jenny von Westphalen, verlobte. Wenn wir erfahren, daß seine Verlobte einer der angesehensten Adelsfamilien der Stadt entstammte, die Tochter eines hohen Regierungsbeamten war, dazu als ein durch seltene Schönheit und Bildung ausgezeichnetes Mädchen galt, so begreifen wir sofort die stürmische und erfolgreiche Werbung als einen Akt der Eroberung, als Bravourstück eines um seine Geltung zitternden Prestigemenschen. Stellen wir uns den jungen Marx vor! Er steht an der Schwelle des Lebens, ausgerüstet mit Wissen, Zeugnissen und akademischen Legitimationen, soll sich erproben, an die Lösung der großen Lebensaufgaben herangehen. Aber er schreckt noch immer davor zurück, sich das volle Vertrauen in seine Kraft, seinen Wert, seine Vollgültigkeit zuzusprechen. Das Jahr in Bonn ist unbefriedigend gewesen. Er hat Eltern und Freunde, die von ihm einen raschen Aufstieg erwarteten, ziemlich enttäuscht. Der Vater hat ihm sogar den Vorschlag gemacht, umzusatteln und Chemie und Physik zu studieren. In dieser Situation braucht der Entmutigte einen Aktivbeweis seines Wertes und seiner Überlegenheit. Er verschafft ihn sich, indem er mit kühner Eroberergeste das schönste, gefeiertste, umworbenste Mädchen der Gesellschaft an sich reißt. Sein Vater ist zuerst erschrocken, läßt aber schließlich seine Einwände fallen. Der Vater seiner Verlobten willigt ein und knüpft die Beziehungen zu ihm enger und herzlicher. So überwindet der junge Brausekopf spielend alle Widerstände. Voll Stolz und jubelnden Selbstgefühls attestiert er sich das hohe Maß an Persönlichkeitswert, das er eben für die Herstellung seines seelischen Gleichgewichts brauchte. Noch in späteren Jahren, als er wieder einmal in Trier weilte und in Erinnerungen schwelgte, schrieb er seiner Frau voll verliebter Eitelkeit: „Man fragt mich täglich, links und rechts, nach dem quondam ‚schönsten Mädchen‘ von Trier und der ‚Ballkönigin‘. Es ist verdammt angenehm für einen Mann, wenn seine Frau in der Phantasie einer ganzen Stadt so als ‚verwunschne Prinzessin‘ fortlebt.“
Studium
Im Herbst 1836 bezog Marx die Universität Berlin. Von ihr ging eine große magnetische Kraft aus, die die studierende Jugend ganz Deutschlands in ihren Bann zog. Denn die Namen ihrer großen und berühmten Lehrer wie Hegel, Schleiermacher, Savigny, Gans und Alexander von Humboldt hatten ihr zu hohem Ruf und Glanz verholfen. Besonders die Philosophie Hegels übte eine grandiose Herrschaft über die Geister ihrer Zeit aus. Marx wählte die Jurisprudenz als Fachstudium, das er jedoch „nur als untergeordnete Disziplin neben Philosophie und Geschichte betrieb“. Außerhalb der Vorlesungen warf er sich mit verzehrendem Eifer auf die verschiedensten Wissensgebiete und Literaturen, überall suchend, schmeckend, tastend. Er las, exzerpierte, übersetzte, trieb Sprachstudien, verlor sich in einsame Pfade, lauschte fernen, verlorenen Quellen, rang um ragende, unzugängliche Gipfel. Und in ganz stillen Stunden legte er seine sehnsüchtige Schwärmerei für die ferne Geliebte in zahlreichen Gedichten nieder, die freilich mehr ungelenke Produkte konstruktiven Fleißes und reflektierender Rhetorik als echte Ergüsse einer dichterischen Begabung waren.
Hegel hatte er bisher in großem Bogen umkreist. Nur Fragmente seiner Philosophie hatte er gelesen und deren „groteske Felsenmelodie“ hatte ihm „nicht behagt“. Er ahnte: mit Hegel, der den Orientierungspunkt des Weltgeschehens im Gegensatz zum Materialismus wieder in der Idee erblickte, der den Inhalt der Erfahrung und die rhythmische Bewegung der Geschichte als Produkt der gesetzmäßigen Tätigkeit des absoluten Weltgeistes betrachtete, für den es eine metaphysische Identität von Denken und Sein gab — mit diesem Hegel würde er sich auseinandersetzen müssen. Noch bangte ihm vor der Ungeheuerlichkeit dieses Wagnisses. Und immer tiefer geriet er in ein faustisches Ringen mit sich, der überlieferten Philosophie und der monumentalen Größe des Hegelschen Systems. Ein mit fieberndem Hirn geschriebener, mit ekstatischen Gefühlsausbrüchen durchsetzter Brief an seinen Vater vom 10. November 1837 gibt Aufschluß über den Seelenzustand, in dem er sich befand.
Berlin, den 10. November 1837Teurer Vater!
Es gibt Lebensmomente, die wie Grenzmarken vor eine abgelaufene Zeit sich stellen, aber zugleich auf eine neue Richtung mit Bestimmtheit hinweisen.
In solch einem Übergangspunkt fühlen wir uns gedrungen, mit dem Adlerauge des Gedankens das Vergangene und Gegenwärtige zu betrachten, um so zum Bewußtsein unserer wirklichen Stellung zu gelangen. Ja, die Weltgeschichte selbst liebt solches Rückschauen und besieht sich, was ihr dann oft den Schein des Rückgehens und Stillstandes aufdrückt, während sie doch nur in den Lehnstuhl sich wirft, sich zu begreifen, ihre eigene, des Geistes Tat geistig zu durchdringen.
Der Einzelne aber wird in solchen Augenblicken lyrisch, denn jede Metamorphose ist teils Schwanensang, teils Ouverture eines großen neuen Gedichts, das in noch verschwimmenden, glanzreichen Farben Haltung zu gewinnen strebt; und dennoch möchten wir ein Denkmal setzen dem einmal Durchlebten, es soll in der Empfindung den Platz wiedergewinnen, den es für das Handeln verloren, und wo fände es eine heiligere Stätte, als an dem Herzen von Eltern, dem mildesten Richter, dem innigsten Teilnehmer, der Sonne der Liebe, deren Feuer das innerste Zentrum unserer Bestrebungen erwärmt! Wie könnte besser manches Mißliebige, Tadelnswerte seine Ausgleichung und Verzeihung erhalten, als wenn es zur Erscheinung eines wesentlich notwendigen Zustandes wird, wie könnte wenigstens das oft widrige Spiel der Zufälligkeit, der Verirrung des Geistes dem Vorwurf mißgestaltenen Herzens entzogen werden?
Wenn ich also jetzt am Schlusse eines hier verlebten Jahres einen Blick auf die Zustände desselben zurückwerfe und so, mein teurer Vater, Deinen so lieben, lieben Brief von Ems beantworte, so sei es mir erlaubt, meine Verhältnisse zu beschauen, wie ich das Leben überhaupt betrachte, als den Ausdruck eines geistigen Tuns, das nach allen Seiten hin, in Wissen, Kunst, Privatlagen dann Gestalt ausschlägt.
Als ich Euch verließ, war eine neue Welt für mich erstanden, die der Liebe, und zwar im Beginne sehnsuchtstrunkener, hoffnungsleerer Liebe. Selbst die Reise nach Berlin, die mich sonst im höchsten Grade entzückt, zu Naturanschauung aufgeregt, zur Lebenslust entflammt hätte, ließ mich kalt, ja sie verstimmte mich auffallend, denn die Felsen, die ich sah, waren nicht schroffer, nicht kecker als die Empfindungen meiner Seele, die breiten Städte nicht lebendiger als mein Blut, die Wirtshaustafeln nicht überladener, unverdaulicher als die Phantasiepakete, die ich trug, und endlich die Kunst nicht so schön als Jenny.
In Berlin angekommen, brach ich alle bis dahin bestandenen Verbindungen ab, machte mit Unlust seltene Besuche und suchte in Wissenschaft und Kunst zu versinken.
Nach der damaligen Geisteslage mußte notwendig lyrische Poesie der erste Vorwurf, wenigstens der angenehmste, nächstliegende sein, aber, wie meine Stellung und ganze bisherige Entwicklung es mit sich brachten, war sie rein idealistisch. Ein ebenso fernliegendes Jenseits, wie meine Liebe, wurde mein Himmel, meine Kunst. Alles Wirkliche verschwimmt, und alles Verschwimmende findet keine Grenze, Angriffe auf die Gegenwart, breit und formlos geschlagenes Gefühl, nichts Naturhaftes, alles aus dem Mond konstruiert, der völlige Gegensatz von dem, was da ist und dem, was sein soll, rhetorische Reflektionen statt poetischer Gedanken, aber vielleicht auch eine gewisse Wärme der Empfindung und Ringen nach Schwung bezeichnen alle Gedichte der ersten drei Bände, die Jenny von mir zugesandt erhielt. Die ganze Breite eines Sehnens, das keine Grenze sieht, schlägt sich in mancherlei Form und macht aus dem „Dichten“ ein „Breiten“.
Nun durfte und sollte die Poesie nur Begleitung sein; ich mußte Jurisprudenz studieren und fühlte vor allem Drang, mit der Philosophie zu ringen. Beides wurde so verbunden, daß ich teils Heineccius, Thibaut und die Quellen rein unkritisch, nur schülerhaft durchnahm, so z. B. die zwei ersten Pandektenbücher ins Deutsche übersetzte, teils eine Rechtsphilosophie durch das Gebiet des Rechts durchzuführen suchte. Als Einleitung schickte ich einige metaphysische Sätze voran und führte dieses unglückliche Opus bis zum öffentlichen Rechte, eine Arbeit von beinahe dreihundert (?) Bogen.
Vor allem trat hier derselbe Gegensatz des Wirklichen und Sollenden, der dem Idealismus eigen, sehr störend hervor und war die Mutter folgender unbehilflich unrichtiger Einteilung. Zuerst kam die von mir gnädig so getaufte Metaphysik des Rechts, d. h. Grundsätze, Reflektionen, Begriffsbestimmungen, getrennt nach allem wirklichen Rechte und jeder wirklichen Form des Rechts; wie es bei Fichte vorkömmt, nur bei mir moderner und gehaltloser. Dabei war die unwissenschaftliche Form des mathematischen Dogmatismus, wo das Subjekt an der Sache umherläuft, hin und her räsoniert, ohne daß die Sache selbst als reich Entfaltendes, Lebendiges sich gestaltete, von vornherein Hindernis, das Wahre zu begreifen.
Das Dreieck läßt den Mathematiker konstruieren und beweisen, es bleibt bloße Vorstellung im Raume, es entwickelt sich zu nichts Weiterem, man muß es neben anderes bringen, dann nimmt es andere Stellungen ein, und dieses verschieden an dasselbe Gebrachte gibt ihm verschiedene Verhältnisse und Wahrheiten. Dagegen im konkreten Ausdruck lebendiger Gedankenwelt, wie es das Recht, der Staat, die Natur, die ganze Philosophie ist, hier muß das Objekt selbst in seiner Entwicklung belauscht, willkürliche Einteilungen dürfen nicht hineingetragen, die Vernunft des Dinges selbst muß als in sich Widerstreitendes fortrollen und in sich seine Einheit finden.
Als zweiter Teil folgte nun die Rechtsphilosophie, d. h. nach meiner damaligen Ansicht, die Betrachtung der Gedankenentwicklung im positiven römischen Rechte, als wenn das positive Recht in seiner Gedankenentwicklung (ich meine nicht in seinen rein endlichen Bestimmungen) überhaupt irgend etwas sein könnte, verschieden von der Gestaltung des Rechtsbegriffs, den doch der erste Teil umfassen sollte!
Diesen Teil hatte ich nun noch obendrein in formelle und materielle Rechtslehre geteilt, wovon die erste die reine Form des Systems in seiner Aufeinanderfolge und seinem Zusammenhang, die Einteilung und den Umfang, die zweite hingegen den Inhalt, das Sich verdichten der Form in ihrem Inhalt beschreiben sollte. Einen Irrtum, den ich mit dem Herrn v. Savigny gemein habe, wie ich später in seinem gelehrten Werke vom Besitz gefunden, nur mit dem Unterschied, daß er formelle Begriffsbestimmung nennt, „die Stelle zu finden, welche die und die Lehre im (fingierten) römischen System einnimmt“, und materielle „die Lehre von dem Positiven, was die Römer einem so fixierten Begriff beigelegt“, während ich unter Form die notwendige Architektonik der Gestaltungen des Begriffs, unter Materie die notwendige Qualität dieser Gestaltungen verstanden. Der Fehler lag darin, daß ich glaubte, das eine könne und müsse getrennt von dem anderen sich entwickeln und so keine wirkliche Form, sondern einen Sekretär mit Schubfächern erhielt, in die ich nachher Sand streute.
Der Begriff ist ja das Vermittelnde zwischen Form und Inhalt. In einer philosophischen Entwicklung des Rechts muß also eins in dem anderen hervorspringen, ja die Form darf nur der Fortgang des Inhalts sein. So kam ich denn zu einer Einteilung, wie das Subjekt sie höchstens zur leichten und seichten Klassifizierung entwerfen kann, aber der Geist des Rechts und seine Wahrheit ging unter. Alles Recht zerfiel in vertrags- und unvertragsmäßiges. Ich bin so frei, bis zur Einteilung des jus publicum, das auch im formellen Teile bearbeitet ist, das Schema zu besserer Versinnlichung herzusetzen ...
Doch was soll ich weiter die Blätter füllen mit Sachen, die ich selbst verworfen? Trichotomische Einteilungen gehen durch das Ganze durch, es ist mit ermüdender Weitläufigkeit geschrieben und die römischen Vorstellungen auf das barbarischste mißbraucht, um sie in mein System zu zwängen. Von der anderen Seite gewann ich so Liebe und Überblick zum Stoffe wenigstens auf gewisse Weise.
Am Schlusse des materiellen Privatrechts sah ich die Falschheit des Ganzen, das im Grundschema an das Kantische grenzt, in der Ausführung gänzlich davon abweicht, und wiederum war es mir klar geworden, ohne Philosophie sei nicht durchzudringen. So durfte ich mit gutem Gewissen mich abermals in ihre Arme werfen und schrieb ein neues metaphysisches Grundsystem, an dessen Schlusse ich abermals seine und meiner ganzen früheren Bestrebungen Verkehrtheit einzusehen gezwungen wurde.
Dabei hatte ich die Gewohnheit mir eigen gemacht, aus allen Büchern, die ich las, Exzerpte zu machen, so aus Lessings Laokoon, Solgers Erwin, Winckelmanns Kunstgeschichte, Ludens Deutscher Geschichte, und so nebenbei Reflektionen niederzukritzeln. Zugleich übersetzte ich Tacitus’ Germania, Ovids libri tristium und fing privatim, d.h. aus Grammatiken, englisch und italienisch an, worin ich bis jetzt nichts erreicht, las Kleins Kriminalrecht und seine Annalen und alles Neuere der Literatur, doch nebenhin das letztere.
Am Ende des Semesters suchte ich wieder Musentänze und Satirmusik, und schon in diesem letzten Hefte, das ich Euch zugeschickt, spielt der Idealismus durch erzwungenen Humor (Skorpion und Felix), durch ein mißlungenes, phantastisches Drama (Oulanem) hindurch, bis er endlich gänzlich umschlägt und in reine Formkunst, meistenteils ohne begeisternde Objekte, ohne schwunghaften Ideengang, übergeht.
Und dennoch sind diese letzten Gedichte die einzigen, in denen mir plötzlich, wie durch einen Zauberschlag, ach! der Schlag war im Beginn zerschmetternd, das Reich der wahren Poesie wie ein ferner Feenpalast entgegenblitzte und alle meine Schöpfungen in nichts zerfielen.
Daß bei diesen mancherlei Beschäftigungen das erste Semester hindurch viele Nächte durchwacht, viele Kämpfe durchstritten, viele innere und äußere Anregung erduldet werden mußte, daß ich am Schlusse doch nicht sehr bereichert hinaustrat und dabei Natur, Kunst, Welt vernachlässigt, Freunde abgestoßen hatte, diese Reflektion schien mein Körper zu machen, ein Arzt riet mir das Land, und so geriet ich zum ersten Male durch die ganze lange Stadt vor das Tor nach Stralow. Daß ich dort aus einem bleichsüchtigen Schwächling zu einer robusten Festigkeit des Körpers heranreifen würde, ahnte ich nicht.
Ein Vorhang war gefallen, mein Allerheiligstes zerrissen, und es mußten neue Götter hineingesetzt werden.
Von dem Idealismus, den ich, beiläufig gesagt, mit Kantischem und Fichteschem verglichen und genährt, geriet ich dazu, im Wirklichen selbst die Idee zu suchen. Hatten die Götter früher über der Erde gewohnt, so waren sie jetzt das Zentrum derselben geworden.
Ich hatte Fragmente der Hegelschen Philosophie gelesen, deren groteske Felsenmelodie mir nicht behagte. Noch einmal wollte ich hinabtauchen in das Meer, aber mit der bestimmten Absicht, die geistige Natur ebenso notwendig, konkret und festgerundet zu finden, wie die körperliche, nicht mehr Fechterkünste zu üben, sondern die reine Perle ans Sonnenlicht zu halten.
Ich schrieb einen Dialog von ungefähr vierundzwanzig Bogen: „Kleantus oder vom Ausgangspunkt und notwendigen Fortgang der Philosophie“. Hier vereinte sich einigermaßen Kunst und Wissen, die ganz auseinandergegangen waren, und ein rüstiger Wanderer schritt ich ans Werk selbst, an eine philosophisch-dialektische Entwicklung der Gottheit, wie sie als Begriff an sich, als Religion, als Natur, als Geschichte sich manifestiert. Mein letzter Satz war der Anfang des Hegelschen Systems, und diese Arbeit, wozu ich mit Naturwissenschaft, Schelling, Geschichte mich einigermaßen bekannt gemacht, die mir unendliches Kopfbrechen verursacht, und so... (unleserlich) geschrieben ist (da sie eigentlich eine neue Logik sein sollte), daß ich jetzt selbst mich kaum wieder hineindenken kann, dies mein liebstes Kind, beim Mondenschein gehegt, trägt mich wie eine falsche Sirene dem Feind in den Arm.
Vor Ärger konnte ich einige Tage gar nicht denken, lief wie toll im Garten an der Spree schmutzigem Wasser „das Seelen wäscht und Tee verdünnt“, umher, machte sogar eine Jagdpartie mit meinem Wirte mit, rannte nach Berlin und wollte jeden Eckensteher umarmen. Kurz darauf trieb ich nur positive Studien, Studium des Besitzes von Savigny, Feuerbachs und Grolmanns Kriminalrecht, de verborum significatione von Kramer, Wening-Jugenheims Pandektensystem und Mühlenbruch: doctrina Pandectarum, woran ich noch immer durcharbeite, endlich einzelne Titel nach Gauterbach, Zivilprozeß und vor allem Kirchenrecht, wovon ich den ersten Teil, die concordia discordantium canonum von Gratian fast ganz in corpus durchgelesen und exzerpiert habe, wie auch den Anhang, des Lancelotti Institutiones. Dann übersetzte ich Aristoteles’ Rhetorik teilweise, las des berühmten Baco v. Verulam: de augmentis scientiarum, beschäftigte mich sehr mit Reimarus, dessen Buch „Von den Kunsttrieben der Tiere“ ich mit Wollust durchgedacht, verfiel auch auf deutsches Recht, doch hauptsächlich nur, insofern ich die Kapitulare der fränkischen Könige und der Päpste Briefe an sie durchnahm.
Aus Verdruß über Jennys Krankheit und meine vergeblichen, untergegangenen Geistesarbeiten, aus zehrendem Ärger, eine mir verhaßte Ansicht zu meinem Idol machen zu müssen, wurde ich krank, wie ich schon früher Dir, teurer Vater, geschrieben. Wiederhergestellt, verbrannte ich alle Gedichte und Anlagen zu Novellen usw. in dem Wahne, ich könne ganz davon ablassen, wovon ich bis jetzt allerdings noch keine Gegenbeweise geliefert.
Während meines Unwohlseins hatte ich Hegel von Anfang bis Ende samt den meisten seiner Schüler kennen gelernt. Durch mehrere Zusammenkünfte mit Freunden in Stralow geriet ich in einen Doktorklub, worunter einige Privatdozenten und mein intimster der Berliner Freunde, Dr. Rudenberg. Hier im Streite offenbarte sich manche widerstrebende Ansicht, und immer fester kettete ich mich selbst an die jetzige Weltphilosophie, der ich zu entrinnen gedacht, aber alles Klangreiche war verstummt, eine wahre Ironiewut befiel mich, wie es wohl leicht nach so viel Negiertem geschehen konnte. Hierzu kam Jennys Stillschweigen, und ich konnte nicht ruhen, bis ich die Modernität und den Standpunkt der heutigen Wissenschaftsansicht durch einige schlechte Produktionen wie „Der Besuch“ erkauft hatte.
Wenn ich hier vielleicht Dir dies ganze Semester weder klar dargestellt, noch in alle Einzelheiten eingegangen, auch alle Schattierungen verwischt, so verzeihe es meiner Sehnsucht, von der Gegenwart zu reden, teurer Vater.
H. v. Chamisso hat mir einen höchst unbedeutenden Zettel zugeschickt, worin er mir meldet, „er bedaure, daß der Almanach meine Beiträge nicht brauchen könne, weil er schon lange gedruckt ist“. Ich verschluckte ihn aus Ärger. Buchhändler Wigand hat meinen Plan dem Dr. Schmidt, Verleger des Wunderschen Kaufhauses von gutem Käse und schlechter Literatur, zugeschickt. Seinen Brief lege ich bei; der letztere hat noch nicht geantwortet. Indessen gebe ich keinesfalls diesen Plan auf, besonders da sämtliche ästhetischen Berühmtheiten der Hegelschen Schule durch Vermittlung des Dozenten Bauer, der eine große Rolle unter ihnen spielt, und meines Koadjutors Dr. Rudenberg, ihre Mitwirkung zugesagt.
Was nun die Frage hinsichtlich der kameralistischen Karriere betrifft, mein teurer Vater, so habe ich kürzlich die Bekanntschaft eines Assessors Schmidthänner gemacht, der mir geraten, nach dem dritten juristischen Examen als Justitiarus dazu überzugehen, was mir um so eher zusagen würde, als ich wirklich die Jurisprudenz aller Verwaltungswissenschaft vorziehe. Dieser Herr sagte mir, daß vom Münsterschen Oberlandesgericht in Westfalen er selber und viele andere in drei Jahren es bis zum Assessor gebracht, was nicht schwer sei, versteht sich, bei vielem Arbeiten, da hier die Stadien nicht wie in Berlin und anderswo fest bestimmt sind. Wenn man später als Assessor promoviert zum Doktor, sind auch viel leichter Aussichten vorhanden, sogleich als außerordentlicher Professor eintreten zu können, wie es dem H. Gärtner in Bonn gegangen, der ein mittelmäßiges Werk über Provinzialgesetzbücher schrieb und sonst nur darin bekannt ist, daß er sich zur Hegelschen Juristenschule bekennt. Doch, mein teurer, bester Vater, wäre es nicht möglich, dies alles persönlich mit Dir zu besprechen! Eduards Zustand, des lieben Mütterchens Leiden, Dein Unwohlsein, obgleich ich hoffe, daß es nicht stark ist, alles ließ mich wünschen, ja macht es fast zur Notwendigkeit, zu Euch zu eilen. Ich würde schon da sein, wenn ich nicht bestimmt Deine Erlaubnis, Zustimmung bezweifelt.
Glaube mir, mein teurer lieber Vater, keine eigennützige Absicht drängt mich (obgleich ich selig sein würde, Jenny wiederzusehen), aber es ist ein Gedanke, der mich treibt, und den darf ich nicht aussprechen. Es wäre mir sogar in mancher Hinsicht ein harter Schritt, aber wie meine einzige süße Jenny schreibt, diese Rücksichten fallen alle zusammen vor der Erfüllung von Pflichten, die heilig sind.
Ich bitte Dich, teurer Vater, wie Du auch entscheiden magst, diesen Brief, wenigstens dies Blatt der Engelsmutter nicht zu zeigen. Meine plötzliche Ankunft könnte vielleicht die große herrliche Frau aufrichten.
Der Brief, den ich an Mütterchen geschrieben, ist lange vor der Ankunft von Jennys liebem Schreiben abgefaßt, und so habe ich unbewußt vielleicht zu viel von Sachen geschrieben, die nicht ganz oder gar sehr wenig passend sind.
In der Hoffnung, daß nach und nach die Wolken sich verziehen, die um unsere Familie lagern, daß es mir selbst vergönnt sei, mit Euch zu leiden und zu weinen und vielleicht in Eurer Nähe den tiefen, innigen Anteil, die unermeßliche Liebe zu beweisen, die ich oft so schlecht nur auszudrücken vermag, in der Hoffnung, daß auch Du, teurer, ewig geliebter Vater, die vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung meines Gemüts erwägend, verzeihst, wo oft das Herz geirrt zu haben scheint, während der kämpfende Geist es übertäubte, daß Du bald wieder ganz völlig hergestellt werdest, so daß ich selbst Dich an mein Herz pressen und mich ganz aussprechen kann.
Dein Dich ewig liebender Sohn Karl.
Verzeihe, teurer Vater, die unleserliche Schrift und den schlechten Stil; es ist beinahe vier Uhr, die Kerze ist gänzlich abgebrannt und die Augen trüb; eine wahre Unruhe hat sich meiner bemeistert, ich werde nicht eher die aufgeregten Gespenster besänftigen können, bis ich in Eurer lieben Nähe bin.
Grüße gefällig meine süße herrliche Jenny. Ihr Brief ist schon zwölfmal durchlesen von mir, und stets entdecke ich neue Reize. Es ist in jeder, auch in stilistischer Hinsicht der schönste Brief, den ich von Damen denken kann.
Marx wandte sich also, wie er schrieb, gegen den Formalismus und die abstrakten Spekulationen der überlieferten idealistischen Philosophie. Diese hatte das Denken gegenüber dem Naturgeschehen isoliert. Nach ihr stand die Idee als leitende Instanz und lenkendes Prinzip des Weltprozesses außerhalb der Wirklichkeit und Erfahrungswelt. Die Realität spielte nur die Rolle des plastischen Knetmaterials, in dem sich die Vernunft manifestierte.
Marx suchte nun „im Wirklichen selbst die Idee“, versuchte, sie aus der Realität heraus zu entwickeln. Damit aber, mit dieser Preisgabe des von der idealistischen Philosophie besetzten Standpunktes, kam er — ohne, ja gegen seinen Willen — geradenwegs zu Hegel. Denn schon Hegel, obwohl Idealist, hatte philosophisch den Gegensatz von Denken und Sein überwunden und in eine Einheit aufgelöst. Das Wirkliche war ihm nicht mehr bloßes Objekt der Vernunft, nicht mehr die passive Masse, die vom Geist beseelt wird. Vielmehr sah er im Denken bereits ein Resultat des Naturprozesses; er begriff die Erfahrungswelt als die lebendige Selbstentfaltung der Idee, die positive Auswirkung des Weltgeistes in einer eigengesetzlichen Aktion. Aus der luftleeren Region reiner Abstraktionen hatte er die philosophische Betrachtung zur Welt der Wirklichkeit zurückgeführt.
Hier freilich war Hegel stehengeblieben. Die gedankliche Einheit von Denken und Sein trug bei ihm einen rein metaphysischen Charakter. Marx lehnte sich innerlich dagegen auf. Sein theoretisches Interesse, ganz auf die Erfassung des Wirklichen gerichtet und jeder Metaphysik abhold, begann zu ahnen, daß hier der Punkt sei, von dem aus der Hegelsche Idealismus aus den Angeln gehoben werden könne. Der Gedanke reizte ihn. Welch eine Aufgabe, diesen Riesen im Gedankenreiche zu überwältigen! Welch ein Triumph, der das Gelingen dieser Aufgabe krönen würde! Marx begann die Umwelt kritisch zu betrachten und die Wirklichkeit, in der er lebte, auf die Gültigkeit des Hegelschen Schemas hin zu prüfen. Seine Blicke schärften, seine Sehnen strafften sich. Immer zahlreicher und gravierender wurden die Momente, die den Gedanken einer wissenschaftlichen Entthronung des Hegelismus nährten. Immer verlockender und aussichtsvoller die Perspektiven, die zu einer Lösung der Aufgabe ermutigten. Marx faßte das Ziel scharf und klar ins Auge. Und mit dem Ungestüm, dem Fleiß und der Konsequenz, die sein Wesen ausmachten, ging er ans Werk.
Junghegelianer
Die Entstehung der Hegelschen Philosophie war in die Zeit des Aufstiegs der preußisch-deutschen Bourgeoisie gefallen. Die mit der ökonomischen Erstarkung einhergehende soziale Anerkennung und das erwachende Selbstbewußtsein der bürgerlichen Klasse hatten in dem Gedankengebäude Hegels ihren repräsentativen und demonstrativen Ausdruck gefunden. Der klassische Satz: „Alles Wirkliche ist vernünftig und alles Vernünftige ist wirklich!“ war in das Ideal eines Rechtsstaates umgesetzt worden, der als Verwirklichung der sittlichen Idee, als das absolut Vernünftige erschien.
Seitdem waren fast zwei Jahrzehnte verstrichen. Die Realität des bürgerlichen Staates und der kapitalistischen Ordnung hatten Gelegenheit gehabt, sich in der Praxis zu erweisen. Da stellte sich heraus, daß Idee und Wirklichkeit, Vernunft und Sein in klaffender Gegensätzlichkeit auseinanderfielen. Das Leben machte den philosophischen Trick der metaphysischen Einheit von Denken und Sein nicht mit. Die in der monarchischen Spitze verkörperte sittliche Idee war in wachsenden Widerspruch geraten zu den Lebens- und Entwicklungsnotwendigkeiten der kompakten Masse, die im Gegensatze zu dem proklamierten sittlichen Bewußtsein ihre eigenen Ideen zu entwickeln begann. Die preußische Monarchie, obwohl sie den Hegelismus zur offiziellen Staatsphilosophie erhob, hatte nicht vermocht, sich zu einem wirklichen Staat im Sinne Hegels zu erheben. Und gegen das wirkliche Sein der politischen und sozialen Zustände erhob sich das ideelle Sollen der utopischen und sozialistischen Forderungen, wie sie von Saint-Simon, Fourier und Owen jenseits der preußisch-deutschen Wirklichkeit verkündet wurden.
Es waren indes nicht die gesellschaftlichen Widersprüche und politischen Kontraste, die den Blick von Marx zuerst auf sich gelenkt hätten. Ihm, der in der Welt der Theorien und Systeme heimisch war, lagen ungleich näher die Unstimmigkeiten und Dissonanzen, die sich aus der Anwendung der Hegelschen Grundgedanken auf geistigem und weltanschaulichem Gebiet ergaben. Und in der Atmosphäre des Doktorklubs, jenes Kreises von Schülern Hegels, erfuhr sein kritischer Sinn noch eine besondere Schärfung, die ihn die Linie seiner Abweichung von Hegel und seiner selbständigen Weiterentwicklung immer klarer erkennen ließ.
Dazu kam eine ideologische Bewegung, die auf dem Gebiete des religiösen Lebens mit starken Wellenschlägen der Kritik und Opposition einsetzte.
Die nach der französischen Julirevolution auch in Deutschland verspürbar gewesene Erschütterung der Metternichschen Kirchhofsruhe, die da und dort sogar zu Tumulten, Studentenkrawallen und Putschen geführt hatte, war mit Gewehrkolben und Zuchthausfesseln überwunden worden. Der allzu dreist gewordenen Presse hatte man den Maulkorb wieder umgeschnallt, die rebellierenden Lehrer und Professoren durch Stockschläge auf den Magen kirre gemacht, die Universitäten von der Infektion durch Liberalismus und Revoluzzertum gereinigt. Das Mainzer Zentraluntersuchungskomitee war wieder zu den staatserhaltenden Praktiken der Demagogenverfolgung zurückgekehrt. Eine Zusammenkunft der Minister Preußens, Österreichs und Rußlands in Teplitz und eine weitere Zusammenkunft der Monarchen dieser Länder in Münchengrätz hatten die Inquisition der Heiligen Allianz wieder feierlich erneuert. Und eine Ministerkonferenz in Wien hatte die verschärften Beschlüsse der reaktionären Diktatur sanktioniert.
Besonders einig war man sich darin gewesen, daß, um die in Unruhe und Aufruhr geratenen Massen zu Demut und Gehorsam zu bringen, neben Knute und Stachelhalsband das heilsam-bändigende Narkotikum der Religion in vermehrten Dosen zu verabreichen sei. Der preußische Hof, unter dem wachsenden Einflusse des Prinzen Wilhelm mit allen Fetzen mittelalterlicher Romantik drapiert, besaß den Ehrgeiz, in der Züchtung und Entsendung geistlicher Gensdarmerie voranzugehen. Hier hatten die „Erweckten“ und „Stillen im Lande“ ihr Hauptquartier. Hier wurde die soziale Frage mit Andachten, Gebetsübungen, Psalmengesängen und dem Lirumlarum salbungsvoller Traktätchen gelöst. Frömmelnde Generäle, augenverdrehende Hof- und Staatsbeamte und plärrende Kirchengewaltige vereinten sich hier zum gottseligen Chorus der Staatsrettung. Dieser pietistischen Pest setzte die aus Hegels Schule hervorgegangene Intellektualität den Protest einer um so kühleren verstandesmäßigen Analyse der christlichen Legende entgegen.
David Friedrich Strauß, ein junger Schwabe, ließ 1835 sein Leben Jesu erscheinen. An den Rationalismus der bürgerlichen Aufklärung anknüpfend, entkleidete er darin die Evangelien schonungslos ihres Heiligenscheins als überlieferter Geschichte. Vielmehr stellte er an Hand streng wissenschaftlicher Nachprüfungen die christliche Überlieferung als Mythus, Sagenwerk, von der ersten christlichen Gemeinde in frommer Ekstase bewußt geschaffenes Epos vor die erschreckten Augen der Gläubigen. Der Erfolg war ungeheuer. Das Buch löste eine wahre Epoche religionskritischer Forschungen aus.
Natürlich wurde das Buch von Strauß und der ganze Komplex der damit aufgeworfenen Fragen auch im Doktorklub eifrig diskutiert. Die Mitglieder dieses Klubs — Oberlehrer, Literaten, Dozenten, durchweg Junghegelianer — fühlten sich als Vorhut der neuen Geistigkeit und begrüßten den philosophischen Kampf gegen Muckertum und Romantik, der allenthalben die Federn wetzen ließ. Freilich war ihnen der von Strauß abgegebene Schuß noch nicht zielgerecht und tödlich genug. Besonders Bruno Bauer, der als Dozent an der Berliner Universität wirkte und als stärkste Hoffnung unter dem Nachwuchse Hegels galt, trat als Widersacher gegen Strauß auf. „Der Streit zwischen beiden wurde“, wie Engels später in seinem „Ludwig Feuerbach“ darlegte, „geführt in der philosophischen Verkleidung eines Kampfes des ‚Selbstbewußtseins‘ gegen die ‚Substanz‘; die Frage, ob die evangelischen Wundergeschichten durch bewußtlos-traditionelle Mythenbildung im Schoße der Gemeinde entstanden oder ob sie von den Evangelisten selbst fabriziert seien, wurde aufgebauscht zu der Frage, ob in der Weltgeschichte die ‚Substanz‘ oder das ‚Selbstbewußtsein‘ die entscheidend wirkende Macht sei; und schließlich kam Stirner, der Prophet des heutigen Anarchismus, und übergipfelte das souveräne ‚Selbstbewußtsein‘ durch seinen souveränen ‚Einzigen‘.“
Für Bauer ist die Kontroverse der Angelpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit geworden. Er hat das Thema nicht wieder fallengelassen und die von Strauß begonnene Evangelienkritik fortgesetzt erheblich verschärft und vertieft. Hatte er noch in der 1841 erschienenen Kritik der evangelischen Geschichte den Standpunkt vertreten, das Selbstbewußtsein des Urevangelisten Markus, an Quellen griechischer, griechisch-alexandrinischer und griechisch-römischer Literatur genährt, habe in den Evangelien seine Manifestation gefunden, so setzte sein 1843 erschienenes Werk Das entdeckte Christentum (noch in der Presse beschlagnahmt, seitdem verschollen und erst kürzlich durch Neudruck der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht) diese Gedanken bis zur Anti-Theologie und zum Atheismus fort. Noch sein drei Jahrzehnte später veröffentlichtes Werk Der Ursprung des Christentums aus dem römischen Griechentum verfocht die These: nicht Jesus und Paulus, sondern Seneka und Philo sind die schöpferischen Geister des Urchristentums.
Unter den Junghegelianern hatten die religiösen Dispute und philosophischen Waffengänge noch ein anderes Ergebnis: sie führten zur Gründung der Hallischen Jahrbücher, die als Sammelpunkt des neuen Geisteselements gedacht waren. Ihr Begründer, Arnold Ruge, Privatdozent in Halle, war weder ein besonders tiefer und selbständiger noch zuverlässiger und revolutionärer Geist. Zwar hatte er, als Opfer der „Demagogenhetze“ sechs Jahre Gefängnis absitzen müssen, aber seine Überzeugung war dadurch nicht entschiedener, sein Charakter nicht konsequenter geworden. Immerhin leistete er dem Aufbruch und der Befreiung der Geister durch die Tribüne, die er ihnen als Tummelplatz zur Verfügung stellte, einen unschätzbaren Dienst. Mit zunehmender Reaktion freilich, die alle akademischen Lehrstühle mit Dunkelmännern besetzte und alle unbequemen Preßorgane zum Objekt von Zensurplackereien und Drangsalierungen machte, sah sich Ruge bald genötigt, von Halle nach Dresden zu übersiedeln und die Hallischen Jahrbücher als Deutsche Jahrbücher erscheinen zu lassen. Dies bedeutete nicht nur einen Wechsel im Erscheinungsort und Titel, sondern auch einen Fortschritt in der Verschärfung der Tonart und eine Verbesserung in der Qualität der Mitarbeiter. Besonders Strauß, der in den Hallischen Jahrbüchern dominiert hatte, wurde abgelöst durch Bruno Bauer und Ludwig Feuerbach.
Bauer und Feuerbach
Bruno Bauer, in eine neue Fehde mit Hengstenberg, dem Führer der Berliner Orthodoxie, verwickelt, hatte Berlin mit Bonn vertauscht. In der Tasche trug er die Zusage seines Protektors, des Kultusministers Altenberg, daß seine Bonner Dozentur in eine feste Professur verwandelt werden solle. Aber Altenberg starb, mit ihm schwand der letzte Einfluß der Hegelschen Tradition. Sein Nachfolger war der reaktionäre Minister Eichhorn, der ganz in den Händen der Frommen war. Damit verblaßten alle Aussichten Bauers auf eine akademische Laufbahn, zumal seine Mitarbeit an Ruges Jahrbüchern und sein radikaler Standpunkt in Fragen der Theologie nicht dazu beigetragen hatten, den Kreis seiner Freunde in der Fakultät zu vermehren. Zum Überfluß erschien um dieselbe Zeit sein Buch Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker, das einen Sturm der Entrüstung entfesselte. Bauer wurde seines Amtes entsetzt und der Minister verfügte eine Einschränkung der Lehrfreiheit an allen Universitäten.
Damit fielen auch Marxens Pläne ins Wasser. Er hatte nie ernstlich an ein Brotstudium gedacht, obwohl der Vater oft daran erinnert hatte. 1838 war der Vater gestorben. Nun wies ihn die Sorge um Mutter und Braut auf die Notwendigkeit hin, sich nach einer gesicherten Lebensstellung umzusehen. So hatte er daran gedacht, seinem Freunde Bauer nach Bonn zu folgen, um ebenfalls eine Dozentur zu übernehmen und vielleicht mit Bauer gemeinsam eine wissenschaftliche Zeitschrift herauszugeben. Freilich hatte er weder eine juristische Prüfung gemacht, noch den Doktortitel erworben. Marx hatte gegen akademische Studien und Examina heftige Hemmungen, die Bauer durch fortgesetzte Ermutigungen zu überwinden suchte. „Beendige doch endlich Dein Zaudern und Deine saumselige Behandlung eines Unsinns und einer bloßen Farce, wie das Examen ist“, schrieb er ihm. Schließlich gab sich Marx einen Ruck, schrieb eine Arbeit Über die Differenz zwischen der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie und erwarb damit im April 1841 in Jena „in absentia“ den Doktor. Nun aber kam es weder zu einer Professur Bauers, noch war an eine akademische Laufbahn Marxens zu denken. Auch der Plan einer Zeitschrift fand in der Stickluft der reaktionären Politik keine Möglichkeit einer Verwirklichung. Bauer kehrte nach Berlin zurück und widmete sich mit Eifer der Mitarbeit an den von Dresden aus erscheinenden Deutschen Jahrbüchern.
Doch während Bauer — wie Strauß — den Ursprung des Christentums zu ergründen suchte, ging Feuerbach über ihn hinaus, indem er die Frage nach dem Wesen des Christentums überhaupt zur Diskussion stellte. Ludwig Feuerbach, Sohn des großen Kriminalisten Anselm Feuerbach und Schüler Hegels, hatte seine Stellung als Privatdozent in Erlangen quittieren müssen, nachdem er sich durch Veröffentlichung radikaler Schriften, die dem Verbot verfielen, um jede Aussicht in seiner Laufbahn als Hochschullehrer gebracht hatte. In einer ländlichen Idylle fern dem Weltgetriebe lebend, widmete er sich philosophischen Arbeiten, in denen er sich immer mehr von Hegel ablöste. Er schrieb eine 1839 erschienene Kritik der Hegelschen Philosophie, in der er den „absoluten Geist“ Hegels entlarvte als den „abgeschiedenen Geist der Theologie“, einen metaphysischen Spuk, eine „zur Logik gemachte Theologie“, eine „rationale Mystik“. Wenn Hegel gelehrt habe, daß die Natur von der Idee gesetzt sei, so sei dies nur eine philosophische Einkleidung der biblischen Behauptung, daß Gott die Welt geschaffen habe. Der absolute Geist sei in Wirklichkeit nichts anderes als der endliche subjektive Geist des Menschen, nur abstrakt gedacht. Offenbare sich der absolute Geist nach Hegel in Kunst, Religion und Philosophie, so könne dies nur bedeuten, daß Kunst, Religion und Philosophie das Höchste und Absolute im menschlichen Geiste seien. Mit schonungsloser Hand stülpte er das Hegelsche Schema um. Natur und Wirklichkeit hörten auf, „Entäußerungen“ und „Degradationen“ der Idee zu sein. Sie wurden selbständig und trugen ihr Wertgewicht in sich. Der Mensch rückte in den Vordergrund und wurde aktiviert, wenn auch nur auf religiösem Gebiete. Bisher lediglich Objekt, wurde er grundsätzlich zum Subjekt erhoben. Der Materialismus erschien auf dem Throne.Damit war auch der Standpunkt Feuerbachs für seine Religionsphilosophie gegeben. Vom Menschen aus ging er an die Untersuchung der Zusammenhänge heran, deren Gewebe sich als Religion darstellt. Der Mensch ist nach ihm, unabhängig von aller Philosophie, dem Menschen das höchste Wesen, ist Anfang, Mittelpunkt und Ende der Religion. Ideen sind Widerspiegelungen der Natur, Götter nur Geschöpfe der menschlichen Phantasie, idealisierte und an den Himmel gesetzte Personifikationen menschlicher Eigenschaften und Gefühle. Religion ist das Gefühlsverhältnis, das Herzensverhältnis zwischen Mensch und Mensch, die Grundlage aller Ethik die Beziehung zwischen dem Ich und Du.
Feuerbachs Wesen des Christentums, das zum ersten Male diese Gedanken entwickelte, erschien 1841. Es wirkte wie eine befreiende Tat. Der Bann des Hegelschen Systems war gebrochen. Alle Widersprüche schienen aufgelöst. Aus den Regionen der Ideen war man wieder auf der Erde gelandet. „Man muß“, schreibt Engels, dem um dieselbe Zeit Feuerbach das „wahre Leben des Menschen“ enthüllte, „die befreiende Wirkung dieses Buches selbst erlebt haben, um sich eine Vorstellung davon zu machen. Die Begeisterung war allgemein: wir waren alle momentan Feuerbachianer.“ Auch Marx begrüßte die neue Auffassung mit Enthusiasmus. „Wer hat die Dialektik der Begriffe, den Götterkrieg, den die Philosophen allein kannten, vernichtet? Feuerbach. Wer hat den Menschen an die Stelle des alten Plunders, auch des unendlichen Bewußtseins gesetzt? Feuerbach und nur Feuerbach! Erst Feuerbach, der den Hegel auf Hegelschem Standpunkte vollendete und kritisierte, indem er den metaphysischen absoluten Geist in den wirklichen Menschen und auf der Grundlage der Natur auflöste, vollendete die Kritik der Religion, indem er zugleich zur Kritik der Hegelschen Spekulation und daher aller Metaphysik die großen und meisterhaften Grundzüge entwarf.“ So die begeisterten Zustimmungen aus dem Munde von Marx.
Revolutionärer Anflug
Die Entgötterung des Himmels und Auflösung der Bindungen an eine übersinnliche Welt konnten sich aber nicht auf Religion und Weltanschauung beschränken.
War die Autorität einmal angetastet, der Dualismus in Frage gestellt, das Recht der Tradition bestritten, so gab es kein Halten mehr in der Konsequenz der Wirkungen. Notwendigerweise riß der Sturz des absoluten Himmelskönigs auch den Thron des absoluten Erdenkönigs mit sich. Die zum Schemen gewordene Souveränität der Idee ließ den Nimbus der gottverliehenen Regierungsweisheit und Staatskunst verblassen. Und die Erkenntnis, daß Menschen die Kraft haben, Götter zu schaffen, schreckte nicht mehr vor dem Gedanken zurück, daß Menschen auch — ohne Sanktion von oben — Schöpfer ihrer politischen und sozialen Zustände sein könnten.
So wurden die Junghegelianer, bisher nur Kämpen im Bereiche des theoretisierenden Geistes, zu Vollstreckern einer politischen Praxis, zu der sie, fast ohne ihren Willen, nicht aus politischen Erwägungen oder Zielsetzungen heraus, sondern rein aus der inneren Folgerichtigkeit ihrer philosophischen Entwicklung gekommen waren.
Daß Vernunft und Wirklichkeit nicht notwendigerweise zusammenfallen mußten, wie Hegel dies gelehrt, bezeugte die Beschaffenheit des preußischen Staates. Seit der französischen Julirevolution bewegten sich die Forderungen der Wirklichkeit in immer auffälligerer Divergenz zur Einsicht und Weisheit der Regierung. Ruge hatte in den Hallischen Jahrbüchern wiederholt darauf verwiesen, daß die Forderung nach einem konstitutionellen Staate bisher unerfüllt geblieben sei, daß durch das Bestehen der Zensur das Vertrauen in Geist und Wissenschaft aufgehoben, durch Rückwärtsrevision der Städteordnung von 1808 Verrat an dem Geiste der preußischen Mission geübt werde. Es stellte sich der Betrachtung immer deutlicher heraus, daß die Einheit von Vernunft und Wirklichkeit erst erreicht werden könne, wenn das Vernünftige, bisher noch nicht Gestalt und Leben, durch bewußt menschliche Tat in die Wirklichkeit übergeführt werden würde.
Diese Tat sahen die Junghegelianer nicht in einem revolutionären Umsturz, sondern in einer organischen Erneuerung von innen heraus. Und zwar meinten sie, daß dieser Prozeß wieder da anknüpfen müsse, wo das Reformwerk unter Stein und Hardenberg sein Ende gefunden hatte. Nur so, im Gleichschritt der historischen Wirklichkeit und der leitenden Ideen, könne Preußen seine weltgeschichtliche Aufgabe erfüllen, nämlich; das von der Reformation begonnene, von der Aufklärung fortgesetzte Befreiungswerk des menschlichen Geistes zu beenden. Denn daß Preußen von der Geschichte berufen sei, die Entwicklung der Menschheit zur Höhe zu führen, stand für die Junghegelianer unanfechtbar fest. Sie waren alle nach Geburt, Erziehung und Gesinnung stramme Preußen und als Jugend der gebildeten und besitzenden Schichten ganz erfüllt von dem Selbstbewußtsein ihrer aufstrebenden Klasse. In einer von Friedrich Köppen verfaßten, „Seinem Freunde Karl Heinrich Marx aus Trier“ gewidmeten Festschrift zum Gedächtnis Friedrichs des Großen hieß es unter anderen Ausbrüchen patriotischen Überschwangs: „Preußen kann nie vergessen, daß es mit der Aufklärung zugleich in der Wiege gelegen und von dem Helden der Aufklärung groß gezogen worden ist. Der Himmel ruht nicht sicherer auf den Schultern des Atlas, als Preußen auf der zeitgemäßen Fortentwicklung der Grundsätze Friedrichs des Großen.“
Die Hoffnungen auf ein preußisches Emporium der Geistesfreiheit fanden nun freilich ebensowenig ihre Erfüllung wie die Träume von einer preußischen Konstitution mit einem liberalen Monarchen an der Spitze. Eine vorübergehende Zensurerleichterung, die nach Lage der Dinge nicht mehr sein konnte als eine despotische Laune, versetzte zwar das ewig unbelehrbare Philistertum in einen Taumel der Begeisterung; aber der Katzenjammer, der sehr bald folgte, war dadurch nur um so schlimmer geworden. Marx hatte den Umschwung zur Reaktion vorausgesehen und darüber einen Aufsatz für Ruges Jahrbücher geschrieben. Jedoch — er begann mit dem richtigen Debut: seine erste publizistische Arbeit verfiel der Zensur. Da die Jahrbücher noch einen Ableger in der Schweiz hatten, ließ Ruge den Artikel, zusammen mit anderen Opfern der Zensur, als Anekdota philosophica im Literarischen Kontor von Julius Fröbel in Zürich erscheinen. Er trug den Titel: ‚Bemerkungen über die neusten preußische Zensurinstruktion‘ und die Verfasserbezeichnung: „Von einem Rheinländer“.
Marx hatte inzwischen seine literarische Aufmerksamkeit einem andern Organ zugewandt, das seit 1. Januar 1842 in Köln erschien. Es nannte sich Rheinische Zeitung, war von einer Gruppe vermögender Kaufleute und Unternehmer des Rheinlands gegründet worden und konnte eher als gemäßigtes Regierungsblatt denn als Oppositionsblatt gelten. Durch den Umstand, daß in der Redaktion rührige Junghegelianer saßen, die zu dem Berliner Kreise Beziehungen unterhielten und dort Mitarbeiter warben, war Marx mit dem Blatte in Verbindung gekommen. Er hatte sogar die Absicht gehabt, in Köln seinen Wohnsitz zu nehmen; zuletzt jedoch hatte er sich für Bonn entschieden.
Als Mitarbeiter der Rheinischen Zeitung erhielt Marx die erste Gelegenheit, die theoretisierende Vernunft der Philosophie an der praktischen Realität des politischen Lebens zu wetzen. Er ging mit Schmiß und Schneid ans Werk. Mit festen Füßen stand er auf dem Podium der Meinungskämpfe und focht mit sicherer Hand seine Klinge. So wurde die Rheinische Zeitung zur Eingangspforte für seine glanzvolle publizistische und politische Laufbahn.
Aufschwung der Bourgeoisie
Die preußische Bourgeoisie war um diese Zeit in der angenehmen Lage, dank dem großen Wirtschaftsaufschwunge der dreißiger Jahre, über eine wesentlich verbesserte und gefestigtere Position zu verfügen als ein paar Jahrzehnte vorher.
Die Verwendung der Dampfkraft in der Produktion hatte zugenommen. Unter den Vorteilen verbesserter Technik war die Industrie mächtig aufgeblüht. Neue Wirtschaftsgebiete hatten sich der Unternehmerinitiative erschlossen. Die Ausbeute an Kohlen und Erz, gefördert durch die Entwicklung des Eisenbahnwesens, hatte sprunghafte Steigerung erfahren. Großindustrie und Großhandel gingen daran, Großstädte zu schaffen. In verschiedenen Industrien, so in der Metall- und Baumwollbranche, bildeten sich Riesenbetriebe heraus. Der feudale Großgrundbesitz trat aus seiner Reserve und stellte sich durch Übergang zu Branntweinbrennerei und Zuckerrübenbau auf die lukrativeren Methoden der kapitalistischen Betriebsführung ein. Die Umwälzung der Produktions- und Verkehrsverhältnisse übertrug ihre Tendenzen auf das gesellschaftliche Leben. Alte Überlieferungen wurden abgestreift, überlebte Einrichtungen gesprengt, überholte Anschauungen revidiert. Eine Welle von Kraftbewußtsein ging durch die Adern der bürgerlichen Klasse. Die Seelen regten sich und richteten sich voll gesteigerten Selbstgefühls auf. Am Horizonte der Sehnsucht erschien das Bild der starken Persönlichkeit, die keine Einengung mehr verträgt, gegen den Druck rebelliert, der Bevormundung spottet, den Rücken freiwillig nicht mehr beugen will. Dieser Stimmung begann die Literatur Rechnung zu tragen.
Die Heroen der klassischen Literatur hatten sich, vor den Welthändeln und Lebensbarbareien voll tiefer Entmutigung flüchtend, in eine Welt des ästhetischen Scheins zurückgezogen, in der sie thronten und ihre Ohnmacht genial kompensierten. Und je länger der Druck sozialer Knechtschaft und politischer Unterjochung auf den Menschen lastete, desto heimischer waren die empfindsamsten und produktivsten unter ihnen im Reiche der Illusionen geworden. Denn die Region der Ideen ist die verabsolutierte Sicherheitsposition der von den Realitäten der Welt bedrohten oder mißhandelten Menschheit. Der alternde Goethe hatte sich trotz der universalen und kosmopolitischen Überlegenheit seines Geistes nicht mehr aus dem klassischen Bereiche seiner weltfernen Erhabenheit herausgefunden. In Klopstock, Lessing und dem jungen Schiller aber hatte die Bereitschaft zum Neuen schon Funken geschlagen und revolutionäre Flammen entzündet. Chamisso hatte sich der sozialen Welt genähert. Platen war als kühner Ritter Georg dem Drachen der Reaktion, der Korruption und des Knutenregiments zu Leibe gegangen. Grabbe hatte sich gegen das zermalmende Elend dumpfer deutscher Kleinstaaterei mit dem Aufschrei und dem Trotz des Titanen aufgebäumt.
Da, in den dreißiger und vierziger Jahren, als sich aus dem berstenden Gemäuer der Reaktion überall junges Grün und frisches Reis zum Himmel reckte und aller Drangsale siegessicher spottete, fiel ein kecker, lauter, übermütiger Schwarm von Sängern und Freiheitskündern ins Gezweig des deutschen Dichterwaldes. Georg Herwegh, die „eiserne Lerche“, ließ seine Gedichte eines Lebendigen erscheinen und setzte bei seinem Triumphzuge durch Deutschland die Herzen von Tausenden in Brand. Franz Dingelstedt geißelte in seinen ‚Liedern eines kosmopolitischen Nachtwächters‘ schonungslos Polizei, Pfaffen, Minister und das „feine, vornehme Pack“. Robert Prutz lieferte in seiner Politischen Wochenstube das deutsche Volk als gefesselten Sklaven und die deutschen Fürsten als seine Tyrannen dem Spott und der Verachtung aus. Hoffmann von Fallersleben brachte sich durch die politische Anstößigkeit seiner „Unpolitischen Lieder“ um Amt und Brot. Ferdinand Freiligrath, der mit seiner exotischen Wüsten- und Löwenpoesie berauschenden Erfolg geerntet, stellte seine hinreißende rhetorische Pathetik in den Dienst der erwachenden Revolution. Gottfried Kinkel, Karl Beck, Moritz Hartmann, Alfred Meißner, Kühne, Jung und viele andere vervollständigten durch aufrüttelnde, begeisternde, anfeuernde Kampf- und Freiheitslieder den Chorus der Erweckung Deutschlands aus der Nacht des Mittelalters. Vom Ausland her setzten besonders Heinrich Heine und Ludwig Börne der preußischen Reaktion durch unablässige Kritiken, Polemiken, Pamphlete aufs erbittertste und hartnäckigste zu. Grenzenlos war ihr Spott über die Tölpelhaftigkeit der Polizei, aufreizend ihre Brandmarkung der Borniertheit und des Dünkels der Behörden, unvergleichlich ihr Hohn über die Schlafmützigkeit des Philistertums und unerschöpflich das Pathos ihrer sittlichen Entrüstung, womit sie die reaktionäre Despotie vor den Augen Europas stäupten und der Verachtung auslieferten. In der Gefolgschaft von Heine, doch unabhängig von ihm, eiferte eine ganze Gruppe, das Junge Deutschland, gegen den Geist des Althergebrachten und Rückwärtsgerichteten, das dem Neuen das Lebensrecht bestritt. Gutzkow, Laube, Wienbarg, Mundt und andere besaßen eine Witterung für das Neue, das im Werden war, und fühlten sich berufen, an seiner Freisetzung mitzuwirken. Sie schrieben über die historischen Bedingungen zu einer preußischen Verfassung, die Prinzipien der Demokratie, die Einheit Deutschlands und ihre Bedeutung für dessen politische und ideelle Entwicklung usw., und obwohl sie nichts weniger als Revolutionäre waren, trugen sie durch den Umstand, daß die preußische Polizei sich mit ganz besonderem Eifer auf ihre Schriften stürzte, wesentlich mit zur Aufrüttelung der dumpfen Lakaien- und Untertanengesinnung im Volke bei. Ja, je rücksichtsloser und mißtrauischer die Reaktion jede freie Regung überwachte und verfolgte, desto mehr gewannen selbst schüchterne Rufe die Resonanz von Fanfaren, die zum Kampfe riefen und zur Freiheit lockten.
Der Sinn der dichterischen Weckrufe wurde unterstrichen durch die Resultate der wissenschaftlichen Pionierarbeit. Die kapitalistische Produktionsweise, die der Naturschätze bedurfte, um die Warenwirtschaft zu größerem Ausmaße zu entfalten, hatte Naturwissenschaft und Technik zu ihren Gehilfen auf den Plan gerufen. Sie drängte zu Forschungen, ermunterte zu Experimenten, schärfte die Sinne zur Beobachtung und Ergründung von Naturprozessen, deren Gesetze es abzulauschen und nutzbar zu machen galt. Und in Laboratorien, Werkstätten, Versuchsanstalten und Hörsälen erschloß sich das Geheimnis einer neuen Welt. Theodor Schwann entdeckte die Zelle als Aufbauelement von Tier- und Pflanzenkörpern. Justus Liebig vermittelte neue Einsichten auf dem Gebiete der Chemie, begründete eine neue Theorie der Pflanzenernährung und erschloß damit eine neue Epoche der Agrikultur. Johannes Müller schuf die Grundlagen der gesamten modernen Physiologie. Karl Fr. Gauß erweiterte durch eine Reihe mathematischer, physikalischer und astronomischer Entdeckungen den Rahmen der überlieferten Erkenntnisse. Alexander von Humboldt, Geograph und Naturforscher, gab durch große Reisen dem Weltbilde neue Maße und Inhalte und wirkte bahnbrechend auf dem Gebiete der Geologie, Mineralogie, Zoologie, Botanik, Meteorologie und Klimatologie. Robert Mayer formulierte das Prinzip der mechanischen Wärmetheorie und der Erhaltung der Energie. Die Brüder Siemens wurden durch zahlreiche Erfindungen in der Spiritus- und Zuckerproduktion, in der Elektrotechnik, im Fernsprechwesen usw. zu Begründern vieler neuer Industrien. In einem allgemeinen Wettbewerb der Geister bereitete sich eine Neugeburt der Gesellschaft vor. Und die Gesellschaft, indem sie nur noch gelten ließ, was sich den menschlichen Sinnen offenbarte und durch die Methoden exakter Forschung substantiell nachgewiesen werden konnte, befreite sich geistig von allen Abhängigkeiten und Instanzen früherer Weltgesetzlichkeit, um sich um so rückhaltloser zu den Grundsätzen einer am Materiellen, Konkreten orientierten Weltbetrachtung zu bekennen. Dieser im schärfsten Protest zur theologischen, idealistischen Weltanschauung stehende Materialismus lieferte den empfänglichsten und dankbarsten Mutterboden für die grundstürzenden Argumentationen der Religionskritik Feuerbachs.
Als Marx 1842 in die Redaktion der Rheinischen Zeitung eintrat und bald deren Leitung übernahm, war er sich klar darüber, daß sie in dem schwellenden Freiheitschoral der Zeit nur ein Akkord unter vielen sein konnte. Aber sie sollte ein Akkord mit besonderen Akzenten werden.
Rheinische Zeitung
Das dem preußischen Volke gegebene Versprechen, eine Verfassung zu geben, war von Friedrich Wilhelm III. nicht eingelöst worden. Infolgedessen konnte auch das den Staatsgläubigern gegebene Versprechen, jede neue Anleihe durch die Reichsstände sanktionieren zu lassen, nicht erfüllt werden. Um aber den Schein einer Erfüllung zu wecken, waren Provinziallandtage geschaffen worden, ohnmächtige Gebilde, die unter Ausschluß der Öffentlichkeit vegetierten und in denen der junkerliche Großgrundbesitz seine Herrenrechte in Form von parlamentarischen Beschlüssen ausspielte. Selbst der rheinische Landtag unterschied sich in politischer Initiative und Haltung um nichts von den ständischen Gesindestuben Ostelbiens.
Friedrich Wilhelm VI., der Erbe der uneingelösten Versprechen seines Vaters, hatte den rheinischen Landtag 1841 einberufen. Marx nahm sich die Verhandlungsprotokolle vor und ging mit diesen Dokumenten vormärzlichen Mummenschanzes erbarmungslos ins Gericht. In einer Reihe von Artikeln behandelte er die Frage der Preßfreiheit, die auch hier keinen Anwalt gegen die tückischen Anschläge zu ihrer Unterdrückung gefunden hatte. Sodann die Affäre der Gefangensetzung des Kölner Erzbischofs — mit dem Erfolg, daß der Artikel von der Zensur gestrichen wurde. Schließlich die Debatten über ein Holzdiebstahlsgesetz, die ihm harte Nüsse zu knacken aufgaben, da die Behandlung sozialer Probleme und materieller Interessen „in Hegels ideologischem System nicht vorgesehen war“.
Die Artikel zum ersten Punkte waren glänzend geschrieben. Ruge spendete ihm höchstes Lob: „Wir dürfen uns Glück wünschen zu der Durchbildung, der Genialität und der souveränen Beherrschung ordinärer Gedankenverwirrung, welche hiermit in unserer Publizistik auftritt.“ In dieser Frage war Marx ganz in seinem Element gewesen; bei völliger Beherrschung des Stoffes hatte er eine Feder geführt, deren Elan Aufsehen erregte. Aber schon beim dritten Punkte stieß Marx an die Grenzen seines Könnens. Und beim vierten und fünften, die Jagdpolizei, Jagdeigentum, Parzellierungsfragen und den ganzen Komplex der Eigentumsverhältnisse aufrollen sollten, kapitulierte er vor seiner Aufgabe in der Erkenntnis, daß ohne gründliches Studium der politischen Ökonomie und ohne ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Problem des Sozialismus überhaupt nicht an diese Fragen heranzukommen sei. Seine noch so ausgezeichnete philosophische und juristische Bildung erwies sich als unzulänglich in der Behandlung ökonomischer Erscheinungen; seine idealistische Auffassung von Staat und Gesellschaft geriet in ratlose Schwierigkeit bei der Stellungnahme zu den Interessen von Bourgeoisie und Proletariat.
Dazu kam, daß die Rheinische Zeitung auch sonst genötigt war, ihren Standpunkt zu bekunden gegenüber Fragen und Ereignissen, die sich mit Ideen der französischen Sozialisten oder den Interessen der rheinischen Proletarier verflochten. Die Bekanntschaft eines Buches von Lorenz von Stein, Geschichte der sozialistischen Bewegung in Frankreich, das sich scharf gegen Saint-Simon und Fourier wandte, hatte Marx deutlich auf die Notwendigkeit verwiesen, sich mit diesem Material vertraut zu machen. Und eine Polemik mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung versetzte ihn in die peinliche Situation, öffentlich einzugestehen, daß ihm die Theorien des französischen Sozialismus und Kommunismus völlig fremd waren. Das Augsburger Blatt hatte der Rheinischen Zeitung den Vorwurf gemacht, sie liebäugle mit dem Kommunismus. Darauf erklärte Marx, die Rheinische Zeitung gestehe den kommunistischen Ideen „in ihrer jetzigen Gestalt“ nicht einmal theoretische Wirklichkeit zu, noch weniger könne sie deren praktische Verwirklichung wünschen oder für möglich halten. Sie wolle aber diese Ideen einer gründlichen Kritik unterwerfen. Denn nicht der praktische Versuch, sondern „die theoretische Ausführung der kommunistischen Ideen“ bilde die eigentliche Gefahr. „Denn auf praktische Versuche und seien es Versuche in Masse, kann man durch Kanonen antworten, sobald sie gefährlich werden, aber Ideen, die unsere Intelligenz besiegt, die unsere Gesinnung erobert, an die der Verstand unser Gewissen geschmiedet hat, das sind Ketten, denen man sich nicht entreißt, ohne sein Herz zu zerreißen, das sind Dämonen, welche der Mensch nur besiegen kann, indem er sich ihnen unterwirft.“ Die Pathetik dieser Worte verfehlte ihre Wirkung nicht, aber Marx wußte nur zu gut, daß sich weder mit Deklamationen noch mit „Stümpereien“ über Probleme so ernster Natur auf die Dauer hinwegvoltigieren ließ.
In der Folgezeit spielten Fragen des Sozialismus und der Revolution eine Rolle auch in Differenzen, die zwischen Marx und seinen Berliner Freunden zum Ausbruch kamen. Der Doktorklub hatte sich in eine Gesellschaft der Freien verwandelt, die Zulauf aus allen literarischen Kreisen fand. Hier mischte sich nun die verstiegene Intellektualität akademischer Reinkultur mit der erdgewachsenen Unmittelbarkeit chartistischer, owenistischer und saint-simonistischer Gedankengänge, die von England und Frankreich herübergeflogen kamen. Das gab, da die doktrinäre Begriffsstutzigkeit mit solcher Art geistigem Sprengstoff nichts Rechtes anzufangen wußte, ein tolles Amalgam. Burschikoses Kraftmeiertum spielte sich als revolutionäre Gesinnungstüchtigkeit auf und saloppe Ungeschlachtheit fühlte sich als Manifestation freier Geistigkeit. Friedrich Engels, Fabrikantensohn aus Barmen, der um diese Zeit sein Freiwilligenjahr bei den Gardekanonieren in Berlin abdiente, fand Zugang zu diesem Kreise und beteiligte sich mit Witz und Laune an dem übermütigen Spuk durch Abfassung eines christlichen Heldengedichts Die frech bedräute, jedoch wunderbar befreite Bibel oder Triumph des Glaubens, das in grotesker Phantastik die geistige Welt der Freien spiegelte. Für Marx sprang aus diesem Tohuwabohu der Geister nur die ärgerliche Wirkung heraus, daß er mit Korrespondenzen, Beiträgen und Zuschriften aus Berlin, „weltumwälzungsschwangere und gedankenleere Sudeleien in saloppem Stil, mit etwas Atheismus und Kommunismus (den die Herren nie studiert haben) versetzt“, völlig überschwemmt wurde. Dagegen wehrte sich Marx. „Ich forderte auf, weniger vages Räsonnement, großklingende Phrasen, selbstgefällige Bespiegelungen und mehr Bestimmtheit, mehr Eingehen in die konkreten Zustände, mehr Sachkenntnis an den Tag zu fördern. Ich erklärte, daß ich das Einschmuggeln sozialistischer und kommunistischer Dogmen, also einer neuen Weltanschauung, in beiläufigen Theaterkritiken usw. für unpassend, ja für unsittlich halte und eine ganz andere und gründlichere Besprechung des Kommunismus, wenn er einmal besprochen werden sollte, verlange.“ Wenn darauf die Freien mit der Forderung antworteten, die Rheinische Zeitung solle nicht „temperieren, sondern das Äußerste tun“, so lag für Marx kein Grund vor, Tollkühnheiten zu begehen; aber unaufschiebbar wurde für ihn die Konsequenz, sich fürs erste einmal gründlich über das Problem des Sozialismus zu unterrichten.
Die Zensurbehörde schien ihm dazu verhelfen zu wollen. Sie drangsalierte das Blatt in dem Maße, in dem es an Ansehen, Lesern und öffentlichem Einfluß gewann. Schließlich wurde es durch einen Beschluß des Ministerrates in Berlin, der im Beisein — vielleicht auf Betreiben — des Königs gefaßt worden war, am 21. Januar 1843 verboten.
Alle Eingaben, Proteste, Petitionen der Aktionäre des Blattes änderten daran nichts. Unter Verhängung der Doppelzensur wurde ihm nur eine Gnadenfrist bis zum Ablauf des Quartals gestattet. Schon am 17. März schied Marx aus der Redaktion aus. Er atmete auf, denn er war schon lange, wie er an Ruge schrieb, „der Heuchelei, der Dummheit, der rohen Autorität und unseres Schmiegens, Biegens, Rückendrehens und Wortklauberei müde gewesen“.
Die Regierung hatte ihn „in Freiheit gesetzt“. Welchen nützlichsten und dankbarsten Gebrauch konnte er von dieser Freiheit machen? — Daß er sich mit vollem Eifer dem Studium des Sozialismus widmete.
Klärung
Wechsel der Tribüne
Der Feuereifer, mit dem Marx sich in die Redaktionsarbeit der Rheinischen Zeitung gestürzt hatte, war rasch verlodert. Unverkennbare Verstimmung war eingetreten, Enttäuschung gefolgt. Das Ende der Rücktritt mit dem Seufzer der Erleichterung. Sachlich ohne ersichtlichen Grund.
Marx hatte eine schneidige Feder geführt, mit großer Hingabe gearbeitet, durch sein ungewöhnliches Wissen und Können dem kritischen und oppositionellen Gewissen der Zeit redlich gedient. Sein Wirken war kurz, aber fruchtbar und glanzvoll gewesen.
Gewiß, die Plackereien mit Zensur und Verleger waren verdrießlich und aufregend. Aber sie gehörten zum Metier. Damit hatte jeder Journalist und Redakteur von vorhinein zu rechnen. Sie waren in Köln auch nicht schlimmer als anderwärts. Und übrigens — was konnte dies alles eine echte Kampfnatur anfechten! Marx hatte nur fünf Monate darunter zu leiden gehabt. Es gab Kämpfer des Geistes, die solche und infamere Drangsalierungen jahrzehnte-, ja lebenslang ertrugen. Hier lag kein Grund zur Entmutigung.
Er lag an anderer Stelle. Marx hatte in der Polemik mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung eine Schlappe erlitten. Als leitender Redakteur einer großen, modernen Zeitung hatte er über einen wichtigen Bestand des politischen Geistesarsenals — die Ideenwelt des französischen Sozialismus — kein Urteil gehabt und keine Auskunft geben können. An sich kein Unglück, denn kein Mensch weiß alles. Aber Marx empfand das Eingeständnis als schwere Blamage, seine Tätigkeit war ihm seit diesem Konflikt verleidet. Sein empfindlicher Ehrgeiz, der — in Verbindung mit auftrumpfenden, herrischen und diktatorischen Allüren — ein nagendes Gefühl der Unzulänglichkeit verdeckte, war tief beleidigt. Überstürzt, fast fluchtartig räumte er das Feld, in dem er nicht mehr das Feld seiner glänzenden journalistischen Leistungen, sondern nur noch das Feld seiner Niederlage sah.
Marx war „begierig“ nach Zeit und Gelegenheit, sich in „langanhaltende und tiefgehende Studien“ mit der umstrittenen Materie befassen zu können. Er warf sich auf den neuen Kriegsschauplatz, suchte eine neue Tribüne. Hier wollte er die Scharte auswetzen! Ein Versagen und Nichtmitkönnen sollte ihm ein zweites Mal nicht passieren. Vielleicht würde er im Wettbewerb um die Herrschaft über die Gedankenwelt des Sozialismus einmal alle anderen übertreffen!
Sein Sinn stand auf Paris. Dort konnte man den Sozialismus an der Quelle studieren. Mit Ruge, dem die Zensur bei Herausgabe der Jahrbücher wachsende Schwierigkeit bereitete, wurde er sich einig in dem Plane, die Jahrbücher gemeinsam mit ihm von Paris aus erscheinen zu lassen. „Deutsch-Französische Jahrbücher,“ rief er begeistert aus, „das wäre ein Prinzip, ein Ereignis von Konsequenzen, ein Unternehmen, für das man sich enthusiasmieren kann.“
Er heiratete und befreite damit die seit sieben Jahren wartende Braut aus dem Kreuzfeuer der Koterien und Intrigen, das ihre bigotte und adelsstolze Verwandtschaft seit langem gegen ihn führte. Dann verlebte er in junger Ehe ein paar Monate im Hause der Schwiegermutter, die nach dem Tode des Gatten nach Kreuznach übersiedelt war. Ruge verlegte im September seinen Wohnsitz nach Paris. Im November folgte ihm Marx mit seiner jungen Frau nach.
Die ersten Bekanntschaften mit französischen Sozialisten vermittelte Moses Heß, der Ruge nach Paris begleitet hatte. Abkömmling einer jüdischen Industriellenfamilie des Rheinlandes, in heftigem Protest zum Vater stehend und erfüllt von grüblerischer Unrast, die ihn als ewigen Wahrheitssucher durch alle Höhen und Tiefen menschlichen Geisteslebens trieb, hatte er bereits an der Gründung der Rheinischen Zeitung lebhaften Anteil genommen und war zu Marx in Beziehung getreten. Heß wußte ebensowohl Bescheid in der philosophischen Entwicklung Deutschlands wie in der wirtschaftlichen Entwicklung Englands und in der politischen Entwicklung Frankreichs. Damit besaß er wie kein zweiter die Eignung eines geistigen Dolmetschers zwischen den Junghegelianern, die über Feuerbach zur Politik und zum Sozialismus geführt wurden, und den französischen Sozialisten, die über ihre politischen Erfahrungen hinweg zu Hegel und zum „logischen Scharfblick“ der Deutschen geführt werden sollten. Moses Heß hatte als erster seinen Freund Engels auf die innere Folgerichtigkeit der Entwicklung hegelscher Denkweise zum Kommunismus hingewiesen. Nun machte er sich Ruge und Marx nützlich bei der Anknüpfung von Beziehungen zu Vertretern des französischen Sozialismus.
Der Ertrag dieser Bemühungen war freilich recht dürftig. Wohl lernten Ruge und Marx eine Reihe von namhaften Sozialisten persönlich kennen, so Louis Blanc, Dezamy, Considerant, Leroux, Proudhon und andere, aber alle waren, untereinander eifersüchtig oder uneinig, eigenbrödlerisch festgelegt auf subjektive Auffassungen, ohne Kenntnis der deutschen Philosophie und ohne Neigung, irgendwelche Verbindung mit andersgearteten Theorien oder Systemen auch nur in Erwägung zu ziehen. So war aus Paris für eine „gallo-germanische“ Allianz verteufelt wenig zu holen. Noch weniger für die Deutsch-Französischen Jahrbücher. Wenn Marx deren Programm verwirklichen wollte, nämlich „die himmlische Politik des Mittelreiches aufzuheben und die wirkliche Wissenschaft von den menschlichen Dingen an die Stelle zu setzen“, so sah er sich völlig auf den Mitarbeiterstab angewiesen, der von Deutschland her zur Verfügung stand.
Es dauerte bis Ende Februar 1844, bevor die erste und zweite Lieferung, zu einem Hefte vereinigt, erscheinen konnten. Zwölf Lieferungen im Jahr waren geplant. Doch ist nur das eine Doppelheft herausgekommen.
Das Unternehmen war buchhändlerisch eine Totgeburt. Vom Standpunkte der sozialistischen Entwicklung aus ein kühner Vorstoß in die Region einer neuen Welt, deren erste Forderung lautete: Selbstverständigung!
Deutsch-Französische Jahrbücher
Mit einem „Plan der Deutsch-Französischen Jahrbücher“ leitete Arnold Ruge die Zeitschrift ein.
Er ging dabei aus von den preußisch-deutschen Zuständen, in deren erstickender Luft die Zeitschrift bis zu ihrer Unterdrückung ihr kümmerliches Dasein gefristet hatte.
„In Deutschland war die Heuchelei, als sei die Wissenschaft gleichgültig gegen das Leben, und wenn das nicht, als sei doch wenigstens ihr Himmel für die Masse der Menschen unerreichbar, nicht zu besiegen. Unter vernünftigen Verhältnissen wird der Kern der Wissenschaft Eigentum aller in der Form der Praxis und des allgemeinen Bewußtseins. Ein praktischer Gedanke, ein weltbewegendes Wort sind aber in Deutschland unmittelbare Attentate auf alles, was heilig und über den Pöbel erhaben ist. Heilig und vornehm, nicht menschlich und frei, ist die deutsche Wissenschaft so gut als der deutsche Staat, und Verrat an beiden, die Menschheit ohne Rückhalt in ihren Besitz zu setzen. Dieser Verrat muß jetzt begangen werden.“
Nicht eigentlich erst begangen, sondern nur fortgesetzt. Denn die Ereignisse in Deutschland hätten — so führte er weiter aus — die Philosophie bereits zu einer politischen Bedeutung erhoben. „Ist die deutsche Bewegung für den Augenblick in eine Bücherwelt zurückgeschleudert, die sich das Ansehen gibt, als ginge sie die Geschichte und die Revolution, in der wir leben, nichts an, so werden wir diese Heuchelei und Indifferenz abstreifen und mit vollem Bewußtsein politische Zwecke verfolgen. Wir werden alles auf die Freiheit beziehen. Eine indifferente Gelehrsamkeit gibt es für den Philosophen nicht. Philosophie ist Freiheit und will Freiheit erzeugen. Und wir verstehn unter Freiheit die wirklich menschliche, d. h. die politische Freiheit, nicht irgendeinen metaphysischen blauen Dunst, den man sich auf seinem Studierzimmer vormachen kann, und wäre auch dies Zimmer ein Gefängnis.“
Die Aufgabe der Zeitschrift solle sein, „alles, was sich auf die große Umwälzung bezieht, die in der alten Welt vor sich geht, in möglichst prägnanter und künstlerisch abgerundeter Form zum allgemeinen Bewußtsein zu bringen“. Die Durchführung dieser Aufgabe führe zu Frankreich, das sich durch seine glorreiche Revolution und die Eroberung der Menschenrechte eine „kosmopolitische Sendung“ erkämpft habe, die für alle gelte. Der Nationalhaß gegen Frankreich sei immer gleichbedeutend mit dem blinden Widerwillen gegen die politische Freiheit. „In Deutschland kann man das Maß des Verstandes und der sittlichen Befreiung bei jedem Menschen daran knüpfen, was er über Frankreich urteilt. Je trüber der Verstand, je unterwürfiger die Denkungsart eines Deutschen ist, desto ungerechter und unwissender wird sein Urteil über Frankreich ausfallen. Die Größe und sittliche Kraft einer Nation, die sich und ganz Europa alle Freiheit erobert hat, welche die Welt jetzt genießt, wird er unsittlich, die Aufhebung seines eigenen Prinzips, des Philistertums, wird er gemütlos nennen, und Sinn für Familienglück wird er den gottlosen Franzosen nun gar nicht zugestehen. Wer in Deutschland die Franzosen versteht und anerkennt, ist schon ein gebildeter, ein freier Mann.“
Deutschland werde durch die Franzosen beschämt. „Sie studieren uns, sie achten uns, ja sie überschätzen uns und unsere überweltliche Wissenschaft; und wenn sie die weltliche Wendung der neuesten Epoche noch nicht kennen, so wird es sich gar bald zeigen, daß sie erst hier wirklich mit uns zusammenkommen.“ Die Vermittlung der Bildung sei die wahre Vereinigung der Nationen und diese der Sieg der Freiheit. „Wir Deutsche haben viel Zeit verloren mit Aufstöbern, Ausklopfen und Ausbürsten unsers alten Krams in Religion und Politik. Wir haben uns zum Teil die Augen dabei verdorben und sind übersichtige Romantiker geworden. Aber wir haben auch einen Ordnungssinn und einen logischen Scharfblick aus dieser Arbeit gewonnen, der uns in metaphysischen und phantastischen Regionen zum sichern Kompaß dient, während die Franzosen in ihnen ohne Steuer vor Wind und Wellen teiben.“ Dem Hegelschen System gebühre das Verdienst, von Willkür und Phantastik befreit zu haben, sie werde den französischen Geist vor den gefährlichen Lockungen und Verführungen einer „wildaufgewachsenen Genialität und zügellosen Phantasie“ bewahren. Die Preßfreiheit in Frankreich gestatte, der Welt zu beweisen, „daß wir im Mutterleibe der deutschen Finsternis stark genug geworden sind, um mit einem Male das Licht der Welt zu erblicken“. Dies sei eine neue Epoche; eine „Fraternisierung der Prinzipien“, die „Einkehr einer ganzen Nation bei der andern“ vollziehe sich.
Auf diese selbstbewußte, pathetisch-feierliche Einleitung folgt ein von Ruge aus wirklichen Briefstellen zu einer „dramatischen Szene“ arrangierter Briefwechsel, der von Marx, Ruge, Feuerbach und Bakunin bestritten wird. Marx schreibt — fingiert — aus Holland unter Gefühlen der Scham über die preußische Schande. „Der Prunkmantel des Liberalismus ist gefallen und der widerwärtigste Despotismus steht in seiner ganzen Nacktheit vor aller Welt Augen. Das ist auch eine Offenbarung, wenngleich eine umgekehrte. Es ist eine Wahrheit, die uns zum wenigsten die Hohlheit unseres Patriotismus, die Unnatur unseres Staatswesens kennen und unser Angesicht verhüllen lehrt. Sie sehen mich lächelnd an und fragen, was ist damit gewonnen? Aus Scham macht man keine Revolution. Ich antworte: die Scham ist schon eine Revolution... wenn eine ganze Nation sich wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich zurückzieht.“ Die Komödie des Despotismus führt notwendig zu einer Revolution, aber „der Staat ist ein zu ernstes Ding, um zu einer Harlekinade gemacht zu werden. Man könnte vielleicht ein Schiff voll Narren eine gute Weile vor dem Winde treiben lassen; aber seinem Schicksal trieb’ es entgegen eben darum, weil die Narren dies nicht glaubten. Dieses Schicksal ist die Revolution, die uns bevorsteht.“
Mit einem Zitat aus Hölderlin als Motto seiner Stimmung tiefster Depression beginnt Ruge seinen Antwortbrief. „Wir werden eine politische Revolution erleben? wir, die Zeitgenossen dieser Deutschen ?“ fragt er kopfschüttelnd. „Mein Freund, Sie glauben, was Sie wünschen ... Es gehört mehr Mut zur Verzweiflung als zur Hoffnung. Aber es ist der Mut der Vernunft, und wir sind auf dem Punkte angekommen, wo wir uns nicht mehr täuschen dürfen.“ Nun setzt er weitschweifig und larmoyant auseinander, wie sich ihm die „despotische Maxime“ der Reaktion und die „unvergängliche Schafsgeduld“ der deutschen Spießer darstellt. „Warum sich nicht über sein Schicksal mit dem Gedanken trösten, es muß so sein, der Mensch ist nicht geboren frei zu sein?“ Marx sage, das Narrenschiff werde seinem Schicksal der Revolution nicht entgehen; aber er setze nicht hinzu, daß diese Revolution nur die Genesung der Narren sei. „Ihr Bild führt nur auf den Gedanken des Unterganges, aber ich gebe Ihnen auch den Untergang nicht zu.“ Und in tiefer Resignation schließt er: „Werfen Sie mir vor, daß ich es nicht besser mache als die andern, fordern Sie mich auf, mit dem neuen Prinzip eine neue Zeit heraufzuführen und ein Schriftsteller zu sein, dem ein freies Jahrhundert folgt, sagen Sie mir jede Bitterkeit, ich bin darauf gefaßt. Unser Volk hat keine Zukunft, was liegt an unserm Ruf?“
Marx antwortet auf „die gute Elegie, den atemversetzenden Grabgesang“, den er ganz und gar unpolitisch findet. „Es ist wahr, die alte Welt gehört dem Philister. Aber wir dürfen ihn nicht wie einen Popanz behandeln, von dem man sich ängstlich wegwendet. Wir müssen ihn vielmehr genau ins Auge fassen.“ Wie sieht dieser Philister aus? „Die Philisterwelt ist die politische Tierwelt... Barbarische Jahrhunderte haben ihn erzeugt und ausgebildet, und nun steht er da als ein konsequentes System, dessen Prinzip die entmenschte Welt ist... Der einzige Gedanke des Despotismus ist die Menschenverachtung, der entmenschte Mensch ... Das Prinzip der Monarchie überhaupt ist der verachtete, der verächtliche, der entmenschte Mensch ... Wo das monarchische Prinzip in der Majorität ist, da sind die Menschen in der Minorität; wo es nicht bezweifelt wird, da gibt es keine Menschen... Der Philister ist das Material der Monarchie und der Monarch immer nur der König der Philister ... Warum soll ein Mann, wie der König von Preußen, nicht lediglich seiner Laune folgen? Solange die Laune an ihrem Platze bleibt, hat sie recht... Ich behaupte, der König von Preußen wird so lange ein Mann seiner Zeit sein, als die verkehrte Welt die wirkliche ist.“ Marx setzt auseinander, wie der König auf seine Art eine Reform versucht habe; „aber die Diener des alten Despotismus machten diesem undeutschen Treiben bald ein Ende“. Auch der Herr aller Hinterrussen sei über die Bewegung in den Köpfen der Vorderrussen unruhig geworden und habe Wiederherstellung des alten ruhigen Zeitalters verlangt. „Dies ist der verunglückte Versuch, den Philisterstaat auf seiner eigenen Basis aufzuheben ... Ein brutales Verhältnis kann nur mit Brutalität aufrecht erhalten werden.“ Das System des Erwerbs und Handels, des Besitzes und der Ausbeutung der Menschen werde mit großer Schnelligkeit zu einem Bruche innerhalb der Gesellschaft führen und das alte System werde ihn nicht zu heilen vermögen. „Von unserer Seite muß die alte Welt vollkommen ans Tageslicht gezogen und die neue positiv ausgebildet werden. Je länger die Ereignisse der denkenden Menschheit Zeit lassen, sich zu besinnen, und der leidenden, sich zu sammeln, um so vollendeter wird das Produkt in die Welt treten, welches die Gegenwart in ihrem Schoße trägt.“
Die Briefe Bakunins und Feuerbachs sind ebenfalls im Sinne der Ermutigung geschrieben. „Es ist nicht die Zeit, die Hände in den Schoß zu legen und feig zu verzweifeln“, ruft Bakunin aus. „Wenn Männer wie Sie nicht mehr an Deutschands Zukunft glauben, nicht mehr an ihr arbeiten wollen, wer wird denn glauben, wer handeln? ... Wir müssen unserm metaphysischen Hochmute, der die Welt nicht warm macht, die Rute geben, wir müssen lernen, wir müssen Tag und Nacht arbeiten, um es dahin zu bringen, wie Menschen mit Menschen zu leben, frei zu sein und frei zu machen — wir müssen — ich komme immer darauf zurück, unsere Zeit mit unseren Gedanken in Besitz nehmen.“ In ähnlichen Tönen ergeht sich Feuerbach. Darauf Ruge an Marx: „Es ist wahr, Polen ist untergegangen, aber noch ist Polen nicht verloren ... Die Jahrbücher sind untergegangen, die Hegelsche Philosophie gehört der Vergangenheit an. Wir wollen hier in Paris ein Organ gründen, in dem wir uns selbst und ganz Deutschland völlig frei und mit unerbittlicher Aufrichtigkeit beurteilen.“
Marx begrüßt in seinem Schlußbriefe den Rugeschen Entschluß zur Tat und skizziert das Programm der Zeitschrift: „Wir wollen nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden. Bisher hatten die Philosophen die Auflösung aller Rätsel in ihrem Pulte liegen, und die dumme exoterische Welt hatte nur das Maul aufzusperren, damit ihr die gebratenen Tauben der absoluten Wissenschaft in den Mund flogen. Die Philosophie hat sich verweltlicht, und der schlagendste Beweis dafür ist, daß das philosophische Bewußtsein selbst in die Qual des Kampfes nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich hineingezogen ist... Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschreien. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will... Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch auf.“ Und zum Schluß, alle Tendenz und Programmatik der Zeitschrift zusammenfassend: „Selbstverständigung der Zeit über ihre Kämpfe und Wünsche.“
Damit war das Banner gehißt. Es flatterte leider nur kurze Zeit. Die Zeitschrift fand wenig Leser. Sie war ein schlechtes Geschäft. Viele Sendungen, die nach Deutschland geschmuggelt werden sollten, wurden abgefangen. Die preußische Regierung machte durch Intervention bei Guizot gegen die Herausgeber mobil. Und die Herausgeber gerieten in Zerwürfnis. Es kam zur Trennung, die sie nach entgegengesetzten Richtungen trieb. Ruge nach rechts, Marx unaufhaltsam nach links. Ruge blieb erbittert gegen die Person seines Widerparts, unfähig, Persönliches vom Sachlichen zu trennen. Marx ließ die Person Ruges links liegen und ging zur wichtigeren Tagesordnung der Sache über.
Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
Zwischen dem Ende der Rheinischen Zeitung und dem Erscheinen der Deutsch-Französischen Jahrbücher lag ein knappes Jahr.
Marx hatte die kurze Spanne Zeit zu intensivster Arbeit an sich selbst benutzt. Und er war in der Entwicklung zum Sozialismus einen Riesenschritt vorwärts gekommen.Er hatte Hegel verarbeitet, Feuerbach weitergebildet, zu den französischen Sozialisten eine eigene Stellung gewonnen. An die Stelle der entthronten Religion hatte er die Geschichte gesetzt. Die verweltlichte Philosophie war unter seinen Händen zur Politik geworden. Sein Weltkreis hatte eine andere Achse erhalten.
Es ist erstaunlich, was Marx noch im Sommer und Herbst 1843 an wissenschaftlicher Literatur konsumiert hat. In seinen Notizbüchern aus diesem Jahre finden sich Unmengen von Exzerpten aus Büchern über die Geschichte Frankreichs (Schmidt, Wachsmuth, Chateaubriand, Lacretelle), Englands (Lienhard, Lappenberg, Russel), Deutschlands (Ranke) und der Vereinigten Staaten, ferner aus Mösers Patriotischen Phantasien, Machiavelli, Rousseau, Montesquieu. Er studierte die Geschichte der politischen Lehrsysteme, die Ökonomen Ricardo und MacCulloch und trug sich sogar mit der Absicht, eine Geschichte des Konvents zu schreiben. In Paris, wo ihm große Bibliotheken zur Verfügung standen, vergrub er sich völlig in das Studium der einschlägigen Literatur. Einen Niederschlag all dieser Arbeiten bildet die Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, die im ersten Heft der Deutsch-Französischen Jahrbücher erschien.
In diesem Artikel zeichnet Marx mit genialem Wurf die Grundrisse seines späteren Gedankengebäudes auf. Mit kühner Faust schreibt er in Flammenschrift die Stichworte des Manifests der proletarischen Befreiung an das Firmament der Zeit.
Von Feuerbach ausgehend, dessen Religionskritik er in ihren Resultaten noch einmal knapp und scharf umrissen zusammenfaßt, setzt er die Geschichte als Angelpunkt der künftigen Orientierung und kommt damit zur Politik.
„Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form. . . . Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.“„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“
„Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volks ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf.“
„Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.“
„Die deutsche Geschichte schmeichelt sich einer Bewegung, welche ihr kein Volk am historischen Himmel weder vorgemacht hat noch nachmachen wird. Wir haben nämlich die Restaurationen der modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen. Wir wurden restauriert, erstens, weil andere Völker eine Revolution wagten, und zweitens, weil andere Völker eine Konterrevolution litten, das eine Mal, weil unsere Herren Furcht hatten und das andere Mal, weil unsere Herren keine Furcht hatten. Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag ihrer Beerdigung.“
„Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Resignation zu gönnen. Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. Man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt.“
„Wie die alten Völker ihre Vorgeschichte in der Imagination erlebten, in der Mythologie, so haben wir Deutsche unsere Nachgeschichte im Gedanken erlebt, in der Philosophie. Wir sind philosophische Zeitgenossen der Gegenwart, ohne ihre historischen Zeitgenossen zu sein. Die deutsche Philosophie ist die ideale Verlängerung der deutschen Geschichte.“
„Was bei den fortgeschrittenen Völkern praktischer Zerfall mit den modernen Staatszuständen ist, das ist in Deutschland, wo diese Zustände selbst noch nicht einmal existieren, zunächst kritischer Zerfall mit der philosophischen Spiegelung dieser Zustände.“
„Die Deutschen haben in der Politik gedacht, was die andren Völker getan haben. Deutschland war ihr theoretisches Gewissen. Die Abstraktion und Überhebung seines Denkens hielt immer gleichen Schritt mit der Einseitigkeit und Untersetztheit ihrer Wirklichkeit.“
„Das deutsche Volk muß daher diese seine Traumgeschichte mit zu seinen bestehenden Zuständen schlagen und nicht nur diese bestehenden Zustände, sondern zugleich ihre abstrakte Fortsetzung der Kritik unterwerfen!“
„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“
„Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, in verächtliches Wesen ist... Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.“
„Nicht die radikale Revolution ist ein utopischer Traum für Deutschland, nicht die allgemein menschliche Emanzipation, sondern vielmehr die teilweise, die nur politische Revolution, welche die Pfeiler des Hauses stehenläßt. Worauf beruht eine teilweise, eine nur politische Revolution? Darauf, daß ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft sich emanzipiert und zur allgemeinen Herrschaft gelangt, darauf, daß eine bestimmte Klasse von ihrer besondern Situation aus die allgemeine Emanzipation der Gesellschaft unternimmt. Diese Klasse befreit die ganze Gesellschaft, aber nur unter der Voraussetzung, daß die ganze Gesellschaft sich in der Situation dieser Klasse befindet.“
„Nur im Namen der allgemeinen Rechte der Gesellschaft kann eine besondere Klasse sich die allgemeine Herrschaft vindizieren. Zur Erstürmung dieser emanzipatorischen Stellung und damit zur politischen Ausbeutung aller Sphären der Gesellschaft im Interesse der eigenen Sphäre reichen revolutionäre Energie und geistiges Selbstgefühl allein nicht aus. Damit die Revolution eines Volkes und die Emanzipation einer besondern Klasse der bürgerlichen Gesellschaft zusammenfallen, damit ein Stand für den Stand der ganzen Gesellschaft gelte, dazu müssen umgekehrt alle Mängel der Gesellschaft in einer andern Klasse konzentriert, dazu muß ein bestimmter Stand der Stand des allgemeinen Anstoßes, die Inkorporation der allgemeinen Schranke sein, dazu muß eine besondere soziale Sphäre für das notorische Verbrechen der ganzen Sozietät gelten, so daß die Befreiung von dieser Sphäre als die allgemeine Selbstbefreiung erscheint. Damit ein Stand par excellence der Stand der Befreiung, dazu muß umgekehrt ein anderer Stand der offenbare Stand der Unterjochung sein.“
„Wo also die positive Möglichkeit der deutschen Emanzipation? Antwort: In der Bildung einer Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besonderes Recht in Anspruch nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf den menschlichen Titel provozieren kann, welche in keinem einseitigen Gegensatz zu den Konsequenzen, sondern in einem allseitigen Gegensatz zu den Voraussetzungen des deutschen Staatswesens steht, einer Sphäre endlich, welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besondrer Stand ist das Proletariat.“
„Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheimnis seines eignen Daseins aus, denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung. Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in ihm als negatives Resultat der Geschichte schon ohne sein Zutun verkörpert ist.“
„Die einzige praktisch mögliche Befreiung Deutschlands ist die Befreiung auf dem Standpunkte der Theorie, welche den Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt ... Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipation des Menschen.“
„Die Philosophie kann nicht verwirklicht werden ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie.“
Der an Hand dieser Zitate skizzierte Gedankengang des Aufsatzes gibt nur sehr unvollkommen die Originalität und Wucht der Ideen, die elementare Kraft der Logik, die Geschlossenheit der Beweiskette und die schöpferische Bildkraft der Sprache wieder, die den ersten revolutionären Anhieb des Verfassers zu einem Meisterwerke machten und die Summe seiner Schlüsse zur genialen Prophetie der proletarischen Revolution erhoben.
Marx selbst hat später den Inhalt des Artikels so präzisiert: „Meine Untersuchung mündete in dem Ergebnis, daß Rechtsverhältnisse wie Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind, noch aus der sogenannten Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln, deren Gesamtheit Hegel, nach dem Vorgange der Engländer und Franzosen des 18. Jahrhunderts, unter dem Namen ‚bürgerliche Gesellschaft‘ zusammenfaßt, daß aber die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft in der politischen Ökonomie zu suchen sei.“
Mit dieser Erkenntnis hatte er den Grund- und Eckstein zum Monumentalbau seiner künftigen Gesellschaftstheorie gelegt.
Die Judenfrage
Ein zweiter Aufsatz von Karl Marx in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern behandelt die Judenfrage. Er geht von einem Artikel aus, den Bruno Bauer in den Deutschen Jahrbüchern zu diesem Thema veröffentlicht und später als selbständige Schrift herausgegeben hatte.
Die Judenfrage war damals aktuell. Man verstand darunter die politische und staatsbürgerliche Befreiung der Juden von den Resten mittelalterlicher Ausnahmegesetzlichkeit. Die Reaktion hatte diese Aufgabe natürlich nicht gelöst, ja — was schlimmer war — sie hatte vereinzelte, unter dem Einfluß der französischen Menschenrechte erfolgte Lösungen wieder rückgängig gemacht. Allein in Preußen gab es nach Mehring achtzehn verschiedene Judengesetze.
Andererseits hatten auch die Juden wenig Neigung bekundet, mit dem geistigen Leben der Nation in engeren Kontakt zu kommen. Der Konservativismus ihrer alttestamentlichen Ideologie ließ sie in einer Zeit aufklärerischer und emanzipatorischer Bewegtheit als Fremdkörper erscheinen. Und soweit sie die politische Aufmerksamkeit auf sich lenkten, wurden ihre namhaftesten Vertreter als Geldgeber von Fürsten und Feudalherren, Steuerpächter, Münzfälscher, Finanzoperateure von dem Odium betroffen, die heimlichen und letzten, aber mächtigen Stützen des Feudalsystems zu sein.
Die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung war auch den Juden günstig. Sie kamen zu ökonomischer Geltung, die im Maße ihres Wachstums dazu drängte, sich in staatsbürgerliche und politische Geltung umzusetzen. Die juristische wie ideologische Sicherung ihrer faktisch bereits errungenen Position bildete den Gegenstand ihres gesteigerten Interesses. Das machte den Inhalt der Judenfrage aus.
Im Chorus der Zeitstimmen rief das Judentum mit wachsender Ungeduld die Kritik der Öffentlichkeit gegen das an ihm verübte Unrecht auf. Es solidarisierte sich mit liberalen und sogar revolutionären Postulaten und engagierte die Geisteswissenschaften mit der Philosophie an der Spitze zur Ausfechtung seines Emanzipationskampfes. Der heftige Ansturm der Junghegelianer gegen Christentum und Religion leitete ihm dabei Wasser auf seine Mühlen.
Wie Feuerbach, so hatte auch Bruno Bauer zur Judenfrage Stellung genommen. Aber weder der eine noch der andere hatte das Problem aus der Verfangenheit im Gewebe theologischer, religionskritischer und philosophischer Begriffsklitterung befreit.
Marx zerriß die Maschen dieses spekulativen Netzwerks, packte die Frage mit sicherem Griff und stellte sie auf den realen Boden ihrer weltlichen Bedingtheit. Die theologische Frage verwandelte er in eine weltliche Frage.
Dann trat er seinem alten Freunde und Gegner mit der herausfordernden Technik eines Fechters, der seiner Sache sicher ist, gegenüber. Sein eigenes geistiges Training, das ihn über den von Bauer vertretenen Standpunkt weit hinausgeführt, zeigte ihm all die Schwächen seines Partners, auf die er zu zielen hatte. Und vom ersten Hieb an war er Sieger.
Wenn die deutschen Juden — so erklärte er — die politische, staatsbürgerliche Emanzipation begehren, so ist darauf zu sagen, daß der Staat, solange er christlich ist, nicht emanzipieren kann, wie der Jude, solange er jüdisch ist, nicht emanzipiert werden kann. „Auf welchen Titel hin begehrt ihr Juden die Emanzipation ? Eurer Religion wegen? Sie ist die Todfeindin der Staatsreligion. Als Staatsbürger? Es gibt in Deutschland keine Staatsbürger. Als Menschen? Ihr seid keine Menschen, so wenig als die, an welche ihr appelliert.“
Nach Bauers Meinung müsse der Jude erst Christ werden und dann mit Hilfe der Hegelschen Philosophie das Christentum überwinden, wenn er frei werden wolle.
Umgekehrt! sagt Marx. Wenn die Existenz der Religion — was schon Feuerbach bewiesen hat — sich aus der Existenz eines Mangels ergibt und die Quelle des Mangels im Wesen dieses Staates zu suchen ist, so ergibt sich die Logik: daß die Juden nicht erst ihre „religiöse Beschränktheit“ aufzuheben haben, um ihre weltliche Schranke aufzuheben, sondern umgekehrt, daß sich ihre religiöse Beschränktheit aufhebt, sobald sie ihre weltliche Schranke aufgehoben haben.Damit wird die Frage vom Verhältnis der politischen Emanzipation zur Religion zur Frage des Verhältnisses der politischen Emanzipation zur menschlichen Emanzipation.
Der moderne bürgerliche Staat stellt Resultat und Gefäß der politischen Emanzipation dar. Indem man Staatsbürger ist, braucht man nicht aufzuhören, Christ, Jude, überhaupt religiöser Mensch zu sein. Als Staatsbürger ist man Gattungsmensch, als Christ oder Jude hingegen Privatmensch. Der Staat „kann sich von einer Schranke befreien, ohne daß der Mensch wirklich frei von ihr wäre; der Staat kann ein Freistaat sein, ohne daß der Mensch ein freier Mensch wäre“.
Zur Religionsfrage — führt Marx, seine Beweisführung illustrierend, weiter aus — gibt es ein Analogon in der Eigentumsfrage. Der Staat hebe politisch das Privateigentum auf, wenn er den Zensus als Voraussetzung für das Wahlrecht aufhebt. Er hebt den Unterschied der Geburt, des Standes, der Bildung, der Beschäftigung in seiner Weise auf, wenn er Geburt, Stand, Bildung usw. für unpolitische Unterschiede erklärt, indem er ohne Rücksicht auf diese Unterschiede jedes Glied des Volkes zum gleichmäßigen Teilnehmer der Volkssouveränität ausruft. Dabei bleiben Eigentum, Bildung, Stand, Geburt usw. als faktische Unterschiede des privaten Menschen vollauf bestehen. Ja der Staat „existiert überhaupt erst unter ihrer Voraussetzung und machte seine Allgemeinheit geltend nur im Gegensatze zu diesen seinen Elementen“.
Der Mensch führt also ein Doppelleben: eins als politisches Gattungswesen im Staat und eins als menschliches Privatwesen in der bürgerlichen Gesellschaft. „Der Konflikt, in welchem sich der Mensch als Bekenner einer besonderen Religion mit seinem Staatsbürgertum, mit den anderen Menschen als Gliedern des Gemeinwesens befindet, reduziert sich auf die weltliche Spaltung zwischen dem politischen Staat und der bürgerlichen Gesellschaft.“ Er ist also das Ergebnis des Widerspruchs zwischen dem Staat und seinen Voraussetzungen oder — noch einfacher gesagt — des Widerspruchs zwischen Allgemeininteresse und Privatinteresse. Im bürgerlichen Staat ist dieser Widerspruch unbeschränkbar; die Judenfrage als Ausdruck dieses Widerspruchs findet also in ihm keine Lösung. „Wenn ihr Juden politisch emanzipiert werden wollt, ohne euch selbst menschlich zu emanzipieren, so liegt die Halbheit und der Widerspruch nicht nur in euch, sie liegt in dem Wesen und der Kategorie der politischen Emanzipation. Wenn ihr in dieser Kategorie befangen seid, so teilt ihr eine allgemeine Befangenheit. Wie der Staat evangelisiert, wenn er, obschon Staat, sich christlich zu den Juden verhält, so politisiert der Jude, wenn er, obschon Jude, Staatsbürgerrechte verlangt.“
Wie aber müßte die menschliche Emanzipation beschaffen sein ?
Nun — wenn die politische Revolution das bürgerliche Leben in seine Bestandteile aufgelöst hat, ohne sie zu revolutionieren, der egoistische Mensch also das passive, unrevolutionierte Resultat dieses Auflösungsprozesses, ein Bestandteil der aufgelösten Gesellschaft ist, so wird die menschliche Emanzipation oder soziale Revolution sich charakterisieren als „Zurückführung der menschlichen Welt, der Verhältnisse, auf den Menschen selbst“.
„Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine forces propres als gesellschaftliche Kräfte anerkennt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.“
Die grandiose Schlußerkenntnis lautet also: Der Mensch ist des Menschen höchstes Wesen und hat als solches — individueller Mensch und Gattungsmensch in Einem — den Thron der Menschheitsgeschichte zu besteigen.
Die Götter sind gestürzt. Ihre Existenz ist als menschliche Kompensation des Mangels und der Schwäche entlarvt. In den Ideen spiegelt sich nur die Angst der Seele.
Aber auch die Materie vermag von sich aus nichts. Sie bedarf des Menschen als des Vollstreckers ihrer dynamischen Gesetzlichkeit, die sich als Notwendigkeit der Interessen auswirkt.
Die politische Revolution hat den Menschen gespalten in den Gattungsmenschen, der ein abstraktes Dasein führt, und den Privatmenschen, der seinem Egoismus frönt.
Der Gattungsmensch gehört dem Staate, der nicht die Verwirklichung der sittlichen Idee, die Manifestation des absolut Vernünftigen ist — wie Hegel meinte — sondern nur der Rahmen für das anarchische Gegeneinander der Individualitäten, den Interessenkampf der Individuen. Der Privatmensch gehört der bürgerlichen Gesellschaft an, die ihn seine scheinbare Freiheit und Unabhängigkeit damit bezahlen läßt, daß er außerstande ist, menschlicher Mensch zu sein.
Die Menschheit wird ihren emanzipatorischen Aufstieg erfolgreich nur dann fortsetzen können, wenn es ihr gelingt, jeden einzelnen willens und fähig zu machen, seinen subjektiven Lebensplan in Einklang zu bringen mit dem objektiven Entwicklungsplane der Gesellschaft, wenn der Privatmensch restlos untertaucht in den Gattungsmenschen.
Nur der objektiv vergesellschaftete und subjektiv vergemeinschaftete Mensch wird die menschliche Emanzipation vollbringen können und damit Herr seines historischen Schicksals werden.
Friedrich Engels
Im September 1844 hatte Marx in Paris eine für sein ganzes Leben entscheidungsvolle Begegnung.
Er machte die persönliche Bekanntschaft des Mannes, dessen Wirken und Leben von diesem Tage an unlösbar mit dem seinen verbunden bleiben sollte, so unlösbar, daß in Zukunft der Name des einen nicht mehr ohne den des andern genannt werden konnte.
Dieser Mann, der auf der Reise von Manchester nach Barmen für zehn Tage Paris berührte, hier Bakunin kennenlernte und Marx aufsuchte, war Friedrich Engels.
Beide hatten schon im Briefwechsel gestanden, sich auch einmal ganz flüchtig gesehen, als Marx noch Redakteur der Rheinischen Zeitung war. Engels hatte für das Blatt einige Beiträge geliefert. Später hatte er von England aus für die Deutsch-Französischen Jahrbücher zwei Aufsätze beigesteuert: Die Lage Englands und Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie. Jetzt, zum ersten Male, standen sich Marx und Engels von Angesicht zu Angesicht gegenüber.
Friedrich Engels war am 28. November 1820 in Barmen geboren. Sein Vater war ein wohlhabender Textilfabrikant, Mitinhaber der großen Firma Ermen & Engels, die auch in Manchester eine sehr einträgliche Baumwollspinnerei besaß. Seine Mutter, eine gebildete Frau, stammte aus der Familie des Gymnasialrektors in Hamm. Er war der älteste von acht Geschwistern, wuchs in einem wohlversorgten, von ernsten Lebensgrundsätzen beherrschten Bürgerhaushalte heran, der geistiges Niveau hatte, aber stark unter dem Banne eines calvinistisch-nüchternen Pietismus stand. Außerhalb der Familie bildeten Manufakturen und Arbeiterhütten, Proletarierelend in aller Gestalt, Alkoholismus, Kinderausbeutung das Milieu seiner frühen Kinderjahre und der Inhalt seiner ersten Kindheitseindrücke.
Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahre besuchte Friedrich Engels die Realschule in Barmen, später das Gymnasium in Elberfeld. Er erwarb sich besonders in Naturwissenschaften gute Kenntnisse, zeichnete sich aber vor allem durch außerordentliche Sprachbegabung aus. Seine Charakterentwicklung beobachtete der Vater mit einiger Sorge, denn es bildete sich bei dem Sohne mit den Jahren eine zwar nicht aggressive oder gar gehässige, so doch sachlich sehr entschiedene Protesthaltung gegenüber der muckerischen Stubenluft seiner Kinderjahre und gegenüber allem orthodox und konservativ gerichteten Dogmatismus heraus. Mit achtzehn Jahren verließ er das Wuppertal und ging nach Bremen, um als Kaufmannslehrling in das Haus eines väterlichen Geschäftsfreundes einzutreten. Sein Lesehunger und Wissensdrang durchstöberten die ganze Literatur. Eines Tages fiel ihm das Leben Jesu von David Friedrich Strauß in die Hände, und sofort stand er vor dem Bruche mit der Orthodoxie. Obwohl er von starken religiösen Kämpfen geschüttelt wurde, ging er doch den Konsequenzen seiner neugewonnenen Erkenntnisse nach. Dadurch kam er zu Hegel, der für ihn zu einer Offenbarung wurde. „Die ungeheuren Gedanken“ packten ihn, wie er an Freunde schrieb, „auf eine furchtbare Weise.“
Zugleich entdeckte der junge Engels die Existenz des Jungen Deutschland, dessen kecke Respektlosigkeit und burschikose Draufgängerei ihn in Begeisterung versetzten. Sein an solche Töne nicht gewöhntes Pietistenohr lauschte voller Wonne; er „konnte nachts nicht schlafen vor lauter Ideen des Jahrhunderts“. Ein weiterer Schritt vorwärts war Börne, dessen Pariser Briefe ihn mit der politischen Gedankenwelt des westeuropäischen Radikalismus vertraut machten. Er suchte persönliche Verbindung mit den führenden Geistern des Jungen Deutschland, bereiste nach Abschluß seiner Bremer Lehrzeit die Schweiz und Italien und trat, als er sich zur Abdienung seines Militärjahres nach Berlin gegeben hatte, in den Kreis der Junghegelianer ein. Als Dr. Oswald verkehrte er im Doktorklub, der in Berlin noch immer die einzige Oase der vormärzlichen Geisteswüste bildete, und half in der Gemeinschaft der Stürmer und Kraftgenies in radikaler Progammlosigkeit die Welträtsel lösen. Daneben hörte er Vorlesungen an der Universität, die damals eben in ihre reaktionäre Phase einlenkte.
Hier bereitete ihm der alternde, von der Reaktion nach Berlin berufene Schelling, der Vorlesungen über die Philosophie der Offenbarung angekündigt hatte, in seiner Antrittsvorlesung durch „Schmähungen auf den Grabstein Hegels“ die heftigsten Enttäuschungen. Engels entschloß sich, um seinem empörten Herzen Luft zu machen, zu einem resoluten Schritte. Er schrieb eine geharnischte Streitschrift Schelling und die Offenbarung. Kritik des neuesten Reaktionsversuchs gegen die freie Philosophie und gab sie ohne Namensnennung heraus. Sie hatte so großen Erfolg, daß man sogar Bakunin die Verfasserschaft zuschrieb. Von nun an gehörte Engels, versehen mit allen philosophischen und literarischen Weihen, neben Bruno und Edgar Bauer, Köppen und Buhl, Stirner und Meyen, Rutenberg und Jung zur Schar der Kämpen, die sich kampflustig um Ruge und die Jahrbücher, Marx und die Rheinische Zeitung drängten. Als Engels nach Ablauf des Berliner Dienstjahres über Köln nach Barmen reiste, traf er dort Moses Heß, der ihn auf die politischen Konsequenzen der Hegelschen Philosophie hinwies und zum ersten Male mit den Gedankengängen des französischen Sozialismus bekannt machte. In einem Briefe aus dem Jahre 1843 schreibt Heß: „Im vorigen Jahre, als ich im Begriffe war, nach Paris zu reisen, kam Engels von Berlin durch; wir sprachen über die Zeitfragen, und er, ein anno I-Revolutionär, schied von mir als allereifrigster Kommunist. So richte ich Verwüstungen an.“ Ende 1842 ging Engels nach England.
Im Musterlande des Kapitalismus fesselte seinen Blick in erster Linie die ökonomische Entwicklung und der Komplex der volkswirtschaftlichen Fragen. Aber auch der Chartistenbewegung, jener ersten großen politischen Massenbewegung, die seit 1837 in England eingesetzt und ihren Höhepunkt 1842 in imposanten Massenstreiks und opferreichen Kämpfen gefunden hatte, widmete er seine Aufmerksamkeit. Er lernte ihren großen Führer O’Connor kennen, dessen gewaltige Beredsamkeit der schon absterbenden Bewegung immer wieder neues Leben einzuhauchen wußte, und unterstützte den „Nordstern“, das Zentralorgan der Chartisten, durch Beiträge. Weiter wurde er in die Wogen der von Cobden entfesselten Anti-Korn-Zollbewegung hineingerissen. Und schließlich hatte er das Glück, die Bekanntschaft der ehrwürdigen Gestalt Robert Owens zu machen, der sein ganzes Leben der Idee seines utopischen Sozialismus gewidmet hatte. Er nahm an den von Tausenden besuchten allsonntäglichen Veranstaltungen in der von Owens Anhängern errichteten Manchester Hall of Science oft teil, ohne sich jedoch der Bewegung, die er sofort als primitiv, utopisch und überholt erkannte, aktiv anzuschließen. Dagegen schrieb er für Owens Zeitung New Moral World einen Aufsatz über den Fortschritt der sozialen Reform auf dem Kontinent.
Die wichtigste und folgenreichste Beziehung jedoch die Engels im Jahre 1843 einging, war die zum Kommunistischen Arbeiter-Bildungs-Verein, der von Pariser Flüchtlingen 1840 in London gegründet worden war und an dessen Spitze Schapper, Moll und Bauer standen, „drei wirkliche Männer“. „Ich war in Manchester“, schreibt Engels, „mit der Nase darauf gestoßen worden, daß die ökonomischen Tatsachen, die in der bisherigen Geschichtschreibung gar keine oder nur eine verachtete Rolle spielen, wenigstens in der modernen Welt eine entscheidende geschichtliche Macht sind; daß sie die Grundlage bilden für die Entstehung der heutigen Klassengegensätze in den Ländern, wo sie vermöge der großen Industrie sich voll entwickelt haben, also namentlich in England, wieder die Grundlage der politischen Parteibildung, der Parteikämpfe und damit der gesamten politischen Geschichte sind. Marx war nicht nur zu derselben Ansicht gekommen, sondern hatte sie auch schon in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern dahin verallgemeinert, daß überhaupt nicht der Staat die bürgerliche Gesellschaft, sondern die bürgerliche Gesellschaft den Staat bedingt und regelt, daß also die Politik und ihre Geschichte aus den ökonomischen Verhältnissen und ihrer Entwicklung zu erklären ist, nicht umgekehrt. Als ich Marx im Sommer 1844 in Paris besuchte, stellte sich unsere vollständige Übereinstimmung auf allen theoretischen Gebieten heraus, und von da an datiert unsere gemeinsame Arbeit.“
Einen ersten Niederschlag der in England gemachten Studien und Beobachtungen bilden die von Marx als „geniale Skizze“ bezeichneten Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, die in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern erschienen waren. In dieser Arbeit züngeln in der Tat gleich flackernden Flämmchen, genährt am Material der englischen Industrialität, dieselben Gedanken empor, die Marx in der Retorte seiner Intellektualität aus der analytischen Betrachtung der Französischen Revolution und dem kritischen Studium der Gedankenwelt des französischen Sozialismus gewonnen hatte.
Unabhängig voneinander hatten auf ganz verschiedenen Feldern zwei rührige Hände sich tastend und suchend nach dem Morgenwinde der Zukunft ausgestreckt.Dabei hatten sie sich gegenseitig gefunden und waren eins geworden.
Paris
Bot England den wißbegierigen Blicken Engels eine einzigartige und überwältigende Fülle ökonomischer und kommerzieller Tatsachen, die zu politischer Auswertung drängten, so fand Marx in Paris neben der interessanten Vergangenheit eine nicht weniger interessante politische Gegenwart vor, die revolutionär ausgelöst sein wollte.
Die Julirevolution hatte das Bürgerkönigtum auf den Thron gehoben. Seitdem genoß das Kapital die volle Freiheit der Initiative, der Entfaltung seiner Triebkräfte und Instinkte, der Expansion, der schrankenlosen Ausbeutung. „Bereichert euch!“ hatte Guizot den Bankiers, Börsenjobbern, Eisenbahnkönigen, Bergwerksbesitzern, Staatslieferanten und Finanzaristokraten zugerufen. Und es hatte keiner weiteren Worte der Ermunterung bedurft, um alle Methoden der Plünderung, der Bestechung, des Raubes ins Gigantische zu entfalten.
Aber während die Börse Geld schüttete, die Unternehmungen Riesengewinne abwarfen, die Gründungen Millionäre aus der Erde stampften, versanken die Massen in Abgründen des Elends und der Verzweiflung.
Das Gebot ihrer Erhaltung und ein Rest ihrer Tradition trieben sie — wollten sie nicht ganz in Hoffnungslosigkeit versinken — zum Zusammenschluß, der unter dem Drucke des polizeilichen und gesetzlichen Terrors nur geheim sein konnte.
So waren große Geheimorganisationen nacheinander entstanden und hatten ihr unsichtbares Netz über das Land geworfen. In Paris war der Knotenpunkt. Bernard, Barbes und Blanqui allen voran hatten die Führung. In den Volksfreunden, den Menschenrechten, den Vereinigungen der Familien und der Jahreszeiten lebte die Opposition, wühlte der Republikanismus, wurde die Revolution vorbereitet und die proletarische Diktatur erörtert. In Putschen, Komplotten und Aufständen entlud sich von Zeit zu Zeit die aufgespeicherte, gereizte und erhitzte Energie.
Das in die Untergründe der revolutionären Bewegung eingesprengte deutsche Element — Intellektuelle, Kleinbürger, Arbeiter, Handwerksburschen — fand seinen Unterschlupf vorwiegend in dem seit 1834 bestehenden Bund der Geächteten, der auch eine kleine Zeitung Der Geächtete erscheinen ließ. War dieser Bund noch keineswegs frei von utopistischen Gedankengängen und Spekulationen, so hatte er doch bereits theoretisch herausgearbeitet: den Begriff des Klassenkampfes, der Konzentration des Kapitals, der stetig zunehmenden Proletarisierung, der sozialen Revolution (neben der politischen) und die Theorie der Nationalwerkstätten. Seiner taktischen Orientierung nach lehnte er die Anwendung von Gewalt ab. 1836 ging aus dem Bund der Geächteten der Bund der Gerechten hervor. Die Leitung des ersteren lag in den Händen der ehemaligen Privatdozenten Schuster aus Göttingen und Venedey aus Heidelberg. Unter den führenden Köpfen des letzteren taten sich der ehemalige Forststudent Schapper aus Nassau, der Schuhmacher Bauer aus Franken und der Schneider Wilhelm Weitling aus Magdeburg hervor. „Die Zwecke waren die der gleichzeitigen Pariser geheimen Gesellschaften: halb Propagandaverein, halb Verschwörung, wobei jedoch Paris immer als Mittelpunkt der revolutionären Aktion galt, obgleich die Vorbereitung gelegentlicher Putsche in Deutschland keineswegs ausgeschlossen war. Da aber Paris das entscheidende Schlachtfeld blieb, war der Bund damals tatsächlich nicht viel mehr als der deutsche Zweig der französischen geheimen Gesellschaften, namentlich der von Blanqui und Barbes geleiteten Societé des saisons, mit der enger Zusammenhang bestand. Die Franzosen schlugen am 13. Mai 1839 los; die Sektionen des Bundes marschierten mit und wurden so in die gemeinsame Niederlage verwickelt.“ Der mißglückte Putsch führte den Zusammenbruch des Bundes herbei. Schapper und Bauer, die an dem Handstreich beteiligt gewesen waren und längere Zeit in Haft gesessen hatten, mußten Frankreich verlassen und übersiedelten nach London, wohin sie auch die Zentrale des Bundes der Gerechten verlegten. Marx nahm mit den in Paris verbliebenen Mitgliedern des Bundes Fühlung; sie machten auf ihn und Engels einen „imponierenden Eindruck“, der bewirkte, daß beide den Bund nicht wieder aus dem Auge ließen.
Paris war um die Zeit, da Marx dort lebte, ein großer Schmelztiegel voller sozialistischer und revolutionärer Ideen. Da gab es Reste des Saint-Simonismus, Trümmer der von Considerant fortgeführten Phalanx-Bewegung Fouriers, christlichen Sozialismus nach Lamennais, kleinbürgerlichen Sozialismus in den Spielarten der Auffassungen von Sismondi, Buret, Pecqueur, Leroux, Vidal u. a. Zu Anfang der vierziger Jahre war Etienne Cabet in Paris wieder aufgetaucht, der in England die Utopie des Thomas Morus und die praktische Wirksamkeit von Robert Owen kennengelernt hatte. Aus der Fülle seiner Eindrücke und Erlebnisse hatte er seinen utopischen Roman Reise nach Ikarien geschrieben, der gewaltiges Aufsehen erregte und eine große Propaganda für den utopischen Sozialismus eröffnete. Cabet gab ein kommunistisches Glaubensbekenntnis heraus, das besonders unter den Arbeitern riesige Verbreitung fand. Sein ikarischer Almanach wurde 1843 in 8000, 1844 in 10000 Exemplaren verteilt. Sein Blatt Populaire und seine zahlreichen Flugschriften erfaßten einen stetig sich erweiternden Leserkreis. Aber auch Dezamy, der 1842 sein Gesetzbuch der Gütergemeinschaft erscheinen ließ und darin unter Polemik gegen Fourier, Lamennais und Cabet für eine Reinigung des Sozialismus von religiöser Beimengung eiferte, fand seine Anhängerschaft.
Eine fast ganz in kleinbürgerlicher Sozialpolitik aufgehende Bewegung knüpfte sich an die Namen Louis Blanc, Ledru-Rollin und Flocon. Für sie waren Organisation der Arbeit und Recht auf Arbeit die Angelpunkte ihres Systems, das in dem 1842 erschienenen Werke Louis Blancs Organisation der Arbeit niedergelegt war.
Eine dominierende Farbe im Kaleidoskop der sozialistischen Ideen hatte seit 1840 vor allem J. P. Proudhon, ein gebildeter Schriftsetzer aus Besançon, der durch seine aufsehenerregende Schrift Was ist das Eigentum? rasch zum Mittelpunkte des Interesses wissenschaftlicher und politischer Kreise geworden war. Marx schätzte ihn sehr hoch, denn er sah in ihm die Verkörperung seiner eigenen spekulativen Denkergebnisse. Noch später, als ihre Wege sich trennten, nannte er das Werk Proudhons „epochemachend durch die neue und kecke Art, alles zu sagen“ und war entzückt von seiner „starken Muskulatur des Stils“. Während seines Pariser Aufenthalts nahm Marx gern die Gelegenheit wahr, Proudhon mit der Hegelschen Philosophie und dem Prozesse ihrer kritischen Überwindung bekannt zu machen. „Während langer, oft übernächtiger Debatten“, schreibt Marx, „infizierte ich ihn zu seinem großen Schaden mit Hegelianismus, den er doch bei seiner Unkenntnis der deutschen Sprache nicht ordentlich studieren konnte...“
Endete diese Verbindung mit einem unvermeidlichen Bruche, so hinterließ die Begegnung zwischen Marx und Heinrich Heine auf beiden Seiten die stärksten Gefühle der Wertschätzung und Freundschaft. Heine, dessen Name allein genügte, um die von ihm mit wahrer Wollust gezüchtigte und gebrandmarkte preußische Reaktion in Schrecken und Aufruhr zu versetzen, war schon um dessentwillen für Marx der richtige Mann zu einem Bündnis der Seelen. Dazu kam, daß sich Heine erst ein Jahr vorher mit seiner Einsicht wie mit seinen Sympathien rückhaltlos auf die Seite des Kommunismus gestellt hatte. „Die Kommunisten“, so hatte er am 15. Juni 1843 geschrieben, „sind die einzige Partei in Frankreich, die eine entschlossene Beachtung verdient. Ich würde für die Trümmer des Saint-Simonismus, dessen Bekenner unter seltsamen Aushängeschildern noch immer am Leben sind, sowie auch für die Fourieristen, die noch frisch und rührig wirken, dieselbe Aufmerksamkeit beanspruchen, aber diese ehrenwerten Männer bewegt doch nur das Wort, die soziale Frage als Frage, der überlieferte Begriff, und sie werden nicht getrieben von dämonischer Notwendigkeit, sie sind nicht die prädestinierten Knechte, womit der höchste Weltwille seine ungeheuren Beschlüsse durchsetzt. Früh oder spät wird die zerstreute Familie Saint-Simons und der ganze Generalstab der Fourieristen zu dem wachsenden Heere des Kommunismus übergehen und, dem rohen Bedürfnis das gestaltende Wort verleihend, gleichsam die Rolle der Kirchenväter übernehmen.“ Es war also das innere Verbundensein in der gemeinsamen Idee, das ihre äußere Annäherung herbeiführte und ihre spätere Verbindung trug. Was sie beiderseitig, als Philosoph oder Dichter, hinzugaben an Achtung vor dem Werke des andern, konnte nur den Bund befestigen und besiegeln. Marx legte Heine nahe, an Stelle der kleinen Liebesnöte des Herzens einmal die großen Leidensnöte der Unterdrückten zum Gegenstande seiner Dichtung zu wählen, die lyrische Flöte immer mehr mit der satirischen Peitsche zu vertauschen. Und er sah sich geehrt und belohnt durch den unerschrockenen Eifer, mit dem Heine künftig über Reaktion, Muckertum und Philisterei seine satirische Peitsche schwang.
Die gemeinsame Rolle des Kämpfers verband sie aber auch zu dem gemeinsamen Ungemach der Verfolgung, der sie ausgesetzt waren. Hatte sich Marx in Köln den ewigen Bespitzelungen und dunklen Machenschaften, die hinter seinem Rücken spielten, durch die Abreise entzogen, so tauchten jetzt in Paris wiederum Leute in seiner Umgebung auf, deren Existenz und Beziehungen zunächst undurchsichtig waren. Fürs erste berichtete der deutsche Gesandte in Paris, von Arnim, an seine Berliner Regierung, Heine habe in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern „niedrige und skandalöse“ Lobgesänge auf König Ludwig von Bayern veröffentlicht und Marx setze sich in einem Artikel über die Hegelsche Rechtsphilosophie für eine tätliche Revolution in Deutschland ein. Sofort verfügte der preußische Polizeiminister, daß Marx Heine und Bernays, der in den Jahrbüchern das Schlußprotokoll der Wiener Ministerialkonferenz von 1834 veröffentlicht hatte, im Falle ihrer Rückkehr nach Deutschland sofort wegen Hochverrats und Majestätsbeleidigung zu verhaften seien. Weiter gab es da in Paris einen gewissen Börnstein, einen früheren Schauspieler, der sich als Theater- und Inseratenagent durchschlug und mit Hilfe der Finanzkraft des königlich preußischen Musikdirektors Meyerbeer wie mit Hilfe der Tatkraft des königlich preußischen Lockspitzels Bornstedt eine kleine deutsche Zeitung, den Vorwärts, gegründet hatte. Das Blatt machte erst eine patriotische Phase durch, in der es aber auf keinen grünen Zweig kam. Da wechselte es die Redaktion, ging zu radikalster Tonart über und warb um die Mitarbeit von Heine und Marx. Heine, der seiner Mutter in Hamburg einen kurzen Besuch machte, schrieb darüber an Marx: „Man vermutet bei mir größere Teilnahme am ‚Vorwärts‘, als ich mich deren rühmen kann, und ehrlich gestanden, das Blatt beurkundet die größte Meisterschaft im Aufreizen und Kompromittieren. Was soll das geben! Wenn nur keine Perfidien in Paris ausgesponnen werden!“ Marx stellte dem Blatt einige Artikel zur Verfügung, Heine veröffentlichte in ihm u. a. zuerst die schaurigen Strophen des Weberliedes und Bernays als Redakteur, ein junger Brausekopf, ließ es beim Servieren der kräftigen Kost außerdem an Pfeffer und Salz nicht fehlen. Damit war für die Spitzelväter in der preußischen Regierung der Anlaß gegeben, endlich „wegen der steigenden Frechheit und Gemeinheit“ der fortgesetzt aus Paris kommenden Angriffe bei der französischen Regierung vorstellig zu werden. Guizot hatte wenig Lust, sich die Finger zu verbrennen, denn er wußte, daß die geforderte Unterdrückung des Blattes und Ausweisung von Marx und Heine aus Frankreich einen öffentlichen Skandal geben würde. In dem Hin und Her der Treibereien und Verhandlungen spielte Arnold Ruge, der sich inzwischen mit Marx verfeindet hatte, eine höchst merkwürdige Rolle. Ruge war der „Preuße“, gegen den Marx seinen ersten entschieden kommunistischen Artikel im Vorwärts schrieb. Das Ende vom Liede war, daß sich Guizot — durch keinen Geringeren als Alexander von Humboldt — schließlich doch bestimmen ließ, gegen den Vorwärts einzuschreiten. Bernays wurde zu zwei Monaten Gefängnis und dreihundert Franken Geldstrafe verurteilt und am 11. Januar 1845 wurden Marx, Ruge, Bakunin, Börnstein und Bernays des Landes verwiesen. Börnstein und Ruge gelang es, durch ihre Beziehungen die Ausweisung rückgängig machen zu lassen. Heine blieb verschont, weil man von einem Einschreiten gegen ihn ein zu mißliebiges Aufsehen befürchtete. Marx übersiedelte nach Brüssel.
Kaum mehr als ein Jahr war Paris für Marx die gastliche Stätte gewesen. Wenn auch mit schmerzlichen Gefühlen, so konnte er es doch in der tröstlichen und beruhigenden Gewißheit verlassen, daß es ihm zugleich eine hohe Schule der Einsicht und Reife, der Erfahrung und kämpferischen Schulung gewesen war. Von Paris an datiert seine sozialistische Epoche.
Die Heilige Familie
Bei der Begegnung zwischen Marx und Engels in Paris hatte die Frage, wie die Kritik an der Hegelschen Philosophie am konsequentesten und fruchtbarsten politisch weiterzuführen sei, im Vordergrunde der Diskussion gestanden.
Dabei war der Gedanke aufgetaucht, die ins Absurde auslaufende Überspitzung des spekulativen Idealismus, wie sie besonders von den Brüdern Bauer getrieben wurde, einmal rücksichtslos unter das Messer der Kritik zu nehmen.
Die frühere Freundschaft zwischen Marx und Bruno Bauer war in die Brüche gegangen, seit Marx von der Rheinischen Zeitung aus den Berliner Freien eine unzweideutige Absage erteilt hatte. Und der persönliche Groll hatte sich in immer stärkeren sachlichen Meinungsverschiedenheiten ausgewirkt. Bruno Bauer war verärgert über die Entwicklung, die Marx einschlug, ohne seiner Gönnerschaft und seines freundschaftlichen Beistandes zu bedürfen. Mit scheelen Augen verfolgte er die Arbeiten der „Klugen von 1842“ und die politische Hinterlassenschaft der „Rheinischen Zeitung seligen Angedenkens“. Von dem Angebot einer Mitarbeit an den Deutsch-Französischen Jahrbüchern hatte er keinen Gebrauch gemacht. Dafür hatte er sich, gemeinsam mit seinem Bruder Edgar, in der Allgemeinen Literatur-Zeitung ein Organ geschaffen, das „den Liberalismus und Radikalismus des Jahres 1842 und deren Nachklang in ihrer Halbheit und Phrasenhaftigkeit darlegen“ sollte. Die „anmaßende, boshafte, kleinliche, neidische“ politische Kritik der Rheinischen Zeitung, so kündigte er an, sollte durch „freie menschliche Kritik“ ersetzt werden. Und die positive Leistung des Blattes sollte darin bestehen, anstatt die Wendung zum Sozialismus mitzumachen, was nur eine hilflose Geste philosophischer Ratlosigkeit sei, die Rückkehr zur reinen philosophischen Theorie, zur „Idee des unendlichen Selbstbewußtseins“ herbeizuführen.
Marx und Engels nahmen die deutliche Kampfansage auf und kehrten kurzerhand den Spieß um. Ehe der Gegner zum Stoß ausholen konnte, sollte er gepackt und in den Sand geworfen sein. Sie waren dazu die richtigen Ringkämpfer und Geistesakrobaten, voll Kraft, Courage, Schulung und Kampfeslust — jetzt, zu zweit, beinahe voll Übermut. Aus der gleichen philosophischen Vergangenheit und der gleichen Begeisterung für Feuerbach hatten sie die Grundlage ihrer geistigen Verfassung gewonnen; dann waren beide vom philosophischen Radikalismus zur Politik übergegangen, unabhängig voneinander und doch beide mit der gleichen Konsequenz und Selbstverständlichkeit. Nun fühlten sie sich beide verbunden durch das gleiche lebendige Interesse für das Problem des Sozialismus und Kommunismus wie durch das gleiche Gefühl der Verantwortung gegenüber den Aufgaben der Zeit. Jetzt galt es, alles abzuschütteln, was an Resten und Eierschalen aus früheren Phasen der Entwicklung noch an ihnen hing, alles fortzuräumen, was ihnen den Weg versperrte, den Kurs verwirrte und das Ziel verdunkelte. Ganz klare Bahn sollte eingeschlagen werden.Aus Anlaß eines Artikels von Ruge über den schlesischen Weberaufstand 1844 hatte sich Marx im Vorwärts mit Ruge auseinandergesetzt und war dabei einen großen und bedeutsamen Schritt weitergekommen. Indem Marx den Staatssozialismus ablehnte und den Staat als „Einrichtung der Gesellschaft“ deklarierte, kam er zur Überordnung der Gesellschaft über den Staat. Daraus ergab sich bei Ablehnung des utopischen Sozialismus, der ohne Revolution das Ziel zu erreichen glaubte, die Definition der Revolution als eines sozialen Phänomens, sofern sie die alte Gesellschaft auflöst, und eines politischen, sofern sie die alte Staatsgewalt stürzt. Die Logik dieser Einsicht führte folgerichtig zur Überordnung des Sozialismus über die Politik, zur Reduzierung der Politik als eines Mittels zur Verwirklichung des Sozialismus. Damit war die Linie von der radikalen Philosophie zur Politik über diese hinaus konsequent zu Ende geführt. Das freimütige Bekenntnis Marxens zum Sozialismus in seinem Artikel bildete die folgerichtige Gipfelung seines bisherigen Bekenntnisses zur Politik.
Angesichts dieser von Erkenntnis zu Erkenntnis schnellenden Entwicklung mußte die hochmütige Rückständigkeit Bauers, die immer noch mit der alten Kathederweisheit krebsen ging, die kritische Rauflust Marxens um so heftiger reizen. Engels, dem die Fechterklinge ohnehin locker saß und keine Paukerei wüst genug zugehen konnte, war mit Vergnügen bei dem Plane. Er setzte sich noch in Paris hin und schrieb, was er zu sagen hatte, ein- bis eineinhalb Druckbogen lang nieder. Das übrige besorgte Marx, und er besorgte es so gründlich, daß ein Band von zweiundzwanzig Bogen entstand. Vielleicht hat er den Stoff absichtlich so lang gestreckt, weil Bücher über zwanzig Bogen Umfang zensurfrei waren; vielleicht ist der Band gegen Marxens Willen so dickleibig geworden, weil Marx, im Genuß der Gelegenheit, einmal alles vom Herzen herunterschreiben zu können, keine Grenzen sah und kein Ende fand.
Engels erschrak, als er den dicken, bei Rütten & Löning in Frankfurt am Main erschienenen Wälzer zu Gesicht bekam. Noch mehr, als er sah, daß er, der so geringen Anteil an der Abfassung seines Inhalts hatte, an erster Stelle als Verfasser genannt war. Am meisten jedoch erschrak er über den Titel. Marx hatte das Buch Kritik der kritischen Kritik nennen wollen, aber der Verleger hatte den „schlagenderen, epigrammatischeren“ Titel Die Heilige Familie empfohlen. Als Untertitel war geblieben: Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten. „Der neue Titel“, schrieb Engels an Marx, „wird mich wohl in Familienhäkeleien mit meinem frommen, ohnehin jetzt höchst gereizten Alten bringen, das konntest Du natürlich nicht wissen... Bei alledem ist das Ding zu groß. Die souveräne Verachtung, mit der wir beide gegen die Literaturzeitung auftreten, bildet einen argen Gegensatz gegen die zweiundzwanzig Bogen, die wir ihr dedizieren. Dazu wird das meiste von der Kritik der Spekulation und des abstrakten Wesens überhaupt dem großen Publikum unverständlich bleiben und auch nicht allgemein interessieren. Sonst aber ist das Buch prächtig geschrieben und zum Kranklachen.“
Engels hatte recht. Das Buch war zu groß, zu schwer, zu unpopulär und unaktuell. Niemand hatte Zeit und Geduld, um bis zu den Stellen durchzudringen, die — überdies nur für den Kenner — „zum Kranklachen“ waren. Außerdem hatte die Literaturzeitung längst das Zeitliche gesegnet, als das Buch erschien. Sogar als Totengräber kam es zu spät.
Die Bedeutung der Heiligen Familie liegt denn auch nicht so sehr in ihrer Kritik, die oft gequält und ermüdend ist, als vielmehr in der Herausarbeitung tiefer Gedanken, grundlegender Begriffe, fundamentaler Formulierungen, die später als Baumaterial mit in die gewaltigen Geistesarbeiten großen Formats eingegangen sind und dort ihren Platz für Jahrhunderte gefunden haben.
Besonders die schlagkräftigen, aphoristischen Sätze über das Proletariat, über Idee und Masse, über die Rolle des aktiven Menschen als Vollstreckers der Geschichte sind wie Edelsteine nach Korn und Schliff faszinierend und kostbar.
So über das Proletariat:
„Proletariat und Reichtum sind Gegensätze. Sie bilden als solche ein Ganzes. Sie sind beide Gestaltungen der Welt des Privateigentums. Es handelt sich um die bestimmte Stellung, die beide in dem Gegensatz einnehmen. Es reicht nicht aus, sie für zwei Seiten eines Ganzen zu erklären.“
„Das Privateigentum als Privateigentum, als Reichtum, ist gezwungen, sich selbst und damit seinen Gegensatz, das Proletariat, im Bestehen zu erhalten. Es ist die positive Seite des Gegensatzes, das in sich selbst befriedigte Privateigentum. Das Proletariat ist umgekehrt als Proletariat gezwungen, sich selbst und damit seinen bedingenden Gegensatz, der es zum Proletariat macht, das Privateigentum, aufzuheben. Es ist die negative Seite des Gegensatzes, seine Unruhe in sich, das aufgelöste und sich auflösende Privateigentum. Die besitzende Klasse und die Klasse des Proletariats stellen dieselbe menschliche Selbstentfremdung dar. Aber die erste Klasse fühlt sich in dieser Selbstentfremdung wohl und bestätigt, weiß die Entfremdung als ihre eigene Macht und besitzt in ihr den Schein einer menschlichen Existenz; die zweite fühlt sich in der Entfremdung vernichtet, erblickt in ihr ihre Ohnmacht und die Wirklichkeit einer unmenschlichen Existenz.“
„Das Privateigentum treibt allerdings sich selbst in seiner nationalökonomischen Bewegung zu seiner eigenen Auflösung fort, aber nur durch eine von ihm unabhängige, bewußtlose, wider seinen Willen stattfindende, durch die Natur der Sache bedingte Entwicklung, nur indem es das Proletariat als Proletariat erzeugt, das seines geistigen und physischen Elends bewußte Elend, die ihrer Entmenschung bewußte und darum sich selbst aufhebende Entmenschung. Das Proletariat vollzieht das Urteil, welches das Privateigentum durch die Erzeugung des Proletariats über sich selbst verhängt, wie es das Urteil vollzieht, welches die Lohnarbeit über sich selbst verhängt, indem sie den fremden Reichtum und das eigene Elend erzeugt. Wenn das Proletariat siegt, so ist es dadurch keineswegs zur absoluten Seite der Gesellschaft geworden, denn es siegt nur, indem es sich selbst und sein Gegenteil aufhebt. Alsdann ist ebensowohl das Proletariat wie sein bedingender Gegensatz, das Privateigentum, verschwunden.“
„Wenn die sozialistischen Schriftsteller dem Proletariat diese weltgeschichtliche Rolle zuschreiben, so geschieht dies keineswegs, weil sie die Proletarier für Götter halten. Vielmehr umgekehrt. Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von dem Schein der Menschlichkeit im ausgebildeten Proletariat praktisch vollendet ist, weil in den Lebensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlichen Spitze zusammengefaßt sind, weil der Mensch in ihm sich selbst verloren, aber zugleich nicht nur das theoretische Bewußtsein dieses Verlustes gewonnen hat, sondern auch unmittelbar durch die nicht mehr abzuweisende, nicht mehr zu beschönigende, absolut gebieterische Not — dem praktischen Ausdruck der Notwendigkeit — zur Empörung gegen die Unmenschlichkeit gezwungen ist, darum kann und muß das Proletariat sich selbst befreien. Es kann sich aber nicht selbst befreien, ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbedingungen die heutigen Gesellschaft, die sich in seiner Situation zusammenfassen, aufzuheben.“„Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eigenen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet.“
Weiter zur Frage Idee und Masse:
„Die Hegelsche Geschichtsauffassung ist nichts anderes als der spekulative Ausdruck des christlich-germanischen Dogmas vom Gegensatz des Geistes und der Materie, Gottes und der Welt. Dieser Gegensatz drückt sich nämlich innerhalb der Geschichte, innerhalb der Menschenwelt selbst, so aus, daß wenige auserwählte Individuen als aktiver Geist der übrigen Menschheit, als der geistlosen Masse, als der Materie gegenüberstehen.“
„Hegels Geschichtsauffassung setzt einen abstrakten oder absoluten Geist voraus, der sich so entwickelt, daß die Menschheit nur eine Masse ist, die ihn unbewußter oder bewußter trägt. Innerhalb der empirischen, exoterischen Geschichte läßt er daher eine spekulative, esoterische Geschichte vorgehen. Die Geschichte der Menschheit verwandelt sich in die Geschichte des abstrakten, daher dem wirklichen Menschen jenseitigen Geistes der Menschheit.“
„Hegel macht sich einer doppelten Halbheit schuldig, einmal, indem er die Philosophie für das Dasein des absoluten Geistes erklärt und sich zugleich dagegen verwahrt, das wirkliche philosophische Individuum für den absoluten Geist zu erklären; dann aber, indem er den absoluten Geist als absoluten Geist nur zum Scheine die Geschichte machen läßt. Da der absolute Geist nämlich erst post festum im Philosophen als schöpferischer Weltgeist zum Bewußtsein kommt, so existiert seine Fabrikation der Geschichte nur im Bewußtsein, in der Meinung und Vorstellung des Philosophen, nur in der spekulativen Einbildung.“
„Die spekulative Philosophie, namentlich die Hegelsche Philosophie, mußte alle Fragen aus der Form des gesunden Menschenverstandes in die Form der spekulativen Vernunft übersetzen und die wirkliche Frage in eine spekulative Frage verwandeln, um sie beantworten zu können. Nachdem die Spekulation mir meine Frage im Munde verdreht und mir, wie der Katechismus, ihre Frage in den Mund gelegt hatte, konnte sie natürlich, wie der Katechismus, auf jede meiner Fragen ihre Antwort bereit halten.“
„Wie nach den früheren Theologen die Pflanzen da sind, um von den Tieren, die Tiere, um von den Menschen gegessen zu werden, so ist die Geschichte da, um zum Konsumtionsakt des theoretischen Essens, des Beweisens zu dienen. Der Mensch ist da, damit die Geschichte, und die Geschichte ist da, damit der Beweis der Wahrheit da ist. In dieser kritisch trivialisierten Form wiederholt sich die spekulative Weisheit, daß der Mensch, daß die Geschichte da ist, damit die Wahrheit zum Selbstbewußtsein komme.“
„Die ‚Idee‘ blamierte sich immer, soweit sie von dem ‚Interesse‘ unterschieden war. Andererseits ist es leicht zu begreifen, daß jedes massenhafte, geschichtlich sich durchsetzende ‚Interesse‘, wenn es zuerst die Weltbühne betritt, in der ‚Idee‘ oder ‚Vorstellung‘ weit über seine wirklichen Schranken hinausgeht und sich mit dem menschlichen Interesse schlechthin verwechselt. Die Illusion bildet das, was Fourier den Ton einer jeden Geschichtsepoche nennt.“
„Überhaupt ist die Masse ein unbestimmter Gegenstand, der daher weder eine bestimmte Aktion ausüben, noch auch in ein bestimmtes Verhältnis treten kann. Die Masse, wie sie der Gegenstand der kritischen Kritik ist, hat nichts gemein mit den wirklichen Massen, die wieder sehr massenhafte Gegensätze unter sich bilden. Ihre Masse ist von ihr selbst ‚gemacht‘, wie wenn ein Naturforscher, statt von bestimmten Klassen zu reden, die Klasse sich selbst gegenüberstellte.“
„Nachdem der Mensch einmal als das Wesen, als die Basis aller menschlichen Tätigkeit und Zustände erkannt ist, kann nur noch die Kritik neue Kategorien erfinden und den Menschen selbst, wie sie es eben tut, wieder in eine Kategorie und in das Prinzip einer ganzen Kategorienreihe verwandeln, womit sie allerdings den letzten Rettungsweg einschlägt, der der geängstigten und verfolgten theologischen Unmenschlichkeit noch übrigblieb. Die Geschichte tut nichts, sie ‚besitzt keinen ungeheuren Reichtum‘, sie ‚kämpft keine Kämpfe‘! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft; es ist nicht etwa die ‚Geschichte‘, die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre — als ob sie eine aparte Person wäre — Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.“
„Es bedarf keines großen Scharfsinns, um aus den Lehren des Materialismus von der ursprünglichen Güte und gleichen intelligenten Begabung der Menschen, der Allmacht, der Erfahrung, Gewohnheit, Erziehung, dem Einflusse der äußeren Umstände auf den Menschen, der hohen Bedeutung der Industrie, der Berechtigung des Genusses usw. seinen notwendigen Zusammenhang mit dem Kommunismus und Sozialismus einzusehen. Wenn der Mensch aus der Sinnenwelt und der Erfahrung in der Sinnenwelt alle Erkenntnis, Empfindung usw. sich bildet, so kommt es also darauf an, die empirische Welt so einzurichten, daß er das wahrhaft Menschliche in ihr erfährt, sich angewöhnt, daß er sich als Mensch erfährt. Wenn das wohlverstandene Interesse das Prinzip aller Moral ist, so kommt es darauf an, daß das Privatinteresse des Menschen mit dem menschlichen Interesse zusammenfällt. Wenn der Mensch unfrei im materialistischen Sinne, das heißt frei ist, nicht durch die negative Kraft, dies und jenes zu meiden, sondern durch die positive Kraft, seine wahre Individualität geltend zu machen, so muß man nicht das Verbrechen am einzelnen strafen, sondern die antisozialen Geburtsstätten des Verbrechens zerstören und jedem den sozialen Raum für seine Lebensäußerung geben. Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muß man die Umstände menschlich bilden. Wenn der Mensch von Natur gesellschaftlich ist, so entwickelt er seine wahre Natur erst in der Gesellschaft, und man muß die Macht seiner Natur nicht an der Macht des einzelnen Individuums, sondern an der Macht der Gesellschaft messen.“
Mit der Heiligen Familie überwanden Marx und En-
gels zum ersten Male grundsätzlich den Utopismus und seine philantropischen Tendenzen, die längst zum gedanklichen Aufputz bürgerlicher Charitas geworden waren. Was die Utopisten nie begriffen hatten: daß der Sozialismus das Resultat einer geschichtlichen Entwicklung sei und daß diese Entwicklung vollstreckt werden müsse durch die bewußte und selbständige Bewegung der Arbeiterklasse, das sprachen sie hier zum ersten Male klar und bündig aus.Wucherte in ihrer Gedankenwelt auch noch manches philosophische Rankenwerk und spekulative Schlinggewächs — der junge Baum geschichtsmaterialistischer Erkenntnis mit seinem kräftigen Stamme und seiner starken Krone breitete sich bereits so sicher aus, daß er bald Mittelpunkt werden und seinen Schatten über den ganzen Geistesgarten werfen würde.
Brüssel
Nach der Ausweisung aus Paris verlegte Marx seinen Wohnsitz nach Brüssel.
Daß er über die finanziellen Schwierigkeiten des Domizilwechsels und Umzugs glatt und rasch hinwegkam, dankte er der sofort eingreifenden Sorge und Generosität seines neuen Freundes und Kampfgefährten Engels. Vom ersten Tage ihrer Freundschaft an war dieser selbstlose, großherzige, in seiner Hingabe, Zuverlässigkeit und Treue unbeirrbare Mensch wie in allen geistigen, so auch in allen materiellen Dingen Marxens stärkste Stütze und nie versagende Hilfe geworden.
„Soeben erhalte ich“, schreibt Engels unter dem 22. Februar 1845 aus Barmen, „nach langem Hin- und Herschreiben aus Köln Deine Adresse und setze mich gleich hin, an Dich zu schreiben. Sowie die Nachricht von der Expulsion herkam, hielt ich es für nötig, gleich eine Subskription zu eröffnen, um Dir die dadurch verursachten Extrakosten auf uns alle kommunistisch zu repartieren. Das Ding hatte guten Fortgang. Da ich übrigens nicht weiß, ob das genügend sein wird, Dir Deine Einrichtung in Brüssel zustande zu bringen, so versteht es sich von selbst, daß mein Honorar für das erste englische Ding, das ich hoffentlich bald wenigstens teilweise ausgezahlt bekomme und für den Augenblick entbehren kann, da mein Alter mir pumpen muß, Dir mit größtem Vergnügen zur Verfügung steht. Die Hunde sollen wenigstens das Pläsier nicht haben, Dich durch ihre Infamie in pekuniäre Verlegenheit zu bringen.“
Kurz darauf erschien Engels selbst in Brüssel. Er war seit der Begegnung mit Marx in Paris keineswegs untätig gewesen. Zunächst hatte er sein aus England mitgebrachtes Material über die Entwicklung der kapitalistischen Produktion, die Formen und Methoden der Arbeiterausbeutung, die Lebensverhältnisse der proletarischen Klasse, die Schrecken des Kinderelends usw. zu einer wuchtigen Schrift Die Lage der arbeitenden Klassen in England verarbeitet, die im Sommer 1845 in Leipzig erschien und ungeheures Aufsehen erregte. Diese Schrift sollte aber nur der Anfang eines großen Werkes über die soziale Geschichte Englands sein, das ihn stark beschäftigte. Weiter hatte er die Herausgabe einer sozialistischen Monatsschrift ins Auge gefaßt, an der Moses Heß, mit dem er wieder lebhaft verkehrte, beteiligt sein sollte. Am 20. Januar 1845 schrieb er darüber an Marx: „Das Neueste ist, daß Heß und ich vom 1. April ab eine Monatsschrift ‚Gesellschaftsspiegel‘ herausgeben und darin die soziale Misere und das Bourgeoisregime schildern werden“. Das Journal erschien indes erst vom 1. Juli ab als „Organ zur Vertretung der besitzlosen Klassen und zur Beleuchtung der gesellschaftlichen Zustände der Gegenwart“, hatte aber keinen langen Bestand. Gleichwohl war es, wie Heß der erste Kommunist war, der erste konsequent durchgeführte Versuch einer Kommunistischen Presse, die die Kritik der wirtschaftlichen Verhältnisse in den Mittelpunkt stellte. Engels hatte freilich daran keinen Anteil mehr, denn er hatte sich bald von dem Projekt zurückgezogen. Dafür verfolgte er andere Pläne, die Herausgabe einer Bibliothek sozialistischer Schriftsteller des Auslands, eine Kritik Friedrich Lists und anderes mehr. Schließlich hatte er das ganze Wuppertal in Aufregung versetzt durch eine lebhafte Versammlungspropaganda für den Kommunismus. „Hier in Elberfeld“, hatte er an Marx geschrieben, „geschehen Wunder. Wir haben gestern im größten Saal und ersten Gasthof der Stadt unsere dritte kommunistische Versammlung abgehalten, die erste 40, die zweite 130, die dritte wenigstens 200 Menschen stark. Ganz Elberfeld und Barmen, von der Geldaristokratie bis zur Epicerie, nur das Proletariat ausgeschlossen, war vertreten. Heß hielt einen Vortrag, Gedichte und Stücke von Shelley wurden gelesen, ebenso der Artikel über die bestehenden kommunistischen Kolonien im Bürgerbuche. Nachher diskutiert bis ein Uhr. Das Ding zieht ungeheuer. Man spricht von nichts als von Kommunismus, und jeden Tag fallen uns neue Anhänger zu.“ Die Bewegung wurde freilich bald unterdrückt. Engels bekam ernste Mißhelligkeiten mit seiner Familie und nahm gern die Gelegenheit wahr, eine Reise nach Brüssel zu machen.
Er ließ sich für die nächsten Monate in Brüsssel nieder, wohnte Haus an Haus mit Marx und stand mit diesem in unausgesetztem geistigen und persönlichen Verkehr. Im Sommer machten sie eine gemeinsame sechswöchige Reise nach England. Engels hatte noch private Angelegenheiten in Manchester zu ordnen, den Rücktransport seiner Bibliothek zu veranlassen, seine Mitarbeiterschaft an Zeitungen wiederherzustellen; vor allem aber hatte er den Wunsch, Marx mit England, englischen Verhältnissen, englischer Literatur und den Vertretern der englischen Arbeiterbewegung bekanntzumachen. Marx gewann viele wertvolle Eindrücke, suchte an Literatur über Wirtschaftsgeschichte, politische Ökonomie und soziale Theorien zusammen, was irgend zu erreichen war, und trat in Fühlung mit Führern der Chartistenbewegung.
Nach Brüssel zurückgekehrt, machten sie sich beide sofort wieder an die Arbeit. In der Vorrede zur Heiligen Familie hatten sie angekündigt: „Wir schicken diese Polemik den selbständigen Schriften voraus, worin wir — versteht sich, jeder von uns für sich — unsre positive Ansicht und damit unser positives Verhältnis zu den neueren philosophischen und sozialen Doktrinen darstellen werden.“ Nun galt es, diese Darstellung zu liefern. Sie sollte eine Abrechnung mit der ganzen nachhegelschen Philosophie werden. Zugleich eine Selbstverständigung gegen ihr eigenes „ehemaliges philosophisches Gewissen“.
Engels hatte bereits bei seinem Eintreffen in Brüssel konstatieren können, daß Marx den „realen Humanismus“, auf den er sich noch in der Vorrede zur Heiligen Familie bezogen, schon wieder überwunden und aufgegeben hatte. Mit fliegender Hast warf dieser Feuergeist eine philosophische Haut nach der andern ab, so daß Engels, obwohl elastischer und einfühlungsfähiger als Marx, oft Mühe hatte, bei diesem Eiltempo Schritt zu halten.
Es war Marx klar geworden, „daß keine Möglichkeit bestehe, die historische Wirklichkeit ohne Kenntnis der Industrie zu begreifen“. Die Philosophie hatte für ihn aufgehört, Krone alles menschlichen Wissens und Summe aller menschlichen Erkenntnis zu sein, und war infolgedessen überflüssig geworden. Zu dieser Radikalität der Einsicht und des Urteils hatte ihn besonders die Kritik an Feuerbach geführt. Schon als er die Heilige Familie beendete, war der Bruch mit Feuerbach vollzogen.
Feuerbach konnte in letzter Instanz mit der sinnlichen Welt nicht fertig werden, weil er nicht fertig damit wurde, Philosoph zu sein. Er war nicht imstande, sich aus dem „ihm selbst tödlich verhaßten“ Reiche der Abstraktionen herauszufinden. Seine sinnliche Welt war ein Abstraktum, eine von Ewigkeit her gegebene, sich ewig gleichbleibende Tatsache. Daß sie das Werk einer unendlichen Entwicklung, das Produkt von Generationen sei, deren jede auf den Schultern der vorangegangenen stand, begriff er nicht. Auch sein Mensch war ein abstrakter Mensch. „Er klammert sich“, sagt Engels, „gewaltsam an die Natur und den Menschen; aber Natur und Mensch bleiben bei ihm nur Worte. Weder von der wirklichen Natur noch von den wirklichen Menschen weiß er uns etwas Bestimmtes zu sagen.“ Der abstrakte Mensch war eben das Äußerste, wohin die Philosophie nach ihrer Abkehr von der Idee gelangen konnte. Sie hatte zwar den Menschen für die Idee gesetzt, aber im Grunde nur ein Abstraktum für das andere. Das lag im Wesen der Philosophie begründet. Mit diesem abstrakten Menschen jedoch war in der Welt der Wirklichkeit nichts anzufangen. Da hieß es, die Philosophie aufgeben, um zum wirklichen Menschen zu gelangen. Und diesen wirklichen Menschen erkannte Marx als den tätigen Menschen, den Träger der Produktionsprozesse, den in sozialer Verbundenheit lebenden, von Interessen bewegten und geleiteten, in der Geschichte handelnden und damit die Entwicklung vollstreckenden Menschen.
Die Entdeckung des Menschen — des wirklichen, lebendigen, geschichtsbildenden Menschen — war die große Errungenschaft, zu der Marx über Hegel, Bauer, Feuerbach hinweg gelangte.
In einem alten Notizbuche von Marx aus jener Zeit haben sich neben Exzerpten und Notizen in fast unleserlicher Handschrift die berühmten Thesen über Feuerbach gefunden, deren gewaltiges Massiv wie ein Markstein die ungeheure Größe dieser Entdeckung und des Fortschritts in der Entwicklung Marxscher Forschungsarbeit dokumentiert. Engels hat sie als den „genialen Keim einer neuen Weltanschauung“ bezeichnet.
1. Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des *Objekts oder der Anschauung* gefaßt wird, nicht aber *als sinnlich-menschliche Tätigkeit, Praxis*, nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatze zu dem Materialismus von dem Idealismus — der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt — entwickelt. Feuerbach will sinnliche — von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als *gegenständliche* Tätigkeit. Er betrachtet daher im Wesen des Christentums nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig jüdischen Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der „revolutionären“, der praktisch-kritischen Tätigkeit.Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i. e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens — das von der Praxis isoliert ist — ist eine rein scholastische Frage.
Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile — von denen der eine über ihn erhaben ist — sondieren (Schreibfehler: sondern).
Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.
Feuerbach geht von dem Faktum der religiösen Selbstentfremdung, der Verdoppelung der Welt in eine religiöse und eine weltliche aus. Seine Arbeit besteht darin, die religiöse Welt in ihre weltliche Grundlage aufzulösen. Aber daß die weltliche Grundlage sich von sich selbst abhebt und sich in ein selbständiges Reich in den Wolken fixiert, ist nur aus der Selbstzerrissenheit und Sichselbstwidersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären. Diese selbst muß also in sich selbst sowohl in ihrem Widerspruche verstanden als praktisch revolutioniert werden. Also nachdem z. B. die irdische Familie als das Geheimnis der heiligen Familie entdeckt ist, muß nun erstere selbst theoretisch und praktisch vernichtet werden.
Feuerbach, mit dem abstrakten Denken nicht zufrieden, will die Anschauung; aber er faßt die Sinnlichkeit nicht als praktische menschlich-sinnliche Tätigkeit.
Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.
Feuerbach, der auf die Kritik dieses wirklichen Wesens nicht eingeht, ist daher gezwungen:
Von dem geschichtlichen Verlaufe zu abstrahieren und das religiöse Gemüt für sich zu fixieren und ein abstrakt-isoliert-menschliches Individuum vorauszusetzen. 2. Das Wesen kann daher nur als „Gattung“, als innere, stumme, die vielen Individuen natürlich verbindende Allgemeinheit gefaßt werden.
Feuerbach sieht daher nicht, daß das „religiöse Gemüt“ selbst ein gesellschaftliches Produkt ist und daß das abstrakte Individuum, das er analysiert, einer bestimmten Gesellschaftsform angehört.
Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und in dem Begreifen dieser Praxis.
Das Höchste, wozu der anschauende Materialismus kommt, d. h. der Materialismus, der die Sinnlichkeit nicht als praktische Tätigkeit begreift, ist die Anschauung der einzelnen Individuen und der bürgerlichen Gesellschaft.
Der Standpunkt des alten Materialismus ist die bürgerliche Gesellschaft, der Standpunkt des neuen die menschliche Gesellschaft oder die gesellschaftliche Menschheit.
Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern.
Diese Thesen über Feuerbach waren nur eine Art Vorarbeit für die große Auseinandersetzung, die nun zwischen Marx und Engels einerseits und Feuerbach, Bauer, Stirner und der ganzen nachhegelschen Philosophie andererseits erfolgte.
Die deutsche Ideologie
Aus der Arbeit eines Jahres — von September 1845 bis August 1846 — gingen zwei dicke Bände hervor, die unter dem Titel Die deutsche Ideologie erscheinen sollten.
Ein Freund und Verehrer von Marx, der frühere Leutnant Weydemeyer, der in Westfalen als Geometer tätig war, hoffte seinen Schwager Lüning, den Herausgeber des Westfälischen Dampfbootes in Bielefeld, als Drucker und Verleger zu gewinnen. Das Manuskript ging dahin ab, aber das Buch erschien nicht, da — wie die Verfasser eines Tages erfuhren — „die veränderten Umstände den Druck nicht erlaubten“. Auch anderwärts war das Buch nicht unterzubringen. „So überließen wir“, schreibt später Marx, „das Manuskript der nagenden Kritik der Mäuse um so williger, als wir unsern Hauptzweck erreicht hatten — Selbstverständigung.“
In der Tat: Selbstverständigung auf der ganzen Linie — das war die eigentliche Signatur des Werkes. Es sollte „die Schafe, die sich für Wölfe hielten und dafür gehalten wurden, entlarven“, sollte zeigen, „wie die Prahlereien der philosophischen Ausleger nur die Erbärmlichkeit der wirklichen deutschen Zustände widerspiegeln“, sollte „den Verfaulungsprozeß des absoluten deutschen Geistes“ aller Welt offenkundig machen. Das sollte es nach der Bestimmung seiner Verfasser. Aber es hat mehr als dies geleistet. Es hat Marx und Engels vom allerletzten Rest philosophischen Plunders, der ihrem Denken unbewußt noch immer anhaftete, befreit, hat sie über die Kritik der Philosophie, der Politik, der Ökonomie zur Kritik der Geschichtsauffassung geführt und hat ihnen dabei die ungeheure Erkenntnis vermittelt, daß nicht die Idee, nicht die Kritik die treibende Kraft der Geschichte ist, sondern die Revolution, der Mensch — der revolutionäre Mensch.
Die Entdeckung des wirklichen, handelnden, geschichtsbildenden Menschen, wie sie in den Thesen über Feuerbach erfolgt war, erweiterte sich hier zur Entdeckung des revolutionären Menschen. Schrittweise war Marxens forschender Geist auf dieses Resultat zugegangen:
„Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich die Existenz lebendiger menschlicher Individuen. Der erste zu konstatierende Tatbestand ist also die körperliche Organisation dieser Individuen und ihr dadurch gegebenes Verhältnis zur übrigen Natur.“
„Alle Geschichtschreibung muß von diesen natürlichen Grundlagen und ihrer Modifikation im Laufe der Geschichte durch die Aktion der Menschen ausgehen.“
„Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch, was man will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.“
„Zum Leben gehört vor allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges andere. Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Produktion des materiellen Lebens selbst, und zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine Grundbedingung aller Geschichte.“
„Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.“
„Bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen also bestimmte gesellschaftliche und politische Verhältnisse ein.“
„Die gesellschaftliche Gliederung und der Staat gehen beständig aus dem Lebensprozeß bestimmter Individuen hervor, aber dieser Individuen nicht, wie sie in der eigenen oder fremden Vorstellung erscheinen mögen, sondern wie sie wirklich sind, d. h. wie sie wirken, materiell produzieren, also wie sie unter bestimmten materiellen und von ihrer Willkür unabhängigen Schranken, Voraussetzungen und Bedingungen tätig sind.“
„Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewußtseins ist zunächst unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens. Das Vorstellen, Denken, der geistige Verkehr der Menschen erscheinen als direkter Ausfluß ihres materiellen Verhaltens. Von der geistigen Produktion, wie sie in der Sprache der Politik, der Gesetze, der Moral, der Religion, Metaphysik usw. eines Volkes sich darstellt, gilt dasselbe. Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen usw., aber die wirklichen, wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf.
„Das Bewußtsein kann nie etwas anderes sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß.“
„Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wird hier von der Erde zum Himmel gestiegen. Das heißt, es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedachten, eingebildeten, vorgestellten Menschen, um davon aus und bei den leibhaftigen Menschen anzukommen, es wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozeß auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt. Auch die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Supplemente ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses. Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen behalten hiermit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein.“
„Diese Betrachtung ist nicht voraussetzungslos. Sie geht von den wirklichen Voraussetzungen aus, sie verläßt sie keinen Augenblick. Ihre Voraussetzungen sind die Menschen nicht in irgendeiner phantastischen Abgeschlossenheit und Fixierung, sondern in ihrem wirklichen empirisch anschaulichen Entwicklungsprozeß unter bestimmten Bedingungen. Sobald dieser tätige Lebensprozeß dargestellt wird, hört die Geschichte auf, eine Sammlung toter Fakta zu sein.“
„Die selbständige Philosophie verliert mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium.“
„Nicht die Kritik, sondern die Revolution ist die treibende Kraft in der Geschichte.“
„Diese Geschichtsauffassung zeigt, daß die Geschichte nicht damit endigt, sich ins ‚Selbstbewußtsein‘ als ‚Geist vom Geist‘ aufzulösen, sondern daß in ihr auf jeder Stufe ein materielles Resultat, eine Summe von Produktionskräften, ein historisch geschaffenes Verhältnis zur Natur und der Individuen zueinander sich vorfindet, die jeder Generation von ihrer Vorgängerin überliefert wird, eine Masse von Produktivkräften, Kapitalien und Umständen, die zwar einerseits von der neuen Generation modifiziert wird, ihr aber auch andrerseits ihre eigenen Lebensbedingungen vorschreibt und ihr eine bestimmte Entwicklung, einen speziellen Charakter gibt, daß also die Umstände ebensosehr die Menschen, wie die Menschen die Umstände machen.“
„Schließlich erhalten wir noch folgende Resultate aus der entwickelten Geschichtsauffassung: 1. In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktivkräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktivkräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte (Maschinerie und Geld) — und was damit zusammenhängt, daß eine Klasse hervorgerufen wird, welche alle Lasten der Gesellschaft zu tragen hat, ohne ihre Vorteile zu genießen, welche aus der Gesellschaft herausgedrängt, in den entschiedensten Gegensatz zu allen andern Klassen forciert wird; eine Klasse, die die Majorität aller Gesellschaftsmitglieder bildet und von der das Bewußtsein über die Notwendigkeit einer gründlichen Revolution, das kommunistische Bewußtsein, ausgeht, das sich natürlich auch unter den andern Klassen vermöge der Auffassung der Stellung dieser Klasse bilden kann; 2. daß die Bedingungen, innerhalb deren bestimmte Produktionskräfte angewandt werden können, die Bedingungen der Herrschaft einer bestimmten Klasse der Gesellschaft sind, deren soziale, aus ihrem Besitze hervorgehende Macht in der jedesmaligen Staatsform ihren praktisch-idealistischen Ausdruck hat und deshalb jeder revolutionäre Kampf gegen eine Klasse, die bisher geherrscht hat, sich richtet; 3. daß in allen bisherigen Revolutionen die Art der Tätigkeit stets unangetastet blieb und es sich nur um eine andere Distribution dieser Tätigkeit, um eine neue Verteilung der Arbeit an andre Personen handelte, während die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet und die Arbeit beseitigt und die Herrschaft aller Klassen mit den Klassen selbst aufhebt, weil sie durch die Klasse bewirkt wird, die in der Gesellschaft für keine Klasse mehr gilt, nicht als Klasse anerkannt wird, schon der Ausdruck der Auflösung aller Klassen, Nationalitäten usw. innerhalb der jetzigen Gesellschaft ist; 4. daß sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; daß also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen, um zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden.“
„Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten hat. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“
Diese wenigen markanten Sätze aus dem Torso des Werkes der noch gerettet werden konnte und erst jüngst (durch das Marx-Engels-Archiv in Frankfurt a. M.) erstmalig veröffentlicht worden ist, geben nur ein schwaches Abbild von der Gedankenfülle und Gedankenkraft, mit der die temperamentvolle Selbstverständigung erfolgte.Sie enthalten, teilweise wörtlich, bereits die elementaren Formulierungen der später zur Methode ausgereiften materialistischen Geschichtsauffassung.
Der „wahre Sozialismus“
Die große Auseinandersetzung mit einer Welt von Gegnern wäre unvollkommen geblieben und der Sieg im Kampfe der Geister hätte unbefriedigt gelassen, wären Marx und Engels im zweiten Bande ihres Werkes nicht auch dem „wahren“ oder „deutschen“ Sozialismus „in seinen verschiedenen Propheten“ aufs rücksichtsloseste zu Leibe gegangen.
Zu den „wahren Sozialisten“, um die es sich hierbei handelte, zählte in erster Linie der Westfale Karl Grün. Er war ein Studienfreund von Marx und wurde durch Moses Heß mit Engels bekannt gemacht. Seine sozialistische Laufbahn war vom radikalen „Weißbierliberalismus“ ausgegangen. Dann hatte er mit Fourier geliebäugelt, bis er schließlich unter Anlehnung an Heß zum Frühsozialismus abschwenkte. In seinem Kopfe mischten sich alle sozialistischen Spielarten zu einem bunten Knäuel. Aus erborgten und unverdauten Gedanken von Proudhon Feuerbach, Heß und Marx braute er die wunderlichsten Beglückungselixiere zusammen, die er in feuilletonistischer Verpackung und ästhetischer Parfümierung an den Mann brachte. Seine eilfertige und verantwortungslose Feder versorgte von Paris aus besonders die Triersche Zeitung. Ein Tadel, den er Marx — zu Unrecht — erteilte, weil dieser gegen seine Ausweisung nicht scharf genug protestiert habe, schuf in Marxens leicht verletzter Seele eine Verstimmung, die den Unterton bildete für eine grausame Kritik an Grüns Stellung zum sozialistischen Problem.
Grün besaß Einfluß auf die sozialistischen Handwerker und Handwerksburschen in Paris, die „Straubinger“, wie Engels sie verächtlich nannte. Weil diese für den Kommunismus gewonnen werden sollten, galt es, Grün zur Strecke zu bringen. Die literarische Erledigung genügte noch nicht; Engels mußte nach Paris fahren und dort durch persönliches Eingreifen die Stellung Grüns erschüttern und unterminieren. Im Oktober 1846 schrieb Engels aus Paris an Marx: „Mit den Straubingern hier denke ich durchzukommen. Die Kerle sind freilich gräßlich unwissend und durch ihre Lebenslage gar nicht präpariert. ... Der Grün hat scheußlich geschadet. Er hat bei den Kerls alles Bestimmte in bloße Duselei, Menschheitsstreben usw. verwandelt. Unter dem Scheine, den Weitlingschen und sonstigen Systemkommunismus anzugreifen, hat er ihnen den Kopf voll unbestimmter Belletristen- und Kleinbürgerphrasen gesetzt und alles andere für Systemreiterei ausgegeben. Selbst die Schreiner, die nie Weitlingianer gewesen, oder doch nur einzelne, haben eine abergläubische Gespensterfurcht vor dem ‚Löffelkommunismus‘ und schließen sich lieber der größten Duselei, friedlichen Beglückungsplänen usw. an, als diesem ‚Löffelkommunismus‘. Es herrscht eine grenzenlose Konfusion hier vor.“ Das Ergebnis der Bemühungen war, daß Engels zwar Grün aus dem Sattel hob, aber dadurch das Chaos der Konfusion nur vergrößerte, so daß die „Straubinger“ für einen internationalen kommunistischen Verband, wie er Marx und Engels vorschwebte, verlorengingen.
Karl Grün stand in enger geistiger Verbindung mit Moses Heß, der um diese Zeit ebenfalls in Paris lebte. Darum ließ es auch Engels in seinen Briefen aus Paris an heftigen Ausfällen gegen den „Kommunistenrabbi“ — wie Ruge ihn genannt hatte — nicht fehlen. Und Marx hatte Heß schon seit Mai 1846 mit auf die Proskriptionsliste gesetzt. „Denn es müsse“, wie Weitling in einem Briefe an Heß über die von Marx verfolgten Absichten und Ansichten schrieb, „eine Sichtung in der kommunistischen Partei vorgenommen werden ... Der Handwerkerkommunismus, der philosophische Kommunismus müßten bekämpft, das Gefühl verhöhnt werden; das ist bloß so ein Dusel. Der Kommunismus kann erst verwirklicht werden, nachdem die Bourgeoisie ans Ruder gekommen wäre.“ In dem Konflikt zwischen Marx und Weitling hatte sich Heß auf die Seite Weitlings gestellt — Grund genug, daß Marx ihn mit gereiztem Zorn verfolgte und nach einem Anlaß zu sachlicher Vernichtung suchte. Aber Moses Heß hatte sich in seiner sozialistischen Entwicklung trotz mancher Abwegigkeiten und Eigenheiten so sehr der Auffassung von Marx genähert, daß er ihm am 28. Juli 1846 schreiben konnte: „Mit Deinen Ansichten über die kommunistische Schriftstellerei bin ich vollkommen einverstanden. So notwendig im Anfang eine Anknüpfung der kommunistichen Bestrebungen an die deutsche Ideologie war, so notwendig ist jetzt die Begründung auf geschichtliche und ökonomische Voraussetzungen, sonst wird man weder mit den ‚Sozialisten‘ noch mit den Gegnern aller Farben fertig. Ich habe mich jetzt ausschließlich auf ökonomische Lektüre geworfen.“ Obwohl Marx diese Erklärung als „Kapitulation“ buchte, wurde Heß von Engels, der sich nach eigenem Geständnis in Paris „einen sehr unverschämten Ton angewöhnt“ hatte, überaus „kalt und spöttisch“ behandelt. Als jedoch im August 1847 in Brüssel der Deutsche Arbeiterbildungsverein zustande kam, der ganz von Marx und Engels beherrscht wurde, mußte Heß, inzwischen nach Brüssel übersiedelt, nicht nur als Mitglied eintreten, er wurde auch zum Vorsitzenden gewählt und wirkte neben Marx und Engels als ständiger Mitarbeiter an der Deutschen Brüsseler Zeitung.
Unter den übrigen Vertretern des „wahren“ Sozialismus sind zu nennen: Hermann Kriege, ein von Feuerbach gekommener Student, auf den anfangs Engels große Hoffnung gesetzt hatte, der aber, nach Neuyork ausgewandert, in seinem dort begründeten Volkstribun einen verschwommenen Liebeskommunismus predigte; ferner Hermann Püttmann, ein früherer Redakteur der Kölnischen Zeitung, der zwei Jahrgänge des Deutschen Bürgerbuchs und die Rheinischen Jahrbücher herausgab, die dem Ideenwirrwarr eines Schwarmes freigeistig-sozialistischer Schwärmer zum Unterschlupfe dienten; endlich Otto Lüning in Bielefeld, Herausgeber des Westfälischen Dampfbootes, das bis in die Revolution hinein die Propaganda der sozialistischen Idee betrieb.Diese „wahren“ Sozialisten wurden — gleich den Philosophen — von Marx und Engels nach allen Regeln der Kunst kritisch ausgeweidet. Es zeige sich immer wieder, so erklärten sie, daß dieser wahre Sozialismus nichts anderes sei als die stümperhafte Übersetzung der Idee des französischen Sozialismus ins Deutsche, als eine Verballhornung des Kommunismus zur deutschen Ideologie. In den Köpfen dieser eklektischen Philanthropen spuke unausrottbar der alte Wahn, daß aller wirklichen Spaltung in der Geschichte eine Begriffsspaltung vorangehen müsse, die sie bewirke. „Sie suchten die miserable Rolle, welche die Deutschen in der wirklichen Geschichte gespielt haben, dadurch zu verdecken, daß sie die Illusionen, an denen die Deutschen immer besonders reich gewesen sind, mit der Wirklichkeit auf die gleiche Stufe stellten. Und weil die Deutschen überall und immer nur das Zusehen und Nachsehen hatten, glaubten sie sich berufen, über alle Welt zu Gericht zu sitzen, hegten sie den Wahn, daß die ganze Geschichte ihr letztes Absehen in Deutschland erreiche.“
Indem Marx und Engels die Selbstverständigung mit aller Schärfe und Rücksichtslosigkeit betrieben, blieb ihnen die Selbstzerfleischung nicht erspart. Diese Selbstzerfleischung schuf ihnen nicht nur ein Heer von Feinden und Widersachern, ein halbes Jahrzehnt häßlichster und bösartigster persönlicher Kämpfe, sie zerriß auch ohne zwingenden äußeren Anlaß um Jahrzehnte zu früh die proletarische Einheitsfront, die eben erst in der Bildung begriffen war. Denn die Intoleranz der Reinigung und Spaltung im kommunistischen Lager war keineswegs durch den Stand der Wirtschaft geboten, keine aus der Entwicklung geborene unausweichliche Notwendigkeit. Sie entsprang zunächst lediglich einem bei Marx in verletzender Zugespitztheit vorhandenen Bedürfnis nach persönlicher Alleingeltung, das sich rationalisierte in einer ungeheuren Besessenheit, einem fanatischen Glauben an die sieghafte Macht seiner Idee.
Indem freilich diese Idee, durch einen schonungslosen Klärungsprozeß zu absoluter Reinheit destilliert, der Entwicklung der gesellschaftlichen Realität voraneilte, zeigte sie, dem Sterne gleich, der nach Bethlehem führte, klar und zuverlässig den Weg zur Befreiung. Wie es das Verdienst besonders von Moses Heß gewesen war, den Sozialismus vom bürgerlich-oppositionellen Radikalismus abzulösen, so wurde es das außerordentliche Verdienst von Marx und Engels, daß sie die klare Scheidelinie zwischen dem ethisch-philosophischen Sozialismus und dem ökonomischen Sozialismus — wenn auch auf Kosten der Einigkeit — mit aller Unerbitterlichkeit und allem Klarheitsfanatismus zogen.
Dialektik
Genau besehen war die gesamte von Marx seit Jahren geleistete Geistesarbeit im Grunde nichts anderes als ein unausgesetzter, direkt und indirekt geführter Kampf gegen Hegel.
Ein junger, mit Löwentatzen ausgestatteter, um die Erhöhung seines Selbstwertgefühls fieberhaft ringender Riese, von der Gesellschaft nicht erkannt, noch weniger anerkannt, ja sogar gemieden und verfolgt, reckte sich gegen die alles überragende, von der gesamten Geisteswelt verehrte, bewunderte und anerkannte Monumentalgestalt des Riesen Hegel empor.
Alles, was Marx seit Jahren gegen Bruno Bauer, Feuerbach, Stirner, die Junghegelianer und die „wahren Sozialisten“ geschrieben, geeifert und ins Werk gesetzt hatte, galt letzten Endes dem Hegelschen Prinzip des Absoluten, der Hegelschen Priorität der Idee, der metaphysischen Orientierung Hegels, der Tendenz der Weltabgewandtheit in der Betrachtungsweise Hegels, dem abstrakten Menschen Hegels — alles, alles war im Letzten und Tiefsten, im Kern und in der Spitze gerichtet gegen das Haupt Hegels. Aus dieser tiefen Gegnerschaft heraus hatte Marx die Umkehr zum Materialismus an der Seite Feuerbachs mitgemacht, die Rechtsphilosophie bekämpft, die Philosophie zur Politik weitergebildet, den Menschen an die Stelle der Idee gesetzt, den tätigen Menschen gegen den abstrakten Menschen eingetauscht, die Kritik durch die Revolution abgelöst und das revolutionäre Proletariat zum Vollstrecker der geschichtlichen Entwicklung erhoben.
Immer Marx im Widerspruche gegen Hegel. Titan gegen Titan.
Aber ein Werk von so fundamentaler Bedeutung wie das System Hegels, eine Philosophie von so ungeheurem Einflusse auf die geistige Verfassung und Entwicklung einer ganzen Nation ließ sich — mit Engels zu sprechen — weder beseitigen, indem man sie ignorierte, noch überwinden, indem man gegen sie anrannte. „Sie mußte in ihrem eigenen Sinne ‚aufgehoben‘ werden, d. h. in dem Sinne, das ihre Form kritisch vernichtet, der durch sie gewonnene neue Inhalt aber gerettet wurde.“
Ihr neuer Inhalt war die dialektische Methode.
Bei der Betrachtung von Dingen und Erscheinungen kann man so vorgehen, daß man sie einzeln, stückweise, aus dem Zusammenhange herausgelöst, in ihrer abstrakten Abgeschlossenheit ins Auge faßt. Das kann von Fall zu Fall geboten und auch nützlich sein. Aber als Betrachtungsweise auf das Ganze angewandt, generell gehandhabt, führt sie zu unbefriedigenden Resultaten. Denn gerade das Wichtigste geht dabei verloren.
In der Welt gibt es nichts Isoliertes, keinen Ruhezustand, keine auf sich selbst gestellte Sache und aus sich selbst existente Erscheinung. Vielmehr ist alles in Fluß, dynamisch bewegt, durch unlösliche Zusammenhänge mit der ganzen Welt der Erscheinungen verbunden. Das in der Totalität des Lebens realisierte Gesetz des Werdens löst alles Sein in ewige Bewegung auf. Diese Bewegung ist Veränderung, Aufhebung des bisherigen und Herbeiführung des neuen Zustandes. Daraus ergibt sich die logische Notwendigkeit, jede Sache, jede Erscheinung in all ihren Äußerungen, Verkettungen, Zusammenhängen zu betrachten. Es ist die dialektische Methode, die dieser Aufgabe theoretischer Stellungnahme gerecht wird und damit das Prinzip der Entwicklung wissenschaftlich legitimiert.
Hegel war zu der schon von den Alten, besonders Heraklit, geübten Methode des dialektischen Denkens zurückgekehrt. Er hatte die drei Stufen: Thesis, Antithesis und Synthesis, die sich auch schon bei Fichte finden, übernommen und den Grundsatz der alten Logik „Alles ist mit sich identisch, nichts widerspricht sich“ abgelöst durch den neuen Grundsatz „Nichts ist mit sich selbst gleich und alles widerspricht sich“. Demzufolge faßte er jeden Begriff als das notwendige Produkt des Aufeinanderwirkens zweier vorangegangener Begriffe auf, die, indem sie ihren streng gegensätzlichen Charakter zu einer neuen Einheit verschmolzen haben, beide in dem höheren Begriff untergegangen sind. Er sprach daher den Begriffen keine ewige, absolute, sondern nur eine vorübergehende historische Gültigkeit zu. „Die Wahrheit, die es in der Philosophie zu erkennen galt,“ sagt Engels, „war bei Hegel nicht mehr eine Sammlung fertiger dogmatischer Sätze, die, einmal gefunden, nur auswendig gelernt sein wollen; die Wahrheit lag nun in dem Prozeß des Erkennens selbst, in der langen geschichtlichen Entwicklung der Wissenschaft, die von niederen zu immer höheren Stufen der Erkenntnis aufsteigt, ohne aber jemals durch Ausfindung einer sogenannten absoluten Wahrheit zu dem Punkte zu gelangen, wo sie nicht mehr weiter kann, wo ihr nichts mehr übrigbleibt, als die Hände in den Schoß zu legen und die gewonnene absolute Wahrheit anzustaunen ... Jede Stufe ist notwendig, also berechtigt für die Zeit und die Bedingungen, denen sie ihren Ursprung verdankt; aber sie wird hinfällig und unberechtigt gegenüber neuen, höheren Bedingungen, die sich allmählich in ihrem eigenen Schoß entwickeln; sie muß einer höheren Stufe Platz machen, die ihrerseits wieder an die Reihe des Verfalls und des Untergangs kommt... So löst diese dialektische Philosophie alle Vorstellungen von endgültiger absoluter Wahrheit und ihr entsprechenden absoluten Menschheitszuständen auf. Vor ihr besteht nichts Endgültiges, Absolutes, Heiliges; sie weist von allem und an allem die Vergänglichkeit auf, und nichts besteht vor ihr als der ununterbrochene Prozeß des Werdens und Vergehens, des Aufsteigens ohne Ende vom Niedern zum Höhern, dessen bloße Widerspiegelung im denkenden Hirn sie selbst ist.“ Hegel selbst hat in verschiedenen Definitionen niedergelegt, was er unter Dialektik verstand. In seiner Enzyklopädie sagt er, daß die wirkliche Dialektik der innere und fortschreitende Übergang einer Erklärung in eine andere sei, in welcher zutage tritt, daß die Erklärungen des Verstandes einseitig und eng begrenzt sind, das heißt eine Negierung ihrer selbst enthalten. Seinen besonderen Charakter bekommt dies alles dadurch, daß es sich selbst aufhebt. In seiner Logik hat er den durch das Spiel der inneren Gegensätze bewirkten dialektischen Entwicklungsprozeß geschildert: Die Vorwärtsbewegung beginnt mit abstrakten und einfachen Begriffen oder Kategorien und geht in die nächsten Begriffe über, die immer reicher und konkreter werden. Auf jeder Stufe des erweiterten bestimmten Begriffs taucht die ganze Masse seines früheren Inhalts auf, von welchem bei der dialektischen Entwicklung nicht nur nichts verlorengeht, sondern der alles neu Erworbene mit sich trägt und sich in sich bereichert und verdichtet. Die Gipfelung erfolgt in der absoluten Idee. In Hegels Wissenschaft der Logik heißt es wörtlich: „Das Unmittelbare ist nach dieser negativen Seite in dem Andern untergegangen, aber das Andere ist wesentlich nicht das leere Negative, das Nichts, das als das gewöhnliche Resultat der Dialektik angenommen wird, sondern es ist das Andere des Ersten, das Negative des Unmittelbaren; also ist es bestimmt als das Vermittelte, enthält überhaupt die Bestimmung des Ersten in sich. Das Erste ist somit auch im Andern aufbewahrt und erhalten.“
Es entsprach der idealistischen Grundeinstellung Hegels, die in der Idee die eigentliche lebendige Seele der Welt sah, daß die Dialektik ihre primäre Rolle im Reiche der Gedanken spielte. Erst dadurch, daß sich der dialektisch gewonnene Begriff „entäußerte“, verwandelte er sich in die Natur, „wo er ohne Bewußtsein seiner selbst, verkleidet als Naturnotwendigkeit, eine neue Entwicklung durchmacht und zuletzt im Menschen wieder zum Selbstbewußtsein kommt; dies Selbstbewußtsein arbeitet sich nun in der Geschichte wieder aus dem Rohen heraus, bis endlich der absolute Begriff wieder vollständig zu sich selber kommt in der Hegelschen Philosophie. Bei Hegel ist also die in der Natur und Geschichte zutage tretende dialektische Entwicklung, d. h. der ursächliche Zusammenhang des, durch alle Zickzackbewegungen und momentanen Rückschritte hindurch, sich durchsetzenden Fortschreitens vom Niedern zum Höhern nur der Abklatsch der von Ewigkeit her, man weiß nicht wo, aber jedenfalls unabhängig von jedem denkenden Menschenhirn, vor sich gehenden Selbstbewegung des Begriffs“ (Engels).
Marx hatte schon bei seiner ersten Berührung mit Hegel die Begriffsdialektik als eine spekulative Mystifikation erkannt, ohne indes die Methode der Dialektik als solche in Frage zu stellen oder gar abzulehnen. Als er darauf durch Feuerbach zum Materialismus geführt wurde, half ihm dieser, die Dialektik aus ihrer idealistischen Vermummung zu befreien und die Spiegelschrift der Abstraktion in eine lesbare konkrete Formel zu verwandeln. Jetzt erschien die Wirklichkeit nicht mehr als ein Abbild von Begriffen, sondern die Begriffe wurden ganz materialistisch zu geistigen Abbildern der Wirklichkeit. So kam die Hegelsche Begriffsdialektik vom Kopf auf die Füße und präsentierte sich als Tatsachendialektik.
Als sich später Marx von Feuerbach ablöste, geschah dies — wie wir wissen — weil sich ihm der Materialismus der objektiven Naturgegebenheit verwandelt hatte in einen Materialismus gesellschaftlicher Zustände, die sich, dialektisch gesehen, darstellen als Ergebnisse von Prozessen. Indem der Mensch auf die äußere Natur einwirkt, ändert er im Prozeß dieser Einwirkung seine eigene Natur. Die Produktion der Idee und der Begriffe vollzieht sich in engster Abhängigkeit und im Zusammenhange mit der materiellen Tätigkeit des Menschen und mit ihren materiellen Beziehungen. Das Sein der Menschen ist der wirkliche Prozeß ihres Lebens. Und die Erkenntnis kann nichts anderes sein als die Erkenntnis eben dieses Seins. Dieses menschliche Sein — eine Reihe von Prozessen — enthüllte sich Marx, indem er die Philosophie zur Politik entfaltete, als die Produktion des materiellen Leben und ein Ablauf von Machtkämpfen, die um Interessen geführt werden. Die Interessen, als ökonomische Interessen erkannt, verwiesen auf das Gebiet der Produktion, der politischen Ökonomie. Hier aber lag klar zutage, daß sich die Kämpfe im Zusammenhange mit der Produktion des materiellen Lebens zwischen Klassen abspielen, die einander als feindliche Mächte gegenüberstehen.
Das war keine Erfindung von Marx. Er fand diese Einsicht bereits in der englischen und französischen Literatur vor, die er studierte, und war sicher von Engels darüber informiert worden. „Seit der Durchführung der großen Industrie,“ schreibt Engels in seinem Ludwig Feuerbach, „also mindestens seit dem europäischen Frieden von 1815, war es keinem Menschen in England ein Geheimnis mehr, daß dort der ganze politische Kampf sich drehte um die Herrschaftsansprüche zweier Klassen, der grundbesitzenden Aristokratie und der Bourgeoisie. In Frankreich kam mit der Rückkehr der Bourbonen dieselbe Tatsache zum Bewußtsein; die Geschichtsschreiber der Restaurationszeit von Thierry bis Guizot, Mignet und Thiers sprechen sie überall aus als den Schlüssel zum Verständnis der französischen Geschichte seit dem Mittelalter. Und seit 1830 wurde als dritter Kämpfer um die Herrschaft in beiden Ländern die Arbeiterklasse, das Proletariat anerkannt. Die Verhältnisse hatten sich so vereinfacht, daß man die Augen absichtlich schließen mußte, um nicht im Kampfe dieser drei großen Klassen und im Widerstreit ihrer Interessen die treibende Kraft der modernen Geschichte zu sehen. Wenigstens in den beiden fortgeschrittensten Ländern.“
Bourgeoisie und Proletariat verhalten sich in der Verfechtung ihrer Interessen zueinander wie These und Antithese. Der dialektische Prozeß wirkt sich aus als Klassenkampf, der die Gegensätzlichkeit des antithetischen Verhältnisses über sich hinaustreibt. Als Synthese erscheint die neue, sozialistische Gesellschaft.
Indem also Marx, forschend, schließend, gestaltend, in seiner Erkenntnis Glied an Glied zur Kette reihend, den Feuerbachschen Materialismus der Natur zum Materialismus der Gesellschaft ausbildete, die abstrakte Begriffsdialektik Hegels zur konkreten Tatsachendialektik umstülpte, den dialektischen Widerspruch in den Klassen verkörpert sah und den dialektischen Prozeß im Klassenkampf erkannte — kam er zu einer neuen Dialektik, einer neuen Geschichtsauffassung.
Mehr: er kam zum Sozialismus als einer inneren, gesetzmäßigen Folgerichtigkeit der historisch-ökonomischen Entwicklung.
Die gleiche wissenschaftliche Entdeckung machte Engels. Und zwar kam er zu ihr aus der Praxis seiner in England gemachten Beobachtungen und Erfahrungen. Der widerspruchsvolle, in soziale Gegensätzlichkeit sich umsetzende Charakter der kapitalistischen Produktionsweise hatte sich ihm dort in aller Schärfe und Nacktheit offenbart. Und schon in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern hatte er die Ergebnisse seiner Betrachtungen wie seines Nachdenkens in zwei sehr kritischen, aufschlußreichen, von ganz neuen Gesichtspunkten beherrschten Artikeln niedergelegt.
Allein diese Entdeckung hätte ihn zum gegebenen Mitarbeiter von Marx gemacht.
Elend der Philosophie
Bei Hegel waren die Menschen Marionetten, die an den Fäden der Idee auf der Schaubühne des Lebens zappelten.
Feuerbach stellte sie als wirkliche Menschen hin, gab ihnen Fleisch und Blut, aber sie wußten nichts mit sich anzufangen.
Bei Marx endlich wurden sie selbständige Akteure, die auf eigener Bühne ihr eigenes Drama aufführten. Sie erlebten praktisch Geschichte und vollstreckten sie. Dabei wurden sie nicht geleitet von einem höheren Willen, einer Idee, einem von Anfang an zielgerichteten Bewußtsein — es stand kein Einbläser hinter den Kulissen. Sie waren selbständig und handelten lediglich unter dem Diktat ihrer menschlichen Interessen. Ihrer Interessen, die darauf gerichtet sind, die Erde zu bewältigen, das Dasein zu sichern, durch Entfaltung der Produktions- und Sozialverhältnisse ihrer Existenz Bestand und Entwicklung zu gewährleisten. In der Klassengesellschaft erfolgt die Verfechtung dieser Interessen von Klasse gegen Klasse durch das Hin und Wider des Klassenkampfes. Das Ziel des proletarischen Klassenkampfes ist die sozialistische Gesellschaft. Der Weg zu ihr geht über die Revolution.
Die aufwühlende Unerbittlichkeit dieser Gedanken hatte Marx von Jahr zu Jahr, von Werk zu Werk in zunehmender Klarheit, Reife und Geschlossenheit entwickelt. Anfangs nur vereinzelt aufzuckende Flämmchen im Gestrüpp philosophischer Wirrnis, hatten sich die Resultate seiner Selbstverständigung allmählich geordnet zu einem Kreise von Lichtern, einem Ensemble von Kerzen, Leuchtern und Laternen, und schließlich hatten sie sich zu einer Demonstration von Fackeln entfaltet, getragen von proletarischen Fäusten durch eine erschrockene Welt. Doch dies genügte dem Himmelstürmer noch nicht. Ein Fanal sollte aufgerichtet werden, dessen Schein den Erdkreis überflammte; einen Weltbrand galt es zu entzünden, der die ganze Gesellschaft und ihre Kultur vor die unausweichliche Schicksalsfrage stellte.
Mit dem nächsten Werke Das Elend der Philosophie, das Marx in Brüssel schrieb, wurde diese entscheidende Tat vollbracht.
Das Elend der Philosophie ist eine polemische Kritik des Buches Die Philosophie des Elends von Proudhon, das 1847 erschien. Marx hatte — wie wir wissen — Proudhon in Paris persönlich kennengelernt und mit ihm diskutiert; aber Proudhon hatte seinen Gedankengängen nicht folgen können. „Herr Proudhon genießt das Unglück“, schreibt Marx spöttisch in der Vorrede seines Buches, „auf eigentümliche Art verkannt zu sein. In Frankreich hat er das Recht, ein schlechter Ökonom zu sein, weil man ihn für einen tüchtigen deutschen Philosophen hält; in Deutschland hingegen darf er ein schlechter Philosoph sein, weil er für einen der stärksten französischen Ökonomen gilt. In unserer Doppeleigenschaft als Deutscher und Ökonom sehen wir uns veranlaßt, gegen diesen doppelten Irrtum Protest einzulegen.“ In einem Briefe an Marx hatte Proudhon sein Buch angekündigt und bemerkt: „Ich erwarte die Geißel Ihrer Kritik.“ Er sollte diese Geißel wie kein zweiter zu spüren bekommen!
Marx hat Proudhon in seiner Gegenschrift mit einer kritischen Rücksichtslosigkeit gepeitscht, mit einem satirischen Spott zerzaust, mit einer polemischen Schärfe zerfleischt, daß nicht nur alle Freundschaft darüber in die Brüche ging, sondern auch in unbeteiligten Kreisen Stimmen des Unwillens und der Empörung über die Art der Behandlung laut wurden. In der Tat hat Marx nie vorher oder nachher eine Auseinandersetzung, selbst gegen gefährlichere Feinde und weniger achtungswürdige Gegner, mit solcher Schärfe, mit so souveräner Verachtung und selbstsicherer Überhebung geführt wie hier. Das Buch ist keine Kritik mehr, es ist eine Erledigung.
Dabei bietet es nicht nur die Szene einer grandiosen Hinrichtung, sondern bildet auch den Schauplatz einer genialen Schöpfung. Denn mit der Zertrümmerung der allerletzten Schlacken spekulativer Illusionen, der Entlarvung aller Widersprüche utopischer Romantik, der Stäupung aller Halbheiten, Schiefheiten und Torheiten nationalökonomischer Charlatanerie war die Plattform wissenschaftlicher Diskussion gereinigt für die Aufrichtung des nunmehr festgefügten Gerüsts einer neuen Geschichtsauffassung und Gesellschaftstheorie.
Zum ersten Male gibt Marx in diesem Buche eine konkrete, umfassende Darstellung der bis dahin nur sporadisch, andeutungsweise, beiläufig und skizzenhaft entwickelten materialistischen Geschichtsauffassung. Zum ersten Male wird klar ausgesprochen und unzweideutig formuliert: die ökonomische Produktion und die aus ihr mit Notwendigkeit folgende gesellschaftliche Gliederung einer jeden Geschichtsepoche bilden die Grundlage für die politische und ideologische Geschichte dieser Epoche. Die gesamte bisherige Geschichte stellt sich als eine Geschichte von Klassenkämpfen dar. Diese Klassenkämpfe haben heute einen Grad ihrer Entwicklung erreicht, bei dem die ausgebeutete und unterdrückte Klasse des Proletariats das Werk ihrer Befreiung von der Bourgeoisie nicht vollbringen kann ohne die revolutionäre Umwälzung der ganzen Gesellschaft. Damit war der historische Materialismus konstituiert.
Marx selbst hat später Inhalt und Tenor seines Buches wie folgt präzisiert: „Ich zeigte darin u. a., wie wenig Proudhon in das Geheimnis der wissenschaftlichen Dialektik eingedrungen; wie er andrerseits die Illusionen der spekulativen Philosophie teilt, indem er die ökonomischen Kategorien statt als theoretische Ausdrücke historischer, einer bestimmten Entwicklungsstufe der materiellen Produktion entsprechender Produktionsverhältnisse zu begreifen, sie in Präexistierende, ewige Ideen verfaselt und wie er auf diesem Umwege wieder auf dem Standpunkte der bürgerlichen Ökonomie ankommt.
Ich zeige weiter noch, wie durchaus mangelhaft und teilweise selbst schülerhaft seine Bekanntschaft mit der ‚politischen Ökonomie‘, deren Kritik er unternahm, und wie er mit den Utopisten auf eine sogenannte ‚Wissenschaft‘ Jagd machte, wodurch eine Formel für die ‚Lösung der sozialen Frage‘ a priori herausspintisiert werden soll, statt die Wissenschaft aus der kritischen Erkenntnis der geschichtlichen Bewegung zu schöpfen, einer Bewegung, die selbst die materiellen Bedingungen der Emanzipation produziere. Namentlich aber wird gezeigt, wie Proudhon über die Grundlage des Ganzen, den Tauschwert, im Unklaren, Falschen und Halben bleibt, ja die utopistische Auslegung der Ricardoschen Wert-Theorie für die Grundlage einer neuen Wissenschaft versieht. Über seinen allgemeinen Standpunkt urteile ich zusammenfassend wie folgt:
Jedes ökonomische Verhältnis hat eine gute und eine schlechte Seite, das ist der einzige Punkt, in dem Herr Proudhon nicht sich selbst ins Gesicht schlägt. Die gute Seite sieht er von den Ökonomen hervorgehoben. Die schlechte von den Sozialisten angeklagt. Er entlehnt den Ökonomen die Notwendigkeit der ewigen Verhältnisse; er entlehnt den Sozialisten die Illusion, in dem Elend nur das Elend zu erblicken (statt darin die revolutionäre, zerstörende Seite zu erblicken, welche die alte Gesellschaft umstürzen wird). Er ist mit beiden einverstanden, wobei er sich auf die Autorität der Wissenschaft zu stützen sucht. Die Wissenschaft reduziert sich für ihn auf den zwerghaften Umfang einer wissenschaftlichen Formel; er ist der Mann auf der Jagd nach Formeln. Demgemäß schmeichelt sich Herr Proudhon, die Kritik sowohl der politischen Ökonomie als des Kommunismus gegeben zu haben — er steht tief unter beiden. Unter den Ökonomen, weil er als Philosoph, der eine magische Formel bei der Hand hat, sich erlassen zu können glaubt, in die rein ökonomischen Details einzugehen; unter den Sozialisten, weil er weder genügend Mut noch genügend Einsicht besitzt, sich, und wäre es nur spekulativ, über den Bourgeoishorizont zu erheben.“
Der erste Teil des Werkes behandelt in hitziger und zerfetzender Polemik die Fragen: Gebrauchswert und Tauschwert, konstituierender und synthetischer Wert, Arbeitszeit, Geld, Arbeitsüberschuß; der zweite Teil die Fragen: Arbeitsteilung und Maschinen, Konkurrenz und Monopol, Grundeigentum und Rente, Streiks und Arbeiterkoalition. Es ist erstaunlich, mit welcher Gründlichkeit Marx die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft studiert hat. Die gesamte Literatur ist ihm geläufig. Er zitiert Adam Smith und Ricardo, bezieht sich auf Lauderdale, Sismondi, Storsh, Atkinson, Hodgkins, Thomson, Edmonds, Bray, John Stuart Mill, Sadler, alles englische Autoren, ferner auf den Amerikaner Cooper, die Franzosen Boisguilbert, Quesnay, Say und Lemontey. An jeder schwachen Stelle Proudhons hakt er ein, jede spekulative Befangenheit stellt er bloß, jede utopische Konfusion reizt ihn zu ätzendem Spott.
Für die Fundierung und Formulierung der materialistischen Geschichtsauffassung sind besonders folgende Stellen von Wichtigkeit:
„Herr Proudhon stellt als echter Philosoph die Dinge auf den Kopf und sieht in den wirklichen Verhältnissen nur die Fleischwerdung jener Prinzipien, jener Kategorien, die, wie uns wiederum Herr Proudhon, der Philosoph, sagt, im Schoße der ‚unpersönlichen Vernunft der Menschheit‘ schlummern. Herr Proudhon, der Ökonom, hat ganz gut begriffen, daß die Menschen Tuch, Leinwand, Seidenstoffe unter bestimmten Produktionsverhältnissen anfertigen. Aber was er nicht begriffen hat, ist, daß diese bestimmten sozialen Verhältnisse ebensogut Produkte der Menschen sind wie Tuch, Leinen usw. Die sozialen Verhältnisse sind eng geknüpft mit den Produktivkräften. Mit der Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten. Aber dieselben Menschen, welche die sozialen Verhältnisse gemäß ihrer materiellen Produktionsweise gestalten, gestalten auch die Prinzipien, die Ideen, die Kategorien gemäß ihren gesellschaftlichen Verhältnissen. Somit sind diese Ideen, diese Kategorien ebensowenig ewig als die Verhältnisse, die sie ausdrücken. Sie sind historische, vergängliche, vorübergehende Produkte.“
„Nehmen wir einmal mit Herrn Proudhon an, die wirkliche Geschichte nach der Zeitordnung sei die historische Aufeinanderfolge, in welcher die Ideen, die Kategorien, die Prinzipien sich offenbart haben. Jedes Prinzip hat sein Jahrhundert gehabt, worin es sich enthüllte. Das Autoritätsprinzip hat z. B. das elfte Jahrhundert gehabt, wie das Prinzip des Individualismus das achtzehnte. Folgerichtigerweise gehörte das Jahrhundert dem Prinzip, nicht das Prinzip dem Jahrhundert. Mit andern Worten: das Prinzip macht die Geschichte, nicht die Geschichte das Prinzip. Fragt man sich endlich, um Prinzipien wie Geschichte zu retten: warum dieses Prinzip sich gerade im elften oder im achtzehnten Jahrhundert und nicht in irgendeinem andern offenbart hat, so sieht man sich notwendigerweise gezwungen, im einzelnen zu untersuchen, welches die Menschen des elften und die des achtzehnten Jahrhunderts waren, welches ihre jedesmaligen Bedürfnisse, ihre Produktionskräfte, ihre Produktionsweise, die Rohstoffe ihrer Produktion, welche endlich die Beziehungen von Mensch zu Mensch waren, die aus allen diesen Existenzbedingungen hervorgingen. Alle diese Fragen ergründen, heißt das nicht, die wirkliche profane Geschichte der Menschen eines jeden Jahrhunderts erforschen, diese Menschen darstellen, wie sie in Einem Verfasser und Schausteller ihres eigenen Dramas waren? Aber von dem Augenblick an, wo man die Menschen als die Schausteller und Verfasser ihrer eigenen Geschichte hinstellt, ist man auf einem Umwege zum wirklichen Ausgangspunkte zurückgekehrt, weil man die ewigen Prinzipien fallen gelassen hat, von denen man ausging.“
„Vorsehung, providentielles Ziel, das ist das große Wort, dessen man sich heute bedient, um den Gang der Geschichte zu erklären. Tatsächlich erklärt dieses Wort nichts. Es ist höchstens eine rhetorische Form, eine der vielen Arten, die Tatsachen zu umschreiben. Es ist eine Tatsache, daß der Grundbesitz in Schottland durch die Entwicklung der Industrie neuen Wert erhielt, diese Industrie eröffnete der Wolle neue Märkte. Um die Wolle im großen Maßstabe zu produzieren, mußte man das Ackerland in Weideland verwandeln. Um diese Umwandlung zu bewirken, mußte man die Güter konzentrieren, mußte man die kleinen Pachtungen abschaffen, Tausende von Pächtern aus ihrer Heimat verjagen und an ihre Stelle einige Hirten setzen, die Millionen von Schafen bewachen. So hatte der Grundbesitz in Schottland infolge sukzessiver Umwandlung das Resultat, daß Menschen durch Hammel verdrängt wurden. Man sage jetzt, daß es das providentielle Ziel der Institution des Grundbesitzes in Schottland war, Menschen durch Hammel verdrängen zu lassen, und man hat providentielle Geschichte getrieben.“
„Herr Proudhon hat von der Hegelschen Dialektik nur die Redeweise. Seine eigene dialektische Methode besteht in der dogmatischen Unterscheidung von gut und schlecht. Nehmen wir einmal Herrn Proudhon selbst als Kategorie; untersuchen wir seine gute und seine schlechte Seite, seine Vorteile und seine Nachteile. Wenn er vor Hegel den Vorteil voraus hat, Probleme zu stellen, die er sich vorbehält, zum Besten der Menschheit zu lösen, so hat er den Nachteil vollständiger Unfruchtbarkeit, sobald es sich darum handelt, durch die Tätigkeit der dialektischen Zeugung eine neue Kategorie ins Leben zu rufen. Was die dialektische Bewegung ausmacht, ist gerade das Nebeneinanderbestehen der beiden entgegengesetzten Seiten, ihr Widerstreit und ihr Aufgehen in eine neue Kategorie. Sowie man sich nur das Problem stellt, die schlechte Seite auszumerzen, schneidet man die dialektische Bewegung entzwei.“
„Die ökonomischen Verhältnisse haben zuerst die Massen der Bevölkerung in Arbeiter verwandelt. Die Herr-
schaft des Kapitals hat für diese Masse eine gemeinsame Situation, gemeinsame Interessen geschaffen. So ist diese Masse bereits eine Klasse gegenüber dem Kapital, aber noch nicht für sich selbst. Die Interessen, welche sie verteidigt, werden Klasseninteressen. Aber der Kampf von Klasse gegen Klasse ist ein politischer Kampf.“„Eine unterdrückte Klasse ist die Lebensbedingung jeder auf den Klassengegensatz begründeten Gesellschaft. Die Befreiung der unterdrückten Klasse schließt also notwendigerweise die Schaffung einer neuen Gesellschaft ein. Soll die unterdrückte Klasse sich befreien können, so muß eine Stufe erreicht sein, auf der die bereits erworbenen Produktivkräfte und die geltenden gesellschaftlichen Einrichtungen nicht mehr nebeneinander bestehen können. Von allen Produktionsinstrumenten ist die größte Produktivkraft die revolutionäre Klasse selbst. Die Organisation der revolutionären Elemente als Klasse setzt die fertige Existenz aller Produktivkräfte voraus, die sich überhaupt im Schoße der alten Gesellschaft entfalten können.“
„Die Bedingung der Befreiung der arbeitenden Klasse ist die Abschaffung jeder Klasse, wie die Bedingung der Befreiung des dritten Standes, der bürgerlichen Ordnung, die Abschaffung aller Stände war. Die arbeitende Klasse wird im Laufe der Entwicklung an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft eine Assoziation setzen, welche die Klassen und ihren Gegensatz ausschließt, und es wird keine eigentliche politische Gewalt mehr geben, weil gerade die politische Gewalt der offizielle Ausdruck des Klassengegensatzes innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ist. Inzwischen ist der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie ein Kampf von Klasse gegen Klasse, ein Kampf, der, auf seinen höchsten Ausdruck gebracht, eine totale Revolution bedeutet. Braucht man sich übrigens zu wundern, daß eine auf den Klassengegensatz begründete Gesellschaft auf den brutalen Widerspruch hinausläuft, auf den Zusammenstoß Mann gegen Mann, als letzte Lösung? Man sage nicht, daß die gesellschaftliche Bewegung die politische ausschließt. Es gibt keine politische Bewegung, die nicht gleichzeitig auch eine gesellschaftliche wäre. Nur bei einer Ordnung der Dinge, wo es keine Klassen und keinen Klassengegensatz gibt, werden die gesellschaftlichen Evolutionen aufhören, politische Revolutionen zu sein.“
Diese Sätze lesen sich wie ein Konzept zum Kommunistischen Manifest. Sicher bildet Das Elend der Philosophie die reifste Vorarbeit, die ausgereifteste Vorfrucht für diese klassische Programmschrift, die ein halbes Jahr später, in der heißen Temperatur des Vorabends der Revolution, dem ahnungslosen Proletariat als ein Geschenk des Schicksals in den Schoß fallen sollte.
Vormärz
Wenn die Gedanken und Ideen — nach Marx — Abbilder der Lebenswirklichkeit, Spiegelungen praktischer Erlebnisse und Erfahrungen sind, so mußten auch die Gedanken und Theorien von Marx ihr Substrat in den ökonomischen und politischen Bedingungen der Zeit haben. Seine Theorien mußten sich als das im Menschenkopfe umgesetzte Materielle seiner Mit- und Umwelt erweisen.
Welches Bild liefert nun eine Analyse der gesellschaftlichen Situation, des Wirtschaftslebens und der politischen Verhältnisse der vierziger Jahre?
Alle Erscheinungen sprachen dafür, daß das kontinentale Europa mit einer Revolution schwanger ging.
In Frankreich war 1830 die Bourgeoisie zur Macht gekommen, aber nur in ihrer obersten Schicht, der Finanzaristokratie. Diese verstand es trefflich, ihre Herrschaftsposition mit Hilfe von Staatsanleihen und Staatslieferungen, Bestechungen, Unterschleifen, zweifelhaften Finanzmanövern usw. zu einer ergiebigen Quelle der Bereicherung zu machen. „Die Juli-Monarchie“, sagt Marx, „war nichts als eine Aktienkompanie zur Exploitation des französischen Nationalreichtums, deren Dividende sich verteilte unter Minister, Kammern, 240000 Wähler und ihren Anhang. Louis Philipp war der Direktor dieser Kompanie.“
Je länger, je mehr aber bildete sich, begünstigt durch die große Reihe naturwissenschaftlich-technischer Erfindungen und den großen Aufschwung der Maschinerie, das Produktionskapital zu solcher Stärke heraus, daß es über die Schulter des Finanzkapitals hinweg seine Hand nach dem Steuerruder der Regierung ausstrecken konnte. Es begann sich als Element der nationalen Wirtschaft und tragende Kraft des Staates zu fühlen, revoltierte gegen die Bevormundung und Vernachlässigung seiner Interessen durch die Bankherren und Börsenkönige und beanspruchte seinen Anteil an der gesetzgeberischen Gewalt.
Seine Forderungen wurden begleitet von einem murrenden, drohend anschwellenden Echo in der Tiefe des Proletariats. Hier suchten zahllose Gruppen, Geheimbünde und Sekten unter Führung einer buntscheckigen Korona von Reformern, Schwärmern, Heilslehrern, Beglückungsaposteln und Zukunftsmusikanten den Weg aus einem namenlosen Elend zu besserem Menschendasein.
Der Aufenthalt in Paris, das eingehende Studium der sozialistischen Literatur, der Umgang mit prominenten Vertretern utopistischer Schulen und Systeme hatten Marx mitten hineingeführt in diese gärende, ringende Welt. Und sie war wahrlich nicht nur eine Welt der Idee und Theorien, sondern vor allem eine Welt, in der Hekatomben von Menschen unter Hunger und Arbeitsqual zugrunde gingen, wo Schweiß und Tränen abgerackerter Frauen das Gespinst ihrer Hände bleichten, wo das Elend ausgebeuteter Kinder ungehört zum Himmel schrie.
Auch in Deutschland hatte die Bourgeoisie, dank dem riesigen Fortschritt in der Entwicklung der Produktionsverhältnisse, während der dreißiger und vierziger Jahre einen gewaltigen Aufschwung genommen. Kein Geringerer als Marx selbst hat uns eine plastische Schilderung der Situation hinterlassen, in der sich damals die verschiedenen Schichten der Bevölkerung befanden: „Die Bourgeoisie fühlte ihre Kraft und war entschlossen, nicht länger die Fesseln zu tragen, mit denen ein feudaler und bureaukratischer Despotismus ihre Handelsgeschäfte, ihre industrielle Leistungsfähigkeit, ihr gemeinsames Handeln als Klasse einschnürte. Ein Teil des Landadels hatte sich so weit in Produzenten von Waren für den Markt verwandelt, daß er die gleichen Interessen mit der Bourgegeoisie hatte und sich ihr anschloß. Das Kleinbürgertum war unzufrieden, murrte über die Steuer, über die Hindernisse, die seiner geschäftlichen Tätigkeit in den Weg geworfen wurden, besaß aber kein bestimmtes Programm von Reformen, die versprachen, seine Stellung in Staat und Gesellschaft zu sichern. Die Bauernschaft wurde niedergedrückt teils von den feudalen Lasten, teils von den Anforderungen der Wucherer und Advokaten. Die Arbeiter in den Städten waren ergriffen von der allgemeinen Unzufriedenheit, haßten in gleicher Weise die Regierung und die großen industriellen Kapitalisten und verfielen der Ansteckung durch sozialistische und kommunistische Ideen. Kurz, die Opposition bildete eine heterogene Masse, die von den verschiedensten Interessen getrieben, aber mehr oder weniger von der Bourgeoisie geführt wurde. Auf der andern Seite in Preußen eine Regierung, aufgegeben von der öffentlichen Meinung, aufgegeben sogar von einem Teile des Adels, gestützt auf eine Armee und eine Bureaukratie, die jeden Tag mehr von den Ideen der oppositionellen Bourgeoisie angesteckt wurden und mehr ihrem Einfluß unterlagen. Und zu alledem eine Regierung mit völlig geleerten Kassen, die keinen Pfennig auftreiben konnte, um das wachsende Defizit zu decken, ohne vor der Opposition der Bourgeoisie zu kapitulieren.“
Die Revolution lag also in der Luft. In Deutschland wie in Frankreich. Die Bourgeoisie begann denn auch ihre Aufmerksamkeit auf die soziale Frage und das Problem der Revolution zu lenken. In der Presse häuften sich die Abhandlungen über Arbeit, Pauperismus, Reform der Gesellschaft, Schaden der Konkurrenz und Monopole, Freihandel und Schutzzölle, Sozialismus u. dgl. Selbst die Kölnische Zeitung, das offiziöse Organ der Regierung, folgte nach den Weberaufständen im Eulengebirge, die eine starke Erschütterung hinterließen, dem Beispiel liberaler Blätter und veranstaltete eine Sammlung für die Hinterbliebenen der gefallenen Rebellen. Jung schrieb an Marx: „Alle Tage Pauperismus, Sozialismus usw., der hat da einen Fetzen gepackt, der da — endlich glaubt’s der deutsche Philister, was man ihm so, ohne ihn zu erschrecken, täglich vorsummt; ja am Ende würde er auch teilen, wenn man ihm ein paar Jahre alle Tage sagte, es sei notwendig.“ Allenthalben entstanden kommunistische Klubs und Kliquen, die ohne Befragen der Polizei Zusammenkünfte und Diskussionen abhielten. Aus Barmen hatte Engels schon 1844 an Marx geschrieben: „Man mag sich hindrehen und hinwenden, wohin man will, man stolpert über Kommunisten.“ Und in einem Artikel für Owens New Moral World vom 14. Dezember 1844 hatte er verkündet, daß sich in der kurzen Spanne Zeit eines einzigen Jahres in Deutschland eine starke sozialistische Partei gebildet habe, die sich zwar nur erst auf die Mittelklasse stütze, aber bald auch in Fühlung mit der Arbeiterklasse zu kommen hoffe. Die Eisdecke der Reaktion fing an zu bersten. Der März meldete sich an.Natürlich konnte diese Revolution ihrem Charakter nach nur eine bürgerliche Revolution sein, bestimmt, die Kräfte der kapitalistischen Wirtschaft in Freiheit zu setzen und eine Staatsform zu schaffen, die den Bedürfnissen und Interessen der Bourgeoisie entsprach. Wollte die Bourgeoisie in der Entfaltung ihrer Produktivkräfte und in der Ausweitung ihres Wirtschaftsspielraums nicht hinter der Konkurrenz des Auslands zurückbleiben und ihren mühsam errungenen Zugang zum Weltmarkte nicht wieder verlieren, so mußte sie Verfügungsgewalt über den Staatsapparat gewinnen, dessen Kräfte und Beziehungen ihr die erstrebte kapitalistische Weltgeltung erobern und sichern halfen. Sieg oder Niederlage der Revolution bedeutete für sie Fortschritt oder Rückschritt in der unmittelbaren Lebensbehauptung und Entwicklung.
Aus dem Studium der Geschichte und der Einsicht in die Gesetzmäßigkeit historischen Geschehens, zu der ihm die materialistische Geschichtsauffassung verholfen hatte, war sich Marx klar darüber geworden, daß mit dem Erfolge der bürgerlichen Revolution wohl die Forderungen der Bourgeoisie ihre Erfüllung finden, die Hoffnungen und Ansprüche der Massen jedoch leer ausgehen würden. Er sah das Zeitalter, in dem er stand und wirkte, klar bis zum Abschluß; ja er sah noch darüber hinaus. Sein Blick umspannte bereits das folgende Zeitalter. Und indem er in Jahrzehnten dachte, mit Generationen rechnete, stellte sich ihm in der historischen Perspektive die bürgerliche Revolution erst als die Schwelle zur künftigen Revolution, der proletarischen Revolution dar. Hier wurde die soziale Revolution erst gezeugt, noch nicht geboren. Während der Bourgeois von der bevorstehenden Revolution den Abschluß seiner Kämpfe und die Erfüllung seiner Wünsche erwartete, wußte Marx, daß der revolutionäre Prozeß, der sich aufzurollen begann, erst mit der Wiedervernichtung der bürgerlichen Ordnung sein Ende finden würde.
Gleichwohl erkannte Marx die historische Notwendigkeit, fürs erste der bürgerlichen Revolution zum Durchbruch und Siege zu verhelfen. Denn nur auf dem von der Bourgeoisie gebahnten Wege konnte das Proletariat die ihm von der Geschichte zugewiesene Entwicklungsetappe erreichen. Das Proletariat Englands, Frankreichs und Amerikas demonstrierte ihm anschaulich, wie die Herrschaft der Bourgeoisie ihm nicht nur ganz neue Waffen zum politischen Kampfe lieferte, sondern ihm auch, indem es seine Legitimation als politische Partei aussprach, einen ungleich günstigeren Platz in der politischen Kampffront einräumte.
Deshalb unterließ Marx nichts, was die Wirkung versprach, der Herbeiführung und Vorbereitung der bürgerlichen Revolution nützlich zu sein. Er trat in Brüssel mit den Radikalen der Stadt in Verbindung, beteiligte sich an der Gründung der Demokratischen Gesellschaft, wurde deren Vizepräsident und sprach in ihrer Vertretung als Delegierter auf dem Polen-Meeting in London 1847. Weiter schrieb er für die Deutsche Brüsseler Zeitung, ein von demselben Bornstedt, der den Pariser Vorwärts redigiert hatte, herausgegebenes Blatt, das revolutionäre Tendenz verfolgte. Ja es gelang ihm und seinem Anhange, das Blatt schließlich ganz unter seinen Einfluß zu bringen und zu aktuellen Fragen, besonders Schutzzoll und Freihandel, Stellung zu nehmen. Weiter focht er darin mit Engels eine heftige Fehde gegen Carl Heinzen aus, einen alten revolutionären Schwadroneur, der, wegen Majestätsbeleidigung aus Deutschland flüchtig, ein etwas rauhbeiniges Eigengewächs von Kommunismus in grobianischen Artikeln an den Mann zu bringen suchte. Eine zweite Fehde richtete sich gegen den Konsistorialassessor Hermann Wagener, der im Rheinischen Beobachter den Versuch machte, einen christlich verbrämten Regierungssozialismus zu propagieren. Wie er ihm heimleuchtete, dafür nur eine Stelle als Beleg: „Die sozialen Prinzipien des Christentums haben jetzt achtzehnhundert Jahre Zeit gehabt, sich zu entwickeln und bedürfen keiner ferneren Entwicklung durch preußische Konsistorialräte. Die sozialen Prinzipien des Christentums haben die antike Sklaverei gerechtfertigt, die mittelalterliche Leibeigenschaft verherrlicht und verstehen sich ebenfalls im Notfalle dazu, die Unterdrückung des Proletariats wenn auch mit etwas jämmerlicher Miene, zu verteidigen. Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Notwendigkeit einer herrschenden und einer unterdrückten Klasse und haben für diese nur den frommen Wunsch, jene möge wohltätig sein. Die sozialen Prinzipien des Christentums setzen die konsistorialrätliche Ausgleichung aller Infamien in den Himmel und rechtfertigen dadurch die Fortdauer dieser Infamien auf der Erde. Die sozialen Prinzipien des Christentums erklären alle Niederträchtigkeiten der Unterdrücker gegen die Unterdrückten entweder für die gerechte Strafe der Erbsünde und sonstiger Sünden, oder für Prüfungen, die der Herr über die Erlösten nach seiner Weisheit verhängt. Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Feigheit, die Selbstverachtung, die Erniedrigung, die Unterwürfigkeit, die Demut, kurz alle Eigenschaften der Kanaille, und das Proletariat, das sich nicht als Kanaille behandeln lassen will, hat seinen Mut, sein Selbstgefühl, seinen Stolz und seine Unabhängigkeit noch weit nötiger als sein Brot. Die sozialen Prinzipien des Christentums sind duckmäuserig, und das Proletariat ist revolutionär.“ Damit war Wagener abgetan — um nach Jahr und Tag als leitender Redakteur der frommen Berliner Kreuzzeitung wieder aufzutauchen, an seiner Seite Bruno Bauer als Mitarbeiter.
Den ernsthaftesten und peinlichsten Konflikt hatte Marx in Brüssel mit Wilhelm Weitling, dem einzigen großen — dabei sympathischen und verehrungswürdigen — utopischen Sozialisten Deutschlands. Dieser arme Schneider aus Magdeburg, Sohn einer Magd, der sich als Handwerksbursche in Paris an den Ideen Saint-Simons und Fouriers vollgesogen hatte und später in der Schweiz seine hingebungsvolle Propaganda mit langer Haft hatte büßen müssen, hatte durch sein Buch Die Garantien der Harmonie und Freiheit die Augen der Welt auf sich gelenkt. Marx hatte es voller Begeisterung „ein brillantes literarisches Debut“ genannt und dem Proletariat mit solchen „riesenhaften Kinderschuhen“ ein günstiges Prognostikon gestellt. In Brüssel freilich, wo Weitling im Arbeiterverein auftauchte, stellte sich heraus, daß er in seiner Entwicklung nicht weitergekommen war, sich dafür aber einen großen Überlegenheitsdünkel zugelegt hatte; er ritt noch immer das Steckenpferd der Utopie und Verschwörung und sah sich überall von Neidern und Rivalen verfolgt. Als eines Tages Marx darauf drang, daß phantastische Gefühlsseligkeiten, die sich für Kommunismus ausgaben, zurückgewiesen würden, ergriff Weitling die Partei des utopistischen Schwarmgeistes, worauf es zwischen ihm und Marx zum offenen Bruche kam. Mit der verhängnisvollen Gabe, jede sachliche Differenz so auszufechten, daß sie den Giftstachel persönlicher Verletzung hinterließ, machte sich Marx auch Weitling zum unversöhnlichen Feinde.
Mit aller Rücksichtslosigkeit, unbekümmert, ob Freund, ob Feind, arbeitete Marx aus dem Wust und Nebel einer gärenden und schwelenden Entwicklung die klare, eherne Linie des Klassenkampfes heraus. Unerbittlich und mit hartnäckiger Zähigkeit hielt er an einem Gedankenkreise fest, dessen Zentrum die Klassenkampftheorie war. Er war der erste, der den Sozialismus als das Ergebnis einer aus sich selbst rollenden Entwicklung auffaßte und grundsätzlich mit dem Utopismus brach. Der erste, der in den proletarischen Massen die Vollstrecker dieser Entwicklung sah. Der erste, der mit dem Kapitalismus als einer unvermeidlichen Epoche der Entwicklung, einem ökonomischen und politischen Faktum rechnete, das weder hinwegdisputiert oder -spintisiert noch durch taktische Schachzüge umgangen werden kann. Der erste, der sich in seiner Gesamthaltung mit der gesellschaftlichen Situation des Proletariats identifizierte, die er als täglichen, stündlichen Klassenkampf deklarierte. Alles, was diese klare, messerscharfe Linie, diese unzweideutige, geschlossene Folgerichtigkeit zu verwirren, zu verdunkeln drohte, verfolgte er mit dem Ingrimm eines gereizten Löwen.
Auch die Utopisten hatten ihren Blick auf eine sozialistische Zukunft gerichtet und für ein Gesellschaftsideal gekämpft. Aber sie wollten ihre Sozialkonstruktion als nächst höheres Stockwerk über dem Feudalismus aufrichten, den Kapitalismus entweder umgehen oder durch Verständigung zu gewinnen suchen. Was sie als Heilslehre verkündeten, gaben sie als Geschenk, mit Gönnermiene und Wohltätigkeitsgeste. Sie handelten unter dem Antrieb ethischer Impulse oder dem Einflusse sentimentaler Gefühle, bewogen von Mitleid, übermannt von Rührung, gestachelt von Haß. Ihr Sozialismus mußte ein schönes Spiel in den Wolken bleiben, weil sie das Elementarste, Wesentlichste aller Gesellschaft verkannten: die Realität. Weil sie im weiteren keine Ahnung hatten von der Eigengesetzlichkeit historischen Geschehens: der Dialektik. Und weil sie endlich auf den lebendigen Motor der zum Sozialismus führenden Bewegung verzichten zu können glaubten: das klassenkämpferische Proletariat.
Marx machte zwischen sich und diesen Utopisten einen dicken Strich. Und in täglicher Fehde, die ihm immer neue Scharen von Feinden schuf, bewies er sich, daß sein Sozialismus der allein echte und richtige sei.
Brüsseler Arbeiterverein
Durch die Tätigkeit von Marx und Engels war Brüssel im Verlaufe von zwei, drei Jahren zu einer kommunistischen Zentrale geworden.
Von hier aus gingen starke und unablässige Ströme der Anregung, Erweckung, Klärung und Beeinflussung in alle Welt. Und hier liefen unzählige Fäden der Verbindung mit allen revolutionären Herden, mit Vertetern der kommunistischen Idee, mit verwandten, gleichgerichteten, wenn auch nach andern Prinzipien orientierten Bewegungen in Frankreich, England, Deutschland, Polen und der Schweiz zusammen.
Eine ausgebreitete Korrespondenz mit allen für moderne Ideen und den Kommunismus irgendwie in Betracht kommenden Persönlichkeiten knüpfte ständig neue Maschen in das ohnehin dichte Netz der Beziehungen. Häufige Reisen, die Engels nach Paris unternahm, unterstützten die Information der Pariser Freunde, dienten der Gewinnung und Heranbildung neuer Mitarbeiter, halfen zur Klärung in dem Wust utopisch-babylonischer Sprachverwirrung. An Stelle von Saint-Simon und Fourier, deren Lehren überholt waren und nur noch in der Tradition weiterlebten, waren Cabet, Weitling und Proudhon getreten, die großen Zulauf von Intellektuellen und Arbeitern hatten. Dazwischen fanden noch Konfusionäre wie Karl Grün, Verschwörer wie Mazzini, christliche Sozialisten und alle Spielarten ästhetischer, moralischer und sentimentaler Weltbeglückung ihr Publikum.
In diesem Kunterbunt der Erscheinungen bildete Brüssel bereits einen ruhenden Pol und ein Mekka für eine große Zahl von ernsthaften Geistern, die am Kommunismus interessiert waren, mit Marx oder Engels wichtige Fragen diskutieren wollten, ihren Rat brauchten, nach Aufklärung verlangten oder sich für Mitarbeit zur Verfügung stellten. Aus London war neben Wilhelm Weitling der Schlesier Wilhelm Wolff gekommen, der sich bald eng an Marx anschloß und ihm treu verbunden blieb. Aus der Schweiz traf Sebastian Seiler ein, aus Westfalen Joseph Weydemeyer, aus dem Wuppertale Kriege, der nach Amerika ging. Aus Paris brachte Engels den jungen talentvollen Schriftsetzer Stephan Born mit. In Brüssel selbst ragten aus dem Kreise der Anhänger und Mitgänger vor allem Gigot, der an der Stadtbibliothek tätig war, und Heilberg, der ein kleines Arbeiterblatt herausgab, hervor.
Den allgemeinen Treffpunkt bildete der Deutsche Arbeiterverein, der im Zusammenhange mit der Demokratischen Gesellschaft gegründet worden war. Man kam Mittwochs und Samstags zusammen, diskutierte Zeitfragen, hielt Vorträge, gab Wochenübersichten, veranstaltete Kurse. „Es wird hier“, schrieb Marx an Herwegh, „ganz parlamentarisch diskutiert und daneben auch gesellige Unterhaltung, Gesang, Deklamation, Theaterspiel usw. ... Wenn Du wieder einmal herüberkommst, wirst Du finden, daß in dem kleinen Belgien selbst für unmittelbare Propaganda mehr zu tun ist als in dem großen Frankreich.“ Nur einer, Bakunin, der sich auch in Brüssel eingefunden hatte, fand an der Tätigkeit des Arbeitervereins keinen Geschmack. Bakunin und Marx waren schon in Paris miteinander in Berührung gekommen. Ein Russe aus Bakunins Kreis hatte damals von Marx folgendes geschrieben: „Marx stellt den Typus eines Mannes vor, der aus Energie, festem Willen und unerschütterlichen Überzeugungen zusammengesetzt ist, ein Typus, auch in seinem Äußeren höchst merkwürdig. Mit einer dichten schwarzen Haarkappe auf dem Kopfe, haarbewachsenen Händen, schief zugeknöpftem Überzieher, hatte er dennoch das Äußere eines Mannes, der das Recht und die Macht besitzt, Achtung zu fordern, wie er auch auftreten und was er auch tun mag. Alle seine Bewegungen waren eckig, doch kühn und selbstbewußt. Alle seine Manieren widersprachen schroff den althergebrachten Sitten in gesellschaftlicher Beziehung. Sie waren jedoch stolz, gewissermaßen verächtlich, und seine grelle Stimme, die wie Metall klang, paßte merkwürdig zu seinen radikalen Urteilen über Personen und Dinge.“ Zwischen Bakunin und Marx war es bei der krassen Gegensätzlichkeit ihrer revolutionären Orientierung bald zu Differenzen gekommen. „Er nannte mich“, so äußerte Bakunin später, „einen sentimentalen Idealisten und hatte recht; ich nannte ihn einen finstern, treulosen und eitlen Menschen und hatte ebenfalls recht.“ Daß Bakunin, der so ein Weltanschauungsurteil durch ein Charakterurteil beantwortete, dem Brüsseler Arbeiterverein wiederum aus persönlichen, weniger aus sachlichen Gründen fernblieb, ist leicht zu begreifen. „Marx treibt hier“, so schrieb er aus Brüssel, „dieselbe eitle Wirtschaft wie vorher, verdirbt die Arbeiter, indem er Räsoneure aus ihnen macht. Dieselbe theoretische Verrücktheit und unbefriedigte Selbstzufriedenheit.“
Ein Abriß der Vorträge, die damals Marx im Arbeiterverein gehalten hat, ist später in Form von Zeitungsartikeln und schließlich als Propagandaschrift einer breiteren Öffentlichkeit übergeben worden. Unter dem Titel Lohnarbeit und Kapital stellt sie eine der ersten grundlegenden Arbeiten dar, in denen Marx die Kritik der politischen Ökonomie begonnen und die Resultate seiner Kritik niedergelegt hat. Sie ist deshalb besonders bemerkenswert, weil sie zeigt, wie Marx in seinen Arbeiten tastend, lernend, langsam wachsend vorgeht, zunächst noch unvollkommene Lösungen findet und schiefe Darstellungen gibt, bis er schließlich in längeren Zeiträumen und nach gründlichen Studien zu fertigen Resultaten gelangt. So ist es in dieser Schrift besonders der Begriff der Ware Arbeitskraft, der uns das langsame Wachstum in der ökonomischen Erkenntnis von Marx zeigt.
Die klassische politische Ökonomie übernahm, wie Engels in der Vorrede auseinandersetzt, aus der industriellen Praxis die landläufige Vorstellung des Fabrikanten, als kaufe und bezahle er die Arbeit seiner Arbeiter. Diese Vorstellung hatte für den Geschäftsgebrauch, die Buchführung und Preiskalkulation des Fabrikanten ganz gut ausgereicht. Naiverweise übertragen in die politische Ökonomie, richtete sie hier wundersame Irrungen und Wirrungen an.
Die Ökonomie findet die Tatsache vor, daß die Preise aller Waren, darunter auch der Preis der Ware, die sie „Arbeit“ nennt, fortwährend wechseln; daß sie steigen und fallen infolge von sehr mannigfachen Umständen, die häufig mit der Herstellung der Ware selbst in gar keinem Zusammenhange stehen, so daß die Preise in der Regel durch den puren Zufall bestimmt scheinen. Sobald nun die Ökonomie als Wissenschaft auftrat, war eine ihrer ersten Aufgaben, das Gesetz zu suchen, das sich hinter diesem, scheinbar die Warenpreise beherrschenden Zufall verbarg und das in Wirklichkeit diesen Zufall selbst beherrschte. Innerhalb der schwankenden Preise suchte sie den festen Zentralpunkt; sie ging von den Warenpreisen aus, um als deren regelndes Gesetz den Warenwert zu suchen, aus dem sich alle Preisschwankungen erklären solten.
Die klassische Ökonomie fand nun, daß der Wert einer Ware bestimmt werde durch die in ihr steckende, zu ihrer Produktion erheischte Arbeit. Mit dieser Erklärung begnügte sie sich. Aber damit geriet sie, sobald sie diese Wertbestimmung auf die Ware Arbeit selbst anwendete, aus einem Widerspruch in den andern. Wie wird der Wert der „Arbeit“ bestimmt? Durch die in ihr steckende notwendige Arbeit. Wieviel Arbeit aber steckt in der Arbeit eines Arbeiters für einen Tag, eine Woche, einen Monat, ein Jahr? Wenn die Arbeit das Maß aller Werte ist, so können wir den „Wert der Arbeit“ eben nur ausdrücken in Arbeit. Wir wissen aber absolut nichts über den Wert einer Stunde Arbeit, wenn wir nur wissen, daß er gleich einer Stunde Arbeit ist. Damit sind wir also kein Haar breit näher am Ziele; wir drehen uns in einem fort im Kreise.
Die klassische Ökonomie versuchte es mit einer andern Wendung. Sie sagte; der Wert einer Ware ist gleich ihren Produktionskosten. Aber was sind die Produktionskosten der Arbeit? Um diese Frage zu beantworten, mußten die Ökonomen der Logik ein bißchen Gewalt antun. Statt der Produktionskosten der Arbeit selbst, die leider nicht zu ermitteln sind, untersuchten sie nun die Produktionskosten des Arbeiters. Und diese lassen sich ermitteln. Sie entsprechen der Summe von Lebensmitteln — oder deren Geldpreis —, die durchschnittlich nötig sind, ihn arbeitsfähig zu machen und zu erhalten, ihn und seine Familie.
Da stellte sich nun ein interessantes Ergebnis heraus. Der Wert der Arbeit, den der Arbeiter als Lohn ausgezahlt erhielt, blieb hinter dem Werte der Arbeit, die der Unternehmer als Arbeitsprodukt einstrich, erheblich zurück. Entweder hatte die Arbeit zwei Werte, einen kleinen für den Arbeiter und einen großen für den Kapitalisten, oder die Formel war falsch oder es ging nicht mit rechten Dingen zu.
Die klassische Ökonomie hat diese Frage nicht gelöst. Ihr letzter Ausläufet, die Ricardosche Schule, ist großenteils an der Unlösbarkeit dieses Widerspruchs zugrunde gegangen. Die klassische Ökonomie hatte sich in einer Sackgasse festgerannt. Der Mann, der den Weg aus dieser Sackgasse fand, war Karl Marx. Und der Anfang zur Lösung des Rätsels wurde gemacht in den Vorträgen über Lohnarbeit und Kapital.
Das war ein ungeheuer wichtiger Schritt auf dem Wege der Klärung. Nachdem aus dem Chaos der Philosophie, Sozialtheorie und Geschichtsauffassung klare Begriffe, scharfe Linien, zuverlässige Markierungen herausgemeißelt waren, setzte nunmehr dieselbe Pfadfinder- und Höhlenforscherarbeit auch auf dem Gebiete der politischen Ökonomie ein. In Lohnarbeit und Kapital wie im Elend der Philosophie — im gleichen Jahre entstanden — legte Marx seine ersten sensationellen Funde vor.
Das Kommunistische Manifest
In den letzten Abschnitt der Brüsseler Zeit fällt die Beziehung Marxens zur Zentralbehörde des Bundes der Gerechten in London, die bereits mit Engels in Verbindung stand.
Im Januar 1847 traf ein Mitglied dieser Zentralbehörde, der Uhrmacher Moll, mit Vollmachten des Bundes in Brüssel ein, um Marx und Engels zum Eintritt in den Bund aufzufordern, da dieser willens sei, sich auf den Boden der von ihnen vertretenen theoretischen Auffassungen zu stellen. Ein in Aussicht genommener Kongreß solle die noch widerstrebenden Elemente innerhalb des Bundes gewinnen oder abstoßen, den Klärungsprozeß abschließen und das programmatische Destillat in die propagandistische Form eines Manifests bringen. Marx sagte seine Bereitwilligkeit zu, denn er hatte sich von Paris her die gute Meinung bewahrt, die er dort von dem Bunde empfangen hatte.
Der Kongreß fand im Sommer 1847 in London statt. Doch Marx war am Erscheinen verhindert. An seiner Stelle reiste Wilhelm Wolff, als Vertreter der Brüsseler Gemeinde, gemeinsam mit Engels, der die Pariser Gemeinde vertrat, nach London. Der Kongreß gab dem Bunde neue Statuten und einen neuen Namen, faßte aber noch keine endgültigen Beschlüsse; die Entscheidung konnte erst gefällt werden, nachdem die einzelnen Gemeinden zu den vorläufigen Resultaten der Tagung Stellung genommen hatten. Für Anfang Dezember desselben Jahres wurde ein zweiter Kongreß einberufen.
Ende November fuhr Marx mit Engels, den er in Ostende traf, nach London, um zunächst im Auftrage der Demokratischen Gesellschaft in Brüssel an dem Meeting teilzunehmen, das die Fraternal Democrats aus Anlaß des Jahrestags der polnischen Revolution am 29. November veranstalteten. Marx hielt eine Ansprache und überreichte eine Adresse. Unmittelbar auf das Meeting folgte in demselben Raume, dem Lokale des kommunistischen Arbeiterbildungsvereins in der Great Windmill Street, der Kongreß des Bundes der Gerechten, der jetzt Bund der Kommunisten hieß. Der Verlauf des Kongresses, der etwa zehn Tage dauerte, brachte die endgültige Absage an die alte Doktrin des Utopismus, die Preisgabe der konspirativen Taktik, die Einführung einer neuen Organisation und das Bekenntnis zu einem neuen Programm mit Sturz der Bourgeoisie, Herrschaft des Proletariats, Aufhebung der Klassengesellschaft und Einführung einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ohne Privateigentum und Klassen — ganz im Sinne der Marxschen Auffassung. Zum Schluß erhielten Marx und Engels den Auftrag, die kommunistischen Grundsätze der neugeschaffenen revolutionären Plattform in einem Manifest niederzulegen.
Nach der Rückkehr von London ging Engels sofort daran, einen Entwurf zu machen, der in Katechismusform fünfundzwanzig Punkte als grundlegende Bestandteile des Programms gemeinverständlich behandelte. Marx ließ mit der Arbeit einige Zeit auf sich warten, entschied sich aber dann für eine andere Form der Darstellung. Unter teilweiser Anlehnung an vorhandene Manifeste, wie sie damals zum Inventar jeder politischen Gruppe, jedes Klubs und jeder Sekte gehörten, aber durchaus original im Inhalt und selbständig in der Gedankenführung, entstand im genialen Wurfe seiner großzügigen Konzeption ein Manifest, das historisch darstellend, kritisch analysierend, programmatisch fixierend und prophetisch zielweisend zugleich war. Eine klassische Programmschrift aus einem Gusse; ein Meisterwerk in bezug auf Ursprünlichkeit der Ideen, Fülle der Gedanken, Geschlossenheit der Aufgabe und Kraft der Sprache.
Mit einer unerhörten Anschaulichkeit und Lebendigkeit, wie sie Marx weder vorher noch nachher je erreicht hat, schildert das Manifest die historische Entwicklung der Klassengesellschaft bis zur Höhe des modernen Kapitalismus, der Bourgeoisie und des industriellen modernen Proletariats. Und dies alles zu einer Zeit, da der Kapitalismus noch mit allen Hemmnissen seiner Entfaltung rang, die Bourgeoisie sich als herrschende Klasse erst zu etablieren begann und das Proletariat nur erst zögernd und im Zwielicht historischer Unentschiedenheit auf der politischen Bühne erschien. Die außerordentliche Gabe des Marxschen Geistes, sich kühn hinaus über das Unzulängliche seiner gegenwärtigen Gegebenheit zu erheben und wie vom Zenith eines hohen Firmaments den Verlauf der Entwicklung in die ferne Zukunft hinein so zu erfassen, daß ihm weder das Gesetz noch die Richtung, das Totalbild noch die Details dieses Verlaufs entgingen — diese bewunderungswürdige Fähigkeit erstrahlt hier in hellstem Lichte. Marx sieht alle Kämpfe und Niederlagen, Etappen und Schwenkungen, Gefahren und Siege dieser Entwicklung voraus. Er beobachtet die Mechanismen der Fortschrittes, zählt die Stufen des gesellschaftlichen Aufstiegs, fühlt den Pulsschlag der Bourgeoisie, hört die Schritte des aufmarschierenden Proletariats, sieht die Siegesfahne der sozialen Revolution. Alles Jahrzehnte vor ihrer Tatsächlichkeit, Generationen vor ihrem Eintritt, alles, obwohl fast visionär erkannt, in minutiöser Treffsicherheit und Treue der Realität. Heute sind achtzig Jahre verstrichen, seit das Kommunistische Manifest erschien, und es ist so zeitgemäß, so lebenswirklich und gegenwartstreu, so unmittelbarstes Heute, als wäre es gestern aus der Feder des besten Kenners unserer Zeit hervorgegangen.
Das Kommunistische Manifest geht von der Tatsache aus, daß wir in einer Klassengesellschaft leben, die historisches Produkt ist. In der Gegenwart stehen Bourgeoisie und Proletariat als feindliche Klassen gegenüber. Sie bedingen einander, aber ihre historische Beziehung zueinander ist der Klassenkampf. Daraus leitet Marx den Grundgedanken der Schrift ab: daß die Befreiung des Proletariats von Armut, Knechtschaft, Ausbeutung und Niedrigkeit auf keine andere Weise möglich ist als durch die Überwindung des Kapitalismus, die Beseitigung der Klassengesellschaft und des Klassenstaates und die Aufrichtung einer kommunistischen Ordnung auf der Grundlage des Gemeinbesitzes und der sozialen Klassenlosigkeit. In der Vollstreckung dieser Aufgaben liegt der Sinn und Zweck der proletarischen Revolution, die nicht das Ergebnis eines willkürlichen Entschlusses, sondern die historische Mission der Arbeiterklasse ist.
Es ist unerläßlich, die Grundlinien der klassischen Darstellung dieses sozialwissenschaftlichen Zusammenhänge in Marxens eigenen Worten zu verfolgen.
„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“
„Die aus dem Untergange der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt.“
„Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“
„Aus den Leibeigenen des Mittelalters gingen die Pfahlbürger der ersten Städte hervor, aus dieser Pfahlbürgerschaft entwickelten sich die ersten Elemente der Bourgeoisie.
Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues Terrain Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schiffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.
Die bisher feudale oder zünftige Betriebsweise der Industrie reichte nicht mehr aus für den mit neuen Märkten anwachsenden Bedarf. Die Manufaktur trat an ihre Stelle.
Aber immer wuchsen die Märkte, immer stieg der Bedarf. Auch die Manufaktur reichte nicht mehr aus. Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die industrielle Produktion. An die Stelle der Manufaktur trat die moderne große Industrie, an die Stelle des industriellen Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, die Chefs ganzer industrieller Armeen, die modernen Bourgeois.
Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt, den die Entdeckung Amerikas vorbereitete. Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schiffahrt, den Landkommunikationen eine unermeßliche Entwicklung gegeben. Diese hat wieder auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt, und in demselben Maße, worin Industrie, Handel, Schifffahrt, Eisenbahnen sich ausdehnten, in demselben Maße entwickelte sich die Bourgeoisie, vermehrte sie ihre Kapitalien, drängte sie alle vom Mittelalter her überlieferten Klassen in den Hintergrund.“
„Jede dieser Entwicklungsstufen der Bourgeoisie war begleitet von einem entsprechenden politischen Fortschritt... Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.“
„Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren... Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen andern aus.
„Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.“
„Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen, in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d. h. Bourgeois zu werden. Mit einem Worte, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.“„Die Bourgeoisie hebt mehr und mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglomeriert, die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen konzentriert. Die notwendige Folge hiervon war die politische Zentralisation. Unabhängige, fast nur verbündete Provinzen mit verschiedenen Interessen, Gesetzen, Regierungen und Zöllen wurden zusammengedrängt in Eine Nation, Eine Regierung, Ein Gesetz, Ein nationales Klasseninteresse, Eine Douanenlinie.“
„Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung der Produktions- und Verkehrsmittel entsprachen die Verhältnisse, worin die feudale Gesellschaft produzierte und austauschte, die feudale Organisation der Agrikultur und Manufaktur, mit einem Worte die feudalen Eigentumsverhältnisse den schon entwickelten Produktivkräften nicht mehr. Sie hemmten die Produktion, statt sie zu fördern. Sie verwandelten sich in ebensoviele Fesseln. Sie mußten gesprengt werden, sie wurden gesprengt. An ihre Stelle trat die freie Konkurrenz mit der ihr angemessenen gesellschaftlichen und politischen Konstitution, mit der ökonomischen und politischen Herrschaft der Bourgeoisklasse.“
„Unter unsern Augen geht eine ähnliche Bewegung vor. Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. Seit Dezennien ist die Geschichte der Industrie und des Handels nur die Geschichte der Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die modernen Produktionsverhältnisse, gegen die Eigentumsverhältnisse, welche die Lebensbedingungen der Bourgeoisie und ihrer Herrschaft sind. Es genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen... Die Waffen, womit die Bourgeoisie den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die Bourgeoisie selbst.“„Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer erzeugt, die diese Waffen führen werden — die modernen Arbeiter, die Proletarier.
In demselben Maße, worin sich die Bourgeoisie, d. h. das Kapital entwickelt, in demselben Maße entwickelt sich das Proletariat, die Klasse der modernen Arbeiter... Diese Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.“
„Die bisherigen kleinen Mittelstände, die kleinen Industriellen, Kaufleute und Rentiers, die Handwerker und Bauern, alle diese Klassen fallen ins Proletariat hinab, teils dadurch, daß ihr kleines Kapital für den Betrieb der großen Industrie nicht ausreicht und der Konkurrenz mit den größeren Kapitalisten erliegt, teils dadurch, daß ihre Geschicklichkeit von neuen Produktionsweisen entwertet wird. So rekrutiert sich das Proletariat aus allen Klassen der Bevölkerung.“
„Das Proletariat macht verschiedene Entwicklungsstufen durch. Sein Kampf gegen die Bourgeoisie beginnt mit seiner Existenz.
Im Anfange kämpfen die einzelnen Arbeiter, dann die Arbeiter einer Fabrik, dann die Arbeiter eines Arbeitszweigs an einem Orte gegen den einzelnen Bourgeois, der sie direkt ausbeutet. Sie richten ihre Angriffe nicht nur gegen die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, sie richten sie gegen die Produktionsinstrumente selbst; sie vernichten die fremden konkurrierenden Waren, sie zerschlagen die Maschinen, sie stecken die Fabriken in Brand, sie suchen die untergegangene Stellung des mittelalterlichen Arbeiters wieder zu erringen.
Auf dieser Stufe bilden die Arbeiter eine über das ganze Land zerstreute und durch die Konkurrenz zersplitterte Masse. Massenhaftes Zusammenhalten der Arbeiter ist noch nicht die Folge ihrer eigenen Vereinigung, sondern die Folge der Vereinigung der Bourgeoisie, die zur Erreichung ihrer eigenen politischen Zwecke das ganze Proletariat in Bewegung setzen muß und es einstweilen noch kann. Auf dieser Stufe bekämpfen die Proletarier also nicht ihre Feinde, sondern die Feinde ihrer Feinde, die Reste der absoluten Monarchie, die Grundeigentümer, die nicht industriellen Bourgeois, die Kleinbürger. Die ganze geschichtliche Bewegung ist so in den Händen der Bourgeoisie konzentriert; jeder Sieg, der so errungen wird, ist ein Sieg der Bourgeoisie.
Aber mit der Entwicklung der Industrie vermehrt sich nicht nur das Proletariat; es wird in größeren Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst, und es fühlt sie mehr. Die Interessen, die Lebenslagen innerhalb des Proletariats gleichen sich immer mehr aus, indem die Maschinerie mehr und mehr die Unterschiede der Arbeit verwischt und den Lohn fast überall auf ein gleich niedriges Niveau herabdrückt. Die wachsende Konkurrenz der Bourgeoisie unter sich und die daraus hervorgehenden Handelskrisen machen den Lohn der Arbeiter immer schwankender; die immer rascher sich entwickelnde unaufhörliche Verbesserung der Maschinerie macht die ganze Lebensstellung immer unsicherer; immer mehr nehmen die Kollisionen zwischen dem einzelnen Arbeiter und dem einzelnen Bourgeois den Charakter von Kollisionen zweier Klassen an. Die Arbeiter beginnen damit, Koalitionen gegen die Bourgeoisie zu bilden; sie treten zusammen zur Behauptung ihres Arbeitslohnes. Sie stiften selbst dauernde Assoziationen, um sich für die gelegentlichen Empörungen zu verproviantieren. Stellenweise bricht der Kampf in Emeuten aus.
Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter. Sie wird befördert durch die wachsenden Kommunikationsmittel, die von der großen Industrie erzeugt werden und die Arbeiter der verschiedenen Lokalitäten miteinander in Verbindung setzen. Es bedarf aber bloß der Verbindung, um die vielen Lokalkämpfe von überall gleichem Charakter zu einem nationalen, zu einem Klassenkampfe zu zentralisieren. Jeder Klassenkampf ist aber ein politischer Kampf.“
„Diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei, wird jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst. Aber sie ersteht immer wieder, stärker, fester, mächtiger. Sie erzwingt die Anerkennung einzelner Interessen der Arbeiter in Gesetzesform, indem sie die Spaltung der Bourgeoisie unter sich benutzt.“
„Zu Zeiten endlich, wo der Klassenkampf sich der Entscheidung nähert, nimmt der Auflösungsprozeß innerhalb der herrschenden Klasse, innerhalb der ganzen alten Gesellschaft, einen so grellen, heftigen Charakter an, daß ein kleiner Teil der herrschenden Klasse sich von ihr lossagt und sich der revolutionären Klasse anschließt ... Wie früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so geht jetzt ein Teil der Bourgeoisie zum Proletariat über und namentlich ein Teil der Bourgeoisideologen, welche zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben.“
„Die Lebensbedingungen der alten Gesellschaft sind schon vernichtet in den Lebensbedingungen des Proletariats. Der Proletarier ist eigentumslos; sein Verhältnis zu Weib und Kind hat nichts mehr gemein mit dem bürgerlichen Familienverhältnis; die moderne industrielle Arbeit, die moderne Unterjochung unter das Kapital, dieselbe in England wie in Frankreich, in Amerika wie in Deutschland, hat ihm allen nationalen Charakter abgestreift. Die Gesetze, die Moral, die Religion sind für ihn ebenso viele bürgerliche Vorurteile, hinter denen sich ebenso viele bürgerliche Interessen verstecken.
Alle früheren Klassen, die sich die Herrschaft eroberten, suchten ihre schon erwerbone Lebensstellung zu sichern, indem sie die ganze Gesellschaft den Bedingungen ihres Erwerbs unterwarfen. Die Proletarier können sich die gesellschaftlichen Produktivkräfte nur erobern, indem sie ihre eigene bisherige Aneignungsweise und damit die ganze bisherige Aneignungsweise abschaffen. Die Proletarier haben nichts von dem ihrigen zu sichern, sie haben alle bisherigen Privatsicherheiten und Privatversicherungen zu zerstören.“
„Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl. Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird.“
„Die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände.In allen diesen Bewegungen heben sie die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie auch angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor.
Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.
Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“
In der Skizze, die diese knappen und wuchtigen Sätze aus dem ersten, zweiten und vierten Abschnitt vermitteln, spricht die revolutionäre Seele des Kommunistischen Manifests zu uns.
Sieht man vom dritten Abschnitt ab, der in der Kritik der nicht marxistischen Theorien und Bewegungen naturgemäß nur bis zum Jahre 1847 reichen konnte, so ist darin alles enthalten, was das Proletariat an elementarer Erkenntnis, an erster wissenschaftlicher Orientierung für die praktischen Erfordernisse des Klassenkampfes braucht.
Die konkrete Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise, der Bourgeoisie, des Proletariats, der modernen Klassenkämpfe und der sozialistischen Bewegung hat die Richtigkeit dieser abstrakten und zeitlich vorweggenommenen Schilderung des Entwicklungsverlaufs in allen Stücken und Phasen durchaus bestätigt.
Achtzig Jahre lebendigsten Lebens bezeugen, daß das Kommunistische Manifest keine papierene Urkunde einer weltfremden theoretischen Gelehrtheit ist, sondern daß aus ihm das eherne Gesetz der Entwicklung spricht und der rhythmische Herzschlag der Geschichte klingt.
Erprobung
Der gallische Hahn
Seinen Aufsatz zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern 1843 hatte Marx mit dem prophetischen Ausblick geschlossen: „Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.“
Gegen Ende der vierziger Jahre waren die „innern Bedingungen“ zunächst für Frankreich so weit erfüllt, daß der gallische Hahn durch sein Schmettern das Signal zu einer Revolution geben konnte.
Von 1845 an hatte sich die wirtschaftliche Notlage unter den französischen Arbeitern und Kleinbürgern stetig verschärft. Kartoffelkrankheit und Mißernte hatten zu Lebensmittelknappheit und Teuerungen geführt, die um so bitterer empfunden wurden und um so aufreizender wirkten, je schamloser die obern Zehntausend ihre Orgien der Prasserei und Ausschweifung feierten Die allgemeine Beunruhigung wurde verstärkt durch eine große Handels- und Industriekrise, die in England ausbrach und bald auf den Kontinent übergriff. „Schon Herbst 1845 angekündigt durch die massenhafte Niederlage der Eisenbahnaktienspekulanten, hingehalten während des Jahres 1846 durch eine Reihe von Inzidenzpunkten, wie die bevorstehende Abschaffung der Kornzölle, eklatierte sie endlich 1847 in den Bankrotten der großen Londoner Kolonialwarenhändler, denen die Falliten der Landbanken und das Schließen der Fabriken in den englischen Industriebezirken auf dem Fuße nachfolgten ... Zu Paris hatte die industrielle Krisis noch speziell die Folge, eine Masse Fabrikanten und Großhändler, die auf dem auswärtigen Markte unter den gegenwärtigen Umständen keine Geschäfte mehr machen konnten, auf den inneren Handel zu werfen. Sie errichteten große Etablissements, deren Konkurrenz Epiciers und Boutiquiers massenhaft ruinierte. Daher eine Unzahl Falliten in diesem Teile der Pariser Bourgeoisie, daher ihr revolutionäres Auftreten im Februar“ (Marx).
Die Bourgeoisie war nun allerdings am Sturze der Finanzaristokratie außerordentlich interessiert, aber sie fürchtete die Massen, die sie zu diesem Sturze brauchte. Sie besaß Einblick in die ausgebreitete Wühlarbeit, die während des Bürgerkönigtums geleistet und von ihr teilweise gefördert worden war. Sie war sogar geneigt, deren Umfang und die politische Reife der Arbeiterklasse zu überschätzen, und hatte Besorgnis, daß ihr beim Umschwunge der Regierung die Zügel aus der Hand gleiten könnten. Darum versuchte sie einen Regierungswechsel zunächst ohne das Aufgebot der Massen herbeizuführen.
Sie eröffnete eine Wahlrechtskampagne mit dem Ziele, sich die Mehrheit des Parlaments zu erobern. Seit Juli 1847 veranstaltete sie in ganz Frankreich eine Reihe lärmvoller Reformbankette, auf denen zwischen Fisch und Braten die Chancen und Auspizien der „trockenen Revolution“ diskutiert wurden. Das Proletariat hatte an diesen echt bürgerlichen Methoden, politische Kämpfe zu führen, weder Interesse noch Anteil. Die Regierung der Finanzaristokratie aber, deren Politik auf die Durchkreuzung dieser Opposition hinauslaufen mußte, verfügte über eine sehr unglückliche Hand. Guizot und die Kammermehrheit ließen sich auf keinerlei Kompromiß ein, sondern lehnten die auf Herabsetzung des Zensus, Vermehrung der Parlamentsitze und Zulassung von Kapazitäten gerichteten Reformvorschläge brüsk ab. Damit gossen sie Öl ins vorsichtig gehegte Feuer der Bewegung und verschafften dieser in immer weiteren Kreisen Sympathien und Anhang. Louis Philipp versuchte den ausbrechenden Brand durch Bildung eines liberalen Ministeriums zu löschen, kam jedoch zu spät. Ehe man sich’s versah, schlug die Flamme der Revolution durch das Dach. Der rote gallische Hahn schmetterte sein Signal in die aufhorchende Welt.
Marx und Engels wurden von dem Ausbruche der Revolution völlig überrascht. Aus der Ferne hatte sich weder Tempo noch Intensität der Entwicklung beurteilen lassen, noch weniger konnten die Momente in Rechnung gesetzt werden, die in letzter Stunde den Ausschlag gaben. Selbst in Paris, wo Engels im Januar 1848 weilte, war die Verfassung der Arbeiterschaft im allgemeinen wie die des Kommunistenbundes im besondern, soweit sie überhaupt einen Maßstab bildeten, nur dazu angetan, die äußerste Skepsis zu bekräftigen. „Mit dem Bunde geht’s hier miserabel“, schrieb unter dem 14. Januar Engels an Marx. „Solche Schlafmützigkeit und kleinliche Eifersucht der Kerle untereinander ist mir nie vorgekommen. Die Weitlingerei und Proudhonisterei sind wirklich der kompletteste Ausdruck der Lebensverhältnisse dieser Esel, und daher ist nichts zu machen. Die einen sind echt Straubinger, alternde Knoten, die andern angehende Kleinbürger. Eine Klasse, die davon lebt, daß sie wie Irländer den Franzosen den Lohn drückt, ist total unbrauchbar. Ich mache jetzt einen letzten Versuch; wenn das nicht glückt, ziehe ich mich von dieser Art Propaganda zurück.“ Unter den bekannten Führern war eigentlich nur der kleinbürgerliche Demokrat Flocon für die kommunistische Sache zu haben, doch befürchtete auch er von der offenen Entfaltung der kommunistischen Fahne mehr Schaden als Nutzen für den revolutionären Gedanken. Sehr enttäuscht kehrte Engels am 31. Januar nach Brüssel zurück.Drei Wochen später brach die Revolution aus. Es kam in Paris zu Straßenaufständen, die Arbeiter rissen die Initiative an sich, bestiegen die Barrikade, hielten zwei Tage im mörderischen Feuer stand, stürzten das Ministerium Guizot, warfen den Thron um, verbrannten ihn vor der Julisäule auf dem Bastilleplatz und trieben König und Minister aus dem Lande hinaus. Am 24. Februar wurde eine provisorische Regierung eingesetzt und unter dem Drucke der Massen, widerstrebend, doch ohne die Kraft zum Widerstande, die Republik ausgerufen. Ledru-Rollin, Louis Blanc, Flocon und der Arbeiter Albert saßen mit in der provisorischen Regierung, die am 1. März durch ein von Flocon gezeichnetes Schreiben Marx nach Paris berief.
Die Londoner Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten hatte bei der ersten Kunde vom Ausbruche der Revolution ihre Befugnisse sofort der Gruppe in Brüssel übertragen. Aber dieser Beschluß traf, wie Engels berichtet, in Brüssel ein, als dort bereits der Belagerungszustand verhängt war und das Militär gegen Versammlungen, Vereine, Klubs rücksichtslos vorging. An Zusammenkünfte, besonders von Ausländern, war nicht zu denken. Außerdem standen Marx, Engels und alle andern seit Tagen auf dem Sprunge nach Paris. So beschloß man, die Zentralbehörde aufzulösen und alle Vollmachten Marx persönlich zu übertragen mit der Direktive, in Paris sofort ein neues Zentralkomitee zu schaffen. Kaum war der Beschluß gefaßt, als die Polizei auf dem Plan erschien, in die Wohnung von Marx eindrang, diesen nebst Frau verhaftete, beide eine Nacht im Gewahrsam behielt und am nächsten Tage auswies. Auf direktem Wege ging es nach Paris.
Die Revolution hatte in Paris den ganzen Generalstab der sozialistischen Sektenpriester und Wunderschäfer auf die Beine gebracht. Louis Blanc kämpfte um die Anerkennung der roten Fahne als Nationalflagge und die Errichtung von Nationalwerkstätten. Proudhon predigte in heftiger Ablehnung staatssozialistischer Experimente „die Organisation des Kredits und der Spekulation“. Bakunin trieb unausgesetzt zu neuen Putschen an, so daß Caussidiere, der Barrikadenpräfekt, verzweifelt ausrief: „Welch ein Mensch! Am ersten Tage ist er wunderbar, am zweiten müßte man ihn erschießen lassen!“ Andere, die über den Theorien und Programmen keine Projekte für die
Praxis vorbereitet hatten, riefen die Hilfe des Staates an zur Verwirklichung der revolutionären Idee. Und wieder andere — wie Leroux an Cabet schrieb — fragten sich, wie es möglich sei, eine Republik zu gründen ohne sozialistische Idee. Unterdessen pflanzte das Volk im Taumel des ersten Erfolgs auf den Pariser Boulevards jubelnd Freiheitsbäume, schwelgte in den Rhythmen der Marseillaise, berauschte sich an Paraden und brannte auf den Straßen Feuerwerk ab.Die Ausländer, die sofort beschäftigungslos geworden waren und einen schweren Stand hatten, taten sich nach einem phantastischen Einfall Herweghs zu Legionen zusammen, um den Freiheitskampf in ihre Vaterländer zu tragen. Die Regierung griff den Plan auf, wie sie auch den Plan der Nationalwerkstätten akzeptiert hatte. Wie sie hier hoffte, Louis Blanc vor den Massen zu diskreditieren, so hoffte sie dort, durch Bewilligung von Marschgeld an die Legionäre eine unbequeme Masse fremden Volkes aus Paris auf billige Weise loszuwerden. Herweghs schnell entflammtes Temperament setzte sich besonders für die Bildung einer deutschen Legion ein. Wieder einmal wurde er zum Helden des Tages, alt und jung strömte ihm zu, bewaffnete sich und drängte zum Abmarsch. Unter den Jüngsten seiner Freiwilligen befand sich der 22jährige Wilhelm Liebknecht, der, Mitglied des Züricher deutschen Arbeitervereins, nach Paris geeilt war, um an den Kämpfen teilzunehmen, die sein heißes Blut lockten.
Marx traf am 4. März in Paris ein. Engels hatte — Tücke des Schicksals — kein Reisegeld und konnte erst am 25. März nachkommen. Am 6. März erschien Marx bereits in der politischen Arena. In einer großen Versammlung trat er der romantischen Revolutionsoperette, die Herwegh aufzuführen gedachte, mit schneidend-scharfer, kühler polemischer Analyse entgegen. Eine Legion nach Deutschland führen, heiße die preußische Reaktion zur militärischen Abschlachtung der Revolution herausfordern. Gegenüber den Waffen der Preußen, Österreicher, Russen seien die Legionen lächerliche Kinderspiele. Aller Heroismus werde erbarmungslos in nichts zerrieben werden. Der beste Dienst würde mit den Legionen nur der französischen Bourgeoisie geleistet, indem man sie von dem Alpdruck befreie, den die Anwesenheit der revolutionärsten Elemente aus aller Welt ihr bereite. Überhaupt sei der Gedanke der Legion eine Inspiration der Bourgeoisie und Herwegh lediglich ihr Instrument. Marx, von seinem Eifer wie von der Wucht seiner Argumente fortgerissen, ignorierte die Zurufe, die ihn als Feigling verdächtigten, und die Entrüstung über sein Abgleiten ins Demagogische, das ihm immer in solchen Momenten passierte. Die Versammlung vermochte nicht, seiner Hartnäckigkeit zu widerstehen; der bald darauf errungene Sieg der Revolution in Wien und Berlin machte die revolutionäre Invasion ohnehin rasch zu einer überholten Frage. Gleichwohl führte Herwegh noch einen Trupp Arbeiter nach Deutschland. Sie wurden beim badischen Aufstand elend zusammengehauen und besiegelten mit ihrer Vernichtung die Richtigkeit der Voraussage von Marx.
In Erledigung seines Auftrags ging Marx in Paris sofort an die Schaffung einer neuen Zentralbehörde für den Bund der Kommunisten. Sie wurde gebildet aus Marx, Engels, Wolff und den Mitgliedern der Londoner Zentralbehörde, die ebenfalls in Paris eingetroffen waren. Darauf wurde ein von Marx entworfenes Manifest erlassen, das in siebzehn Punkten die „Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland“ enthielt: Erklärung Deutschlands zu einer einigen, ungeteilten Republik, Besoldung der Volksvertreter, allgemeine Volksbewaffnung, Umwandlung der fürstlichen und feudalen Landgüter, der Eisenbahnen, Kanäle, Dampfschiffe, Bergwerke, Gruben usw. in Staatseigentum, Übernahme der Hypotheken auf den Staat, Beschränkung des Erbrechts, Einfühführung von starken Progressivsteuern und Abschaffung der Konsumentensteuern, Errichtung von Nationalwerkstätten, Unentgeltlichkeit des Unterrichts usw. Brennpunkt der politischen Tätigkeit wurde ein neu begründeter kommunistischer Klub, dessen Bemühen besonders darauf gerichtet war, mit Hilfe Flocons eine große Anzahl deutscher Revolutionäre über die Grenze zu bringen, um unter ihrer tatkräftigen Führung in Deutschland die Revolution auszulösen und politisch zu beherrschen. Wolff ging nach Breslau, Schapper nach Nassau, Stephan Born nach Berlin.
Dadurch wurde freilich die ohnehin nicht sehr lebenskräftige und leistungsfähige Bewegung in Paris ihrer fähigsten und zuverlässigsten Mitglieder beraubt. Die Aufgaben, die in äußerster Fülle, Mannigfaltigkeit und Tragweite zur Lösung drängten, konnten von den wenigen, die zurückblieben und aktiv waren, kaum übersehen, viel weniger in Angriff genommen werden. Über allgemeine Richtlinien und Gesichtspunkte kam auch die intensivste Anteilnahme und Rührigkeit nicht hinaus. Mit dem Augenblicke — sagt Engels — wo die Ursachen aufhörten, die den geheimen Bund notwendig gemacht hatten, hörte auch der geheime Bund auf, etwas zu bedeuten.
Während in Frankreich die Entwicklung der unvermeidlichen Konsequenz zutrieb, die sich aus dem Charakter der Revolution als eines bloßen Schichtwechsels der Bourgeoisie ergab, richteten Marx und Engels ihre Blicke nach dem Rheinlande, dem Sitze der Großindustrie und Großbourgeoisie, wo nach der im Kommunistischen Manifest niedergelegten Erkenntnis die Revolution ihre reifste Form annehmen und ihre vollsten Früchte zeitigen mußte.
Anfang April verließen sie Paris und eilten nach Deutschland.
Neue Rheinische Zeitung
Der revolutionäre Funke war über Süddeutschland und Österreich nach Preußen gesprungen.
Er hatte in Baden, Württemberg und Bayern zahllose Perücken in Brand gesteckt, in Wien das in allen Fugen krachende altersschwache Bauwerk der Heiligen Allianz in Rauch aufgehen lassen, in Berlin das Märzgewitter zur Entladung gebracht.
Anfangs hatte Friedrich Wilhelm IV. gemeint, die Revolution werde vor Preußen respektvoll haltmachen. Deshalb hatte er sich mit Zugeständnissen und der Gewährung bürgerlicher Freiheiten keineswegs beeilt. Er hatte den Vereinigten Landtag einberufen, damit er ihm das Geld bewillige, das zu gewähren sich Rothschild ohne die Sanktion der Stände weigerte. Einen größeren Tribut gedachte er dem Geiste der Zeit nicht zu bringen.
Die liberale und demokratische Opposition des Bürgertums hatte anfangs kräftig vorgestoßen, war aber, als sie unter dem Eindrucke der Pariser Februarrevolution sogar Arbeiter und Sozialisten in die Regierung aufsteigen sah, angstvoll zurückgewichen. Die Entwicklung, durch das Gewicht ihrer historischen Schwere unaufhaltsam geworden, hatte sie jedoch überrannt. Arbeiter und Kleinbürger hatten an ihrer Statt das Element eines neuen Zeitalters in Freiheit gesetzt.
Aber das Bürgertum sah dem Neuen voller Besorgnis entgegen. Unverwandt hielt es den Blick auf die drohende Gebärde gerichtet, mit der das französische Proletariat im Namen der Revolution seine sozialen Forderungen anmeldete. Besonders der Umstand, daß in Frankreich gerade jene Regierungsform gestürzt wurde, die es in Deutschland aufzurichten gedachte, gestürzt von Männern, die es als Feinde des Eigentums, der Ordnung, der Religion und all ihrer politischen und sozialen Ideale erkannte, ließ es vor Angst erschauern und seinen revolutionären Willen rasch erlahmen. Es entsetzte sich vor seiner Zukunft und flüchtete schlotternd in die Arme des Adels und der Monarchie. Mit dem faulen Kompromiß, auf das man sich einigte, war das Schicksal der deutschen Revolution entschieden.
Damit auch das Schicksal der deutschen Republik. Im Überschwange des ersten Erfolgs der Märzkämpfe, als alle Herzen noch von Begeisterung fortgerissen und kühnen Illusionen erfüllt waren, schien den radikalen Führern des Bürgertums die Republik als Ziel der Revolution eine Selbstverständlichkeit zu sein. Und in der politischen Stimmung weitester Schichten fand dieser Gedanke zustimmendes Echo.
Nun aber der erste Rausch verflogen war und die revolutionären Flitterwochen zu Ende gingen, änderte sich das Bild. Die Philister verlangten „Schluß der Revolution“, die Behörden erklärten Ruhe zur ersten Bürgerpflicht, die Bourgeoisie hetzte gegen die „Aufwiegler“ und „Ausländer“. Revolution war zum Verbrechen geworden, Republik identisch mit „Raub, Mord und Einfall der Russen“. Dies hatte schon Jung aus Köln an Marx berichtet; und als Bakunin im April durch Köln reiste, beobachtete er, daß die Bourgeoisie „verzweifelt die Republik verwerfe“. Aus Frankfurt schrieb Dronke, man werde fast gesteinigt, wenn man sich als Kommunist bekenne. Marx und Engels waren sich also nicht im unklaren über die politische Atmosphäre, die sie in Deutschland erwartete. Dennoch führten sie ihren Vorsatz durch. „Unter den damaligen Umständen“, schreibt Engels später „konnte für uns kein Zweifel sein, daß der große Entscheidungskampf angebrochen sei, daß er ausgefochten werden müsse in einer einzigen langen und wechselvollen Revolutionsperiode, daß er aber nur enden könne mit dem endgültigen Siege des Proletariats.“ Engels ging nach Barmen, Marx nach Köln. Ihr Plan war, die von der Reaktion unterdrückte und eingesargte ehemalige Rheinische Zeitung wieder zu neuem Leben zu erwecken. In ihr sollte sich das Banner der Revolution im Sinne des Kommunistischen Manifests entfalten. Dieser Plan kreuzte sich mit Bestrebungen, die von demokratischer und kommunistischer Seite ausgingen und auf Schaffung einer großen Tageszeitung abzielten. Freilich war es nicht leicht, die Widerstände zu überwinden, die sich aus der Verschiedenartigkeit der Projekte ergaben. Und auch dann noch bot die materielle Fundierung des Unternehmens große Schwierigkeiten. Die wohlhabende Bourgeoisie ging jeder Diskussion des revolutionären Problems mit ängstlicher Scheu aus dem Wege und hielt besorgt die Hand auf die Tasche. Engels, der die kommunistische Bewegung im Wuppertale noch lebendig in der Erinnerung trug und auf Hilfe aus diesem Kreise einige Hoffnung gesetzt hatte, machte dieselben niederschmetternden Erfahrungen. „Die Leute“, schrieb er an Marx, „scheuen sich alle wie die Pest vor der Diskussion der gesellschaftlichen Fragen; das nennen sie Aufwiegelei. Wenn ein einziges Exemplar unserer siebzehn Punkte hier verbreitet würde, so wäre hier alles verloren für uns. Die Stimmung bei den Bourgeois ist wirklich niederträchtig ... Aus meinem Alten ist vollends nichst herauszubeißen. Für den ist schon die Kölner Zeitung ein Ausbund von Wühlerei, und statt tausend Taler schickte er uns lieber tausend Kartätschenkugeln auf den Hals.“
Es gelang aber schließlich doch, die nötige Anzahl Aktionäre zu finden, so daß die Gründung des Blattes, wenn auch auf sehr schwacher finanzieller Basis, erfolgen konnte. Am 1. Juni 1848 erschien es in Köln als Neue Rheinische Zeitung. Die rote Fahne der Revolution war gehißt.
In der Redaktion saßen neben Marx und Engels die Brüder Wilhelm und Ferdinand Wolff, Ernst Dronke, Georg Weerth, Ferdinand Freiligrath und Heinrich Bürgers. Marx bearbeitete die deutsche Politik und hatte die Gesamtleitung, die er mit der souveränen Sicherheit und Klarheit des genialen Diktators handhabte. Er besaß eigentlich keine journalistische Begabung, schrieb schwerfällig und feilte lange an seinen Artikeln; die Leichtigkeit, mit der Engels in jeder Situation seine Gedanken flüssig und druckreif aufs Papier warf, hat immer seinen Neid und seine Bewunderung erregt. Dafür hatte er den absolut sicheren Blick für das Richtige, das von keinem Affekt getrübte oder abgelenkte kühle, klare Urteil, den in allen Wirrnissen und Wechselfällen unbeirrbaren Standpunkt und die unerschütterliche Herrschaft über die Situation. Engels, der sehr elastisch war und den seine große Auffassungs- und Einfühlungsfähigkeit zum geborenen Journalisten machte, kontrollierte — dank seinen vielseitigen Sprachkenntnissen — die gesamte Presse des Auslandes und hielt besonders die Vorgänge in Frankreich und England im Auge. Freiligrath versorgte das Blatt mit dem pathetischen Schwunge seiner leidenschaftlichen Revolutions- und Freiheitslieder, deren Widerhall durch ganz Deutschland ging. Die übrigen Mitglieder des Redaktionsstabes gliederten sich mit ihren Kräften und Beiträgen so harmonisch in das Gesamtbild der Zusammenarbeit ein, daß die Neue Rheinische Zeitung von ihrer ersten bis letzten Nummer den Eindruck vollendeter Einheitlichkeit hinterläßt. Sie war eine Leistung aus einem Gusse, ein klassisches Revolutionsblatt.
Im Juni 1848, als die Neue Rheinische Zeitung zu erscheinen begann, war die Revolution für das Proletariat ganz, für die Bourgeoisie schon halb verloren.
Alle, die keinen Mut zum Kampfe gefunden hatten, um sie zu retten, klammerten sich nun mit ihren Hoffnungen an den Mut zum Schwätzen und Phrasendreschen, an das Parlament. In der Frankfurter Paulskirche sollte sich, das war ihre feste Überzeugung, auf dem Wege der Gesetzlichkeit, Ordnung und Mäßigung das Werk der deutschen Einheit und Freiheit erfüllen.
Es galt als unpatriotisch, daran zu zweifeln, wie es als verbrecherisch galt, noch von Revolution und Barrikaden zu sprechen.
Man kann sich vorstellen, wie den Bürgern der guten Stadt Köln zu Mute war, als sie die erste Nummer der Neuen Rheinischen Zeitung zur Hand nahmen. Ihre loyale Lammfrommheit war mit der ätzenden Lauge eines erbarmungslosen Spottes übergossen; ihre Taktik der Besonnenheit wurde als die Feigheit des Egoismus entlarvt; ihre politische Hoffnung, die Nationalversammlung, sahen sie als „Schwatzbude“ und „Konzil alter Weiber“ der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Hälfte der Aktionäre trat sofort zurück, und in der demokratischen Partei, als deren Organ die Neue Rheinische Zeitung galt, gab es die heftigsten Auseinandersetzungen.Aber die Redaktion ließ sich weder einschüchtern noch zu sanfterer Tonart erziehen. Von Nummer zu Nummer setzte sie ihre schonungslosen Angriffe auf die Regierung, die Nationalversammlung, die Reaktion und die Politik der faulen Kompromisse fort. Es kam die Junischlacht in Paris. Während die französischen Arbeiter den Sinn dieses Blutbades überhaupt nicht begriffen und die deutschen Arbeiter kaum davon Notiz nahmen, benutzte Marx die Gelegenheit zu einer schneidend scharfen Analyse des Bürgerkrieges, der auch in Deutschland in immer drohendere Nähe rückte. Indem er sich rückhaltlos auf die Seite der Junikämpfer stellte, schrieb er:
„Der letzte offizielle Rest der Februarrevolution, die Exekutivkommission, ist vor dem Ernst der Ereignisse wie ein Nebelbild zerflossen. Lamartines Leuchtkugeln haben sich verwandelt in die Brandraketen Cavaignacs. Die Fraternité, die Brüderlichkeit der entgegengesetzten Klassen, wovon die eine die andere exploitiert, diese Fraternité, im Februar proklamiert, mit großen Buchstaben auf die Stirne ven Paris geschrieben, auf jedes Gefängnis, jede Kaserne — ihr wahrer, unverfälschter, ihr prosaischer Ausdruck, das ist der Bürgerkrieg, der Bürgerkrieg in seiner fürchterlichsten Gestalt, der Krieg der Arbeit und des Kapitals. Diese Brüderlichkeit flammte von allen Fenstern von Paris am Abend des 25. Juni, als das Paris der Bourgeoisie illuminierte, während das Paris des Proletariats verbrannte, verblutete, verächzte. Die Brüderlichkeit währte gerade solange, als das Interesse der Bourgeoisie mit dem Interesse des Proletariats verbrüdert war. Die Februarrevolution war die schöne Revolution, die Revolution der allgemeinen Sympathie, weil die Gegensätze, die in ihr gegen das Königtum eklatierten, unentwickelt, einträchtig nebeneinander schlummerten, weil der soziale Kampf, der ihren Hintergrund bildete, nur eine luftige Existenz gewonnen hatte, die Existenz der Phrase, des Wortes. Die Junirevolution ist die häßliche Revolution, die abstoßende Revolution, weil an die Stelle der Phrase die Sache getreten ist, weil die Republik das Haupt des Ungeheuers selbst entblößte, indem sie ihm die schirmende und versteckende Krone abschlug. Ordnung! war der Schlachtruf Guizots. Ordnung! schreit Cavaignac, das brutale Echo der französischen Nationalversammlung und der republikanischen Bourgeoisie. Ordnung! donnerten seine Kartätschen, als sie den Leib des Proletariats zerrissen. Keine der zahlreichen Revolutionen der französischen Bourgeoisie seit 1789 war ein Attentat auf die Ordnung, denn sie ließ die Herrschaft der Klasse, sie ließ die Sklaverei der Arbeiter, sie ließ die bürgerliche Ordnung bestehen, so oft auch die politische Form dieser Herrschaft und dieser Sklaverei wechselte. Der Juni hat diese Ordnung angetastet. Wehe über den Juni!“
Dieser Artikel, der am 29. Juni erschien, erregte unter den Mitgliedern der demokratischen Partei helle Entrüstung. Ein wahres Kesseltreiben gegen die Neue Rheinische Zeitung und besonders gegen Marx setzte ein. Die Kreuzzeitung forderte die Behörden auf zum Einschreiten gegen diese „Chimborassofrechheit“ und das Reichsjustizministerium stellte bei der Staatsanwaltschaft den Antrag auf Strafverfolgung.
Unbeirrbar und unerschrocken führte die Zeitung ihren geharnischten Kampf weiter. Hatte sie jetzt auch die andere Hälfte der Aktionäre eingebüßt, so verzichteten die Redakteure auf ihr Gehalt, um den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern. Man richtete sich sparsam ein. Marx gab sein letztes kleines Vermögen her, die Zähne mußten zusammengebissen werden. Nun erst recht! hieß die trotzige Parole, die es durchzuhalten galt. Unzweideutig wurde als Aufgabe der demokratischen Presse deklariert: an der Seite des kämpfenden Proletariats die Revolution weiterzutreiben bis zum Siege über die Reaktion.
In der demokratischen Partei
Während die Neue Rheinische Zeitung unter dem Deckmantel der demokratischen Partei das Eisen der Revolution schmiedete, blieben die ehemaligen Mitglieder des Bundes der Kommunisten, die mit nach Köln übersiedelt waren, keineswegs untätig. Im Gegenteil, ihre revolutionäre Vergangenheit gab ihnen das Bewußtsein, daß sie in erster Linie berufen seien, nun auch der revolutionären Gegenwart zu dienen. Ihre Wirksamkeit entfalteten sie vorwiegend auf dem Gebiete der Organisation und mündlichen Propaganda.
Um den Kommunistenbund hatte es bei Ausbruch der Revolution in Deutschland sehr trübe ausgesehen. Als Wilhelm Wolff von Paris nach Breslau reiste, berichtete er von Köln, daß dort „der Bund in großer Zusammenhanglosigkeit vegetiere“, von Berlin, „daß der Bund ganz lose bestehe“, es seien „etwa zwanzig Leute, die allerdings recht zusammenhalten, aber eigentlich ohne alle Form“, von Breslau, daß „von Organisation nichts vorhanden“ sei. Ebenso trostlos lauteten die Berichte aus andern Städten und Provinzen. Dronke war glücklich, als er am 5. Mai mitteilen konnte, er habe in Koblenz „eine Gemeinde konstituiert und bis jetzt vier Mitglieder aufgenommen“, in Frankfurt „zwei sehr tüchtige Leute bereits gewonnen und andere noch auf dem Zuge“, in Hanau und Kassel sei Aussicht, den Bund zu konstituieren, während er in Mainz den Bund „in völliger Anarchie gefunden“ habe.
Um die Organisation stand es also schlecht und es gab alle Hände voll zu tun. Schapper und Moll hatten sich zugleich mit Marx in Köln eingefunden und ihre Tätigkeit damit begonnen, ein Netz von Arbeitervereinen über Rheinland und Westfalen zu werfen, um die politisch wichtigen Provinzen organisatorisch zu erfassen. Es galt, sowohl Stützpunkte für revolutionäre Aktionen zu schaffen als auch ein Hinterland von Lesern für die Zeitung zu erobern. Im Wuppertale hatte Engels die Gründung kommunistischer Arbeitervereine in die Wege geleitet.
Diese Minierarbeit mußte bald die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich lenken. Obwohl in der Festung Köln achttausend Mann Militär lagen, hielt die Regierung die Ordnung noch nicht genug gesichert. Sie schob zuverlässige Truppen aus dem Osten in großer Menge nach der Rheinprovinz, um im Bedarfsfalle einzugreifen. An ein lokales Losschlagen wurde aber angesichts der im ganzen Reiche sich ausbreitenden Kampfunlust und Lethargie nicht gedacht. Marx und Engels, warnten vor Unbesonnenheiten und putschistischen Exzessen, womit man nur die Geschäfte der Gegner besorge. Gleichzeitig jedoch erörterten sie für den Fall eines Staatsstreiches, der in der Luft lag, in aller Freimütigkeit die Haltung, die nach ihrer Meinung das Volk einzunehmen hätte.
Die praktische Demonstration zu diesen theoretischen Erwägungen lieferte eine in Köln veranstaltete große Volksversammlung unter freiem Himmel, vor der Heinrich Bürgers im Sinne der Neuen Rheinischen Zeitung sprach. Eine von Engels eingebrachte Resolution richtete an die Nationalversammlung in Berlin die Aufforderung, bei dem Versuche ihrer Auflösung und Beseitigung ihre Schuldigkeit zu tun bis zum Widerstande selbst gegen die Gewalt der Bajonette. Zugleich wurde auf Vorschlag Wilhelm Wolffs die Einsetzung eines Sicherheitsausschusses für Köln gefordert.
Eine zweite Volksversammlung mit gleicher Tendenz und noch imposanterem Verlaufe tagte auf einer Wiese bei Wörringen am Rhein. Sie ist besonders erwähnenswert, weil an dieser Demonstration auch eine Delegation aus Düsseldorf teilnahm, deren Obmann der 23 jährige Ferdinand Lassalle war. Lassalle, der damals in Düsseldorf lebte, beteiligte sich lebhaft an der politischen Arbeit der demokratischen Partei. Er hatte schon oft Beiträge und Mitteilungen für die Neue Rheinische Zeitung geliefert und mit der Redaktion korrespondiert. Zum ersten Male traf er hier mit Engels zusammen. Marx, der das preußische Bürgerrecht nicht mehr besaß und ständig seine Ausweisung befürchten mußte, war, um den Behörden keinen billigen Vorwand zu liefern, den Kundgebungen ferngeblieben, obwohl er ihr eigentlicher Inspirator war.
In der Tat kam es bald darauf zu Unruhen, die der Militärgewalt Gelegenheit zum Einschreiten boten. Schapper, Moll und der Referendar Hermann Becker, der spätere Oberbürgermeister von Köln, wurden verhaftet. Über die Stadt wurde der Belagerungszustand verhängt. Die Neue Rheinische Zeitung verfiel dem Verbot des Erscheinens. Engels, Wilhelm Wolff und Dronke als Hauptbeteiligte wußten, daß ihnen eine längere Haft sicher war. Darum räumten sie das Feld. Wolff verschwand nach der Pfalz. Engels eilte nach Barmen, um seine ganze Korrespondenz zu vernichten, und von dort — nach einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem Vater — mit Dronke nach Brüssel. Hier wurden beide verhaftet, ausgewiesen und per Schub an die französische Grenze gebracht. Ihre nächste Station war Paris, das Engels bald gegen die Schweiz vertauschte.
Marx blieb unbehelligt in Köln, ließ sogar während des Belagerungszustandes illegal die Zeitung erscheinen und trat in engere Beziehung zu Lassalle, der wohl auch an dem Kongreß der demokratischen Partei, der in Köln tagte und dem Marx als Delegierter beiwohnte, teilgenommen hat. Es kam hier darauf an, die von Marx vertretene radikale Linie durchzusetzen, eine Aufgabe, die das Aufgebot großer Energie und Aktivität erforderte. Welche Figur dabei Marx gemacht hat, schildert ein Bericht des 19jährigen Karl Schurz, der in Gemeinschaft mit Gottfried Kinkel ebenfalls zu den Besuchern des Kongresses gehörte. „Marx war damals“, so heißt es da, „dreißig Jahre alt und bereits das anerkannte Haupt einer sozialistischen Schule. Der untersetzte, kräftig gebaute Mann mit der breiten Stirn, dem pechschwarzen Haupthaar und Vollbart und den dunkeln blitzenden Augen zog sofort die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Er besaß den Ruf eines in seinem Fache sehr bedeutenden Gelehrten, und da ich von seinen sozialökonomischen Entdeckungen und Theorien äußerst wenig wußte, so war ich um so begieriger, von den Lippen des berühmten Mannes Worte der Weisheit zu sammeln. Diese Erwartung wurde in einer eigentümlichen Weise enttäuscht. Was Marx sagte, war in der Tat gehaltreich, logisch und klar. Aber niemals habe ich einen Menschen gesehen von so verletzender, unerträglicher Arroganz des Auftretens. Keiner Meinung, die von der seinigen abwich, gewährte er die Ehre einer einigermaßen respektvollen Erwägung. Jeden, der ihm widersprach, behandelte er mit kaum verhüllter Verachtung. Jedes ihm mißliebige Argument beantwortete er entweder mit beißendem Spott über die bemitleidenswerte Unwissenheit oder mit ehrenrühriger Verdächtigung der Motive dessen, der es vorgebracht. Ich erinnere mich noch wohl des schneidend höhnischen, ich möchte sagen des ausspuckenden Tones, mit welchem er das Wort ‚Bourgeois‘ aussprach; und als ‚bourgeois‘, das heißt als unverkennbares Beispiel einer tiefen geistigen Versumpfung, denunzierte er jeden, der seiner Meinungen zu widersprechen wagte. Es war nicht zu verwundern, daß die von Marx befürworteten Anträge in der Versammlung nicht durchdrangen, daß diejenigen, deren Gefühl er durch sein Auftreten verletzt hatte, geneigt waren, für alles das zu stimmen, was er nicht wollte, und daß er nicht allein keine Anhänger gewonnen, sondern manche, die vielleicht seine Anhänger hätten werden können, zurückgestoßen hatte.“
Das Porträt ist nicht schmeichelhaft und dürfte doch stimmen, denn es deckt sich mit Schilderungen, die auch andere von Marx gegeben haben. Der Leutnant Techow sprach sich zwei Jahre später über Marx fast mit den selben Worten aus.
Der Charakter eines Menschen ist nicht Gegenstand seiner Schande. Die Schilderungen besagen nur, daß Marx trotz seiner dreißig Jahre, seiner enormen Leistungen und seines Rufes als Gelehrter und Politiker noch immer der tief unsicher um seine Geltung ringende, um seine Prestige zitternde Mensch war, als den wir ihn in jüngeren Jahren kennengelernt haben. Denn sein hochgeschraubtes Selbstbewußtsein, seine Arroganz, seine Rechthaberei und Unduldsamkeit waren nur die jedem Menschenkenner bekannten Verdeckungen eines ungewöhnlich niedrig angesetzten Selbstwertgefühls, das ihn unablässig zwang, mit gereizter, ja überreizter Empfindlichkeit jede Gefahr abzuwehren, die ihn mit Bloßstellung bedrohte oder zu bedrohen schien. Er konnte keinem Andersdenkenden ruhig und abwartend zuhören, weil er fürchtete, dieser könnte bei ausführlicher Entwicklung seiner Gedanken überzeugen oder recht behalten. Er mußte jede fremde Meinung niederschreien, weil er vor dem Vorstellungsgespenst zitterte, diese könnte Anhänger finden und er müsse leer ausgehen. Er mußte jeden Gegner entwerten und herunterreißen, weil er hoffte, durch persönliche Anwürfe die Stichhaltigkeit der gegnerischen Argumente entkräften, den Wert der Sache herabsetzen und die Gefolgschaft des Partners vereiteln zu können. Er konnte keinen Rivalen dulden, weil er stets und ständig gemartert wurde von der Angst, es könnte sich an irgendeinem Punkte erweisen, daß nicht er, sondern der Rivale der gescheiteste unter allen Gescheiten, der tüchtigste unter allen Tüchtigen, der revolutionärste unter allen Revolutionären sei.
Indem er selbstbewußt und anmaßend auftrat, rechnete er unbewußt damit, die Zaghaften und Schwachen unter seinen Gegnern verblüffen und in den Winkel scheuchen zu können. Indem er die Meinungen anderer verspottete, glaubte er sich von vornherein ein Plus der Überlegenheit zu sichern. Indem er siegesgewiß auftrumpfte und sich Vorschußlorbeeren spendete, war er überzeugt, so und nicht anders müsse man handeln, um den ganzen Triumph zu erzielen und die vollen Lorbeeren zu ernten. „Unter falschen Gewichten stöhnend, schuf seine Seele falsche Gegengewichte.“
Nur einen ließ er neben sich gelten — Engels. Und diesen sicher nur deshalb, weil er über dessen außerordentliche Fähigkeiten und Leistungen mit absoluter Diktatur verfügen konnte, ohne daß dieser als Gegenleistung auch nur einmal verlangt hätte, dafür bedankt oder ebenbürtig neben Marx gestellt zu sein. Solange sich ein Mitarbeiter willig in den Dienst von Marx stellte, bestand das beste Verhältnis. Der Konflikt brach aber sofort aus, sobald der andere eine eigene Ansicht äußerte oder Anspruch auf das Geltungsrecht seines Willens erhob. Das typische Autoritätsverhältnis.
Gewiß war dies ein unglücklicher Charakter, unter dem jeder litt, der in den Bannkreis der faszinierenden Persönlichkeit geriet. Am meisten indes litt darunter Marx selbst. Er atmete förmlich auf in Situationen, wo die in Ehrgeiz umgesetzte Angst von ihm wich und das mit Überhebung maskierte Gefühl der Unzulänglichkeit einmal schwieg. Da vollzog sich in ihm eine völlige Verwandlung; er wurde schlicht, weich, ganz zart, rührend in seiner Herzlichkeit, Hingabe und Güte.
Diese schöne Menschlichkeit reichte freilich nicht aus, um die ungeheure Aufgabe zu lösen, die zur Bestimmung seines Lebens geworden war. Für die ganze Menschheit zu wirken, über Jahrhunderte hinwegzusetzen und eine Welt zu gewinnen — das war eine Leistung, nur von dem zu vollbringen, der Tag und Nacht die Sporen eines übermenschlichen Antriebs in den blutenden Flanken fühlte.
Zusammenbruch der Revolution
Schrittweise hatte die Konterrevolution Terrain gewonnen und ihre Kräfte gesammelt. Noch aber zögerte sie, den entscheidenden Schlag zu führen. Da brachte ihr die Generalprobe in Wien die Gewißheit, daß sie stark genug sei, das Werk der Revolution zu zerstampfen.
Marx war Ende August nach Wien gereist, um die revolutionären Elemente des Bürgertums zu beraten und die Arbeiter für geschlossenen Widerstand gegen die Reaktion zu gewinnen. Unverrichteter Dinge war er zurückgekehrt. Aber auch der zweite Kongreß der Demokraten in Berlin versagte. Die beschwörenden Aufrufe von Marx gingen unter in hilflosen und weinerlichen Deklamationen. So verfiel Wien seinem Schicksal. In blutigen Oktobertagen eroberte die Soldateska die tapfer verteidigte Stadt. Am 9. November wurde Robert Blum in der Brigittenau erschossen.
Die Kölner Demokraten hielten am Abend dieses denkwürdigen Tages eine große Volksversammlung ab. Plötzlich erschien Marx im Saal, überbrachte eine Depesche und verlas: „Dem Märzgesetz gemäß ist Robert Blum in Wien erschossen worden.“ Ein gellender Schrei der Versammelten war die Antwort. Und dieser Schrei hallte durch ganz Deustchland.
Aber in Berlin wußte man, daß Bajonette stärker sind als Schreie und Tränen. Man überließ die Sentimenta-
lität den Kleinbürgern und Arbeitern und stützte sich auf die Gewalt. Der Generalprobe folgte das eigentliche Drama: der Staatsstreich. Das neuernannte Ministerium Brandenburg, das dem zögernden Ministerium Pfuel folgte, setzte die Verfassung außer Kraft, vertrieb die Nationalversammlung, entwaffnete die Bürgerwehr und verhängte den Belagerungszustand. Alles ohne den geringsten Widerstand. Ein kläglicheres Ende hat noch nie eine Revolution erlebt.Die Nationalversammlung hatte in letzter Stunde noch, während sie schon unter den Säbelhieben der Wrangelschen Gardegrenadiere auseinanderstob, als Protest gegen ihre Vertreibung und als Ersatz für Kampfesheldenmut die allgemeine Steuerverweigerung beschlossen. Das war ein Lufthieb, aber die Neue Rheinische Zeitung suchte auch daraus noch etwas zu machen. In Aufrufen bearbeitete sie die Bürger, sich in geschlossener Organisation den Behörden zu widersetzen. Auf ihr Betreiben erließ der demokratische Kreisausschuß eine von Marx, Schapper und Schneider gezeichnete Proklamation zur Vorbereitung des bewaffneten Abwehrkampfes. Die gewaltsame Eintreibung der Steuern sei, so hieß es da, „durch jede Art des Widerstandes zurückzuweisen“; weiter sei „der Landsturm zur Abwehr des Feindes überall zu organisieren“; für Unbemittelte seien „Waffen und Munition auf Gemeindekosten oder durch freiwillige Beiträge zu beschaffen“; falls die Behörden sich weigerten, die Beschlüsse der Nationalversammlung anzuerkennen und durchzuführen, sollten Sicherheitsausschüsse ernannt werden. Natürlich blieb diese Proklamation nur bedrucktes Papier. Die Feigheit der Abgeordneten, ihr entmutigendes Beispiel und ihre tausendfachen Ermahnungen zu Ruhe und Gesetzlichkeit hatten bewirkt, daß die Massen auch dann in unerschütterlichem Gehorsam und Respekt verharrten, als aktivste Respektlosigkeit ihre einzige Rettung geworden war. So blieb der Lufthieb ein Lufthieb und die Konterrevolution unangefochtene Siegerin auf der ganzen Linie.
Der einzige konkrete Erfolg der Aktion war, daß Lassalle in Düsseldorf verhaftet und Marx als Chefredakteur der Neuen Rheinischen Zeitung nebst Engels als Mitherausgeber und Korff als Verleger wegen Aufforderung zum bewaffneten Widerstand gegen Militär und Behörden vor Gericht gestellt wurden. Am 8. Februar 1849 war die Verhandlung vor den Kölner Geschworenen. Marx hielt eine glänzende Verteidigungsrede. Zunächst verwahrte er sich gegen den Versuch, ihn auf Grund von Gesetzen zu bestrafen, die von der Regierung durch ihren Staatsstreich längst zerrissen worden seien. Sodann wies er nach, daß es eine juristische Einbildung sei, zu glauben, daß die Gesellschaft auf dem Gesetz beruhe. Im Gegenteil beruhe das Gesetz auf der Gesellschaft und der Code Napoleon werde zu einem Ballen Papier, sobald er den gesellschaftlichen Verhältnissen nicht mehr entspreche. Schließlich proklamierte er mit leidenschaftlicher Geste das Recht des Volkes auf Revolution, nachdem seine gewählten Vertreter ihr Mandat im Stiche gelassen hätten. „Vollführt die Nationalversammlung ihr Mandat nicht, so ist es erloschen. Das Volk tritt dann in eigener Person auf die Bühne und handelt aus eigener Machtvollkommenheit. Wenn die Krone eine Konterrevolution macht, so antwortet das Volk mit Recht durch eine Revolution.“ Die Wirkung der Rede, die in der revolutionären Literatur als klassische Verteidigungsrede gilt, war außerordentlich stark. Das Geschworenengericht, das Marx erst zwei Tage vorher in einem Beleidigungsprozeß freigesprochen hatte, erkannte wiederum auf Freispruch. Und der Obmann der Geschworenen tat ein Übriges, indem er sich namens seiner Kollegen für die interessanten und lehrreichen Darlegungen des Angeklagten bedankte.
Drei Monate später wurde in Düsseldorf gegen Lassalle verhandelt. Das Urteil lautete ebenfalls auf Freisprechung. Auch von diesem Prozeß existiert eine berühmte Verteidigungsrede, die allerdings bei der Verteidigung bereits im Druck vorlag. Der Gerichtshof, der davon Wind bekommen hatte, ließ daraufhin, um der agitatorischen Absicht der Rede die Spitze abzubrechen, die Verhandlung unter Ausschluß der Öffentlichkeit führen, worauf Lassalle auf seine Verteidigungsrede verzichtete.
Erfrischt durch das juristische Stahlbad des Prozesses setzte Marx in der Neuen Rheinischen Zeitung seine Kampagne in unverminderter Schärfe fort. In dem halben Jahre ihres Bestehens hatte die Zeitung ein Riesenmaß an Arbeit geleistet, wie keine andere Tribüne der Revolution zur Aufrüttelung und Klärung der Geister beigetragen. Nicht nur, daß sie die Jämmerlichkeit der Parlamente in Berlin und Frankfurt geißelte, das Ministerium Camphausen-Hansemann schonungslos kritisierte, die politische Rückständigkeit und Hasenfüßigkeit des Kleinbürgertums verspottete und der Reaktion wie den Wortführern der „Vereinbarung“ unerschrocken und unerbittlich entgegentrat — sie hatte auch den revolutionären Krieg gegen Rußland gefordert, sich mit Feuer für die Sache Polens eingesetzt, den Krieg um Schleswig-Holstein als nationalen Krieg verfochten, den Waffenstillstand von Malmö bekämpft, den Fall Wiens behandelt, der ungarischen Revolution einen sachkundigen Aufsatz und ihre begeisterten Sympathien gewidmet. Weiter hatte sie sich mit Bakunins demokratischem Panslawismus polemisch auseinandergesetzt, die Artikel Wilhelm Wolffs über die schlesische Milliarde veröffentlicht und mit dem Abdruck der von Marx in Brüssel gehaltenen Vorträge über Lohnarbeit und Kapital begonnen, um die ökonomischen Verhältnisse darzustellen, „welche die materielle Grundlage der jetzigen Klassenkämpfe und Nationalkämpfe bilden“.
Eine schwache Stelle freilich gab es in dem vielseitigen und reichen Programm der Neuen Rheinischen Zeitung: sie informierte nur dürftig und ganz unzulänglich über die Arbeiterbewegung während der Revolution. Es war doch nicht so, daß es überhaupt keine Arbeiterbewegung gegeben hätte. Gewiß, die Arbeiter waren, selbst in den großen Städten, politisch noch ganz unentwickelt, liefen hinter den liberalen und demokratischen Flausenmachern des Kleinbürgertums her oder bildeten den Troß einer Menge halbrevolutionärer Schwätzer, Spekulanten und Konfusionsräte, wie sie die bewegte Zeit an die Oberfläche gespült hatte. Aber sie waren da und für die Revolution zu erfassen. So berichtete Stephan Born in einem Briefe an Marx von Berlin: „Das Proletariat ist durch und durch revolutionär. Ich organisiere überall die zerstreuten Kräfte zu einer starken Macht. Ich stehe hier so ziemlich an der Spitze der Arbeiterbewegung... Vom Juni ab erscheint unter meiner Redaktion eine Arbeiterzeitschrift ‚Das Volk‘. Ich habe hier eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft und rechne deshalb auf guten Erfolg.“ In der Tat brachte Born eine ansehnliche „Arbeiterverbrüderung“ zustande, die Streiks inszenierte, Gewerks- und Produktivgenossenschaften gründete und auch sonst von sich reden machte, so daß ihre Peripherie weit über Berlin hinausging, ja bis nach Leipzig, Dresden und Ostelbien reichte.
Die Neue Rheinische Zeitung hatte ihre aufwühlende Agitation auf die linke Demokratie des Bürgertums zugeschnitten, weil sie der Meinung war, daß erst durch politische Kämpfe des bürgerlichen Elements der Spielraum für die Entfaltung des rein proletarisch-revolutionären Programms gewonnen werden müsse. Das Gewicht der Arbeiterschaft erschien ihr noch zu klein, als daß es ernstlich in die Wagschale hätte geworfen werden können. Je offensichtlicher freilich die Hoffnungen auf Erfolg dieser Taktik durch Feigheit und Verrat des Bürgertums vereitelt wurden, desto stärker sah auch die Neue Rheinische Zeitung sich in das Lager der Arbeiter gedrängt. Besonders der Zerfall der demokratischen Organisation des Rheinlandes, ihr völliges Versagen in entscheidenden Situationen machte diese Schwenkung notwendig.
Am 15. April 1849 erklärten Marx, Wilhelm Wolff, Schapper und Hermann Becker ihren Austritt aus dem demokratischen Kreisausschuß mit der Begründung: „Wir erachten, daß die jetzige Organisation der demokratischen Vereine zu viele heterogene Elemente in sich schließt, als daß eine dem Zwecke der Sache gedeihliche Tätigkeit möglich wäre. Wir sind vielmehr der Ansicht, daß eine engere Verbindung der Arbeitervereine, da dieselben aus gleichen Elementen bestehen, vorzuziehen ist.“ Mit ihnen schied der Kölner Arbeiterverein aus dem Verbande der rheinischen Demokratenvereine aus. Der Plan ging dahin, alle Arbeitervereine der Provinz auf einem für den 6. Mai einberufenen Kongresse zusammenzufassen und mit der „Arbeiterverbrüderung“, die einen Kongreß sämtlicher deutscher Arbeitervereine nach Leipzig einberufen hatte, in Verbindung zu treten.
Um für die Durchführung der taktischen Schwenkung auch wirtschaftlich gerüstet zu sein, begab sich Marx von Mitte April an auf eine Werbereise, die der Kasse wieder einige Geldmittel zuführen sollte. Denn die Finanzkraft der Zeitung war erschöpft, das eigene Vermögen verbraucht, das Geld der Aktionäre zurückgezogen. Das Unternehmen kämpfte einen schweren, fast verzweifelten Existenzkampf. Doch noch bevor Marx zurückkehrte, war er ausgekämpft. Der Streich aus dem Hinterhalte hatte das Blatt und seinen Herausgeber getroffen.
Unter dem 18. Mai brachte die Neue Rheinische Zeitung folgende Mitteilung: „Vor einiger Zeit wurde von Berlin aus an eine hiesige Behörde die Forderung gestellt, abermals den Belagerungszustand über Köln zu verhängen. Man bezweckte die standrechtliche Beseitigung der Neuen Rheinischen Zeitung, aber man stieß auf unerwarteten Widerstand. Später wandte sich die königliche Regierung an das hiesige Parket, um denselben Zweck durch willkürliche Verhaftungen zu erreichen. Sie scheiterte an den juristischen Bedenken des Parkets, wie sie schon zweimal an dem gesunden Menschenverstande der rheinischen Geschworenen gescheitert war. Es blieb nichts anderes übrig, als zu einer Polizeifinte seine Zuflucht zu nehmen. Am 16. Mai wurde ihrem Redakteur en chef Karl Marx folgender Regierungswisch mitgeteilt: „In ihren neuesten Stücken (!) tritt die Neue Rheinische Zeitung mit der Aufreizung zur Verachtung der bestehenden Regierung, zum gewaltsamen Umsturz und zur Einführung der sozialen Republik immer entschiedener hervor. Es ist daher ihrem Redakteur en chef, dem Dr. Karl Marx, das Gastrecht (!), welches er so schmählich verletzt, zu entziehen, und da derselbe eine Erlaubnis zum ferneren Aufenthalt in den hiesigen Staaten nicht erlangt hat, ihm aufzugeben, dieselben binnen 24 Stunden zu verlassen. Sollte er der an ihn ergehenden Aufforderung nicht freiwillig Genüge leisten, so ist derselbe zwangsweise über die Grenze zu bringen.“
So erschien die letzte Nummer der Neuen Rheinischen Zeitung am 19. Mai auf rotes Papier gedruckt mit dem berühmt gewordenen Gedicht von Freiligrath „Kein offener Hieb in offener Schlacht ...“ an der Spitze.
Eben noch von einem Herrn Henze geborgte dreihundert Taler, 1500 Taler Abonnementsgelder, die Schnellpresse usw. wurden sämtlich zur Liquidation der Schulden der Zeitung an Setzer, Drucker, Papierhändler, Kontoristen, Korrespondenten, Redaktionspersonal usw. verwandt. Dann versetzte Frau Marx ihr Silberzeug, altes Erbgut der Familie, verkaufte ihre Ausstattung und zog mit drei kleinen Kindern ohne Heimat, Haus, Existenz, Geld und Brot an der Seite ihres Mannes in das Elend.
Alles war verloren!
Flucht ins Elend
Köln war für Marx die erste Station seiner revolutionären Laufbahn gewesen.
Auf die Periode der Vorbereitung und Klärung, die sein politisches Leben einleiteten, war die Periode der Erprobung erfolgt. Der Erprobung seiner theoretischen Erkenntnisse, seiner praktischen Tüchtigkeit, seines persönlichen Mutes. Er hatte diese Probe bestanden.
Mit unerbittlicher Klarheit und Unzweideutigkeit hat er die Linie des revolutionären Klassenkampfes eingehalten. Mit Geschick, Tatkraft und Zähigkeit war er an die Bewältigung aller Schwierigkeiten herangegangen. Unerschrocken und unter großen persönlichen Opfern hatte er allen Gefahren und Widerwärtigkeiten bis zum Ende getrotzt.
Die ehrenvolle Niederlage war ihm lieber gewesen, als der lauen Taktik des opportunistischen Schachers auch nur einen Zoll breit Konzession zu machen.
Es lag in seiner seelischen Verfassung begründet, daß er durch sein Verhalten — wider willen und ihm selbst unbewußt — jede Schwierigkeit steigerte, jeden Konflikt komplizierte, jede Möglichkeit eines friedlichen Vergleiches brüsk aus der Hand schlug.
Aber eben dadurch sah er sich gezwungen, seine Kräfte bis zum Äußersten anzuspannen, seine Hingabe an die Sache ins Grenzenlose zu steigern, seine Leistungsfähigkeit bis ins Unüberwindliche zu entfalten.
Nur so hatte er das riesige Format und die unerhörten Qualitäten erlangen können, die notwendig waren für das Werk, das er als seine historische Sendung sah.
Jedenfalls — als Mensch und Kämpfer hatte er sich in Köln bewährt.
Ob und inwieweit sich seine im Kommunistischen Manifest niedergelegte Idee praktisch bewährt hatte, würde sich erst unter der nachprüfenden Betrachtung späterer Zeit erweisen. Diese Rechnungslegung und politische Inventur gehörte nicht der Gegenwart an.
Der Gegenwart gehörte die unmittelbare revolutionäre Aktion.Daß die Nationalversammlung in Frankfurt nicht der Platz für solche Aktion war, stellte sich sofort heraus, als Marx — sogleich nach seiner Ausweisung — mit Engels nach Frankfurt kam. In diesem Konzil deutscher Kleinmütigkeit fand er niederschmetternd bestätigt, was er einmal in der Neuen Rheinischen Zeitung geschrieben hatte: „Am guten Willen fehlt’s sicher nicht, aber der Mut, der Mut!“
Noch bestand eine schwache Hoffnung, daß vielleicht in Süddeutschland, wo die Verfassungskämpfe sich zu einem allgemeinen Aufstand entwickelt hatten, die Sache der Revolution zu retten sei. Marx und Engels eilten dorthin. Aber als sie nach Mannheim und Karlsruhe kamen, enthüllte sich ihnen die Revolution als ein von wildgewordenen Spießern aufgeführtes Haberfeldtreiben, das bereits ausgespielt war. In Karlsruhe hatten die Kleinbürger, die sich bettelstolz Demokraten nannten, den Großherzog verjagt und die Macht an sich gerissen. Nun aber bekamen sie es mit der Angst vor ihrer Courage, machten Dummheiten über Dummheiten und waren schließlich froh, als der lendenlahme Ordnungsdiktator Brentano ihnen wieder Respekt vor der Obrigkeit einbläuen ließ. In der Pfalz gar erlebte man eine lustige Revolution. Der Wein spielte eine größere Rolle als das Pulver und der Freiheitsrausch ging in zahllosen „Kriescher“-Räuschen unter, die man sich aus Begeisterung über die schöne Revolution zulegte.
Marx sah, daß hier Hopfen und Malz verloren war. Sein Sinn stand jetzt auf Paris. Und da er in Kaiserslautern den Abgeordneten d’Ester aus Köln traf, ein prominentes Mitglied des demokratischen Zentralausschusses, verschaffte er sich eine Vollmacht zur Vertretung der demokratischen Partei bei der sozialistisch-demokratischen Linken der französischen Nationalversammlung in Paris. Darauf machte er kehrt, fuhr nach Frankfurt zurück, fiel unterwegs dem hessischen Militär in die Hände, das ihn für einen Teilnehmer am Aufstande hielt, bekam nach zwei Tagen die Freiheit wieder und reiste schnurstracks nach Paris.
Engels hatte sich von ihm getrennt und kehrte nach Kaiserslautern zurück. Hier sah er sich die gemütliche Schoppenrevolution eine Zeitlang aus der Nähe an. Als schließlich die Preußen einrückten, wurde er Adjutant des Leutnants Willich, der eine pfälzische Freischar führte. Der Aufstand in der Pfalz wie in Baden war aber bald niedergeschlagen. Und der schreckliche Zusammenbruch endete in den Kasematten der Festung Rastatt und auf schweizerischem Boden, der die glücklich Entkommenen aufnahm. Engels befand sich unter denen, die neutrales Gebiet erreichten. In Bern begegnete er Stephan Born, in Genf traf er das erstemal mit Wilhelm Liebknecht zusammen. Von Vevey aus schrieb er an Marx.
Dieser hatte Paris erreicht. Mit dem letzten Gelde, aller Mittel entblößt, war er mit seiner Familie angekommen und sah sich zu seinem Schrecken im höllischen Fegefeuer einer wütenden Reaktion. Die Gesetzgebende Versammlung, die am 28. Mai 1849 zusammengetreten war, verfügte über eine reaktionär-monarchische Mehrheit. Die bürgerlichen Republikaner waren aus den Wahlen als zusammengeschrumpftes Trüppchen hervorgegangen, das kaum 50 Sitze von 750 innehatte. Dagegen zählte die linke Opposition, die sozialistisch-demokratische Partei der radikalen Kleinbürger, 200 Sitze. Sie bildete wieder den Berg und galt als Trägerin der revolutionären Tradition. Mit ihr sollte Marx in engere Verbindung treten.
Der parlamentarische Führer dieser Fraktion war Ledru-Rollin. Seine Gefolgschaft bildete die Schicht der Ladeninhaber, Krämer, Budiker und Zwischenmeister, die nach der Februarrevolution so schmählich versagt hatten. Nur zu bald hatte sich das Kapital auf ihren Besitz, ihre Ersparnisse und Altersgroschen gestützt und sie in einer Flut von Wirtschaftsbankrotten fast ganz verschlungen. Das hatte ihnen die Augen für den Sinn der Junischlacht geöffnet, und sie waren zur Opposition übergegangen. Um die verlorene Popularität wiederzugewinnen, hatten sie sich unter Ledru-Rollin den Arbeitern genähert, mit ihnen Versöhnungsbankette gefeiert, gemeinschaftliche Programme entworfen, Wahlkomitees eingesetzt und Kandidaten aufgestellt, ja eine förmliche Allianz geschlossen. Den sozialen Forderungen des Proletariats wurde, wie Marx sagt, die revolutionäre Pointe abgebrochen und eine demokratische Wendung gegeben, den demokratischen Ansprüchen des Kleinbürgertums die bloß politische Form abgestreift und ihre sozialistische Pointe herausgekehrt. Dieses so entstandene politische Amalgam nannte sich Sozialdemokratie; ihr eigentümlicher Charakter äußerte sich im Parlament, indem sie demokratisch-republikanische Einrichtungen forderte, nicht um zwei Extreme — Kapital und Arbeit — aufzuheben, sondern um sie zu einer Harmonie zu verbinden. Ihr Ziel war die Umänderung der Gesellschaft auf demokratischem Wege, eine Gesellschaftsreform in den Grenzen des Kleinbürgertums. Ein Angriff Ledru-Rollins gegen Louis Napoleon, weil er durch militärischen Einmarsch in Italien die Freiheit eines andern Volkes verletzt hatte, gab Anlaß zu einer großen Demonstration, die von der Armee niedergeschlagen wurde.
Eine schreckliche Verfolgung aller freiheitlichen Elemente setzte ein. Ledru-Rollin, Louis Blanc u. a. flohen nach London. Auch Marx konnte in Paris nicht bleiben, mußte aber, da er völlig mittellos war und weder aus noch ein wußte, seine Familie zurücklassen. Das Tagebuch seiner Frau berichtet: „Wir blieben einen Monat in Paris. Aber auch hier war unseres Bleibens nicht lange. Eines Morgens erschien die uns schon vertraute Polizeisergeantengestalt, um uns zu eröffnen, daß Karl ‚et sa dame‘ Paris innerhalb vierundzwanzig Stunden verlassen müßten. Man war noch dazu so liebenswürdig, uns Vannes in Morbihan als Aufenthaltsort anzubieten. Natürlich konnten wir ein solches Exil nicht aufsuchen, und ich raffte meine paar Habseligkeiten zusammen, um in London einen sicheren Hafen zu suchen. Karl war schon vor uns dorthin geeilt.“ Die treue Gefährtin des Gehetzten hatte doppelte Eile, endlich ein Dach über dem Kopfe zu finden, denn in wenig Wochen erwartete sie ihr viertes Kind.
Neue Rheinische Revue
England bildete damals noch das unbestrittene und unerschütterte Refugium aller politischen Flüchtlinge der Welt. Auf seinem gastlichen Eilande trafen sich die versprengten und verfolgten Revolutionäre aus Frankreich, Deutschland, Österreich, Ungarn, Italien, Polen und Rußland. Soldateska, Polizei und Gerichte welches Landes immer waren machtlos gegenüber diesem sichern Port. Sein ehrenvoller Ruf, die „Mutter der Verbannten“ zu sein, erstrahlte besonders hell in diesem Stadium der europäischen Geschichte, das gekennzeichnet war durch die alles zermalmende Einmütigkeit, mit der sich die Nacht der Reaktion über alle Staaten des Kontinents senkte.
Nackt und bloß kam die Familie Marx in London an. Irgendwo in einem möblierten Zimmer in Camberwell fand sie Unterschlupf. Marx besaß noch ein kleines Anwesen in Trier; das verkaufte er rasch für billiges Geld; von dem Ertrage schlug man sich die ersten Monate kümmerlich durch. Dann mußte an die Gründung einer Existenz gedacht werden.
Mit der Feder in der Hand der Revolution dienen — das galt Marx auch für sein künftiges Leben als selbstverständliche Parole. Da lag es nahe, eine Zeitung zu gründen oder eine Zeitschrift herauszugeben, die bestimmt sein sollte: alle Kräfte der Revolution auf gemeinsamem Boden zu sammeln, die Fehler der verflossenen Revolutionsepoche durch kritische Analyse ausfindig zu machen und neue, bessere, erfolgreichere Kampfmethoden für die Zukunft zu entwickeln. Denn — das stand für Marx unverrückbar fest — in wenig Monaten würde von dem alten Brandherd Frankreich aus die soziale Revolution zum Ausbruche kommen und die ganze Welt in Flammen setzen.
In einem Briefe an Engels entwarf Marx seinen Plan. Es sollte von London aus eine politisch-ökonomische Revue der Neuen Rheinischen Zeitung in Monatsheften von etwa fünf Bogen Umfang herausgegeben werden. Zu diesem Zwecke sollte, um eine materielle Basis für das Unternehmen zu gewinnen, eine Aktiengesellschaft ins Leben gerufen werden. Von Hamburg aus, das als Druckort der Zeitschrift vorgesehen war, sollte auch ihr buchhändlerischer Vertrieb erfolgen. Um „eine ununterbrochene dauernde Wirkung auf die öffentliche Meinung auszuüben“, sollte die Zeitschrift nach und nach in immer kürzeren Zeiträumen erscheinen, ja, „sobald die Verhältnisse die Rückkehr nach Deutschland gestatten“, sollte sie sogar wieder in eine Tageszeitung verwandelt werden.
Engels, der darauf brannte, eine Gelegenheit zu finden, um das verlöschende Feuer der Revolution wieder anzufachen, hatte gegen den Plan nichts einzuwenden. Er hielt sich noch in der Schweiz auf und faßte den Entschluß, Marx nach London zu folgen. Um den Häschern in Frankreich und Belgien zu entgehen, bestieg er in Genua ein Segelschiff und traf im August in London ein.
Wie über der ersten Zeitschrift, an deren Herausgabe Marx beteiligt war, den Deutsch-französischen Jahrbüchern, so schwebte auch über der zweiten, der Neuen Rheinischen Revue, kein guter Stern. Fürs erste war die Zeitschrift finanziell und redaktionell äußerst mangelhaft vorbereitet. Wahrscheinlich sind nur wenige Aktien an den Mann gebracht worden, sicher ist, daß es fast ebenso nötig wie an Geld auch an Manuskripten fehlte. Marx und Engels mußten fast den gesamten Inhalt der Zeitschrift allein bestreiten. Für das erste Heft, das am 1. Januar 1850 erscheinen sollte, traf erst im Februar das Manuskript in Hamburg ein.
Marx machte zunächst die französische Februarrevolution unter dem Titel Klassenkämpfe in Frankreich zum Gegenstande einer überaus scharfsinnigen und gründlichen Untersuchung. Sie setzte sich durch drei Hefte hindurch fort. Engels schrieb eine lange Abhandlung über die Reichsverfassungskampagne und den pfälzisch-badischen Aufstand, die ebenfalls in den ersten drei Heften an zweiter Stelle erschien. Weiter steuerte Engels eine Arbeit über den Deutschen Bauernkrieg, die fast das ganze Doppelheft füllte, und einen kleinen Aufsatz über die englische Zehnstundenbill bei.
Insgesamt erschienen von der Revue nacheinander vier Hefte und im November ein Doppelheft. Eine Zeitschrift der Revolution besaß in einer Zeit, die aufgehört hatte, eine revolutionäre Zeit zu sein, kein Lebensrecht und keine Lebensmöglichkeit mehr. Diese Zeit wollte auch die Stimme des Kritikers, Tadlers und Beraters nicht hören. Sie hatte von Revolution genug und drängte wieder zur Arbeit, zum bürgerlichen Erwerbe, zu Profit, Ordnung und Ruhe. Die Bürger schämten sich ihrer Revoluzzerei, kehrten in die Kontore, Banken und Fabriken zurück und widmeten sich dem einträglicheren Aufbau des Kapitalismus. Die Kleinbürger dankten Gott, daß sie mit Prügel davongekommen waren, und die Arbeiter krochen knurrend, aber erschöpft und gottergeben in das Joch, das ihnen das siegreiche Kapital über den Nacken zog. So waren die Artikel der Revue wohl ausgezeichnete und wertvolle literarische Übungen, aber Rufe ohne Echo, Einsichten ohne Nutzanwendung, revolutionäre Gedanken in einer Welt ohne revolutionäre Wirklichkeit.
Marx war zu der Überzeugung gekommen, „daß die Welthandelskrise von 1847 die eigentliche Mutter der Februar- und Märzrevolution gewesen“ sei. Mit dem Abflauen der Krise von Mitte 1848 an mußte demzufolge die Revolution auch ihre Kraft einbüßen. Dies war freilich in so naher zeitlicher Perspektive nicht deutlich genug sichtbar, so daß Marx noch Anfang 1850 auf das bestimmteste mit dem Wiedererwachen der Revolution rechnete. Die preußische Regierung war selbst im April 1851 noch der Meinung, daß „in den nächsten vier Wochen eine rote Revolution in Frankreich ausbrechen und sich in Deutschland verbreiten werde“. Marx wurde jedoch stutzig, als die Kunde von großen Goldfunden, die in Kalifornien gemacht worden waren, nach Deutschland drang. Schon im zweiten Hefte der Revue wies er auf die ungeheure Bedeutung dieser Entdeckung und die beginnende Prosperität der Weltwirtschaft hin. Aber erst im Sommer 1850 wurde ihm die Ahnung zur niederschmetternden Gewißheit, daß es mit einer europäischen Revolution für lange Zeit vorbei sei. Im Schlußhefte der Revue schrieb er klar und bündig: „Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse überhaupt möglich ist, kann von einer wirklichen Revolution keine Rede sein. Eine solche Revolution ist nur in den Perioden möglich, wo diese beiden Faktoren, die modernen Produktivkräfte und die bürgerlichen Produktionsformen, miteinander in Widerspruch geraten.“Das kalifornische Gold hatte das europäische Kapital gerettet. An dieser Tatsache zerschellten alle Manifeste, verhallten alle Proklamationen, zerstoben alle revolutionären Hoffnungen in blauen Dunst.
An dieser Tatsache versiegte auch die Kraft der Neuen Rheinischen Revue. Was ihr folgte, war nur noch Liquidation.
Spaltung des Kommunistenbundes
Die Erkenntnis, daß es mit der Revolution für lange Zeit vorüber sei, wurde nicht von allen Revolutionären geteilt. Wenigstens noch nicht in dem Zeitpunkt, in dem Marx sich für die Liquidation der Revolution einzusetzen begann. Sie verstanden Marx nicht mehr, wurden mißtrauisch, sahen in ihm einen Abtrünnigen, der seine Sache im Stiche läßt, und gerieten in offenen Gegensatz zu ihm.
Es war für all die Leute, die nicht den durchdringenden theoretischen Blick wie Marx und Engels besaßen, auch schwer, den verhältnismäßig plötzlichen Umschwung der Auffassung und Taktik zu begreifen. Denn bis vor kurzem noch hatte Marx selbst mit Entschiedenheit den Standpunkt vertreten, daß mit einer nahen Revolution zu rechnen sei.
Ende 1849 und Anfang 1850 hatte sich der Bund der Kommunisten von London aus wieder konstituiert. In der Zentralbehörde fehlte Moll, der im Gefecht an der Murg gefallen war. Aber Schapper und Bauer waren zur Stelle. Neu trat Willich ein, der das badische Freikorps geführt hatte und dessen Adjutant Engels gewesen war. Im März 1850 hatte die Zentralbehörde eine von Marx entworfene Ansprache an den Bund gerichtet, in der die politische Situation geschildert und die Haltung der Arbeiterklasse in der zu erwartenden Revolution präzisiert war. Es hieß da:
„Die Revolution steht nahe bevor, sei es, daß sie hervorgerufen wird durch eine selbständige Erhebung des französischen Proletariats oder durch die Invasion der Heiligen Allianz gegen das revolutionäre Babel.“
„Das Verhältnis der revolutionären Arbeiterpartei zur kleinbürgerlichen Demokratie ist dies: sie geht mit ihr zusammen gegen die Fraktion, deren Sturz sie bezweckt, sie tritt ihnen gegenüber in allem, wodurch sie sich für sich selbst festsetzen wollen.“
„Während die demokratischen Kleinbürger die Revolution möglichst rasch und unter Durchführung ihrer Ansprüche zum Abschluß bringen wollen, ist es unser Interesse und unsere Aufgabe, die Revolution permanent zu machen, solange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Ländern der Welt soweit vorgeschritten ist, daß die Konkurrenz der Proletarier in diesen Ländern aufgehört hat und daß wenigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den Händen der Proletarier konzentriert sind. Es kann sich für uns nicht um Veränderung des Privateigentums handeln, sondern nur um seine Vernichtung, nicht um Vertuschung der Klassengegensätze, sondern um Aufhebung der Klassen, nicht um Verbesserung der bestehenden Gesellschaft, sondern um Gründung einer neuen.“
„Vom ersten Augenblicke des Sieges muß sich das Mißtrauen nicht mehr gegen die besiegte reaktionäre Partei, sondern gegen ihre bisherigen Bundesgenossen, gegen die Partei richten, die den gemeinsamen Sieg allein exploitieren will.“
Mit dieser auf eine bevorstehende Revolution zugeschnittenen Ansprache war Bauer von der Zentralbehörde des Bundes nach Köln geschickt worden und hatte dort großen Anklang gefunden. Aus früheren Mitgliedern des Bundes und ehemaligen Mitgliedern der Arbeiterverbrüderung Stephan Borns bildete sich eine neue Organisation, die in den Arbeiter-, Bauern- und Turnvereinen bald anfing, „eine dominierende Rolle zu spielen“. Als um dieselbe Zeit von der Schweiz aus von einem „Zentralbureau der ganzen deutschen Emigration“, hinter dem Struve, Sigel, Schurz u. a. standen, der Versuch gemacht wurde, deutsche Arbeiter dafür zu gewinnen, sah man sich zu der Konstatierung gezwungen, daß „alle brauchbaren Kräfte schon in den Händen des Bundes“ seien.
Inzwischen war der Sommer 1850 vergangen und die Revolution war nicht ausgebrochen. Die deutsche Bourgeoisie hatte sich unter der günstigen Wirtschaftskonjuntur üppig entwickelt und unter Ausnutzung der Finanzschwierigkeiten der Regierung, die ihr die Herrschaft in die Hand spielte, politisch vortrefflich eingerichtet. Das Kleinbürgertum war von der politischen Bühne abgetreten. Die stürmischen Wogen der Revolution hatten sich in leichte Wellen und diese allmählich in spärliche Rinnsale verwandelt, die im preußischen Sande versickerten.Da — im Verlaufe des Sommers 1850 — revidierte Marx seine Hoffnung auf eine zweite Revolution. Aber er fand hierfür nicht nur kein Verständnis, sondern stieß auf offenen Widerstand. Die gesamte internationale Flüchtlingschaft, die sich in London aus aller Herren Länder zusammengefunden hatte und vorwiegend die Gefolgschaft des Kommunistenbundes bildete, wartete mit Ungeduld auf das Wiedererwachen der Revolution. Denn alle litten große Not, hatten Sehnsucht nach der Heimat, wollten aus der unerträglichen Passivität heraus, lechzten nach Kampf und Rache. Und weil ihnen allen nur durch eine Revolution geholfen werden konnte, glaubten sie an eine Revolution. Ihre Wünsche und Hoffnungen formten ihnen das Bild der politischen Situation nach ihrem Bedürfnis, verfälschten unter dem Einflusse subjektiver Affekte die Logik der Geschichte. So wurden sie zu einem Radikalismus verleitet, der darauf brannte, sich an die revolutionäre Tafel zu setzen, als längst schon abgegessen war. „Der gewaltsame Niederschlag einer Revolution“, so hat Marx später von dieser Zeit geschrieben, „läßt in den Köpfen ihrer Mitspieler, namentlich der vom heimischen Schauplatz ins Exil geschleuderten, eine Erschütterung zurück, welche selbst tüchtige Persönlichkeiten für kürzere oder längere Zeit sozusagen unzurechnungsfähig macht. Sie können sich nicht in den Gang der Geschichte finden, sie wollen nicht einsehen, daß sich die Form der Bewegung geändert hat. Daher Konspirations- und Revolutionsspielerei, gleich kompromittierlich für sie selbst und die Sache, in deren Dienst sie stehen.“
Es läßt sich denken, daß Männer wie Louis Blanc, Ledru-Rollin, Mazzini, Kossuth, Ruge, Willich u. a., deren ganze revolutionäre Vergangenheit entweder auf Putschismus und Verschwörung eingestellt gewesen war oder die als Gefühls- und Temperamentskommunisten kühlen, verstandesmäßigen Erwägungen unzugänglich waren, die von Marx plötzlich entwickelte Auffassung als üble Ketzerei, Drückebergerei, Feigheit und Verrat ansehen mußten. Diese Mischung von Romantik und Moral, Sentimentalität und Blindheit gegenüber der historischen Realität vergiftete die Auseinandersetzungen im Kommunistenbund dermaßen, daß es zu gröblichen Beschimpfungen, persönlichen Verfeindungen und sogar zu einer Duellforderung Willichs gegen Marx kam. Das traurige Ende der Kampagne war die Spaltung des Kommunistenbundes am 15. September 1850. Auf der Seite von Marx standen Engels, Bauer, Eccarius, Pfänder und Konrad Schramm; auf der Gegenseite Willich, der alte Kampfgenosse Schapper, Lehmann und Fränkel. Den Antrag auf Trennung hatte Marx gestellt und folgendermaßen begründet: „An die Stelle der kritischen Anschauung setzt die Minorität eine dogmatische, an die Stelle der materialistischen eine idealistische. Statt der wirklichen Verhältnisse wird ihr der bloße Wille zum Triebrad der Revolution. Während wir den Arbeitern sagen: Ihr habt 15, 20, 50 Jahre Bürgerkriege und Völkerkämpfe durchzumachen, nicht nur, um die Verhältnisse zu ändern, sondern um euch selbst zu ändern und zur politischen Herrschaft zu befähigen — sagt ihr im Gegenteil: Wir müssen gleich zur Herrschaft kommen oder wir können uns schlafen legen. Während wir speziell die deutschen Arbeiter auf die unentwickelte Gestalt des deutschen Proletariats hinweisen, schmeichelt ihr aufs plumpste dem Nationalgefühl und dem Standesvorurteile der deutschen Handwerker, was allerdings populärer ist. Wie von den Demokraten das Wort Volk zu einem heiligen Wesen gemacht wird, so von euch das Wort Proletariat. Wie die Demokraten schiebt ihr der revolutionären Entwicklung die Phrase der Revolution unter.“
Der kommunistische Arbeiterverein in London stand fast geschlossen hinter der Minderheit. Marx und seine Anhänger erklärten infolgedessen ihren Austritt. Die Great Windmill Street, wo der Verein seinen Sitz hatte, spielte aber in den Diskussionen und im Briefwechsel zwischen Marx und Engels noch lange eine große Rolle. Denn Marx verfolgte alle Veranstaltungen des Vereins mit interessierter Aufmerksamkeit, ließ sich berichten und berichtete an Engels, der London verlassen hatte und als Buchhalter ins Kontor der väterlichen Fabrik in Manchester zurückgekehrt war, immer mit herabsetzendem Hohn und verächtlicher Bitterkeit. Besonders kränkte ihn, daß die revolutionären Vorkämpfer des Auslandes, so Louis Blanc, Ledru-Rollin, Mazzini u. a., aber auch die Führer der Chartistenbewegung wie Harney, Jones und O’Connor zur Gegenpartei hielten, dort als Redner auftraten und die Revolution repräsentierten. Obwohl er selbst aus dem Verein ausgetreten war, benahm er sich wie ein Ausgeschlossener.
Die räumliche Enge, in der sich das Leben der Emigranten bewegte, und die Überhitzung des politischen Interesses bei allen Beteiligten machte die Emigration — wie Engels sagte — zu „einer Schule des Klatsches und der Niedertracht“, einem „Institut, worin jeder notwendig ein Narr, ein Esel und ein gemeiner Schurke wird, der sich nicht ganz von ihr zurückzieht“. Marx zog sich denn auch immer tiefer in die Isolation zurück. Wie er in einem Briefe an Engels behauptete, fühlte er sich sehr wohl dabei. „Mir gefällt sehr die öffentliche, authentische Isolation, worin wir zwei, Du und ich, uns jetzt befinden. Sie entspricht ganz unserer Stellung und unsern Prinzipien. Das System wechselseitiger Konzessionen, aus Anstand geduldeter Halbheiten, und die Pflicht, vor dem Publikum seinen Teil Lächerlichkeit in der Partei mit all diesen Eseln auf sich zu nehmen, das hat jetzt aufgehört.“ Worauf Engels antwortete: „Wir haben jetzt endlich wieder einmal — seit langer Zeit zum ersten Male — Gelegenheit, zu zeigen, daß wir keine Popularität, keinen Support von irgendeiner Partei irgendwelches Landes brauchen, und daß unsere Position von dergleichen Lumpereien total unabhängig ist. Wir sind von jetzt an nur noch uns selbst verantwortlich, und wenn der Moment kommt, wo die Herren uns nötig haben, sind wir in der Lage, unsere eigenen Bedingungen diktieren zu können. Bis dahin haben wir wenigstens Ruhe. Freilich auch eine gewisse Einsamkeit ...“
Die Zwistigkeiten und Zerwürfnisse im Kommunistenbund endeten also für Marx damit, daß er sich ganz von der Gemeinschaftsarbeit ablöste, seinen Wirkungskreis auf den kleinsten Radius brachte und zuletzt völlig in die Vereinsamung geriet. Er hatte nur noch Engels, der in Manchester saß, und wenige ganz ergebene Freunde, die mehr seine Schüler und Jünger waren. König im eigenen Reiche war er auch fast sein einziger Untertan. Dieser Rückzug in die Isolation hätte tragisch enden können, wenn sie nicht zugleich eine Flucht in die Arbeit gewesen wäre.
Zunächst galt es, den Bund der Kommunisten für den Kontinent zu retten. Zu diesem Zwecke wurde die Zentralbehörde nach Köln verlegt. Heinrich Bürgers, Hermann Becker, Ferdinand Freiligrath und der Arzt Roland Daniels übernahmen die Leitung. Marx hatte den Auftrag gegeben, „den Bürger L. aus Düsseldorf“ mit heranzuziehen, aber der Zigarrenarbeiter Roeser schrieb ihm, daß sie dem Auftrage nicht nachgekommen seien, „weil wir denselben (Bürger Lassalle) hier näher beaufsichtigen und gefunden haben, daß er noch immer aristokratische Grundsätze hegt und für das allgemeine Wohl der Arbeiter nicht so begeistert ist, wie er sein sollte.“
Die Zentralbehörde in Köln leistete ein halbes Jahr lang gute Arbeit. Da griff die Polizei mit Verhaftungen ein. Es kam zu einer großen Kriminalaffäre.
Der Kommunistenprozeß in Köln bildet das letzte Kapitel nicht nur in der Geschichte des Kommunistenbundes, sondern auch in der praktischen revolutionären Phase des Lebens von Karl Marx.
Kommunistenprozeß in Köln
Nach der Niederlage des badischen Aufstandes hatte der von der Reaktion aus England zurückgeholte Prinz Wilhelm, der „Kartätschenprinz“, die badische Armee „reorganisiert“. Er war Kopf und Arm der Reaktion geworden, da der König, noch immer von den Schreckenstagen der Revolution geängstigt, in voller Offenheit als Schildhalter der Konterrevolution noch nicht aufzutreten wagte. Prinz Wilhelm bot alles auf, nicht nur die Armee, sondern auch die Verfassung, die Verwaltung, die Gerichte und die öffentliche Meinung im Sinne des Vormärzes zu „reorganisieren“. Wie er mit einer Denkschrift über die Revision der oktroyierten Verfassung in die Staatsgeschäfte eingriff, so korrigierte er auch höchst eigenmächtig die Justiz, wenn sie gegen Revolutionäre nicht mit erwünschter Schärfe vorging.
Unter den Freischärlern, die im Gefecht an der Murg in die Hände der Preußen gefallen waren, befand sich auch der Dichter Gottfried Kinkel, der als Musketier unter Willich gekämpft und einen Streifschuß am Kopfe erhalten hatte. Er kam vor das aus preußischen Offizieren zusammengestellte Kriegsgericht und wurde zu lebenslänglicher Festungsstrafe verurteilt. Dem Prinzen war diese Härte nicht hart genug; er verlangte für Kinkel die Todesstrafe. Dagegen opponierte aber nicht nur das Ministerium, sondern die gesamte öffentliche Meinung, die für Kinkel eine mildere Bestrafung verlangte. Schließlich blieb es bei dem Urteil, ja der König folgte sogar dem Rate des Ministeriums und wandelte die Festungsstrafe in Zuchthausstrafe um.
Das war nicht — wie es schien — eine Verschärfung, sondern eine Milderung der Strafe. Das Gericht hatte nämlich nicht auf Festungshaft, die standesgemäße Strafe für Kavaliere, sondern auf Festungsstrafe erkannt, die eine der scheußlichsten Barbareien des militärischen Strafvollzugs darstellte. Die öffentliche Meinung verstand aber den Unterschied nicht und hielt die Maßnahme des Königs für einen Erfolg der Reaktion. Es kam zu einer lebhaften Protestbewegung, und das Bürgertum hielt nicht zurück mit lauten Entrüstungen und aufgeregtem Zorn. Diese Stimmung wurde gesteigert, als man Kinkel im Zuchthaus an das Spulrad setzte und ihm alle Vergünstigungen versagte, die sonst politischen Gefangenen gewährt wurden. Es entstand eine wahre Volksbewegung, ein Kinkelrummel und Kinkelkultus. Dabei wurden nicht nur die zahllosen Opfer des Märzaufstandes übersehen, die nicht den Vorzug gehabt hatten, den gebildeten Ständen anzugehören und Dichter zu sein; es geriet auch ganz in Vergessenheit, daß Kinkel vor Gericht eine recht jämmerliche Rolle gespielt hatte.
Marx und Engels hatten in der Revue scharf gegen Kinkel Stellung genommen. Vielleicht zu scharf, denn einmal war Kinkel weniger ein Verräter der freiheitlichen Sache als vielmehr ein Opfer seiner undisziplinierten ekstatischen Beredsamkeit, sodann handelte es sich doch immerhin um einen Freiheitskämpfer, der jetzt im Zuchthauskittel die volle Rache der Konterrevolution auszukosten hatte. Der Revueartikel erregte infolgedessen nicht nur im bürgerlichen Lager helle Empörung, sondern auch in revolutionären Kreisen heftiges Kopfschütteln und starken Unwillen. Das Ende der Affäre Kinkel war, daß der Gefangene, besonders durch die Hilfe seines Freundes Karl Schurz, aus dem Zuchthaus in Spandau befreit wurde, nach London entfloh und mit dem Kommunistenbunde der Willich-Schapperschen Richtung in enge Fühlung trat.
Für Marx und seine Freunde hatte der Fall Kinkel noch eine andere Folge. Der König, schäumend vor Wut über die gelungene Flucht Kinkels, beschloß, sich an der Bourgeoisie zu rächen durch rücksichtslose Verfolgung ihrer gesamten liberalen Opposition. Doch sollte die Spitze zunächst noch verhüllt bleiben, weshalb zuerst mit einem scharfen Vorgehen gegen die Kommunisten begonnen werden sollte. Am 11. November 1850 schrieb der König an den Minister von Manteuffel: „Bester Manteuffel! Ich habe den Kinkelschen Fluchtbericht soeben hier gelesen. Dies hat mich auf einen Gedanken gebracht, den ich nicht gerade unter die lauteren classifizieren will. Nämlich den, ob Stieber nicht eine kostbare Persönlichkeit ist, das Gewebe der Befreiungsverschwörung zu entfalten und dem preußischen Publikum das lange und gerecht ersehnte Schauspiel eines aufgedeckten und (vor Allem) bestraften Complotts zu geben? Eilen Sie also mit Stiebers Anstellung und lassen Sie ihn sein Probestück machen. Ich glaube, der Gedanke ist folgenreich und ich lege großen Wert auf seine sofortige Realisierung ... Friedrich Wilhelm.“
Dieser Stieber war eine allgemein verachtete Polizeikreatur, die der Berliner Polizeipräsident Hinkeldey nur mit größtem Widerwillen zum Chef der politischen Polizei ernannte. Als Polizeirat begann nun Stieber sein Probestück im Kampfe für Thron, Altar, Ordnung und Gesetzlichkeit.
In dem Londoner Flüchtling Haupt, einem Mitgliede des Kommunistenbundes, fand er einen Verräter, der ihm die ersten Handhaben zum Eingreifen lieferte. Und unter seinen zahlreichen Spitzeln und Agenten fand er zwei, die ihm durch ihre Abgefeimtheit, Skrupellosigkeit und Verschlagenheit wertvolle Dienste leisteten: den vielfach vorbestraften Dresdner Zigarrenarbeiter Krause, der in London als City-Kaufmann Charles de Fleury lebte und die Kommunistenbewegung bespitzelte, und den Hamburger Handlungsgehilfen Hirsch, der, ebenfalls vielfach vorbestraft, unter Fleury als Lockspitzel in London tätig war. Um das erforderliche Material für das „Probestück“ herbeizuschaffen, mußten sie Pulte erbrechen, in fremde Wohnungen eindringen, fremde Papiere stehlen, falsche Aussagen erschleichen, falsche Komplotte stiften, falsche Dokumente anfertigen, falsche Eide schwören, Bestechungen vornehmen, falsche Zeugnisse erpressen — kurz all die Tricks, Kniffe und Manöver anwenden, die zum polizeilichen Metier gehören.
Doch erst im November 1851 gelang es, den Schneider Nothjung in Leipzig zu verhaften. Man fand bei ihm das Kommunistische Manifest, das in den Buchhandlungen zu kaufen war, die Statuten des Bundes der Kommunisten, zwei Ansprachen des Bundes und einige Adressen. Auf Grund dieser Adressen verhaftete die Polizei bald darauf in Köln den Journalisten Bürgers, den Zigarrenmacher Roeser, den Dr. Hermann Becker, die Ärzte Dr. Roland Daniels, Dr. Abraham Jacoby und Dr. Klein, den Chemiker Otto, den Kommis Erhard, den Schneider Leßner und den Arbeiter Reiff. Ferdinand Freiligrath war seiner Verhaftung durch Übersiedlung nach London entgangen. Mit diesen Verhaftungen hatte Stieber den Grundstock für das „lange und gerecht ersehnte Schauspiel“ geschaffen, das nach dem Wunsche des Königs in Szene gesetzt werden sollte. Nun galt es, das aufzudeckende und zu bestrafende Komplott zu arrangieren.
Es lag gegen alle Verhafteten absolut nichts Belastendes vor. Sie gehörten einer Geheimorganisation an, aber dies war nach rheinischem Rechte nicht verboten. Außerdem war der Zweck der Geheimorganisation ja nicht, Verschwörungen und Komplotte ins Werk zu setzen, sondern — das unterschied die Richtung Marx von der Richtung Willich-Schapper — eine durchaus legale politische Bewegung zu schaffen. „Nach dem Untergange der Revolution von 1848“, schreibt Marx, „existierte die deutsche Arbeiterbewegung nur noch unter der Form theoretischer, zudem in enge Kreise gebannter Propaganda, über deren praktische Gefahrlosigkeit die preußische Regierung sich keinen Augenblick täuschte ... Ein Teil der geheimen Gesellschaften bezweckte direkt den Umsturz der bestehenden Staatsmacht. Es war dies berechtigt in Frankreich, wo das Proletariat von der Bourgeoisie besiegt war und der Angriff auf die bestehende Regierung mit dem Angriff auf die Bourgeoisie unmittelbar zusammenfiel. Ein anderer Teil der geheimen Gesellschaften bezweckte die Parteibildung des Proletariats, ohne sich um die bestehenden Regierungen zu kümmern. Es war dies notwendig in Ländern wie Deutschland, wo Bourgeoisie und Proletariat gemeinsam ihren halb feudalen Regierungen unterlagen, wo also ein siegreicher Angriff auf die bestehenden Regierungen der Bourgeoisie oder doch den sog. Mittelständen, statt ihre Macht zu brechen, zunächst zur Herrschaft verhelfen mußte. Kein Zweifel, daß auch hier die Mitglieder der proletarischen Partei an einer Revolution gegen den Status quo sich von neuem beteiligen würden, aber es gehörte nicht zu ihrer Aufgabe, diese Revolution vorzubereiten.“
Die Polizei nahm jedoch von Unterscheidungen und Feststellungen solcher Art keine Notiz. Sie brauchte eine Verschwörung, einen Sensationsprozeß, eine Staatsaktion; und sie benutzte ihre Kenntnisse von den Spaltungskämpfen im Kommunistenbund, ihre persönlichen Beziehungen zu Mitgliedern dieses Bundes und das vorhandene literarische Material, um eine Fabel für das Schauspiel, wenn sie nicht zu finden sein sollte, zu erfinden. Aber sie hatte Pech: ein Tatbestand für einen Monsterprozeß wollte und wollte sich trotz aller Haussuchungen, Briefsperren, Inquisitionen und monatelanger Haft der Anzuklagenden nicht ergeben. Von Vierteljahr zu Vierteljahr mußte unter allerhand Vorwänden der Verhandlungstermin verschoben werden. Und noch immer war kein Zusammenhang der Verhafteten mit einem Komplott, einem Attentatsprojekt oder einer Putschvorbereitung nachweisbar.
Endlich — im Oktober 1852 — waren die Machinationen der „kostbaren Persönlichkeit“ Stiebers so weit gediehen, daß der Prozeß begonnen werden konnte. Aber der Verlauf des Prozesses stand unter demselben ungünstigen Stern wie das Arrangement. Jede Lüge der Anklage wurde aufgedeckt, jede Fälschung der Helfershelfer entlarvt, jeder Schachzug der Stieberei durchkreuzt. Marx arbeitete mit seinen Londoner Freunden fieberhaft daran, den Prozeß aus einem Schlage gegen die Kommunistenbewegung in eine Riesenblamage und vernichtende Niederlage von Polizei, Gericht und Regierung zu verwandeln. Und obwohl Polizei, Post und Presse gegen seine Aufklärungsarbeit verbündet waren, gelang es ihm doch, seinen Zweck zu erreichen. „Mein Mann hatte“, so schrieb Frau Marx in einem Briefe, „den ganzen Tag bis in die Nacht hinein zu arbeiten, denn von hier aus mußten sämtliche Beweise der Fälschung beigebracht werden. Dann mußten sämtliche Sachen sechs- bis achtmal abgeschrieben, auf den verschiedensten Wegen nach Deutschland spediert werden, über Frankfurt, Paris usw., da alle Briefe an meinen Mann, sowie alle Briefe von hier nach Köln erbrochen und unterschlagen werden. Das Ganze ist jetzt ein Kampf zwischen der Polizei einerseits und meinem Manne andererseits, dem man alles, selbst die Leitung des Prozesses, in die Schuhe schiebt... Bei uns ist jetzt ein ganzes Bureau etabliert. Zwei, drei schreiben, andere laufen, die dritten schrapen die Pennys zusammen, damit die Schreiber fortexistieren und Beweise des unerhörtesten Skandals gegen die offizielle Welt beibringen können“.
Als Stieber — wie der Fuchs im Eisen — seine Sache fast verloren sah, spielte er seinen letzten und stärksten Trumpf aus, indem er das Protokollbuch des Kommunistenbundes, das die Beweise für die Verschwörertätigkeit der Angeklagten enthalten sollte, als Corpus delicti auf den Tisch des Hauses niederlegte. Aber siehe da, dieses klassische Beweisstück entpuppte sich als eine glatte Fälschung. Es ließ die Zusammenkünfte der „Partei Marx“ in London noch immer Donnerstags stattfinden, obwohl sie seit Januar 1852 auf Mittwoch verlegt waren; es gab als Tagungsort noch das alte Lokal an, während seit derselben Zeit in einem neuen Lokal getagt wurde; es enthielt die Namensunterschrift H. Liebknecht als Unterzeichnung der Protokolle, während Liebknecht, der überdies gar nicht Protokollführer war, bekanntlich Wilhelm Liebknecht hieß. Es wurde durch Marx festgestellt, daß der Lockspitzel Hirsch seit sechs bis acht Monaten, Woche für Woche, sein „Original-Protokollbuch“ im Arbeitszimmer und unter den Augen des Lockspitzels Fleury in London ausgearbeitet hatte. „Einen Stock über Fleury hauste der preußische Polizeileutnant Greif, der ihn überwachte und inspizierte. Aber Greif selbst brachte einen Teil des Tages regelmäßig im Hotel der preußischen Gesandtschaft zu, wo er seinerseits überwacht und inspiziert wurde. Das preußische Gesandtschaftshotel war also das eigentliche Treibhaus, wo das Original-Protokollbuch groß wuchs.“Die ganze Anklage brach elend zusammen. Hatte schon Stieber in einem Gewirr von Ausflüchten, Lügen und Meineiden das Protokollbuch auf ein bloßes Notizbuch reduziert, so ließ es der Anklagevertreter als Beweisstück gänzlich fallen. Gleichwohl mußte eine Verurteilung der Angeklagten erfolgen, nicht nur weil der König dies gewünscht hatte, sondern auch, „weil die ganze Existenz der politischen Polizei“ — wie Hinkeldey während der Verhandlung an die Gesandtschaft in London schrieb — „von der Entscheidung dieses Prozesses abhing“. Die Schuld der Angeklagten wurde schließlich damit begründet, daß sie die staatsgefährlichen Prinzipien des Kommunistischen Manifestes heimlich verbreitet hätten. Und für dieses Verbrechen, das kein Verbrechen war, weil sich jedermann zu dem Inhalte einer erlaubten, öffentlich verkauften Druckschrift bekennen konnte, erhielten die Angeklagten barbarische Strafen: Nothjung, Bürgers und Roeser sechs Jahre, Reiff, Otto und Becker fünf Jahre, Leßner drei Jahre Festungshaft. Alle übrigen, die anderthalb Jahre Untersuchungshaft erlitten hatten, wurden freigesprochen. Mit diesem Urteilsspruch wurde „der Aberglaube an die Jury, der in Rheinpreußen noch wucherte, für immer gebrochen. Man begriff, daß die Jury ein Standgericht der privilegierten Klassen ist, eingerichtet, um die Lücken des Gesetzes durch die Breite des bürgerlichen Gewissens zu überbrücken“.
Marx verarbeitete das Material des ganzen Prozesses zu einer Broschüre, die in der Schweiz erscheinen sollte. Die Auflage wurde aber an der Grenze, als sie nach Deutschland verschickt werden sollte, beschlagnahmt und ging damit für die Öffentlichkeit verloren.
Darauf gelang es, die Schrift in Amerika herauszubringen. Sie erregte großes Aufsehen und bei einigen Emigranten, die inzwischen von London nach Amerika übersiedelt waren, recht peinliche Gefühle. Besonders bei Willich. Er hatte lange mit dem Spitzel Fleury in persönlichem Verkehr gestanden und auch Geld von ihm in Empfang genommen. Später war er in die Dienste der nordamerikanischen Union getreten. Um die nicht ganz saubere Rolle, die er in der Affäre gespielt hatte, zu verdecken, polemisierte er in amerikanischen Blättern heftig gegen Marx, worauf ihm dieser antwortete in einem kleinen Schriftchen, betitelt: Der Ritter vom edelmütigen Bewußtsein.
Unter den Wirkungen des Kölner Kommunistenprozesses, der noch einmal den ganzen Morast des Emigrantenhaders, der unzähligen Intrigen, Verrätereien, Schuftereien und Klatschereien emporgetrieben hatte, löste sich der Bund der Kommunisten auf.
Marx zog sich aus der öffentlichen Propaganda zurück und vergrub sich in die wissenschaftliche Arbeit.
Klassenkämpfe in Frankreich
Als revolutionärer Kämpfer war Marx erprobt. Er hatte die Probe bestanden. Vielleicht war er im Eifer und Ungestüm der Bataille eher zu leidenschaftlich als zu maßvoll, zu stürmisch als zu berechnend, zu scharf als zu nachsichtig gewesen. Aber nie hatte er in der Entscheidung geschwankt, in der Aktion gezaudert; nie hatte er das Ziel aus den Augen verloren, den Elan eingebüßt, nie auch nur eine Minute die Bereitschaft aufgegeben, mit beiden Beinen zugleich in den Riß der Zeit zu springen. Der Mann war erprobt.
Wie aber stand es um die Erprobung der Sache, die er vertrat?
Marx selbst nahm die Nachprüfung vor. Nicht einmal nur, sondern mehrere Male. Ganz kritisch, rücksichtslos, nichts durchgehen lassend, mit eisiger Schärfe — so wie es seine Art war.
Mit dem Messer des Anatomen schnitt er in das Fleisch der Geschichte und legte die Befunde auf den Tisch.
Seine erste Nachprüfung, d. h. sein erster Versuch, „ein Stück Zeitgeschichte vermittels seiner materialistischen Auffassungsweise aus der gegebenen ökonomischen Lage zu erklären“, erfolgte in den Klassenkämpfen in Frankreich — einer Analyse der Februarrevolution in Frankreich 1848.
Fassen wir seine Feststellungen ins Auge:
„Nicht die französische Bourgeoisie herrschte unter Louis Philipp, sondern eine Fraktion derselben, Bankiers, Börsenkönige, Eisenbahnkönige, Besitzer von Kohlen- und Eisenbergwerken und Waldungen, ein Teil des mit ihnen ralliierten Grundeigentums — die sog. Finanzaristokratie. Sie saß auf dem Throne, sie diktierte in den Kammern Gesetze, sie vergab die Staatsstellen vom Ministerium bis zum Tabaksbureau.“
„Die eigentliche industrielle Bourgeoisie bildete einen Teil der offiziellen Opposition, d. h. sie war in den Kammern nur als Minorität vertreten. Ihre Opposition trat um so entschiedener hervor, je reiner sich die Alleinherrschaft der Finanzaristokratie entwickelte und je mehr sie selbst nach den in Blut erstickten Emeuten 1832, 1834 und 1839 ihre Herrschaft über die Arbeiterklasse gesichert wähnte.“
„Die kleine Bourgeoisie in all ihren Abstufungen, ebenso die Bauernklasse waren vollständig von der politischen Macht ausgeschlossen. Es befanden sich endlich in der offiziellen Opposition oder gänzlich außerhalb des pays legal die ideologischen Vertreter und Wortführer der angeführten Klassen, ihre Gelehrten, Advokaten, Ärzte usw., mit einem Worte: ihre sog. Kapazitäten.“
„Die Verschuldung des Staats war das direkte Interesse der durch die Kammern herrschenden und gesetzgebenden Bourgeoisfraktion. Das Staatsdefizit, es war eben der eigentliche Gegenstand ihrer Spekulation und die Hauptquelle ihrer Bereicherung. Nach jedem Jahr ein neues Defizit. Nach dem Verlauf von vier bis fünf Jahren eine neue Anleihe. Und jede neue Anleihe bot der Finanzaristokratie neue Gelegenheit, den künstlich in der Schwebe des Bankrotts gehaltenen Staat zu prellen — er mußte unter den ungünstigsten Bedingungen mit den Bankiers kontrahieren.“
„Die nicht herrschenden Fraktionen der französischen Bourgeoisie schrieen Korruption!... Der Ausbruch des allgemeinen Mißbehagens wurde beschleunigt, die Verstimmung zur Revolte gereift durch zwei ökonomische Weltereignisse: Kartoffelkrankheit, Mißernten und allgemeine Handels- und Industriekrise.“
„Die provisorische Regierung, die sich auf den Februarbarrikaden erhob, spiegelte in ihrer Zusammensetzung notwendig die verschiedenen Parteien ab, worunter sich der Sieg verteilte.“„Die Februarrepublik mußte zunächst die Herrschaft der Bourgeoisie vervollständigen, indem sie neben der Finanzaristokratie sämtliche besitzenden Klassen in den Kreis der politischen Macht eintreten ließ.“
„Das Proletariat, indem es der provisorischen Regierung und durch die provisorische Regierung ganz Frankreich die Republik diktierte, trat sofort als selbständige Partei in den Vordergrund, aber es forderte zugleich das ganze bürgerliche Frankreich gegen sich in die Schranken. Was es eroberte, war das Terrain für den Kampf um seine revolutionäre Emanzipation, keineswegs diese Emanzipation selbst.“
„Durch das allgemeine Wahlrecht wurden die nominellen Eigentümer, welche die große Majorität der Franzosen bilden, die Bauern, zu Schiedsrichtern über das Schicksal Frankreichs eingesetzt.“
„Indem die provisorische Regierung die Wechsel anerkannte, welche die alte bürgerliche Gesellschaft auf den Staat gezogen hatte, war sie ihr verfallen. Sie war zum bedrängten Schuldner der bürgerlichen Gesellschaft geworden, statt ihr als drohender Gläubiger gegenüberzustehen, der vieljährige revolutionäre Schuldforderungen einzukassieren hatte.“
„Die Emanzipation der Arbeiter — selbst als Phrase — wurde zu einer unerträglichen Gefahr für die neue Republik, denn sie war eine beständige Protestation gegen die Herstellung des Kredits, der auf der ungestörten und ungetrübten Anerkennung der bestehenden ökonomischen Klassenverhältnisse beruht. Es mußte also mit den Arbeitern geendet werden.“
„Nur im Namen der Republik konnte der Kampf gegen das Proletariat aufgenommen werden.“
„In der Nationalversammlung saß ganz Frankreich zu Gericht über das Pariser Proletariat. Sie brach sofort mit den sozialen Illusionen der Februarrevolution, sie proklamierte rundheraus die bürgerliche Republik, nichts als die bürgerliche Republik. Sofort schloß sie aus der von ihr ernannten Exekutivkommission die Vertreter des Proletariats aus: Louis Blanc und Albert; sie verwarf den Vorschlag eines besonderen Arbeitsministeriums, sie empfing mit stürmischem Beifallsrufe die Erklärung des Ministers Trélat: ‚Es handle sich nur noch darum, die Arbeit auf ihre alten Bedingungen zurückzuführen‘.“„Es blieb den Arbeitern keine Wahl, sie mußten verhungern oder losschlagen. Sie antworteten am 22. Juni mit der ungeheuren Insurrektion, worin die erste große Schlacht geliefert wurde zwischen den beiden Klassen, welche die moderne Gesellschaft spalten. Es war ein Kampf um die Erhaltung oder Vernichtung der bürgerlichen Ordnung. Der Schleier, der die Republik verhüllte, zerriß.“
„Die Brüderlichkeit währte gerade solange, als das Interesse der Bourgeoisie mit dem Interesse des Proletariats verbrüdert war.“
„Cavaignac, das war nicht die Diktatur des Säbels über die bürgerliche Gesellschaft, das war die Diktatur der Bourgeoisie durch den Säbel.“
„Die Konstitution sanktionierte keine gesellschaftliche Revolution, sie sanktionierte den augenblicklichen Sieg der alten Gesellschaft über die Revolution.“
„Der 10. Dezember 1848 war der Tag der Bauerninsurrektion. Erst von diesem Tage an datiert der Februar für die französischen Bauern. Das Symbol, das ihren Eintritt in die revolutionäre Bewegung ausdrückte, unbeholfen-verschlagen, schurkisch-naiv, tölpelhaft-sublim, ein berechneter Aberglaube, eine pathetische Burleske, ein genial-alberner Anachronismus, eine weltgeschichtliche Eulenspiegelei, unentzifferbare Hieroglyphe für den Ver-
stand der Zivilisierten — trug dies Symbol unverkennbar die Physiognomie der Klasse, welche innerhalb der Zivilisation die Barbarei vertritt. Die Republik hatte sich bei ihr angekündigt mit dem Steuerexekutor, sie kündigte sich bei der Republik an mit dem Kaiser. Napoleon war der einzige Mann, der die Interessen und der Phantasie der 1789 neugeschaffenen Bauernklasse erschöpfend vertreten hatte.“„Mit der legislativen Nationalversammlung war die Erscheinung der konstitutionellen Republik vollendet, d. h. der republikanischen Staatsform, worin die Herrschaft der Bourgeoisie konstituiert ist.“
„Mit der offiziellen Restauration der Finanzaristokratie mußte das französische Volk bald wieder vor einen 24. Februar kommen.“
„So rasch hatte der Gang der Revolution die Zustände gereift, daß die Reformfreunde aller Schattierungen, daß die bescheidensten Ansprüche der Mittelklassen gezwungen waren, sich um die Fahne der äußersten Umsturzpartei zu gruppieren, um die rote Fahne.“
„Das Proletariat gruppiert sich immer mehr um den revolutionären Sozialismus, um den Kommunismus. Dieser Sozialismus ist die Permanenzerklärung der Revolution, die Klassendiktatur des Proletariats als notwendiger Durchgangspunkt zur Abschaffung der Klassenunterschiede überhaupt, zur Abschaffung sämtlicher Produktionsverhältnisse, worauf sie beruhen, zur Abschaffung sämtlicher gesellschaftlichen Beziehungen, die diesen Produktionsverhältnissen entsprechen, zur Umwälzung sämtlicher Ideen, die aus diesen gesellschaftlichen Beziehungen hervorgehen.“
„Das Proletariat ließ sich zu keiner Emeute provozieren, weil es im Begriffe war, eine Revolution zu machen... Allen Anstrengungen zum Trotze siegten die sozialistischen Kandidaten. Die Armee selbst stimmte für den Juniinsurgenten gegen ihren eigenen Kriegsminister Lahitte. Die Ordnungspartei war wie vom Donner gerührt... Die Wahl vom 10. März 1850! Es war die Zurücknahme des Juni 1848: die Massakreurs und Deporteurs der Juniinsurgenten kehrten in die Nationalversammlung zurück, aber gebeugt, im Gefolge der Deportierten und ihre Prinzipien auf den Lippen. Es war die Zurücknahme des 13. Juni 1849: die von der Nationalversammlung proskripierte Montagne kehrte in die Nationalversammlung zurück, aber als vorgeschobene Trompeter der Revolution, nicht mehr als ihre Kommandeure. Es war die Zurücknahme des 10. Dezember: Napoleon war durchgefallen mit seinem Minister Lahitte.“
„Der 10. März war eine Revolution. Hinter den Wahlzetteln liegen die Pflastersteine.“
„Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.“
Wenn an den Klassenkämpfen in Frankreich besonders die glänzenden Vorzüge der Marxschen Schreibweise gerühmt worden sind: packende Darstellung, scharfe satirische Charakterisierung, souveräne Behandlung weltgeschichtlicher Massen und kühne Aufdeckung verborgener Zusammenhänge, so trifft dies gewiß zu, geht aber, indem es sich auf formale Vorzüge beschränkt, an der sachlichen Bedeutsamkeit dieses Werkes vorüber.
Was ihm seine besondere Wichtigkeit verleiht — und darauf hat schon Engels aufmerksam gemacht — ist der Umstand, daß hier zum ersten Male in voller Klarheit die Formel ausgesprochen wird, die später zur Generalformel der Klassenkampfbewegung aller Parteien, aller sozialistischen Richtungen und in allen Ländern werden sollte: Aneignung der Produktionsmittel durch das Proletariat, Abschaffung des Lohnsystems wie des Kapitals und ihres Wechselverhältnisses. Damit war die Forderung formuliert, durch die „der moderne Arbeitersozialismus sich scharf unterscheidet ebensowohl von allen verschiedenen Schattierungen des feudalen, bürgerlichen, kleinbürgerlichen usw. Sozialismus, wie auch von der konfusen Gütergemeinschaft des utopischen wie des naturwüchsigen Arbeiterkommunismus. Wenn später Marx die Formel ausdehnte auf Aneignung auch der Austauschmittel, so sprach diese Erweiterung, die übrigens nach dem kommunistischen Manifest sich von selbst verstand, nur eine Ergänzung des Hauptsatzes aus“ (Engels).
Im einzelnen ist das Werk nicht ohne Fehler. Marx steht noch zu sehr unter dem Eindrucke der Vorstellungen, die er von früheren Revolutionen hat, unter „dem Banne der bisherigen geschichtlichen Erfahrungen“, wie Engels richtig bemerkt. Die historische Grundfarbe der Revolutionen von 1789 bis 1830 schlägt überall durch sein temperamentvolles Kolorit hindurch. Weiter verleitet ihn die trotz tiefer Einsichten noch immer unzureichende Erfassung der ökonomischen Ursachen — eine Folge des Mangels an Statistiken, zuverlässigen Berichten, gründlicher Nationalökonomie usw. — zu dem Fehlschluß, daß die soziale Revolution als letzter Entscheidungskampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat in Europa im unmittelbaren Verlaufe der revolutionären Erhebung von 1848 folgen müsse.
Die Geschichte hat diese Annahme — schreibt Engels 1895 — als Illusion enthüllt. „Sie hat klar gemacht, daß der Stand der ökonomischen Entwicklung auf dem Kontinent damals noch bei weitem nicht reif war für die Beseitigung der kapitalistischen Produktion; sie hat dies bewiesen durch die ökonomische Revolution, die seit 1848 den ganzen Kontinent ergriffen und die große Industrie in Frankreich, Österreich, Ungarn, Polen und neuerdings Rußland erst wirklich eingebürgert, aus Deutschland aber geradezu ein Industrieland ersten Ranges gemacht hat — alles auf kapitalistischer, im Jahre 1848 noch sehr ausdehnungsfähiger Grundlage. Gerade diese industrielle Revolution aber ist es, die überall erst Klarheit geschaffen hat in den Klassenverhältnissen, die eine Menge von aus der Manufakturperiode und im östlichen Europa selbst aus dem Zunfthandwerk her überkommenen Zwischenexistenzen beseitigt, eine wirkliche Bourgeoisie und ein wirkliches großstädtisches Proletariat erzeugt und in den Vordergrund der gesellschaftlichen Entwicklung gedrängt hat. Dadurch aber ist der Kampf dieser beiden großen Klassen, der 1848 außerhalb Englands nur in Paris und höchstens in einigen großen Industriezentren bestand, erst über ganz Europa verbreitet worden und hat eine Intensität erlangt, wie sie 1848 noch undenkbar war.“
Trotz dieser Mängel sind die Klassenkämpfe in Frankreich ein Kabinettstück kritischer und analytischer Geschichtsbetrachtung im Sinne des historischen Materialismus, das geniale Konzept für die vollendetste zeitgeschichtliche Studie, in der Marx sein Meisterstück schuf: der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte.
Der 18. Brumaire
Die Februarrevolution in Frankreich hatte mit dem Staatsstreiche Louis Napoleons ihren folgerichtigen Abschluß gefunden. Die Kaiserkrone bildete nur das nachträgliche, unter dem Stachel dynastischer Großmannssucht hinzugefügte symbolische Requisit. Marx, der bereits auf die Groteske aufmerksam gemacht hatte, daß „der einfältigste Mann Frankreichs die vielfältigste Bedeutung erhielt“, ging nun daran, nachzuweisen, „wie der Klassenkampf in Frankreich Umstände und Verhältnisse schuf, welche einer mittelmäßigen und grotesken Personage das Spiel der Heldenrolle ermöglichten“.
Der Staatsstreich hatte viele Federn zu seiner Rechtfertigung, Verurteilung oder Erklärung in Bewegung gesetzt. Marx hebt zwei Schriften, die den Gegenstand behandeln und gleichzeitig mit seiner Schrift erschienen, als bemerkenswert hervor, Victor Hugos Napoléon le Petit und Proudhons Coup d’Etat. „Victor Hugo beschränkt sich auf bittere und geistreiche Invektiven gegen den verantwortlichen Herausgeber des Staatsstreichs. Das Ereignis selbst erscheint bei ihm wie ein Blitz aus heiterer Luft. Er sieht darin nur die Gewalttat eines einzelnen Individuums. Er merkt nicht, daß er das Individuum groß statt klein macht, indem er ihm eine persönliche Gewalt der Initiative zuschreibt, wie sie beispiellos in der Weltgeschichte dastehen würde. Proudhon seinerseits sucht den Staatsstreich als Resultat einer vorhergegangenen geschichtlichen Entwicklung darzustellen. Unter der Hand verwandelt sich ihm jedoch die geschichtliche Konstruktion des Staatsstreichs in eine geschichtliche Apologie des Staatsstreichshelden“. Im Gegensatze hierzu bot die von Marx angewandte materialistische Geschichtsauffassung einen Einblick in die Regie der Interessen, die das Ereignis herbeiführte, mit solcher Klarheit, daß auch nicht das kleinste Detail mehr unter ideologischer Verhüllung blieb. Louis Napoleon und seine Politik wurden schonungslos auf den Seziertisch gelegt.
Die gedankentiefe, scharfsinnige und in glänzendem Stil abgefaßte Schrift entstand in einer Zeit, in der Marx dem Elend des Emigrantendaseins fast zu erliegen drohte. In seiner Familie herrschte bitterste Not, Kleider und Schuhe waren im Leihhause, in zwei engen, armseligen Stuben hausten sechs, sieben Menschen voll zitternder Angst vor dem nächsten Tage. Marx konnte „aus Mangel an dem im Pfandhaus untergebrachten Röcken nicht mehr ausgehen und aus Mangel an Kredit kein Fleisch mehr essen“, war außerdem krank und sah sich verzweifelt und erfolglos nach Rettung um. Engels war wieder als Kommis in die väterliche Firma in Manchester eingetreten und die übrigen Emigranten, zu denen man Beziehungen hatte, waren durchweg selbst arme Mäuse.
Da schrieb Marxens alter Freund Weydemeyer, der während der Revolution ein radikales Blatt herausgegeben hatte, dann aber, verfolgt und des illegalen Lebens müde, nach Amerika ausgewandert war, daß er drüben eine Zeitschrift herausgeben wolle, für die er Beiträge gegen Honorar von Marx und seinen Freunden erbat. Marx schrieb ihm wöchentlich bis Mitte Februar 1852 Artikel über die Geschichte des Staatsstreichs.
Aber an Stelle des sehnsüchtig erwarteten Honorars traf die Nachricht ein, daß der ganze Plan der Zeitschrift gescheitert sei. Der Brief mit dieser Hiobsbotschaft erreichte Marx, als dieser eben sein Töchterchen Franziska durch den Tod verloren hatte und Frau Marx, wie immer ohne Geld, in der Nachbarschaft herumlief, um die Summe für den Sarg zusammenzuborgen.
Ein zweiter Brief meldete indes in einiger Zeit, daß es doch noch gelungen sei, die Zeitschrift herauszubringen. Ein Schneidergeselle hatte seine gesamten Ersparnisse in Höhe von vierzig Dollars hergegeben — diesem namenlosen Mäcen verdanken wir, daß die Arbeit von Marx im zweiten Heft der Revolution, die bald wieder einging, erscheinen konnte. Einige hundert extra abgezogene Exemplare fanden den Weg nach Deutschland und wurden hier vertrieben.
Im Achtzehnten Brumaire korrigierte Marx die in den Klassenkämpfen vertretene Auffassung, daß eine soziale Revolution im Zusammenhange mit der Bewegung von 1848 zu erwarten sei. Er hatte inzwischen — unterstützt durch ökonomische Studien, die er in London aufgenommen hatte — tiefer in die Mechanismen des historischen Geschehens blicken gelernt und war zu Ergebnissen gelangt, deren Aufbreitung den Sieg des Usurpators Napoleon erklärte. Auf den Schultern des Lumpenproletariats, jenes „Auswurfs, Abfalls, Abhubs aller Klassen“, den die Franzosen als la Bohème bezeichnen, auf dem Rücken der konservativen Bauernschaft, die das Parzelleneigentum in Troglodyten verwandelt hatte, und auf den Bajonetten einer trunkenen Soldateska, die er durch Schnaps und Würste gekauft hatte, war der „aus der Fremde hergelaufene Glücksritter“ Stufe um Stufe zum Thron emporgestiegen. Und das Resultat? „Die französische Bourgeoisie bäumte sich auf gegen die Herrschaft des arbeitenden Proletariats; sie hat das Lumpenproletariat zur Herrschaft gebracht. Die Bourgeoisie hielt Frankreich in atemloser Furcht vor den zukünftigen Schrecken der roten Anarchie; Bonaparte eskomptierte ihr diese Zukunft, als er am 4. Dezember die vornehmen Bürger durch die schnapsbegeisterte Armee der Ordnung von ihren Fenstern herabschießen ließ. Sie apotheosierte den Säbel; der Säbel beherrschte sie. Sie vernichtete die revolutionäre Presse; ihre eigene Presse ist vernichtet. Sie stellte die Volksversammlungen unter Polizeiaufsicht; ihre Salons stehen unter der Aufsicht der Polizei. Sie löste die demokratischen Nationalgarden auf; ihre eigene Nationalgarde ist aufgelöst. Sie verhing den Belagerungszustand; der Belagerungszustand ist über sie verhängt. Sie verdrängte die Jury durch Militärkommissionen; ihre Jurys sind durch Militärkommissionen verdrängt. Sie unterwarf den Volksunterricht den Pfaffen; die Pfaffen unterwarfen sie ihrem eigenen Unterricht. Sie transportierte ohne Urteile; sie wird ohne Urteil transportiert. Sie unterdrückte jede Regung der Gesellschaft durch die Staatsmacht; jede Regung ihrer Staatsmacht wird durch die Gesellschaft unterdrückt. Sie rebellierte aus Begeisterung für ihren Geldbeutel gegen ihre eigenen Politiker und Literaten; ihre Politiker und Literaten sind beseitigt, aber ihr Geldbeutel wird geplündert, nachdem sein Mund geknebelt und seine Feder zerbrochen ist.“ So wurden alle Sünden am Geiste der Revolution an der Bourgeoisie heimgesucht. Und der Vollstrecker der rächenden Vergeltung war Louis Napoleon, der Erwählte der Parzellenbauern.
Jedoch: „Die ökonomische Entwicklung des Parzelleneigentums hat das Verhältnis der Bauern zu den übrigen Gesellschaftsklassen von Grund aus verkehrt. Unter Napoleon ergänzte die Parzellierung des Grund und Bodens auf dem Lande die freie Konkurrenz und die beginnende große Industrie in den Städten. Die Bauernklasse war der allgegenwärtige Protest gegen die eben erst gestürzte Grundaristokratie. Die Wurzeln, die das Parzelleneigentum in den französischen Grund und Boden schlug, entzogen dem Feudalismus jeden Nahrungsstoff. Seine Grenzpfähle bildeten das natürliche Befestigungswerk der Bourgeoisie gegen jeden Handstreich ihrer alten Oberherren. Aber im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts trat an die Stelle der Feudalen der städtische Wucherer, an die Stelle der Feudalpflichtigkeit die Hypothek, an die Stelle des aristokratischen Grundeigentums das bürgerliche Kapital. Die Parzelle des Bauern ist nur noch der Vorwand, der dem Kapitalisten erlaubt, Profit, Zinsen und Rente von dem Acker zu ziehen und den Ackerbauer selbst zusehen zu lassen, wie er seinen Arbeitslohn herausschlägt. Die auf dem französischen Boden lastende Hypothekarschuld legt der französischen Bauernschaft einen Zins auf, so groß wie der Jahreszins der gesamten britischen Nationalschuld ... Die bürgerliche Ordnung, die am Anfang des Jahrhunderts den Staat als Schildwache vor die neu entstandene Parzelle stellte und sie mit Lorbeeren düngte, ist zum Vampir geworden, der ihr Herzblut und Hirnmark aussaugt und sie in den Alchimistenkessel des Kapitals wirft. Der Code Napoleon ist nur noch der Kodex der Exekution, der Subhastation und der Zwangsversteigerung ... Das Interesse der Bauern befindet sich also nicht mehr, wie unter Napoleon, im Einklange, sondern im Gegensatze mit den Interessen der Bourgeoisie, mit dem Kapital. Sie finden also ihren natürlichen Verbündeten und Führer in dem städtischen Proletariat, dessen Aufgabe der Umsturz der bürgerlichen Ordnung ist.“
„Alle ‚idees napoléoniennes‘ — enorme Bureaukratie, Herrschaft der Pfaffen, Übergewicht der Armee — sind Ideen der unentwickelten, jugendfrischen Parzelle, sie sind ein Widersinn für die überlebte Parzelle. Sie sind nur die Halluzinationen ihres Todeskampfes, Worte, die in Phrasen, Geister, die in Gespenster verwandelt. Aber die Parodie des Imperalismus war notwendig, um die Masse der französischen Nation von der Wucht der Tradition zu befreien und den Gegensatz der Staatsgewalt zur Gesellschaft rein herauszuarbeiten. Mit der fortschreitenden Zerrüttung des Parzelleneigentums bricht das auf ihm aufgeführte Staatsgebäude zusammen.“
„Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Ekstase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt. Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Laufe, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen: Hic Rhodus, hic salta! Hier ist die Rose, hier tanze!“
Leiden im Exil
Ende Juni 1849 war Marx mit seiner Familie nach London gekommen. Ohne Geld, ohne Beruf und Einkommen, ohne Hilfe.
Der Erlös aus seinem Grundstück in Trier war bald aufgezehrt. Die Herausgabe der Revue der Neuen Rheinischen Zeitung erwies sich als ein Fehlschlag.
Mehrfach erwog Marx den Plan, gemeinsam mit Wilhelm Wolff eine lithographierte Korrespondenz für eine paar Dutzend amerikanische Journale herauszugeben, in der er Probleme der europäischen Politik und Wirtschaft zu behandeln gedachte. Da bot sich ihm unversehens ein Gelegenheit zu journalistischer Betätigung. Sie kam von der großen amerikanischen Zeitung New York Tribune, deren Chefredakteur Dana er 1848 in Köln bei Freiligrath kennengelernt hatte. Nun, 1851, forderte Dana den nach London übersiedelten Freiligrath auf, ihm Berichte über die europäische Politik zu schreiben. Freiligrath verwies ihn an Marx.
Es kam eine Vereinbarung zustande, wonach Marx in dauernder Mitarbeit alle Fragen europäischer Politik in wöchentlich zwei Artikeln zu behandeln hatte. Dafür sollte ihm ein Honorar von je zwei Pfund Sterling gezahlt werden. Marx bekam dadurch die seit langem ersehnte Möglichkeit, zu politischen Fragen vor einem großen Forum öffentlich Stellung zu nehmen und seine Auffassung geltend zu machen. Außerdem fand er in einer Zeit schwerster wirtschaftlicher Misere, wo er die „nächtelangen Tränenbäche“ seiner Frau kaum noch ertragen konnte, endlich ein Einkommen, das ihm über die schlimmsten Sorgen hinweghalf.
Freilich war Marx 1851 in der englischen Sprache noch nicht ganz sattelfest, weshalb er Engels bat, für ihn einzuspringen. Engels machte sich nach einigem Zögern an die Arbeit, lieferte einen Artikel nach dem andern und schrieb schließlich die ganze Reihe der Artikel, die Karl Kautsky 1896 unter dem Titel Revolution und Konterrevolution in Deutschland herausgegeben und Marx zugeschrieben hat. Aus dem später von Franz Mehring veröffentlichten Briefwechsel zwischen Marx und Engels geht hervor, wie dieser unvergleichlichste aller Freunde sich in jeder Situation Marx zur Verfügung stellte: er beriet nicht nur mit Marx in ständiger Korrespondenz alle politischen, literarischen und persönlichen Fragen, er half nicht nur Marx unausgesetzt durch Geldsendungen aus ewigen wirtschaftlichen Verlegenheiten, er schenkte ihm auch noch in selbstlosester Weise die Stunden nach Feierabend, indem er ihm jahrelang die fälligen Artikel für die Tribune schrieb.
In der Folgezeit hat Engels, seiner besonderen Neigung entsprechend, vorwiegend die militärischen Artikel geschrieben, während Marx mit Aufmerksamkeit und scharfer Beobachtung die englische Politik unter dem Gesichtswinkel der weltwirtschaftlichen Zusammenhänge verfolgte und kritisch behandelte. So deckte er in den Artikeln über den Krimkrieg die auf Europa lastende englisch-russische Sklaverei auf, wies an Hand der Parlamentsakten und Blaubücher die geheimen diplomatischen Zusammenhänge zwischen englischem und russischem Kabinett nach, brandmarkte Lord Palmerston als gekauftes Werkzeug zaristischer Politik, nahm Stellung zum Panslavismus, zum ostindischen Aufstande, zur orientalischen Frage, zum italienischen Kriege, zum nordamerikanischen Bürgerkrieg usw.
Rjasanoff hat sich die Mühe gemacht, die New York Tribune von 1852 bis 1862 einer kritischen Durchsicht zu unterziehen, um die von Marx und Engels verfaßten Artikel festzustellen. Das Ergebnis ist ziemlich unbefriedigend gewesen, weil die meisten Artikel nicht gezeichnet sind, seit 1855 der Name Marx aus der Tribune überhaupt verschwindet und ein großer Teil der Artikel als Leitartikel — also anonym — erschienen ist. Wie Rjasanoff schreibt, hielten sich Marx und Engels bei Abfassung ihrer Artikel anfangs ganz an das von der bürgerlichen Demokratie überlieferte Schema. Erst allmählich befreiten sie sich von diesem Einflusse und arbeiteten konsequent den proletarischen Standpunkt heraus. „Sie erkannten, das große Ziel, das sie sich stellten, die Befreiung der Arbeiterklasse, sei eben deshalb, weil es das Zusammenwirken verschiedener Nationen erheischt, unvereinbar ‚mit einer auswärtigen Politik, die frevelhafte Zwecke verfolgt, mit Nationalvorurteilen ihr Spiel treibt und in piratischen Kriegen des Volkes Blut und Gut vergeudet‘. Indem sie auf diesen notwendigen Zusammenhang zwischen der inneren und der auswärtigen Politik hinwiesen und den Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie als leitenden Grundsatz auf allen Gebieten und in allen Phasen der geschichtlichen Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft proklamierten, forderten sie das Proletariat auf, alle Machenschaften der geheimen Diplomatie stets im Auge zu behalten und in die Geheimnisse der internationalen Politik einzudringen.“
War so die Mitarbeit an der Tribune für Marx eine wertvolle Schule der Erprobung und Entwicklung, so blieb sie in ihrem materiellen Ertrage weit hinter den Versprechungen und Erwartungen zurück. Dana war ein Pfennigfuchser, der unzählige Artikel, die er aus irgendeinem Grunde nicht verwendete, in den Papierkorb warf, ohne sie dem Verfasser zu vergüten. So reduzierte sich das in Aussicht gestellte Einkommen bei näherem Zusehen ganz gewaltig. Trotz großen Fleißes und trotz der unablässigen Hilfe von Engels, der immer wieder mit Artikeln einsprang, blieb Marx der „Tagelöhner mit dem Geiste“.
Die Familie sah sich bald von allen Schrecken des Flüchtlingselends überfallen. Es kam zu Situationen und Szenen, die an den Rand des Abgrunds führten. Ein Brief von Frau Marx aus dieser Zeit entwirft ein erschütterndes Bild von der Notlage, in der sie sich befanden.
„Lieber Herr Weydemeyer! Bald ist ein Jahr verflossen, seit ich bei Ihnen und Ihrer lieben Frau eine so freundliche Aufnahme fand, seit ich mich in Ihrem Hause so heimisch und wohl fühlte, und in der ganzen langen Zeit habe ich kein Lebenszeichen von mir gegeben ... Allein die Verhältnisse zwingen mir die Feder in die Hand — ich bitte Sie, uns die von der ‚Revue‘ eingegangenen oder eingehenden Gelder sobald als möglich zu schicken. Wir haben sie sehr, sehr nötig. Es kann uns sicher niemand nachsagen, daß wir je viel Wesens von dem gemacht haben, was wir seit Jahren geopfert und getragen haben; das Publikum ist wenig oder fast nie mit unsern persönlichen Angelegenheiten behelligt worden. Mein Mann ist in diesen Dingen sehr empfindlich, und er opfert lieber das Letzte auf, ehe er sich zu demokratischen Betteleien, wie die großen offiziellen Männer, hergeben sollte. Was er aber wohl von seinen Freunden, namentlich in Köln, erwarten konnte, war eine energische Teilnahme für seine Revue. Diese Teilnahme konnte er vor allem da erwarten, wo seine Opfer für die ‚Neue Rheinische Zeitung‘ bekannt waren. Statt dessen ist das Geschäft durch nachlässigen und unordentlichen Betrieb gänzlich ruiniert worden, und man weiß nicht, ob die Verschleppung des Buchhändlers oder der Geschäftsführer und Bekannten in Köln oder ob das Benehmen der Demokratie überhaupt am schändlichsten waren.
Mein Mann ist hier fast erdrückt worden von den kleinlichsten Sorgen des Lebens, und zwar in einer so empörenden Form, daß seine ganze Energie, das ganze ruhige, klare, stille Selbstbewußtsein seines Wesens nötig waren, um ihn in diesen täglichen, stündlichen Kämpfen aufrecht zu erhalten. Sie wissen, lieber Herr Weydemeyer, welche Opfer mein Mann der Zeitung brachte. Tausende steckte er bar hinein, das Eigentum der Zeitung übernahm er, beschwatzt durch die demokratischen Biedermänner, zu einer Zeit, wo schon wenig Aussicht mehr zur Durchführung da war. Um die politische Ehre des Blattes, um die bürgerliche Ehre der Kölner Bekannten zu retten, ließ er sich alle Lasten aufbürden, seine Maschine gab er hin, alle Einnahmen gab er hin, ja beim Fortgehen borgte er dreihundert Taler, um die Miete für das neugemietete Lokal, um die rückständigen Honorare für Redakteure usw. zu zahlen — und er war gewaltsam vertrieben. Sie wissen, daß wir von allem nichts für uns übrigbehalten haben; ich kam nach Frankfurt, um mein Silberzeug zu versetzen, das letzte, was wir hatten; in Köln ließ ich meine Möbel verkaufen. Mein Mann ging, als die unglückliche Epoche der Konterrevolution anbrach, nach Paris, ich folgte ihm mit meinen drei Kindern. Kaum in Paris eingewohnt, wieder vertrieben, mir selbst und meinen Kindern wird der längere Aufenthalt versagt. Ich folge ihm wieder übers Meer. Nach einem Monat wird unser viertes Kind geboren. Sie müßten London und die hiesigen Verhältnisse kennen, um zu wissen, was es heißt: drei Kinder und die Geburt eines vierten. Miete allein mußten wir monatlich 42 Taler bezahlen. Alles dieses waren wir imstande, aus eigenem aufgenommenen Vermögen zu bestreiten. Aber unsere kleinen Resourcen erschöpften sich, als die ‚Revue‘ erschien. Trotz Übereinkunft trafen die Gelder nicht ein und dann in einzelnen kleinen Summen, so daß wir in die schrecklichsten Lagen gerieten.
Ich werde Ihnen nur einen Tag aus diesem Leben schildern, so wie er war, und Sie werden sehen, daß vielleicht wenige Flüchtlinge Ähnliches durchgemacht haben. Da die Ammen hier unerschwinglich sind, so entschloß ich mich, trotz beständiger schrecklicher Schmerzen in der Brust und im Rücken, mein Kind selbst zu ernähren. Der arme kleine Engel trank mir aber so viel Sorgen und stillen Kummer ab, daß er beständig kränkelte, Tag und Nacht in heftigen Schmerzen lag. Seit er auf der Welt ist, hat er noch keine Nacht geschlafen, höchstens zwei bis drei Stunden. In der letzten Zeit kamen nun noch heftige Krämpfe hinzu, so daß das Kind beständig zwischen Tod und elendem Leben schwankte. In diesen Schmerzen sog er so stark, daß meine Brust wund ward und aufbrach; oft strömte das Blut in sein kleines bebendes Mündchen. So saß ich eines Tages da, als plötzlich unsere Hauswirtin erschien, der wir im Laufe des Winters über 250 Taler gezahlt hatten und mit der wir kontraktlich übereingekommen waren, das spätere Geld nicht ihr, sondern ihrem Landlord auszuzahlen, der sie früher hatte pfänden lassen. Sie leugnete nun den Kontrakt und forderte fünf Pfund, die wir ihr noch schuldeten, und als wir sie nicht gleich hatten, traten zwei Pfänder ins Haus, belegten alle meine kleine Habe mit Beschlag, Betten, Wäsche, Kleider, alles, selbst die Wiege meines armen Kindes und die besten Spielsachen der Mädchen, die in heißen Tränen dastanden. In zwei Stunden drohten sie alles zu nehmen — ich lag dann auf der flachen Erde mit meinen frierenden Kindern, mit meiner wehen Brust. Schramm, unser Freund, eilte in die Stadt, um Hilfe zu schaffen. Er steigt in ein Kabriolett, die Pferde gehen durch, er springt aus dem Wagen und wird uns blutend ins Haus gebracht, wo ich mit meinen armen zitternden Kindern jammerte.
Den Tag darauf mußten wir aus dem Hause, es war kalt und regnerisch und trüb, mein Mann sucht uns eine Wohnung, niemand will uns nehmen, wenn er von vier Kindern spricht. Endlich hilft uns ein Freund, wir bezahlen und ich verkaufe rasch alle meine Betten, um die vom Skandal der Pfändung ängstlich gemachten Apotheker, Bäcker, Fleischer, Milchmann zu bezahlen, die plötzlich mit ihren Rechnungen auf mich losgestürmt kommen. Die verkauften Betten werden vor die Tür gebracht, auf eine Karre geladen — was geschieht. Es war spät nach Sonnenuntergang geworden, das englische Gesetz verbietet das, der Wirt dringt mit Konstablern vor, behauptet, es könnten von seinen Sachen dabei sein, wir wollten durchgehen in ein fremdes Land. In weniger als fünf Minuten stehen mehr als zwei- bis dreihundert Leute vor unserer Türe, der ganze Mob von Chelsea. Die Betten kommen zurück, erst am andern Morgen nach Sonnenaufgang dürfen sie dem Käufer übergeben werden. Als wir nun so durch den Verkauf unserer sämtlichen Habseligkeiten in den Stand gesetzt waren, jeden Heller zu zahlen, zog ich mit meinen kleinen Lieblingen in unsere jetzigen zwei kleinen Stübchen im deutschen Hotel, Leicester Street, Leicester Square, wo wir für 5½ Pfund die Woche menschliche Aufnahme fanden.
... Glauben Sie nicht, daß mich diese kleinlichen Leiden gebeugt haben, ich weiß nur zu gut, wie unser Kämpfen kein isoliertes ist, und wie ich außerdem noch zu den auserwählten Glücklichen, Begünstigten gehöre, da mein teurer Mann, die Stütze meines Lebens, noch an meiner Seite steht. Allein was mich wirklich bis ins Innerste vernichtet und mein Herz bluten macht, das ist, daß mein Mann so viel Kleinliches durchzumachen hat, daß ihm mit so wenigen zu helfen gewesen wäre, und daß er, der so vielen gern und freudig geholfen hat, hier so hilflos stand... Das einzige, was mein Mann wohl von denen verlangen konnte, die manchen Gedanken, manche Erhebung, manchen Halt an ihm hatten, war, bei seiner ‚Revue‘ mehr geschäftliche Energie, mehr Teilnahme zu entwickeln. Das wenige war man ihm schuldig. Ich glaube, es war dabei niemand betrogen. Das schmerzt mich. Aber mein Mann denkt anders. Er hat noch nie, selbst in den schrecklichsten Momenten, die Sicherheit der Zukunft, selbst nicht den heitersten Humor verloren und war ganz zufrieden, wenn er mich heiter sah und unsere lieblichen Kinder um ihr liebes Mütterchen herumschmeichelten. Er weiß nicht, daß ich Ihnen, lieber Herr Weydemeyer, so weitläufig über unsere Lage geschrieben habe; machen Sie daher keinen Gebrauch von diesen Zeilen ...“
Die Tragödie des englischen Flüchtlingslebens begann in der kleinen, armseligen Wohnung in der Dean-Street, einem Proletarierviertel, die Marx im Juni 1850 bezog. Es war eine ungewöhnlich schlechte, ärmliche Wohnung, aus Stube und Kabinett bestehend, so daß der eine Raum, der für sieben Menschen als Wohnraum diente, zugleich
Küche, Studierzimmer und Besuchsraum war für die zahlreichen Besuche, die bei ihm aus und ein gingen. Da blieb zum eigentlichen Studium nur die Bibliothek im Britischen Museum, in der er viele Jahre von morgens bis abends bei seiner Arbeit saß.Große finanzielle Hilfe leistete ihm Engels mit unerschütterlicher Selbstverständlichkeit. Unter den vielen Tausenden von Briefen, die zwischen London und Manchester hin und her gegangen sind, befindet sich kaum ein einziger, in dem nicht auch mit ein paar Worten oder Zeilen von Geld die Rede wäre. Sei es, daß Marx mit Ausbrüchen der Klage, Verzweiflung oder Wut den Freund um schnellste Hilfe bittet, sei es, daß Engels in seiner schlichten, diskreten Ruhe das stereotype „Inliegend Post Office Ordre für... Pfund“ registriert. Dabei lebte Engels keineswegs im Überfluß. Er bezog ein mäßiges Gehalt und hatte sowohl mit seinem Vater wie mit den Mitinhabern der Firma häufig Auseinandersetzungen über seine Einkünfte. Dazu kamen allerhand Verdrießlichkeiten: einmal hatte der Kassierer kein Geld, oder der Prokurist verweigerte Vorschuß, oder Familienbesuch durfte nichts von den Geldsendungen sehen. „Nachdem ich meinen Alten hier acht Tage herumgeschleift“, schreibt er einmal an Marx, „habe ich ihn glücklich wieder fortexpediert und kann Dir heute endlich inliegend Post Office Ordre für 5 Pfund schicken...“ Oder ein andermal: „Morgen geht mein Bruder fort, und ich werde dann endlich wieder zur Ruhe kommen. Ich bin die ganze Zeit über keinen Augenblick allein gewesen, und es war mir rein unmöglich, Dir die Banknote früher zu schicken als Samstag...“
Von Zeit zu Zeit, in größeren oder kleineren Zwischenräumen, wurde Engels durch besonders laute Notschreie in Bewegung versetzt. So durch einen Brief vom 31. März 1851, in dem es heißt: „Du weißt, daß ich am 23. März 31 Pfund 10 Schilling an den alten Bamberger und am 16. 10 Pfund an den Juden Stiebel zu zahlen hatte, alles auf kursierende Wechsel. Ich hatte erst bei meiner Schwiegermutter durch Jenny direkt anfragen lassen. Die Antwort darauf war, daß Edgar mit dem Rest von Jennys Geld wieder nach Mexiko expediert worden ist und ich keinen Centime herausbekommen konnte. Dem Stiebel zahlte ich am 16. März seine 10 Pfund durch Hilfe von Pieper. Dem alten Bamberger gegenüber blieb mir nichts übrig, als ihm zwei Wechsel auszustellen ... Meine Mutter erklärt mir positivement, daß sie jeden auf sie gezogenen Wechsel protestiert. So habe ich also für den 21. April das Äußerste von dem wütend gewordenen alten Simon Bamberger zu gewärtigen. Gleichzeitig ist meine Frau niedergekommen. Die Entbindung war leicht, dagegen liegt sie jetzt sehr krank da, mehr aus bürgerlichen als physischen Gründen. Dabei habe ich verbalement keinen Farthing im Hause, um so mehr Rechnungen dagegen von dem kleinen commerce, Metzger, Bäcker und so fort. Du wirst zugeben, daß die Gesamtsauce passablement angenehm ist und daß ich bis an die Wirbelspitze meines Schädels im kleinbürgerlichen Drecke stecke. Und dabei hat man noch die Arbeiter exploitiert! Und strebt nach der Diktatur! Quelle horreur! Aber das ist nicht alles. Der Fabrikant, der mir in Brüssel Geld lieh von Trier aus, tritt mich und verlangt es zurück, weil seine Eisenhütte schlecht gehe. Tant pis pour lui. Dem kann ich nicht gerecht werden.“
Es war immer wieder Engels, der Rat und Geld schaffte, ohne auch nur einmal ungeduldig zu werden, nur einmal die Hilfe zu versagen. Ununterbrochen, Brief für Brief, wanderten die Geldscheine nach London, wo sie im Danaidenfaß einer sicher nicht sehr haushälterischen und rationellen Wirtschaftsführung verschwanden. Noch bis 1854 war es der stille Traum von Engels, sich der Schriftstellerei zu widmen und nach London zu übersiedeln. Aber die Überlegung, daß er dann Marx nicht mehr würde materiell beistehen können, bestimmte ihn, bei dem „verfluchten Kommerz“ zu bleiben.
Im August 1851 war die Not wieder einmal entsetzlich groß. „Du kannst Dir denken,“ schrieb Marx an Weydemeyer, „daß meine Lage sehr trüb ist. Meine Frau geht unter, wenn es lange so fortdauert. Die beständigen Sorgen, der allerkleinste bürgerliche Kampf reiben sie auf. Und dazu noch die Infamie meiner Gegner ... ich würde lachen über den ganzen Dreck; ich lasse mich dadurch auch keinen Augenblick in meiner Arbeit stören, aber Du begreifst, daß meine Frau, die leidend ist und in dem unerfreulichsten bürgerlichen Elend vom Morgen bis zum Abend sitzt und deren Nervensystem angegriffen ist, nicht dadurch erfrischt wird, daß jeden Tag dumme Zwischenträger ihr die Ausdünstungen der demokratischen Pestkloaken zuführen ...“
Ostern 1852 verließ die ein Jahr vorher unter Not und Kümmernis geborene kleine Tochter von Marx wieder die ungastliche Welt, und da gab es im Hause wieder eine rechte Elendsszene. Die Mutter schildert sie in ihrem Tagebuche: „Ostern 1852 erkrankte unsere arme kleine Franziska an einer schweren Bronchitis. Drei Tage rang das arme Kind mit dem Tode. Es litt so viel. Sein kleiner entseelter Körper ruhte in dem kleinen hinteren Stübchen, wir alle wanderten zusammen in das vordere, und wie die Nacht heranrückte, betteten wir uns auf die Erde. Da lagen die drei lebenden Kinder mit uns, und wir weinten um den kleinen Engel, der kalt und erblichen neben uns ruhte. Der Tod des lieben Kindes fiel in die Zeit unserer bittersten Armut. Unsere deutschen Freunde konnten uns nicht helfen... Ernest Jones, der uns in dieser Zeit besuchte und versprochen hatte zu helfen, konnte nichts tun... In der Angst meines Herzens lief ich zu einem französischen Flüchtling, der in der Nähe wohnte und uns kurz vorher besucht hatte. Er gab mir gleich mit der freundlichsten Teilnahme zwei Pfund Sterling. Mit ihnen wurde der kleine Sarg bezahlt, in dem mein armes Kind nun jetzt in Frieden schlummert. Es hatte keine Wiege, als es zur Welt kam, und auch die letzte kleine Behausung war ihm lange versagt. Wie war uns, als es hinausgetragen wurde zu seiner letzten Ruhestätte.“
Die Jahre von 1852 an waren für Marx, politisch gesehen, fast „Jahre idyllischen Friedens“, da er keinerlei Konflikte und Kontroversen mit Gegnern mehr einging, sich von allem politischen Betrieb zurückgezogen hielt und ganz in wissenschaftliche Arbeit vergrub. In wirtschaftlicher Beziehung freilich waren sie um nichts besser als ihre Vorgänger. Nur zwei Briefstellen aus dem Jahre 1853: „Lieber Engels! Ich habe Dir lange nicht geschrieben, selbst nicht den Empfang der 5 Pfund, weil ich in einer unbeschreiblichen Suppe my time und my energies konsumieren muß. Am 7. Juli hatte ich dem Spielmann meinen Wechsel gegeben. Am 31. August erklärt mir der Bursche — nachdem ich siebenmal zu ihm gelaufen war — daß der Wechsel verlorengegangen sei usw. Ich hatte mich also wochenlang durchgeschleppt, indem ich bis auf das letzte Stück versetzt habe, und hatte alle Gläubiger auf den 3. September wiederbestellt, seitdem ich sie von Juli an hingehalten. Da ich keine Ressourcen habe außer der Einnahme von der Tribune, begreifst Du meine Situation ...“ Und unter dem 8. Oktober: „Schon seit zehn Tagen kein Sou mehr im Haus. Daß Spielmann mich betrogen hat, davon habe ich jetzt die Beweise in der Hand... Ich habe nun wieder 24 Pfund Sterling zu ziehen ...“
Neben der Armut war die Krankheit ewiger Gast im Hause. Die enge Wohnung, in einer verseuchten Gegend gelegen, luftlos und ohne Sonne, ließ keine Gesundheit aufkommen. Bald lag Marx selbst wochenlang zu Bett, an einem Leberleiden, wie er glaubte, einem alten Familienerbe. Bald schreibt er von der Frau an Engels: „Meine Frau ist sehr leidend, magert ab und hustet“ und ein andermal: „Meine Frau ist krank, Jennychen ist krank, Lenchen hat eine Art Nervenfieber. Den Doktor kann und konnte ich nicht rufen, weil ich kein Geld für Medizin habe. Seit acht bis zehn Tagen habe ich die family mit Brot und Kartoffeln durchgefüttert, von denen es noch fraglich ist, ob ich sie heute auftreiben kann. Diese Diät war natürlich nicht förderlich bei den jetzigen klimatischen Verhältnissen.“ Die größte Sorge bereitete ihm sein drittes Kind, der einzige Knabe, der zugleich sein Stolz und seine Hoffnung war. Denn dieser Knabe — nach Marxens Schwager Edgar genannt — besaß außerordentliche Geistesgaben und bot in seiner Liebe zur Wissenschaft, zu Büchern das Abbild des Vaters. Aber er war von Kindheit an kränklich, leidend, von geschwächter Lebenskraft, so recht ein kümmerliches Pflänzchen lichtloser Kammern und magerer Tische. 1855 kam ein neues Sorgenkind, die kleine Eleanor, als sechstes in der Reihe hinzu. Tussy, wie man sie mit dem Kosenamen rief, war bei ihrer Geburt so unentwickelt, schwach und lebensunfähig, daß es der allergrößten Mühe bedurfte, sie zu erhalten. Sie mußte bis zum fünften Jahr ausschließlich, bis zum zehnten vorwiegend mit Milch ernährt werden und wurde davon gesund, kugelrund, wie Milch und Blut, der Liebling aller.
Einige Monate darauf erlebte Marx den bis dahin größten Schmerz seines Lebens: Edgar, sein lieber „Musch“, verschied neun Jahre alt nach wochenlanger schwerer Krankheit in seinen Armen. Ein paar Tage darauf schrieb er an Engels: „Das Haus ist ganz verödet und verwaist seit dem Tode des teuren Kindes, das seine belebende Seele war. Es ist unbeschreiblich, wie das Kind uns überall fehlt. Ich habe schon allerlei Pech durchgemacht, aber erst jetzt weiß ich, was ein wirkliches Unglück ist. Zum Glücke hatte ich seit dem Begräbnistage so tolle Kopfschmerzen, daß Denken und Sehen und Hören mir vergangen ist. Unter all den furchtbaren Qualen, die ich in diesen Tagen durchgemacht, hat mich immer der Gedanke an Dich und Deine Freundschaft aufrecht gehalten und die Hoffnung, daß wir noch etwas Vernünftiges in der Welt zu tun haben.“
Ein Jahr darauf starb in Trier die alte Baronin von Westphalen; Frau Marx, ihre Tochter, reiste mit den Kindern an das Krankenlager und Totenbett der Mutter. Und nach dem Tode fiel ihr ein kleines Erbteil von ein paar hundert Talern zu. Da entschloß sich Marx, eine neue Wohnung zu suchen. Anfang 1857 siedelte die Familie in eine neue, geräumigere und gesündere Wohnung über, Grafton Terrace 9 gelegen. Alles atmete auf und Frau Marx war selig. „Es ist eine wahrhaft prinzliche Wohnung, verglichen mit unsern früheren Löchern“, schrieb sie an eine Freundin, „und obgleich die sämtlichen Einrichtungen vom Kopfe bis zum Fuße nicht viel über 40 Pfund kamen (second hand rubbish spielte eine große Rolle dabei), so kam ich mir im Anfang in unserem jungen Parlour ganz großartig vor... Obgleich die Herrlichkeit nicht lange dauerte, denn bald mußte ein Stück nach dem andern wieder ins ‚Pop-Haus‘ wandern, so freuten wir uns doch einmal in unserer bürgerlichen Behäbigkeit.“
In dieser Wohnung wurde Marx noch ein Kind geboren, das aber nicht lebensfähig war. Die Begleitumstände waren entsetzlich und machten einen so furchtbaren Eindruck auf Marx, daß er mehrere Tage völlig außer Fassung war. In Briefen an Engels betont er unter „qualvollen Rückerinnerungen“ immer wieder, daß er nicht imstande sei, brieflich darauf einzugehen.
Alle, die in nähere menschliche Beziehung zu Marx traten, berichten übereinstimmend von seiner heiteren, zärtlichen und gütigen Liebe zu Kindern. Was könnte bezeichnender sein für das tiefe und zarte Geheimnis seiner seelischen Struktur als dieser Zug! Dieser heftige, polternde, streitsüchtige Mensch, dieser herausfordernde und rechthaberische Raufbold, der mit aller Welt in Fehde lag und immer um seine Überlegenheit zitterte — er trug ganz zutiefst in seiner Seele einen ungeheuren Schatz von Weichheit, Güte und zärtlichster Hingabefähigkeit. Aber weil er im Unbewußten immer Angst hatte, daß seine Weichheit und Güte ihm zum Verderben werden könnten, erschloß er sich in seiner tiefen menschlichen Schönheit, die er für Schwäche hielt und deren er sich vor Erwachsenen schämte, nur dann, wenn er außerhalb des Konkurrenzkampfes mit den Erwachsenen, fern von den Geltungsrivalitäten und Überlegenheitsrekorden der Arena war, die sich Leben nennt. Er konnte mit Kindern spielen wie ein Kind, legte alle Autorität ab wie eine lästige Rüstung, war nie beleidigt, nie mürrisch, nie um sein Prestige besorgt. Die Kinder nannten ihn — wie auch die Freunde — „Mohr“, und in den Straßen seines Wohnviertels war er bekannt als „père Marx“, der in der Tasche immer Zuckerwerk für kleine Leckermäuler hatte. Es ist nicht überliefert, ob Marx auch ein großer Tierfreund war — dieser Zug würde den seelischen Geheimfonds seiner Kinderliebe nur verdoppelt als innerste und eigentlichste Substanz seiner Psyche attestieren.
Die unsäglichen Leiden der Flüchtlingsjahre zu mildern, dazu hat außer Engels besonders noch ein Mensch beigetragen, dessen auch an dieser Stelle gedacht werden muß: der gute und treue Hausgeist Lenchen Demuth. Diese verkörperte Selbstaufopferung, die ihr Seitenstück in Pestalozzis Babeli hat, war mit acht oder neun Jahren in das Haus der Baronin von Westphalen gekommen; als deren Tochter sich mit Marx verheiratete, hatte sie ihr das Lenchen geschickt „als das Beste, was sie ihr schicken könnte“. Und das „treue, liebe Lenchen“ verließ mit Marx und seiner Frau die Heimat, ging mit nach Paris, Brüssel, Köln und London, sah die Kinder geboren werden und sterben, machte Armut, Hunger, Not und Trübsal mit der Familie durch, sorgte unermüdlich für die Kinder, für die Freunde des Hauses, für die vielen bettelarmen Flüchtlinge, brachte Brot auf den Tisch, wenn alles im Versatzamt war, betreute die Kranken, wusch und flicktein den Nächten, war die unentbehrliche Stütze des Hauses, der gute Schutzgeist der Familie, der nie versiegende Quell selbstlosester Hilfsbereitschaft und Hingabe. „Dafür übte sie“, wie Liebknecht berichtet, der jahrelang im Hause von Marx verkehrte, „eine Art Diktatur aus. Und Marx fügte sich wie ein Lamm dieser Diktatur. Man hat gesagt: vor seinem Kammerdiener ist niemand ein großer Mann. Vor Lenchen war Marx es ganz gewiß nicht. Sie hätte sich für ihn geopfert, für ihn und Frau Marx und jedes der Kinder hundertmal ihr Leben gegeben, wenn es nötig und möglich gewesen wäre — und sie hat ja ihr Leben gegeben — aber imponieren konnte ihr Marx nicht. Sie kannte ihn mit seinen Launen und Schwächen, und sie wickelte ihn um den Finger. War er in noch so gereizter Stimmung, stürmte und wetterte er noch so sehr, so daß jeder andere ihm gern ferneblieb, Lenchen ging in die Höhle des Löwen, und knurrte er, so las sie ihm so nachdrücklich die Leviten, daß der Löwe zahm wurde wie ein Lamm.“ Es war ein Akt der Selbstverständlichkeit, daß dieser rührend treue Mensch, der durch tausend seelische Bande mit der Familie Marx vereint war, nach seinem Tode — wie schon Frau Marx und nach ihr Marx selbst bestimmt hatten — mit in das Familiengrab aufgenommen wurde.
Verkehr und Freunde
Angewidert von dem Schmutze der Parteikämpfe und voll Erbitterung gegenüber einer Umwelt, die er als feindlich empfand, hatte sich Marx in die Einsamkeit wissenschaftlicher Studien zurückgezogen.
Aber das Leben, dem er aus dem Wege zu gehen suchte, folgte ihm in die Enge seiner Stube, saß mit ihm in der Arbeitsecke der Bibliothek, stand an seinem Schreibtisch und floß in seine Feder. Es erschien im Gewande der Not, die ihn zwang, Artikel über Tagesereignisse und politische Fragen für die New York Tribune zu schreiben. In Gestalt der Freunde und Kampfgenossen, die in London aus und ein gingen, ihn aufsuchten, seinen Rat holten, an sein politisches Interesse appellierten. In Form der Ereignisse an der Front politischer Kämpfe, die ihn nötigten, Stellung zu nehmen, Urteile zu fällen, Maßnahmen zu treffen.
So ließ sich die lebendige Praxis nicht durch die theoretische Reflexion verdrängen. Aber der Übergang von der mehr betrachtenden und kritischen Reserve zur aktiven Anteilnahme und positiven Mitarbeit erfolgte in vorsichtigen Etappen. Im Grunde war Marx ein ungeselliger Mensch und am liebsten ohne jeden Verkehr.
Gleichwohl unterhielt er einige wichtige Beziehungen zu Männern, die im politischen Leben Englands damals eine Rolle spielten, in erster Linie zu David Urquhart, George Julian Harney und Ernest Jones.
Urquhart war ein englischer Diplomat, der sich als Vertreter einer türkenfreundlichen Politik die fanatische Bekämpfung der russischen Weltherrschaftspläne, besonders im Orient, zur Lebensaufgabe gemacht hatte. Nach Urquhart war Lord Palmerston, der leitende Staatsmann der englischen Außenpolitik jener Zeit, von Rußland gekauft; darum verfolgte er ihn mit glühendem Haß. Und die gesamte palmerstonfeindliche Politik der englischen Liberalen bediente sich der Materialien und Argumente, die Urquhart lieferte. Marx, der nicht als Türke oder Türkenfreund, sondern als Revolutionär ebenfalls gegen Palmerston und seine russophile Politik ankämpfte, hatte eine Unterredung mit Urquhart, die zu dauernder Verbindung führte; er schrieb auch Artikel für Urquharts Blatt, ohne indessen in engere Fühlung mit ihm zu kommen. Denn Urquhart, „ein kompletter Monomane“, wie Marx ihn nannte, war ein Gegner der Chartistenbewegung, während Marx dem linken Flügel des Chartismus sehr nahestand. Gleichwohl benutzte Marx in seinen 1853 für Peoples Paper geschriebenen acht Artikeln über Lord Palmerston, in denen er die Hinter- und Untergründe der englisch-russisch-türkischen Balkanpolitik grell ableuchtet, all die Anregungen und Informationen, die Urquhart aus seiner diplomatischen Tätigkeit wie aus seinem Studium der einschlägigen Dokumente beigebracht hatte. „Hier ist die beste Gelegenheit“, erklärte Marx im sechsten Artikel unter Hinweis auf Akten, über die sein Gewährsmann verfügte, „Herrn David Urquhart Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, der zwanzig Jahre lang der schärfste Widersacher Lord Palmerstons war, dem er stets als offener Feind entgegentrat, den keine Furcht zum Schweigen brachte, keine Bestechung zur Nachgiebigkeit bewog und keine Schmeichelei zur Anhängerschaft verführte, während Palmerston doch sonst es fertig brachte, alle seine andern Feinde, sei es mit Schmeichelreden, sei es durch Verführungskünste kirre zu machen.“
Enger als zu Urquhart waren die Beziehungen, die Marx zu Harney und Jones unterhielt. Beide hatten im Lager der Chartisten führende Stellungen inne, waren gebildete, belesene, grundanständige und populäre Männer, der erste Journalist mit proletarischer Herkunft, der zweite Advokat mit familiären Beziehungen zur höchsten Aristokratie, die er aber verschmähte. Beide empfanden auch größten Respekt vor der revolutionären Persönlichkeit Marxens, seiner überragenden Geistigkeit und seiner unbeirrbaren Konsequenz. Harney hatte sich große Verdienste erworben durch die Übersetzung des Kommunistischen Manifests und der Revue-Artikel ins Englische. Jones war der Familie Marx oft genug in materiellen Nöten ein hilfsbereiter und selbstloser Freund. Aber in den Emigrantenkämpfen schwenkten sie nicht so blind und bedingungslos ein, wie Marx es verlangte. Von Harney sagte Marx, er habe sich in den „direkten persönlichen hundskommunen Feinden als Anhang konstituiert“, und von Jones, daß er „bei aller Energie, Ausdauer und Tätigkeit durch Marktschreierei, taktloses Haschen nach Agitationsvorwänden und Unruhe, die Zeit zu überspringen, alles verderbe“. Weil sie der Gegenpartei einige Konzessionen machten und sich in den Zwistigkeiten manchmal reserviert oder schwankend verhielten, ließ Marx sie die volle Schärfe und Galle seiner Feindseligkeit spüren, mit der er sich auch sonst in aufbrausendem Ungestüm um fast jede tiefere Freundschaft und fruchtbare Kameradschaft brachte.
Selbst in den Beziehungen zu dem jungen Liebknecht, der täglicher Gast im Hause und Gespiele der Kinder war, gab es eine Periode der Spannung und Gereiztheit, die dazu führte, daß Liebknecht lange die ihm unentbehrlich gewordene Familie mied. Liebknecht war nicht mit aus dem Arbeiterverein ausgeschieden, sondern hatte sich unablässig bemüht, eine Vermittlung und Verständigung zwischen den feindlichen Lagern herbeizuführen. Dies gelang ihm nicht, und er entdeckte bald, daß er in einer höchst unerfreulichen Situation zwischen zwei Stühlen saß. Da liefen ihm eines Tages auf der Straße unvermutet Marxens Kinder in die Arme, die, überglücklich über die Begegnung mit dem lieben Gespielen, keine Ruhe gaben, bis er sie nach langem Widerstreben nach Hause begleitete. Sie schleiften Liebknecht in die Wohnung, und als Marx den Jubel hörte, stand er auf, ging auf Liebknecht zu und reichte ihm lachend die Hand. Über die Differenz wurde kein Wort wieder gesprochen.
Als 1856 der Schneider Leßner, einer der Verurteilten im Kölner Kommunistenprozeß, nach viereinhalbjähriger Haft in London eintraf und den Arbeiterverein in großer Verwahrlosung vorfand, gewann Liebknecht einen sehr aktiven Helfer bei der Reorganisation des Vereins. Die Kinkelsche Klique, die das Vereinsleben beherrschte, wurde hinausgedrängt, ein Arbeitsprogramm durchgesetzt und auch Marx für die Bildungsarbeit gewonnen. Im Winter 1856/57 blühte der Verein zu altem Flor auf; viele ehemalige Mitglieder fanden sich wieder ein; die Taktik der überradikalen Heißsporne hatte abgewirtschaftet. Es gab wieder einen Mittelpunkt für ernsthafte und ersprießliche Arbeit. Marx hielt eine Reihe von Vorlesungen über Nationalökonomie und nahm damit die Tätigkeit, die er bereits 1850/51 ausgeübt hatte, wieder auf. Er ging dabei, wie Liebknecht berichtet, methodisch so vor, daß er einen Satz aufstellte, möglichst kurz, und ihn in längerer Ausführung erläuterte, wobei er sich mit großer Sorgfalt bemühte, alle dem Arbeiter unverständlichen Ausdrücke zu vermeiden. Dann forderte er die Teilnehmer auf, Fragen an ihn zu stellen. „Geschah dies nicht, so fing er an zu examinieren, und er tat das mit solchem pädagogischen Geschick, daß ihm keine Lücke, kein Mißverständnis entging.“ Ein Redner war Marx nicht; er besaß nicht die Fähigkeit, vor einem Publikum frei zu sprechen. Dazu stieß er etwas mit der Zunge an und wurde den breiten rheinischen Dialekt nicht los. Einige wenige Male mußte er gleichwohl trotz seiner starken Hemmungen als Redner auftreten. Er geriet dann in große leidenschaftliche Erregung, die eine Überdeckung seiner Angst vor dem Mißerfolge war. In jeder wichtigen Situation seines Lebens war dieser Riese, der sich anschickte, die Welt aus den Angeln zu heben, befangen in der Angst vor der Unzulänglichkeit seines Wesens. Und je schwächer er sich fühlte, desto mächtiger trumpfte er auf.
Wenn von den Freunden und Gesinnungsgenossen, mit denen Marx in den fünfziger Jahren dauernden Umgang hatte an dieser Stelle noch Ferdinand Freiligrath und Wilhelm Wolff genannt werden, so schließt die Reihe mit den wärmsten und treuesten Verbindungen ab. Freiligrath hatte, als er nach London kam und von den verschiedenen Richtungen, Lagern und Fraktionen der Emigration umworben wurde, kategorisch erklärt, daß er nur „mit Marx und dessen intimsten Freunden verkehren“ wolle. Er wurde Geschäftsführer der Londoner Agentur der Banque Générale Suisse in Genf und hatte ein gutes Einkommen, so daß er von sich sagen konnte, er sei so glücklich, die „Beefsteaks der Verbannung“ essen zu können. Allerdings gab er viel an arme politische Flüchtlinge ab und die Familie Marx hatte an ihm eine wertvolle Stütze. Wilhelm Wolff, seit der Rheinischen Zeitung zum Freundeskreise von Marx gehörig, stand nächst Engels diesem am nächsten. Er war der Sohn eines mittelschlesischen Gastwirts und lebte schlecht und recht von gelegentlichem Verdienst und einem väterlichen Erbe als Emigrant in England. Als er 1864 nach langer Krankheit an Gehirnblutung starb, setzte er Marx zum Erben seines kleinen Vermögens ein.
„Herr Vogt“
Wie sie begonnen, so endeten die fünfziger Jahre — das erste Jahrzehnt auf englischem Boden — mit Konflikt und Fehde. Der alte Hexenkessel der Emigration kochte wieder einmal über und verbreitete einen Giftbrodem, der das ganze politische Europa verpestete.
1859 geriet Marx in eine Kontroverse, die für seine Nerven die schlimmste Belastungsprobe bildete. Es handelte sich um den Fall Vogt. Damit hatte es folgende Bewandtnis:
Der seit Jahrzehnten geführte Kampf der italienischen Bourgeoisie um ihre nationale Selbständigkeit und Einheit hatte die Erkenntnis reifen lassen, daß die eigenen und militärischen Kräfte der Bourgeoisie nicht ausreichten, um den Emanzipationskampf in absehbarer Zeit zum siegreichen Abschlusse zu bringen. Das liberale und demokratische Bürgertum hatte schließlich das Königreich Sardinien als Vorspann benutzt, war jedoch auch damit nicht zum Ziele gekommen. Darauf hatte sich Sardinien, das nun den Kern der nationalen Konsolidation bildete, unter Cavour an Napoleon III. um Waffenhilfe gewandt. Es kam zum Vertrage von Plombière, in dem der Krieg Sardiniens und Frankreichs gegen Österreich und die Abtretung von Nizza und Savoyen an Frankreich für geleistete Hilfe beschlossen wurde. Nicht die Revolution, sondern der Krieg sollte die Einigung und Unabhängigkeit Italiens bringen.
Dieser diplomatisch-militärische Schachzug, der die revolutionäre Aktion des Volkes ausschaltete, begegnete innerhalb und außerhalb Italiens vielfacher Opposition. Mazzini, der als Flüchtling in London lebende Vater der konspirativen Geheimbünde, erklärte den Vertrag für eine dynastische Intrige, deren Überschlauheit die Interessen Italiens der imperialistischen Eroberungsgier Napoleons opfere. In der Tat war es Napoleon weniger um die Befreiung Italiens von Österreich, als um die Erweiterung der französischen Machtsphäre zu tun. Ebenso hatte der Krieg weniger den Zweck, Österreich aus Italien zu vertreiben, als vielmehr den, Österreich vom Balkan fernzuhalten, wo Rußland seine imperialistischen Geschäfte ungestört erledigen wollte. Nun war es für alle, die als Revolutionäre gegen Rußlands und Frankreichs Politik sein mußten, aber nicht für die Aufrechterhaltung der österreichischen Fremdherrschaft in Italien sein konnten, dabei zugleich die italienischen und deutschen Interessen ins Auge zu fassen hatten, äußerst schwierig, die richtige politische Stellungnahme zu finden.
Die einen hielten den italienischen Krieg nur für einen Vorwand, hinter dem sich französischer Bonapartismus und russischer Zarismus die Hände gegen Deutschland reichten, das ohne Österreichs Hilfe ohnmächtig war. Ein Sieg Frankreichs in Italien — so erklärten sie — bedeute für Deutschland den Verlust des linken Rheinufers durch einen sofort folgenden französisch-deutschen Krieg. Sie setzten sich daher für ein Zusammengehen Preußens mit Österreich ein, um Napoleon zu schlagen. Wer den Rhein verteidigen wolle, müsse ihn an der Seite Österreichs am Po verteidigen. Dem stand die Begeisterung der andern für die freiheitlichen und nationalen Bestrebungen der Italiener gegenüber, die unter allen Umständen zu unterstützen seien. Ein Eingreifen Preußens zugunsten Österreichs — erklärten sie — bedeute die Stärkung der Konterrevolution und sei ein Verbrechen an der historischen Entwicklung. In Kleinbürgerkreisen hatte aber auch Napoleon seine Anhänger und Verteidiger, die um seinen Erfolg besorgt waren, wenn sich Preußen zugunsten Österreichs einmische. Napoleon selbst sah seine größte Gefahr in der Tat in einem aktiven Eingreifen Preußens an der Seite Österreichs; deshalb ließ er durch seine Agenten und Preßlakaien eine lebhafte Propaganda für die Neutralität Preußens betreiben.
In Deutschland besonders gab es in nationalgesinnten Kreisen noch eine andere Auffassung, die viel Anklang fand. Sie erklärte sich gegen Österreich, weil eine Schwächung oder Niederlage Österreichs eine Erstarkung Preußens nach sich ziehen müßte. Dadurch würde die Einigung Deutschlands unter Preußens Vormachtstellung der Verwirklichung nähergebracht. Für diesen Gedanken setzte sich z. B. Lassalle in seiner Broschüre Der italienische Krieg und die Aufgaben Preußens mit großem Nachdruck ein. Die deutsche Nation — so legte er dar — habe an der italienischen Einheitsbewegung das gleiche dringende Interesse wie an der Zerschlagung des österreichischen Despotismus, der den Hort aller Reaktion bilde. Gegen einen Krieg Napoleons gegen Preußen werde sich das ganze Volk erheben. Jetzt aber sei für Preußen der günstige Zeitpunkt gekommen, um nicht nur neutral gegenüber Österreich zu sein, sondern um im Norden dasselbe zu tun, was Napoleon im Süden tue. „Ändert Napoleon die europäische Karte nach dem Prinzip der Nationalitäten im Süden, so tun wir dasselbe im Norden. Befreit Napoleon Italien, so nehmen wir Schleswig-Holstein.“
Ungefähr dieselbe Auffassung vertrat der schweizerische Professor Karl Vogt. In einem Briefe an Engels skizziert Marx Vogts politisches Programm: „Deutschland gibt seine außerdeutschen Besitzungen auf. Unterstützt nicht Österreich. Der französische Despotismus ist vorübergehend, der österreichische bleibend. Man erlaubt beiden Despoten, zu verbluten (sogar gewisse Hinneigung zu Bonaparte sichtbar). Deutschland bewaffnete Neutralität. An revolutionäre Bewegung in Deutschland ist, wie Vogt ‚aus bester Quelle weiß‘, nicht zu denken during our lifetime. Folglich, sobald Österreich ruiniert durch Bonaparte, beginnt von selbst eine reichsregentschaftlich gemäßigt liberalnationale Entwicklung in dem Vaterland, und Vogt wird vielleicht noch preußischer Hofnarr.“
Marx nahm einen ganz anderen Standpunkt ein als Lassalle und Vogt. Als glühender Gegner sowohl des Bonapartismus wie des Zarismus sah er in dem Kriege die Ausgeburt einer französisch-russischen Allianz. In einem Artikel in The Peoples Press, der Zeitung von Jones, zog er fest gegen Lassalle und Vogt vom Leder. Und in einem Briefe an Engels führt er aus, was zu tun sei: „Lassalles Pamphlet ist ein enormous blunder... Was die ‚Regierungen‘ angeht, so muß offenbar, von allen Standpunkten aus, schon im Interesse der Existenz Deutschlands, die Forderung an sie gestellt werden, nicht neutral zu bleiben, sondern, wie Du richtig sagst, patriotisch zu sein. Die revolutionäre Pointe aber ist der Sache einfach dadurch zu geben, daß der Gegensatz gegen Rußland noch stärker betont wird als der gegen Boustrapa. Das hätte Lassalle gegen das antifranzösische Geschrei der Neuen Preußischen Zeitung tun sollen. Es ist auch dieser Punkt, der in der Praxis im Fortgange des Krieges die deutschen Regierungen in Reichsverrat hineinreiten wird und wo man sie am Kragen fassen wird.“
Engels hatte inzwischen seinen von Marx geteilten Standpunkt in einer Schrift Po und Rhein niedergelegt, die durch Lassalles Vermittlung im April 1859 bei Franz Duncker in Berlin erschienen war.Zugleich erhielt Marx durch den badischen Flüchtling Karl Blind eine vertrauliche Information, daß Vogt im Solde Napoleons stehe, für seine Agitation hohe Subventionen beziehe, Bestechungsversuche bei einem Publizisten gemacht habe usw. Marx gab die Mitteilung gesprächsweise weiter, bis sie eines Tages in der deutschen Zeitung Das Volk stand, die in London erschien und für die Marx Artikel schrieb.
Vogt antwortete mit einer Flut von Beschimpfungen und entfaltete in der gesamten deutschen Presse eine maßlose Hetze gegen die „Schwefelbande“ und ihren „Chef Karl Marx“.
Der Zufall wollte, daß kurz darauf Liebknecht in einer Druckerei in Manchester ein von Blind verfaßtes Flugblatt vorfand, das die Enthüllungen Blinds gegen Vogt enthielt. Liebknecht verschaffte sich einen Abzug und schickte diesen an die Augsburger Allgemeine Zeitung, deren Korrespondent er war. Das Flugblatt wurde veröffentlicht und erregte ungeheures Aufsehen. Vogt schwur Stein und Bein, daß er das Opfer einer schändlichen Verleumdung sei, und klagte gegen das Blatt wegen Verleumdung.
Es kam zu sehr ärgerlichen Zwischenfällen. Blind, als Zeuge aufgefordert, kniff; die angeklagten Redakteure standen ohne Beweise vor Gericht; schließlich wurde die Sache aus formalen Gründen abgewiesen. Vogt hatte zwar keinen prozessualen, aber einen moralischen Erfolg und nutzte ihn vor der Öffentlichkeit weidlich aus. Um das Maß voll zu machen, erklärte Blind in einer Zuschrift an die Presse das Flugblatt für eine „böswillige Erfindung“. Der von Vogt herausgegebene stenographische Bericht der Gerichtsverhandlung legte dokumentarisch Zeugnis zu seinem Gunsten ab. Marx und sein Kreis standen als niedrige Verleumder da.
Da verlor Marx die Ruhe, die er bis dahin bewahrt hatte. Er kehrte den Spieß um und ging Vogt mit dem Arsenal seiner ganzen polemischen und pamphletistischen Routine zu Leibe. Er trieb Zeugen auf, machte polizeiliche und gerichtliche Feststellungen, durchstöberte alte Korrespondenzen, schleppte aus aller Welt Material herbei, zerpflückte die Vogtschen Artikel und wies nach, daß sie aus Stichworten, Schlagzeilen und Satzfetzen bonapartistischer Agitationstraktätchen bestanden, öffnete alle Schleusen seines Witzes, seines Hohnes, seiner erbarmungslosen Satire, um Vogt der Lächerlichkeit und Verachtung auszuliefern. Es entstand in der Arbeit eines ganzen Jahres ein Band von zwölf Bogen, Herr Vogt betitelt, der in London erschien, aber so schlecht vertrieben wurde, daß er seine Wirkung auf die breite Öffentlichkeit völlig verfehlte. Die Presse schwieg das Buch tot; wer nicht ein besonderes Interesse an dem Falle hatte, ließ es seines Umfanges, seiner Materialfülle und Weitschweifigkeit wegen ungelesen. Vogt triumphierte. Die Kanonade traf ihn nicht. Sein Schild war rein ...
Aber elf Jahre später öffneten sich der Kommune in Paris die Geheimfächer der Regierung in den Tuilerien. Und da war mit der eigenhändigen Quittung des „Herrn Vogt“ die Summe von 40000 Franken eingetragen, die der Ehrenmann im August 1859 als Judasgeld aus dem bonapartistischen Reptilienfonds erhalten hatte.
Die Presse hat auch diese Enthüllung totgeschwiegen.
Doch Marx war gerechtfertigt.
Zu dauernder Verbannung verurteilt
Das Jahr 1861 brachte den Regierungsantritt Wilhelms I. von Preußen und aus diesem Anlaß eine Amnestie.
Es war eine sehr ungnädige Amnestie, aus halbem und unwilligem Herzen, kleinlich, „die lausigste, die in irgendeinem Lande (Österreich nicht ausgenommen) seit 1849 erlassen ist“, wie Marx erbittert an Engels schrieb. Die Flüchtlinge von 1848/49 konnten wohl zurückkehren, waren aber noch nicht ohne weiteres amnestiert, sondern mußten „von Amts wegen“ die Gnade des Königs anrufen, worauf dieser dann „auf den von Unserem Militärjustiz-Departement zu erstattenden Bericht die weitere Entschließung treffen“ werde.
Marx war doppelt schlimm daran. Nicht nur, daß er von der verklausulierten Gunst der Amnestie nichts hatte, weil er es ablehnte, sie durch Erniedrigungen zu erkaufen; er besaß auch die preußische Staatsangehörigkeit nicht mehr und mußte bei Versuchen, sie zurückzugewinnen, auf kalte Abweisung rechnen. In der Tat sind alle später von Lassalle mit großem Eifer betriebenen Bemühungen um die Naturalisation von Marx gescheitert an dessen „republikanischer oder mindestens nicht royalistischer Gesinnung“.
Der Umstand, daß Marx als Preuße vom preußischen Staatsverband ausgeschlossen blieb, bedeutete für ihn die Verurteilung zu lebenslänglicher Verbannung. Diese Verbannung aber empfand er als Dasein in Existenzlosigkeit, wirtschaftlicher Unsicherheit, permanenter Notlage, in Sorge um das Nötigste, in ewiger Armut.
Gerade um die Zeit der Amnestie war seine finanzielle Bedrängnis trotz der unausgesetzten Hilfe, die Engels gewährte, und der häufigen Zuwendungen, die Lassalle machte, wieder einmal auf den Höhepunkt gestiegen. Der Herausgeber der New York Tribune hatte ihm die Bezüge gekürzt und für mehrere Wochen das Korrespondieren aufgesagt. Wechsel waren in Umlauf und wollten eingelöst sein. Die Schulden schlugen ihm über dem Kopfe zusammen. „Wie ich hier weiter mich durchdrücken soll,“ schrieb er an Engels, „weiß ich nicht, da Steuer, Schule, Haus, Krämer, Metzger, Gott und der Teufel keinen ferneren Aufschub mehr geben wollen.“ Dabei war Marx krank, sein chronisches Leberleiden machte ihm wieder einmal schwer zu schaffen. Frau Marx hatte eben erst eine lange und kostspielige Pockenerkrankung durchgemacht. Die Kinder waren unterdes in Liebknechts Pflege gewesen; Marx und Lenchen hatten den Haushalt allein besorgt. Dabei war das letzte Geld draufgegangen und das letzte Stück ins Leihhaus gewandert. Es herrschte hoffnungslose Not.
Da faßte Marx den Entschluß, nach Holland zu reisen und die Hilfe eines dort wohnenden Onkels in Anspruch zu nehmen, um sich und die Familie vor dem drohenden Untergange zu retten. Engels riet ihm zu, und mit geborgtem Reisegeld und einem falschen Passe wurde „der Raubzug ins Land der Väter, des Tabaks und des Käses“ unternommen.
Marx hatte Glück. Sein Onkel Philips in Rotterdam rückte 160 Pfund Sterling heraus, so daß er den größten Teil seiner Schulden abzahlen konnte. Nun aber Marx Geld in der Tasche hatte, dachte er nicht daran, so rasch umzukehren. Vielmehr machte er seiner Mutter in Trier einen Besuch, die, da „von barem Geld nicht die Rede“ war, ihm die Freude bereitete, einige frühere Schuldscheine zu vernichten. Dann unternahm er einen Abstecher nach Berlin, wo er Lassalles Gast war. Er traf alte Freunde, kneipte mit Köppen, erkundigte sich nach diesem und jenem, ließ sich photographieren, knüpfte Verbindungen mit einer Wiener Zeitung an, wohnte von der Journalistenloge aus einer Sitzung der Zweiten Kammer bei, die ihm als „ein sonderbares Mixtum von Beamten- und Schulstube“ erschien, sah im Theater Freytags Journalisten und erörterte mit Lassalle ein großes Zeitungsprojekt. Der Gesamteindruck von Berlin, wo „ein frecher und frivoler Ton“ herrschte, war „persönlich widrig“. Auf der Rückreise traf er sich in Elberfeld und Köln ebenfalls mit Freunden, kneipte wacker mit ihnen und langte nach zweimonatiger Abwesenheit wieder in London an.
Es dauerte nicht lange, so war er wieder im alten Elend. Schon einen Monat nach seiner Rückkehr schrieb er an Engels, daß „das Mitgebrachte schon zu Ende“ sei. Und da er von der Mutter, an die er sich wandte, „nur zärtliche Redensarten, aber kein Bargeld“ erhielt, mußte Engels mit nie versagender Hilfe wieder einspringen. Ein Besuch bei Engels in Manchester brachte Geld ins Haus. Dann folgten die üblichen Geldsendungen in Briefen. Aber schon im November stöhnte Marx von neuem: „Mit dem letzten Gelde, daß Du mir schicktest, bezahlte ich, ein Pfund Sterling zupumpend, die Schulrechnung, um sie im Januar nicht doppelt zu haben. Metzger und Krämer haben mich gezwungen, ihnen Wechsel auszustellen. Obgleich ich nicht wußte, wovon sie zahlen, konnte ich mich keiner Klage aussetzen, ohne daß mir das ganze Haus über dem Kopfe zusammenbricht. Dem Hauswirt schulde ich... dito Grünhändler, Bäcker, Zeitungsmann, Milchmann und allen den Canaillen, die ich bei meiner Rückkehr von Manchester mit Abschlagszahlungen beschwichtigt hatte, endlich dem Schneider, da der Eintritt des Winters Anschaffung von Kleidungsstücken, den nötigsten, für den Winter gebot, also sie auf Pump geholt werden mußten. Was ich einzunehmen habe, Ende des Monats, wird sich auf 30 Pfund Sterling höchstens belaufen, da die faulen Kerls von der Presse einen Teil meiner Artikel nicht drucken. Ich muß mich natürlich erst daran gewöhnen, innerhalb der ‚Grenzen der deutschen Vernunft‘ zu handeln. Was ich zu zahlen habe (Pfandhauszinsen usw. inbegriffen), beläuft sich auf 100 Pfund Sterling. Es ist merkwürdig, wie der Ausfall aller Einnahmen, zusammen mit nie ganz abgetragenen Schulden, trotz aller Detailhilfe, immer wieder den alten Dreck aufschwemmt.“Die Detailhilfe, soweit Engels sie gewährte, machte freilich im Laufe der Jahre ein Riesenvermögen aus. Dabei war Engels selbst nur Angestellter gegen Gehalt, von seinem Vater knapp gehalten und ohne Anteil an den Einkünften der Fabrik. „Ich verbrauche in diesem Jahre“, schrieb er im Februar 1862 an Marx, „mehr als mein Einkommen. Die Krisis affiziert uns sehr, wir haben gar keine Aufträge und werden von nächster Woche an bloß halbe Zeit arbeiten lassen. Dabei muß ich dem Dronke in vier Wochen die 50 Pfund Sterling anschaffen und im Laufe der nächsten Woche ein Jahr Miete in meiner Wohnung zahlen; ich ziehe aus; die verdammte Sara hat mir heute morgen das Geld aus der Rocktasche gestohlen ... Ich lebe jetzt fast ganz bei der Mary, um möglichst wenig Geld auszugeben; leider kann ich ohne Wohnung nicht abkommen, sonst zög’ ich ganz zu ihr.“ Je mehr indes Engels sich absparte und der Familie Marx zukommen ließ, desto trostloser wurden die Zustände im Marxschen Haushalte, an dessen Irreparabilität alle Gesetze der Ökonomie scheiterten. „Es ist mir höchst ekelhaft,“ entschuldigt sich Marx in einem Briefe vom 18. Juni 1862, „Dich wieder von meiner Misere zu unterhalten, aber was tun? Meine Frau sagt mir jeden Tag, sie wünsche, sie läge mit den Kindern im Grab, und ich kann es ihr wahrlich nicht verdenken, denn die Demütigungen, Qualen und Schrekken, die in dieser Situation durchzumachen sind, sind in der Tat unbeschreiblich. Die 50 Pfund sind, wie Du weißt, für Schulden ausgegeben worden, von denen nicht die Hälfte damit bezahlt werden konnte. Die zwei Pfund für Gas. Das elende Geld von Wien geht erst Ende Juli ein und wird verdammt wenig sein, da die Hunde nicht einmal wöchentlich einen Artikel jetzt drucken. Dazu nun wieder die neuen Ausgaben seit Anfang Mai. Ich will gar nicht von der in London wirklich gefährlichen Situation sprechen, ohne einen Centime während sieben Wochen zu sein, da dies sich bei uns chronisch wiederholt. Aber soviel wirst Du aus eigener Erfahrung wissen, daß es beständig laufende Ausgaben gibt, die bar bezahlt werden müssen. Das geschah nun durch Wiederversetzen der Ende April aus dem Pfandhause geholten Sachen. Aber schon seit Wochen ist diese Quelle so erschöpft, daß meine Frau vor einer Woche den vergeblichen Versuch machte, Bücher von mir zu verklopfen. Die armen Kinder tun mir um so mehr leid, als dies alles in dieser Ausstellungssaison vorfällt, wo ihre Bekannten sich amüsieren und sie nur Schrecken durchmachen, daß nur niemand sie besucht und den Dreck durchschaut.“ In einem anderen Briefe: „Jenny ist jetzt schon so weit, daß sie den ganzen Druck und die Schmiere unserer Verhältnisse fühlt und das, glaube ich, ist ein Hauptgrund ihres physischen Leidens. (Apropos! Allen hat gestern Wein für sie verordnet, und es ist mir daher lieb, wenn Du einige Flaschen herüberschickst.) Sie war zum Beispiel hinter unserem Rücken bei Mrs. Young, um zu sehen, ob sie sich für das Theater engagieren könne...“
Im Juli 1862 war Lassalle einige Wochen in London. Marx hatte sich für die gastliche Aufnahme in Berlin revanchiert und ihn als Hausbesuch aufgenommen. „Um gewisse Dehors ihm gegenüber aufrechtzuerhalten,“ schrieb er an Engels, „hatte meine Frau alles nicht Niet- und Nagelfeste ins Pfandhaus zu bringen.“ Lassalle ließ sich’s wohl sein, war aber zum Schluß aufs äußerste betroffen, als er die Abgründe gewahrte, die eine konventionelle Geste nur mühsam verdeckt hatte. „Er sah an meiner dejected Erscheinung, daß die ihm längst bekannte Krise zu einer Katastrophe irgendwelcher Art geführt. Frug mich. Nach Mitteilung erklärte er, er könne 15 Pfund bis 1. Januar 1863 liefern; auch könne man Wechsel zu beliebigem amount auf ihn ziehen.“ Marx machte von diesem Angebote sofort Gebrauch und suchte sich 400 Taler zu verschaffen, aber Lassalle verlangte die Bürgschaft von Engels, der denn auch durch Freiligraths Vermittlung die Summe in Berlin decken ließ. Wenige Tage darauf traf ein neuer Brandbrief bei Engels ein: „Eccarius sind infolge des Scharlachfiebers drei Kinder Schlag auf Schlag gestorben. Dabei das größte Elend. Bringe eine Kleinigkeit unter den Bekannten zusammen und schicke sie ihm.“ Und sechs Tage später: „Da Du eben dem Eccarius Geld geschickt, außerdem die große Summe für den Lassalleschen Wechsel gezahlt, bist Du natürlich sehr ‚blank‘. Dennoch muß ich Dich bitten, mir eine Kleinigkeit bis Montag zu schicken, da ich Kohlen kaufen muß und ‚Lebensmittel‘, weil der Krämer mir schon seit drei Wochen den Kredit gekündigt, ich aber dennoch, solange ich dem Schweinehund nicht abgezahlt, bar bei ihm kaufen muß, um nicht verklagt zu werden.“ Und so weiter, Brief für Brief, Woche für Woche.
Engels griff immer wieder tief in den Beutel, rechnete gelegentlich vor, daß dies alles weit über seine Kräfte gehe und er sträflich über seine Verhältnisse lebe — aber er versagte nie die erbetene Hilfe. Da inzwischen sein Vater gestorben war und seine Stellung in der Firma wie sein Einkommen sich verbessert hatten, konnte er, ohne selbst Entbehrung zu leiden, größere Summen aufbringen; da sich aber auch die Ansprüche, die Marx an seine Hilfsbereitschaft stellte, fortgesetzt steigerten, kam man auf beiden Seiten aus den Verlegenheiten nicht heraus. Schließlich drohte es, wie es Ende 1862 zwischen Marx und Lassalle „aus finanzieller Veranlassung“ zum Bruche gekommen war, Anfang 1863 auch mit der Freundschaft zu Engels ein plötzliches Ende zu nehmen. Den Anlaß dazu lieferte Marx.
Anfang Januar 1863 verlor Engels durch den Tod seine Freundin Mary Burns, eine irländische Proletarierin, mit der er in freier Ehe lebte. Der Verlust schmerzte ihn tief und er schrieb unter dem 7. Januar an Marx: „Lieber Mohr! Mary ist tot. Gestern Abend legte sie sich früh zu Bett; als Lizzy sich gegen 12 Uhr schlafen legen wollte, war sie schon gestorben. Ganz plötzlich. Herzleiden oder Schlagfluß. Ich erfuhr es erst heute morgen, am Montagabend war sie noch ganz wohl. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie mir zumute ist. Das arme Mädchen hat mich mit ihrem ganzen Herzen geliebt.“
Auf diese in ihrer Schlichtheit erschütternde Nachricht, in der das leise, schmerzvolle Weinen des Freundes zittert, schrieb Marx den unglaublichen Antwortbrief: „Lieber Engels! Die Nachricht vom Tode der Mary hat mich ebensosehr überrascht als bestürzt. Sie war sehr gutmütig, witzig und hing fest an Dir. Mag der Teufel wissen, daß nichts als Pech jetzt in unseren Kreisen sich ereignet. Ich weiß auch absolut nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Meine Versuche, in Frankreich und Deutschland Geld aufzutreiben, sind gescheitert, und es war natürlich vorherzusehen, daß ich mit 15 Pfund Sterling die Lawine nur ein paar Wochen abhalten konnte. Abgesehen davon, daß wir nichts mehr kreditiert erhalten, außer Metzger und Bäcker, was auch mit Ende dieser Woche aufhört, bin ich wegen der Schule getreten, wegen der Miete und von der ganzen Rotte. Die paar Leute, die ein paar Pfund Abzahlung erhalten, haben sie pfiffig eingesteckt, um mit verdoppelter Gewalt über mich herzufallen. Dazu haben die Kinder keine Kleider und Schuhe, um auszugehen. Kurz, der Teufel ist los... Die Wirtschaft hier dauert kaum zwei Wochen mehr. Es ist scheußlich egoistisch von mir, daß ich Dir in diesem Augenblick diese horreurs erzähle. Aber das Mittel ist homöopathisch. Ein Unheil zerstreut über das andere ...“.
Engels, obwohl er den Zynismus und die salopp zur Schau getragene Herzenskälte seines Freundes kannte, war von diesem Briefe wie erschlagen. Er hatte keine Sentimentalitäten erwartet, aber auf solche Antwort war er nicht gefaßt gewesen. Erst nach fünf Tagen antwortete er: „Du wirst es in der Ordnung finden, daß diesmal mein eigenes Pech und Deine frostige Auffassung desselben es mir positiv unmöglich machten, Dir früher zu antworten. Alle meine Freunde, einschließlich Philisterbekannte, haben mir bei dieser Gelegenheit, die mir wahrhaftig nahe genug gehen mußte, mehr Teilnahme und Freundschaft erwiesen, als ich erwarten konnte. Du fandest den Moment passend, die Überlegenheit Deiner kühlen Denkungsart geltend zu machen. Soit!“
Dieser noble, feine Ruf zur Ordnung brachte Marx zur Besinnung. Rasch zerschmolz die Eiskruste, die sein Herz umpanzert hielt, und ganz reumütig antwortete er, nachdem er einige Tage hatte verstreichen lassen: „Es war von mir sehr unrecht, daß ich Dir den Brief schrieb, und ich bereute ihn, sobald er abgeschickt war. Meine Frau und Kinder werden mir bezeugen, daß ich beim Eintreffen Deines Briefes so sehr erschüttert war, als bei dem Todesfalle der mir Nächsten. Als ich Dir aber abends schrieb, geschah es unter dem Eindrucke sehr desperater Umstände. Ich hatte den Auspfänder im Haus, einen Wechselprotest vom Metzger, Mangel an Kohlen und Lebensmitteln im Haus und Jennychen im Bette liegen. Unter solchen Umständen weiß ich mir generally nur durch den Zynismus zu helfen ...“
Engels kannte seinen Freund zu gut, um nicht zu wissen, welche Schwäche und verzweifelte Angst dieser Zynismus verdeckte. Und obwohl er noch ganz niedergebeugt war von dem Verluste seiner Freundin, dankte er Marx für seine Aufrichtigkeit und schrieb ihm: „Ich fühlte, daß ich mit ihr das letzte Stück meiner Jugend begrub. Als ich Deinen Brief erhielt, war sie noch nicht begraben. Ich sage Dir, der Brief lag mir eine ganze Woche lang im Kopfe, ich konnte ihn nicht vergessen. Never mind, Dein letzter Brief macht ihn wett, und ich bin froh, daß ich nicht auch mit der Mary gleichzeitig meinen ältesten und besten Freund verloren habe.“
Und als ob nichts vorgefallen wäre, machte sich Engels mit allen Kräften noch in dieser Stunde an die Sanierung der wieder einmal trostlos gestalteten Finanzverhältnisse im Hause Marx. Er überlegte und erwog die Möglichkeiten, wie Geld zu beschaffen sei, verwies an Lebensversicherungsbanken, die gegen Abschlüsse Darlehen gaben, erteilte Ratschläge, stellte Wechsel in Aussicht und beging „den gewagten Streich“, unter Umgehung des Geschäftsteilhabers 100 Pfund Sterling auf die Firma aufzunehmen, um Marx so rasch als möglich zu helfen. Denn Marx hatte den verzweifelten Schritt angekündigt, sich für bankrott zu erklären, den Hausstand aufzulösen, die Kinder wegzugeben, Lenchen Demuth zu entlassen und mit seiner Frau in ein armseliges Logierhaus zu ziehen. „Ich kann es nicht mit ansehen, daß Du Deine Absicht ausführst,“ schrieb Engels, „Du mußt aber jetzt auch selbst begreifen, daß ich nach den ungewöhnlichen Anstrengungen ... rein ausgepumpt bin und Du daher bis 30. Juni auf gar keine Rimessen meinerseits mehr rechnen darfst...“
Im Hause von Marx herrschte nach all den Aufregungen, Konflikten und ehelichen Zwisten ob der glücklichen Wendung die größte Freude. Aber schon zwei Monate später mußte Dronke mit 50 Pfund aushelfen, denen er im Juli — mit Hilfe von Engels — eine weitere Zuwendung von 200 Pfund folgen ließ. Dazwischen schickte Engels fortgesetzt in Briefen kleine Beträge, und als im Dezember 1863 die alte Mutter von Marx in Trier starb, mußte Engels auf schnellstem Wege mit 10 Pfund beispringen, damit Marx, der eben erst eine schwere Furunkulose durchgemacht hatte und körperlich sehr herunter war, zum Begräbnis fahren konnte. Engels war unerschöpflich in seiner Hilfsbereitschaft, unerschütterlich in seiner Selbstlosigkeit und Treue, ein Freund ohnegleichen. Nie ein Wort des Tadels, nie ein Vorwurf, eine Weigerung, eine Ausflucht, nie ein Versagen der Hilfe. Auf den letzten dieser Briefe, der aufgeregt nach Geld schrie und seine Börse bis auf den letzten Penny plünderte, antwortete er mit Bezug auf Marxens Handschrift, deren Hieroglyphen er nur zu gut zu deuten wußte, unter vergnügtem Schmunzeln: „Ich war verdammt froh, Deine kratzige Pfote wieder zu sehen ...“
Lassalle
Waren die fünfziger Jahre — als Jahrzehnt der Konterrevolution — für die Bourgeoisie Jahre eines ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwungs, so für das Proletariat Jahre schrankenloser Ausbeutung, der es in vollster Ohnmacht überliefert war.
Erst gegen Ende der fünfziger Jahre, von 1857 an, gebot eine große Krise dem Siegeslaufe der kapitalistischen Wirtschaft gebieterisch Halt. Marx hatte an diese Krise seine revolutionären Hoffnungen geknüpft, und er geriet in einen Zustand freudigster Erregung, als die Welle der Bankrotte, Zusammenbrüche, Produktionseinstellungen und Erwerbsschwierigkeiten von Amerika nach England schlug und schließlich den europäischen Kontinent überschwemmte. „Obgleich wir die amerikanische Krise an unserm Beutel sehr verspüren“, schrieb Frau Marx an Konrad Schramm in Jersey, „können Sie sich doch wohl denken, wie obenauf der Mohr ist. Seine ganze frühere Arbeitsfähigkeit und Arbeitstüchtigkeit ist wiedergekehrt, wie auch die Frische und Heiterkeit des Geistes, die seit Jahren gebrochen war... Karl arbeitet am Tage, um fürs tägliche Brot zu sorgen, nachts, um seine Ökonomie zur Vollendung zu bringen. Jetzt, wo diese Arbeit eine Notwendigkeit geworden, wird sich doch auch wohl ein elender Buchhändler finden.“
Die Krise hatte freilich nicht die von Marx erwartete Wirkung. Sie brachte die Arbeiterschaft nicht zu revolutionärer Erhebung auf die Beine. Dazu war die Betäubung, in die das Proletariat nach 1848 von der Konterrevolution versetzt worden war, zu groß, und die aufrüttelnde Kraft der Wirtschaftskatastrophe, trotz all ihrer Schrecken, viel zu schwach. Wohl aber war die Arbeiterschaft — und das war immerhin ein Erfolg — aus ihrer Lähmung und Erstarrung aufgescheucht, zum Nachdenken angetrieben und zu politischer Bereitschaft geweckt worden. Und eben dieser Umstand war es, der Lassalle wieder in Marxens Bannkreis führte. Denn seine schon 1852 ausgesprochene Vermutung, daß „während dieser scheinbaren Todesstille die wirkliche deutsche Arbeiterpartei geboren“ werde, schien jetzt ihre Bestätigung zu finden.
Lassalle hatte bis 1855 in zahlreichen Briefen an Marx versucht, durch einen lebhaften Gedankenaustausch mit diesem in engere persönliche Fühlung zu kommen. Immer wieder hatte er, voller Ehrerbietigkeit und unter Versicherung freundschaftlichster Gefühle, an Marx über die politische Lage in Deutschland, seine Auffassungen, Erlebnisse und Projekte, seine literarischen Arbeiten usw. berichtet. Er war nicht müde geworden, an Marx die literarhistorische Gelehrsamkeit, das durchdringende Verständnis der ökonomischen Kategorien und den revolutionären Elan zu bewundern; er hatte an Frau Marx beinahe schwärmerische Briefe geschrieben, hatte sich bei Diplomaten um Informationen für Marx bemüht, hatte einen Verleger besorgt, Geld geschickt (Neujahr 1855 sogar 200 Taler), Verbindungen mit der Presse für Marx angebahnt, sich mit Gefälligkeiten und Beweisen seiner Freundschaft geradezu überboten. Und immer hatte ihn Marx mit frostiger Distanz, unwirscher Gebärde und provokatorischer Überlegenheitsgeste behandelt. Entweder hatte er die Briefe Lassalles überhaupt nicht beantwortet, oder wennschon, so äußerst kurz, kühl, mit gereizter Uninteressiertheit. Oft hatte er sich nicht einmal der leichten Mühe unterzogen, die verletzende Nichtachtung unter ein paar verbindlichen Worten zu verbergen.
Fast jeder Brief Lassalles begann mit der Klage darüber, daß Marx nicht wieder schrieb. „Warum schreibst Du mir nicht und lässest mich direkt nichts von Dir hören? Durch andere vernahm ich, daß es Dir die Zeit über nur zu traurig gegangen, dies aber sich jetzt ein wenig gebessert hat. Ich litt bei dieser Nachricht, denn Du gehörst zu den Wenigen, für die ich wirklich sogar ein Faible habe und denen ich lieber noch manchmal geholfen sehen würde als mir selbst“ (1851). Oder: „Endlich wieder einmal ein paar Zeilen von Dir: ein wahres Weihnachtsgeschenk! Ich hatte so lange von Dir nichts gehört, daß es mich nachgerade zu wundern anfing“ (1852). Und ähnlich in den nächsten Jahren.
Den Grund für die abweisende Frostigkeit hat Marx nie offen ausgesprochen. Wenigstens in dieser Zeit noch nicht. Lassalle war ihm in jeder Beziehung unsympathisch. Die menschliche Seele reagiert auf Mitmenschen, von denen sie sich Förderung und Gewinn verspricht, mit Sympathie, auf andere, von denen sie Bedrohung und Gefahr befürchtet, mit Antipathie. Es liegt nahe, daß Marx in Lassalle einen gefährlichen Rivalen auf dem gemeinsamen Felde der politischen Theorie, der Arbeiterbewegung und Revolution sah. Und da Lassalle nicht der Mann war, sich — wie Engels — völlig in die Hand von Marx zu begeben, sondern stracks auf seine Heldenrolle in der europäischen Revolution zuschritt, mußte Marx in seiner Auffassung bestärkt werden. Daher der karge und kühle Briefwechsel von seiner Seite.
Lassalle war durch andere Beziehungen und Aufgaben stark in Anspruch genommen. Er beendete den Ehescheidungsprozeß der Gräfin Hatzfeld, der seit Jahren seine gesamte Energie aufgesogen hatte, schrieb ein grundgescheites Werk über Heraklit, das ihm in der gelehrten Welt großes Ansehen verschaffte, machte eine Reise nach Ägypten, Konstantinopel, Smyrna und dem Balkan, und bewerkstelligte schließlich — als „letzter Mohikaner des revolutionären Rheinlands“ — unter vielen Schwierigkeiten, indem er mit dem Vorwande der Behandlung eines Augenleidens die Behörden täuschte, seine Übersiedlung nach Berlin. Mit einem herzlichen Briefe meldete er sich am 26. April 1857 wieder bei Marx. „Ach, Ihr seid nicht exiliert, ich bin es! Denn Ihr seid doch viele der alten Kampf- und Gesinnungsgenossen in einer Stadt zusammen! Aber ich lebe nun jetzt alle diese Jahre hindurch so ganz allein, ganz vereinsamt von den früheren Waffenbrüdern ... Das ist wirklich auch sehr hart. Denn wenn ich von der Arbeiterklasse absehe, die ihr Herz und ihren Sinn nicht nur gesund und frisch bewahrt, sondern seitdem auch sehr entwickelt hat, so herrscht noch immer und mehr denn je unter den sogenannten gebildeten Leuten dieselbe Scheuheit, dieselbe Angst, dasselbe Sich-Verstecken wie früher. Auf die Länge der Zeit wird es ein Herzensbedürfnis, sich einmal im Kreise von Gleichgesinnten und Gleichgebildeten zu rekreieren. Dieses Herzensbedürfnis empfinde ich schon lange, lange, und es ist dahin gestiegen, daß ich jetzt fast darauf schwören möchte, es wird mich — was ich schon lange gewollt — nächstes Jahr nach London führen, um endlich einmal die alten Kumpane wiederzusehen.“
Aus der Reise nach London wurde zunächst nichts. Aber auch ein regelmäßiger und fruchtbarer Briefwechsel kam nicht zustande. Der fatale Umstand, daß Marx für das ihm von Lassalle übersandte Exemplar seines Heraklit Strafporto zahlen mußte und dafür seine letzten zwei Schillinge ausgab, „sicherten ihm einen schlechten Empfang“. Und das Werk selbst mit seiner monströsen Gelehrsamkeit fand bei Marx statt der erwarteten Bewunderung nur verächtlichen Spott. Lassalle bewege sich, so schrieb er an Engels, in seinem philosophischen Flitterstaate mit der Grazie eines Kerls, der zum ersten Male einen eleganten Anzug trage. Und bei Lassalle bedankte er sich für die Übersendung nur mit zwei Zeilen „kurz und kühl“. Lassalle war betroffen, ließ sich aber die Verwundung seines Herzens und seiner Eitelkeit nicht merken, sondern warb mit Artigkeit und Ausdauer weiter um die Freundschaft des mißtrauischen und mürrischen Partners. Er erbot sich, einen Verleger für das ökonomische Werk zu suchen, das Marx ihm angekündigt hatte, bearbeitete seinen Verleger Franz Duncker, bis er dessen Zusage hatte, und erwirkte für Marx ein Honorar, das weit über die sonst von Duncker gezahlten Sätze hinausging. Marx nahm all diese Freundschaftsbeweise ohne besonderen Dank, wie ihm als selbstverständlich zu leistende Tribute, entgegen und ließ fast ein Jahr, trotz vieler Mahnungen, mit der Übersendung des Manuskriptes warten, ohne sich auch nur ein einziges Mal bei Lassalle, der aus der Verzögerung viel Verdruß hatte, zu entschuldigen. Ja, als darauf der Verleger mit der Drucklegung ein paar Monate warten ließ, überhäufte Marx den daran ganz unschuldigen Lassalle mit häßlichen Beschuldigungen, verdächtigte ihn, seinen Erfolg zu hintertreiben, und zog damit die letzten Schleier von seiner durch Argwohn, Eifersucht und Rivalitätskampf zerfressenen und vergifteten Seele. Lassalle schrieb aus diesem Anlasse begütigend an Duncker: „Marx ist der Marat unserer Revolution. Es wird niemals irgendein Verrat zwischen Himmel und Erde gesponnen werden, den er nicht zum voraus ausgewittert haben wird. Dafür wird er gar manchen auswittern, den zu spinnen niemandem eingefallen sein wird. Das eine muß man ihm mit dem andern zugute halten.“
Das Jahr 1859 brachte aus Anlaß des italienischen Krieges den offenen Konflikt zwischen Marx und Engels auf der einen, Lassalle auf der andern Seite. Immer war Lassalle bereit, sich von den Freunden belehren zu lassen, immer brachte er sachliche Argumente für seine Auffassung herbei, immer suchte er in aller Bescheidenheit um das Visum für die Berechtigung auch seines Standpunktes nach. Aber stets erfuhr er nur brüske Zurückweisung, hämische Verdächtigung und unkameradschaftliche Behandlung. Daß Lassalle dabei nicht Mut und Vertrauen zu sich verlor, ist ebenso bewundernswert, wie es beschämend und peinlich ist, Marx in der Rolle des schlechten Lehrmeisters und abstoßenden Agitators für seine Auffassung zu sehen. Und es wirkt wie eine Genugtuung und Versöhnung, daß der Verlauf der italienischen Bewegung
die menschlich schöne Haltung Lassalles dadurch belohnte, daß sie ihm sachlich rechtgab.Zu einer mit noch größerer Bitterkeit und Heftigkeit geführten Kontroverse zwischen Marx und Lassalle kam es in der Affäre Vogt. Lassalle sah in Blind einen infamen Lügner, der Verdächtigungen beweislos ausstreue und dann kneife, in Liebknecht einen üblen Schmock, der als Revolutionär für reaktionäre Blätter schreibe, und in Marx einen unüberlegten Angreifer, der sich weigere, eine Ehrenerklärung zu geben, nachdem sich seine Vorwürfe als unhaltbar herausgestellt hätten. In langen Briefen voll „redlichster, herzlichster Freundschaft“ legte er Marx seine Auffassung dar. Was aber tat Marx? Nicht nur, daß er sich in Briefen an Engels in ordinärsten und rohesten Schimpfereien über Lassalle erging; er griff auch die „scheußlichsten, wahrhaft odiösesten Erfindungen“ eines schmutzigen Subjektes auf, das sich an Lassalle rächte, weil es ihm nicht gelungen war, genügend Geld aus ihm herauszupressen, und er schleuderte sie als Anklagen gegen Lassalle. Es gehörte Seelengröße dazu, angesichts solcher Erfahrungen das innere Gleichgewicht nicht zu verlieren. Lassalle tat mehr: er rechtfertigte sich, wies in aller Ruhe die Angriffe als bösartige Verleumdungen nach, korrespondierte weiter mit Marx, als ob nichts geschehen wäre, erörterte in langen Briefen wichtige politische Fragen, unterstützte Marx in seinem Prozesse gegen die Nationalzeitung, die ihn infam verleumdet hatte, brachte Geld für den Druck der Broschüre gegen Vogt auf und benahm sich in allen Stücken wie ein echter Freund.
Zu Anfang der sechziger Jahre war denn auch das Verhältnis zwischen beiden wieder so weit hergestellt, daß Marx im April 1861 während seines Aufenthaltes in Berlin der Gast Lassalles war.
Lassalle trug sich um diese Zeit mit großen Projekten. Sein brennender Ehrgeiz suchte ein Feld zu außergewöhnlicher Betätigung. Seine intimen Beziehungen zur Gräfin Hatzfeld, die nach ihrer Ehescheidung wieder in den Besitz ihres großen Vermögens gekommen war, gaben ihm reiche Mittel für großzügige Unternehmen an die Hand. In erster Linie dachte Lassalle an die Gründung einer großen Zeitung in Berlin. Er hatte sich politisch von der bürgerlichen Demokratie abgelöst und rechnete auf das Erwachen einer Arbeiterbewegung auf breiter Basis, die er abzufangen und als neuen politischen Trumpf mit sensationeller Geste auszuspielen gedachte. Als Marx in Berlin war, brachte Lassalle das Zeitungsprojekt zur Sprache, „Es wäre ganz zeitgemäß,“ berichtete darüber Marx nach seiner Rückkehr an Engels, „wenn wir nächstes Jahr eine Zeitung in Berlin herausgeben könnten, so widrig mir persönlich der Platz ist. 20000 bis 30000 Taler wären in Verbindung mit Lassalle usw. zusammenzubringen. But hic jacet. Lassalle macht mir direkt den Vorschlag. Zugleich vertraute er mir an, daß er neben mir Redakteur en chef sein müsse. Und Engels? fragte ich ihn. ‚Nun, wenn drei nicht zuviel sind, so kann ja auch Engels Redakteur en chef sein. Nur dürftet Ihr zwei nicht mehr Stimmen haben als ich, da ich sonst jedesmal überstimmt würde.‘ Als Gründe, warum er mit an die Spitze treten müsse, gab er an 1. daß er der bürgerlichen Partei in der allgemeinen Meinung näherstehe und daher leichter Geld beibringen könne‘; 2. daß er seine ‚theoretischen Studien‘ und theoretische Ruhe aufopfern müsse, und davon müsse er doch etwas haben usw. Lassalle, geblendet durch das Ansehen, das er in gewissen Gelehrtenkreisen durch seinen Heraklit und in einem andern Kreise von Schmarotzern durch guten Wein und Küche hat, weiß natürlich nicht, daß er im großen Publikum verrufen ist. Außerdem seine Rechthaberei; sein Stecken im ‚spekulativen Begriff‘ (der Kerl träumt sogar von einer neuen Hegelschen Philosophie auf der zweiten Potenz, die er schreiben will), seine Infektion mit altem französischen Liberalismus, seine breitspurige Feder, Zudringlichkeit, Taktlosigkeit usw. Lassalle könnte als einer der Redakteure, unter strenger Disziplin, Dienste leisten. Sonst nur blamieren. Aber Du siehst, ich war in großer Verlegenheit bei der großen Freundschaft, die er mir bewies, mit der Sprache herauszurücken. Ich hielt mich also in allgemeiner Unbestimmtheit, sagte, daß ich nichts entscheiden könne, ohne vorherige Besprechung mit Dir und Lupus ...“
Voraussetzung für Marxens Übersiedlung nach Berlin war dessen Wiederaufnahme in den preußischen Staatsverband. Lassalle hatte es auf sich genommen, die Sache an zuständigster Stelle zu betreiben. Er lief von Pontius zu Pilatus, sprach bei den Ministern vor, machte Eingaben über Eingaben, veranlaßte eine Kammerinterpellation und engagierte sich mit größtem Eifer — währenddem übergoß ihn Marx in Briefen an Engels mit Hohn und Spott und fertigte sein zweibändiges Werk, System der erworbenen Rechte, das inzwischen erschienen war und auf dessen Kritik durch Marx der Autor voller Spannung wartete, mit ein paar abfälligen Bemerkungen ab. „Über Deine Manier mein Werk zu lesen,“ schrieb der mit Recht verstimmte Lassalle, „bin ich recht verdrießlich! Wenn ich so ein Werk schreibe, geschieht es mit meinem besten Blut und Nervensaft und au fond, und in letzter Instanz doch nur für sehr wenige Menschen ... Von diesen wenigen sollte man wenigstens verlangen können, daß sie ein mit so großer Selbstzermarterung geschriebenes Werk auch genau in der Ordnung und Gedankenentwicklung lesen, in der es der Autor geschrieben hat usw.“ In langen gelehrten Briefen suchte Lassalle die Einwände zu entkräften und die Mißverständnisse zu korrigieren, aber der Liebe Mühe war umsonst: Max ignorierte den „Knaben“ und seine „Schülerpensa“.
1862 war Lassalle endlich in London und — unter peinlichsten Begleitumständen — Gast im Hause von Marx. Da er als Grandseigneur auftrat und starkes politisches Selbstbewußtsein zur Schau trug, fühlte sich Marx, durch die Widerwärtigkeit seiner häuslichen Misere blamiert und bis aufs Blut gereizt, so in die Unterlegenheit gedrängt, daß er seinem Herzen in bissigsten Ausfällen Luft machte. „Lassalle“, so schrieb er an Engels, „ist nun ausgemacht nicht nur der größte Gelehrte, tiefste Denker, genialste Forscher usw., sondern außerdem Don Juan und revolutionärer Kardinal Richelieu. Als tiefstes Geheimnis teilte er mir und meiner Frau mit, daß er Garibaldi den Rat gab, nicht Rom zum Ziele der Angriffe zu machen, sondern ... Er war jetzt auch bei Mazzini und auch dieser billigte und ‚bewunderte‘ seinen Plan. Er stellte sich diesen Leuten vor als ‚Repräsentant der deutschen revolutionären Arbeiterklasse‘ und unterstellte bei ihnen (wörtlich!) die Kenntnis, daß er (Lassalle) ‚durch seine Broschüre über den italienischen Krieg Preußens Intervention verhinderte‘, und in fact ‚die Geschichte der letzten drei Jahre geleitet hat‘.“ Und in einem andern Briefe: „Lassalle sagte mir noch, daß er vielleicht ein Blatt stiften werde, wenn er September zurückkehrt. Ich sagte ihm, gegen gute Zahlung wollte ich englischer Korrespondent werden für dieses, ohne irgendwie irgend sonstige responsibility oder politische partnership zu übernehmen, da wir politisch in nichts übereinstimmten als einigen weitabliegenden Endzwecken.“
Aus der Zeitung wurde nichts. Aber Lassalle stieg in die politische Arena hinab und stellte sich an die Spitze der Arbeiterbewegung, die er durch laute, zündende Weckrufe aus dem Boden zauberte. Vor dem Handwerkerverein der Oranienburger Vorstadt in Berlin entwickelte er sein Arbeiterprogramm. Den Leipziger Arbeitern, die sich durch Vahlteich, Dammer und Fritzsche an ihn gewandt hatten, schickte er das Offene Antwortschreiben. Die Öffentlichkeit rüttelte er auf durch seine Verfassungsrede und eine Agitationstour, die einem Triumphzuge glich. Und der Arbeiterschaft gab er die erste politische Organisation, den ersten Zusammenschluß zur Avantgarte des Klassenkampfes mit der Begründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.
Marx stand all diesen Leistungen, bei denen es sich um nichts weniger handelte, als um die Erweckung und Mobilisierung des Proletariats für die Aufgaben der sozialen Revolution, mit kühlster Reserve und nur mühsam verhaltenem Groll gegenüber. Er sah in Lassalle den erfolgreichen Rivalen, der ihm zuvorzukommen drohte, den „Kerl, der offenbar denkt, er sei der Mann, um unser Inventarium anzutreten“. Ohne die leiseste Bereitschaft zu einer Anerkennung wenigstens der guten Absicht, ohne den geringsten Versuch zu einer Würdigung der von Lassalle aufgewandten Tatkraft, ohne die Spur einer freudigen Genugtuung gegenüber der weltgeschichtlichen Tatsache, daß in die Mauer der politischen Passivität und Indifferenz des Proletariats endlich Bresche gelegt wurde, hackte Marx in seinen Briefen an Engels unausgesetzt und voll neidischer, gehässiger Bosheit auf die Person und das Werk Lassalles. „Dieser Mensch“ ... „dieser Renommist“ ... „dieser künftige Arbeiterdiktator“ ... „diese Gemeinplätze“ ... „diese abgeborgten Phrasen“ ... „diese baumhohe Dreistigkeit!“ ... „diese lächerliche Gelehrt- und Wichtigtuerei“ ... „diese breitspurige Waschweiberei“ ... „dieses Machwerk eines Schülers, der in aller Hast sich als grundgelehrten Mann und selbständigen Forscher herausmarktschreien will“ ... „diese von uns vor zwanzig Jahren abgesonderten Parteiausscheidungen, mit denen die Weltgeschichte gedüngt werden soll“ — das ist der Ton, in dem Marx seine Urteile fällte. „Ich habe mich seit Anfang dieses Jahres nicht entschließen können, dem Menschen zu schreiben. Kritisiere ich sein Zeug, so wäre das Zeitverlust; außerdem eignet er sich jedes Wort als ‚Entdeckung‘ an. Auf seine Plagiate ihn mit der Nase zu stoßen, wäre lächerlich, da ich ihm unsere Sachen in der Form, worin er sie verschmiert hat, nicht abnehmen will. Anerkennen diese Renommagen und Taktlosigkeiten geht auch nicht. Er würde das gleich benützen. Bleibt also nichts übrig als abzuwarten, bis endlich sein Zorn ausbricht. Dann habe ich einen sehr schönen Vorwand daran, daß er stets bemerkt, das sei nicht Kommunismus usw.“ Und Engels blies in dasselbe Horn: „Die Lassalleschen Geschichten und der Skandal, den sie in Deutschland erregen, fangen an unangenehm zu werden. Es ist die höchste Zeit, daß Du Dein Buch fertigmachst, und wenn auch nur, damit wir wieder Breittreter anderer Art bekommen ... Es ist fatal, daß dieser Mensch sich dabei die Position macht.“
Das war des Pudels Kern: Lassalle machte sich Position. Ein sträfliches Beginnen, auf das nur mit Feindschaft, Kampf und Vernichtung geantwortet werden konnte. Der Haß gegen den Konkurrenten machte Marx, diesen ein ganzes Leben lang um Höchstleistung, Erfolg und Anerkennung fieberhaft ringenden Menschen, wahrhaft blind und toll. Es ging ihm nicht mehr um die gemeinsame Sendung, das sachliche Werk, die geschichtliche Aufgabe, die revolutionäre Leistung. Es ging ihm nur noch um die Priorität, das Recht der Erstgeburt, den Triumph der Einzigkeit, den Ruhm der Alleingeltung, die Diktatur des Siegers. In vergiftenden Ausbrüchen entlud sich die Hysterie des Machtkampfes.
Kein Zweifel, daß Marx befreit aufatmete, als Lassalle einen plötzlichen Tod im Duell fand. Aus der saloppen Herzlosigkeit und Frivolität seiner Zeilen an Engels spricht keine Trauer, kein Verlust. „Es ist schwierig, zu glauben, daß ein so geräuschvoller, stirring pushing Mensch nun mausetot ist und altogether das Maul halten muß.“ So konnte nur tiefe Feindseligkeit von dem als Feind gehaßten Mitkämpfer sprechen.
Später, als der Haß durch den Tod gemildert war, konnte Marx sich’s leisten, den Mann und das Werk — wenn auch nicht weniger kritisch, so doch mit sachlich fundierter Kritik — zu beurteilen. An den Herrn von Schweitzer, den Nachfolger Lassalles im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, schrieb er am 13. Oktober, 1868: „Was den Lassalleschen Verein anbetrifft, so war er gestiftet in einer Zeit der Reaktion. Nach 15jährigem Schlummer rief Lassalle — und das bleibt sein unsterbliches Verdienst — die Arbeiterbewegung wieder wach in Deutschland. Aber er beging große Fehler. Er ließ sich zu sehr durch die unmittelbaren Zeitumstände beherrschen. Er machte den kleinen Ausgangspunkt — seinen Gegensatz gegen einen Zwerg wie Schultze-Delitzsch — zum Zentralpunkt seiner Agitation — Staatshilfe gegen Selbsthilfe ... Der Staat verwandelte sich ihm in den preußischen Staat. So wurde er zu Konzessionen an das preußische Königtum, die preußische Reaktion und selbst die Klerikalen gezwungen. Mit der Staatshilfe für Assoziationen verband er den Chartistenruf des allgemeinen Wahlrechts. Er übersah, daß die Bedingungen in Deutschland und England verschiedene ... Er gab ferner von vornherein — wie jeder Mann, der behauptet, eine Panacee für die Leiden der Masse in der Tasche zu haben — seiner Agitation einen religiösen Sektencharakter ... Er verleugnete ferner, eben weil Sektenstifter, allen natürlichen Zusammenhang mit der früheren Bewegung. Er fiel in den Fehler Proudhons, die reelle Basis nicht aus den wirklichen Elementen der Klassenbewegung zu suchen, sondern letzterer nach einem gewissen doktrinären Rezept ihren Verlauf vorschreiben zu wollen.“
Dieses Urteil über die Mission Lassalles, sachlich insofern gerecht, als Lassalle in der Tat kein Geschichtsmaterialist war und seine Theorie nicht in Grunderkenntnissen der Ökonomie verankerte, wird zu einem schiefen und irrigen Urteil durch den Umstand, daß es mit persönlicher Ungerechtigkeit verquickt ist. Und es wird vollends zu einem Fehlurteil, weil es mit keiner Silbe die ungeheure Wichtigkeit erfaßt, die allein in der Tatsache liegt, daß Lassalle — aus welchem Anlaß und mit welchem Programm immer — überhaupt auf dem Plane der Geschichte erschien und zu diesem Zeitpunkte die Arbeiterbewegung aus der Erde stampfte. Es ist von ganz untergeordneter Bedeutung, wieviel an der Theorie und Agitation Lassalles falsch oder richtig war, wieviel er von Buchez entlehnt, von Malthus übernommen, bei Ricardo verstanden oder bei Marx mißverstanden hatte. Entscheidend war, daß er es fertig brachte, das Proletariat in politisch selbständiger Formation auf das Kampffeld der Geschichte zu stellen. Mehring weist mit Recht darauf hin, daß Engels später, als sich die proletarische Bewegung in Amerika zu entwickeln begann, in einem Brief an Sorge als Kriterium der Leistung in einer bestimmten historischen Situation hingestellt hat: „Der erste große Schritt, worauf es in jedem neu in die Bewegung eintretenden Lande ankommt, ist die Konstituierung der Arbeiter als selbständige politische Partei, einerlei wie, sobald es nur eine besondere Arbeiterpartei ist.“ In diesem Sinne hat Lassalle gehandelt; in diesem Sinne auch ist die Leistung Lassalles als historische Tat ersten Ranges legitimiert.
Der geniale Blick des Marxschen Geistes versagte in der Erprobung, sobald er irritiert wurde durch affektive Erschütterungen, die das Auftauchen ebenbürtiger Rivalen in seiner Seele auslöste. Und seine revolutionäre Unbeirrbarkeit geriet ins Wanken, sobald sich in die Hingabe an das sachliche Werk die nervöse Angst um den Sieg des persönlichen Prestiges mischte.
Marx war kein Ensemblespieler. Kein Kameradschaftsmensch, dem Kräfte aus dem Gefühle des lebendigen Verbundenseins mit andern wuchsen. Kein Kämpfer in Reih und Glied.
Er konnte nur schaffen als Erster. Nur kämpfen als Generalissimus. Nur siegen in der Heldenrolle. Ein einsamer Adler auf eisigem Felsgipfel.
Leistung
Begründung der Internationale
Auf der Weltausstellung in London 1862 gab sich der Kapitalismus der ganzen Welt, unter demonstrativer Schaustellung seines Reichtums und seiner Leistungen, das erste große Stelldichein.
Vor den erstaunten Augen der internationalen Bourgeoisie breiteten die Handelsherren, Finanzmagnaten und Industriekönige im Hochgefühle des Erfolgs die gewaltigen Resultate der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung aus. Aber sie zeigten nicht nur ihre Maschinen, Rohstoffe, Produktionsverfahren, technischen Erfindungen und statistischen Tabellen — sie brachten zum Rendezvous des Fortschritts auch ihre Techniker, Werkmeister und Arbeiter mit, um deren Eifer und Verständnis für die Aufgaben der Zeit anzuspornen und sie für die Zwecke der kapitalistischen Produktion tauglicher zu machen. Während in Preußen-Deutschland der großbürgerliche Nationalverein die Entsendung von Arbeiterdelegierten betrieb, erfolgte sie in Frankreich mit Unterstützung der Regierung. Um der Wirksamkeit Proudhons, der ein Gegner des Kaiserreichs war, im Proletariat den Wind aus den Segeln zu nehmen, begnadigte Louis Napoleon nicht nur zahlreiche Arbeiter, die wegen Streiks oder Übertretung des drakonischen Koalitionsverbots verurteilt worden waren, er setzte sich auch mit besonderem Eifer für die Delegation von Arbeitern für die Londoner Weltausstellung ein. Es wurden eigene Wahlbureaus eingerichtet, Wahlen vorgenommen, zweihundert Vertreter entsendet, die Kosten aus öffentlichen Kassen und Subskriptionen gedeckt und für die Berichterstattung die Paragraphen des Koalitionsverbots stillschweigend außer Kraft gesetzt.
Bei dem Besuch in London war es nicht zu verhindern, daß die französischen und deutschen Arbeiterdelegationen mit den englischen Gewerkvereinen in Berührung kamen, deren wirtschaftliche und politische Machtstellung kennenlernten und aus dem Gewinne dieses Eindrucks agitatorische Aufgaben für ihr Wirken in der Heimat ableiteten. Die englischen Trade Unions waren an dieser Verbindung sehr interessiert, denn sie litten bei Arbeitskämpfen stark unter der Lohndrückerei und Schmutzkonkurrenz ausländischer arbeitswilliger Elemente, die das Kapital über den Kanal herüberzuholen pflegte. Sie hofften, durch Erfassung, Aufklärung und organisatorische Beeinflussung des Proletariats jenseits des Kanals diesem Übelstand ein Ziel setzen zu können. Deshalb hielten sie die während der Weltausstellung gewonnenen Beziehungen durch lebhaften Gedankenaustausch, besonders mit Paris, aufrecht.
Die Trade-Unions-Bewegung hatte seit 1860 in England, vorwiegend aber in London einen neuen großen Aufschwung erfahren. Nicht nur, daß sie immer breitere Schichten der Arbeiterschaft erfaßte, sie machte auch eine Wandlung in ihrer Stellung zur Frage der politischen Aktion durch. Während es bisher Grundsatz der Trade Union gewesen war, Politik, Parlamentarismus, Wahlen zu ignorieren, begannen die Organisationen der Maschinenbauer, Zimmerer und Schuhmacher unter dem Einfluß ihrer tatkräftigen und weitblickenden Führer Allan, Applegarth und Odger sich für politische Fragen und Aktionen zu interessieren. Das weitverbreitete Arbeiterblatt Der Bienenkorb sorgte unter Potters Leitung dafür, daß dieses Interesse wachgehalten und genährt wurde. Und der intelligente Schneider Eccarius, ein Thüringer, der dem Weitlingschen Bunde der Gerechten, später dem Bunde der Kommunisten angehört hatte und lange Zeit die rechte Hand von Marx war, drängte unausgesetzt zu einer Erweiterung des organisatorischen Rahmens mit dem Ziel einer internationalen Arbeiterorganisation. Ihm war es in erster Linie zu danken, daß die Verbindung mit den Arbeiterdelegationen zustande gekommen war und aufrechterhalten wurde.
Das Interesse der französischen und deutschen Arbeiterdelegierten würde aber schwerlich für längere Zeit wachzuhalten gewesen sein, wenn ihm nicht die allgemeine politische Situation auf dem Kontinente zu Hilfe gekommen wäre. Die lähmende Reaktion der fünfziger Jahre war gewichen. Unter den Erfordernissen der kapitalistischen Entwicklung, die ein freieres, beweglicheres Arbeiterelement brauchte, hatte der Druck der zaristischen, bonapartistischen und bismarckischen Politik etwas nachlassen müssen. Ein Freiheitsfrühling meldete sich an. Über das frische, drängende Leben, das überall im Proletariat zu erwachen begann, berichtete Lassalle an Marx. In Italien und Ungarn hatte die Unabhängigkeitsbewegung hohe Wellen geschlagen und eine starke, aufrüttelnde Wirkung war von ihr ausgegangen.
Der polnische Aufstand 1863 öffnete ein neues Ventil für die aufgestauten Energien und Bereitschaften zur Freiheit. „Soviel ist sicher,“ schrieb Marx am 13. Februar 1863 an Engels, „die Ära der Revolution ist nun wieder ziemlich eröffnet in Europa. Und der allgemeine Stand der Dinge ist gut. Aber die gemütlichen Selbsttäuschungen und der fast kindliche Enthusiasmus, mit dem wir vor Februar 1848 die Revolutionäre begrüßten, sind zum Teufel. Alte Kameraden ... sind hin, andere sind abgefallen oder verkommen und neuer Zuwachs wenigstens noch nicht sichtbar. Zudem wissen wir jetzt, welche Rolle die Dummheit in Revolutionen spielt, und wie sie von Lumpen exploitiert werden. Hoffentlich wälzt sich diesmal die Lava von Ost nach West und nicht umgekehrt.“ Als im Verlaufe des polnischen Aufstandes preußisches Militär gegen die Revolution eingriff, war dies — nach Marx — „eine Kombination, die uns zu sprechen zwingt“. Der Arbeiterverein sollte unverzüglich ein Manifest erlassen. „Du mußt“, schrieb er an Engels, „den militärischen Teil schreiben — es ist Deutschlands militärisch-politisches Interesse an der Wiederherstellung Polens. Ich schreibe das Diplomatische.“
Der polnische Aufstand brach bald zusammen. Aber der von Marx aufgeworfene Gedanke blieb lebendig und wirkte fort. Die Vertreter der Londoner Arbeiter schickten die von ihnen veröffentlichte Adresse für Polen an die Pariser Arbeiter und forderten sie zu gemeinsamem Handeln auf. Darauf schickten die Pariser Arbeiter eine Delegation nach London, an ihrer Spitze einen Arbeiter Tolain, den eigentlichen Arbeiterkandidaten bei den letzten Wahlen in Paris. Diese Delegation nahm an einem Polenmeeting in St. James teil. Dabei wurde ein Komitee von englischen Arbeitern gewählt mit dem Auftrage, eine Adresse der Brüderlichkeit an die Pariser Arbeiter zu senden und ein weiteres Meeting vorzubereiten. Dieses zweite Meeting wurde von Odger, dem Präsidenten der Londoner Gewerkschaftskommission, und dem Steinmetz Cremer, Sekretär der Bauarbeitergewerkschaft, für den 28. September 1864 nach St. Martins Hall einberufen. Marx berichtet über das weitere an Engels: „Ein gewisser Le Lubez wurde zu mir geschickt, ob ich für die deutschen Arbeiter Anteil nehme, speziell einen deutschen Arbeiter als Sprecher für das Meeting usw. liefern wollte. Ich lieferte den Eccarius, der sich famos herausbiß, und ich assistierte dito als stumme Figur auf der Plattform. Ich wußte, daß sowohl von der Londoner als Pariser Seite diesmal wirkliche Mächte ‚figurierten‘ und beschloß deswegen, von meiner sonst stehenden Regel, alle solche Einladungen abzulehnen, abzustehen ...Auf dem Meeting, das dicht bis zum Ersticken besetzt war (denn offenbar findet jetzt ein Wiederaufleben der Arbeiterklassen statt) repräsentierte Major Wolff (Thurn-Taxis, Garibaldis Adjutant) den Londoner Verein italienischer Arbeiter. Es wurde beschlossen, die Stiftung einer ‚Internatiönalen Arbeiterassoziation‘, deren Generalrat in London sitzen und die Arbeitervereine in Deutschland Italien, Frankreich und England vermitteln solle. Dito solle 1865 allgemeiner Arbeiterkongreß nach Belgien berufen werden. Auf dem Meeting wurde ein provisorisches Komitee ernannt, Odger, Cremer und viele andere, zum Teil alte Chartisten, alte Owenisten usw. für England, Major Wolff, Fontana und andere Italiener für Italien, Le Lubez usw. für Frankreich, Eccarius und ich für Deutschland. Das Komitee wurde befugt, beliebig viel Leute zuzuziehen.
Soweit so gut. Der ersten Sitzung des Komitees wohnte ich bei. Es wurde Subkomitee (wobei auch ich) ernannt, um Prinzipienerklärung und provisorische Artikel aufzusetzen. Unwohlsein verhinderte mich, der Sitzung des Subkomitees und der darauf folgenden Sitzung des Gesamtkomitees beizuwohnen. Es hatte sich in diesen zwei Sitzungen, von denen ich abwesend war, folgendes ereignet:
Major Wolff hatte ein Reglement (Statuten) der italienischen Arbeitervereine (die eine zentrale Organisation besitzen, aber wie sich später herausstellte, wesentlich assoziierte Hilfsvereine sind), eingereicht zur Benützung für die neue Assoziation. Ich sah das Zeug später. Es war offensichtlich ein Machwerk von Mazzini, und Du weißt daher im Voraus, in welchem Geist und in welcher Phraseologie die wirkliche Frage, die Arbeiterfrage, behandelt war. Auch wie die Nationalitätsgeschichten eingeschoben wurden. Außerdem hatte ein alter Oweniste, Weston, ein liebenswürdiger und braver Mann, ein Programm aufgesetzt voll der äußersten Konfusion und von unsäglicher Breite.
Die folgende allgemeine Komiteesitzung beauftragte das Subkomitee, das Westonsche Programm umzumodeln, dito die Wolffschen Statuten. Wolff selbst reiste ab, um dem Kongresse des italienischen Arbeitervereins in Neapel beizuwohnen und diesen zum Anschluß an die Londoner Zentralassoziation zu bestimmen.
Abermalige Sitzung des Subkomitees, der ich wieder nicht beiwohnte, da ich von ihrem Rendezvous zu spät unterrichtet ward. Dort wurde eine ‚Prinzipienerklärung‘ und Umarbeitung der Wolffschen Statuten von Le Lubez vorgelegt und vom Subkomitee für Vorlage an das Gesamtkomitee angenommen. Das Gesamtkomitee tagte am 18. Oktober. Da Eccarius mir geschrieben, daß Gefahr im Verzuge, erschien ich und war wahrhaft erschrocken, als ich den guten Le Lubez ein schauderhaft phraseologisches, schlechtgeschriebenes und ganz und gar unreifes Vorwort, das eine Prinzipienerklärung zu sein beanspruchte, vorlesen hörte, wo der Mazzini überall durchguckte, überkrustet mit den vagsten Fetzen von französischem Sozialismus. Außerdem war das italienische Reglement im großen und ganzen aufgenommen, das, von allen andern Fehlern abgesehen, in der Tat etwas ganz Ungewöhnliches bezweckte, eine Art Zentralregierung (natürlich mit Mazzini im Hintergrunde) der europäischen Arbeiterklassen. Ich machte gelinde Opposition, und nach langem Hin- und Herreden schlug Eccarius vor, daß das Subkomitee von neuem die Sache seiner ‚Redaktion‘ unterwerfen solle. Die ‚Gesinnungen‘, enthalten in Lubez’ Deklaration, wurden dagegen votiert.
Zwei Tage später, am 20. Oktober, versammelten sich Cremer für die Engländer, Fontana (Italien) und Le Lubez in meinem Hause (Weston war verhindert). Ich hatte die Papiere (Wolffs und des Le Lubez) bisher nicht in der Hand gehabt, konnte also nichts vorbereiten, war aber fest entschlossen, daß womöglich nicht eine einzige Zeile von dem Zeug stehenbleiben sollte. Um Zeit zu gewinnen, schlug ich vor, bevor wir das Vorwort ‚redigierten‘, sollten wir die Satzungen ‚diskutieren‘. Das geschah. Es war 1 Uhr Mitternacht, bis die erste von vierzig Satzungen angenommen war. Cremer sagte (und das bezweckte ich): wir haben dem Komitee, das am 25. Oktober tagen soll, nichts vorzulegen. Wir müssen es vertagen bis 1. November. Dagegen kann das Subkomitee zusammenkommen am 27. Oktober und suchen, ein definitives Resultat zu erreichen. Dies wurde angenommen und die ‚Papiere‘ mir zur Ansicht ‚hinterlassen‘.
Ich sah, daß es unmöglich war, etwas aus dem Zeuge zu machen. Um die höchst sonderbare Art, worin ich die bereits ‚votierten Gesinnungen‘ zu redigieren bezweckte, zu rechtfertigen, schrieb ich eine Ansprache an die Arbeiterklassen (was nicht im ursprünglichen Plan), eine Art Rückschau der Schicksale der Arbeiterklassen seit 1845; unter dem Vorwande, daß alles Faktische in dieser Adresse enthalten und daß wir dieselben Sachen nicht dreimal sagen dürften, veränderte ich die ganze Einleitung, schmiß die Prinzipienerklärung heraus und setzte endlich an die Stelle von vierundvierzig Satzungen zehn. Soweit in der Adresse die internationale Politik vorkommt, spreche ich von Ländern, nicht von Nationalitäten, und denunziere Rußland, nicht die kleinen Staaten. Meine Vorschläge alle angenommen vom Subkomitee. Nur wurde ich verpflichtet, in die Einleitung der Statuten zwei ‚Pflicht‘- und ‚Recht‘phrasen, dito Wahrheit, Moral und Gerechtigkeit aufzunehmen, was aber so plaziert ist, daß es keinen Schaden tun kann.
In der Sitzung des Generalkomitees wurde meine Adresse usw. mit großem Enthusiasmus angenommen (einstimmig). Die Debatte über die Druckweise usw. findet nächsten Dienstag statt. Le Lubez hat eine Kopie der Adresse zur Übersetzung ins Französische, und Fontana eine zur Übersetzung ins Italienische (zunächst ist ein Wochenblatt, genannt ‚Bechivo‘, redigiert von dem Trade Union Potter, Art Moniteur). Ich selbst soll das Zeug ins Deutsche übersetzen.
Es war sehr schwierig, die Sache so zu halten, daß unsere Ansicht in einer Form erschien, die sie dem jetzigen Standpunkte der Arbeiterbewegung annehmbar machte. Dieselben Leute werden in ein paar Wochen Meetings mit Bright und Cobden für Stimmrecht halten. Es bedarf der Zeit, bis die wiedererwachte Bewegung die alte Kühnheit der Sprache erlaubt. Nötig stark in der Sache, gemäßigt in der Form.“
Soweit der Bericht von Marx. Fügen wir noch hinzu, daß sich das Komitee als provisorischer Generalrat konstituierte, dessen erster Vorsitzender Odger, zweiter Eccarius war und dessen Sitz London bleiben sollte, so ist alles Bemerkenswerte über die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation verbucht.
Zusammenfassend ist zu konstatieren: die objektiven Voraussetzungen für die Gründung der Internationale waren in der allgemeinen Situation gegeben; die subjektiven Anregungen gingen von den Gewerkschaften aus; die geistige Führung und politische Orientierung fiel an Marx.
Die Inauguraladresse
Die von Marx verfaßte „Adress and Provisional Rules of the International Working Mens Assoziation“ ist in ihrer von Marx besorgten Übersetzung ins Deutsche im Original nicht überliefert.
Die erste Veröffentlichung in deutscher Sprache erfolgte durch J. B. von Schweitzer, dem Nachfolger Lassalles im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, 1864 in der zweiten und dritten Nummer des Vereinsorgans Der Sozialdemokrat.
1866 ließ J. Th. Becker, der nach dem pfälzisch-badischen Aufstand in die Schweiz geflüchtet war und seitdem dort lebte, in seinem in Genf herausgegebenen Vorboten, dem Zentralorgan der deutschen Sprachgruppe der Internationale, die Adresse in deutscher Sprache als „Manifest an die arbeitende Klasse Europas“ erscheinen.
Zwei Jahre darauf gab Wilhelm Eichhoff in Berlin in einer Broschüre über Die Internationale Arbeiterassoziation die Adresse in „möglichrt wortgetreuer“ Übersetzung als „Inauguraladresse“ wieder.
Da die Übersetzungen nicht völlig übereinstimmten, sondern störende und irreführende Abweichungen und Irrtümer aufwiesen, ließ Karl Kautsky später eine authentische Übersetzung anfertigen. Sie wurde unter seiner Überwachung von Luise Kautsky besorgt.
In seiner Vorrede, die Kautsky dieser Übersetzung voranschickt, weist er darauf hin, daß die Inauguraladresse in der programmatischen Literatur des Marxismus an Bedeutung gleich hinter dem Kommunistischen Manifest kommt. Bei aller Übereinstimmung im grundsätzlichen Teile zeigt jedoch die Inauguraladresse ein ganz anderes Gesicht als das Kommunistische Manifest.
Als das Kommunistische Manifest wie ein reisiger Herold, in glänzenden Waffen klirrend, in die Welt sprengte, hatte es Marx mit einer „geistigen Auslese der Arbeiterschaft“ zu tun, die als theoretisch geschulte Propagandagesellschaft in der bevorstehenden Revolution die Führung an sich reißen und die Bewegung bis zum äußersten Ziele vorwärtstreiben sollte. Inzwischen waren siebzehn Jahre vergangen. Die auf die Revolution gesetzten Hoffnungen hatten getrogen. Einem revolutionären Aufschwunge war in ganz Europa ein Zusammenbruch, eine schwere Reaktion und eine gewaltige Entwicklung des Kapitalismus gefolgt. Mit den Resten der Feudalmacht hatte sich die Macht der Bourgeoisie zu breitester Front vereinigt. Hiergegen ließ sich nicht mehr mit einer kleinen Elitetruppe von hieb- und stichfesten Revolutionären anrennen, denen eine zufällige Masse blind folgte. Hier bedurfte es einer Massenbewegung, die „sich selbst in Marsch setzte und sich über Wege und Ziele selbst verständigte“. Auf eine solche Massenbewegung mit praktischen Aufgaben, unmittelbaren Leistungen und nächstliegenden Zielen war die Inauguraladresse zugeschnitten. Darum setzte sie für den enthusiastischen Schwung die sachliche Konstatierung, für die geniale Konzeption einer kühnen Geschichtsperspektive die nüchtern präzisierte Charte konkreter Zeitaufgaben.
Die Inauguraladresse beginnt mit einer drastischen und erschütternden Gegenüberstellung der lapidaren Tatsachen, in denen sich das Wesen der kapitalistischen Entwicklung charakterisiert: berauschender Reichtum bei den Besitzenden, erschreckende Armut bei den Besitzlosen. „Die Gesamtein- und -ausfuhr Großbritanniens ist 1863 auf 443,9 Millionen Pfund Sterling angewachsen. Eine erstaunliche Summe, die ungefähr das Dreifache des Gesamthandels in der verhältnismäßig nicht weit zurückliegenden Epoche von 1843 beträgt ... Von 1842 bis 1852 wuchs das steuerbare Einkommen des Landes um sechs Prozent; in den acht Jahren von 1853 bis 1861 ist es, ausgehend von der Basis von 1853, um zwanzig Prozent gewachsen. Dieser berauschende Zuwachs an Reichtum und Macht ist ausschließlich auf die besitzenden Klassen beschränkt“. Das ist die eine Seite. Und die Kehrseite der Medaille: Eine vom Hause der Lords eingesetzte Untersuchungskommission über Deportation und Strafarbeit stellte fest, daß die ärgsten Verbrecher Englands viel weniger schufteten und viel besser ernährt wurden, als die Landarbeiter Englands und Schottlands. Ein von demselben Hause der Lords bestellter Arzt stellte das Mindestquantum an Kohlen- und Stickstoff fest, das dargereicht werden müsse, um „Hungerkrankheiten abzuwehren“. Er fand, daß die spärliche Nahrung der Baumwollarbeiter durch den Druck der äußersten Not so weit herabgebracht war, daß sie ungefähr so ziemlich dieser Dosis entsprach“. Weiter entdeckte er, daß die Seidenweber, Näherinnen, Handschuhmacher, Strumpfwirker und andere Arbeiter im Durchschnitte nicht einmal jene Notration, jenes Mindestmaß an Kohlen- und Stickstoff erhielten, „das gerade noch ausreicht, um Hungerkrankheiten abzuwehren“. Von den untersuchten Familien der landwirtschaftlichen Bevölkerung hatten über ein Fünftel weniger als das Minimum an kohlenstoffhaltiger, über ein Drittel weniger als das Minimum an stickstoffhaltiger Nahrung. Die landwirtschaftliche Bevölkerung des reichsten Landesteils war die am schlechtesten genährte; jedoch selbst diese Landarbeiter waren noch besser daran als große Massen geschickter Heimarbeiter im Osten Londons. So sah das „englische Vorbild“ aus: ein grausiger Gegensatz von Überfluß und Hungersnot. Aber „mit einer andern Lokalfärbung und auf etwas kleinerer Stufenleiter pflanzen sich die englischen Zustände in allen in industrieller Entwicklung begriffenen Ländern des Kontinents fort. In allen diesen Ländern hat seit dem Jahre 1848 eine unerhörte Entwicklung der Industrie, eine ungewohnte Ausdehnung des Ein- und Ausfuhrhandels stattgefunden“. In allem war die „ausschließlich auf die besitzenden Klassen beschränkte Zunahme an Reichtum und Macht wahrhaft berauschend“. Überall „sinkt die große Masse der Arbeiterklasse tiefer ins Elend herab, zum mindesten im Verhältnis zum Aufsteigen der oberen Klassen auf der sozialen Stufenleiter. Und so ist es jetzt in allen Ländern eine Wahrheit geworden, daß keine Vervollkommnung der Maschinerie, keine Anwendung der Wissenschaft auf die Produktion, keine Verbesserung der Verkehrsmittel, keine neuen Kolonien, keine Auswanderung, keine Eröffnung neuer Märkte, kein Freihandel, noch alle diese Dinge zusammengenommen das Elend der arbeitenden Massen beseitigen werden, sondern daß auf der jetzigen falschen Basis im Gegenteil jede neue Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit dahin führen muß, die sozialen Unterschiede zu vertiefen und die sozialen Gegensätze zuzuspitzen“.Nach dieser Darstellung der ökonomischen und sozialen Situation wendet sich die Inauguraladresse der Betrachtung der politischen Situation zu. Die Konterrevolution hat seit 1845, so konstatiert sie mit Entrüstung, nicht nur „alle Organisationen und Zeitungen der Arbeiterklasse durch den eisernen Griff der Gewalt zerschmettert“, sie hat auch „die fortgeschrittensten Söhne der Arbeit verzweifelt über den Ozean getrieben und die revolutionäre Energie und die kurzlebigen Befreiungsträume der Daheim gebliebenen in eine Epoche industriellen Fiebers, moralischer Versumpfung und politischer Reaktion“ erstickt. Die Niederlage der Arbeiter auf dem Kontinente, zum Teil mitverschuldet durch die Diplomatie der englisch-russischen Kabinette, pflanzte sich auf die andere Seite des Kanals fort und gab den Land- und Geldlords das erschütterte Selbstvertrauen wieder. „In frechem Übermute widerriefen sie Konzessionen, die bereits angekündigt waren. Die Entdeckung neuer Goldländer führte zu ungeheurer Abwanderung, die eine unausfüllbare Lücke in die Reihen des britischen Proletariats riß. Andere ließen sich durch den Köder zeitweilig stärkerer Beschäftigung und höheren Lohnes bestechen und ‚trugen den bestehenden Verhältnissen Rechnung!‘ Alle Versuche, die Chartistenbewegung aufrechtzuerhalten oder neu zu gestalten, scheiterten vollständig, die Preßorgane der Arbeiterklasse gingen eines nach dem andern an der Teilnahmslosigkeit der Massen zugrunde und die englische Arbeiterklasse schien in der Tat mit dem Zustande politischer Nichtigkeit so völlig ausgesöhnt zu sein wie nie vorher.“
Nur zwei große Ereignisse heben sich als Lichtseiten aus dieser trüben Periode hervor: die Einführung der Zehnstundenbill, die nach dreißigjährigem, mit bewunderungswürdiger Ausdauer geführten Kampfe unter Ausnutzung eines augenblicklichen Zwiespalts zwischen Landlords und Geldlords gelang, und die Begründung der Genossenschaftsbewegung durch einige „kühne Hände“, die Pioniere von Rochdale. Das Zehnstundengesetz war „nicht nur ein großer praktischer Erfolg; es war der Sieg eines Prinzips“. Aber „ein noch größerer Sieg der politischen Ökonomie der Arbeit über die politische Ökonomie des Kapitals war die Kooperativbewegung“, weil sie nicht der Gunst einer zufälligen parlamentarischen Konstellation ihr Dasein verdankte, sondern die mit vollem Bewußtsein unternommene und aus eigener Kraft durchgeführte „Überwindung des kapitalistischen Systems“ darstellt. In diesem geglückten Versuche „manifestiert sich die Überlegenheit der assoziierten Arbeit über das kapitalistische Lohn- und Erwerbssystem“.
Freilich „muß, um die arbeitenden Massen zu befreien das Genossenschaftssystem auf nationaler Stufenleiter und durch nationale Mittel gefördert werden“, damit es sich in nationalen Dimensionen entwickeln kann. Dazu bedarf es der Verfügung über die politische Macht. „Die politische Macht zu erobern ist daher jetzt die große Pflicht der Arbeiterklasse. Sie scheint dies begriffen zu haben, denn in England, Frankreich, Deutschland und Italien zeigt sich ein gleichzeitiges Wiederaufleben und finden gleichzeitige Versuche zur politischen Reorganisation der Arbeiterpartei statt.“
Dabei besitzen die Arbeiter „ein Element des Erfolgs: ihre große Zahl“. Diese Masse jedoch kann nur in die Wagschale politischer Entscheidungen geworfen werden, wenn sie zur Organisation zusammengeschweißt und von politischem Wissen geleitet wird. Die „Mißachtung des Bandes der Brüderlichkeit“ hat sich bei früheren Versuchen der Arbeiterschaft zur Erkämpfung ihrer Freiheit stets bitter gerächt durch „allgemeine Vereitelung ihrer zusammenhanglosen Bemühungen“.
Unter Hinweis auf den Sklavereikrieg in den Vereinigten Staaten, die Eroberung Kaukasiens und die Niederwerfung des polnischen Aufstandes durch Rußland unterstreicht die Inauguraladresse zum Schlusse die Pflicht der Arbeiterklasse, „sich der Geheimnisse der internationalen Politik zu bemächtigen, die diplomatischen Aktionen ihrer Regierungen zu überwachen, ihnen, wenn nötig, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln entgegenzuwirken und wenn außerstande, den Streich zu verhindern, sich zu gleichzeitiger und öffentlicher Anklage zu verbinden und die einfachen Gesetze der Moral und des Rechts zu proklamieren, die, wie sie die Beziehungen von Privatpersonen regeln, auch die obersten Gesetze des Verkehrs der Nationen untereinander sein sollen. Der Kampf für solch eine auswärtige Politik ist eingeschlossen in dem allgemeinen Kampfe für die Befreiung der Arbeiterklasse“.
Die Grundgedanken der Adresse sind in den Statuten noch einmal konzentriert niedergelegt: Die Emanzipation der Arbeiterklasse muß durch die Arbeiter selbst erkämpft werden. Der Kampf für sie ist kein Kampf für neue Klassenvorrechte, sondern für die Vernichtung aller Klassenherrschaft. Der ökonomischen Unterwerfung des Arbeiters unter den Aneigner der Arbeitsmittel, das heißt der Lebensquellen, liegt die Knechtschaft in all ihren Formen zugrunde: dem sozialen Elend, der geistigen Verkümmerung und der politischen Abhängigkeit. Die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse ist daher das große Ziel, dem jede politische Bewegung als Mittel dienen muß. Alle dieses Ziel verfolgenden Versuche sind bisher gescheitert aus Mangel an Einigkeit unter den verschiedenen Arbeitsgruppen jedes Landes und unter den Arbeiterklassen der verschiedenen Länder. Die Emanzipation der Arbeiter ist weder eine lokale, noch eine nationale, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie umfaßt alle Länder, in denen die moderne Gesellschaft besteht. Sie kann nur vollbracht werden durch das planmäßige Zusammenwirken dieser Länder.
Diese wichtigen Gedanken bringen noch einmal Sinn und Zweck der Internationale unzweideutig zum Ausdruck. Es kann keine Rede davon sein, daß die Inauguraladresse, wenn sie Zehnstundentag und Genossenschaftsbewegung als aktuelle sozialpolitische Aufgaben der Arbeiterklasse stark in den Vordergrund rückte, die Tendenz verfolgt hätte, eine Abkehr von der Revolution und eine Zukehr zur Reform einzuleiten. Nichts lag ihr ferner, als in der opportunistischen Erledigung praktischer Erfordernisse ein Allheilmittel gegen die Nöte des proletarischen Daseins zu sehen. Ihr war es vielmehr darum zu tun, die Einsicht der Arbeiter für die Notwendigkeit eines internationalen Zusammenschlusses durch starke Hervorkehrung konkreter, praktischer Interessen zu wecken, nachdem die theoretischen Argumente des Kommunistischen Manifests an Geist und Willen des Proletariats sogut wie spurlos vorübergegangen waren. Die Verschweißung der Arbeiterschaft Englands, Frankreichs, Belgiens, Deutschlands, Italiens und Spaniens zu einer lebendigen solidarischen Einheit, die Erfassung von Chartisten, Owenisten, Proudhonisten, Blanquisten, Mazzinianern und Lassalleanern durch ein Programm, das keine Richtung vor den Kopf stieß und die Tür versperrte — das war Leitmotiv und Zielsetzung. Für dieses gewaltige Projekt war sie nach Form und Inhalt das schlagkräftigste und eindruckvollste Werbeplakat.
Babylonischer Turmbau
Da die Internationale die Arbeiterorganisationen der einzelnen Länder nicht in sich auflöste, sondern als selbständige Gebilde unangetastet bestehen ließ, bildete sie bald ein überaus buntes Mosaik von Gruppen, Richtungen, Schulen und Lagern und ein lärmvolles Gewirr von Sprachen wie beim babylonischen Turmbau.
Denn nicht nur, daß die Arbeiterbewegung jedes Landes ihre spezifische nationale Prägung trug, es gab auch in jedem Lande die verschiedenartigsten einander zuwiderlaufenden oder heftig bekämpfenden Spielarten von Organisationen und Bewegungen. So fanden sich in England noch starke Reste des owenistischen Utopismus, der zur sektiererischen Freidenkerei verplattet war. Daneben schwammen die Trümmer der in voller Auflösung begriffenen Chartistenbewegung. In den Köpfen der Trade Unionisten spukten in seltsamem Gemisch mit kollektivistischen Ideen noch Überbleibsel aus der individualistischen Geisteswelt. Und das schlimmste war, daß den Führern der Gewerkschaftsbewegung — wie die Webbs in ihrer Geschichte des Trade Unionismus schreiben — die Unmöglichkeit dieses Amalgams keinen Augenblick zum Bewußtsein kam. Außerdem wollte die übergroße Mehrheit — ähnlich wie die christlichen Sozialisten unter Kingsley und Maurice — von politischer Betätigung der Arbeiterschaft nichts wissen. In Frankreich sah es nicht besser aus. Dort hielten sich verspätete Fourieristen und Cabetisten noch immer in der Atmosphäre einer längst überständig gewordenen Popularität. Louis Blancs Lehre von den Staatswerkstätten hatte noch immer Anhänger, wie Blanquis politischer Putschismus noch nicht aufgehört hatte, seine Anziehungskraft auf aktive Temperamente auszuüben. Über alle Programme und Melodien hinweg aber fand die sanfte Weise Proudhons von der alles befreienden, die kapitalistische Gesellschaft friedlich überwindenden Volksbank den stärksten Beifall. Endlich in Deutschland webten sich in die absterbenden Traditionen des 48er Kleinbürgerradikalismus die utopistischen Ideen Weitlings. Im Vordergrunde stand, alles überstrahlend, die durch Lassalles Agitationskraft künstlich zu Überlebensgröße aufgeblasene Volkstümlichkeit des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die aber nach Lassalles Tode durch den Bruderkrieg zwischen der männlichen Linie unter dem Herrn von Schweitzer und der weiblichen Linie unter der Gräfin Hatzfeld stark an Faszination zu verlieren begann. In Italien prallte der nationalistisch-mystische Republikanismus Mazzinis mit dem revolutionären Anarchismus Bakunins hart zusammen. Und die Schweiz bot das Bild eines buntscheckigen Kantönlitums.
Noch gehörten die meisten dieser Gruppen und Organisationen der Internationale nicht an. Aber es war vorauszusehen, daß ihre Vereinigung im Rahmen der Internationale einen tollen Wirrwarr der Geister, ein Chaos der Auseinandersetzungen und eine monströse Manifestation des Sozialismus ergeben würde.
Marx sah diese Entwicklung voraus. Deshalb steuerte er in seiner Taktik darauf hin, daß die Gegensätze der Auffassung nicht sofort in offenem Konflikt vor der Öffentlichkeit eines Kongresses ausgetragen, sondern erst im engen Kreise einer mehr vertraulichen Konferenz nach Möglichkeit abgeschliffen würden.
Der Umstand, daß der Zulauf zur Internationale zunächst alles andere als stürmisch war, erleichterte ihm sein Bemühen. In der Tat: wie winzig war der Anfang! Einige Gewerkschaften, die agitatorisch lange und gründlich genug bearbeitet worden waren, hatten sich nach Zögern und Bedenken zum Beitritt entschlossen. Das übrige bestand fürs erste aus Einzelmitgliedschaften, die man in Sektionen zusammenfaßte. Aber auch hier blieb der Erfolg weit hinter den Erwartungen zurück. Die erste Vereinigung von Ausländern, die beitrat, war die italienische Arbeiterassoziation in London. Dann kamen drei deutsche Vereine, darunter der kommunistische Arbeiterbildungsverein. Schließlich ein Arbeiterverein zur Unterstützung polnischer Emigranten. In der Schweiz bildeten sich einige Sektionen; in Deutschland, obwohl dort die Inauguraladresse in 50000 Exemplaren verbreitet worden war, meldete sich nur ein schwaches Echo. Nach Jahresfrist war das Wachstum der Internationale noch nicht so weit gediehen, daß ihre Stimme ausgereicht hätte, um auf einem Kongresse die erwünschte Resonanz der politischen Öffentlichkeit zu finden. So faßte der Generalrat auf Betreiben von Marx den Beschluß, den für 1865 angesetzten Kongreß in Brüssel nicht abzuhalten, sondern dafür eine Konferenz nach London einzuberufen.
Sie fand vom 25. bis 29. September 1865 statt. Die Londoner Trade Union war vertreten durch Odger, Cremer, Howell, Wheeler, Dell und Weston. Von Frankreich waren Tolain, Limousin, Varlin, Fribourg, Schily und Clarion gekommen; aus Brüssel Cäsar de Paepe, ein Arzt, der als Schriftsetzer arbeitete. Die Schweiz hatte J. Ph. Becker für die deutsche und Dupleix für die französische Sektion geschickt. Außerdem waren die ausländischen Arbeiterschaften durch Delegierte ihrer Londoner Nationalvereine vertreten: Deutschland durch Leßner und Schapper, Italien durch Major Wolff, Polen durch Bobrzinski. Endlich waren als korrespondierende Mitglieder des Generalrats anwesend: Marx für Deutschland, Jung für die Schweiz, Dupont für Frankreich. Eccarius als zweiter Vorsitzender des Generalrats verstärkte das deutsche Element.
Von England wurde durch den Generalsekretär Cremer berichtet, daß vorerst nur ein sehr bescheidener Teil der Trade Unions für die Internationale gewonnen worden sei. Es bestehe aber begründete Hoffnung, daß mit dem eben begonnenen Kampfe um die Wahlrechtsreform, den die Internationale mit großer Energie betreiben würde, ein großer Aufschwung und Mitgliederzuwachs eintreten werde. Auch von Frankreich lauteten die Berichte nicht sehr befriedigend, und die in den Diskussionen zutage tretende Konfusion der französischen Vertreter ließ die Ursachen dieser bescheidenen Erfolge nur zu gut erkennen. Dagegen waren in der Schweiz dank der unermüdlichen und geschickten Werbearbeit Beckers zahlreiche große Arbeitervereine entstanden, ein Resultat, dessen Erfreulichkeit nur etwas getrübt wurde durch aufdringliche Betonung eines sozialpolitischen Reformismus durch Becker. Dieselbe Tendenz zum Reformismus, besonders genährt durch den proudhonistischen Einschlag der Franzosen und nur noch kompliziert durch einen allgemeinen Wirrwarr der Ideen, machte sich auch in den Diskussionen breit. Ob für oder gegen eine Stellungnahme zur Polenfrage, für oder gegen eine Diskussion des religiösen Problems, für oder gegen die baldige Abhaltung eines allgemeinen Kongresses — überall klafften starke Meinungsverschiedenheiten auf, entluden sich voller Heftigkeit unvereinbare Gegensätze, dokumentierte sich eine Situation, die ungefähr das Gegenteil internationaler Einmütigkeit darstellte.
Konflikte, Krisen, Kämpfe
Die Entwicklung der Internationalen Arbeiterassoziation brachte es mit sich, daß Marx nach kurzer Zeit „faktisch das Haupt der Geschichte“ wurde.
Das bedeutete für ihn einen Riesenaufwand an Kraft und Zeit, die von Sitzungen, Korrespondenten, Verhandlungen usw. verschlungen wurde. Die Tage reichten bald nicht mehr aus, so daß die Nächte hinzugenommen werden mußten. In diesen Jahren schrieb Marx an seinem großen nationalökonomischen Werke, dem Kapital. Unausgesetzt sah er sich aus den Studien und Niederschriften herausgerissen und durch endlose Sitzungen des Generalrats und der Subkomitees abgehalten. Die Artikel für Zeitungen, die ihm das tägliche Brot einbringen mußten, blieben ungeschrieben; oft stöhnte er über „den enormen Zeitverlust“ und die „vielen Unterbrechungen“. Auch Engels, der von ihm oft genug zur Unterstützung herangezogen wurde, verlor manchmal fast die Geduld. „Die neue Bewegung“, polterte er einmal los, „macht mich schändlich schwitzen. Der Teufel soll das holen, wenn man den ganzen Tag korrespondiert hat fürs Geschäft, auch noch abends für die Partei und Verleger usw. bis eins, zwei Uhr zu korrespondieren.“ Jedoch die Bewegung trieb weiter, floß in die Breite, forderte immer mehr Energie, Überblick und Anteilnahme, gestattete keine Schonung.
Dazu kam, daß sich die Arbeit von Tag zu Tag unerfreulicher gestaltete infolge der zahllosen Zwistigkeiten, Eifersüchteleien und Krakeele, die in unausgesetzter Folge das innere Leben der Internationale beunruhigten und erschütterten. „Ich hatte mir wohl gedacht,“ schrieb Engels, „daß die naive Fraternité in der Internationale nicht lange dauern würde ... Das Ding wird noch allerhand solche Phasen durchmachen und Dir viel Zeit kosten.“ In der Tat rissen die Streitigkeiten und Stänkereien nicht ab. Da liefen die Franzosen gegen die Kopfarbeiter Sturm und befehdeten einander in der Religionsfrage; da löste die Behandlung der Polenfrage eine heftige Zwietracht aus; da gab es erbitterte Kämpfe um das Blatt The Commonwealth, das als offizielles Organ in Gefahr geriet, dem Einflusse bürgerlicher Reformen zu erliegen; da gab es zwischen Odger und Potter, dem Herausgeber des Bienenkorb, einen Konflikt, der sich zum öffentlichen Skandal auswuchs; da mußten Ausschlüsse von Mitgliedern vorgenommen werden, die sich schwer gegen die Statuten vergangen oder gefälschte Berichte über interne Angelegenheiten veröffentlicht hatten. Und so weiter. Als einmal Marx wegen einer Reise drei Wochen den Sitzungen ferngeblieben war, berichtete er über seine Erlebnisse nach der Rückkehr an Engels: „Heute abend wohnte ich seit drei Wochen zum erstenmal wieder einer Sitzung der Internationale bei. Unterdessen Revolution vorgegangen. Le Lubez und Denoual ausgetreten, Dupont ernannt zum französischen Sekretär. Infolge der Le Lubezschen Intrigen und namentlich deren des Major Wolff, der ein Werkzeug in Mazzinis Hand, sind die italienischen Delegierten Lama und Fontana ausgetreten. Vorwand: Lefort (der unterdes seinen Austritt anzeigt) müsse seinen Posten als Generalverteidiger der Pariser Presse behalten. Der italienische Working men’s Club nicht ausgetreten aus der Gesellschaft, hat aber keinen Verkehr mehr im Council. Unterdessen werde ich durch Bakunin in Florenz Gegenminen gegen Herrn Mazzini legen. Die englische Schuhmacherunion — 5000 Mann stark — ist während meiner Abwesenheit der Gesellschaft beigetreten.“ Worauf Engels in seiner Antwort die Hoffnung ausdrückte, daß „der Krakeel hoffentlich bald ein Ende erreichen“ werde. Aber die Hoffnung erfüllte sich nicht; der Krakeel ging weiter in zahllosen Variationen durch Wochen, Monate, Jahre. Und wenn ein Konflikt beschwichtigt oder beigelegt war, brachen dafür sofort an anderer Stelle zwei neue aus.
Da Marx seiner Natur nach alles andere, nur kein Friedensstifter war, ging von ihm bei all diesen Reibereien und Streitigkeiten viel mehr eine Verschärfung als eine Beruhigung aus. Dieser unheilvolle Einfluß wurde verschlimmert durch den Umstand, daß Marx sich infolge jahrelanger körperlicher Leiden in einem Zustande großer seelischer Gereiztheit und Verbitterung befand. Zu seinem alten Leberleiden war eine bösartige Furunkulosis gekommen; durch viele Jahre hindurch brachen an allen möglichen Stellen seines Körpers eitrige Geschwüre auf, die ihm gräßliche Schmerzen bereiteten, ihn in der Arbeit behinderten und in eine oft verzweifelte Stimmung versetzten. Sein Briefwechsel mit Engels ist ausgefüllt von Klagen und Wutausbrüchen über dieses Unglück. „Ich bin an verschiedenen und lästigen Teilen mit dem alten Übel geplagt, so daß mir Sitzen schwer“ ... „Ich habe beinahe acht Tage infolge des Karbunkels großenteils im Bette zubringen müssen ...“ „Zu meiner sehr ‚angenehmen‘ Überraschung entdeckte ich heute morgen (ich konnte schon die Nacht vorher nicht schlafen) wieder zwei ‚artige‘ Furunkel auf meiner Brust ...“ „Ich arbeite jetzt wie ein Pferd, da ich die arbeitsfähige Zeit benutzen muß und die Karbunkeln immer noch da sind, ohne mich jetzt anders als lokal, aber nicht im Hirnkasten zu stören“ ... „Diesmal ging es um die Haut. Meine Familie wußte nicht, wie ernst der Fall war. Wenn sich das Zeug noch drei- bis viermal in derselben Form wiederholt, bin ich ein Mann des Todes. Ich bin erstaunlich abgefallen und noch verdammt schwach, nicht im Kopf, sondern in Lende und Bein ... Von Sitzen war keine Rede. Aber liegend habe ich doch, wenn auch nur während kurzer Intervalle im Tag, fortgeschanzt.“
Engels hatte Marx wiederholt und dringlich geraten, „etwas Vernünftiges zu tun, um aus diesem Karbunkelkram herauszukommen“. Er beriet sich mit Ärzten, studierte die medizinische Literatur, empfahl ihm Rezepte. Aber Marx konnte sich zu keiner Kur entschließen; es fehlte an Geld und Zeit, er fürchtete den Ausfall an Verdienst; er wollte die Bewegung in einer kritischen Phase nicht im Stiche lassen. Als sich aber im Winter 1865 zu 66 das Leiden stetig verschlimmerte, redete Engels mit dem Freunde ein ernstes Wort. „Kein Mensch kann diese chronische Karbunkelgeschichte auf die Dauer aushalten, abgesehen davon, daß endlich einmal einer auftreten kann, der eine solche Gestalt annimmt, daß Du daran zum Teufel gehst. Und wo ist dann Dein Buch und Deine Familie? Du weißt, daß ich bereit bin, das Mögliche zu tun, und in diesem extremen Falle selbst mehr, als ich unter andern Umständen riskieren dürfte. Aber sei doch auch vernünftig und tue mir und Deiner Familie den einzigen Gefallen, Dich kurieren zu lassen. Was soll aus der ganzen Bewegung werden, wenn Dir etwas passierte ... Ich habe Tag und Nacht keine Ruhe, bis ich Dich über diese Geschichte hinaus habe.“
Marx zögerte noch immer. Aber als ihm die Krankheit zuletzt jede Arbeitsfähigkeit raubte und er so gereizt und verbittert war, daß er nicht mehr wagen konnte, an Sitzungen teilzunehmen, weil er „schwerlich die Stürme innerhalb ‚der Grenzen der reinen Vernunft‘ ertragen, vielmehr zu hastig losplatzen würde“, entschloß er sich im März 1866, nach Margate an die Küste zu reisen und dort ein paar Wochen Seeluft und Seebäder zu genießen.
Die vier Wochen Ausspannung und Kur brachten ihn wieder auf die Beine. Wenn sich auch nacheinander Schnupfen, Influenza und Rheumatismus einstellten, so war er doch die „bösen Karbunkelhunde“ los.
Nicht befreit jedoch war er von der harten materiellen Bedrängnis, unter der er den ganzen Winter lang fast ebenso schwer wie unter der Krankheit gelitten hatte.Die Arbeiten für die Internationale, die natürlich unvergütet geleistet werden mußten, die Ausgaben für Porto, Sitzungen, kleine Reisen, Arzt und Medizin, die Ausfälle an Honorar von Zeitungen hatten seine Finanzkraft — ohnehin über die Maßen gebrechlich — völlig ruiniert. Schon im Sommer 1865 hatte er an Engels einen verzweifelten Brief geschrieben: „Ich bin seit zwei Monaten nur auf das Pfandhaus lebend und also mit gehäuften und täglich unerträglicher werdenden Sturmforderungen auf mich. Dies Faktum kann Dich nicht wundernehmen, wenn Du erwägst, 1. daß ich während der ganzen Zeit keinen Heller verdienen konnte, 2. daß das bloße Abzahlen der Schulden und der Einrichtung des Hauses mich an 500 Pfund Sterling kostete. Ich habe darüber Penny für Penny Buch geführt, weil es mir selbst fabelhaft war, wie das Geld verschwand. Es kam hinzu, daß aus Deutschland, wo man verbreitet hatte Gott weiß was, alle möglichen antediluvianischen Forderungen gemacht wurden ... Ich versichere Dir, ich hätte mir lieber den Daumen abhauen lassen, als diesen Brief an Dich zu schreiben. Es ist wahrhaft niederschmetternd, sein halbes Leben abhängig zu bleiben. Der einzige Gedanke, der mich dabei aufrecht hält, ist der, daß wir zwei ein Kompaniegeschäft haben, wo ich meine Zeit für den theoretischen und Parteiteil des business gebe.“ Engels, der immer Verständnisvolle und Hilfsbereite, sprang sofort mit 50 Pfund bei und half, Brief um Brief, mit 15 Pfund, 20 Pfund, 10 Pfund nach. Inzwischen wurde Jenny krank und mußte zur Erholung aufs Land. Marx besuchte sie, fand sie noch sehr unwohl, wurde um seinen Koffer bestohlen und schrieb an Engels um Geld. Der Hausbesitzer sei dagewesen und habe von Auspfänden und Kündigung des billigen Mietvertrags gesprochen. „Im Gefolge des Landlord erschien denn alles andere Gesindel, teils persönlich, teils mit Drohbriefen. Ich fand meine Frau so verzweifelt, daß ich nicht die Courage hatte, ihr den wahren Stand der Dinge auseinanderzusetzen. Und ich weiß in der Tat nicht, was tun!“ Engels antwortete postwendend mit 15 Pfund und der Versicherung: „Ich sinne auf Mittel, wenigstens Abschlagsummen für die andern beizubringen.“ Darauf Brief um Brief 10 Pfund, Weihnachtsbon, 10 Pfund, 50 Pfund, 10 Pfund und schließlich der Erholungsaufenthalt in Margate.
In diese Zeit fällt eine Versuchung, von der Notiz genommen werden muß, weil sie später in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie eine Rolle gespielt hat. Eines Tages erhielt Marx von Lothar Bucher, dem Freund und Testamentsvollstrecker Lassalles, die Offerte einer gut honorierten Mitarbeiterschaft am Staatsanzeiger in Berlin, dergestalt, daß er monatlich einen Bericht über die Bewegungen des Geld- und Warenmarktes schreiben sollte. Marx, sonst nicht skrupulös in der Wahl der Zeitungen, für die er schrieb, argwöhnte sofort, daß hinter dem Angebote Bismarck stehe. Denn Bismarck war damals stark an einer politischen Fühlungnahme mit der Arbeiterbewegung interessiert; er hatte Lassalle für seine Politik zu gewinnen gesucht, die Gräfin Hatzfeld tatsächlich gewonnen und auch den Herrn von Schweitzer nach Marxens — irriger — Annahme bereits in seinen Bann gebracht. Marx beriet sich mit Engels und ließ die Offerte unbeantwortet. Lothar Bucher trat bald darauf offen in Bismarcks Dienste und wurde der Verfasser des Entwurfs zum Sozialistengesetz. Während der ärgsten Sozialistenhetze übergab Marx den Brief Lothar Buchers der Öffentlichkeit. Und die Sozialdemokratie spielte ihn gegen Bismarck aus zum Beweis dafür, daß dieser die Arbeiterschaft als Freunde suche, wenn er sie gegen die Bourgeoisie brauche, und sie als Feinde verfolgen lasse, wenn er ihrer nicht mehr bedürfe oder sie seiner Politik unbequem sei.
War Buchers Brief nur geeignet, das deprimierende Milieu dieser trüben Zeit für Marx noch deprimierender zu machen, so bot eine aufhellende und erfreuliche Wirkung die Tatsache, daß es mit der Internationale gut vorwärts ging. „Was die Londoner Unions usw. betrifft,“ schrieb er an Engels, „so kommt jeden Tag neue Beitrittserklärung, so daß wir nach und nach eine Macht werden.“ Und Engels bestätigte erfreut: „Die Internationale Assoziation hat sich wirklich in der kurzen Zeit und mit dem wenigen Spektakel ein kolossales Terrain erobert ... Da hast Du doch etwas für Deinen Zeitverlust.“Freilich, das äußere Wachstum entschädigte nur dürftig für den peinlichen Anblick der Krise, die im Innern tobte. Im Generalrat und in den Redaktionen ging alles kunterbunt durcheinander; überall herrschte Rivalität, Eifersucht, Feindseligkeit. Cremer kämpfte gegen Eccarius und setzte ihn an die Luft. Le Lubez wühlte gegen die Deutschen. Major Wolff stand mit Jung auf Kriegsfuß. Die Mazzinianer wehrten sich gegen die theoretische Vergewaltigung durch die „Tyrannen“. In der Zeitung, die von „Bourgoisievorschüssen“ abhängig war und dadurch in ihrem Charakter litt, überschlugen sich politische und kommerzielle Rivalen in wüster Katzbalgerei. „Ich habe viel Geduld bei dieser Gelegenheit entwickelt,“ erklärte Marx, „weil ich noch immer hoffte, die Arbeiter selbst würden sich hinreichend anstrengen, um die Sache selbständig fortzuführen, und da ich andererseits nicht Spielverderber sein wollte.“
Trotz dieser Zerwürfnisse erzielte die Bewegung in der Öffentlichkeit Erfolge. Ein Riesenmeeting in St. Martins Hall für die Wahlrechtsreform stand völlig unter dem Einflusse der Arbeiterassoziation. Und von den Wahlrechtsdemonstrationen in London, die sich nach dem Sturze des liberalen Ministeriums Gladstone gegen die Verschleppungsversuche der konservativen Regierung Disraeli richteten, schrieb Marx an Engels: „Fabelhaft, verglichen mit dem, was wir seit 1844 in England gesehen, rein das Werk der Internationalen ... Hier zeigt sich der Unterschied, wenn man hinter den Kulissen wirkt und öffentlich verschwindet, von der Demokratenmanier, öffentlich sich wichtig zu machen und nichts zu tun.“
Hinter den Kulissen gab es freilich noch viel zu tun. Denn „der verflucht traditionelle Charakter aller englischen Bewegungen, der kühle Reformismus, der mit bürgerlichem Radikalismus offen schacherte und paktierte, machte sich breit und ertötete das anfängliche Feuer der Bewegung. Es fehlte, wie einmal J. Ph. Becker an Jung schrieb, „dem englischen Arbeitsvolk etwas revolutionäres Salz, um es aus dem faulen Gesetzlichkeitsdusel herauszubringen.“ Oder wie Marx klagte: „In Frankreich, Belgien, Schweiz (und selbst hier und da in Deutschland, und sogar sporadisch in Amerika) hat die Gesellschaft große und beständige Fortschritte gemacht. In England hat die Reformbewegung, die von uns ins Leben gerufen, uns beinahe vernichtet. Die Sache wäre gleichgültig, wäre der Genfer Kongreß nicht für Ende Mai (1866) angesagt ... Für die Engländer ist selbst ein Fehlschlag des Kongresses Wurst. Aber für uns! Eine europäische Blamage!“
Marx hatte große Sorge vor dem Mißlingen des Kongresses, denn es war ihm klar, daß der innere Reifeprozeß der Bewegung noch nicht so weit gediehen war, um in Ruhe einer öffentlichen Erprobung entgegensehen zu können. Er erwog, nach Paris zu reisen und den dortigen Mitgliedern, die auf Abhaltung des Kongresses mit ziemlichem Ungestüm drängten, die Notwendigkeit eines Aufschubs vor Augen zu führen. Gleichwohl verhehlte er sich nicht, daß alles auf dem Spiele stand, wenn der Kongreß ausfiel. Engels pflichtete ihm bei: „Ob der Kongreß was Gutes beschließt ist, Nebensache, wenn nur jeder Skandal vermieden werden kann. Schließlich wird jede derartige Demonstration in gewissem Sinne — wenigstens uns selbst gegenüber — immer eine Blamage sein. Aber vor Europa? Ich glaube, das wäre zu vermeiden ... Indessen würde ich keinesfalls deswegen nach Paris gehen ... Die Polizei wird ungeniert zugreifen ... Die ganze Geschichte ist das Risiko doch nicht wert ... Bleib lieber noch in Margate, lauf tüchtig in der Luft herum. Wer weiß, wie bald Du einen starken Kadaver wieder nötig haben wirst.“
Der Kongreß wurde schließlich auf Wunsch der Schweizer Sektionen bis zum Herbst 1866 vertagt. Marx nahm nicht daran teil. Er hatte „alle persönliche Verantwortung für seine Leitung abschütteln“ wollen. Dies erwies sich als unnötige Vorsicht. Denn der Kongreß wurde keine „europäische Blamage“. Im Gegenteil. Durch die Tatsache, daß er sechs Tage lang die Aufmerksamkeit der politischen Welt fesselte, und durch das Gewicht seiner Beschlüsse, besonders in Fragen der Sozialpolitik und Arbeiterschutzgesetzgebung, die Marx in einer Denkschrift und in Resolutionen gründlich vorbereitet hatte, gestaltete er sich zu einem europäischen Ereignis.
War Marx mit dem Genfer Kongresse recht zufrieden, so versetzte ihn der nächste Kongreß in Lausanne, vom 2. bis 8. September 1867, in große Erregung. Die französischen Proudhonisten hatten in Genf eine Niederlage erlitten und daraus gelernt, für den nächsten Kongreß bessere Vorbereitungen zu treffen. Sie überschwemmten in der Tat den ganzen Kongreß mit ihren Anträgen und Diskussionen und setzten eine große Anzahl proudhonistischer Beschlüsse durch. Marx, der wiederum nicht zugegen war und es auch an gründlichen Vorbereitungen hatte fehlen lassen, da er sich völlig dem Abschlusse seines Werkes widmete, schrieb darüber an Engels: „Diesen Eseln von Proudhonisten werde ich persönlich auf dem nächsten Kongresse zu Brüssel den Garaus machen. Ich habe die ganze Sache diplomatisch geleitet und wollte nicht persönlich hervortreten, ehe mein Buch heraus und unsere Gesellschaft Wurzel gefaßt hat. Übrigens werde ich in dem offiziellen Report des Generalrats (trotz aller Mühe konnten die Pariser Schwätzer unsere Wiederwahl nicht verhindern) ihnen Rutenstreiche geben. Inzwischen hat unsere Gesellschaft große Fortschritte gemacht. Der elende Star, der uns ganz ignorieren wollte, erklärt im Leitartikel, daß wir wichtiger sind als der Friedenskongreß. Schulze-Delitzsch konnte seinen Arbeiterverein in Berlin nicht verhindern, sich uns anzuschließen. Die englischen Schweinehunde unter den Trades Unionists, denen wir zu ‚weit‘ waren, kommen gelaufen ... Bei der nächsten Revolution, die vielleicht näher ist als es aussieht, haben wir diese mächtige Maschine in unserer Hand. Vergleiche damit die Resultate von Mazzinis usw. Machenschaften seit 30 Jahren! Dabei ohne Geldmittel! Mit den Intrigen der Proudhonisten zu Paris, Mazzinis in Italien und der eifersüchtigen Odger, Cremer, Potter zu London, mit den Schulze-Delitzsch und den Lassalleanern in Deutschland! Wir können zufrieden sein!“
Je mehr freilich die Internationale von sich reden machte, desto mehr wuchs die Besorgnis des Bürgertums gegenüber einer Macht, die sie als ihr feindlich in aller Stille sich ausbreiten sah. Die Behörden wurden zu erhöhter Wachsamkeit mobilisiert und griffen ein: in England aus Anlaß einer irischen Verschwörung, mit der man die Internationale ganz ohne Grund in Verbindung brachte, in Frankreich auf Grund des Gesetzes, daß die Bildung von Gesellschaften mit mehr als zwanzig Mitgliedern nicht gestattete, in Belgien im Verfolg eines Konfliktes, der zwischen Kohlenarbeitern im Gebiete von Charleroi und ihren Bergherren ausgebrochen war und blutig geendet hatte. Gerade aber diese Verfolgungen hoben die Bedeutung der Internationale im Ansehen der Öffentlichkeit. Und je tatkräftiger die Internationale in der großen Streikbewegung, die nach 1866 über den Kontinent rollte, ihren Mann stellte, desto mehr entwickelte sie sich zum allgemeinen Bürgerschreck. Man vermutete ihren Einfluß in jeder Bewegung, fürchtete ihre Hand hinter jedem Streike, jedem Aufstande, jeder politischen Aktion. Der alte Ferdinand Tönnies erinnert sich aus seiner Knabenzeit, wie damals die Internationale als das verkörperte rote Gespenst auftrat. Die Zeitungen waren gefüllt mit Hinweisen auf ihre geheimnisvolle Macht, ihre unbegrenzten Geldmittel. Marx erschien als der unheimliche Lenker einer Weltverschwörung. Natürlich war dies alles Spuk und angstgeborene Übertreibung. Aber soviel war doch richtig, daß die Organisation, obwohl sie innerlich von Meinungskämpfen zerrissen war, mit schweren Geldnöten kämpfte und überall auf Indifferentismus, Verständnislosigkeit und Feigheit stieß, unter dem Einfluß und der geistigen Leitung von Marx stetig an Ansehen und Bedeutung gewann. Wenn Marx von dem Kongreß in Lausanne gesagt hatte: „Die Hauptsache ist die Abhaltung des Kongresses, nicht was dort geschieht“, so traf dies viel mehr auf die Internationale selbst zu. Nicht in ihren einzelnen Handlungen und Leistungen lag ihr Wert und Gewicht — allein die Tatsache ihrer Existenz bedingte und begründete ihre außerordentliche Bedeutung.
Schweitzer und Liebknecht
Auffallen muß, daß der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, der nach Lassalles Tode zur führenden Organisation des deutschen Proletariats geworden war, in keinerlei Kontakt mit der Internationale stand und auf den Kongressen nicht vertreten war.
Dies hatte seinen Grund zunächst darin, daß der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein unmittelbar nach Lassalles Tode in die Hände einer unfähigen Führung geraten und durch einen wüsten Erbfolgekrieg in Stücke zerrissen worden war. Jedoch auch später, als sich der Flügel unter J. B. von Schweitzer zu ernsthafter und positiver politischer Arbeit konsolidierte, kam keine Verbindung mit Marx zustande. Die Gründung Lassalles war für Marx mit einem unüberwindlichen Odium belastet. Seine Abneigung gegen Lassalle hatte sich auf die Person Schweitzers übertragen und wirkte wie eine Scheidewand, die jede Verbindung versperrte. Dazu war ein persönlicher Konflikt zwischen Marx und Schweitzer gekommen. Aus ganz nichtigem Anlasse: Der Sozialdemokrat, das Organ des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, dessen Redakteur J. B. von Schweitzer war, hatte eine von Moses Heß stammende Pariser Notiz abgedruckt, die die revolutionäre Zuverlässigkeit des Vertreters der Internationale in Paris, Tolaines, in Zweifel zog. Eine der zahllosen Intrigen, wie sie unter Emigranten an der Tagesordnung waren. Marx hätte dafür Verständnis haben sollen, denn ihm war in der Neuen Rheinischen Zeitung ein ähnlicher Lapsus gegen Bakunin passiert. Aber Marx verfuhr anders. Er schoß sofort mit grobem Geschütze gegen Schweitzer und forderte nicht nur Genugtuung, sondern nahm den Vorfall auch zum Anlaß, seine Beziehungen zum Sozialdemokrat kurzerhand und in brüsker Form zu lösen. Die „ganze Richtung“ paßte ihm nicht. Und Schweitzer, bisher nur das Objekt seines Mißtrauens, wurde zur Zielscheibe bösartiger Verdächtigung. Marx hielt Schweitzer, wie er an Engels schrieb, „für unverbesserlich (wahrscheinlich im geheimen Einverständnisse mit Bismarck)“ und wollte die Verbindung mit ihm um jeden Preis los sein. Daher konstruierte er sich die Meinung: „Solange diese Lassallesche Geschichte obenauf in Deutschland, wird die Internationale Assoziation gerade dort kein Feld haben.“ Darin irrte er, denn Schweitzer nahm nicht nur den gegen Tolain erhobenen Vorwurf zurück, sondern erbot sich aus freien Stücken, auf dem Kongresse des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins eine Resolution vorzuschlagen, die das Einverständnis mit den Prinzipien der Internationale aussprechen und die Beschickung des Brüsseler Kongresses anregen solle. Aber Marx hatte kein Ohr für diese Bereitschaft, kein Organ für die ihm dargereichte Hand. Er wollte mit Schweitzer und dem Lassalleschen Verein nichts zu tun haben. „Da doch mit dem Kerl gebrochen werden muß, lieber jetzt gleich“, schrieb er an Engels, und dieser, sofort die Hemdärmel aufkrempelnd, antwortete: „Je länger man mit ihm zottelt, desto tiefer kommt man in den Dreck. Also je eher, je lieber.“ So schickten Marx und Engels an die Redaktion des Sozialdemokrat eine Erklärung, in der es hieß: sie hätten keinen Augenblick die schwierige Situation verkannt und keine für den Meridian von Berlin unpassenden Ansprüche an den programmatischen Geist des Blattes gestellt. Aber sie hätten wiederholt gefordert, daß dem Ministerium und der feudal-absolutistischen Partei gegenüber eine wenigstens ebenso kühne Sprache geführt werde, wie gegenüber den Fortschrittlern. Die vom Sozialdemokrat befolgte Taktik schließe ihre weitere Beteiligung an ihm aus. Ihre Ansicht vom königlich preußischen Regierungssozialismus und der richtigen Stellung der Arbeiterpartei zu solchem Blendwerke finde sich bereits in der Deutschen Brüsseler Zeitung von 1847 niedergelegt. Jedes Wort ihrer damaligen Erklärung werde von ihnen noch heute unterschrieben.
Mit dieser Erklärung, die dem Sozialdemokrat ohne Untersuchung und ohne Beweis den schimpflichen Vorwurf machte, daß er geheim mit Bismarck paktiere und auf eine „Allianz“ zwischen Proletariat und Regierung gegen die liberale Bourgeoisie zusteuere, taten Marx und Engels dem Herrn von Schweitzer bitterstes Unrecht an. Er hat nie auch nur im Traume daran gedacht, mit Bismarck konspirative Verbindung einzugehen, und im Sozialdemokrat wird man — wie Mehring bezeugt — vergebens auch nur nach einer Silbe suchen, die nach einer Allianz mit der Regierung gegen die Fortschrittspartei geschmeckt hätte. Die fünf Artikel über das Ministerium Bismarck, die Schweitzer im Sozialdemokrat veröffentlicht hatte und auf die sich Marx und Engels bei ihrer Erklärung stützten, hatten für den ein anderes Gesicht, der täglich mitten im politischen Kampfe stand und die Chancen im Kräfteverhältnisse der Gegner gelegentlich zugunsten des Proletariats ausnutzen mußte, als für den, der weit vom Schuß im Exil saß und alle Dinge in der Verzerrung einer irreführenden Perspektive sah.
Schweitzer war ein selbständiger Kopf, eine starke Persönlichkeit, ein Mensch, erfüllt von politischem Ernst und revolutionärem Verantwortungsbewußtsein. Der Gedanke liegt nahe, daß Marx in ihm — wie in Lassalle — einen gefährlichen Konkurrenten sah, einen Anwärter auf die politische Rolle, auf die er Vorrechte zu haben glaubte. Die Taktik der Entwertung, die Marx gegen ihn übte, macht einen solchen Rivalitätskampf, zum mindesten im Unterbewußtsein von Marx, außerordentlich wahrscheinlich. Denn nicht nur, daß Marx die Person Schweitzers fälschte, er fälschte in seiner Vorstellung, den Tatsachen zuwider, auch den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, der sich zu einer stattlichen Bewegung entwickelt hatte, zu einer obskuren und eigenbrödlerischen Sekte um, der er zum Überfluß die Verfolgung kleinbürgerlich-demokratischer Interessen unterstellte. Zu seinem Unglück wurde er in dieser Auffassung von Wilhelm Liebknecht bestärkt.
Liebknecht, seit 1862 in Berlin, hatte schon in dem Konflikte zwischen Marx und dem Sozialdemokrat eine höchst merkwürdige Rolle gespielt. Er hatte als Mitredakteur neben Schweitzer in der Redaktion des Sozialdemokrat gesessen und sogar das Ressort bearbeitet, in dem die häßliche Notiz gegen Tolain vorkam. Anstatt aber auszugleichen und die Sache zum Guten zu lenken, ließ es Liebknecht völlig an Takt und gutem Willen zur Kameradschaft fehlen. Denn er lag mit Schweitzer in persönlichen Differenzen — Grund genug, die Pflicht zur klärenden Information gegenüber Marx zu versäumen, ja vielleicht sogar durch tendenziöse Zuträgerei den Argwohn und die Verstimmung in London noch zu schüren. Eine Briefstelle von Marx an Engels: „Schweitzer hat sich nach Liebknecht deshalb nicht an Bismarck verkaufen können, weil er dies sonst durch die alte Hatzfeld hätte tun müssen“ — läßt erkennen, welche Blüten der Klatsch und die Intrige in dieser Atmosphäre trieben.
Schon Lassalle hatte sich mit großer Heftigkeit und Verachtung gegen Liebknecht aus Anlaß seiner Rolle im Falle Vogt gewandt. Im Januar 1860 hatte er an Marx geschrieben: „Wie in aller Welt kommt Ihr, kommst Du — ein solcher Rigorist, wie Du es mit Recht sonst bist — dazu, Parteiumgang mit jemand zu haben, der in die Augsburger Allgemeine Zeitung schreibt? Du schreibst mir zwar, das täten alle dort, daß sie in alle Blätter ohne Unterschied der Farbe schrieben, und Du machtest allein eine Ausnahme davon. Allein dieser schlechte Usus ändert gar nichts an der Sache. Dann sind sie eben alle in gleicher Mitschuld und Verdammnis ... Deine Berührung mit Liebknecht scheint auch leider gar keine vorübergehende und vereinzelte zu sein.“ Ja, Marx selbst, der tatsächlich mit Liebknecht während dessen Londoner Zeit in engstem Verkehre gestanden hatte, räsonnierte unausgesetzt über das politische Auftreten und Verhalten seines Schülers in Berlin. Er schalt ihn in Briefen an Engels „saumselig“, einen „dummen Kerl“, kreidet ihm „viele Böcke“ an, tadelte seine „Seitensprünge“ und hatte im allgemeinen von seiner Intelligenz eine herzlich schlechte Meinung. Trotzdem hielt er ihm mit unendlicher Nachsicht die Stange. Denn Marx gebrauchte Liebknecht als Werkzeug gegen Schweitzer, und Liebknecht, eine Marx auf Leben und Tod ergebene Natur, die jeden Rüffel einsteckte, jeden Anschnauzer ruhig hinnahm, hatte gegen diesen Mißbrauch nichts einzuwenden.
Später wurde Liebknecht aus Berlin ausgewiesen. Er ging nach Leipzig, schloß sich an Bebel an und gründete mit diesem 1869 in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Hier stellte sich heraus, daß alles, was Marx an Schweitzer tadelte, genau besehen auf Liebknecht zutraf. Liebknecht, obwohl Marxens Schüler, wurde in der Erfassung und Verarbeitung der von Marx entwickelten theoretischen und politischen Ideen von Schweitzer weitaus in den Schatten gestellt. Denn Schweitzer redigierte sein Blatt nach den Grundsätzen des Kommunistischen Manifests und der Inauguraladresse und holte gelegentlich als Abgeordneter des Norddeutschen Reichstags den Rat von Marx in schwierigen politischen Fragen ein. Liebknecht hingegen betrieb in seinem demokratischen Wochenblatt eine partikularistische, verschwommene sozialistische Kleinbürgerpolitik und setze sich alle Augenblicke mit den von Marx verkündigten Grundsätzen in Widerspruch. Trotzdem blieb er Schoßkind von Marx und Schweitzer wurde als Prügelknabe behandelt.
„Wie manchen verdienten Mann magst Du schon in Deinen Feind verwandelt haben, der Dein Anhänger geworden wäre“, hatte einmal Lassalle an Marx vorwurfsvoll geschrieben. Auch Schweitzer gehörte zu diesen „verdienten Männern“, die ungerechter Argwohn und verletzende Ablehnung ins Lager der Feinde trieb, während alle Kräfte des Geistes und der Seele in ihm danach verlangten, in Freundschaft und Verbundenheit zu Marx stehen zu können.
Ja, Argwohn und grundloser Verdacht haben Schweitzers Namen noch über das Grab hinaus in vergifteter Legende verfolgt. Obwohl nichts an Schweitzers Verhalten und politischem Wirken als zweifelhaft oder anrüchig gelten kann, kein Wort, kein Artikel, keine Handlung gegen seine ehrliche sozialistische Gesinnung zeugt und kein Makel seine revolutionäre Ehre befleckt, lebt sein Bild wie das eines Unreinen, Fragwürdigen, Käuflichen in der Nachwelt fort. Mehring hat seine Ehrenrettung vorgenommen, und sein Plädoyer, sein Nachweis der Integrität Schweitzers würde vor keinem Tribunal, keinem Richterstuhl seine Wirkung verfehlen. Nur in der Arbeiterbewegung bleibt Schweitzer der dunkle Ehrenmann, weil Marx ihn dafür gehalten hat.
Bakunin
Michael Bakunin war 1844, nach dem Dresdener Aufstand, in Sachsen verhaftet und zum Tode verurteilt, dann aber nach Österreich ausgeliefert worden, wo er abermals prozessiert und zum Tode verurteilt wurde. 1851 lieferte ihn Österreich an Rußland aus. Bis 1857 saß er in der Peter Pauls-Festung und wurde dann nach Sibierien verbannt. Von dort gelang es ihm 1861, über Japan und Amerika wieder nach Europa zu entfliehen. Ende 1861 traf er in London ein, verkehrte mit seinen Landsleuten Herzen und Ogareff und schrieb Artikel für Herzens Glocke, obwohl er die gemäßigte Haltung des Blattes nicht billigte. Dabei erfuhr er — nach seinem eigenen Bericht — folgendes:
„Während ich mich in den deutschen und russischen Festungen und in Sibirien ganz und gar nicht amüsierte, hatten Marx & Co. die infamsten Gerüchte gegen mich kolportiert, ausgeschrien, veröffentlicht in englischen und deutschen Zeitungen; sie sagten, es sei nicht wahr, daß ich in einer Festung eingesperrt sei, daß im Gegenteile der Kaiser Nikolaus mich mit offenen Armen empfangen, mir alle Bequemlichkeiten und Lebensgenüsse geboten habe, daß ich es mir mit galanten Frauen und Champagner gut gehen lasse usw. Das war infam, aber es war auch dumm ... Kaum in London angekommen, veröffentlichte ein englisches Blatt von einem gewissen Urquhart, Turkophilen und Halbnarren, daß die russische Regierung mich augenscheinlich entsendet habe, um als Spion zu wirken. Ich antwortete in einer Zeitung, den anonymen Verleumder auffordernd, sich zu nennen und ihm versprechend, nicht mit der Feder in der Hand, sondern mit der Hand ohne Feder zu antworten. Er ließ sich das gesagt sein und ich wurde in Ruhe gelassen.“
Anfang 1863 reiste Bakunin nach Schweden, um von dort aus für eine Revolution in Rußland zu wirken, kehrte Ende 1863 zurück und verlegte noch in diesem Jahre seinen Wohnsitz nach Italien. Im August 1864 reiste er abermals nach Schweden und kam im Oktober nach London. Bevor er nach Italien zurückkehrte, hatte er eine Begegnung mit Marx. Er berichtet darüber: „Damals erhielt ich von Marx einen kleinen Brief, den ich noch besitze, in welchem er mich fragt, ob ich ihn den nächsten Tag bei mir empfangen wolle. Ich antwortete ihm bejahend und er kam, wir hatten dann eine Auseinandersetzung; er schwor, daß er nie etwas gegen mich gesagt oder getan habe, daß er mir im Gegegenteile stets aufrichtige Freundschaft und große Achtung bewahrt habe. Ich wußte, daß er mir die Unwahrheit sagte, aber ich hatte wirklich keinen Groll mehr bewahrt. Die Erneuerung der Bekanntschaft interessierte mich übrigens sehr in einer andern Beziehung. Ich wußte, daß er mächtig an der Gründung der Internationale mitgearbeitet hatte. Ich hatte das von ihm im Namen des provisorischen Generalrates geschriebene Manifest gelesen, ein Manifest, das bedeutend, ernst und tief war, wie alles aus seiner Feder, wenn er keine persönliche Polemik betreibt. Kurz, wir trennten uns äußerlich als sehr gute Freunde, ohne daß ich jedoch seinen Besuch erwiderte.“
Auch von Marx liegt ein Bericht über diese Begegnung vor. Unter dem 4. November 1864 schrieb er darüber an Engels: „Bakunin läßt Dich grüßen. Er ist heute nach Italien abgereist. Ich sah ihn gestern abend wieder nach sechzehn Jahren. Ich muß sagen, daß er mir sehr gefallen hat und besser als früher. Er sagte, er werde sich nach dem Falle der polnischen Geschichte nur noch an sozialistischer Bewegung beteiligen. Im ganzen ist er einer der wenigen Leute, die ich nach sechzehn Jahren nicht zurück-, sondern weiterentwickelt finde. Ich besprach auch mit ihm die Urquhartischen Denunziationen.“
Der Entschluß, sich künftig ausschließlich der sozialistischen Bewegung zu widmen, und die Bedeutung der Internationale ließen es Bakunin für wünschenswert erscheinen, mit Marx wieder in ein gutes Verhältnis zu kommen. Das kostete immerhin einige Überwindung. Denn zwischen damals und jetzt lag nicht nur die Reihe der Verleumdungen, die sich auf Bakunin und die Zeit seiner Einkerkerung und Verbannung bezogen, es war ihnen ein überaus häßlicher Konflikt mit Marx vorangegangen, der Bakunin vom Anfange seines revolutionären Wirkens an mit dem Verdachte eines Spitzels und Spions belastete. Die Sache verhielt sich nach der Darstellung Bakunins etwa so:
„Im Jahre 1848 fanden wir uns verschiedener Meinung, und ich muß sagen, daß die Vernunft viel mehr auf seiner Seite war als auf der meinigen. Er hatte in Paris und in Brüssel eine Sektion deutscher Kommunisten gegründet und hatte, alliiert mit den französischen und einigen englischen Kommunisten, unterstützt von seinem Freund und unzertrennlichen Genossen Engels, in London eine erste internationale Assoziation von Kommunisten verschiedener Länder gegründet ... Ich selbst, hingerissen von der Trunkenheit der revolutionären Bewegung in Europa, hatte mich viel mehr um die negative als um die positive Seite dieser Revolution gekümmert, das heißt viel mehr um den Umsturz des Bestehenden, als um den Aufbau und die Organisation dessen, was folgen sollte. Es gab aber einen Punkt, in dem ich gegen ihn recht hatte. Als Slawe wollte ich die Befreiung der slawischen Rasse vom Joche der Deutschen. Durch die Revolution, das heißt durch die Zerstörung der Reiche Rußland, Österreich, Preußen und Türkei und durch die Reorganisation der Völker von unten nach oben durch ihre eigene Freiheit, auf der Basis völliger ökonomischer und sozialer Gleichheit und nicht durch die Gewalt einer Autorität, wie revolutionär sie sich nennen und wie intelligent sie tatsächlich sein mochte.
Schon damals war der Unterschied der Systeme, die uns heute auf eine jetzt auf meiner Seite ganz überlegte Art trennen, ein sich ausprägender. Meine Ideen und Aspirationen mußten Marx sehr mißfallen. Zunächst, weil es nicht die seinigen waren, dann weil sie den Überzeugungen der autoritären Kommunisten zuwiderliefen, endlich weil er als deutscher Patriot damals, wie auch heute noch nicht, das Recht des Slawen, sich vom deutschen Joche zu befreien, zugab, indem er heute wie damals denkt, daß die Deutschen berufen sind, sie zu zivilisieren, das heißt sie im Guten oder mit Gewalt zu germanisieren.
Um mich für die Kühnheit zu bestrafen, die Verwirklichung einer von seiner Auffassung verschiedenen und ihr sogar entgegengesetzten Idee zu betreiben, rächte sich damals Marx auf seine Weise. Er war Redakteur der in Köln erscheinenden Neuen Rheinischen Zeitung. In einer Nummer derselben las ich eine Korrespondenz aus Paris, in der gesagt wurde, daß Frau George Sand, mit der ich einst bekannt war, jemand gesagt haben solle, man müsse sich vor Bakunin hüten, denn es sei wohl möglich, daß er so etwas wie ein russischer Agent sei.“
Wie Marx am 1. September 1853 in einer im Morning Advertiser in London veröffentlichten Erklärung mitteilte, waren am 5. Juli 1848 bei der Neuen Rheinischen Zeitung zwei Pariser Briefe eingegangen, einer vom Havasbureau, der andere von Dr. Ewerbeck, dem ehemaligen Führer des Bundes der Gerechten, den Marx aber nicht nennen wollte, weshalb er sagte „von einem politischen Flüchtling“. In beiden Briefen sei behauptet worden, daß George Sand Briefe besitze, die Rakunin kompromittierten, „er sei neuerdings mit der russischen Regierung in Verbindung getreten“.
„Diese Anklage fiel mir“, so berichtet Bakunin weiter, „wie ein Dachziegel auf den Kopf, gerade als ich in voller revolutionärer Organisation begriffen war, und lähmte mehrere Wochen lang meine Tätigkeit vollständig. All meine deutschen und slawischen Freunde hielten sich von mir fern. Ich war damals der erste Russe, der sich tätig mit Revolution beschäftigte und ich brauche euch nicht zu sagen, welche Gefühle gewohnheitsmäßigen, traditionellen Mißtrauens jeden westlichen Geist zuerst ergreifen, wenn er von einem russischen Revolutionär reden hört. Ich schrieb also zuerst an Frau Sand.“
Die Eigenart der Persönlichkeit und Lebensführung Bakunins bot allerdings dem Klatsch und der Verdächtigung eine breite Angriffsfläche. Er war adeliger Abstammung, eine auffallende Erscheinung, machte viel von sich reden, führte ein sonderbar unbekümmertes Leben, hatte seine Hände in allen Treibereien, Konspirationen und Aktionen und seine finanzielle Lage war in Dunkel gehüllt. Nach bekannter Methode ließ die russische Gesandtschaft, die seine Lebensweise bespitzelte, allerlei ungewisse Verdächtigungen über ihn ausstreuen, um sein Ansehen und seine Vertrauenswürdigkeit in revolutionären Kreisen zu untergraben. In der Neuen Oder-Zeitung erklärte Bakunin, daß bereits vor Erscheinen der Notiz in der Neuen Rheinischen Zeitung „ähnliche Gerüchte in Breslau zirkuliert“ hätten, daß sie von den russischen Gesandtschaften ausgingen und daß er sie nicht besser widerlegen könne als durch einen Appell an George Sand.
Darauf schrieb George Sand der Neuen Rheinischen Zeitung unter dem 3. August 1848: „Die vom Ihrem Korrespondenten mitgeteilten Tatsachen sind gänzlich falsch und haben nicht einmal den geringsten Schein der Wahrheit. Ich habe nie den geringsten Beweis von den Insinuationen besessen, welche Sie gegen Herrn Bakunin, den das gefallene Königtum aus Frankreich verbannte, zu akkreditieren suchen. Ich bin also niemals autorisiert gewesen, den geringsten Zweifel in die Loyalität seines Charakters und die Freimütigkeit seiner Meinungen zu setzen“. Durch diese Erklärung war Bakunin vollständig rehabilitiert.
Gleichwohl schlich ihm die Verdächtigung auf dunklen Spuren unausgesetzt nach. Fünfzehn Jahre später, im Dezember 1863, als er durch Frankreich nach der Schweiz reiste, hetzte eine Baseler Zeitung die polnischen Emigranten gegen ihn auf durch die Behauptung, daß er durch seine revolutionären Umtriebe viele ihrer Landsleute in den Abgrund gerissen, sich selbst aber stets in Sicherheit gebracht habe. Und während seines Aufenthaltes in Italien wurde er von vielen deutschen Zeitungen unausgesetzt in ähnlichem Sinne angegriffen und verleumdet.
Auch Marx war noch immer voller Mißtrauen gegen Bakunin. Und er ließ keine Gelegenheit unbenützt, um hinter Bakunins Rücken Erkundigungen über ihn einzuziehen. Dabei geriet er einmal an den Russen Serne, den er für einen Gegner Bakunins hielt. „Ich wünschte von diesem Jüngling Bericht über Bakunin. Da ich aber keinem Russen traue, tat ich das in der Form: Was macht mein alter Freund (ich weiß nicht, ob noch so) Bakunin usw. usw. Russe Serne hat nichts Eiligeres zu tun, als dem Bakunin diesen Brief mitzuteilen, und Bakunin benützt dies zu einem sentimentalen Entree!“
Dieses „sentimentale Entree“ machte allerdings nicht nur dem Herzen und der Einsicht Bakunins alle Ehre, es hätte auch Anspruch darauf erheben dürfen, von Marx anders aufgenommen zu werden, als mit dem bissigen Zynismus und der herabsetzenden Schnoddrigkeit, die nur seine Verlegenheit maskierte. „Du fragst, ob ich noch immer Dein Freund bin“, antwortete Bakunin, „ja, mehr als je, lieber Marx, weil ich mehr als je zum Verständnisse gelangte, wie recht Du hattest, den großen Weg der ökonomischen Revolution zu gehen und uns alle zur Nachfolge einzuladen und alle die herunterzureißen, die sich auf den Seitenwegen teils nationaler, teils ausschließlich politischer Unternehmungen verloren. Ich tue jetzt das, was Du vor mehr als zwanzig Jahren begonnen hast. Seit ich feierlich und öffentlich den Bourgeois des Berner Kongresses Adieu gesagt, kenne ich keine andere Gesellschaft, kein anderes Milieu, als die Welt der Arbeiter. Mein Vaterland ist jetzt die Internationale, zu deren Hauptgründern Du gehörst. Du siehst also, lieber Freund, daß ich Dein Schüler bin — und ich bin stolz, es zu sein. Hiermit ist das Notwendige gesagt, um Dir meine persönliche Stellung und Gefühle klarzulegen.“
Bakunin bemühte sich redlich, in eine gute und reibungslose Beziehung zu Marx zu kommen. Aber ein herzliches Gefühl für ihn brachte er nicht auf. Dafür war die seelische Struktur der beiden, ihre theoretische Orientierung und ihre Grundeinstellung zum revolutionären Problem viel zu verschieden. Bakunin liebte die Bauern, verabscheute den Intellektualismus und die abstrakten Systeme mit ihrer Dogmatik und Intoleranz, haßte den modernen Staat, den Industrialismus und die Zentralisation, hatte eine tiefe Abneigung gegen das Judentum und alles jüdische Wesen, das er als nervös, geschwätzig, kritisch-zersetzend, intrigant und ausbeuterisch empfand. Und alles, was er instinktiv ablehnte, weil es ihn seelisch beunruhigte und seinen Widerwillen auslöste, sah er in Marx verkörpert. Unerträglich war ihm das starke Selbstbewußtsein, das Marx zur Schau trug.
„Marx liebt die eigene Person viel mehr als seine Freunde und Apostel“, schrieb er in einem Vergleiche zwischen Marx und Mazzini, „und keine Freundschaft hält stand gegen eine noch so leichte Verletzung seiner Eitelkeit. Viel lieber wird er eine Untreue gegen sein philosophisches und sozialistisches System vergeben; er wird sie als Beweis der Dummheit oder wenigstens der geistigen Minderwertigkeit seines Freundes betrachten, und das wird ihm Spaß machen. Wenn er in ihm keinen Rivalen mehr sieht, der an seine Höhe heranreichen könnte, wird er ihn vielleicht noch lieber haben. Aber er wird nie jemand eine Verfehlung gegen seine Person verzeihen: man muß ihn anbeten, zum Abgott machen, um von ihm geliebt zu werden, man muß ihn zum mindesten fürchten, um von ihm geduldet zu werden. Er liebt es, sich mit den Kleinsten zu umgeben, mit Lakaien und Schmeichlern. Trotzdem befinden sich einige hervorragende Männer in seiner intimen Umgebung.
Im allgemeinen aber kann man sagen, daß in dem intimen Kreise von Marx sehr wenig brüderliche Offenheit besteht; dagegen gibt es viel Hintergedanken und Diplomatie. Es besteht eine Art stillen Kampfes und ein Kompromiß zwischen der Eigenliebe der einzelnen Personen, und wo die Eitelkeit im Spiel ist, ist kein Platz mehr für die Brüderlichkeit. Da ist jeder auf seiner Hut und fürchtet seinerseits, geopfert, vernichtet zu werden. Der ganze Kreis von Marx ist eine Art gegenseitiger Kontrakt zwischen den Eitelkeiten, aus denen er besteht. Marx ist darin der Hauptverteiler der Ehren, aber auch der stets perfide und tückische, nie freie und offene Antreiber zu Verfolgungen gegen Personen, die er beargwöhnt oder die das Malheur hatten, ihm nicht in dem ganzen von ihm erwarteten Maß ihre Ehrerbietungen zu erweisen.
Sobald er einmal eine Verfolgung befohlen hat, macht diese vor keiner Niederträchtigkeit und Infamie Halt. Selbst ein Jude, hat er um sich, in London und in Frankreich, vor allem aber in Deutschland, eine Menge kleiner mehr oder weniger gescheiter, intriganter, beweglicher, spekulierender Juden, wie es die Juden überall sind, Handels- oder Bankagenten, Literaten, Politiker, Korrespondenten für Zeitungen aller Schattierungen, mit einem Wort literarische Mäkler, so wie sie finanzielle Mäkler sind, einen Fuß in der Bank, den andern in der sozialistischen Bewegung und mit dem Hintern auf der deutschen Tagesliteratur ... Diese jüdischen Literaten sind besonders hervorragend in der Kunst feiger, gehässiger und perfider Insinuationen. Sie klagen selten offen an, aber sie insinuieren, ‚sie haben sagen gehört — man behauptet — es mag nicht wahr sein, aber doch ...‘ und dann schleudern sie euch die ungereimtesten Verleumdungen ins Gesicht“.
Trotz der vernichtenden Analyse, die in diesen Zeilen niedergelegt ist, hatte Bakunin einen tiefen Respekt vor Marxens Geistigkeit und wissenschaftlicher Tüchtigkeit. Das Studium des Kapital versetzte ihn in helle Bewunderung und er ging sofort daran, es ins Russische zu übertragen. Und an Herzen schrieb er: Marx habe seit fünfundzwanzig Jahren dem Sozialismus klug, energisch und treu gedient und sei darin ihnen allen voraus. Er würde es sich nie verzeihen, wenn er den wohltätigen Einfluß von Marx aus persönlichem Rachegefühl vernichtete oder verringerte. Doch könne es dazu kommen, daß er sich in einen Kampf mit Marx einließe, nicht wegen der persönlichen Beleidigung, sondern wegen des Staatssozialismus, den Marx verfechte.
Der Kampf ließ nicht lange auf sich warten. Er entzündete sich bezeichnenderweise an einem persönlichen Anlaß. „Auf dem Genfer Friedenskongreß war es,“ berichtet Bakunin, „da übergab mir der alte Kommunist Becker den ersten, bisher einzigen Band des äußerst wichtigen, gelehrten, tiefen, obgleich sehr abstrakten Werkes Das Kapital. Damals beging ich einen ungeheuren Fehler; ich vergaß an Marx zu schreiben, um ihm zu danken ... Ich beeilte mich nicht, ihm zu danken und ihm für das wirklich bedeutende Werk mein Kompliment zu machen. Der alte Philipp Becker, der Marx seit langem kannte, sagte mir, als er von dieser Vergeßlichkeit hörte: Was, Du hast ihm noch nicht geschrieben? Marx wird Dir das nie verzeihen!“ Obwohl Bakunin noch nicht recht glauben wollte, daß dieser persönliche Lapsus einer verzeihlichen Unhöflichkeit „die Ursache der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten“ sein könne, hat sich ein Brief der Frau Marx an Philipp Becker aus dieser Zeit erhalten, der dies bestätigt. „Haben Sie nichts von Bakunin gesehen und gehört? Mein Mann schickte ihm als alten Hegelianer sein Buch — kein Zeichen nah und fern. Hat etwas bekommen! Man kann all den Russen nicht recht trauen; halten sie’s nicht mit Väterchen in Rußland, so halten sie’s mit oder werden gehalten vom Herzensväterchen (Herzen), was am Ende auf eins herauskommt. Gehopst wie gesprungen!“
Der Kampf zwischen den beiden Riesen war unausweichlich geworden. Er wurde ausgetragen in der Internationale, deren Mitglied Bakunin einige Monate vor dem Brüsseler Kongress geworden war.
Allianz und Internationale
Bakunin hatte versucht, die Friedens- und Freiheitsliga auf ihrem Kongreß in Bern für ein revolutionäres Programm und für den Anschluß an die Internationale zu gewinnen. Als dieser Versuch fehlschlug, trat er aus der Liga aus und gründete mit J. Ph. Becker eine Internationale Allianz der sozialistischen Demokratie. Sein Bestreben ging nun dahin, die Allianz zunächst in die Londoner Internationale einzubauen, diese allmählich auszuhöhlen und aufzusaugen, um schließlich die Allianz an ihre Stelle zu setzen.
Denn er haßte — wie er auf dem Berner Kongreß erklärt hatte — den Kommunismus, weil dieser die Vernichtung der Freiheit sei und zugunsten des Staates alle Kräfte der Gesellschaft konzentriere, das Eigentum inbegriffen. Er wollte statt des Kommunismus den Kollektivismus, die Vergesellschaftung des Einzelnen auf dem Wege der freien Assoziation. Im Zusammenhange damit vertrat er den Republikanismus und Atheismus. Über allen Prinzipien jedoch, meinte er, müsse das sittliche Prinzip der allgemeinen menschlichen Gerechtigkeit stehen.
Mit diesem Programm stand er freilich nicht an der Seite von Marx, sondern eher zwischen Marx und Proudhon. Mehring kennzeichnet seine Stellung sehr zutreffend, wenn er sagt: Er war weit über Proudhon hinausgekommen, vor dem er ein gut Stück europäischer Bildung voraus hatte, und er verstand Marx viel besser, als Proudhon diesen verstanden hatte. Aber weder hatte er die Schule der deutschen Philosophie so gründlich durchlaufen, noch die Klassenkämpfe der westeuropäischen Völker so eingehend studiert wie Marx. Und vor allem war seine Unkenntnis der politischen Ökonomie für ihn noch viel verhängnisvoller, als für Proudhon die Unkenntnis der Naturwissenschaften. Dabei war er eine durch und durch revolutionäre Natur, und wie Marx und Lassalle besaß er die Gabe, daß die Menschen auf seine Stimme hörten. Aber während Marx im großindustriellen Proletariat, wie er es in England, Frankreich und Deutschland studiert hatte, die Kerntruppe der Revolution erblickte, rechnete Bakunin mit den Heerhaufen der deklassierten Jugend, der bäuerlichen Masse und selbst des Lumpenproletariats. Und während Marx den Zentralismus vertrat, den er als Organisationsform in Wirtschaft und Staat vorfand, setzte sich Bakunin für den Föderalismus ein, der das Organisationsprinzip der vorkapitalistischen Epoche bildete. Darum fand Bakunin auch seinen Anhang in Italien, Spanien, Rußland, durchweg Ländern mit geringer kapitalistischer Entwicklung. Die Gefolgschaft von Marx hingegen rekrutierte sich aus durchkapitalisierten Ländern mit industriellem Proletariat. Beide Männer repräsentierten zwei aufeinanderfolgende Phasen der Entwicklung. Dazu sah der eine, Bakunin, im Menschen mehr das Subjekt der Geschichte, das die Bereitschaft zur Revolution — den „Teufel im Leibe“ — mitbringt und nur seiner Entfesselung bedarf; der andere dagegen, Marx, erblickte im Menschen mehr das Objekt, das erst langsam zur Aktivität erzogen werden müsse, um in der Aktion der Klasse als geschichtsbildender Faktor zu wirken. Beide Auffassungen hätten sich vereinigen lassen, denn sie ergeben vereint das tatsächliche Bild des Menschen in der Geschichte. Aber die orthodoxe Starrheit des intellektuellen Dogmatismus, der Mangel an Elastizität des Willens und die Enge der zeitlichen und räumlichen Lebensumstände verhinderten bei beiden den Ausgleich und machten sie zu sachlichen Gegnern. Und ihre Temperamente, ihre seelischen Strukturen, die ihre Verhaltungsweisen diktierten, verwandelten ihre sachliche Gegnerschaft in persönliche Feindschaft.Die sachliche Gegnerschaft fand zunächst ihren Ausdruck in dem von Marx erwirkten Beschlusse des Generalrats, die Aufnahme der Allianz in die Internationale abzulehnen. Marx sah — ob mit Recht oder Unrecht — in der Allianz ein Konkurrenzunternehmen gegen die Internationale und fürchtete, daß es in Zukunft bald zwei Generalräte, zwei Kongresse und zwei Internationalen geben würde. Dies war ihm ein unerträglicher Gedanke. Und vielleicht deshalb zog er in diesem Falle den sonst so weiten Rahmen der Internationale rigoros zu eng. Jedenfalls verlangte auf sein Betreiben der Generalrat, daß die Genfer Sektion als Antragstellerin der Allianz darauf verzichte, ein eigenes Zentralkomitee der Allianz zu schaffen und eigene Kongresse abzuhalten. In Genf ließ man diese Punkte fallen und die Sektion wurde aufgenommen. Aber Marx und Engels mißtrauten den Genfern, an deren Spitze Bakunin stand. Sie spürten den Stachel eines unüberwindlichen Gegensatzes, der durch Formalien nicht aus der Welt geschafft werden konnte. Deshalb argwöhnten sie, daß Bakunin in aller Stille nach wie vor das geheime Ziel verfolge, die Genfer Sektion zum Sitze eines Geheimbundes zu machen, der sich innerhalb der Internationale etablieren solle, um diese zu sprengen. Sie bangten um ihre Herrschaft.
Dazu kam die sachliche Unvereinbarkeit des Programms der Allianz mit dem Programm der Internationale. Das Bakuninsche Programm war keineswegs eine „Olla potrida abgeschliffener Gemeinplätze, eine gedankenlose Schwätzerei, ein Rosenkranz von hohlen Einfällen, eine insipide Improvisation“, wie Marx wütend behauptete. Es trat nur von einer andern Einstellung aus an die damals in Europa gegebene seelische und politische Verfassung der Arbeiterschaft heran. Aus dem Programm sprach ein Endziel. Marx aber interessierte vorerst mehr der Weg. „Marx sagte sich, so und so ist die aus den ökonomischen Bedingungen gegebene Psyche der Arbeiterschaft, den Kräften dieser Arbeiterschaft entsprechende Wege sind zu wählen, um sie in Bedingungen zu versetzen, die ihr erhöhte Kräfte geben. Die Arbeiterschaft ist in erster Linie zum Bewußtsein ihrer Kräfte zu bringen durch Erweckung des Klassenbewußtseins; von da aus wird sich das weitere schon ergeben. Das Allianzprogramm hingegen setzte, nach Marxens Ansicht, das Ende an den Anfang; es hatte eine verkehrte Methode der Erziehung; und es störte durch diese Methode die Marxsche Erziehungsmethode“.
Die Befürchtung, daß es Bakunin auf einen Konkurrenzkampf gegen die Internationale abgesehen habe, wurde genährt durch den Umstand, daß es seiner eifrigen Agitation gelungen war, von Genf aus, wo er lebte, unter den Heimarbeitern der Uhren- und Juwelenindustrie des Neuenburger und Berner Jura einen starken Anhang zu gewinnen. Hier gab es bereits eine alte freiheitliche Bewegung, und der Arzt Coullery hatte schon 1865 in La Chaux de Fonds eine Sektion der Internationale mit 400 bis 500 Mitgliedern gegründet. Die intelligenten Arbeiter — an ihrer Spitze der an Hegel geschulte James Guillaume, Lehrer an der Industrieschule in Le Locle — waren als Schweizer und selbständig wirtschaftende Proletarier föderalistisch, aus Protest gegen die Genfer Muckerei und Orthodoxie atheistisch und aus materieller Not und verdrängter Religiosität revolutionär. Bakunin fand in ihnen eine treue Gefolgschaft. Er schloß ihre Gruppen zu einem Föderalrate zusammen, gründete eine Wochenschrift, die Egalité, und entfaltete eine rege revolutionäre Wirksamkeit. Es erweckte in London den Anschein, daß er auf einem Umwege, im Körper der Internationale, dem Ziele zuzustreben versuche, das zu erreichen ihm auf direktem Wege nicht gelungen war. Auf dem Baseler Kongresse der Internationale, 5. und 6. September 1869, stand Bakunin nicht mehr, wie in Brüssel, der Marxschen Front allein gegenüber, sondern mit starker Rückendeckung durch eine entschlossene Phalanx.
In den Verhandlungen dieses Kongresses gewann die Auffassung Bakunins in den Fragen des Erbrechts und des Gemeineigentums an Grund und Boden zwar noch nicht das volle Übergewicht über den von Marx formulierten Standpunkt des Generalrats. Aber der Einfluß Bakunins war unverkennbar im Wachsen begriffen. Das zeigte sich besonders in den Diskussionen über die Frage der direkten Gesetzgebung durch das Volk. Bakunin berichtet hierüber: „Auf dem Basler Kongresse präsentierten sich zum ersten Male Delegierte von Deutschland, Österreich und der deutschen Schweiz in sehr großer Anzahl, sehr gut organisiert und Mitglieder der patriotischen, unitären, pangermanischen Partei, genannt die Arbeiterpartei der deutschen sozialistischen Demokratie. Von Marx und den Marxianern angetrieben und einer strengen Disziplin gehorchend, schlugen die Deutschen und deutsch-schweizerischen Delegierten dem Basler Kongreß ein neues politisches Programm vor, das im Falle seiner Annahme das wahre Programm der Internationale von Grund aus umgestürzt und aus derselben ein Werkzeug des bürgerlichen Radikalismus gemacht hätte. Ihr Projekt wurde von allen deutschen und englischen Delegierten des Generalrats warm unterstützt. Zum Glück befanden sich die lateinischen Delegierten in der Majorität, und das Projekt der Deutschen wurde zurückgewiesen. Daher der Zorn.“
Schon seit langem arbeitete die Gegenseite an der Unterwühlung der Stellung Bakunins. Durch eine Flut von Verdächtigungen und Schmähungen suchte sie seinem steigenden Einfluß entgegenzuwirken. Allen voran hetzte Borckheim, ein fragwürdiger Literat, der Marx seit Jahr und Tag durch allerlei Geldgeschäfte und Darlehensvermittlungen gefällig war, mit einer wahren Russenphobie gegen Bakunin. Noch 1868 hatte er in dem von Liebknecht geleiteten Demokratischen Wochenblatt in Leipzig die Ehre Bakunins in gehässigster Weise angegriffen. Zugleich hatte Bebel in einem Brief an J. Ph. Becker geschrieben, daß Bakunin „wahrscheinlich Agent der russischen Regierung“ sei. Und Liebknecht hatte das Gerücht verbreitet, Schweitzer sei von Bismarck gekauft und Bakunin stehe im Solde des Zaren. Auch Moses Heß hatte sich mit verdächtigenden Ausstreuungen an dem geheimen Kesseltreiben gegen Bakunin beteiligt. Es gelang Bakunin, Liebknecht auf dem Basler Kongress zu stellen und die Einsetzung eines Schiedsgerichts zu erzwingen, dem die Untersuchung der Sache übergeben wurde. Liebknecht hatte natürlich keinerlei Beweise und redete sich auf Mißverständnisse und falsche Deutungen seiner Worte aus. Die Jury erkannte einstimmig, daß Liebknecht „mit sträflicher Leichtfertigkeit“ gehandelt habe, und veranlaßte ihn, Bakunin eine schriftliche Ehrenerklärung zu geben. Die feindlichen Genossen reichten sich vor dem Kongress die Hand und Bakunin machte aus dem Schriftstück einen Fidibus, womit er sich die Zigarette anzündete.
So selbstverständlich es war, daß sich Bakunin gegen Verleumdungen zur Wehr setzte, so verdächtig ist die Empfindlichkeit und Heftigkeit, mit der er darauf reagierte. Denn üble Nachrede, Tratsch und Verdächtigungen sind in gärungsvollen Zeiten und im revolutionären Lager, das immer ein Brutnest von Spitzeleien war, wie heute so damals nichts Ungewöhnliches. Bakunin hatte — was wir heute wissen, damals aber noch keiner wußte — in seiner revolutionären Vergangenheit wirklich eine dunkle, wunde Stelle vor deren Anblick er selbst erschauerte. Er hatte in der Peter Pauls-Festung 1851, nach Jahren furchtbarster Kerkerqual, körperlich ganz zermürbt und seelisch zusammengebrochen, auf Veranlassung des Zaren Nikolaus I. eine „Beichte“ niedergeschrieben in der Hoffnung, sich damit seine Befreiung aus den grauenhaften Mauern des Kerkers zu verdienen. Es war eine Beichte über seine revolutionäre Vergangenheit, „eine Art von Dichtung und Wahrheit“, wie er andeutungsweise an Herzen schrieb, ein romantisches, unaufrichtiges, auf Irreführung berechnetes Schriftstück, nicht ohne Selbsterniedrigung und erheuchelte Unterwürfigkeit, doch ohne Verrat und Preisgabe von Namen, ein „machiavellistisches Meisterstück“ wie Polonski es nennt. In seiner Hoffnung auf Befreiung sah sich Bakunin freilich getäuscht. Der Zar, von der Beichte nicht befriedigt, befahl, „daß er bis auf weiteres fortfahren könne, zu sitzen, wo er saß“. Als Bakunin nach dem Tode Nikolaus I. schließlich doch wenigstens die „Freiheit nach Sibirien“ erlangte, dachte er mit tiefer Scham, Angst und Verzweiflung an jenes mysteriöse Dokument zurück, das ihn wie ein Gespenst verfolgte. Er fürchtete unausgesetzt, daß er durch sein Bekanntwerden der Lächerlichkeit, dem Abscheu und der Ehrlosigkeit ausgeliefert werde. Diese Furcht machte ihn nervös, empfindlich, gereizt. Dies um so mehr, als die Sendboten der zaristischen Polizei ihn überall, wo er auftauchte und revolutionär arbeitete, mit der Veröffentlichung seiner zur Broschüre verarbeiteten und gedruckt vorliegenden Beichte bedrohten: in Stockholm, in Lyon, in Italien. So mußte Bakunin glauben, daß auch bis zur Internationale bereits Spitzelgerüchte durchgesickert seien — er zitterte vor dem Tage, an dem das Geheimnis sich lüften und seinen revolutionären Namen mit ewiger Schande bedecken würde.
Tatsächlich hatten seine Gegner und Feinde keinerlei Kenntnis von der Beichte. Gleichwohl ließen sie nicht ab, ihn zu verleumden. Auch bei Liebknecht hielt die empfangene Lektion nur ein paar Monate vor. Selbst Marx schreckte nicht davor zurück, die Verdächtigungen immer wieder aufzugreifen und im Dunkel vertraulicher Korrespondenzen oder geheimer Informationen die Ehre des verhaßten Rivalen zu beflecken. Dabei ließ sich Marx die schmierige Unterstützung eines üblen Patrons gefallen, eines Russen namens Utin, der sich anfangs, „eitel und schwatzschweifig“, an Bakunin herangedrängt hatte, ihn später aber, als er eine Abfuhr erlebte, mit schmutzigem und tückischem Klatsch verfolgte. Dieser Utin führte sogar, nachdem Bakunin seinen Wohnsitz von Genf nach Locarno verlegt hatte, durch endlose Intrigen die Spaltung der Genfer Sektion herbei und brachte die Redaktion der Egalité in seine Hände. Ja er wurde der von Marx protegierte Mittelsmann für die Politik des Londoner Generalrats. Auf Grund der Informationen, die Marx in der Hauptsache von ihm erhielt, richtete er am 28. März 1870 durch die Vermittlung seines Freundes Kugelmann in Hannover eine „Konfidentielle Mitteilung“ an die Adresse des Braunschweiger Vorstandes der Eisenacher Arbeiterpartei, die 1869 von Liebknecht und Bebel als Konkurrenz gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegründet worden war. In dieser vertraulichen Information nahm Marx nicht nur die längst zurückgewiesenen und widerlegten Verdächtigungen gegen Bakunin wieder auf, er fügte ihnen auch eine neue „Enthüllung“ hinzu. Bakunin sollte sich bei Herzens Tode durch Erbschleicherei in den Genuß einer jährlichen Subvention von 25000 Franken gebracht haben, die an Herzen von einer „befreundeten pseudosozialistischen panslawistischen Partei in Rußland“ für Propagandazwecke gezahlt worden sei. Natürlich war an dieser Geschichte kein Wort wahr. Aber sie kennzeichnet die Methode und Mittel der Kampfführung in diesem traurigen Bruderkriege.
Es muß konstatiert werden, daß Bakunin die gegen ihn geführten Streiche nie mit gleicher Waffe heimgezahlt hat. Was Mehring von seinen Artikeln feststellt — daß man „vergebens nach einer Spur gehässiger Gesinnung gegen den Generalrat oder Marx suchen“ werde — trifft auf alle seine Handlungen in dieser aufregenden Kampagne zu. Im Gegenteil, trotz schlimmster Erfahrungen hatte er sich in seinem Herzen soviel sachliche Gerechtigkeit und persönliche Noblesse bewahrt, daß er am 28. Januar 1872 an die Internationalisten der Romagna über Marx und seinen Kreis schreiben konnte: „Zum großen Glück für die Internationale fand sich in London eine der großen Assoziation sehr ergebene Gruppe von Männern, die im wahren Sinne die eigentlichen Gründer und Initiatoren derselben waren. Ich spreche von der kleinen Gruppe Deutscher, deren Führer Karl Marx ist. Diese Ehrenwerten betrachten mich als Feind und mißhandeln mich als solchen überall und wann sie nur können. Sie irren sich sehr. Ich bin durchaus nicht der Feind, und es gibt mir im Gegenteil lebhafte Genugtuung, wenn ich ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen kann. Ich habe oft Gelegenheit dazu, denn es sind für mich wirklich bedeutende und achtenswerte Männer, sowohl in bezug auf Intelligenz und Wissen, als in bezug auf ihre leidenschaftliche Ergebenheit und jeder Prüfung standhaltende Treue gegen die Sache des Proletariats — eine Ergebenheit und Treue, die zwanzig Jahre von Leistungen erprobt haben. Marx ist der erste ökonomische und sozialistische Gelehrte unserer Zeit. Ich bin in meinem Leben mit vielen Gelehrten zusammengekommen, aber ich kenne keinen ebenso gelehrten und tiefen wie ihn. Engels, der jetzige Sekretär für Italien und Spanien, Schüler und Freund von Marx, ist gleichfalls eine sehr bedeutende Intelligenz. Schon in den Jahren 1846 und 1848 hatten sie zusammen die Partei der deutschen Kommunisten gegründet und hörten nie auf, in dem gleichen Sinne tätig zu sein. Marx redigierte die so tiefen und schönen Erwägungsgründe der Allgemeinen Statuten und gab den instinktmäßigen einmütigen Aspirationen des Proletariats beinahe aller Länder Europas einen Körper, indem er in den Jahren 1863/64 die Idee der Internationale faßte und ihre Einrichtung vorschlug. Das sind sehr große und schöne Dienste und es wäre sehr undankbar von uns, wenn wir ihre Bedeutung nicht würdigen wollten.“
Auf die naheliegende Frage, wieso es angesichts dieser Dinge zu einer Trennung zwischen Bakunin und Marx hatte kommen können, gibt Bakunin in diesem Briefe folgende Antwort: „Marx ist autoritärer und zentralistischer Kommunist. Er will, was wir wollen: den vollständigen Triumph der ökonomischen und sozialen Gleichheit, aber im Staat und durch die Staatsmacht, durch die Diktatur einer sehr starken und sozusagen despotischen provisorischen Regierung, das heißt durch die Negation der Freiheit. Sein ökonomisches Ideal ist der Staat als einziger Besitzer von Grund und Boden und jedem Kapital, das Land bebauend durch gut bezahlte und von seinen Ingenieuren geleitete landwirtschaftliche Assoziationen und mit dem Kapital alle industriellen und Handelsassoziationen kommandierend.
Wir wollen den gleichen Triumph der ökonomischen und sozialen Gleichheit durch die Abschaffung des Staates und von allem, was juridisches Recht genannt wird und was nach unserer Ansicht die permanente Negation des menschlichen Rechtes ist. Wir wollen den Wiederaufbau der Gesellschaft und die Konstituierung der Einheit der Menschen nicht von oben nach unten, durch irgendwelche Autorität und durch sozialistische Beamte, Ingenieure und andere offizielle Gelehrte — sondern von unten nach oben, durch die freie Föderation der vom Joche des Staates befreiten Arbeiterassoziation aller Art.
Sie sehen, daß zwei Theorien schwer einander entgegengesetzter sein können, als die unsrigen sind. Aber es besteht noch ein anderer, diesmal ganz persönlicher Unterschied zwischen uns.
Marx hat zwei abscheuliche Fehler: er ist eitel und eifersüchtig. Er hatte einen Abscheu vor Proudhon, nur weil dieser große Name und sein so berechtigter Ruf ihm Abbruch taten. Es gibt nichts Häßliches, daß er nicht gegen ihn geschrieben hat. Marx ist persönlich bis zur Verrücktheit. Er sagt ‚meine‘ Ideen und will nicht verstehen, daß die Ideen niemand gehören und daß, wenn man gut sucht, man finden würde, daß gerade die besten und größten Ideen immer das Produkt der instinktiven Arbeit aller waren... Marx, der schon an und für sich zur Selbstanbetung neigte, wurde definitiv durch die Abgötterei seiner Schüler verdorben, die aus ihm eine Art doktrinären Papst gemacht haben, und nichts ist für die geistige und moralische Gesundheit eines selbst sehr intelligenten Mannes so verhängnisvoll, als wenn er vergöttert und für unfehlbar erklärt wird. All das machte Marx noch persönlicher, so daß er jeden zu verabscheuen beginnt, der den Hals vor ihm nicht beugen will.“
Unüberbrückbare sachliche Gegensätze und unüberwindbare persönliche Abneigungen schufen die abgrundtiefe Kluft, die das Lebenswerk der beiden Männer trennte. Die Trennung war im Grunde das gewaltsame Zerreißen ihrer Zusammengehörigkeit und der Haß nur ein Haß aus Liebe. Darum waren Trennung und Haß für beide so qualvoll, mörderisch und unheilvoll.
Krieg und Kommune
Die erste Hälfte des Jahres 1870 war angefüllt mit Zänkereien, Eifersuchtskämpfen und polemischen Auseinandersetzungen zwischen Internationale und
Allianz, besonders zwischen den beiden feindlichen Lagern im jurassischen Gebiete. Den Höhepunkt der Zerwürfnisse bildete der romanische Kongreß der Allianz in La Chaux de Fonds, 4. April 1870, auf dem jedoch, innerhalb der Allianz, so heftige Differenzen ausbrachen, daß es zur Spaltung kam und Mehrheit wie Minderheit getrennt weitertagten. Der Kongreß der Internationale sollte in Paris stattfinden. Da aber die bonapartistische Polizei mit heftigen Verfolgungen gegen die Mitglieder der Internationale vorging und einen Geheimbundprozeß in Szene setzte, berief der Generalrat den Kongreß für 5. September nach Mainz ein.Da brach im Juli 1870 der Deutsch-Französische Krieg aus. In einer unter dem 23. Juli datierten Adresse des Generalrats nahm Marx Stellung zu diesem Ereignis, das sich als die Konsequenz von 1866 darstellte und das er eine „verbesserte Auflage des Staatsstreiches von 1837“ nannte. Scharf nahm er gegen Preußen Stellung. „Wenn der Krieg auf deutscher Seite ein Verteidigungskrieg sei, wer habe Deutschland in die Zwangslage gebracht, sich verteidigen zu müssen, wer habe Louis Bonaparte ermöglicht, den Krieg gegen Deutschland zu führen? — Preußen. Bismarck habe vor Königgrätz mit diesem selben Bonaparte konspiriert und nach Königgrätz nicht etwa einem geknechteten Frankreich ein freies Deutschland entgegengestellt, sondern allen eingeborenen Schönheiten seines alten Systems alle Kniffe des zweiten Kaiserreichs aufgepfropft, so daß nun auf beiden Seiten des Rheins das bonapartistische Regiment geblüht habe. Was anders hätte daraus folgen können als Krieg?“ Und was ergäbe sich daraus für die Arbeiterklassen? Daß sie streng darüber wachen müsse, den defensiven Charakter des Kriegs nicht in einen annexionistischen umschlagen zu lassen. „Erlaubt die deutsche Arbeiterklasse dem gegenwärtigen Kriege seinen streng defensiven Charakter aufzugeben und in einen Krieg gegen das französische Volk auszuarten, so wird Sieg oder Niederlage gleich unheilvoll sein.“
In einer zweiten Adresse vom 9. September wies Marx nach, daß Deutschland weder ein historisches Recht auf Elsaß-Lothringen habe, noch seiner zum Schutze des Ganzen gegen Frankreich bedürfe. „Wenn die Grenzen durch militärische Interessen bestimmt werden sollen, so werden die Ansprüche nie ein Ende nehmen, weil jede militärische Linie notwendig fehlerhaft ist und durch Annexionen von weiterem Gebiete verbessert werden kann; und überdies kann sie nie endgültig und gerecht bestimmt werden, weil sie immer dem Besiegten vom Sieger aufgezwungen wird und folglich schon den Keim eines neuen Krieges in sich birgt.“ Nachdrücklich wies er hin auf die Interessen der Arbeiterklasse, die nach diesem Kriege gebührende Berücksichtigung forderten. „Die deutsche Arbeiterklasse hat den Krieg, den zu hindern nicht in ihrer Macht stand, energisch unterstützt als einen Krieg für Deutschlands Unabhängigkeit und die Befreiung Deutschlands und Europas vom erdrückenden Alp des zweiten Kaiserreichs. Es waren die deutschen Industriearbeiter, die mit den ländlichen Arbeitern zusammen die Sehnen und Muskeln heldenhafter Heere lieferten, während sie ihre halbverhungerten Familien zurückließen. Dezimiert durch die Schlachten, werden sie noch einmal dezimiert werden durch das Elend zu Hause. Sie verlangen nun ihrerseits Garantien, daß ihre ungeheuren Opfer nicht umsonst gebracht sind, daß sie die Freiheit erobert haben, daß die Siege, die sie über die bonapartistische Armee errungen haben, nicht in eine Niederlage des Volkes verwandelt werden wie im Jahre 1815. Als erste dieser Garantien verlangen sie einen ehrenvollen Frieden für Frankreich und die Anerkennung der französischen Republik... Die französische Arbeiterklasse, in äußerst schwierige Umstände versetzt, hat nicht die Vergangenheit zu wiederholen, sondern die Zukunft aufzubauen. Mögen die französischen Arbeiter ruhig und entschlossen die Mittel ausnützen, die ihnen die republikanische Freiheit gibt, um die Organisation ihrer eigenen Klasse gründlich durchzuführen. Das wird ihnen neue herkulische Kräfte geben für die Wiedergeburt Frankreichs und für unsere gemeinsame Aufgabe — die Befreiung des Proletariats. Von ihrer Kraft und Wahrheit hängt das Schicksal der Republik ab.“
Die Konstituierung der französischen Republik bedeutete freilich noch nicht die Übernahme der politischen Macht durch die Arbeiterklasse, sondern die Proklamation des bürgerlichen Interesses, vor allem in der Frage, wem die Zahlung der ungeheuren Kriegsschuld an Preußen zufallen solle. Die bürgerliche Klasse war entschlossen, die Lasten des Krieges um keinen Preis auf sich zu nehmen, sondern auf das Proletariat abzuwälzen. Zu diesem Zwecke verständigte sie sich mit der deutschen Bourgeoisie, die eben noch ihre Feindin gewesen war, gegen das Proletariat, das eben noch als Verbündeter an ihrer Seite gestanden hatte. Die Verhandlungen zwischen Thiers und Bismarck bedeuteten für die französische Arbeiterklasse: Geld oder das Leben! Mit der Aufrichtung der Kommune am 18. März 1871 setzte sich das Pariser Proletariat als Vortrupp der Arbeiterschaft Frankreichs kühn gegen den räuberischen Anschlag zur Wehr. Es trieb seinen Gegner nach Versailles und richtete sich auf einen Kampf um Leben oder Tod ein.
Vom 19. März an erschien in Paris das Journal Officiel, das Organ der Kommune, das in einem Programmartikel am 20. März schrieb: „Diese Proletarier von Paris haben, inmitten der Niederlagen und des Verrats der herrschenden Klassen, begriffen, daß die Stunde geschlagen hat, wo sie die Lage retten müssen dadurch, daß sie die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in ihre eigenen Hände nehmen ... Sie haben begriffen, daß es ihre höchste Pflicht und ihr absolutes Recht ist, sich zu Herren ihres eigenen Geschicks zu machen und die Regierungsgewalt zu ergreifen.“ Marx war von diesem Entschlusse ganz begeistert. „Welche Elastizität“, schrieb er am 12. April an Kugelmann, „welche historische Initiative, welche Aufopferungsfähigkeit in diesen Parisern! Nach sechsmonatiger Aushungerung und Verruinierung durch inneren Verrat, noch mehr als durch den auswärtigen Feind, erheben sie sich unter preußischen Bajonetten, als ob nie ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland bestanden hätte und der Feind nicht vor den Toren von Paris stünde. Die Geschichte hat kein ähnliches Beispiel ähnlicher Größe!“
Bei den Gemeindewahlen in Paris am 26. März 1871 wurden 72 Sozialisten gewählt, unter denen 17 Mitglieder der Internationale waren. Obwohl in den Nachwahlen noch manche Internationalisten in die Kommune einrückten, gelang es ihnen doch nicht, die Mehrheit zu erlangen. Radikale und Blanquisten bestimmten die Taktik. Und wenn auch in den wichtigsten Verwaltungszentren Angehörige der Internationale saßen, die sich durch Tüchtigkeit und treue Pflichterfüllung auszeichneten, so blieb doch der politische Einfluß der Internationale auf gelegentliche Ratschläge beschränkt.
„Die Kommune bildete sich aus den durch allgemeines Stimmrecht in den verschiedenen Bezirken von Paris gewählten Stadträten. Sie waren verantwortlich und jederzeit absetzbar. Ihre Mehrzahl bestand aus Arbeitern oder anerkannten Vertretern der Arbeiterklasse. Die Kommune sollte nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zu gleicher Zeit. Die Polizei, bisher das Werkzeug der Staatsregierung, wurde sofort aller ihrer politischen Eigenschaften entkleidet und in das verantwortliche und jederzeit absetzbare Werkzeug der Kommune verwandelt. Ebenso die Beamten aller anderen Verwaltungszweige. Von den Mitgliedern der Kommune an abwärts mußte der öffentliche Dienst für Arbeitslohn besorgt werden. Die erworbenen Anrechte und die Repräsentationsgelder der hohen Staatswürdenträger verschwanden mit diesen Würdenträgern selbst. Die öffentlichen Ämter hörten auf, das Privateigentum der Handlanger der Zentralregierung zu sein. Nicht nur die städtische Verwaltung, sondern auch die bisher durch den Staat ausgeübte Initiative wurde in die Hände der Kommune gelegt.“
„Die Mannigfaltigkeit der Deutungen, denen die Kommune unterlag, und die Mannigfaltigkeit der Interessen, die sich in ihr ausgedrückt fanden, beweisen, daß sie eine durch und durch ausdehnungsfähige politische Form war, während alle früheren Regierungsformen wesentlich unterdrückend gewesen waren. Ihr wahres Geheimnis war dies: sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die politische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.“
„Die Arbeiterklasse verlangte keine Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix und fertigen Utopien durch Volksbeschluß einzuführen. Sie weiß, daß sie um ihre eigene Befreiung und mit ihr jene höhere Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft durch ihre eigene ökonomische Entwicklung unwiderstehlich entgegenstrebt, daß sie, die Arbeiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoße der zusammenbrechenden Bourgeosiegesellschaft entwickelt haben. Im vollen Bewußtsein ihrer geschichtlichen Sendung und mit dem Heldenentschluß, ihrer würdig zu handeln, kann die Arbeiterklasse sich begnügen, zu lächeln gegenüber den plumpen Schimpfereien der Lakaien von der Presse, wie gegenüber der lebhaften Protektion wohlmeinender Bourgeoisdoktrinäre, die ihre unwissenden Gemeinplätze und Sektierermarotten im Orakelton wissenschaftlicher Unfehlbarkeit abpredigen.“
„Als die Pariser Kommune die Leitung der Revolution in ihre eigene Hand nahm; als einfache Arbeiter zum erstenmal es wagten, das Regierungsprivilegium ihrer ‚natürlichen Oberen‘, der Besitzenden, anzutasten, und unter Umständen von beispielloser Schwierigkeit ihre Arbeit bescheiden, gewissenhaft und wirksam verrichteten, da wand sich die alte Welt in Wutkrämpfen beim Anblicke der roten Fahne, die, das Symbol der Republik der Arbeit, über dem Stadthause wehte.“
„In jeder Revolution drängen sich, neben ihren wirklichen Vertretern, Leute andern Gepräges vor. Einige sind die Überlebenden früherer Revolutionen, mit denen sie verwachsen sind; ohne Einsicht in die gegenwärtige Bewegung, aber noch im Besitze großen Einflusses auf das Volk durch ihren bekannten Mut und Charakter oder auch durch bloße Tradition. Andere sind bloße Schreier, die jahrelang dieselben ständigen Deklamationen gegen die Regierung des Tages wiederholend, sich in den Ruf von Revolutionären des reinsten Wassers eingeschlichen haben. Auch nach dem 18. März kamen solche Leute zum Vorschein und spielten sogar in einigen Fällen eine hervorragende Rolle. Soweit ihre Macht ging, hemmten sie die wirkliche Aktion der Arbeiterklasse, wie sie die volle Entwicklung jeder früheren Revolution gehemmt haben. Sie sind ein unvermeidliches Übel; mit der Zeit schüttelt man sie ab; aber gerade diese Zeit wurde der Kommune nicht gelassen.“
Eine Reihe schwerer taktischer Fehler, Mangel an gründlicher Orientierung wie an revolutionärer Entschlossenheit und innere Zerwürfnisse bewirkten, daß die Kommune ihrer geschichtlichen Aufgabe nicht gewachsen war. Die Versailler gewannen die Oberhand. „Hätte die Kommune auf meine Warnungen gehört!“ schrieb Marx an Professor Beesly, „ich riet ihren Mitgliedern, die Nordseite der Anhöhen von Montmartre, die preußische Seite, zu befestigen, und sie hatten noch Zeit, dies zu tun; ich sagte ihnen im voraus, daß sie sonst in eine Mausefalle geraten würden; ich denunzierte ihnen Pyat, Grousset und Vésimier; ich verlangte von ihnen, sofort alle Papiere, die die Mitglieder der Nationalverteidigung kompromittierten, nach London zu schicken, um durch sie die Wildheit der Feinde der Kommune einigermaßen in Schach halten zu können — so wäre der Plan der Versailler zum Teil vereitelt worden.“ Statt dessen wurde die Kommune in den letzten Maitagen 1871 von der Pariser Bourgeoisie und den Versailler Truppen überfallen und gemeuchelt.
„Die Zivilisation und Gerechtigkeit der Bourgoisordnung tritt hervor in ihrem wahren gewitterschwangeren Lichte, sobald die Sklaven in dieser Ordnung sich gegen ihre Herren empören. Dann stellt sich diese Zivilisation und Gerechtigkeit dar als unverhüllte Wildheit und gesetzlose Rache. Jede neue Krisis im Klassenkampfe zwischen den Aneignern und den Hervorbringern ihres Reichtums bringt diese Tatsache greller zum Vorschein. Selbst die Scheußlichkeiten der Bourgeois von 1848 verschwinden vor der unsagbaren Niedertracht von 1871.“
„Um ein Seitenstück zu finden für das Benehmen des Thiers und seiner Bluthunde müssen wir zurückgehen zu den Zeiten des Sulla und der beiden römischen Triumvirate. Dieselbe massenweise Schlächterei bei kaltem Blute; dieselbe Mißachtung beim Morden von Alter und Geschlecht; dasselbe System, Gefangene zu martern; dieselben Ächtungen, aber diesmal gegen eine ganze Klasse; dieselbe wilde Jagd nach den versteckten Führern, damit auch nicht einer entkomme; dieselbe Angeberei gegen politische und Privatfeinde; dieselbe Gleichgültigkeit bei der Niedermetzelung von dem Kampfe ganz fremden Leuten. Nur der eine Unterschied ist da, daß die Römer noch keine Mitrailleusen hatten, um die Geächteten schockweise abzutun, und daß sie nicht ‚in ihren Händen das Gesetz‘ trugen, noch auf ihren Lippen den Ruf der ‚Zivilisation‘.“
Schon wenige Tage, nachdem die Kommune im Blute der Pariser Arbeiterschaft erstickt war, legte Marx dem Generalrat der Internationale eine Adresse des Generalrats über den Bürgerkrieg in Frankreich 1871 vor, eine glänzend geschriebene, von revolutionärer Leidenschaft erfüllte und von souveräner Geschichtsbeherrschung zeugende Darstellung der Kommune, der die obigen Zitate entnommen sind. Bericht und Kritik zugleich, Rechtfertigungs- und Agitationsschrift in einem, entwirft sie ein erschütterndes Gemälde von dem elementaren Vulkanausbruche, der einzigartig in der Geschichte der Revolutionen dasteht, verteidigt sie „die Ehre und das Recht der Kommune gegen die Schmach und das Unrecht ihrer Gegner“, macht sie sich zur Fanfare einer Kriegserklärung gegen die Bourgeoisie, einer Fanfare, deren dröhnender Ernst durch Jahrzehnte und Jahrhunderte dringt.
Ende der Internationale
Die Kommune hinterließ dem europäischen Proletariat eine dreifache Lehre. Erstens zeigte sie, daß sich der Kampf der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie nicht in wirtschaftlichen Kämpfen erschöpfen dürfe, sondern unbedingt auch als politischer Kampf entfalten müsse. Zweitens, daß dieser Kampf in den bürgerlichen Nationalstaaten nur geführt werden könne auf der Plattform bürgerlicher Politik, im Parlament, zu dem der Zugang durch Wahlrechtskämpfe erobert werden müsse. Drittens, daß sich das Schwergewicht der politischen Kämpfe von Frankreich nach Deutschland verschoben hatte, wo die Arbeiterklasse im raschen politischen Aufschwunge war.
Marx erkannte mit scharfem Blick die neue Situation. „Der Kampf der Arbeiterklasse mit der Kapitalistenklasse und ihrem Staat“, schrieb er an Kugelmann, „ist durch den Pariser Kampf in eine neue Phase getreten. Wie die Sache auch immer verläuft, ein neuer Ausgangspunkt von welthistorischer Bedeutung ist gewonnen.“ Und er ging sofort daran, der neuen Situation gerecht zu werden.Dabei sah er voraus, daß ihm die Bakuninianer innerhalb der Internationale ein schweres Hindernis auf dem Wege sein würden. Denn je klarer er die Linie einer legalen, an den Mitteln und Tendenzen des bürgerlichen Staates orientierten Politik herausarbeitete und auf Staatseroberung statt Staatszerstörung abzielte, desto stärker mußte Bakunin und sein Anhang dieses Beginnen als Verrat an der Revolution empfinden und es bekämpfen. Er war deshalb entschlossen, reinen Tisch zu machen und die Richtung Bakunins an die Wand zu drücken.
Zu diesem Zwecke berief er statt eines ordentlichen Kongresses eine Konferenz nach London ein. Alle Proteste von Genf, dem „Herd der Intrigen und Zänkereien“, ließ er unbeachtet. Die Teilnehmer der Konferenz wurden sorgfältig ausgewählt und gesiebt. Da der Generalrat dreizehn Mitglieder lieferte, denen nur zehn auswärtige Delegierte gegenüberstanden, beherrschte Marx von vornherein die Tagung und war der erforderlichen Beschlüsse sicher. Es wurde denn auch vom 17. bis 25. September mit „komprimierter Energie“ gearbeitet. Zunächst wurden die diktatorischen Befugnisse des Generalrats durch Bewilligung ausgedehnterer Vollmachten gegen widerstrebende Organisationen erheblich verstärkt. Sodann wurde die taktische Schwenkung vollzogen. Während es in den Statuten der Internationale hieß: „Die ökonomische Emanzipation ist das große Ziel, dem jede politische Aktion als Mittel untergeordnet werden muß“, beschloß die Konferenz die Annahme folgender Resolution: „In Erwägung, daß gegen die kollektive Gewalt der besitzenden Klassen das Proletariat als Klasse nur dann auftreten kann, wenn es sich als besondere politische Partei konstituiert, im Gegensatze zu allen alten Parteibildungen der besitzenden Klassen; daß diese Konstitution des Proletariats als politische Partei unerläßlich ist, um den Triumph der sozialen Revolution und ihres Endzieles — Abschaffung der Klassen — zu sichern; daß die Vereinigung der Kräfte der Arbeiterschaft, die schon erreicht worden ist durch die ökonomischen Kämpfe, auch als Hebel dienen muß für die Masse dieser Klasse in ihrem Kampfe gegen die politische Macht ihrer Ausbeuter; ruft die Konferenz den Mitgliedern der Internationale in Erinnerung, daß in dem Kampfzustande der Arbeiterklasse ihre ökonomische und ihre politische Betätigung untrennbar verbunden sind.“ Mit dieser Resolution wurde die definitive Scheidelinie gegen Bakunin gezogen. Der an Utin erteilte Auftrag, Material gegen Bakunin zu sammeln, das ein Verfahren gegen ihn ermögliche, war nur noch eine formale Geste, hinter der sich der feste Entschluß, Bakunin um jeden Preis aus der Internationale hinauszuwerfen, verbarg.
Die erste Wirkung der Londoner Konferenz war der straffere Zusammenschluß der Opposition. Die Jurassier beschlossen auf ihrem Kongreß in Souvillier, sich als Fédération jurasienne zu konstituieren und in einem Zirkular an alle Sektionen der Internationale zu wenden, in dem sie gegen die Londoner Beschlüsse protestierten und die Einberufung eines Kongresses forderten. Das Zirkular fand starken Widerhall in Italien und Spanien und begegnete lebhaften Sympathien in Belgien, Frankreich und Amerika. In London hatten sich die Beziehungen zwischen Generalrat und Trade Unions erheblich gelockert und zuletzt völlig aufgelöst; Odger, Lucraft und andere Führer waren aus der Internationale ausgetreten. Der auf der Londoner Konferenz neu gebildete Föderalrat geriet bald mit dem Generalrat in heftigen Konflikt, und innerhalb des Generalrats bildete sich eine Mehrheit und eine Minderheit heraus, die miteinander im offenen Kriege lagen. Eccarius hatte seinen Posten als Generalsekretär aufgegeben und sich mit Marx wegen der Beschuldigung, mit amerikanischen Föderalisten zu konspirieren, überworfen. Jung war mit Engels, der seit 1870 in London lebte und dem Generalrat angehörte, in heftigen Konflikt geraten. Und Hales, der neue Generalsekretär, setzte sich als Leiter des neubegründeten Föderalrates von London hinter dem Rücken des Generalrats mit der spanischen Föderation in Verbindung, die auf dem Boden der Allianz stand und Lafargue, den Schwiegersohn von Marx, ausgeschlossen hatte. Das Zentrum und Hauptquartier der Internationale war ebensosehr von inneren Krisen wie von äußeren Angriffen bedroht.
Unter diesen wenig günstigen Auspizien wurde der Kongreß der Internationale auf den 2. September 1872 nach Haag einberufen. „Auf dem internationalen Kongreß handelt es sich um Leben und Tod der Internationale“, schrieb Marx an Kugelmann, „bevor ich austrete, will ich sie wenigstens vor den auflösenden Elementen schützen. Deutschland muß also so viel Repräsentanten haben als möglich. Schreib an Hepner, daß ich ihn bitte, Dir ein Mandat als Delegierter zu besorgen.“ Marx bereitete also die Zusammensetzung des Kongresses wiederum planvoll vor. In einer entscheidenden Schlacht wollte er über Bakunin endgültig siegen. Dann wollte er alle gefährlichen Elemente aus der Internationale ausscheiden. Und nachdem dieses Reinigungswerk getan, wollte er von seiner Stellung im Generalrate zurücktreten.
Es erschienen 67 Delegierte. Zwei Mandate wurden als ungültig zurückgewiesen. Marx selbst, zum ersten Male auf einem Kongreß der Internationale, erschien als Vertreter des Generalrats und hatte außerdem drei Mandate (Mainz, Leipzig und Neuyork). Auch Engels, obgleich Mitglied des Generalrats, verfügte über zwei Mandate (Breslau und Neuyork). Unter diesen Umständen war es nicht schwer, für Marx eine Mehrheit zustande zu bringen, zumal die italienischen Anhänger Bakunins darauf verzichtet hatten, den Kongreß überhaupt zu beschicken. Der Sieg war für Marx entschieden, bevor der Kampf begonnen hatte. Bakunin war nicht persönlich anwesend. Die Sache der Jurassier vertrat James Guillaume.
Über die Beschlüsse des Kongresses, der erst am vierten Tage zu den eigentlichen Verhandlungen kam, ist zu sagen: die diktatorischen Vollmachten des Generalrats wurden nicht nur aufrecht erhalten, sondern sogar — auf besonderes Verlangen von Marx, der dafür in längerer Rede eintrat — mit 36 gegen 6 Stimmen bei 15 Enthaltungen erheblich erweitert. Des weiteren wurde der Sitz des Generalrats — weil Marx und Engels seine Besetzung durch Blanquisten befürchteten — von London nach Neuyork verlegt („Aufgefordert, ihre Pflicht zu tun, versagte die Internationale. Sie entwischte der Revolution und entfloh über den Atlantischen Ozean“ — schrieben die enttäuschten französischen Delegierten in einem Flugblatt). In der Frage der politischen Aktion gelangte eine Resolution zur Annahme, die „die Konstituierung der arbeitenden Klasse zu einer politischen Partei“ als „unerläßlich“ erklärte und „die Erwerbung der politischen Gewalt“ als „die große Pflicht des Proletariats“ bezeichnete. Schließlich untersuchte eine Kommission, die hinter verschlossenen Türen tagte, den Konflikt mit der Allianz. Die Kommission, vor der als Verteidiger zu erscheinen Guillaume sich weigerte, stellte fest, daß die Allianz als geheime Verbindung in der Internationale bestanden habe, daß Bakunin dafür verantwortlich zu machen sei und — daß Bakunin „sich des ganzen oder eines Teiles des Vermögens von einem andern zu bemächtigen“ versucht habe, „welche Handlung eine Tat der Gaunerei“ sei. Auf Grund dieser Feststellungen beantragte die Kommission beim Kongreß den Ausschluß Bakunins, Guillaumes und Schwitzguebels aus der Internationale. Der Kongreß beschloß daraufhin in namentlicher Abstimmung den Ausschluß Bakunins mit 27 gegen 7 Stimmen bei 8 Enthaltungen und Guillaumes mit 25 gegen 9 Stimmen bei 9 Enthaltungen.
Marx hatte über den verhaßten Gegner gesiegt. Nicht nur, daß er das Band politischer Kampfgenossenschaft zwischen sich und ihm zerschnitt, er mußte seinem Haß und seiner Rache noch besonders Ausdruck geben, indem er Bakunin als Gauner und Dieb infamierte. Bakunin sollte einen Vorschuß von 300 Rubeln für die Übersetzung des Kapital ins Russische nicht zurückgezahlt haben — daraus dreht ihm Marx, ausgerechnet der in tausend dunkle Geldaffären verwickelte Marx, der sein ganzes Leben lang vom Geld anderer gelebt hat, einen Strick.
Marx hatte das gute Recht, den sachlichen Sieg einer Politik zu betreiben, von der er überzeugt war, daß sie — und nur sie allein — zur Befreiung des Proletariats führe. Er war auch durchaus im Recht, wenn er die Internationale aufbot, um sich von Bakunin zu befreien. Denn Bakunin war ein erklärter Gegner dieser Politik und setzte alles daran, sie zu durchkreuzen und zu entwerten. Aber daß Marx, um zu diesem sachlichen Triumphe zu kommen, sich des schändlichen Mittels einer persönlichen Beschmutzung und Infamierung bediente, ist ein vernichtendes Verdikt — nicht gegen Bakunin, sondern gegen Marx. Hier zeigt sich der verhängnisvolle Zug seines Wesens, alle Fragen der Politik, der Arbeiterbewegung, der Revolution unter dem Gesichtswinkel seiner persönlichen Geltung zu sehen, in abschreckendster Kraßheit. Daß ein Konzil internationaler Revolutionäre, jeden Augenblick bereit, die Welt des Privateigentums und der Bürgermoral in die Luft zu sprengen, auf die Denunziation ihres Führers hin einen der genialsten, heroischsten und faszinierendsten Revolutionäre, die die Geschichte kennt, in die Wüste der Verdammnis schickte, weil er sich am bürgerlichen Eigentum vergriffen haben sollte — das ist einer der blutigsten Treppenwitze der Weltgeschichte.
Ein so erfochtener Sieg konnte keine Früchte tragen. In dem Augenblicke, da man die nationalen Arbeiterorganisationen als politische Parteien auf die Beine stellte und ihnen im Rahmen der jeweiligen Staatspolitik ihr Arbeitsgebiet anwies, gab es für die Internationale keine Existenzberechtigung mehr. Denn die nationale Selbständigkeit der Arbeiterparteien konnte das Gebundensein an die Intentionen einer außernationalen Zentrale zunächst nur als Hemmnis ihrer Entwicklung empfinden. Bakunin hatte das vorausgesehen. „Ich halte Herrn Marx“, schrieb er im Oktober 1872 an die Brüsseler Liberté, „für einen sehr ernsthaften, wenn auch nicht immer sehr aufrichtigen Revolutionär, der wirklich die Erhebung der Massen wünscht, und ich frage mich, wie es zugeht, daß er nicht sieht, daß die Errichtung einer universellen, kollektiven oder individuellen Diktatur, die gewissermaßen die Arbeit eines Chefingenieurs der Weltrevolution ausführt, die insurrektionelle Bewegung der Massen in allen Ländern wie eine Maschine regulierend und lenkend — daß, sage, ich, die Errichtung einer solchen Diktatur allein genügen würde, alle Volksbewegungen zu lähmen und zu verfälschen? Welcher Mann, welche Gruppe Männer von noch so großem Genie wagen es, sich zu schmeicheln, daß sie die ungeheure Menge von Interessen, Tendenzen und Handlungen, die in jedem Lande, jeder Provinz, jeder Lokalität, jedem Berufe so verschieden sind und deren ungeheures Ensemble, vereinigt, aber nicht gleichförmig gemacht durch eine große gemeinsame Aspiration und einige jetzt in das Bewußtsein der Massen übergegangene Grundprinzipien, die künftige soziale Revolution bildet — daß sie dieses ungeheure Ensemble auch nur umfassen und verstehen könnten.“
In der Tat verlor Marx je länger je mehr die Fäden der politischen Verbindung und revolutionären Führung, wie sie die Internationale geknüpft hatte, fast völlig aus den Händen. Die Verlegung des Generalrats nach Neuyork erwies sich als ein glatter Fehlschlag. In London bildete die Internationale nur noch einen Trümmerhaufen, um dessen Beherrschung sich ein ganzer Schwarm von zwerghaften Potentaten in endlosem Hader balgte. Marx entging dabei nur mit knapper Not dem rächenden Geschick, aus der Internationale ausgeschlossen zu werden, und mußte nach dem letzten Kongreß der Internationale, der am 8. September 1874 in Genf begann und zu dem man die Hälfte der dreißig Delegierten „gleichsam aus der Erde gestampft“ hatte, nicht nur das völlige Fiasko dieses Kongresses, sondern auch den Zusammenbruch der Internationale eingestehen.
Aber Marx brachte es nicht über sich, von der Bühne abzutreten, ohne noch einen letzten Unflat gegen Bakunin geschleudert zu haben. Der Haager Kongreß hatte die Kommission, die das Material gegen Bakunin beriet, mit der Veröffentlichung ihrer Untersuchung beauftragt. Da aber die Kommission ihren Auftrag nicht erfüllte, übernahm Marx mit Engels und Lafargue die Bearbeitung. Die Denkschrift erschien unter dem Titel: Die Allianz der sozialistischen Demokratie und die Internationale Arbeiter-Assoziation — ein übles Pamphlet, in dem fast jede Zeile eine Entstellung, jede Behauptung eine Unrichtigkeit, jedes Argument eine Fälschung und jedes Wort eine Unwahrheit ist. Sie dokumentiert in erschreckender Weise, wie sehr ein jahrelanger, von Eitelkeit, Haß und Machthunger vergifteter Rivalitätskampf das polemische Genie, das in Marxens frühen Schriften so wunderbar strahlte, korrumpiert und verwildert hatte. Selbst Mehring, der gegen Marx in allen Stücken ein milder und nachsichtiger Richter ist, stellt diese Schrift unter allem, was Marx und Engels veröffentlicht haben, „auf die unterste Stufe“.
Bakunin, ein leidender Greis an der Pforte des Todes, enttäuscht, zerbrochen, verbittert, hat diese Schrift nur mit schmerzlicher Resignation beantwortet. „Diese neue Broschüre“, schrieb er an die Redaktion des Journal de Genève, „ist eine formelle Denunziation, eine Gendarmendenunziation gegen eine unter dem Namen Allianz bekannte Gesellschaft. Von einem wütenden Hasse hingerissen fürchtete Herr Marx nicht, sich selbst zu ohrfeigen, indem er öffentlich die Rolle eines anzeigerischen und verleumderischen Polizeiagenten übernahm. Das ist seine Sache, und da dieses Metier ihm paßt, möge er es ausüben... All das hat mir tiefen Ekel vor dem öffentlichen Leben erweckt. Ich habe genug davon, und nachdem ich mein ganzes Leben im Kampfe zugebracht habe, bin ich müde... Mögen andere, jüngere sich an die Arbeit machen; was mich betrifft, fühle ich nicht mehr die Kraft in mir und vielleicht auch nicht das nötige Vertrauen, um länger den Sisyphusstein gegen die überall triumphierende Reaktion zu rollen. Ich ziehe mich also aus der Kampfbahn zurück und verlange von meinen lieben Zeitgenossen nur eines, Vergessenheit.“Als Bakunin am 1. Juli 1876 starb, war von der Internationale keine Spur mehr übrig.
Die große Leistung
Die peinlichen Empfindungen, die der von Marx gegen Bakunin geführte Bruderkrieg in uns auslöst, und die moralischen Verdikte, die das unkameradschaftliche Verhalten Marxens provoziert, dürfen nicht täuschen über die Außerordentlichkeit der Leistung, die sich in der Schöpfung der Internationale darstellt, und die epochale Bedeutung, die ihr zukommt.
Denn wenn es auch die ökonomische Situation war, die in den sechziger Jahren in ganz Europa die von ihr erzeugten und auf den Plan geworfenen Proletariermassen nach Erweckung und Aufrüttelung verlangen ließ, so war doch der alarmierende Weckruf ein genialer Entschluß im Kopfe von Marx und die Mobilisation der Erweckten durch den Ansporn der internationalen Fühlungnahme eine historische Tat, die für alle Zeit mit seinem Namen verknüpft bleibt. In der großen Perspektive der Geschichte ist es von untergeordneter Bedeutung, nach welcher Tonart und in welchen Rhythmen die Fanfarenstöße der Erweckung erklangen. Und es interessiert heute nur noch den Chronisten, was an den Programmen und Statuten der ersten Arbeitsbataillone richtig und falsch, tauglich und untauglich war. Daß Marx mit klarem, sicherem Blicke die theoretische und organisatorische Leitlinie erkannte, die befolgt sein wollte, erhöht die Bewunderung, die wir seinem Scharfsinn und Weitblick schulden. Und daß er mit energischer Hand alle Verwirrungen, Ablenkungen und Fehlführungen verhütete, war zweifellos ein Verdienst, weil er damit dem Proletariat gefährliche Umwege und deprimierende Enttäuschungen ersparte. Wollte Marx die Aufgabe erfüllen, von der er meinte, daß sie seine historische Sendung sei, mußte er unbekümmert um Gefühle und Sentimentalitäten, Ehre und Moral, Freundschaftsbande und Herzensneigungen gradlinig, rücksichtslos und brutal seine Bahn gehen. Wenn er dabei, gemessen an den Maßstäben überlieferter Moral, vieles oder alles an Tugenden und Charakterwerten verlor, was sie als Attribute schöner Menschlichkeit deklariert, so war dies gewiß das größte Opfer, daß Marx selbst dem Siege seiner Erkenntnis brachte. Denn nicht das war das Ziel seines Bemühens und Kämpfens: ein edler, sittlich einwandfreier, in allen Tugenden glänzender Mensch zu sein, sondern vielmehr: im Widerstreit der bewegenden Kräfte seiner Zeit den Triumph der geistigen Führung davonzutragen. Es handelte sich um den Sieg des Kopfes über das Herz, um die Überlegenheit des Intellekts in der Gestaltung des Lebens und der menschlichen Dinge.
In diesem Punkt erweist sich Marx durchaus als der typische Repräsentant der Epoche, der er entstammt und in der er wirkt.Das bürgerliche Zeitalter ist ideologisch gekennzeichnet durch die höchste Entfaltung des Individualismus. Die bis dahin noch in Sippentraditionen, Feudalresten, Gemeinschaftsbindungen aller Art verstrickte Individualität wurde an seiner Schwelle durch die emanzipierende und isolierende Macht des Geldes definitiv zu völliger Selbständigkeit und Schrankenlosigkeit befreit. Das reine Ich, die absolute Persönlichkeit wurde — nicht vereinzelt mehr, in besonderen Exemplaren, sondern als Massenerscheinung — geboren. Ein Mann wie Fichte, der klassische Vertreter des philosophischen Individualismus, trank zum ersten Male in seinem Leben Champagner, als sein Söhnchen sein erstes „Ich“ aussprach. Im Ich liegt die letzte, unbedingte, definitive Absage an die Gemeinschaft. Die Persönlichkeit wird zum alleinigen Herrn der Welt und spiegelt sich im Bilde der Gottähnlichkeit.
Aber die äußerste Isolation, weil sie alle Bindungen an die Mitmenschen zerschneidet und aufhebt, bedeutet auch die äußerste Gefährdung und damit die höchste Form der Unsicherheit. Die Gemeinschaftswelt begegnete jeder Gefahr und Unsicherheit mit den Mitteln des Gemeinschaftswirkens. Als das Individuum erwachte und sich vom Kollektivum ablöste, mußte es, um sich im Zustande stärkeren Gefährdetseins zu behaupten, in sich selbst alle Kräfte der Abwehr, alle Fähigkeiten der Sicherung, alle Mittel der Existenzbehauptung steigern und entfalten. Darüber hinaus gewann es mit Hilfe von Affekten, Gefühlen, Stimmungen, unter Zuhilfenahme von Phantasie, Suggestion und Ekstase gelegentliche Bindungen zu vorübergehenden oder auch nur scheinbaren Gemeinschaften. Mit der endgültigen Konstituierung des Individuums aber, der bedingungslosen Isolierung, verloren auch diese Behelfe ihre Kompaktheit und Tragkraft. Das Individuum, ganz auf sich selbst gestellt, mußte zu seiner Behauptung die letzten Reserven seiner Energie entbinden und aufwenden. Es gab den Intellekt frei und machte ihn zur stärksten Säule seiner Sicherung.
So setzt die bürgerliche Phase ein mit der starken Tendenz zur Intellektualisierung und Rationalisierung. In der Welt der Erscheinungen und Beziehungen bekommt je länger je mehr nur noch das Geltung zugemessen, was vor dem Intellekte besteht. Die Religion, bis dahin menschliches Erlebnis, das sich im Werke niederschlug, wird durch Luther zum baren Glauben rationalisiert. Die Natur, die Schöpfung Gottes und ein Paradies der Wunder und Geheimnisse, wird von der Wissenschaft aufgeschlossen, ausgemessen, eingeteilt, unter die Herrschaft von Gesetzen gestellt und der Technik zur Ausbeute überliefert. Die Gesellschaft, bis dahin der menschlichen Betrachtung ein harmonisches Gebilde von Wille und Werk, Bedarf und Leistung, Notwendigkeit und Tat, verfällt als Objekt dem forschenden, analysierenden und theoretisierenden Menschenverstande, wird als System fixiert, als Entwicklungsphase etikettiert und in der Gesetzmäßigkeit ihrer Dynamik rationalisiert. Und der Sozialismus, als die große Hoffnung und der faszinierende Traum einer totalen Befreiung aus schwersten und allgemeinsten Lebensnöten, bis dahin das Werk menschlicher Hingabe und Arbeit, das Resultat selbstloser Bereitschaft, aufopferungsvoller Erziehung, edelmütigen Eifers und schrankenloser Entfaltung aller Seelenkräfte — dieser Sozialismus der Utopisten, der phantastischen Schwarmgeister und reinen Toren, er wird zum Gegenstand einer logischen Beweiskette, zum Ergebnis eines in seiner Gesetzmäßigkeit zu kontrollierenden historischen Ablaufsprozesses, zum Objekt einer intellektualistischen Erfassung und Konstatierung, zum Produkt einer naturgegebenen, wissenschaftlich beweisbaren Notwendigkeit.
So führt von Luther über Fichte, Adam Smith, Humboldt und Darwin eine gerade Linie zu Karl Marx. Es ist nicht unwichtig, sich daran zu erinnern, daß Marx in England lebte. Hier hatte sich die Wirtschaft bereits zu hochkapitalistischen Formen entwickelt. Hier bildete sich zuerst die politische Ökonomie, als typische Wissenschaft des kapitalistischen Zeitalters, heraus. Hier schuf die utilitarische Pilosophie den weltanschaulichen Mantel für die kapitalistischen Interessen. Hier trat der Liberalismus als politische Doktrin des Kapitalismus auf. Hier wendete denn auch Marx zum ersten Male die Methoden des bürgerlichen Intellektualismus auf das Problem des sozialen Geschehens an. Ihm hört zum ersten Male der Sozialismus auf, eine Sache des Glaubens, der Hoffnung, der Phantasie, des Traumes und der menschlichen Schöpferwillkür zu sein. Seine rationalistische Forschung vermittelt Einblicke in das Bewegungsspiel der Geschichte und die Struktur sozialer Phänomene, wie das Messer des Anatomen in die Funktionen des Körpers, die Formel des Mathematikers in das Mosaik der Zahlen, das Mikroskop des Biologen in die Lebewelt der Zellen, die Analyse des Chemikers in die Mysterien der Substanzen. Gefühle, Herztöne, Regungen der Seele und ethische Postulate haben nicht mehr mitzusprechen. Das Reich der Phantasie ist ausgeschaltet. Alles gemeinhin Menschliche hat seinen Kurswert verloren. Wie in der Welt der Waren nur noch die bare Zahlung gilt, so in der Welt der gesellschaftlichen Formen und Beziehungen nur noch das exakt Beweisbare, das wissenschaftlich Bewiesene, in der Welt der Ideologien nur der Begriff als die vom Intellekte geprägte Münze. Der Sozialismus wird damit zum Schlußstück einer Beweiskette, deren Glieder nach den Gesetzen der Logik aneinandergereiht sind; zum Z eines Alphabets, das mit A beginnt; zum Niederschlag eines Gärungsprozesses, der nach einer konstatierten Formel verläuft; zum unbekannten X einer Aufgabe, das mathematisch errechnet werden kann. Damit wird der Sozialismus aus den Niederungen der Mystik, der Utopisterei, des Chiliasmus, des naiven Erlösungsglaubens in die Sphäre der Wissenschaftlichkeit erhoben. Er verläßt das Reich der Religiosität, der Sektenmagie, der Charlatanerie und sozialen Kurpfuscherei und erhält die Weihen der approbierten Geistigkeit, die Legitimation der akademischen Gesellschaftsfähigkeit. Er stellt sich — Bein vom Bein und Geist vom Geiste der anerkannten Wissenschaftlichkeit — auf die gleiche Ebene mit der Naturwissenschaft.
Diese wissenschaftliche Nobilitierung des Sozialismus vollbracht zu haben ist die ungeheure Leistung von Marx. Ihr hat er die längste Zeit, die reifste Kraft und den zähesten Fleiß seines Lebens gewidmet. Während er seiner praktischen Aufgabe, der Internationale, nur die gespaltene Aufmerksamkeit und Energie eines knappen Jahrzehnts zuwandte, hat er an die Lösung seiner theoretischen Aufgabe die intensivste Hingabe und unermüdliche Bienenemsigkeit von fast vier Jahrzehnten gesetzt.
Die Internationale hatte ihre Rolle, als Vehikel der Arbeiterbewegung zu wirken, bald wieder ausgespielt, nachdem ihr Zweck erfüllt war.
Die sozialistische Theorie aber hat ihre Rolle, als geistiges Ferment der Bewegung zu wirken, erst begonnen, als die Massen bereits in Marsch gesetzt waren. Und sie hat, machtvoll und unablässig weiterwirkend bis zu dieser Stunde, dem Proletariat zu einem Aufstieg verholfen, der es zu einem entscheidenden Faktor der Geschichte gemacht hat.
Als Marxismus hat die Theorie von Marx die unbestrittene Überlegenheit über alle andern sozialistischen Theorien gewonnen und Lebensrichtung wie Kampfführung des modernen Proletariats entscheidend beeinflußt. Sie ist zur fast einzigen heute maßgebenden und im Erlebnisse realisierten revolutionären Orientierung der proletarischen Klasse geworden.
Der erste Ankergrund dieser Orientierung ist gegeben in der materialistischen Geschichtsauffassung.
Die materialistische Geschichtsauffassung
Den ersten skizzenhaften, aber schon geschlossenen Entwurf der wissenschaftlichen Formulierung und Darstellung des Sozialismus lieferte Marx im Kommunistischen Manifest. Dieser Entwurf läßt erkennen, wie weit der Plan, ein großes nationalökonomisches Werk über die kapitalistische Produktionsweise zu schreiben, bereits gereift war. Einen Teilbetrag fügte Marx dem Entwurfe zu in dem Vortrage über Lohnarbeit und Kapital, den er im kommunistischen Arbeiterverein in London hielt. Dies ist ein Stück aus den Vorarbeiten, die er Anfang der fünfziger Jahre begonnen hatte und die, oft unterbrochen oder durch Umdisponierungen verzögert, erst 1858 soweit gediehen waren, daß Marx mit der Ausarbeitung beginnen konnte. 1859 lag das Werk vor mit dem Titel Kritik der politischen Ökonomie.
An diesem Werk interessiert uns zunächst nur die Vorrede, weil Marx in der Übersicht über seinen wissenschaftlichen Entwicklungsgang, die er hier gibt, sich zum ersten und einzigen Male zusammenhängend über die von ihm begründete Methode der materialistischen Geschichtsauffassung ausspricht.
„Meine Untersuchung der Hegelschen Rechtsphilosophie“, so führt er aus, „mündete in dem Ergebnisse, daß Rechtsverhältnisse wie Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind, noch aus der sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln, deren Gesamtheit Hegel, nach dem Vorgange der Engländer und Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts, unter dem Namen ‚bürgerliche Gesellschaft‘ zusammenfaßt, daß aber die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft in der politischen Ökonomie zu suchen sei... Das allgemeine Resultat, das sich mir ergab und, einmal gewonnen, meinen Studien zum Leitfaden diente, kann kurz so formuliert werden: In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktionskräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein des Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktionskräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten. So wenig man das, was im Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoße der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet, wird sie stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind. In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformen bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinne von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.“
In diesen Sätzen sind die Grundgedanken der materialistischen Geschichtsauffassung in klassischer Darstellung präzisiert. Die idealistische Geschichtsbetrachtung, die im Weltgeschehen das Walten eines unerforschlichen göttlichen Ratschlusses, die Auswirkung eines objektiven Weltgeistes oder die Leistung heroischer, überlebensgroßer, gottbegnadeter Persönlichkeiten sah, war damit überwunden und beiseite gestellt.
Diese Wandlung stand im Zusammenhange mit der großen Wandlung im gesellschaftlichen Leben. In einer Welt, die dazu überging, unter den Händen der Menschen alle Dinge in Waren zu verwandeln und allen Erscheinungen des Geistes- und Seelenlebens Dinghaftigkeit zu verleihen, mußte die Idee als tragende Basis der Geschichte je länger je mehr ihre Geltung verlieren. Wenn, wie in England greifbar deutlich, hinter den Thesen der Philosophie, den Postulaten der Ethik und Doktrinen der Politik die materiellen Interessen der kapitalistisch wirtschaftenden Bourgeoisie standen, so lag es nahe, in den ökonomischen Interessen überhaupt die Grundlage alles Geschehens, aller Veränderungen der Geisteswelt und aller Ablaufsphasen der Geschichte zu suchen.
Marx sah sich durch die Erfahrungen in der Welt, die ihn umgab, täglich darüber belehrt, in wie hohem Maße das ökonomische Element die Erscheinungen des Lebens bedingt und die Handlungen der Menschen motiviert. Er kannte auch Saint-Simon und Adam Smith, die in ihren Theorien bis hart an die Grenze der materialistischen Geschichtsauffassung gelangt waren. So war er sich bald klar darüber geworden, daß in der Ökonomie die „bewegende Grundkraft“ der Geschichte zu erblicken sei, und zwar in dem Sinne, daß die Entwicklung der Ökonomie den Wandel der Gesellschaftsverfassungen, Staatsformen, Sozialgebilde, Ideologien und Ideale veranlaßt, bedingt und nach sich zieht. Die Veränderungen, die die Menschen in der Art ihres Wirtschaftens, ihrer materiellen Lebensfürsorge durchmachen, setzen sich um in Veränderungen ihrer Gesellschaftsformen, Rechtsinstitutionen, Staatsgrundsätze, ihrer wissenschaftlichen Systeme, Moralbegriffe, Kunstideale. Oder wie das einfache anschauliche Schema lautet: auf dem ökonomischen Unterbau erhebt sich der entsprechende soziale und ideologische Überbau der jeweiligen Epoche.
Den sogenannten Unterbau finden die Menschen zum Teil als naturgegeben vor: Klima, Bodenfruchtbarkeit, Wasser, Erdschätze. Dazu kommt die überlieferte Technik, mit der die Menschen auf die vorgefundenen natürlichen Produktivkräfte einwirken, um sie für die Zwecke und Absichten ihrer Sicherung brauchbar zu machen. Hierfür ist aber nötig, daß die Menschen eine weitere Gegebenheit mitbringen: ihre mehr oder weniger entwickelte Arbeitskraft, ihre Formfähigkeit, ihren Geist, ihre Sprache, ihr Vorstellungsvermögen, ihre Seele. Natürliche und menschliche Kräfte verbinden sich zur Wirkung; ihr konkreter Ausdruck sind die Produktionsverhältnisse. Der Sinn der Produktion, die sich mit den Mitteln der Produktivkräfte im Gefäß der Produktionsverhältnisse vollzieht, ist die Bewältigung der Erde im Interesse der Menschen und ihrer Sicherstellung gegenüber den Mächten, die ihre Existenz bedrohen. Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse stehen zueinander im Wechselspiele der gegenseitigen Bedingtheit. Die einen sind kein totes Material und die anderen kein starres Gerüst. Ihr Leben entzündet sich, ihre Formen wandeln sich, ihre Inhalte befruchten sich immer wechselseitig im dialektischen Prozeß.
Die Vollstrecker dieses Prozesses sind die Menschen. Und die Menschen vollstrecken den Prozeß nicht als leblose Maschinen, sondern mit lebendigem Bewußtsein. Dieses Bewußtsein empfängt die Direktiven seines Verhaltens aus den Notwendigkeiten des Prozesses. Dann aber wirkt es gestaltend und planvoll wiederum auf den Prozeß zurück. So wird das Ideenleben der Menschen zum Abbild der bewegten Wirklichkeit. Und in die Wirklichkeit fallen Reflexe aus dem Ideengehalte des menschlichen Bewußtseins. Religion, Wissenschaft, Moral, Politik, Gesetzgebung, Erziehung, Kunst empfangen ihre Inhalte und Formen aus der Zeugungskraft der materiellen Bedingungen und ökonomischen Notwendigkeiten ihrer Zeit. Sie formen Bilder, entwerfen Systeme, fixieren Werte, richten Postulate auf und setzen Ideen in das Bewußtsein der Menschen. Und diese geistige Welt, selbst erst Folge, wird wiederum Ursache. Sie strahlt eine wandelnde, formende, ordnende Kraft aus und wirkt so mitgestaltend im Lebensraume der ewig auf ihre Sicherung bedachten Menschen.
Die materialistische Geschichtsauffassung hat sich nie in der groben Banalität erschöpft, daß allein der Bauch, die Sorge um die materiellen Bedürfnisse des Magens, die treibende Kraft in der Geschichte sei. Wohl aber ist sie ausgegangen von der elementaren Erkenntnis, daß der Mensch, wie dies Engels am Grabe von Marx ausdrückte, zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden muß, ehe er Philosophie, Religion, Wissenschaft und Kunst treiben kann.
Die materialistische Geschichtsauffassung ist nie in die Einseitigkeit der Behauptung verfallen, daß die Ökonomie die einzige und alleinige Wurzel alles geschichtlichen Geschehens sei. Wohl aber hat sie immer mit Nachdruck betont, daß die Ökonomie unter allen geschichtsbildenden Faktoren die letzte Instanz darstellt.
Die materialistische Geschichtsauffassung hat nie der platten Vorstellung jenes mechanistischen Materialismus gehuldigt, der das bewegende Element der Geschichte aus der toten Stofflichkeit von Sachen abzuleiten sucht und in der Welt des Seins und Geschehens keinen Raum für die Funktionen einer Seele kennt. Im Gegenteil, Marx hat die irreführende Halbheit und das metaphysische Aufkläricht des sogenannten Naturalismus aufs schärfste bekämpft und abgelehnt, besonders in den Thesen über Feuerbach. Zum Träger der Entwicklung hat er statt der leblosen Dinge den lebendigen Menschen gemacht.
Die materialistische Geschichtsauffassung hat nie den Einfluß des Geistes geleugnet, die Macht von Ideen ignoriert, die Bedeutung des Seelischen im Ablaufe der Geschichte unterschätzt. Im Gegenteil, sie hat mit dem lebendigen Menschen zugleich alles ihm Zugehörige, also auch Seele, Geist, Bewußtsein und Ideen, in seiner geschichtsbildenden Kraft anerkannt und gewürdigt. Nur dagegen hat sie sich zur Wehr gesetzt, daß die Phänomene der reinen Geisteswelt als „absolute Idee“, „sittliches Ich“ oder dergleichen, wie dies der deutsche Idealismus tat, primär und abstrakt als Angelpunkt der geschichtlichen Entwicklung gesetzt werden. Für sie steht weder die Idee, noch die Materie am Anfang; ihr ist alles Leben unauflösliches und ewig bewegtes Verflochtensein und wechselseitiges Bedingtsein von Kraft und Stoff, totalitäre Einheit. Und der Mensch, als Mittelpunkt dieses Lebendigen, ist ihr der auf seinesgleichen in unzähligen Beziehungen bezogene, der vergesellschaftete Mensch.
Den Sozialisten vor Marx war der Sozialismus kein Entwicklungsprodukt, kein Resultat eines historisch-dialektischen Prozesses, sondern die Verwirklichung einer ethischen Forderung, die ästhetisch oder humanitär-philanthropisch orientierte Konstruktion eines im Gehirn erschaffenen Projekts. Sie brauchten für ihren Sozialismus als Ausgangsbasis eine Ethik, Philosophie, Philanthropie, Psychologie oder Ästhetik, aber keine Geschichte, keine Geschichtsbetrachtung. Für ihren Bedarf genügte es auch zu wissen, daß es Armut gab und daß die Armut von der Ausbeutung komme. Darum reichte für sie die Theorie der politischen Ökonomie, wie sie Ricardo vertrat, vollständig aus. Ricardo konstatierte, daß der Kapitalismus auf Ausbeutung und darum auf Ungerechtigkeit beruhe. Sein Scharfblick erkannte auch bereits im kapitalistischen System die grundsätzliche Gegebenheit schwerer Konflikte, ja er rechnete selbst mit dessen schließlichem Zusammenbruche. Gleichwohl kam ihm niemals der Gedanke an die Beseitigung des Systems. Noch ferner lag ihm die Annahme, daß die Beseitigung das Resultat einer inneren zwangsläufigen Entwicklung der Ökonomie in Verbindung mit dem Klassenkampfe sein könne.
Für Marx lautete die Problemstellung ganz anders. Lehrte die materialistische Geschichtsauffassung, daß Gesellschafts- und Staatsformen, soziale Einrichtungen, menschliche Verhaltungsweisen und Ideen in der charakteristischen Struktur und Ausprägung einer bestimmten Epoche abhängig sind von ihren eigentümlichen ökonomischen Verhältnissen und daß sie darin die Bedingungen ihrer Realisierung finden, so mußte Marx den Nachweis der sozialökonomischen Folgerichtigkeit des Sozialismus erbringen und zu diesem Zwecke die Ökonomie studieren. Und zwar die Ökonomie seiner Zeit, des industriellen Kapitalismus, die sozusagen den Mutterschoß des Sozialismus bildet. Er mußte untersuchen und feststellen, ob sich aus der Entwicklung des Kapitalismus organisch und notwendig die ökonomische Basis und damit die Voraussetzung für die Existenzmöglichkeit, ja Existenznotwendigkeit des Sozialismus ergibt. Er mußte den Sozialismus mittels Geschichte und Ökonomie neu fundieren, den ethisch-ästhetischen Sozialismus durch den historisch-ökonomischen Sozialismus ablösen.
Das Kapital
Die Kritik der politischen Ökonomie war 1859, im Erscheinungsjahre von Darwins Entstehung der Arten, durch Lassalles Vermittlung bei dessen Verleger, Franz Duncker in Berlin, erschienen. Sie war als nationalökonomische Schrift nur eine Vorarbeit für das große Werk, das Marx seit Jahren vorbereitete und dessen endgültige Fertigstellung sich immer wieder hinausschob. „Ich betrachte das System der bürgerlichen Ökonomie“, schreibt er in der Vorrede zur Kritik, „in dieser Reihenfolge: Kapital, Grundeigentum, Lohnarbeit; Staat, auswärtiger Handel, Weltmarkt. Unter den drei ersten Rubriken untersuche ich die ökonomischen Lebensbedingungen der drei großen Klassen, worin die moderne bürgerliche Gesellschaft zerfällt; der Zusammenhang der drei andern Rubriken springt in die Augen... Das Gesamtmaterial liegt vor mir in Form von Monographien, die in weit auseinanderliegenden Perioden zu eigener Selbstverständigung, nicht für den Druck, niedergeschrieben wurden und deren zusammenhängende Verarbeitung nach dem angegebenen Plane von äußeren Umständen abhängen wird.“
Nach dem Erscheinen der Kritik der politischen Ökonomie stellte sich die Darstellung dem überprüfenden Blick als verbesserungsbedürftig heraus. Deshalb entschloß sich Marx, den Inhalt der Schrift noch einmal in das Kapital hineinzuarbeiten. Sie bildet dort den ersten Abschnitt. Dabei handelte es sich nicht um eine bloße Wiederholung, sondern um eine sachliche Vertiefung und redaktionelle Neubearbeitung. „Soweit es der Sachverhalt irgendwie erlaubt,“ sagt Marx selbst darüber im Vorwort des Kapital, „sind viele früher nur angedeuteten Punkte hier weiterentwickelt, während umgekehrt dort ausführlich Entwickeltes hier nur angedeutet wird.“
Mit der Bearbeitung des Kapital war es in all den Jahren nur langsam vorwärtsgegangen. Das ungeheure Material für Geschichte der politischen Ökonomie, das Marx im British Museum in London vorfand, wirkte mehr als fördernd eher erdrückend und hemmend auf die Durchführung der ursprünglichen Disposition. Die häufigen Unterbrechungen infolge Krankheit rissen große Lücken in den Zusammenhang. Die Riesenarbeit für die Internationale raubte einen gewaltigen Teil der Arbeitskraft. Und die ewigen Geldsorgen, Laufereien um Darlehens- und Wechselgeschäfte, Verdrießlichkeiten mit Gläubigern, Pfandleihern, Wucherern und Gerichtsvollziehern schufen keine Stimmung, die einer ruhigen und gesammelten Vertiefung in die Materie förderlich war. „Ich glaube“, schrieb er im November 1864 an Kugelmann, „daß endlich nächstes Jahr meine Schrift über das Kapital (60 Bogen) zum Drucke reif ist.“ Aber er täuschte sich. In einem Briefe an Engels, acht Monate später, heißt es: „Was nun meine Arbeit betrifft, so will ich Dir darüber reinen Wein einschenken. Es sind noch drei Kapitel zu schreiben, um den theoretischen Teil (die drei ersten Bücher) fertigzumachen. Dann ist noch das vierte Buch, das historisch-literarische, zu schreiben, was mir relativ der leichteste Teil ist, da alle Fragen in den drei ersten Büchern gelöst sind, dies letzte also mehr Repetition in historischer Form ist. Ich kann mich aber nicht entschließen, irgend etwas wegzuschicken, bevor das Ganze vor mir liegt. Welche Mängel sie immer haben mögen, das ist der Vorzug meiner Schriften, daß sie ein artistisches Ganzes sind, und das ist nur erreichbar mit meiner Weise, sie nie drucken zu lassen, bevor sie ganz vor mir liegen.“
Am 1. Januar 1866 war Marx so weit, daß er mit der Reinschrift beginnen konnte. Er mußte „bald zu Ende kommen, denn das Zeug lastete wie ein Alp“ auf ihm. Am 15. Januar schrieb er an Kugelmann: „Was meine Schrift angeht, so bin ich jetzt zwölf Stunden per Tag mit ihrer Reinschrift beschäftigt. Ich denke das Manuskript selbst im März nach Hamburg zu bringen und Sie bei dieser Gelegenheit zu sehen“, und am 13. Februar an Engels: „Was dieses ‚verdammte Buch‘ betrifft, so steht es so. Es wurde fertig Ende Dezember. Die Abhandlung über die Grundrente allein, das vorletzte Kapitel, bildet beinahe, in der jetzigen Fassung, ein Buch. Ich ging bei Tag aufs Museum und schrieb nachts.“ Darüber verging unter mühseliger und ununterbrochener Arbeit im Verein mit Geldsorgen, Karbunkeln und Zänkereien in der Internationale das ganze Jahr 1866. Das Buch wurde und wurde nicht fertig. Schon im August 1865 hatte Engels angekündigt: „An dem Tage, wo das Manuskript abgeht, bekneipe ich mich ohne alle Gnade“; aber er mußte warten, warten, denn das Buch war eine schwere, fast qualvolle Geburt.
Endlich, Ende März 1867, kam der langersehnte Tag. „Ich hatte mir vorgenommen,“ schrieb Marx dem Freunde, „Dir nicht zu schreiben, bis ich Dir das Fertigsein des Buches anzeigen könnte, was jetzt der Fall ist.“ Worauf Engels mit einem wahren Freudenschrei antwortete: „Hurra! Dieser Ausruf war nicht zu unterdrücken, als ich endlich schwarz auf weiß las, daß der erste Band fertig ist und Du gleich damit nach Hamburg willst.“
Mit dieser Reise nach Hamburg zwecks Ablieferung des Manuskripts an den Verleger, Otto Meißner, hatte es nun freilich seine Schwierigkeiten. Nicht nur, daß Marx wieder einmal unter der Plage von Karbunkeln litt, es fehlte auch an Geld. „Ich muß nun zunächst“, gestand Marx im Briefe an Engels, „meine Kleidungsstücke und Uhr, die im Pfandhause wohnen, herausnehmen. Ich kann auch kaum meine Familie im jetzigen Zustande verlassen, wo sie ohne einen Pfennig sind und die Gläubiger täglich unverschämter werden“. Aber Engels schaffte Rat: „Damit der nervus rerum nicht fehlt, schicke ich Dir sieben halbe Fünfpfundnoten, zusammen 35 Pfund Sterling... Hoffentlich sind Deine Karbunkel jetzt ziemlich heil und wird die Reise dazu beitragen, sie ganz verschwinden zu machen.“ Mit Manuskript und Geld und ohne Krankheit machte sich Marx schließlich auf die Reise.
Am 12. April kam er in Hamburg an, suchte Meißner auf, einen „netten Kerl, etwas sächselnd“, und brachte „nach kurzem Verhandeln alles in Ordnung“. Es wurde beschlossen, mit der Drucklegung sofort zu beginnen, und Marx erklärte sich bereit, Überwachung des Druckes und Korrekturen der Bogen noch in Deutschland zu besorgen. „Wir kneipten dann und er erklärte sein großes ‚Entzücken‘, meine werte Bekanntschaft gemacht zu haben.“ Darauf fuhr Marx nach Hannover, wo er als Gast im Hause Kugelmanns, eines „grundbraven, aufopferungsfähigen und überzeugten“ Menschen, der als Gynäkolog einen großen Ruf genoß, die beste Aufnahme fand. Dort blieb er bis Ende Mai.
Hierher schrieb ihm Engels einen Brief, der sehr aufschlußreich ist. Er befreite darin sein Herz von den Sorgen, die er all die Jahre um Marx gehabt hatte. Denn die Qualen und Geburtswehen, die das Buch bereitete, waren zuletzt bis an die Grenzen des Erträglichen gegan-
gen. „Es ist mir immer so gewesen“, schrieb er an Marx, „als wenn dies verdammte Buch, an dem Du so lange getragen hast, der Grundkern von all Deinem Pech war und Du nie herauskommen würdest und könntest, solange dies nicht abgeschüttelt. Dies ewig unfertige Ding drückte Dich körperlich, geistig und finanziell zu Boden, und ich kann sehr gut begreifen, daß Du jetzt, nach Abschüttelung dieses Alps, Dir wie ein ganz anderer Kerl vorkommst, besonders da die Welt, sobald Du nur erst wieder einmal hineinkommst, auch nicht so trübselig aussieht wie vorher.“Marx, in Gefühlsdingen karg und zugeknöpft, antwortete darauf nur: „Ohne Dich hätte ich das Werk nie zu Ende bringen können, und ich versichere Dir, es hat mir immer wie ein Alp auf dem Gewissen gelastet, daß Du Deine famose Kraft hauptsächlich meinetwegen kommerziell vergeuden und verrosten ließest und, in dem Kaufe, noch alle meine kleinen Miseren mitdurchleben mußtest.“
Als am 16. August 1867 der letzte (49. Bogen) fertig korrigiert war, atmete Marx mit einem tiefen und dankbaren Seufzer der Befreiung auf und schrieb — zwei Uhr nachts — dem Freunde in Manchester ein paar gefühlvolle und herzliche Worte des Dankes: „Bloß Dir verdanke ich es, daß dies möglich war. Ohne Deine Aufopferung für mich konnte ich unmöglich die ungeheuren Arbeiten zu den drei Bänden machen. Ich umarme Dich dankerfüllt.“
Marx hatte allen Grund, sowohl mit dem Gefühl der Erleichterung aufzuatmen, als auch dem Freunde eine Pflicht des Dankes abzustatten. Denn wenn es wahr ist, was er an Kugelmann schrieb, daß noch nie ein Werk unter so schwierigen Verhältnissen geschaffen worden sei wie das Kapital, so ist sicher nicht weniger wahr: daß noch niemals unter schwierigsten Verhältnissen eine Freundschaft echter, tiefer und hingebungsvoller geleistet worden ist, wie die von Engels an Marx.
Der erste Band
Das Werk erhielt den Titel: Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Daraus geht hervor, daß es seinem Charakter und seiner Bestimmung nach gedacht war als Untersuchung, als sozialwissenschaftliche Analyse. „Was ich in diesem Werke zu erforschen habe,“ sagt Marx im Vorwort, „ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse.“ Der zweite Band sollte den Zirkulationsprozeß des Kapitals und die Gestaltungen des Gesamtprozesses, der abschließende dritte Band die Geschichte der Theorie behandeln. Gegenstand des Gesamtwerks ist also der Kapitalismus.
Unter Kapitalismus ist die Epoche der Wirtschaftsgeschichte und Gesellschaftsentwicklung zu verstehen, in der alles Leben vorwiegend Wirtschaftsleben geworden ist und alle Dinge, Begriffe, Gefühle und Ideen sich in Waren verwandelt haben. Die Analyse des kapitalistischen Wirtschaftssystems muß deshalb mit der Ware beginnen. Da England zu Marxens Zeit die klassische Stätte des Kapitalismus war, entnahm er ihm alle Beispiele zur Illustration seiner Theorie. Aber „das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eigenen Zukunft“. In Deutschland kam die kapitalistische Produktionsweise erst zur Reife, „nachdem ihr antagonistischer Charakter sich in Frankreich und England schon durch geschichtliche Kämpfe geräuschvoll offenbart hatte“.
Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht — so hebt das Werk an — erscheint als eine „ungeheure Warensammlung“, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.
Eine Ware ist ein Bedarfsgut, das, bevor es in den Konsum eingeht, einen Austausch durchmacht. Deshalb wird sie im Hinblick auf den Austausch hergestellt. Sie kommt bereits in vorkapitalistischen Epochen vor. Was die kapitalistische Zeit charakterisiert, ist die Ausschließlichkeit der Warenwirtschaft.
Um auf dem Markt austauschfähig zu sein, muß die Ware einen Tauschwert haben. Dieser Tauschwert ist eine Menge, eine Quantität, zum Unterschied vom Gebrauchswert, der an den natürlichen Eigenschaften der Waren haftet, ihre Gebrauchsfähigkeit bedingt und sich als Qualität darstellt. Die politische Ökonomie hat es ausschließlich mit dem Tauschwerte zu tun. Er drückt das gesellschaftliche Verhältnis aus, in dem die Waren zueinander stehen, und erhält sein Maß durch die Menge der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit, die sich in ihm darstellt. Der Maßstab der Arbeit ist die Arbeitszeit, die unabhängig von allem Individuellen, Einmaligen und Außerordentlichen als gesellschaftliche Durchschnittsarbeitszeit gedacht ist.
Die absolute Feststellung des in einer Ware manifestierten Tauschwerts bleibt praktisch unausführbar. Für die Bedürfnisse der Wirtschaft genügt die relative Feststellung durch Vergleichung. Anfangs vergleichen sich an Hand der Arbeitserfahrung und Schätzung zwei auf dem Markt erscheinende Waren in ihren Tauschwerten gegenseitig. Mit der Zeit treten alle auftauchenden Waren mit ihren Werten in Beziehung zu einer Ware, die ständig als Wertmaßstab dient. Diese Ware, die schließlich allen andern Waren den Aufschluß über ihre normale Geltung vermittelt, wird Geld genannt. Die geprägte Münze fungiert als Symbol für eine fixierte Anzahl gesellschaftlicher Arbeitsstunden, in dem sich der Wert jeder Ware spiegelt. Der Wert, bei der Produktion entstanden, erscheint in der Geldform, infolge Marktschwankungen ein wenig differierend, als Preis.
Mit dem Preisetikett betritt die Ware den Markt. Ihre stoffliche Individualität und Qualität bildet nur den Anreiz zum Tausche. Für die gesellschaftliche Einschätzung ihres Wertes ist sie völlig belanglos. Die Ware ist ein Abstraktum geworden. Einmal der Hand des Produzenten entflohen und ihrer realen Besonderheit ledig, hat sie aufgehört, Produkt zu sein und vom Menschen beherrscht zu werden. Sie hat eine „gespenstige Gegenständlichkeit“ gewonnen und führt ein Eigenleben. „Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, daß sie ein vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken.“ Sie reiht sich, abgelöst vom Willen des Menschen, in eine geheimnisvolle Rangordnung ein, entwickelt oder verweigert Austauschfähigkeit, agiert nach eigenen Gesetzen als Schauspieler auf einer schemenhaften Bühne. In den Börsenberichten „steigt“ Baumwolle, „stürzt“ Kupfer, ist Mais „belebt“, Braunkohle „flau“, Weizen „zieht an“ und Petroleum „entwickelt Tendenz“. Die Dinge haben sich verselbständigt, nehmen menschliches Gebaren an. Und die Menschen ordnen sich den Dingen unter, lassen sich ihr Verhalten diktieren, werden zu Dienern der Warenwelt. Die Ware hat sich in einen Götzen verwandelt, der, obwohl Erzeugnis menschlicher Hand, über den Menschen gebietet. Marx spricht vom Fetischcharakter der Ware. „Dieser Fetischcharakter der Warenwelt entspringt aus dem eigentümlichen gesellschaftlichen Charakter der Arbeit, welche Waren produziert... Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.“
Der Fetischcharakter beeinflußt auch die gesamte Atmosphäre des kapitalistischen Wirtschaftsbereichs. Preisbildung, Konkurrenz, Konjunktur, Geldwert usw. bilden in der Warenwelt geheimnisvolle Phänomone, denen der Kapitalist mit ebenso verständnisloser Ohnmacht gegenübersteht, wie der Wilde im afrikanischen Busche der Laune eines Götzen. Besonders das Geld, dieser „an einer Ware festhaftende Reflex der Beziehungen aller andern Waren“, schwingt sich zur Herrschaft über die Menschen, zur Tyrannei eines Dämonen, zur Usurpation aller Macht über das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben auf. Geld wird Gott.
Geld tauscht gegen Waren von gleichem Werte. Für Geld kann man auch Menschen kaufen. Mehr als dies: Geld verleiht die Fähigkeit, nur Teile des Menschen, Äußerungen menschlicher Lebensfunktionen zu erwerben. Da erscheint z. B. die menschliche Arbeitskraft auf dem Markt und bietet sich als Ware an. Der Inhaber dieser Ware Arbeitskraft ist ein Mensch, der außerdem noch einen Magen mit Hunger hat und diesen hungrigen Magen sättigen muß, wenn er nicht sterben will. Um die Lebensgüter zu erlangen, womit er dem Hunger seines Magens, der Blöße seines Körpers, dem drohenden Untergange seiner Existenz abhilft, muß er in der Zeit der Warenwirtschaft Geld haben; denn alle Lebensgüter sind als Waren nur gegen Geld kaufbar. Also stellt er in Ermangelung aller andern Möglichkeiten, sein Dasein zu fristen, seine Arbeitskraft als Ware zum Verkauf.
Der Käufer der Ware Arbeitskraft zahlt nach der im Tauschverkehre geltenden Regel einen Preis, der etwa ihrem Wert entspricht. Dieser Wert wird bestimmt, wie alle Tauschwerte, nach der Summe ihrer orts- und zeitüblichen Herstellungskosten. Der Aufwand für Nahrung, Kleidung, Wohnung usw., der erforderlich ist, um die menschliche Arbeitskraft täglich zu produzieren und funktionsfähig zu erhalten, stellt ungefähr die Menge der Herstellungskosten dar. Diese bestimmen den Preis der Arbeitskraft, und der Preis heißt Arbeitslohn.
Daß es Menschen gibt, die nichts weiter besitzen als ihre Arbeitskraft, und die keine andere Möglichkeit haben zu leben, als vom Ertrage ihrer verkauften Arbeitskraft, ist ein Resultat der geschichtlichen Entwicklung, wie sie im Kommunistischen Manifest anschaulich geschildert ist. Diese Menschen erscheinen im kapitalistischen Zeitalter zum ersten Male als soziale Kategorie. Sie führen den Namen Proletarier.
Der Proletarier ist ein freier Mensch. Nicht mehr verwurzelt im Boden feudaler Gebundenheit, nicht eingeengt durch Vorschriften des Standes und Konventionen der Herkunft, ledig aller Schranken der Zunft, ist er Herr seiner selbst, verfügt er selbständig über seine Person, seine Arbeitskraft, sein Geschick.
Doch wenn er die Arbeitskraft nicht als Ware verkauft, hat er nur die eine Wahl: zu verhungern. Neben dem Segen der Freiheit steht, sobald er davon Gebrauch macht, unmittelbar und unausweichlich die Verdammnis zum Hungertode.
Da die Arbeitskraft dem Menschen als individuelle Qualität anhaftet und nicht abgetrennt, nicht isoliert verkauft oder in Besitz genommen werden kann, geht nach dem Kaufabschlusse der Mensch als Ganzes in den Besitz des Käufers über. Nicht mit seinem Magen, seinem Hunger und Durst, seinem Ruhebedürfnis, seinen individuellen Wünschen und Ansprüchen, sondern lediglich im Umfange seiner Arbeitskraft. Er ist für den Käufer nicht ein Mensch mit Seele, Gefühl, Individualität, Glück und Unglück, nicht Gottes Ebenbild und Krone der Schöpfung, nicht einmal Seinesgleichen. Er ist ihm nur Arbeitskraft, Arm, Hand, Finger, nur Muskel, Auge, Stimme, nur Arbeitsfähigkeit, Produktionstauglichkeit.
Der Besitzer von Geld, der die Arbeitskraft erwarb, wird faktisch Besitzer der Arbeitskraft, sobald es ihm gelingt, diese durch den Produktionsprozeß von ihrem Träger abzulösen, abzuzapfen. Indem er diesen in eine Werkstätte, Fabrik, an einen Werkplatz führt und ihn nötigt, sich mit Eisen, Holz, Ton, Garn so zweckbewußt zu beschäftigen, daß unter seinen Händen Waren entstehen, bewirkt er die Freisetzung der Arbeitskraft und ihre Kristallisation in Warenwert. Die Arbeitskraft ist vom Rohstoff aufgesogen, konsumiert worden und erscheint mit diesem im Bilde der Ware neu.
Im Verlaufe des Arbeitsprozesses entsteht durch die fortgesetzte Abgabe von Arbeitskraft an Rohstoff eine Menge von Warenwert, der bald der Menge des Geldwerts entspricht, die der Inhaber der Arbeitskraft als Preis für diese in Gestalt von Lohn empfing. Es kommt ein Zeitpunkt, an dem die Arbeitskraftbesitzer und der Geldbesitzer einander quitt sind. Es scheint selbstverständlich, daß an diesem Punkte, wo Leistung und Gegenleistung einander die Wage halten, ihr Verhältnis zu Ende ist und gelöst wird.
Jedoch — der Geldbesitzer und Käufer der Ware Arbeitskraft ist ein Kapitalist. Als solcher bedient er sich des Geldes, um es zu verwerten. Die in einen Produktionsprozeß eingeschossene Summe soll am Ende größer sein als am Anfange. Geld soll mehr Geld hecken. Solches Geld, das, in Bewegung gesetzt, die Eigenschaft seiner Vermehrung, seiner Verwertung gewinnt, heißt Kapital.
Um seinen Zweck zu erreichen, muß der Kapitalist aber sein Geld auf zweifache Weise anlegen. Zunächst hat er die materiellen Voraussetzungen der Produktion zu beschaffen, also für Rohstoffe, Maschinen, Werkzeuge, Betriebsstätten usw. zu sorgen. Das hierin investierte Kapital besitzt nicht die Fähigkeit, von sich aus größer zu werden. Es bleibt wie es ist; darum heißt es konstantes Kapital.
Um die Produktion zu beginnen, muß zum konstanten Kapital menschliche Arbeitskraft hinzutreten. Der Kapitalist kauft sie auf dem Arbeitsmarkt und steckt in sie einen Teil seines Kapitals. Nun entwickelt die Arbeitskraft die geheimnisvolle Eigenschaft, in Verbindung mit Rohstoffen, Maschinen, Werkzeugen usw. sich auszugeben und im Konsum ihren Wert wieder herzustellen. Ja, sie vermag sogar darüber hinaus größern Wert zu schaffen. Weil das in ihr verkörperte Kapital sein Quantum verändert, heißt es das variable Kapital.
Der Kapitalist begnügt sich nicht damit, die Arbeitskraft nur Warenwert in der Menge schaffen zu lassen, die der Menge des in Lohn angelegten Kapitalwerts entspricht. Er will mehr zurückhaben. Um dies zu erreichen, zwingt er den Arbeiter, über die zur Zurückverdienung des Arbeitslohns erforderliche Zeit hinaus noch Arbeitskraft auszugeben. Er verlängert den Wertbildungsprozeß zum Verwertungsprozeß. Dadurch vermehrt sich das Äquivalent um ein Plus. Denn Mehr-Arbeitszeit liefert Mehr-Wert. Der Mehrwert entsteht. Das Kapital hat seinen Zweck erreicht.
Würde der Arbeiter diesen Zusammenhang durchschauen, so würde er sich an dem Punkte, wo der Prozeß der Mehrwerterzeugung beginnt, vielleicht gegen den Kapitalisten zur Wehr setzen. Denn er würde sich übervorteilt fühlen. Als Warenverkäufer, der gleiche Werte tauscht, sieht er sich plötzlich in einen Schuldner verwandelt, der Wert mit Zins zurückgeben, d. h. abdienen soll. Daß mehr von ihm zurückgefordert wird, als man ihm gegeben hat, erscheint ihm ungerecht, als Übervorteilung, Ausbeutung.
Aber sein Protest würde ihm wenig nützen. Denn überall stößt er auf Kapitalisten, die seine Ware Arbeitskraft nur unter der nämlichen Bedingung kaufen. Sie ist in der kapitalistischen Welt überhaupt nur unter dieser Bedingung verkäuflich. Paßt dem Arbeiter diese Bedingung nicht, so kann er den Verkauf seiner Arbeitskraft ja bleiben lassen. Kein Mensch zwingt ihn dazu. Allerdings — muß er dann verhungern. Um dem Hungertode zu entgehen, bleibt ihm nur übrig, die Bedingungen anzunehmen. Der Umstand, daß er der Macht einer Ware — seiner Ware Arbeitskraft und ihren Warengesetzen, ihrem Fetischcharakter — ausgeliefert ist, schreibt ihm die Maxime seines Handelns vor.
Überdies ist der Arbeiter mit seiner Annahme, vom Kapitalisten betrogen und übervorteilt zu sein, im Irrtum. Der Kapitalist hat seine Ware Arbeitskraft nach ihrem vollen Wert ehrlich bezahlt. Ihren Wert hat nicht er bestimmt. Vielmehr hat dieser sich aus der Menge der zu ihrer Herstellung erforderlichen Kosten durch Vergleichung ergeben. Und der auf dem Arbeitsmarkte geforderte Preis, den der Kapitalist als Lohn zahlte, entsprach ungefähr dem Werte der Arbeitskraft. Mit der Lohnsumme hat der Kapitalist dem Arbeiter die Möglichkeit gegeben, nebst seiner Familie einen ganzen Tag zu leben. Dafür fordert er vom Arbeiter die Pflicht, ihm einen ganzen Tag für den Produktionsprozeß zur Verfügung zu stehen.Wenn sich im Verlaufe des Arbeitsprozesses herausstellt, daß der Arbeiter imstande ist, den empfangenen Lohnwert durch seine Leistung in Form von Warenwert bereits in kürzerer Zeit zurückzuvergüten, so ist dies eine Erscheinung, die sich aus dem eigenartigen Charakter der Ware Arbeitskraft ergibt. Die Ware Arbeitskraft besitzt nicht nur die Eigenschaft, wie jede andere Ware konsumtionsfähig zu sein; sie vollbringt das Wunder, indem sie konsumiert wird, mehr Wert zu erzeugen als sie selber darstellt. Sie vermag über die Selbstverwertung hinaus wertbildend zu wirken.
Diese spezielle Eigenschaft der Ware Arbeitskraft ist keine Entdeckung, die etwa erst Marx gemacht hätte. Sie hat sich bereits vor Jahrhunderten der praktischen Beobachtung und Erfahrung ergeben. Auf einer gewissen Entwicklungsstufe der Technik und Produktionsweise stellte sich heraus, daß die Arbeit einen Überschuß über den Verbrauch des Arbeiters abwarf. Dieses Moment wurde Anstoß zu planvoller Verwendung der Arbeitskraft im Hinblick auf Überschuß; es bildete schließlich den Antrieb und die Voraussetzung für die Einführung der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Der Kapitalist machte sich und macht sich noch heute die ungewöhnliche Eigenschaft der Ware Arbeitskraft zunutze. Er monopolisierte ihren Vorteil. Kapitalistisch wirtschaften heißt: zur Erzielung von Mehrwert wirtschaften. Der eigentliche Sinn der Wirtschaft, die Menschen mit Lebensgütern zu versorgen und damit ihre Sicherung zu gewährleisten, tritt in den Hintergrund. „Das Kapital ist nicht nur Kommando über Arbeit, wie A. Smith sagt. Es ist wesentlich Kommando über unbezahlte Arbeit. Aller Mehrwert ist seiner Substanz nach Materiatur unbezahlter Arbeitszeit. Das Geheimnis von der Selbstverwertung des Kapitals löst sich auf in seine Verfügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter fremder Arbeit.“
Der Kapitalist ist dem Arbeiter gegenüber in der glücklichen Lage, der Stärkere zu sein. Da der Arbeiter unter der Drohung des Hungertodes gezwungen ist, seine Arbeitskraft zu verkaufen, kann der Kapitalist die Bedingung stellen, daß er sie nur kauft, wenn der Vorteil ihm zufällt. Den Gewinn des Mehrwerts dankt er der Gunst seiner ökonomischen Position. Die Frage der Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapitalisten kann deshalb nicht von Mann zu Mann ausgefochten werden. Sie ist keine persönliche Angelegenheit, kein Unrecht zu Lasten des einzelnen Kapitalisten. Vielmehr handelt es sich um ein soziales Problem, das durch die Eigenart des ganzen kapitalistischen Systems bedingt ist. Die Frage der Ausbeutung ist auch keine Frage der Moral, des Rechts, der Menschlichkeit, sondern lediglich eine Machtfrage. Wie der Arbeiter, so handelt auch der Kapitalist unter dem Zwange des Systems.
Das Maß der Macht, über das der Kapitalist verfügt, drückt sich zunächst aus im Maße des Arbeitstags. Je länger der Arbeitstag über die Grenze des Wertbildungsprozesses hinausgeht, desto länger der Verwertungsprozeß, desto größer die Mehrarbeit und der Mehrwert. Dieser Mehrwert wird flüssig, sobald die erzeugte Ware auf dem Markte verkauft ist. Er kehrt in Geldform in die Tasche des Kapitalisten zurück und heißt Profit.
Der Arbeitstag hat aber eine natürliche Grenze, weil die menschliche Ausbeutungsfähigkeit eine Grenze hat. Möchte es auch das Ideal des Kapitalisten sein, den Arbeiter täglich vierundzwanzig Stunden arbeiten zu lassen, so gebietet sein eigenes Interesse, den Arbeiter nicht vor der Zeit zu ruinieren und sich um den erforderlichen Nachwuchs an Arbeitskräften zu bringen. Der Arbeitstag muß also so bemessen werden, daß der Arbeiter imstande ist, sich von einem Tage zum andern zur vollen Arbeitsfähigkeit zu regenerieren und seine Kinder bis zum Zustande der Arbeitsfähigkeit heranzuziehen. Der durch Verlängerung des Arbeitstags erzielte Mehrwert heißt absoluter Mehrwert. Seine Produktion bildet die allgemeine Grundlage des kapitalistischen Systems.
Wenn schon der Arbeitstag begrenzt ist, so nicht der Hunger des Kapitalisten nach Mehrwert. Und verbietet sich die Verlängerung des Arbeitstags auf direktem Wege, so ist sie indirekt möglich. „Um die Mehrarbeit zu verlängern, wird die notwendige Arbeit verkürzt durch Methoden, vermittels deren das Äquivalent des Arbeitslohns in weniger Zeit produziert wird. Die Produktion des relativen Mehrwerts revolutioniert durch und durch die technischen Prozesse und die gesellschaftlichen Gruppierungen.“ Mit jedem verbesserten Werkzeuge, jeder leistungsfähigeren Maschine, jeder rationelleren Organisation des Produktionsbetriebs gewinnt der Kapitalist die Möglichkeit, den Mehrarbeitstag indirekt zu verlängern und damit den Mehrwert indirekt zu vergrößern.
Auf einer gewissen Höhe der Produktionsentwicklung wird die Mehrwertsteigerung nur noch ein technisches Problem. Das Interesse der Kapitalistenklasse an den Fortschritten der Wissenschaft, Forschung und Technik, ihre Begeisterung für Entdeckungen, Erfindungen und die Triumphe des menschlichen Genies entpuppt sich im letzten Grunde als Ausdruck der Genugtuung und Freude über den Gewinn neuer Möglichkeiten, die Rate des Mehrwerts und die Summen des Profits auf indirekte Weise zu steigern.
Die kapitalistische Entwicklung verläuft also mit der Tendenz, daß das konstante Kapital fortgesetzt zunimmt, das variable Kapital damit aber automatisch abnimmt. Die Verschiebung in der innern Zusammensetzung des Kapitals wird aber zum Verhängnis. Denn da der Profit nur vom variablen Kapital erzeugt wird, muß ein stetiges Fallen der Profitrate die unvermeidliche Folge sein. Dabei kann der Ausbeutungsgrad der Arbeit steigen, die Arbeiterzahl wachsen, die absolute Masse des Mehrwerts zunehmen — „dies kann nicht nur der Fall sein, es muß der Fall sein, vorübergehende Schwankungen abgerechnet, auf Basis der kapitalistischen Produktion“. Und doch wird die relative Profitrate von Fortschritt zu Fortschritt geringer, das Geschäft der Ausbeutung für den Kapitalisten mit steigender Entwicklung im Verhältnis zur Gesamtanlage immer weniger rentabel. Es ergibt sich die groteske Konsequenz: je größer die absolute Anlage, desto niedriger der relative Ertrag. Damit schüttet das Kapital nach und nach seine eigenen Quellen zu. Es wächst, indem es seine eigenen Wurzeln abnagt. Es stirbt um so kontinuierlicher, je üppiger es sich entwickelt.
In der Tat muß der Kapitalismus an der Konsequenz dieser widerstreitenden Kräfte zugrunde gehen. Denn es muß der Punkt kommen, wo die Entwicklung den vollen Umfang der gesenkten Profitrate als konstante Kapitalakkumulation erfordert und die Produktion sich für den Kapitalisten nicht mehr lohnt. Wo das Kapital seinen Sinn verliert, weil es keinen Profit für den Kapitalisten mehr abwirft. Marx sagt, „daß die kapitalistische Produktionsweise an der Entwicklung der Produktivkräfte eine Schranke findet, die nichts mit der Produktion des Reichtums als solchen zu tun hat; und diese eigentümliche Schranke bezeugt die Beschränktheit und den nur historischen, vorübergehenden Charakter der kapitalistischen Produktionsweise“.
Das Bemühen um die Erhöhung der Produktivkraft menschlicher Arbeit ist eine Tendenz, die sich aus der Tatsache des relativen Mehrwerts ergibt.
„Unter Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit verstehen wir eine Veränderung im Arbeitsprozesse, wodurch die zur Produktion einer Ware gesellschaftlich erheischte Arbeitszeit verkürzt wird, ein kleineres Quantum also die Kraft erwirbt, ein größeres Quantum Gebrauchswert zu produzieren.“
Die kapitalistische Produktion beginnt mit der Kooperation. „Das Wirken einer größeren Arbeiterzahl zur selben Zeit, in demselben Raum (oder, wenn man will, auf demselben Arbeitsfelde) zur Produktion derselben Warensorte, unter dem Kommando desselben Kapitalisten bildet historisch und begrifflich den Ausgangspunkt der kapitalistischen Produktion.“ Jedes Mitglied der Kooperation ist voller und selbständiger Produzent. Der ganze Arbeitsprozeß ist in seiner Hand vereinigt. Es könnte scheinen, daß die Kooperation lediglich eine Addition von individuellen Arbeitsleistungen sei. Aber dem ist nicht so. „Wie die Angriffskraft einer Kavallerieschwadron oder die Widerstandskraft eines Infanterieregiments wesentlich verschieden ist von der Summe der von jedem Kavalleristen und Infanteristen vereinzelt entwickelten Angriffs- oder Widerstandskraft, so die mechanische Kraftsumme vereinzelter Arbeiter von der gesellschaftlichen Kraftpotenz, die sich entwickelt, wenn viele Hände gleichzeitig in derselben ungeteilten Organisation zusammenwirken.“ Nicht nur daß eine neue Produktivkraft gebildet wird, die Massenkraft ist, es wird auch die individuelle Produktivkraft in ihrer Leistungsfähigkeit gesteigert. Denn „abgesehen von der neuen Kraftpotenz, die aus der Verschmelzung vieler Kräfte in eine Gesamtkraft entspringt, erzeugt bei den meisten produktiven Arbeiten der bloße gesellschaftliche Kontakt einen Wetteifer und eine eigene Erregung der Lebensgeister, welche die individuelle Leistungsfähigkeit der einzelnen erhöhen, so daß ein Dutzend Personen zusammen in einem gleichzeitigen Arbeitstag von 144 Stunden ein viel größeres Gesamtprodukt liefern als zwölf vereinzelte Arbeiter, von denen jeder zwölf Stunden, oder als ein Arbeiter, der zwölf Tage nacheinander arbeitet. Dies rührt daher, daß der Mensch von Natur, wenn nicht, wie Aristoteles meint, ein politisches, jedenfalls ein gesellschaftliches Tier ist... Im planmäßigen Zusammenwirken mit andern streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen.“
Die Kooperation macht bald eine Leitung notwendig. Der Kapitalist übernimmt sie. Sein Befehl auf dem Produktionsfelde wird mit der Zeit so unentbehrlich, wie der Befehl des Generals auf dem Schlachtfelde. „Die Leitung des Kapitalisten ist nicht nur eine aus der Natur des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses entspringende und ihm angehörige besondere Funktion, sie ist zugleich Funktion der Ausbeutung eines gesellschaftlichen Arbeitsprozesses und daher bedingt durch den unvermeidlichen Antagonismus zwischen dem Ausbeuter und dem Rohmaterial seiner Ausbeutung... Der Kapitalist ist nicht Kapitalist, weil er industrieller Leiter, sondern er wird industrieller Leiter, weil er Kapitalist ist. Der Oberbefehl in der Industrie wird Attribut des Kapitals, wie zur Feudalzeit der Oberbefehl in Krieg und Gericht Attribut des Grundeigentums war.“
Der nächste Schritt in der Entwicklung der Produktionsformen über die einfache Kooperation hinaus führt zur Zerspaltung des bis dahin in der Hand des Arbeiters vereinigten Produktionsprozesses. Die Teilung der Arbeit erfolgt. Es entsteht die Manufaktur.
Sei es, daß Arbeiter von verschiedenen, selbständigen Handwerkern, durch deren Hände ein Produkt bis zu seiner letzten Reife laufen muß, in einer Werkstatt unter dem Kommando desselben Kapitalisten vereinigt werden, sei es, daß viele Arbeiter der gleichen Kategorie, die nur verschiedene Handgriffe des Produktionsprozesses, unter sich aufgeteilt, in bestimmter Organisation verrichten — stets ist die Manufaktur eine Produktionsform, bei der der Arbeiter aufgehört hat, alleiniger Erzeuger der ganzen, fertigen Ware zu sein. Der Handwerker ist Teilarbeiter, Vollstrecker einer in unendlicher Wiederholung zu leistenden Einzelfunktion des Arbeitsprozesses geworden.
Der Wechsel der Arbeitswerkzeuge fällt fort. Die Poren des Arbeitstags werden ausgefüllt mit produktiver Arbeitskraft. Der Produktionsprozeß wird kompakter, intensiver, produktiver.
Der Teilarbeiter verwächst mit seinem Handgriff. Er gewinnt die größte Sicherheit und Geschicklichkeit in der Handhabung seines Werkzeugs. Die ewige Wiederholung der gleichen Funktion schult seine Fertigkeit zur Virtuosität.
Aus der spezifischen Erfahrung jeder Teiloperation ergeben sich Anregungen für die Vervollkommnung der Werkzeuge. Der geschickteste Handgriff führt zur äußersten Differenzierung der Arbeitsinstrumente. „Die Manufakturperiode vereinfacht, verbessert und vermannigfacht die Arbeitswerkzeuge durch deren Anpassung an die ausschließliche Sonderfunktion der Teilarbeiter.“
Die nächste Folge ist die Verbindung von Werkzeugen, die Kombination technischer Arbeitshilfen zum Zwecke rascherer und gewissenhafterer Arbeitsverrichtungen. Damit ist die materielle Voraussetzung für die Entstehung der Maschine gegeben. Während die spezifische Maschinerie der Manufakturperiode der aus vielen Teilarbeitern kombinierte Gesamtarbeiter ist, ein addierter und multiplizierter Mensch, ist die Maschinerie der folgenden Periode eine kunstvolle, zweckmäßige Zusammenstellung von Werkzeugen, eine Konstruktion von mechanischen Apparaten und Instrumenten zu einheitlicher Produktionsleistung, ein Arbeiter aus Stahl und Eisen. Und während die Manufaktur als „ökonomisches Kunstwerk“ auf der breiten Grundlage des städtischen Handwerks und der ländlich-häuslichen Industrie gipfelt, hebt die Maschine die handwerksmäßige Tätigkeit „als das regelnde Prinzip der gesellschaftlichen Produktion“ auf.
Mit der Maschine beginnt die kapitalistische Entwicklung ihren Siegeslauf. Sie eröffnet die industrielle Revolution.
Der Arbeiter, der ein einzelnes Werkzeug handhabt, wird durch einen Mechanismus ersetzt, der einen Massenarbeiter darstellt. Seine Unvollkommenheit, die besonders in der Unfähigkeit zur Ausführung gleichförmiger und kontinuierlicher Bewegungen besteht, wird abgelöst durch die Vollkommenheit eines mechanischen Apparats, der, durch Naturkräfte bewegt, die einmal gegebene Bewegung in millionenfacher Wiederholung mit einer Präzision auszuführen vermag, die weit über menschliche Leistung hinausgeht. „Ein System der Maschinerie, beruhe es auf bloßer Kooperation gleichartiger Arbeitsmaschinen, wie in der Weberei, oder auf einer Kombination verschiedenartiger, wie in der Spinnerei, bildet an und für sich einen großen Automaten, sobald er von einem sich selbst bewegenden ersten Motor getrieben wird ... Als gegliedertes System von Arbeitsmaschinen, die ihre Bewegung nur vermittelst der Transmissionsmaschinerie von einem zentralen Automaten empfangen, besitzt der Maschinenbetrieb seine entwickeltste Gestalt. An die Stelle der einzelnen Maschine tritt hier ein mechanisches Ungeheuer, dessen Leib ganze Fabrikgebäude füllt und dessen dämonische Kraft, erst versteckt durch die fast feierliche gemessene Bewegung seiner Riesenglieder, im fieberhaft tollen Wirbeltanz seiner zahllosen eigentlichen Arbeitsorgane ausbricht.“
Eine Industrie nach der anderen wird umgewälzt. Schließlich bemächtigt sich die große Industrie ihres charakteristischen Produktionsmittels, der Maschine, und produziert Maschinen durch Maschinen. Der Dampf tritt hinzu und erhebt die Maschinerie in die Sphäre zyklopischer Wunder. „Die mechanische Drechselbank ist die zyklopische Wiedergeburt der gewöhnlichen Fußdrechselbank; die Hobelmaschine ist ein eiserner Zimmermann; das Werkzeug, welches in den Schiffswerften das Fournierwerk schneidet, ist ein riesiges Rasiermesser; das Werkzeug der Schermaschine, welches Eisen schneidet wie die Schneiderschere Tuch, eine Monstreschere; und der Dampfhammer operiert mit einem gewöhnlichen Hammerkopf, aber von solchem Gewichte, daß Thor selbst ihn nicht schwingen könnte.“
Als verselbständigtes, vom Arbeiter unabhängig gewordenes Werkzeug wird die Maschine zum Konkurrenten des Arbeiters. Das Arbeitsmittel, in seiner Produktionskraft dem Arbeiter um ein Vielfaches überlegen, erschlägt den Arbeiter. Ehedem Herr und Meister des Werkzeugs, das seiner Hand gehorchte, wird der Arbeiter jetzt Bediener der Maschine, ihr Anhängsel, eine Schraube, ein Hebelarm in ihrem Mechanismus. Sie macht ihn überflüssig, drückt seinen Wert herab, wird das „machtvollste Kriegsmittel zur Niederschlagung periodischer Arbeiteraufstände und Streiks wider die Autokratie des Kapitals“. Sie bewirkt, indem sie den Kapitalisten zu raschem Rückverdienste des in ihr investierten Kapitals zwingt, die Verlängerung des Arbeitstags. Zugleich wird sie, dank verbesserter Konstruktionen und erhöhter Geschwindigkeit in ihren Funktionen, zum „objektiven und systematisch angewandten Mittel, mehr Arbeit in derselben Zeit zu erpressen“, also zum Mittel fortschreitender Intensifikation der Arbeit. „Sofern die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich macht, wird sie zum Mittel, Arbeiter ohne Muskelkraft oder von unreifer Körperentwicklung, aber größerer Geschmeidigkeit der Glieder anzuwenden. Weiber- und Kinderarbeit war daher das erste Wort der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie... Der Arbeiter verkaufte früher seine eigene Arbeitskraft, worüber er als formell freie Person verfügte. Er verkauft jetzt Weib und Kind. Er wird Sklavenhändler.“
Alle Vorteile der Maschine fallen dem Kapitalisten zu. Er gewinnt in kürzerer Zeit und mit weniger Arbeitskräften eine größere Menge Waren und damit eine größere Menge Mehrwert. Weiter zerstört er mit Hilfe der Maschinerie und großen Industrie unablässig Manufaktur, Handwerk und Hausarbeit, reißt damit Absatzgebiete an sich, dringt in immer mehr Produktionszweige ein, gewinnt immer mehr Anteil an der Gesamtproduktion und wird schließlich Beherrscher des Warenmarktes. „Die Umwälzung der gesellschaftlichen Betriebsweisen, dies notwendige Produkt der Umwandlung des Produktionsmittels, vollzieht sich in einem bunten Wirrwarr von Übergangsformen.“ Die Fabrikgesetzgebung muß regelnd eingreifen. Aber „die zwangsmäßige Regulation des Arbeitstags nach Länge, Pausen, Anfangs- und Endpunkt, das System der Ablösung für Kinder, der Ausschluß aller Kinder unter einem gewissen Alter usw. ernötigen einerseits vermehrte Maschinerie und Ersatz von Muskeln durch Dampf als Triebkraft. Andererseits, um im Raume zu gewinnen, was in der Zeit verloren geht, findet Streckung der gemeinschaftlich vernutzten Produktionsmittel statt, also in einem Worte größere Konzentration der Produktionsmittel und entsprechend größere Konglomeration von Arbeitern“.
Auch auf dem Gebiet der Agrikultur wirkt die Maschine revolutionär, indem sie das Bollwerk der alten Gesellschaft, den Bauer, vernichtet, und ihm den Lohnarbeiter unterschiebt. Das Land wird der Stadt angeglichen, die Tradition durch Reformen ausgelöscht, das faule Verharren in irrationalen Betriebsgewohnheiten durch bewußte technologische Anwendung der Wissenschaft besiegt. Aber auch hier erscheint, wie in der Manufaktur, die kapitalistische Umwälzung des Produktionsprozesses „als Martyriologie der Produzenten, das Arbeitsmittel als Unterjochungsmittel, Exploitationsmittel und Verarmungsmittel des Arbeiters, die gesellschaftliche Kombination der Arbeitsprozesse als organisierte Unterdrückung seiner individuellen Lebendigkeit, Freiheit und Selbständigkeit“.In seinen Prinzipien der politischen Ökonomie sagt John Stuart Mill: „Es ist fraglich, ob alle bisher gemachten mechanischen Erfindungen die Tagesmühe irgendeines menschlichen Wesens erleichtert haben.“ Nicht fraglich hingegen ist, daß die in der Maschinerie verkörperten technischen Erfindungen den Produktionsprozeß in einen Springquell des Reichtums verwandelt und den Kapitalisten zum alleinigen Nutznießer dieses Reichtums gemacht haben.
Das Kapital produziert Profit. Das ist seine Bestimmung und Funktion. Aber der Profit ist auch wieder imstande, Kapital zu produzieren. Damit schließt sich der Ring, um den Kreislauf von neuem zu beginnen.
Der Vorgang, der dies bewirkt, heißt zuerst Reproduktion und später Akkumulation.
Die einfache Reproduktion ist nur Wiederholung des Produktionsprozesses auf gleicher Stufenleiter. Der Arbeiter erhält als Lohn nicht mehr, wie beim Beginne des Produktionsprozesses, einen vom Kapitalisten vorgeschossenen Betrag, sondern einen Teil des von ihm bereits selbst erzeugten Profits. Er hat das erforderliche variable Kapital reproduziert. Der andere Teil des Profits fällt dem Kapitalisten zu, der ihn verzehrt. Die Produktion vollzieht sich unter diesen Umständen immer wieder auf der gegebenen Basis.
Aber der Arbeiter produziert nicht nur seinen Lohn, sondern auch sich selbst. Indem er ißt, trinkt, schläft, sorgt er dafür, daß seine Arbeitskraft ersetzt wird und andern Tages wieder auf dem Arbeitsmarkt erscheinen kann. Denn die Reproduktion des Kapitals verlangt die stetige Erneuerung, die Verewigung der Arbeitskraft. Vom Standpunkte des Reproduktionsprozesses ist alles, was der Arbeiter zu seiner und seiner Klasse Erhaltung tut, Reproduktion.
Soll die Produktion freilich nicht bloß ein Treten am Orte, sondern eine Entwicklung sein, so muß zur Reproduktion des variablen Kapitals und der Arbeitskraft noch die des konstanten Kapitals hinzutreten. Die einfache Reproduktion muß sich zur Akkumulation entfalten.
Unter Akkumulation versteht man die Rückverwandlung eines Teiles des gewonnenen Mehrwerts in Kapital, so daß eine Erweiterung der ursprünglichen Produktionsbasis erfolgen kann. „Wir sehen hier ab von dem vom Kapitalisten verzehrten Teile des Mehrwerts. Ebensowenig interessiert es uns für den Augenblick, ob die Zusatzkapitale zum ursprünglichen Kapital geschlagen oder von ihm zu selbständiger Verwertung getrennt werden; ob derselbe Kapitalist sie ausnutzt, der sie akkumuliert hat, oder ob er sie andern überträgt. Nur dürfen wir nicht vergessen, daß neben den neugebildeten Kapitalien das ursprüngliche Kapital fortfährt, sich zu reproduzieren und Mehrwert zu produzieren, und dasselbe gilt von jedem akkumulierten Kapital in Beziehung auf das von ihm erzeugte Zusatzkapital.“
Wie die einfache Reproduktion fortwährend das Kapitalverhältnis selbst reproduziert, so reproduziert die Akkumulation das Kapitalverhältnis auf erweiterter Stufenleiter: mehr Kapitalisten oder größere Kapitalisten auf diesem Pole, mehr Lohnarbeiter auf jenem. Akkumulation des Kapitals ist Vermehrung des Proletariats.
Im allgemeinen Verlaufe der Akkumulation tritt ein Punkt ein, wo die Entwicklung der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit der mächtigste Hebel der Akkumulation wird. Die organische Zusammensetzung des Kapitals macht eine Revolution durch. Das konstante Kapital wächst auf Kosten des variablen, da es Zweck und Erfolg der Maschine ist, Menschenhände entbehrlich zu machen. Die wachsende Produktivität der Arbeit bewirkt, daß die Masse der Produktionsmittel schneller wächst als die Masse der ihnen einverleibten Arbeitskraft. Hinter den gewaltigen Fortschritten der Akkumulation bleibt der Bedarf an Arbeitskraft immer stärker zurück. „Die kontinuierliche Rückverwandlung von Mehrwert in Kapital stellt sich dar als wachsende Größe des in den Produktionsprozeß eingehenden Kapitals. Diese wird ihrerseits Grundlage einer erweiterten Stufenleiter der Produktion, der sie begleitenden Methoden zur Steigerung der Produktivkraft der Arbeit und beschleunigter Produktion von Mehrwert. Wenn also ein gewisser Grad von Kapitalakkumulation als Bedingung der spezifisch kapitalistischen Produktionsweise erscheint, verursacht die letztere rückschlagend eine beschleunigte Akkumulation des Kapitals. Mit der Akkumulation des Kapitals entwickelt sich daher die spezifisch kapitalistische Produktionsweise und mit der spezifisch kapitalistischen Produktionsweise die Akkumulation des Kapitals. Diese beiden ökonomischen Faktoren erzeugen, nach dem zusammengesetzten Verhältnis des Anstoßes, den sie sich gegenseitig erteilen, den Wechsel in der technischen Zusammensetzung des Kapitals, durch welchen der variable Bestandteil immer kleiner und kleiner wird, verglichen mit dem konstanten.“
Dieser Vorgang hat mehrere Folgen. Als erste erscheint die Kapitalkonzentration. Da jede Akkumulation zum Mittel neuer Akkumulation wird, erweitert sie mit der Masse des als Kapital funktionierenden Reichtums seine Konzentration in den Händen individueller Kapitalisten. Die Kommandogewalt über Arbeit verdichtet sich in zentralen Punkten und wächst ins Riesenhafte. Zugleich jedoch „reißen sich Ableger von den Originalkapitalien los“ und durchkreuzen durch ihre Neubildung das Wachstum und die Herrschaft der alten Kapitale. Dieser Tendenz zur Zersplitterung wirkt wiederum entgegen die Tendenz zur Attraktion. Das ist Konzentration bereits gebildeter Kapitale zu noch höherer Form, Aufhebung ihrer individuellen Selbständigkeit, Expropriation von Kapitalisten durch größere Kapitalisten, Verwandlung vieler kleineren in wenige größere Kapitale. „Das Kapital schwillt hier in einer Hand zu großen Massen, weil es dort in vielen Händen verlorengeht. Es ist die eigentliche Zentralisation im Unterschiede von Akkumulation und Konzentration.“Hinter all diesen Bewegungen, Bildungen, Ballungen steht als treibende Kraft der Konkurrenzkampf. Um die Märkte zu sichern für den Absatz der Waren bedarf es billiger Preise, die nur erzielt werden können mit Hilfe produktiver Arbeit durch vollendete Technik. Daher der Drang nach neuen Maschinen, großen Anlagen, verbesserten Produktionsverfahren, rationellen Erfindungen. Daher das Aufgebot immer größerer Kapitalanlagen, die Aufsaugung kleiner Betriebe durch große, die Entfaltung der Produktionsstätten zu Kolossalgebilden und Riesenunternehmungen mit überlegenster Technik, bester Maschinerie, höchster Ökonomie der Betriebsführung. „Die kleineren Kapitale drängen sich in Produktionssphären, deren sich die große Industrie nur sporadisch oder unvollkommen bemächtigt hat. Die Konkurrenz wächst hier im direkten Verhältnis zur Anzahl und im umgekehrten Verhältnis zur Größe der rivalisierenden Kapitale.“ Zugleich bildet sich eine neue Macht, das Kreditwesen, heraus, das sich als Beihilfe der Akkumulation ganz verstohlen einschleicht, „bald aber eine neue und furchtbare Waffe im Konkurrenzkampfe wird“. Im Maße der Entwicklung von Produktion und Akkumulation werden Konkurrenz und Kredit immer mächtigere Hebel der Zentralisation. „Mit der Größe des bereits funktionierenden Gesellschaftskapitals und dem Grade seines Wachstums, mit der Ausdehnung der Produktionsleiter und der Maße der in Bewegung gesetzten Arbeiter, mit der Entwicklung der Produktivkraft ihrer Arbeit, mit dem breiteren und volleren Strom aller Springquellen des Reichtums dehnt sich auch die Stufenleiter, worin größere Attraktion der Arbeiter durch das Kapital mit größerer Repulsion derselben verbunden ist, nimmt die Raschheit der Wechsel in der organischen Zusammensetzung des Kapitals und seiner technischen Form zu und schwillt der Umkreis der Produktionssphären, die bald gleichzeitig, bald abwechselnd davon ergriffen werden.“
Im Zusammenhange damit entsteht ein relativer, über die Verwendungs- und Verwertungsbedürfnisse des Kapitals hinausgehender Überschuß an Arbeitskräften, eine industrielle Reservearmee, die bei schlechten Konjunkturen sich vor den Fabriktoren staut, die Löhne unterbietet, den Streikenden in den Rücken fällt, den Klassenkampf lähmt und — ewig in der Schwebe der Existenzunsicherheit und in Gefahr des Absturzes ins Lumpenproletariat gehalten — von der Kapitalistenklasse beständig gegen die Arbeiterklasse ausgespielt wird.
Das kapitalistische System bewegt sich in folgendem Zirkel: Aus der Anarchie der Warenproduktion entspringt die Konkurrenz. Im Konkurrenzkampfe siegt der Produzent der billigsten Ware. Die größte Billigkeit wird erzielt durch größte Produktivität der Arbeit. Diese wird bedingt durch leistungsfähigste Maschinen und Anlagen. Hierzu sind gewaltige Kapitalanlagen erforderlich. Daher fortschreitende Akkumulation auf stetig wachsender Stufenleiter. Je mehr Maschinen aber, desto weniger (im Verhältnis) Arbeiter, desto geringer die Quote des variablen Kapitals. Desto geringer infolgedessen — da allein das variable Kapital das wertschaffende Kapital ist — die Mehrwertrate, die absolut zunehmen kann, aber relativ in stetigem Sinken begriffen ist. Desto größer die Menge der freigesetzten, konsumunfähigen Arbeiter. Desto geringer die Kauf- und Konsumkraft im Verhältnis zu der ungeheuren Menge der Waren, die den Markt überschwemmen. Will man die Arbeitslosen konsumfähig machen, muß man sie in neuen oder erweiterten Produktionszweigen beschäftigen. Dazu ist Kapital erforderlich, das nur durch Akkumulation aufgebracht werden kann. Um akkumulieren zu können, muß man die Mehrwerte steigern. Um die Mehrwertrate zu steigern, muß man durch Verwohlfeilerung der Waren den Wert der Arbeitskraft drücken. Um aber die Waren noch wohlfeiler zu machen, muß man die Produktivität noch mehr steigern, die Technik noch mehr verbessern, die Anlagen noch rationeller gestalten. Um dies zu können, muß man akkumulieren. Und so fort im Kreise. Es gibt keinen Ausweg. Der Zirkel ist unheilvoll.
Von Zeit zu Zeit schafft sich der tolle Wirbeltanz eine Atempause durch die Einschaltung von Wirtschaftskrisen. Die Kaufkraft erreicht den Tiefstand der Kurve. Die Magazine sind überfüllt. Der Markt nimmt nichts mehr auf. Die Kanäle verstopfen sich. In den Fabriken bleiben die Aufträge aus. Kurzarbeit, Arbeiterentlassungen, Herabsetzung der Produktion, Stillegung der Betriebe, große Arbeitslosigkeit, Hungerrevolten. Nach einiger Zeit: Allmählicher Absatz der Vorräte, langsame Räumung der Magazine, leise einsetzender Bedarf, schwaches Anziehen der Produktion, Überwindung der Krise, aufsteigende Konjunktur, Hochbetrieb. Und so weiter bis zum Eintritte der nächsten Krise. Es hat sich ein Turnus von etwa zehn Jahren herausgestellt. Während des ganzen 19. Jahrhunderts wurde der Wirtschaftskörper in jedem Jahrzehnt einmal von Überladungen, Stauungen, Verstopfungen heimgesucht, von Krämpfen geschüttelt, von Schauern befallen. Zwangsläufig verstrickt in die Mechanismen des Systems und beherrscht von der geheimnisvollen Fetischmacht der Ware, die stärker ist als aller menschliche Wille, beugt sich die Bourgeoisie dem Diktat der ihr unerforschbaren Gesetzmäßigkeit, weil sie nicht nur ihr Objekt und Opfer, sondern auch ihr Begünstigter und Nutznießer ist.
Aber das Proletariat, belastet mit allen Unkosten, Nachteilen und Schrecken des Systems, erhebt sich zur Abwehr und eröffnet, nachdem es erst erkannt hat, wo der Hebel zu seiner Überwindung angesetzt werden muß, den weltgeschichtlichen Kampf.
Wenn sich Geld in Kapital verwandelt, Kapital Mehrwert produziert und Mehrwert wieder zu Kapital wird, so ist dies eine Bewegung, die sich auf der gegebenen Basis der kapitalistischen Produktionsweise abspielt. Aber wo ist der Ausgangspunkt dieser Produktionsweise?
Darauf antwortet Marx im Kapital in dem Abschnitte von der ursprünglichen Akkumulation. „Diese ursprüngliche Akkumulation spielt in der politischen Ökonomie ungefähr dieselbe Rolle wie der Sündenfall in der Theologie.“ Die Anekdote wird an den Anfang gesetzt, um den Ursprung der Sünde zu erklären. In der Legende vom ökonomischen Sündenfalle heißt es: „In einer längst verflossenen Zeit gab es auf der einen Seite eine fleißige, intelligente und vor allem sparsame Elite und auf der andern faulenzende, ihr alles und mehr verjubelnde Lumpen. So kam es, daß die ersten Reichtum akkumulierten und die letztern schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigene Haut. Und von diesem Sündenfalle datiert die Armut der großen Masse, die immer noch, aller Arbeit zum Trotze, nichts zu verkaufen hat als sich selbst, und der Reichtum der Wenigen, der fortwährend wächst, obgleich sie längst aufgehört haben zu arbeiten.“
So die Legende, die es mit der Idylle hält. In der Wirklichkeit sieht es anders aus. Da liegt die entscheidende Rolle bei der Gewalt.
Der Prozeß, der das Kapitalverhältnis schafft, ist nichts anderes als der „Scheidungsprozeß des Arbeiters vom Eigentum an seinen Arbeitsbedingungen“, ein Prozeß, der einerseits die gesellschaftlichen Lebens- und Produktionsmittel in Kapital verwandelt, andererseits die unmittelbaren Produzenten in Lohnarbeiter. Die ursprüngliche Akkumulation trennt den Produzenten von den Produktionsmitteln. Sie erfolgt am Ende der Feudalepoche mit dem Aufhören von Schollengebundenheit, Leibeigenschaft, Hörigkeit, Zunftzwang. Bauer und Handwerker werden frei. Aber sie verlieren zugleich den wirtschaftlichen Boden unter den Füßen und werden all der Garantien ihrer Existenz beraubt, welche die alten feudalen Einrichtungen boten. „Historisch epochemachend in der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation sind alle Umwälzungen, die der sich bildenden Kapitalistenklasse als Hebel dienen; vor allem aber die Momente, worin große Menschenmassen plötzlich und gewaltsam von ihren Subsistenzmitteln losgerissen und als vogelfreie Proletarier auf den Arbeitsmarkt geschleudert werden. Die Expropriation des ländlichen Produzenten, des Bauern, von Grund und Boden bildet die Grundlage des ganzen Prozesses. Ihre Geschichte nimmt in verschiedenen Ländern verschiedene Färbung an und durchläuft die verschiedenen Phasen in verschiedener Reihenfolge und in verschiedenen Geschichtsepochen. Nur in England besitzt sie klassische Form.“
Die durch Auflösung der feudalen Gefolgschaften und durch stoßweise gewaltsame Expropriation von Grund und Boden Verjagten, diese vogelfreien Proletarier, werden von den aufkommenden Manufakturen aufgesogen. Aber nur zum Teile, denn ihre Masse schwillt stärker an, als das Becken der Produktion sie fassen kann. Auch können die plötzlich aus ihrer Bahn Geschleuderten sich nicht ebenso plötzlich in die Disziplin des neuen Zustandes finden. Sie verwandeln sich in Bettler, Landstreicher Räuber und bilden lange Zeit den Schrecken Westeuropas. Schließlich werden sie durch eine grausame Gesetzgebung gepackt, gepeitscht, gebrandmarkt, gefoltert und zuletzt den „Häusern des Schreckens“, den Manufakturen und Fabriken, als Arbeitstiere überliefert.Dieselbe ökonomische und politische Entwicklung, die das Entstehen eines land-, berufs- und existenzlosen Proletariats bewirkt, begünstigt das Aufkommen kapitalistischer Pächter und industrieller Kapitalisten. Gewiß kommt es auch vor, daß sich Zunftmeister, kleine Handwerker, sogar Lohnarbeiter auf die eine oder andere Weise in kleine Kapitalisten verwandeln und durch allmählich ausgedehntere Ausbeutung von Lohnarbeit und entsprechende Akkumulation von Kapital zu Großkapitalisten werden. „In der Kindheitsperiode der kapitalistischen Produktion ging es vielfach zu wie in der Kindheitsperiode des mittelalterlichen Städtewesens, wo die Frage, wer von den entlaufenen Leibeigenen soll Meister sein und wer Diener, großenteils durch das frühere oder spätere Datum ihrer Flucht entschieden wurde. Indes entsprach der Schneckengang dieser Methode in keiner Weise den Handelsbedürfnissen des neuen Weltmarkts, welchen die großen Entdeckungen Ende des 15. Jahrhunderts geschaffen hatten.“
Als Vorformen des modernen Kapitals bilden sich im Mittelalter das Handels- und das Wucherkapital heraus. Dieses Geldkapital ist es, das die Aufschließung der Welt besorgt und die Quellen großer Reichtümer öffnet. „Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingeborenen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Gehege zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation. Auf dem Fuße folgt der Handelskrieg der europäischen Nationen, mit dem Erdrund als Schauplatz. Er wird eröffnet durch den Abfall der Niederlande von Spanien, nimmt Riesenumfang an in Englands Antijakobinerkrieg, spielt noch fort in den Opiumkriegen gegen China usw.“
Die Geschichte des Kapitalismus ist in die Annalen der Menschheit eingeschrieben mit Zügen von Blut und Feuer. Seine Entwicklung hinterläßt eine breite Spur von Schweiß, Blut und Tränen. „Die Barbareien und ruchlosen Greueltaten der sogenannten christlichen Rassen“, sagt W. Howitt, „in jeder Region der Welt und gegen jedes Volk, daß sie unterjochen konnten, finden keine Parallele in irgendeiner Ära der Weltgeschichte, bei irgendeiner Rasse, ob noch so wild und ungebildet, mitleidlos und schamlos.“ Die Geschichte der holländischen Kolonialwirtschaft — und Holland war die kapitalistische Musternation des 17. Jahrhunderts — „entrollt ein unübertreffliches Gemälde von Verrat, Bestechung, Meuchelmord und Niedertracht“. Die Behandlung der Eingeborenen ist am fürchterlichsten in den nur zum Exporthandel bestimmten Pflanzungen, wie Westindien, und in den dem Raubmorde preisgegebenen reichen und dicht bevölkerten Ländern, wie Mexiko und Ostindien.
Die Handelssuprematie führt zur industriellen Vorherrschaft. Der durch das Kolonialsystem eingebürgerte „fremde Gott stellt sich neben die alten Götzen Europas und wirft sie eines schönen Tages mit Schub und Bautz sämtlich über den Haufen“. Die Plusmacherei wird als einziger und letzter Zweck der Menschheit proklamiert. Das System der öffentlichen Kredite, der Staatsschulden, bildet sich heraus als Mittel zur kapitalistischen Besitzergreifung und Unterjochung ganzer Länder und Staaten. „Wie mit dem Schlage der Wünschelrute begabt die öffentliche Schuld das Geld mit Zeugungskraft und verwandelt es so in Kapital, ohne daß es dazu nötig hätte, sich der von industrieller und selbst wucherischer Anlage unzertrennlichen Mühewaltung und Gefahr auszusetzen.“ Die Staatsschuld bringt die Aktiengesellschaften hervor, den Handel mit Effekten, das Börsenspiel, die moderne Bankokratie und das internationale Kreditsystem. „Kolonialsystem, Staatsschulden, Steuerwucht, Protektion, Handelskriege usw., diese Sprößlinge der eigentlichen Manufakturperiode, schwellen riesenhaft während der Kinderperiode der großen Industrie ... Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion während der Manufakturperiode hat die öffentliche Meinung von Europa den letzten Rest von Schamgefühl und Gewissen eingebüßt... Während sie die Kindersklaverei in England einführte, gab die Baumwollenindustrie zugleich den Anstoß zur Verwandlung der früher mehr oder minder patriarchalischen Sklavenwirtschaft der Vereinigten Staaten in ein kommerzielles Exploitationssystem. Überhaupt bedurfte die verhüllte Sklaverei der Lohnarbeiter in Europa zum Piedestal die Sklaverei sans phrase in der neuen Welt... Wenn das Geld, nach Augier, ‚mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt‘, so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren blut- und schmutztriefend.“
Worauf kommt die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals, d. h. seine historische Genesis, hinaus? Soweit sie nicht unmittelbar Verwandlung von Sklaven und Leibeigenen in Lohnarbeiter, also bloßer Formwandel ist, bedeutet sie die Expropriation des unmittelbaren Produzenten, d. h. die Auflösung des auf eigener Arbeit beruhenden Privateigentums. Das selbst erarbeitete, sozusagen auf Verwachsung des einzelnen, unabhängigen Arbeitsindividuums mit seinen Arbeitsbedingungen beruhende Privateigentum wird verdrängt durch das kapitalistische Privateigentum, das auf Ausbeutung fremder, aber formell freier Arbeit beruht.
„Sobald dieser Umwandlungsprozeß nach Tiefe und Umfang die alte Gesellschaft hinreichend zersetzt hat, sobald die Arbeiter in Proletarier, ihre Arbeitsbedingungen in Kapital verwandelt sind, sobald die kapitalistische Produktionsweise auf eigenen Füßen steht, gewinnt die weitere Vergesellschaftung der Arbeit und weitere Verwandlung der Erde und anderer Produktionsmittel in gesellschaftlich ausgebeutete, also gemeinschaftliche Produktionsmittel, daher die weitere Expropriation der Privateigentümer, eine neue Form. Was jetzt zu expropriieren ist, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist.
Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarktes und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Druckes, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateure werden expropriiert.
Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigner Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation. Es ist die Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel.“
Der zweite und dritte Band
Im ersten Bande des Kapitals, dessen Schluß mit prophetischer Perspektive bis an die Tore der künftigen sozialistischen Gesellschaftsordnung führt, hatte Marx die ökonomischen Fundamente der heutigen Gesellschaft bloßgelegt.
Er hatte die Frage nach der Entstehung des Profits beantwortet. Nicht wie die kleinbürgerlichen Verteidiger des Kapitalismus, denen die Wissenschaft zur Rechtfertigung und Beschönigung egoistischer Interessen dient
und die im Profit eine wohlverdiente Vergütung des Kapitalisten für geleistete Taten und Wohltaten sahen. Auch nicht wie die utopischen Sozialisten, denen das kapitalistische System als Ausgeburt menschlicher Niedertracht erschien und die den Profit als Ertrag von Diebstahl und Prellerei denunzierten. Sondern auf eine neue und eigene Weise, die im Kaufe der Ware Arbeitskraft durch das Kapital einen durchaus legalen Austauschakt, in der Erzeugung von Mehrwert durch Mehrarbeit die Folgerichtigkeit eines objektiven Systems und in der Aneignung dieses Mehrwerts durch den Kapitalisten die selbstverständliche Logik der inneren Gesetzmäßigkeit der Klassengesellschaft erkannte. Aus dieser wissenschaftlichen Erkenntnis zog er weder Liebe, wie die bürgerlichen Volkswirtschaftler, noch Haß, wie die sozialistischen Utopisten, sondern die ganz kühle und klare Konsequenz, daß zur Beseitigung der Ausbeutung von Menschen durch Menschen die grundsätzliche Änderung des Systems notwendig sei. Diese Änderung ergab sich ihm als zwangsläufige Folge aus der Gesetzmäßigkeit der historischen Entwicklung. Die Vollstreckung dieser Entwicklung erwartete er von der zur Erkenntnis ihrer Klassenlage erwachten und in der Verfolgung ihres Klassenziels geschulten Arbeiterklasse.Der erste Band erfaßt und analysiert den Kapitalismus innerhalb der Grenzen des Produktionsprozesses. Die Welt seiner Darstellung spielt sich in der Werkstatt ab. Dort erscheint der Arbeiter, als Träger der Ware Arbeitskraft, auf dem Plan. Er erhält seinen Lohn. Dann beginnt er zu produzieren. Aus seinen Händen gehen Waren hervor. Wir sehen diesen Gebilden aus Eisen, Holz, Ton, Leder nicht an, wieweit in ihnen der Wertbildungsprozeß gereicht und wo der Verwertungsprozeß begonnen hat. Aber wir wissen, daß in ihrem Werte der Mehrwert mit enthalten ist, daß sie, noch heiß und feucht vom schwitzenden Eifer des Arbeiters, einen Reichtum bergen, der nur für den Kapitalisten lebendig wird. Dieser dem Kapitalisten unverdient zufallende Mehrwert will Profit werden, Geldgestalt annehmen und als klimpernde Münze in die Tasche seines Nutznießers wandern. Dieser Verwandlungsakt kann sich aber in der Werkstatt nicht vollziehen. Dazu bedarf er eines Wechsels im Milieu. Mehrwert wird Profit nur beim Verkaufe der Ware, also auf dem Markt, im Laden, an der Börse.
Hierher führt der zweite Band des Kapitals. Er behandelt den Zirkulationsprozeß des Kapitals in den großen Abschnitten: Die Metamorphosen des Kapitals und ihr Kreislauf — Der Umschlag des Kapitals — Die Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals.
Auf dem Markt ist der Kapitalist der Fetischmacht der Ware noch ganz anders ausgeliefert als in der Werkstatt. Herrscht in der Produktion die Disziplin einer kunstvoll aufgebauten Ordnung, so bildet der Markt das vollendete Bild einer verwirrenden Anarchie. Die Waren, den Händen ihres Erzeugers entflohen, treiben hier ein tolles Spiel. Sie nehmen nach Belieben Preise an, machen Reisen, wechseln den Besitzer, sammeln sich zu Haufen oder zerstreuen sich in alle Winde, ruhen sich in Speichern und Magazinen aus und verfehlen schließlich ihren Zweck, oder aber sie eilen in rasendem Tempo von Mann zu Mann, von Stadt zu Stadt und gehen in den ihnen vorbestimmten Konsum ein. Sie bilden eine phantastische Welt für sich, führen ein selbstherrliches Eigenleben, unabhängig vom Willen des Produzenten.
Will der Mensch in diesem Wirbel und Trubel nicht Kopf und Verstand, vor allem aber nicht sein Geld verlieren, so muß er lernen, sich im Zirkulationsprozeß der Waren auszukennen. Er muß als Kapitalist verstehen, seine Ware rechtzeitig an den Mann zu bringen, für neue Waren rechtzeitig Rohstoffe zu beschaffen, sich mit genügend Geld für die Einstellung der Arbeiter zu versorgen und im ewigen Kreislaufe von Ware und Geld nie den Anschluß zu verpassen, nie den richtigen Moment zu verfehlen, nie der Konkurrenz zu unterliegen und nie zu kurz zu kommen. Obwohl kein Kreislauf vorgezeichnet, kein Tempo vorausbestimmt, keine Umlaufsdauer vorauszusehen ist, muß er, ewig auf der Lauer und auf dem Sprunge, zur richtigen Zeit und an der richtigen Stelle das Richtige tun. Er muß die Bedürfnisse des Marktes ahnen, die Kaufkraft der Konsumenten richtig einschätzen, den Umfang des Warenbedarfs kalkulieren. Es steht ihm kein Wirtschaftsplan zur Verfügung, an dem er sich orientieren könnte, denn die Wirtschaft ist planlos, anarchisch. Und doch muß er als Einzelkapitalist ganz planvoll wirtschaften, wenn er nicht unter die Räder kommen will. Er kann sich mit niemand verständigen, denn er darf seine Absichten, Projekte und Geschäftsgeheimnisse der ihm feindlichen Konkurrenz nicht offenbaren, ohne von ihr überfallen und niederkonkurriert zu werden. Und doch muß er sich so verhalten, als handle er auf Grund einer Verständigung und Abmachung mit Seinesgleichen solidarisch im Interesse der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Er kann das Chaos der Wirtschaft, das sich jedem Einfluß entzieht, in keine Regel, keine Ordnung bringen. Und doch muß er bei Gefahr des Unterganges dafür sorgen, daß alles klappt, kein Fehlschlag vorkommt, kein Verlust entsteht, kein Mißerfolg des Marktes den Erfolg der Werkstätte in Frage stellt oder illusorisch macht. Denn erst der Markt macht den Profit lebendig, den die Werkstätte als Mehrwert schuf. Erst hier wird konkreter Gewinn, was dort nur abstrakte Berechnungsquote war. Erst auf dem Markte zahlt es sich aus, Kapitalist zu sein und kapitalistische Wirtschaft zu betreiben.
Es ist ein schwieriges, mühsames und riskantes Geschäft, das des Kapitalisten auf dem Markte wartet. Es erfordert seine ganze Tüchtigkeit und Umsicht, seine Findigkeit, seinen Spürsinn, seine Gerissenheit. Er muß hellhörig und dickfellig, vorsichtig und wagemutig, draufgängerisch und berechnend, unbekümmert und listig zugleich sein. Er muß alle Qualitäten eines tüchtigen Kaufmanns entwickeln.
Trotzdem bleibt der einzelne, ungeachtet seiner Talente, den Wechselfällen und Unberechenbarkeiten des Marktes schutzlos preisgegeben. Da setzt sich ganz von selbst die geringe individuelle Sicherung in größere kollektive Sicherung um: die voneinander unabhängigen, ja einander feindlichen Kapitalisten verbinden sich in dem Punkte, der für sie der zentrale Punkt geworden ist — im Geldpunkte. Sie entschließen sich zu gegenseitiger Hilfe durch Errichtung von Banken, helfen sich durch Vorschüsse, Darlehen, Kreditgewährung, verschweißen die Vielseitigkeit ihrer Einzelinteressen zur Einheitlichkeit von Maßnahmen im kapitalistischen Gesamtinteresse.
Von diesem Punkt aus läßt sich auch der große Zirkulationsprozeß in all seinen Phasen besser übersehen. Im gewissen Sinne läßt sich sogar das chaotische Spiel der Erscheinungen und Bewegungen so weit regeln, daß die Grundpfeiler des Gebäudes der kapitalistischen Wirtschaft — Fortgang der Warenproduktion, Erzeugung von Mehrwert, Ernährung der Arbeiterklasse und Bereicherung der Bourgeoisie — gesichert bleiben. Damit ist die fortschreitende Akkumulation, die Entwicklung des Kapitalismus zu immer gewaltigeren Formen und die Verewigung des Systems zunächst gewährleistet.
Freilich — die Vielseitigkeit im Bilde des kapitalistischen Gesamtprozesses entspricht einer ungeheuren Vielseitigkeit der Leistungen, die vollbracht sein wollen, und der Kräfte, die dazu erforderlich sind. Die Kategorie des Kapitalisten verliert ihre frühere Eindeutigkeit. Der Kapitalist ist nicht mehr nur Warenproduzent, er ist auch Warenverkäufer, Zwischenhändler, Kaufmann, Bankier, Grundbesitzer, Rohstofflieferant. Der Kapitalist erscheint in vielfältiger Gestalt. Mehrwerterzeuger bleibt er nach wie vor einzig in der Rolle des Warenproduzenten. Aber er hat seine Funktionen mit der Entfaltung der Wirtschaft auf verschiedene Personen verteilt. Sie alle haben an der Herstellung der Waren, der Ausbeutung der Lohnarbeiter, dem Verkaufe der Waren, der Beschaffung von Kapital, dem Fortgange des kapitalistischen Prozesses und der Entstehung des Profits irgendwelchen Anteil. Sie alle helfen mit, daß Kapital Profit abwirft. Nun melden sie ihre Ansprüche an, fordern sie den auf sie entfallenden Anteil der Beute. Sie wollen befriedigt sein. Der Profit muß unter das Rudel hungriger Wölfe verteilt werden.
Aber wie groß soll der Beuteanteil jedes Einzelnen sein? Wie soll er bemessen werden? Wer setzt ihn fest? Wie regelt sich die Verteilung, so daß keiner zu kurz kommt? — Nun, die Warenwelt regelt alle diese Dinge von selbst. Der Mechanismus der kapitalistischen Ordnung ist so beschaffen, daß aus dem Zusammenspiele seiner Kräfte, Faktoren und Tendenzen sich die Befriedigung all dieser Ansprüche von selbst ergibt. Ohne Plan und Schema, ohne Regel und Vorschrift — einzig aus der immanenten Logik der Ware und der immanenten Gerechtigkeit des Warenaustauschs konstituiert sich das Prinzip, nach dem jedem das Seine zugeteilt wird.
In diesem Momente feiert der Fetischcharakter der Ware seinen höchsten Triumph. Marx widmet seiner Darstellung den dritten Band des Kapital.
Dabei gelangt er zur Lösung eines Rätsels, das bis dahin der zünftigen Nationalökonomie das größte Kopfzerbrechen gemacht hatte. Er enthüllt das Geheimnis der Tatsache, daß die in den verschiedenen Produktionsgebieten angelegten Kapitale, obgleich sie unter verschiedensten Bedingungen „arbeiten“, innerhalb ein und derselben Zeit und innerhalb bestimmter Landesgrenzen einen einheitlich gleichen Gewinn, eine Durchschnittsprofitrate, abwerfen. Diese zeit- und landesübliche Durchschnittsprofitrate kommt dadurch zustande, daß die Unterschiede der Profite sich beim Verkauf der Waren auf dem Markt ausgleichen. Das Minus beim Verkauf von Warensorten unter ihrem Werte wird kompensiert durch das Plus beim Verkauf von Warensorten über ihrem Wert. Es entsteht ein Durchschnitt, in dem alle Variationen ausgelöscht sind. Und der Einzelkapitalist kassiert gar nicht den von ihm in individueller Produktion erzeugten Profit, sondern nur den auf ihn entfallenden Verhältnisanteil an der Gesamtausbeute. „Die verschiedenen Kapitalisten verhalten sich hier, soweit der Profit in Betracht kommt, als bloße Aktionäre einer Aktiengesellschaft, worin die Anteile am Profit gleichmäßig pro Hundert verteilt werden, und daher für die verschiedenen Kapitalisten sich nur unterscheiden nach der Größe des von jedem in das Gesamtunternehmen gesteckten Kapitals, nach seiner verhältnismäßigen Beteiligung am Gesamtunternehmen.“ Wie mit magischen Kräften begabt, von dämonischen Gewalten beherrscht, regelt die Warenwelt nach eigenem Willen und eigener Gesetzmäßigkeit ihre Beziehungen, ordnet sie über den Köpfen der Menschen mit einer Sicherheit, die weit über Menschenwitz und Menschenleistung hinausgeht, den Verlauf der Prozesse und den Ausgleich der Profite. Nur das Himmelsfirmament, an dem mit eherner Gesetzmäßigkeit die Sterne ihre Bahn wandeln und unabhängig von Menschen das Auf und Nieder von Zeit und Ewigkeit sich abspielt, bietet ein Gleichnis für das Mysterium der kapitalistischen Wirtschaftswelt.
Aber wie die Astronomie den Himmel aufgeschlossen, die Bahn der Sterne beschrieben, kosmische Katastrophen vorausberechnet und damit die Geheimnisse des Firmaments unserer Erkenntnis enthüllt hat, so hat Marx die Dunkel des Wirtschaftsgeschehens durchleuchtet, die Gesetze der Warenwelt aufgedeckt, die Mechanismen der Profitgewinnung enthüllt und damit die mysteriöse Prädestination der Menschen für Reichtum oder Armut in die errechenbare Konsequenz eines wandelbaren Systems aufgelöst. Im Zins, in der Grundrente und in den Revenuen, in allen Formen kapitalistischen Gewinns, hat er als Substanz den immer nur maskierten Profit aufgedeckt.
Von den drei Bänden des Kapital ist der erste der unmittelbarste, geschlossenste, eindrucksvollste und wichtigste. Mag der zweite Band die kapitalistische Analyse um Einsichten von außerordentlicher Bedeutung erweitern, mag der dritte Band vom wissenschaftlichen Standpunkt aus erst als die Vollendung der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie zu betrachten sein — das Schwergewicht der ganzen wissenschaftlichen Leistung dieses Werkes liegt beim ersten Bande.
Er beantwortet die beiden Zentralprobleme, um die es beim Sozialismus und bei der Arbeiterbewegung geht: die Entstehung des Mehrwerts und die Vergesellschaftung des Produktionsprozesses. Mit dem ersten ist die Ausbeutung des Proletariats zum ersten Male wissenschaftlich erklärt. Mit dem zweiten sind die objektiven Grundlagen der sozialistischen Umwälzung zum ersten Male wissenschaftlich dargelegt. Enthüllt die Lösung des ersten Problems dem Arbeiter seine kapitalistische Gegenwart, so zeigt ihm die Lösung des zweiten seine sozialistische Zukunft.
Damit ist das theoretische Bedürfnis der Arbeiterbewegung im großen ganzen befriedigt. Denn unter dem Gesichtswinkel des Klassenkampfes betrachtet sind diese Probleme von elementarer und fundamentaler Wichtigkeit, während alle andern, so interessant und bedeutsam sie im einzelnen sein mögen, weit dahinter zurücktreten.
Daher auch die Tatsache, daß in sozialistischen Kreisen bis hinauf zu den Intellektuellen und Führern meist nur der erste Band des Kapitals bekannt ist. Er wird diskutiert, popularisiert, für die Agitation ausgewertet; die andern beiden Bände führen ein mehr dekoratives, verschwiegenes Dasein in der Tiefe von Bibliotheken. Bernard Shaw, der halbsozialistische Fabier, hatte recht, als er einmal Hyndman, den ganzsozialistischen englischen Parteiführer, verspottete, weil dieser, obwohl er nur den ersten Band vom Kapital kannte, Anspruch darauf erhob, als ganzer Marxist angesehen zu werden. Aber Hyndman hatte auch recht, wenn er sich zu seiner Entschuldigung darauf berief, daß die ganze Arbeiterbewegung bis auf wenige ihrer geschultesten Köpfe den dritten Band ebenfalls nicht kenne und doch ihren Klassenkampf im Sinne von Marx führe. In der Tat hat die Kenntnis des ersten Bandes für die Phase des Klassenkampfes, die heute hinter uns liegt, völlig ausgereicht.
Mit jedem Schritt über diese Phase hinaus gewinnen jedoch der zweite und dritte Band stärkeres Geltungsrecht. Das Angesicht des Marxismus wandelt sich mit den Fortschritten und gewandelten Bedingungen der Zeit. Und gegenüber dem Vulgärmarxisten der alten Schule, der seine theoretische Orientierung lediglich aus dem ersten Band und einem grobmechanistisch verstandenen Geschichtsmaterialismus bestreitet, ist der moderne Marxist, der den Spuren der Entwicklung auch im Marxismus zu folgen vermag, oft versucht, mit Marx zu sagen: „Ich für meine Person bin kein Marxist!“
Lebensabend und Ende
Es war Marx nicht mehr vergönnt, den zweiten und dritten Band des Kapital selbst herauszugeben. Der Tod nahm ihm vorher die Feder aus der Hand. Die große wissenschaftliche Konzeption des Standardwerks, das seinen Geist so oft beschäftigte, blieb unausgeführt. Engels, der wissenschaftliche Testamentsvollstrecker, sorgte dafür, daß wenigstens das Kapital seinen Abschluß fand. Er übernahm die Redaktion der von Marx hinterlassenen Manuskripte, machte sie druckfertig und übergab 1885 den zweiten und 1894 den dritten Band des Kapital der Öffentlichkeit.
Seit 1870 hatte sich das Freundschaftsverhältnis zwischen Marx und Engels noch befestigt durch den Umstand, daß sie sich auch räumlich nähergekommen waren. Engels war aus seiner Stellung bei der Firma Ermen & Engels in Manchester ausgeschieden und hatte seinen Wohnsitz nach London verlegt. Unter dem 29. November 1868 schrieb Engels an Marx: „1. Wieviel Geld brauchst Du, um alle Deine Schulden zu bezahlen, um mit reinem Tische von neuem wirtschaften zu können. 2. Kannst Du mit 350 Pfund Sterling für die gewöhnlichen regelmäßigen Bedürfnisse im Jahr auskommen (wobei ich Extrakosten durch Krankheit und unvorhergesehene Ereignisse ausschließe), das heißt so, daß Du dabei keine Schulden zu machen brauchst. Wo nicht, so gib mir die Summe an, die dazu erforderlich ist. Alles vorausgesetzt, daß alle alten Schulden vorher abbezahlt sind. Meine Unterhandlungen mit Gottfried Ermen nehmen nämlich die Wendung, daß er mich am Ende meines Kontrakts — 30. Juni — abkaufen will, das heißt er bietet mir eine Summe Geldes, wenn ich mich verpflichte, auf fünf Jahre in kein Konkurrenzgeschäft zu gehen und ihm erlaube, die Firma weiterzuführen. Das ist gerade, wohin ich den Mann haben wollte... Die mir offerierte Summe würde mich in den Stand setzen, Dir 350 Pfund Sterling jährlich sicher für fünf bis sechs Jahre zuzuweisen und bei außergewöhnlichen Fällen auch noch etwas mehr.“ Darauf antwortete Marx postwendend: „Ich bin ganz überwältigt durch Deine zu große Güte. Ich habe mir von meiner Frau sämtliche Rechnungen vorlegen lassen, und die Schuldensumme ist viel größer als ich dachte, 210 Pfund Sterling (wovon gegen 75 Pfund für Pfandhaus und Zinsen).“ Am 1. Juli 1869 sagte Engels mit einem Hurra dem „süßen Commerce“ Valet, wurde ein „freier Mann“, machte bei Marx „reinen Tisch“ und verlegte ein Jahr später seinen Wohnsitz von Manchester nach London. Ganz in der Nähe von Marxens Wohnung ließ er sich nieder. Im Hause von Marx hatte sich inzwischen mancherlei verändert. Für die beiden ältesten Töchter Jenny und Laura waren Bewerber aufgetaucht. Schon im August 1866 hatte Marx darüber an Engels geschrieben: „Laura ist seit gestern halb versagt an Monsieur Lafargue, meinen medizinischen Kreolen. Sie behandelte ihn wie die andern, aber die Gemütsexzesse solcher Kreolen, etwas Furcht, daß der Jüngling (er ist 25 Jahre) sich umbringen würde usw., etwas Zuneigung für ihn, kalt wie immer bei Laura (er ist ein hübscher, intelligenter und gymnastisch entwickelter Bursche) haben mehr und minder zu einem halben Kompromiß geführt. Der Junge attachierte sich erst an mich, übertrug aber bald die Attraktion vom Alten auf die Tochter. Seine ökonomischen Verhältnisse sind mittlerer Natur, da er das einzige Kind einer früheren Pflanzerfamilie. Er ist von der Pariser Universität für zwei Jahre gestrichen worden wegen des Lütticher Kongresses, will aber sein Examen zu Straßburg machen.“ Marx verlangte von den Eltern des Verlobten genaue Aufschlüsse über die Vermögenslage und erklärte kategorisch, als diese befriedigend ausfielen, daß „nicht ans Heiraten zu denken“ sei, bevor nicht alle Examina gemacht seien. „Ich habe noch gestern unserm Kreolen mitgeteilt, daß, wenn er nicht zu englischen Manieren down kalmieren kann, Laura ihn ohne Umstände an die Luft setzen wird. Dies muß er sich völlig klarmachen oder es wird nichts aus der Sache. Er ist ein kreuzguter Kerl, aber ein verwöhntes Kind und zu sehr Naturkind.“ Lafargue absolvierte seine Examina und heirate seine Laura. In Paris, wo er sich als Arzt niederließ, beteiligte er sich an den Kommunekämpfen, mußte flüchten und landete wieder in London. Er gab den ärztlichen Beruf auf, weil dieser „ohne Charlatanerie nicht zu betreiben“ sei, und gründete ein photographisches Institut, das ihn und seine Familie mehr schlecht als recht ernährte.Auch für Jenny hatte sich ein Freier gefunden. Es war Charles Longuet, damals Redakteur des Organs der Sozialistischen Studenten in Paris, der als Mitglied der französischen Sektion der Internationale, die gegen den Generalrat opponierte, 1866 in London erschien. Er wurde bald Mitglied des Generalrats; während der Pariser Kommune war er Redakteur des offiziellen Organs und Mitglied des Rates der Kommune. 1873 heiratete er Jenny und zog mit ihr nach Paris.
Bei den Eltern blieb nur noch Tussy, die eigentlich Eleanor hieß. Um sie bewarb sich Lissagaray, der Geschichtsschreiber der Kommune, der nach 1871 ein Asyl in London fand. Aber Marx gab zu dieser Verbindung seine Einwilligung nicht. Tussy hat sich später mit einem Dr. Aveling in freier Ehe verbunden, ein sehr unglückliches Leben geführt und sich in Verzweiflung aus dem Fenster gestürzt. Bernard Shaw hat sie für die Gestalt der Jennifer Dubedat in seinem Arzt am Scheidewege als Modell benutzt.
Auch das Ehepaar Lafargue ist in hohem Alter in Paris freiwillig aus dem Leben gegangen, weil es die Unerträglichkeit des Greisenalters nicht auf sich nehmen wollte. Ein Sohn Longuets, der in Paris lebt und mit an der Spitze des linken Flügels der französischen Sozialdemokratie steht, ist der einzige Überlebende der Familie Marx.
Als nach Verheiratung der beiden Töchter der Hausstand erheblich zusammengeschrumpft war, verlegte Marx sein Londoner Domizil nach 41 Maitlandpark Road Haverstock Hill. Hier hat er die letzten Jahre seines Lebens zugebracht, die ein langsames „Sterben“ waren.
Von 1873 an stellte sich bei ihm ein schleichendes Kopfleiden ein, das ihn arbeitsunfähig machte und mehrmals in Gefahr eines Schlaganfalls brachte. Außerdem meldete sich sein altes Leberleiden wieder. Engels zog seinen alten Arzt Gumpert von Manchester zu Rate und dieser ordnete eine Kur in Karlsbad an. Die finanzielle Hilfe des Freundes ermöglichte Marx, 1874, 1875 und 1876 die Karlsbader Kur zu machen, die ihm ausgezeichnet bekam. 1877 ging er zur Kur nach Neuenahr. Das Leberleiden wich, aber das chronische Magenleiden, verbunden mit Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, nervöser Erschöpfung und Arbeitsunlust trotzte allen Kuren und ärztlichen Bemühungen. Auch ein Aufenthalt an der See brachte nur vorübergehend Besserung. Die gesundheitliche Verfassung wurde von Jahr zu Jahr schlechter.
Es sprechen viele Anzeichen dafür, daß die Verschlimmerung des allgemeinen Zustandes ebenso seelische Ursachen hatte wie körperliche. Denn die Krankheit bietet in diesem Stadium das Bild einer tiefen Depression, die sich physisch und psychisch auswirkte. Marx empfand den Zusammenbruch der Internationale als das Fiasko seines Lebenswerkes, obwohl er sich verstandesmäßig sagen mußte, daß ebenso objektive Notwendigkeiten ihren Niedergang bedingten, wie sie ihre Begründung veranlaßt hatten. Dazu kam, daß der Erfolg des Kapital, auf das er die allergrößten Hoffnungen gesetzt hatte, weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Die Welt, die er damit aus den Angeln zu heben gedacht hatte, ging im alten Geleise weiter, als ob das Buch nie erschienen wäre. Jahrelang wurde es totgeschwiegen, und als „diese Taktik nicht länger den Zeitverhältnissen entsprach“, wurde es von „breimäuligen Faselhänsen der deutschen Vulgärökonomie“ ohne Verständnis verrissen und hämisch glossiert. Selbst ein Mann wie Freiligrath wußte über das Buch nichts Wesentlicheres zu sagen, als die banale Phrase, „daß am Rheine viele Kaufleute und Fabrikbesitzer sich für das Buch begeistern“ würden. Angesichts solcher Verständnislosigkeit, auf die er Schritt für Schritt stieß, war es für Marx ein magerer Trost, daß „der einzige, der das Kapital wirklich verstand“, ein Proletarier, der in Rußland lebende Lohgerber Josef Dietzgen, war.
Es gab noch andere Dinge, die Marx verstimmten und deprimierten. So hatte sich in Deutschland eine starke sozialdemokratische Bewegung herausgebildet, die selbstbewußt ihren Weg ging, ihre Kämpfe ausfocht und sich ihre Aufgaben stellte, ohne viel nach ihm zu fragen und seine Sanktion für ihre Entwicklung einzuholen. Zwar stand Liebknecht mit ihm und Engels in reger Korrespondenz, erbat sich Rat und Beistand in schwierigen politischen Fragen und respektierte mit Ehrerbietung das Orakel in London. Aber Liebknecht war nicht die deutsche Partei, die in wichtigen Fragen oft gegen seine Führung entschied und ihr eigenes Leben, ihre eigene Marschroute entwickelte. So kam es, daß Liebknecht sich oft den Zorn von Marx zuzog. In Briefen zwischen Marx und Engels wimmelt es von kritischen und ärgerlichen, ja wegwerfenden Bemerkungen über ihn und seine Tätigkeit. Der Grund für diese Differenzen und Verstimmungen lag tiefer: Marx, seit Jahrzehnten in England, hatte alle lebendige Beziehung zu Deutschland und alles tiefere Verständnis für die Eigenart der deutschen Verhältnisse verloren; so sah er alle Erscheinungen im schiefen Lichte und mit verzerrten Konturen; in der Folge mußten seine Urteile häufig Fehlurteile sein und seine von London aus gegebenen Direktiven sich als falsch oder undurchführbar erweisen. Diese Diskrepanz trat am schärfsten zutage, als die Lassalleaner und Eisenacher, des langen Haders müde und dem Drucke der übermächtigen Verhältnisse nachgebend, die Einigung anstrebten und sich 1875 in Gotha zur geeinigten sozialdemokratischen Partei verbanden. Marx leistete mit Händen und Füßen zornigsten Widerstand, unterzog das Einigungsprogramm einer vernichtenden Kritik und suchte durch einen Brief an Liebknecht den Ablauf der Geschehnisse in seinem Sinne zu beeinflussen. Liebknecht konnte nichts Besseres tun, als den Brief in der Tasche zu behalten; aber Marx sah darin einen Affront, fühlte sich ausgeschaltet, seines Einflusses beraubt, an der verwundbarsten Stelle seines Ehrgeizes getroffen.
In Frankreich das gleiche Bild. Nicht einmal die Schwiegersöhne parierten Order, obwohl er sie unausgesetzt in seinen Dienst zu stellen suchte. Bei aller Herzlichkeit des persönlichen Verkehrs nahmen sie sich die Freiheit, in vielen Fragen ihre eigene Auffassung zu haben. „Longuet als letzter Proudhonist“, heißt es noch in einem Briefe an Engels aus dem Jahre 1882, „und Lafargue der letzte Bakunist! Mag sie der Teufel holen!“Am schmerzlichsten wirkten wohl auf Marx die Zustände in England. Dreißig Jahre hatte er hier gelebt und gewirkt. Und kein Körnchen der Saat, die er ausgestreut, war in diesem Land aufgegangen. Wohl existierte eine Arbeiterbewegung, aber sie nahm keinerlei Notiz von seiner Existenz und seiner Lehre. Persönliche Beziehungen zu den Führern waren abgebrochen, meist unter Konflikten und vergiftenden Feindseligkeiten. Jeder Kontakt war verlorengegangen. Nirgends war Marx so fremd wie hier.
Das Gefühl der Verlassenheit, die zunehmende seelische Vereinsamung machten die Krankheit immer unerträglicher. Und die stetige Verschlechterung des körperlichen Zustandes hielt die Stimmung in steigender Gereiztheit. Von 1878 an ist Marx zu wirklich wissenschaftlicher Arbeit nicht mehr gekommen. Er brachte nichts mehr fertig. Sein Selbstvertrauen war völlig erschüttert.
Um diese Zeit begann Frau Marx zu kränkeln. Das Leben hatte ihr hart zugesetzt. Nun siechte sie langsam dahin. Ein schleichendes Krebsleiden hatte sie befallen. Die Erfüllung ihres letzten Wunsches, noch einmal nach Paris zu fahren und ihre Töchter zu sehen, setzte sie im Sommer 1881 unter heroischem Aufgebot ihrer letzten Kraft durch. Als sie zurückkam, lag Marx an Bronchitis, Lungen- und Brustfellentzündung darnieder. Tussy und Lenchen Demuth wendeten an den Kranken die aufopferndste Pflege und hatten die Freude, ihn wieder genesen zu sehen. „In der großen Vorderstube“, schrieb Tussy an Freunde, „lag unser Mütterchen, in der kleinen Stube daneben lag Mohr. Und diese beiden, die so aneinander gewöhnt, so miteinander verwachsen waren, konnten nicht mehr in demselben Raume zusammen sein. Mohr überwand noch einmal die Krankheit. Nie werde ich den Morgen vergessen, an welchem er sich stark genug fühlte, in Mütterchens Stube zu gehen. Sie waren zusammen wieder jung — sie ein liebendes Mädchen und er ein liebender Jüngling, die zusammen ins Leben eintreten, und nicht ein von Krankheit zerrütteter alter Mann und eine sterbende alte Frau, die fürs Leben voneinander Abschied nehmen.“
Am 2. Dezember 1881 starb Frau Marx. Als Engels das Haus betrat, sagte er: „Der Mohr ist auch gestorben.“ Wie recht er hatte, zeigte der rasche Verfall der Kräfte, der nun bei Marx eintrat. „Ich komme“, schrieb Marx im Dezember an Sorge, „aus der letzten Krankheit doppelt verkrüppelt heraus, moralisch durch den Tod meiner Frau, physisch dadurch, daß eine Verdickung des Brustfells und große Reizbarkeit der Luftröhrenäste beigeblieben ist.“ Engels setzte alles zu seiner Heilung in Bewegung. Auf Verordnung der Ärzte ging Marx nach der Insel Wight, im März und April 1882 nach Algier, wo er sehr unter regnerischem und kaltem Wetter litt, darauf im Mai nach Cannes, Nizza und Monte Carlo; im Juni und Juli war er bei seiner Tochter Jenny in Argenteuil bei Paris, im August mit Laura in Vevey am Genfer See. Ende September traf er wieder in London ein, sichtlich gut erholt und zur Arbeit aufgelegt. Um nicht unter den schweren Londoner Nebeln zu leiden, begab er sich wieder nach der Insel Wight, hatte hier aber ebenfalls ungünstige Witterung, bei der er sich eine schwere Verschlimmerung seines Leidens zuzog.
Am 12. Januar 1883 starb ganz plötzlich seine Lieblingstochter Jenny, Frau Longuet. Dieser Schlag traf ihn vernichtend. Eine Menge Komplikationen stellten sich ein. In schlechtester Verfassung kehrte er nach London zurück. „Seit sechs Wochen“, schrieb Engels später an Sorge, „hatte ich jeden Morgen, wenn ich um die Ecke kam, Todesangst, die Vorhänge möchten heruntergelassen sein. Gestern mittag 2,30 (14. März) seine beste Tagesbesuchszeit, kam ich hin — das Haus in Tränen, es schien zu Ende zu gehen. Ich erkundigte mich, suchte der Sache auf den Grund zu kommen, zu trösten. Eine kleine Blutung, aber ein plötzliches Zusammensinken war eingetreten. Unser altes braves Lenchen, das ihn gepflegt, wie keine Mutter ihr Kind pflegt, kam herunter: er sei halb im Schlafe, ich möge mitkommen. Als wir eintraten, lag er da, schlafend, aber um nicht mehr aufzuwachen. Puls und Atem waren fort. In den zwei Minuten war er ruhig und schmerzlos entschlummert.“ Noch am Todestage schrieb Engels an Liebknecht: „...ich kann mir gar nicht denken, daß dieser geniale Kopf aufgehört haben soll, mit seinen gewaltigen Gedanken die proletarische Bewegung beider Welten zu befruchten. Was wir alle sind, wir sind es durch ihn, was die heutige Bewegung ist, sie ist es durch seine theoretische und praktische Tätigkeit; ohne ihn säßen wir immer noch im Unrat der Konfussion.“
Am 17. März wurde Marx auf dem Friedhofe von Highgate beigesetzt. Die Bestattung erfolgte, wie bei Frau Marx, in aller Stille und ohne jede Feierlichkeit. Nur wenig Teilnehmende versammelten sich am Grabe: Engels, Leßner, Liebknecht, Longuet, Lafargue und ein paar Freunde. Engels hielt die Grabrede, die, weil sie als klassische Zusammenfassung des Marxschen Lebenswerks gilt, im Wortlaut wiedergegeben sei.
„Am 14. März, nachmittags ein Viertel vor drei, hat der größte lebende Denker aufgehört zu denken. Kaum zwei Minuten allein gelassen, fanden wir ihn beim Eintreten in seinem Sessel ruhig entschlummert — aber für immer. Was das kämpfende europäische und amerikanische Proletariat, was die historische Wissenschaft an diesem Manne verloren haben, das ist gar nicht zu ermessen. Bald genug wird sich die Lücke fühlbar machen, die der Tod dieses Gewaltigen gerissen hat.
Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben und aus der sie daher auch erklärt werden müssen — nicht, wie bisher geschehen, umgekehrt.
Damit nicht genug. Marx entdeckte auch das spezielle Bewegungsgesetz der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr erzeugten bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Entdeckung des Mehrwerts war hier plötzlich Licht geschaffen, während alle früheren Untersuchungen sowohl der bürgerlichen Ökonomie wie der sozialistischen Kritiker im Dunkel sich verirrt hatten.
Zwei solche Entdeckungen sollten für ein Leben genügen. Glücklich schon der, dem es vergönnt ist, nur eine solche zu machen. Aber auf jedem einzelnen Gebiete, das Marx der Untersuchung unterwarf, und dieser Gebiete waren sehr viele, und keines hat er bloß flüchtig berührt — auf jedem, selbst auf dem der Mathematik, hat er selbständige Entdeckungen gemacht.
So war der Mann der Wissenschaft. Aber das war noch lange nicht der halbe Mann. Die Wissenschaft war für Marx eine geschichtlich bewegende, eine revolutionäre Kraft. So reine Freude er haben konnte an einer neuen Entdeckung in irgendeiner theoretischen Wissenschaft, deren praktische Wirkung vielleicht noch gar nicht abzusehen, eine ganz andere Freude empfand er, wenn es sich um eine Entdeckung handelte, die sofort revolutionär eingriff in die Industrie, in die geschichtliche Entwicklung überhaupt. So hat er die Entwicklung der Entdeckungen auf dem Gebiete der Elektrizität, und zuletzt noch die von Marc Deprez, genau verfolgt.
Denn Marx war vor allem Revolutionär. Mitzuwirken, in dieser oder jener Weise, am Sturze der kapitalistischen Gesellschaft und der durch sie geschaffenen Staatseinrichtungen, mitzuwirken an der Befreiung des modernen Proletariats, dem er zuerst das Bewußtsein seiner eigenen Lage und seiner Bedürfnisse, das Bewußtsein der Bedingungen seiner Emanzipation gegeben hatte — dies war sein wirklicher Lebensberuf. Der Kampf war sein Element. Und er hat gekämpft mit einer Leidenschaft, einer Zähigkeit, einem Erfolge wie wenige. Erst Rheinische Zeitung 1842, Pariser Vorwärts 1844, Brüsseler Deutsche Zeitung 1847, Neue Rheinische Zeitung 1848 bis 1849, New Yorker Tribune 1852 bis 1861 — dazu Kampfbroschüren die Menge, Arbeit in Vereinen in Paris, Brüssel und London, bis endlich die große Internationale Arbeiterassoziation als Krönung des Ganzen entstand — wahrlich das war wieder ein Resultat, auf das sein Urheber stolz sein konnte, hätte er auch sonst nichts geleistet.
Und deswegen war Marx der bestgehaßte und bestverleumdetste Mann seiner Zeit. Regierungen, absolute wie republikanische, wiesen ihn aus, Bourgeois, konservative wie extrem-demokratische, logen ihm um die Wette Verlästerungen nach. Er schob das alles beiseite wie Spinnweb, achtete dessen nicht, antwortete nur, wenn äußerster Zwang da war. Und er ist gestorben, verehrt, geliebt, betrauert von Millionen revolutionärer Mitarbeiter, die von den sibirischen Bergwerken an über ganz Europa und Amerika bis Kalifornien hin wohnen, und ich kann es kühn sagen: er mochte noch manchen Gegner haben, aber kaum noch einen persönlichen Feind.
Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk.“
Eine schlichte Marmorplatte, von Efeu umrankt, trägt die Grabinschrift:
Jenny von Westphalen
The beloved wife of
Karl Marx
Born 12. February 1814
Died 2. December 1881
And Karl Marx
Born May 5. 1818; died March 14. 1883
And Harry Longuet
Their grandson
Born July 4. 1878; died March 20. 1883
And Helene Demuth
Born January 1. 1823, died November 4. 1890.
Würdigung
Der Mensch
Wenn die materialistische Geschichtsauffassung die zeitgegebene Erklärungsmethode für geschichtliche Vorgänge ist, muß sie nicht nur mit Bezug auf die Massen gelten, die geschichtliche Ereignisse vollstrecken, sondern auch mit Bezug auf einzelne Menschen, die diese Vollstreckung verkörpern.
Die Anwendung der materialistischen Geschichtsauffassung auf Massen als Träger geschichtlicher Aktionen ist Aufgabe der Soziologie.
Ihre Anwendung auf einzelne Personen ist Sache der Psychologie.
Der Tenor der materialistischen Geschichtsauffassung lautet: Aus den natürlichen Produktivkräften und überkommenen Produktionsverhältnissen formt die Gesellschaft (innerhalb der Klassengesellschaft die jeweils herrschende Klasse) die soziale Ordnung. Die Struktur dieses materiellen Unterbaus spiegelt sich im ideologischen Überbau. Zwischen beiden besteht das Verhältnis dialektischer Wechselwirkung. Entscheidend für den Charakter der sozialen Ordnung ist das Sicherungsbedürfnis der Gesellschaft oder ihrer herrschenden Oberschicht.
Übersetzt man diese Grundzüge der geschichtsmaterialistischen Methode ins Psychologische, so heißt das: Aus seiner organischen Konstitution und seiner sozialen und familiären Position formt der Mensch seinen Charakter. Die biologischen und sozialen Interessen seiner Sicherung setzen sich — ihm unbewußt — in Ziele um. Im Hinblick auf die Ziele bilden sich die Leitlinien seiner Verhaltungsweisen aus. Meinungen, Auffassungen, Ideen erscheinen als Ausdrucksformen des persönlichen Sicherungszwecks. Entscheidend für jeden Charakter und seine Verhaltungsweisen ist innerhalb der individualistischen Epoche der durch die Lebensumstände gebotene Drang, sich als Persönlichkeit zu erweisen.
Fassen wir im Sinne dieser Richtlinien den Menschen Marx ins Auge — rein als Menschen, abgelöst von seinem Werke — so fesseln drei charakteristische Befunde unsern Blick:
Erstens: schlechte gesundheitliche Verfassung, die auf konstitutionelle Schwäche oder Organdefekt schließen läßt.
Zweitens: jüdische Abkunft, die als sozialer Makel empfunden wird.
Drittens: die Rolle des Erstgeborenen in der Geschwisterreihe.
Jeder dieser drei Befunde — ein biologischer, ein sozialer und ein familiärer Befund — steht anscheinend isoliert da. Es leuchtet nicht ohne weiteres ein, daß sie in einem innern Zusammenhange stehen. Noch weniger scheint die Annahme begründet, daß sie als Bestandteile eines Ganzen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sein sollen.
Die Methode der materialistischen Geschichtsauffassung nötigt jedoch zur Zusammenhangs- und Einheitsbetrachtung.
Gehen wir — indem wir uns ihrer bedienen — von der Auffassung aus, daß jeder Organismus, ganz allgemein, einheitlich gerichtet ist im Sinne seiner Anpassung an die natürlichen Lebensbedingungen, so ergibt sich: alle seine Bestandteile entwickeln sich, schließen sich zusammen und fördern sich gegenseitig, als ob sie vom Diktat einer einheitlichen Zwecksetzung bewegt und beherrscht wären. Im Rahmen des rein biologischen Lebens kann man den Inhalt dieser Zwecksetzung als Lebenserhaltung bezeichnen.
Der menschliche Organismus unterscheidet sich von dem der übrigen Lebewesen dadurch, daß die biologischen Zwecke kompliziert sind durch soziale Zwecke, die nicht oder nicht ohne weiteres mit den biologischen Zwecken zusammenfallen müssen, weil die menschliche Soziologie, zum Unterschiede von der des Tierreichs, eine Tradition, eine Geschichte hat. Jede Generation von Menschen übernimmt den sozialen Bestand der Vorfahren und hat mit dessen Verarbeitung im Interesse ihrer Erhaltung zu rechnen. Und die soziale Entwicklung verläuft schneller und oft anders als die biologische.
Der Organismus des Einzelmenschen ist noch schwieriger daran. Denn das Individuum ist außer den Gefahren der Natur und der Gesellschaft noch bedroht von den Gefahren, die von anderen Individuen ausgehen. Und die Zwecke seiner Selbsterhaltung gehen nicht immer konform mit den Zwecken der Art- oder Gesellschaftserhaltung. Es entstehen Konflikte.
Der allgemeine Lebensplan ist, von der Unsicherheit zur Sicherheit zu kommen. Konkret heißt dies im Biologischen: lange leben und gesund bleiben; im Soziologischen: außerdem noch einen Platz in der Gesellschaft haben und mit den Aufgaben des Berufs, der Ehe, der Kameradschaft ins Reine kommen.
Freilich — die Gesellschaft ist keine Einheit, sondern eine Schichtung von Klassen, ein Oben und Unten. Ihre soziologische Struktur bedingt und bewirkt eine psychologische Wertung. Darum bringt die persönliche Zielsetzung im Lebensplan einen Wertmaßstab zur Anwendung, indem sie fordert: nicht hinter andern zurückstehen, im Leben irgendwie zur Geltung kommen! Diese Geltung drückt sich subjektiv als Persönlichkeitsgefühl aus.
Je niedriger die Selbsteinschätzung und je stärker infolgedessen das Unsicherheitsgefühl, desto lebhafter die Tendenz zur Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls und damit der Drang zum Ausgleich der Gefahrsituation. Jede mindere Lebenstauglichkeit erscheint — sozial gewertet — als Minderwertigkeit. Diese setzt sich seelisch in Minderwertigkeitsgefühl um und bildet den Antrieb für eine Übersteigerung des Persönlichkeitsgefühls. Dieser Vorgang stellt sich dar als kompensatorischer Versuch zur Wiederherstellung des verlorengegangenen seelischen Gleichgewichts und hat sein Gegenstück im Körperlichen, wo mangelhafte Organbeschaffenheit ausgeglichen wird durch erhöhte Organtätigkeit.
Es ist das psychologische Charakteristikum der kapitalistischen Epoche, daß sie durch den Prozeß der Proletarisierung und Individualisierung, der ungeheure Menschenmassen ihrer überlieferten Sicherheiten beraubte, das Unsicherheitsgefühl zur allgemeinen seelischen Haltung gemacht hat. Da sich das Unsicherheitsgefühl fast ausschließlich auf den Vergleich mit gesicherten oder gesichert erscheinenden Nebenmenschen bezieht, ist das Minderwertigkeitsgefühl zur allgemeinen seelischen Disposition der Menschen von heute geworden.
Dieses allgemeine Minderwertigkeitsgefühl kann in besondern Fällen eine überstarke Reizung erfahren und sich so steigern, daß es den gesamten seelischen Apparat des Menschen beherrscht und in seinen Dienst stellt. Solche besondere Fälle sind gegeben bei geschwächter Körperkonstitution, Organdefekten, schweren sozialen Benachteiligungen, ungünstiger familiärer Position und schlechter Lebensvorbereitung infolge verfehlter Erziehung. Immer also dann, wenn ein schlechter Start fürs Leben vorhanden ist, wenn eine unzureichende Ausrüstung für den Lebenskampf vorliegt.
Wird verstärktes Minderwertigkeitsgefühl durch mißlungene Kompensationsversuche weiter verstärkt oder treten im Leben neue Unsicherheitsmomente hinzu, so schießt der immer tiefer angesetzte Pendelschwung der Kompensation schließlich über das Ziel hinaus. Die Kompensation wird zur Überkompensation. Das Persönlichkeitsziel heißt nicht mehr: sicher sein, gelten wollen, sondern mehr als andere gelten wollen, überlegen, unerreicht, gottähnlich sein.
Zwischen dem verstärkten Minderwertigkeitsgefühl, als Ausgangspunkt, und dem erhöhten Persönlichkeitsideal, als Zielpunkt, spielt sich nun das seelische Leben des Menschen ab. Teils bewußt, größtenteils unbewußt, immer einheitlich entfaltet es sich in allen Äußerungen und Aktionen zwischen diesen zwei Polen. Von der Ichfindung an bis zum Tode bewegt sich alles, was ein Mensch fühlt, denkt, urteilt, will und tut — mag dies auch noch so unvereinbar, widerspruchsvoll und rätselhaft erscheinen — immer auf dieser einen Linie von unten nach oben. Alles tritt in den Dienst des Persönlichkeitsideals: der Körper, die Sexualität, der Geist, die Logik, das Gedächtnis, die Erfahrungen. Einheitlich und zielstrebig ordnet sich alles — Denken, Fühlen, Handeln — in dieses Streben vom Minderwertigkeitsgefühl zum erhöhten Persönlichkeitsgefühl ein. Es bildet sich eine Menge von Verhaltungsweisen heraus, die im Hinblick auf das Ziel eintrainiert sind und aus ihm ihren Sinn beziehen. Die Summe dieser Verhaltungsweisen heißt Charakter. In seinen Charakterzügen baut der Mensch Wege aus, die am schnellsten und sichersten nach der von ihm erstrebten Höhe zu führen scheinen. Mit unbewußter Planmäßigkeit „macht“ er Erfahrungen, bewahrt er tendenziös Erinnerungen auf, formuliert er Urteile. In jedem neuen Lebensabschnitt findet er auf diese Weise immer wieder bestätigt, was er bereits früher an Meinungen und Ansichten über sich, Welt und Leben gewonnen hat. Er erlebt immer dasselbe Glück oder Pech, hat dieselben Erlebnisse mit Frauen, Kollegen, Freunden, gewinnt immer die nämlichen Eindrücke und Urteile. Was als Veränderung erscheint, ist meist nur ein Formenwandel, mittels dessen sich der Mensch unter neuen Bedingungen als der alte erweist. So gibt es für den, der sich von den scheinbaren Widersprüchen der Oberfläche nicht täuschen läßt, von jeder Persönlichkeit ein einheitliches, in sich geschlossenes Bild, in dem jede, auch die kleinste Seelenregung von einer zentralen Zielsetzung diktiert, von einer einheitlichen Tendenz beherrscht wird und in ihrer Funktion stets am richtigen Platze ist. Biologische und soziologische Zwecke werden dem individualpsychologischen Zwecke als Material eingegliedert. Der ganze Mensch steht als geschlossene Einheit da.
Und ganz einheitlich und eindeutig ist auch der Gebrauch, den der Mensch von den Mitteln macht, die er in seiner Körperbeschaffenheit, seiner sozialen Situation, seiner Stellung innerhalb der Familie vorfindet. Durch die Tatsache seiner Geburt in bestimmte Gegebenheiten gesetzt, die sich seiner Auswahl entziehen und die er nicht mehr abändern kann, muß er sich mit dem Vorhandenen einrichten. Und er richtet sich ein, immer so, wie dies seinem Lebensplan entspricht. Er bedient sich eines konstitutionellen Mangels, bildet einen Organdefekt für seine Zwecke aus, lernt die soziale Situation zu seinem Vorteile zu verwerten und macht sich die Familienposition zunutze. Jede Verkürzung und Benachteiligung verwandelt sich unter den Künsten seiner Routine und seines Raffinements — ihm unbewußt — zu Mitteln seiner Zielsetzung. Diese Zielsetzung ist immer auf Erhöhung gerichtet. Erreicht der Mensch mit Hilfe der angewandten Mittel die ersehnte Höhe nicht, so benutzt er sie als Beweisstücke, um sich mildernde Umstände zu sichern, sich zu schonen oder sich von Schuld und Verantwortung freizusprechen.
Sehen wir uns auf Grund dieser Feststellungen das Bild der Persönlichkeit von Marx an, so erscheinen die eingangs angeführten biologichen, sozialen und familiären Befunde in einem bereits sehr aufschlußreichen Lichte. Dabei bilden diese Befunde nur die Elemente, die ersten groben Bestandteile zu einer psychologischen Analyse, mit denen wir uns begnügen müssen, weil weiteres, ins Einzelne gehendes Material aus dem Leben von Marx leider nicht überliefert ist. Gewiß reichen diese Elemente zu einer erschöpfenden Analyse nicht aus. Die Konstruktion muß oft die Lücken der Beobachtung ausfüllen; das Schema hilft den Mangel an Material ausgleichen und tritt an die Stelle der Empirie. Gleichwohl gelangen wir in unserer Einsicht schon erheblich weiter, als dies mit den Mitteln der bisherigen Seelenforschung möglich war. Wenn es nicht gelingt, endgültige Erkenntnisse zu erringen, so teilt die psychologische Analyse diese Unzulänglichkeit mit der Wissenschaft überhaupt, die letzte Fragen noch immer offen läßt.
Im Leben von Marx spielt sehr frühzeitig ein Leberleiden eine Rolle, das als erbliche Familienkrankheit galt und auch von Marx als ererbt angesehen wurde. Marx hatte sein ganzes Leben hindurch eine geheime Angst vor dem Leberkrebs, der angeblich das Schicksal der Familie war. Aller Wahrscheinlichkeit nach stand mit seinem Leberleiden im engsten Zusammenhang eine allgemeine Schwäche des Verdauungsapparats, eine Störung des ganzen Magendarmtrakts. Denn Marx litt nicht nur an Symptomen des Leberleidens, sondern auch an krankhaften Zuständen (Appetitlosigkeit, Verstopfung, Magen- und Darmkatarrhen, Hämorrhoiden, Furunkulosis usw.), die als Äußerungen und Begleiterscheinungen schwerer Stoffwechselstörungen aufzufassen sind. Er war ein stoffwechselkranker Mensch.
Dieser biologische Befund ist sehr wichtig. Denn es ist ohne weiteres klar, daß eine so ernsthafte Störung in einer so lebenswichtigen Funktion von Marx seelisch als starkes Gefühl der Unsicherheit und Unzulänglichkeit empfunden wurde. Zweifellos ist hier die tiefste Quelle seines Minderwertigkeitsgefühls zu suchen.
Dazu kommt ein sozialer Befund: seine jüdische Abstammung. Es wurde bereits darauf hingewiesen, wie groß die gesellschaftliche, rechtliche und politische Benachteiligung des jüdischen Elements in der vormärzlichen Epoche war und wie besonders die Juden des Rheinlands zeitweilig unter verstärkter Ächtung und Verfolgung zu leiden hatten. Marx sah sich als Jude zu einem ungünstigen Start verurteilt, der ihm die Chancen für sein Fortkommen im Leben verschlechterte. Zwar war die Ungunst durch den Übertritt zum Protestantismus teilweise repariert, aber Rassenzugehörigkeit konnte durch Taufwasser nicht abgewaschen werden. Sie ließ sich auch nicht vergessen machen oder ignorieren, weil sie sich durch betonte Manifestation im Gesichtsausdruck wie im Auftreten mit provokatorischer Deutlichkeit stets in Erinnerung brachte. Marx blieb, ob getauft oder ungetauft, Jude, als solcher ohne weiteres erkennbar und darum, wo er ging und stand, belastet mit dem Odium seiner Rasse. Wahrscheinlich hat er sich von klein auf hiergegen zur Wehr gesetzt und mit den Mitteln des Intellekts, des Fleißes einzubringen gesucht, was ihm das Blut streitig machen wollte. Selbst wenn Marx keinerlei Hindernisse vorfand oder sie leicht überwand, so daß sie in seinem Leben keine folgenreiche Rolle spielten, ist nichts gegen die Annahme bewiesen, daß er aus seinem Judentum ein soziales Minderwertigkeitsgefühl bezog. Denn dazu bedarf es gar keiner tatsächlichen Minderwertigkeit; bloße Vermutungen, Annahmen, Einbildungen und Übertreibungen genügen vollauf zur Inszenierung dieser seelischen Haltung. Auffällig ist bei Marx die ungewöhnliche Schärfe, mit der er z. B. in der Judenfrage „das empirische Wesen des Judentums“ angreift. „Welches ist der weltliche Grund des Judentums — das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“ Marx denunziert den Juden als Prototyp des Handelsgeistes und der Geldwirtschaft, macht das Judentum zum Symbol des blutsaugerischen Kapitalismus. Man hat das Gefühl, als ob er sich damit in ostentativen Gegensatz zum Judentum bringen, sich demonstrativ von der Rasse losreißen und durch Unterstreichung seiner antikapitalistischen Tendenzen vor aller Welt als Nichtjude deklarieren wolle. Wer aber ausdrücklich erklärt, nicht Jude zu sein, muß Anlaß zu der Befürchtung haben, für einen solchen gehalten zu werden. Jedenfalls darf als sicher gelten, daß Marx im sozialen Moment seiner Rassenzugehörigkeit eine Verstärkung seines Minderwertigkeitsgefühls und seines Dranges zu kompensatorischer Leistung erlebte.
Schließlich hat wahrscheinlich auch die familiäre Position in dieser Richtung gewirkt. Marx war Erstgeborener, einziger Knabe und die Hoffnung der Familie. Da die Geistigkeit zur Familientradition gehörte, wurden an seine geistige Entwicklung ganz besondere Erwartungen geknüpft, zumal er ein frühreifes, auffallend kluges Kind war. Tatsächlich entsprach er als Schüler den kühnsten Erwartungen. Er setzte durch seinen Verstand, seine Reife und seine Leistungen alle Welt in Erstaunen. Ein Nimbus, wie der eines Wunderkindes, umgab ihn. Mit siebzehn Jahren war er für die Universität reif.
Aber hohe Begabung verpflichtet. Besonders wenn sie gepaart ist mit der Verantwortung für ein überkommenes Prestige. Noch mehr verpflichten Versprechungen, die in Form junger, kühner Anläufe gemacht worden sind. Ein stürmischer Aufstieg bis zum siebzehnten Jahre verlangt gebieterisch, daß er darüber hinaus im gleichen Tempo fortgesetzt werde. Seine fiebernden Mahnungen wirken aufregender und schmerzhafter als die Hetzpeitsche. Außerdem war es der sehnliche Wunsch des Vaters, den Sohn in einem gelehrten Berufe zu sehen. Und es scheint, daß die Autorität des Vaters in der Erziehung starkes Gewicht besaß.
Um so größer war die Enttäuschung, als der junge Marx nach dem glänzenden Anlaufe plötzlich versagte. Der Rückschlag auf die starke Anspannung seiner Kräfte und seines Ehrgeizes trat im ersten Universitätsjahr ein. Es kam zu sehr ernsthaften Konflikten zwischen ihm und dem Vater, der sogar an den Abbruch der akademischen Karriere dachte. Dazu kam es nicht. Aber Marx trug aus dem Versagen zu einem Zeitpunkte, wo er die Blicke der Familie auf sich gerichtet sah, eine Erschütterung seines Selbstvertrauens davon. Er geriet in Verwirrung, Angst und Zweifel, wurde unsicher und begann zu fürchten, daß er den Anforderungen nicht gewachsen sei. Er floh die Kollegs, scheute die Examina, drückte sich vor der Berufswahl — alles typische Verhaltungsweisen eines tief entmutigten Menschen. Sein Ehrgeiz schärfte sein Verantwortungsgefühl so stark, daß er nur schwer imstande war, seine Arbeiten regelrecht fertigzumachen. Er fürchtete den Abschluß, weil er dem Erfolge mißtraute.
Zusammenfassend läßt sich sagen: die drei charakteristischen Befunde im Bilde der Marxschen Persönlichkeit — schlechte Gesundheit, jüdische Abkunft und erster Platz in der Geschwisterreihe — fallen in einem Punkte zusammen; sie bedingen gemeinsam ein verstärktes Minderwertigkeitsgefühl.
Die Kompensation, die es auslöst, beginnt mit einer Zielsetzung. Je niedriger die Selbsteinschätzung, desto höher der Zielpunkt. Die Kindheitssituation mit ihren Schwierigkeiten und Nöten wird als Ausgangsbasis beibehalten. Marx bleibt sein ganzes Leben hindurch der junge Student, der fürchtet, durch die Unzulänglichkeit seiner Leistung zu enttäuschen, und deshalb Ziele über Ziele setzt, Aufgaben über Aufgaben türmt. Er wird die antreibende, anfeuernde Stimme hinter seinem Rücken nicht wieder los. Du mußt beweisen, was du kannst! Mußt aufsteigen! Eine glanzvolle Laufbahn zurücklegen! Außerordentliches vollbringen! Der Erste sein! Dieser Siegerwille und Überlegenheitsdrang beherrscht alle Phasen seines arbeits- und kämpfereichen Daseins. Mit Unermüdlichkeit trainiert er den Verstand, schult er das Gedächtnis, schärft er den Witz, spornt er den Fleiß an. Wie Saint-Simon von seinem Kammerdiener, so läßt er sich jeden Morgen von seinem als Pflichtbewußtsein livrierten Ehrgeiz wecken: Stehe auf! Du hast Großes zu vollbringen! Es gilt, eine Welt zu gewinnen! So wird das Ziel
gesetzt: Ungewöhnliches leisten, der Einzige seiner Art sein, die höchste Verantwortung übernehmen. Der Drang zur Gottähnlichkeit formt den Lebensplan und zieht die Leitlinien seines Schaffens und Wirkens.Wie auch das Ziel eines Menschen beschaffen sein mag — er hat, um es zu erreichen, als Mittel immer nur das, was ihm gegeben ist. Mit diesen Gegebenheiten muß er wirtschaften. Über welches Material verfügte Marx? Über einen kranken Körper, eine jüdische Abstammung und eine Rolle als Erstgeborener. Wollte er Großes erreichen, so nur mit diesen Gegebenheiten. Es galt, sie in den Dienst seines kompensatorischen Zieles und seines Lebensplans zu stellen.
Menschen mit Verdauungsstörungen, Magen-, Darm- und Leberkrankheiten zeichnen sich nach alter Erfahrung durch eine bestimmte Stimmungs- und Gefühlslage unvorteilhaft aus. Man kennt sie als verstimmte, übellaunige, verdrossene, mürrische Naturen, ohne rechten Kontakt mit der Umwelt, voller Mißtrauen, unfähig, sympathische Beziehungen zu andern herzustellen, darum isoliert, verbittert, gallig, voll gereizter Feindseligkeit, die nur auf Gelegenheit zum Angriff wartet. Es ist, als ob sich die körperlichen Schwierigkeiten, Hemmungen und Verkrampfungen in die seeliche Sphäre übertragen hätten. In der Tat verwertet der Mensch im seelischen Überbau das Materielle seiner organischen Gegebenheiten. Hier wie dort spielen sich dieselben Störungen, Regelwidrigkeiten und Funktionsanomalien ab. Die Ordnung im Einnehmen und Ausgeben ist gestört. Entweder wird die Abgabe gedanklicher und seelischer Substanz verweigert, dann tritt seelische Verstopfung ein. Oder aber es unterbleibt die Aufnahme von außen kommender Beziehungen, dann leidet die Seele Hunger. Ebenso kann durch maßlose Aufnahme seelische Überladung und durch verschwenderische Abgabe seelische Erschöpfung eintreten. Immer fehlt es an richtigem Maß, an guter Verdauung, an Osmose. Das Vorbild des schlechten Essers aus der Kinderstube kehrt wieder, der zuwenig oder zuviel ißt, ein Mäkler oder Vielfraß gescholten wird, ewig an Appetitlosigkeit leidet oder die Portion nicht groß genug bekommen kann. Im spätern Leben bilden sich diese Menschen, die niemals eine richtige Beziehung zur wichtigen Lebensfunktion der Ernährung gewinnen, zu Geizhälsen oder Verschwendern, Sammlern oder Wirtschaftsunfähigen, Pedanten oder Krösussen heraus.
Marx ist der Typus eines seelisch Stoffwechselkranken der bezeichneten Art. Immer schlecht gelaunt, verdrossen, bissig, benahm er sich wie ein Mensch, der an Magenkrämpfen leidet, von Blähungen gequält wird oder Gallenanfälle durchmacht. Er war ein Hypochonder und überwertete ganz nach Hypochonderart alle seine körperlichen Beschwerden. Wie er kein rechtes Verhältnis zu den Mahlzeiten hatte, sondern wenig, unregelmäßig und unlustig aß, dafür aber seinen Appetit immerfort durch Mixed Pickles, scharfe Gewürze, Essiggurken, Kaviar u. dgl. anreizte, so hatte er auch kein rechtes Verhältnis zur Arbeit und zu den Menschen. Schlechte Esser sind schlechte Arbeiter und schlechte Kameraden. Sie essen entweder nichts oder überfüllen den Magen, scheuen die Arbeit ganz oder gehen darin unter, ziehen sich vor Menschen zurück oder sind Allerweltsfreunde, von denen keiner Gewinn hat. Sie bewegen sich immer in Extremen. Und weder ihr Magen, noch ihr Hirn, noch ihre Seele kann solche sprunghafte Gegensätzlichkeit vertragen. Marx trieb weder in jungen Jahren ein regelrechtes Brotstudium, noch war er später imstande, eine regelmäßige geistige Arbeit zu leisten, die ihren Mann ernährte. Er hatte keinen Beruf, kein Amt, keine geregelte Beschäftigung, keinen Erwerb. Alles war improvisiert, von Launen abhängig, dem Zufall überlassen. Anstatt als Student Vorlesungen zu besuchen und sich auf einen Beruf vorzubereiten, stopfte er sich mit philosophischen und literarischen Mixed Pickles den geistigen Magen voll. Es fehlte ihm an Disziplin, an Sinn für Ordnung, an Gefühl für das richtige Verhältnis im Einnehmen und Ausgeben. Oft tat er monatelang keinen Federstrich, dann wieder stürzte er sich in Abgründe der Gelehrtheit und arbeitete mit Titanenkraft. Tag und Nacht durchwühlte er ganze Bibliotheken, machte bergehoch Exzerpte, schrieb dicke Manuskripte, hinterließ bei seinem Tode ganze Stapel halbfertiger, unvollendeter Schriften. Dabei hatte er an der Arbeit ebensowenig Freude wie am Essen; er stöhnte, fluchte, verwünschte sein Los, das er als Sklaverei des Geistes beklagte, marterte seine Familie. Dafür war ein großer Freund geistiger Leckerbissen. Oft, während die Familie darbend auf Honorar wartete, schob er die fälligen Artikel dem ewig hilfsbereiten Engels zu; er selbst aber schwelgte in antiken Klassikern, stöberte in den kostbarsten Schätzen der Bibliotheken, schlürfte den Kaviar köstlicher Literaturen oder trieb mit snobistischer Lust höhere Mathematik. Von diesen Feinschmeckereien konnte er nie genug bekommen, wie er auch den Kaviar und die Mixed Pickles nie satt bekam. Aber die geregelte Tagesarbeit verdroß ihn, die Einordnung in die Konvention machte ihn obstinat; er hatte keinen Penny in der Tasche und das Hemd auf dem Leihhause, trug aber mit der Geste eines Lords sein Monokel. Der gesellige Umgang mit Menschen war ihm höchst zuwider; er kneipte nur mit Leuten, die ihn lobten und bewunderten; vor jeder tieferen Gefühlsäußerung flüchtete er in Zynismus. Er war eben ein Mensch, dem die Freuden gemeinsamer Tafel im wörtlichen wie im übertragenen Sinne versagt waren; ein Eingänger, Eigenbrödler, Einsiedler.
Der Hang zur Einsamkeit und Absonderung von der Gemeinschaft wird bei stoffwechselkranken Menschen meist dadurch unterstützt, daß sie ihr Leiden — weil es den Verdauungs- und Ausscheidungskanal betrifft — als schmutzig und ekelhaft empfinden. Oft reagieren sie darauf mit Waschzwang, Reinlichkeitsfanatismus, Überkorrektheit, Pedanterie. Ihr Persönlichkeitsideal ist, der Sauberste, Tadelloseste, Lauterste, Edelste zu sein. Darum rekrutiert sich aus ihnen die Schicht der Moralisten, der Sittlichkeitsapostel, der Tugendhelden, der Verkünder neuer Ethik oder idealer Lebensführung. Das Streben nach besonderer Reinheit des Charakters, nach absoluter Makellosigkeit des Wandels, nach höchster Lauterkeit der Motive und äußerster Vollkommenheit der vertretenen Weltanschauung ist meist hier beheimatet. Paradox könnte man sagen: der moralische und ästhetische Rigorismus kommt aus dem Darm.
Marx gehörte zu den Menschen, die von einem unablässigen Drange zum Höchsten, Reinsten, Idealsten erfüllt sind. Er hatte nicht nur den Ehrgeiz, der beschlagenste Kenner der sozialistischen Literatur und belesenste Kritiker der volkswirtschaftlichen Fachwissenschaft zu sein. Sein Ziel war, sich als bester Revolutionär und überlegenster Vertreter des Kommunismus zu erweisen. Er wollte die reinste Theorie vertreten, das vollkommenste System des Kommunismus schaffen. Um dieser Überlegenheit unter allen Umständen sicher zu sein, mußte er vorher alle andern sozialistischen Theorien und Theoretiker entwerten, herunterreißen, als verworren, unrein, verfälscht erklären und der Verachtung oder dem Gelächter ausliefern. Da war der Sozialismus der Utopisten ein verwaschenes Kunterbunt von fragwürdigen Ideen. Da wurde Proudhon als dunkler Ehrenmann im Reiche der sozialistischen Gedankenwelt gebrandmarkt. Da mußte gegen Lassalle, Bakunin, Schweitzer der Vorwurf der Behaftung mit dem Unrat bürgerlicher Ideologie oder der Verdacht schmutziger Käuflichkeit geschleudert werden. Er, Marx, allein war im Besitze der reinen Lehre. Bei ihm war die kristallklare Erkenntnis, der Stein der Weisen, die unbefleckte Empfängnis des Sozialismus, die göttliche Wahrheit. Voll Verachtung und Wut, mit gehässigem Spott und tiefer Feindseligkeit wies er jede andere Meinung ab, bekämpfte er jede fremde Überzeugung, verfolgte er jeden nicht seinem Gehirn entsprungenen Gedanken. Es gab für ihn keine Weisheit außer der seinigen, keinen Sozialismus als den von ihm verkündeten, kein reines Evangelium außer seiner Lehre. Sein Werk war der Inbegriff geistiger Reinheit und wissenschaftlicher Integrität. Sein System war Allah und er war sein Prophet.
In merkwürdigen Gegensatz zu dem hohen Piedestal, auf das sich Marx damit stellte, geriet er, sobald es nicht um große Ideen und abstrakte Probleme, sondern um kleine Wirklichkeiten und konkrete Lebensaufgaben ging. Inmitten der Realität versagte Marx ebenso völlig, wie er im Reiche des Geistes triumphierte. Und sein Versagen war hier ebenso peinlich und blamabel, wie dort sein Sieg glanzvoll und heroisch war. Aber diese Tatsachen bilden im Grunde gar keinen Gegensatz.
Stoffwechselkranke Menschen, die ihre Verdauungsfunktionen nicht in Ordnung halten können, erweisen sich fast durchweg als Menschen, die auch die Funktionen ihrer Wirtschaftsführung nicht beherrschen. Auch hier stehen sie dem Wechselspiel von Einnahme und Ausgabe verständnis- und hilflos gegenüber. Sie können nicht rechnen, selbst wenn sie, wie Marx, in höherer Mathematik beschlagen sind. Sie verstehen nicht mit Geld umzugehen. Sie sind praktisch unfähige Haushalter. Entweder halten sie als Geizhälse das Geld an falscher Stelle und im falschen Zeitpunkt fest oder sie werfen es wie Verschwender unsinnig und für nutzlose Zwecke hinaus. Sie sind schlechte Verdiener und schlechte Disponenten. Ihr ökonomischer Sinn ist entweder gleich Null oder hypertrophisch entwickelt. Sie leiden an ökonomischer Stoffwechselstörung.
Wie sehr Marx zu dieser Kategorie von Menschen gehörte, dafür hat die Biographie unzählige Beweise erbracht. Es braucht hier nur auf die ewige Geldnot verwiesen zu werden, in der er sich sein ganzes Leben lang befand, auf die groteske Hilflosigkeit, mit der er den Wirtschaftsanforderungen seines Hauses und seiner Familie gegenüberstand und auf die endlose Kette von Konflikten und Katastrophen, in die er sich zufolge seiner Unfähigkeit in Geldsachen auf Schritt und Tritt verstrickte. Er kam finanziell nie zurecht, war immer Schuldner von Dutzenden Menschen, stets von Gläubigern belagert, von Wucherern verfolgt, von Blutsaugern gepeinigt. Die Hälfte seiner Haushaltung war stets auf dem Leihhause. Sein Budget trotzte jeder Sanierung. Sein Bankrott hatte chronische Form. Die Tausende und Zehntausende, die Engels hergab, zerrannen wie schmelzender Schnee zwischen den Fingern. Je größer die Zuwendungen, desto unbesieglicher die Kalamität. Ein Danaidenfaß.
Dieser Zustand entsprang weder einem moralischen Verschulden, noch bildete er ein tragisches Schicksal. Er war einfach die Folge einer schweren Funktionsstörung, eines Stoffwechselleidens, das den ganzen Menschen gepackt hielt und sich ebenso ökonomisch wie seelisch und körperlich auswirkte. Die Finanzkrisen im Hause von Marx kamen ebenso häufig und regelmäßig wie die Furunkel an seinem Körper. Und die Konflikte und Kräche mit Feind und Freund stellten sich ebenso häufig und regelmäßig ein wie die Finanznöte. Es war, genau besehen, jedesmal das gleiche Symptom des nämlichen Leidens, nur in dreifacher Verkleidung, auf drei verschiedene Lebensgebiete plaziert. Und es war dreifach peinlich, lästig und qualvoll.
Doch selbst eine so tückische Stoffwechselkrankheit hat nicht bloß eine negative Seite. Sie besitzt eine positive Kehrseite. Damit bestätigt sie die alte Erfahrung, daß die größte Schwäche eines Menschen zugleich seine größte Stärke ist.
Die Minderwertigkeit will kompensiert werden. Das durch immer wiederkehrende Mißerfolge, Fehlschläge und Niederlagen stets neu gereizte Minderwertigkeitsgefühl gibt keine Ruhe, bis nicht das Minus durch ein Plus wieder in Ausgleich gebracht ist. Ist das Minus eine Sache der Anlage, so wird das Plus eine Sache der Leistung. Nur so war es möglich, daß der stotternde Demosthenes zum größten Redner des Altertums, der taube Beethoven zum bedeutendsten Musiker, der grundhäßliche Michelangelo zum Darsteller bezauberndster Menschenschönheit wurde.Auch der Magenleidende, Stoffwechselkranke hat immer und überall den Drang, das Negative seines Zustandes durch ein Positivum seiner Geltung wettzumachen. Mit einem Nun erst recht! macht der Mensch aus der Not eine Tugend, aus dem Anlaß einer Niederlage ein Mittel des Sieges. Lediglich der Grad des Mutes entscheidet dabei, wie wenig oder wie gut ihm die Kompensation gelingt. Der eine wird bei dem Bemühen, seine Magen-Darm-Minderwertigkeit auszugleichen, zum Speisewirt oder Kochkünstler; der andere zum Spezialarzt für Verdauungsstörungen; der dritte zum Erfinder eines Nährsalzes, einer Diätetik oder Lebensreform; der vierte zum Propagandisten des Vegetarismus, der Rohkost usw. Immer ergibt sich das kompensatorische Ziel des Kräfteeinsatzes aus der Perspektive der Minderwertigkeitsposition. Schon bei Kindern erweisen sich Berufswünsche und Zukunftspläne als Kompensationen von unbewußten Minderwertigkeitsgefühlen. Immer ist geheim bezweckt, das Manko einer Anlage durch ein Mehr von Geltung auszugleichen. Ob dies durch Leistung oder neurotische Schleichwege geschieht, ist eine Frage des individuellen Lebensmutes.
Marx suchte seine seelische Gleichgewichtslage im Reiche der Ideen. Sein kompensatorisches Streben ließ ihn zum Begründer einer ökonomischen Theorie, zum Schöpfer eines neuen Wirtschaftssystems werden. Und zwar ging er aufs Ganze: er machte sich zum Retter der ganzen Menschheit und schuf ein Werk für die Ewigkeit.
Der nie Appetit hatte, ein schlechter Esser war und an schwieriger Verdauung litt, setzte sich für einen Reorganisationsplan der Wirtschaft ein, der jeden instand setzen sollte, sich sattzuessen und ein auskömmliches Leben zu haben. Der nie Geld besaß und ewig in der Schuld anderer schmachtete, verkündete und verfocht eine Weltordnung, in der jeder besitzend sein und Anteil an den Gütern der Welt haben sollte. Der sich mit keinem Menschen vertrug und wahrer Freundschaft nicht fähig war, gab die Parole aus: Alle Menschen sollen Brüder sein! Der nicht mit einem Schilling hauszuhalten vermochte, schuf in seinem Geiste die tiefgründigste Geldtheorie und das grandiose Gedankengebäude einer revolutionär umgewälzten, in neuen Fundamenten verankerten Gemeinschaftsökonomie.
Sein kompensatorisches Lebenswerk war: wissenschaftlicher Repräsentant des Systems einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu sein, die alles hat und kann, was er selbst nicht hatte und konnte.
Marx unterscheidet sich seinem Charakter nach grundsätzlich in nichts von den Menschen seiner und unserer Zeit. Sie alle sind neurotisch, leiden an Minderwertigkeitsgefühlen, streben nach Erhöhung, erweisen sich als eitel, ehrgeizig, erfolgsüchtig, machtgierig.
Aber Marx unterscheidet sich graduell. Sowohl in bezug auf die ungewöhnliche Tiefe seines Minderwertigkeitsgefühls wie in bezug auf die ungewöhnlichen Qualitäten seiner kompensatorischen Mittel. So bietet er ein Schulbeispiel dafür, wie tiefste subjektive Not im Menschen ungeheure Energien entbindet, zu riesigem Format entfaltet, mit schöpferischer Zeugungskraft begabt und sie dann in den Schoß des gesellschaftlichen Werdens schleudert, wo sie als historische Taten reifen und ans Licht treten.
Der Mensch bietet die Energien auf und vollbringt das Werk. Er wird zum Vollstrecker einer Leistung aus subjektiver Notwendigkeit, unter dem unausweichlichen Zwange seines persönlichen Bedürfnisses und Gebots.
Erst die Gesellschaft qualifiziert das Werk nach Maßgabe des Wertes, den es für ihre Sicherung hat, als Leistung eines Genies.
Das Werk
Wenn es einem Menschen nicht gelingt, sein Minderwertigkeitsgefühl durch Leistung zu kompensieren, begnügt er sich schließlich mit dem Schein der Leistung.
Weil aber sein gesteigertes Geltungsbedürfnis das Eingeständnis der Unfähigkeit oder des Mißerfolgs als Niederlage und Blamage empfindet, verschafft er sich einen Entschuldigungsausweis, der ihn der Verantwortung für den Fehlschlag überhebt. Mit Vorliebe flüchtet er zu diesem Zweck in die entlastende Situation der Krankheit. Denn nicht nur, daß Krankheit zu Schonung und Nachsicht verpflichtet, sie gilt auch in landläufiger und überlieferter Auffassung als außerpersönliche, geheimnisvolle Macht, die den Menschen schicksalshaft überfällt. Besonders die heute wissenschaftlich nicht mehr haltbare, jedoch noch immer weit verbreitete Auffassung, nach der sich Krankheiten und Anomalien automatisch von Generation zu Generation übertragen und den Menschen von Geburt an unter die Belastung eines unabwendbaren Verhängnisses stellen, leistet dem Bestreben Vorschub, in der Krankheit ein Entlastungsattest für Mißerfolge im Leben zu suchen.
Der Mensch, der so verfährt, findet ohne besondere Mühe in seinem Organismus irgendeine Schwäche, einen wenn auch noch so belanglosen Mangel oder Defekt, den er aufgreift und in seinen Dienst stellt. Durch ein ihm vielleicht unbewußtes, nichtsdestoweniger aber planvolles Training formt er aus diesem „somatischen Entgegenkommen“ im Laufe der Zeit eine regelrechte Krankheit, ein brauchbares Leiden. Und mit zunehmender Geschicklichkeit trifft er Arrangements, die bewirken, daß die entwickelten Krankheitserscheinungen immer dann auftreten, wenn sie fällig sind. Nämlich wenn es gilt, ein Versagen, eine Fehlleistung durch den schonungheischenden Hinweis auf die obwaltende Übermacht einer Krankheit zu entschuldigen. Bei anhaltender Übung und besonderem Raffinement kann es ein solcher Mensch dahin bringen, daß ihm die Krankheit ein Freibrief wird für das Recht, sich jeder ferneren Leistung zu entziehen. Damit hat er erreicht, was er erstrebte: er ist jeder weiteren Erprobung seiner Fähigkeiten und damit jeder Gefahr einer erneuten Niederlage überhoben. Die Krankheit ist zu seinem Fluchtasyl geworden.
Gern zahlt der Entmutigte für den Vorteil dieses Schlupfwinkels mehr oder weniger große Kosten in Form von Schmerzen, Verzichtleistungen, materiellen Aufwendungen, lästigen Kuren. Die Befreiung aus einer Sphäre, die seine Tüchtigkeit täglich herausfordert und ihn ebenso täglich mit entehrender Niederlage bedroht, ist ihm wichtiger als die Spesen, die er dafür zu entrichten hat. Außerdem gelingt ihm mit der Krankheit, was ihm mit der Gesundheit nicht gelang: er wird Mittelpunkt eines Erlebnisses, eines Kreises von Begebenheiten und Menschen. Er gewinnt Geltung in der Rolle des Leidenden, den man bemitleidet, schont, pflegt. Vor allem steigt er in seiner Selbstachtung, denn die nun ständig werdende Entschuldigungsfloskel: „Wenn ich nicht ein kranker Mensch wäre, dann...“ steckt nach obenhin keine Grenze für Leistungen und Erfolge, die er sich in seiner Phantasie zubilligen kann. Ja seine selbstsüchtige Wertschätzung darf unter diesen Umständen selbst geringe Leistungen als Heldentaten bewerten.
Arzt und Psychologe bezeichnen Menschen, die es mit Tricks und Mechanismen solcher oder ähnlicher Art fertig bringen, sich vor den Leistungen des Lebens zu drücken und dafür den Schein einer Leistung zu setzen, als Neurotiker. Und die Verhaltungsweise, die auf die Enthebung von den Pflichten, Aufgaben und Leistungen des Lebens abzielt, ohne auf die Ansprüche ans Leben zu verzichten und ohne sich bewußt zu sein, daß dies eine gemeinschaftsfeindliche, entwicklunghemmende Haltung ist, heißt Neurose. Es gibt heute nur wenig Menschen, die nicht neurotische Züge aufweisen. Die Neurose ist eine Zeiterscheinung geworden.
Marx war ohne Zweifel ein Neurotiker. Jedem, der neurotische Symptome kennt, sind die charakteristischen Züge in seinem Krankheitsbilde erkennbar. Seine legendäre Belastung mit einem ererbten Leberleiden ist seinem Bemühen, sich für schwierige Situationen einen Vorwand, einen Blitzableiter zu schaffen, sicher zustatten gekommen. Wenn es möglich ist, wie eine vielfältige Erfahrung lehrt, rein durch die Kraft konzentrierten Willens mehr oder weniger schwere Herzkrämpfe, Gallenausbrüche, asthmatische oder epileptische Anfälle, Blutungen, Brandwunden, Lähmungen usw. nach Willkür und Bedarf zu erzeugen, ist es nichts Außergewöhnliches, aus einer vielleicht wirklich vorhandenen Organschwäche oder Funktionsschwierigkeit mit der Zeit ein regelrechtes Leber- oder Stoffwechselleiden zu entwickeln, das man als Nothelfer immer zur Verfügung hat. Das hat mit einer Absicht der Täuschung nichts zu tun, ist weder Simulation noch grober Schwindel. Nach der modernen Psychiatrie sind bei sehr vielen Krankheiten psychische Momente beteiligt, und vielleicht kommt einmal die Zeit, die zahlreiche ererbte, geheimnisvolle und unheilbare Krankheiten als kunstvolle Arrangements entlarvt, hinter denen sich nur ein herabgesetzter Lebensmut versteckt. Bei Marx verrät sich sein Leiden in seinem komplizierten Ausbau, seiner konzentrierten Einheitlichkeit und seinen präzisen Funktionen so unzweifelhaft als geschickt ins Werk gesetzter Mechanismus, daß sein neurotischer Charakter außer Frage steht. Es bot ihm denn auch alle typischen Rückendeckungen: er sah sich immer von Pech verfolgt, stieß überall auf unbrauchbare Mitarbeiter, konnte seinen Pflichten als Versorger der Familie nicht nachgehen, sah sich stets von unzuverlässigen Freunden enttäuscht und wurde auf Schritt und Tritt in Konflikte und Zänkereien verwickelt. Natürlich war daran letzten Endes — seiner Überzeugung nach — immer sein leidender Zustand schuld.
So sehr indes Marx mit neurotischen Tricks und Methoden operierte, um sich für das Leben mildernde Umstände zu schaffen — er ist seelisch nie völlig in der Neurose aufgegangen und darin hängengeblieben. Und das ist das Entscheidende.
Hatte Marx auch seine Berufsfrage nicht gelöst, so scheute er doch keineswegs die Arbeit. Im Gegenteil, sein Fleiß und seine Arbeitskraft erregten Bewunderung.
War er auch ein schlechter Versorger der Familie, so führte er doch eine glückliche Ehe, war ein zärtlicher Vater und vermochte bis ins Alter seine ungewöhnliche, prachtvolle Frau zu fesseln und zu entzücken.
Lag er auch mit aller Welt in Fehde und Hader, so besaß und behielt er doch in Engels einen Freund, der Hunderte von Freunden aufwiegt und der seine Freundschaft an keinen Erstbesten verschwendete.
Ein von mehreren Seiten verstärktes Minderwertigkeitsgefühl, wie das von Marx, kann wohl den Ausbau und die Anwendung neurotischer Verhaltungsweisen veranlassen, kann auch schließlich zu einer neurotischen Flucht aus der Welt führen, aber es enthält für keinen Menschen die Verpflichtung, ein totales Opfer der Neurose zu werden. Ob und inwieweit ein Mensch der Tendenz zur Lebensflucht unterliegt, dem innern Zwange zum Auskneifen in die maskierte Passivität verfällt, hängt ab von dem Maße an Gemeinschaftsgefühl, über das er verfügt und das er in Mut zur Wirklichkeit, in positive Lebensaktivität umzusetzen vermag.
Marx bediente sich der neurotischen Schutzmechanismen, sobald er allein stand und sich ohne Rückhalt bei einer Gemeinschaft seiner Schwäche ausgeliefert sah: als Versorger der Familie, Artikelschreiber für Zeitungen, Partner in Kontroversen, Verfechter von persönlichen Ideen und Thesen. Aus Angst vor Erprobung brachte er kein privates Gemeinschaftsgefühl auf. Sobald er sich aber der großen Zusammenhänge bewußt wurde, war er wie verwandelt. Der verschüttete Fond an Gemeinschaftsgefühl erwachte in ihm, hob sich empor und entfaltete seine Wirkungen. Wie Antäus zum Riesen wurde, wenn er den Boden berührte, so fühlte er sich, sobald er den Boden der Gemeinschaft unter den Füßen hatte, wie von Flügeln hinweggetragen über alle Unsicherheiten, Zweifel, Kleinmütigkeiten und Feigheiten, die sonst seine Seele gefesselt hielten. Dabei war das Mehr eigentlich ein Weniger, denn die fiktive Gemeinschaft im großen verlangte von ihm weniger Mut als die tatsächliche Gemeinschaft im kleinen. Gleichviel — der Gemeinschaftsboden ließ seine Kräfte reifen, seine Kühnheit wachsen, sein Werk gedeihen zur geschichtlichen Tat. Seine monumentale Größe entspringt der ungeheuren Kraft eines seelischen Gemeinschaftserlebnisses.
Als Marx die politische Bühne betrat, rang die deutsche Bourgeoisie um ihre gesellschaftliche Anerkennung und um den Besitz der Staatsmacht. Sie bedurfte des Aufgebots aller Energien, um die historische Krise, in die sie durch ihren Wachstumsprozeß geraten war, siegreich zu bestehen. Damit auch die letzte verfügbare Kraft mobilisiert und in den Kampf geworfen werde, erhob sie ihr Machtziel zum allgemeinen Volksziele, ihre Idee zur allgemeingültigen Menschheitsidee. Die Folge war, daß alles, was irgend fähig war, sich für die Idee des Fortschritts und der Freiheit zu entzünden, für die Ideale des bürgerlichen Fortschritts und der bürgerlichen Freiheit in Brand geriet. Die Verschmelzung aller Einzelwillen zu einem großen Gemeinschaftswillen errang den Sieg.
Aber im Schoße der Bourgeoisie war das Proletariat entstanden. Solange es noch an der Nabelschnur seiner kleinbürgerlichen und bäuerlichen Abkunft hing, identifizierte es seine Sicherungsinteressen mit denen der Bourgeoisie. Darum setzte es sich für die Kampfziele der bürgerlichen Emanzipation und Revolution ein, focht für die Bourgeoisie auf den Barrikaden und glaubte an die proklamierten Menschheitsziele und ihre Erfüllung. Aber in der Stunde des Sieges brach die Kluft auf, die das Lebensrecht der Bourgeoisie in Gegensatz stellt zu dem Lebensrecht und den Lebensbedingungen des Proletariats. Die Bourgeoisie, im sichern Port ihrer geretteten historischen Situation, ließ die Menschheitsziele fallen und warf sich auf das Proletariat.
Die Bedingungen, unter denen dies geschah, waren für das Proletariat die denkbar ungünstigsten. Eben erst hatte es tausendfältig Blut und Leben, Kraft und Hingabe für die Zwecke der Bourgeoisie zum Opfer gebracht. Es blutete noch aus offenen Wunden, war erschöpft, ermattet; taumelte mit benommenem Hirn in der Wirrnis einer Situation, die es in voller Klarheit noch nicht durchschaute. Und schon sausten die Schläge des Verrats auf seinen Schädel herab, wurde es in Panik versetzt durch tückischen Überfall. Enttäuschung warf es zu Boden. Wie gelähmt überließ es sich seinem Schicksal. Verraten und verloren! lautete sein letzter Seufzer. Dann verlor es für ein Jahrzehnt sein historisches und politisches Bewußtsein. Aber das Jahrzehnt verging. Aus dumpfer Betäubung erhob sich die Masse, schaute um sich, ergriff die fortgeworfenen Freiheitspostulate und Menschheitsziele der Bourgeoisie, richtete sie auf und schwenkte die Fahne zu neuem Kampfe.
Indes — die Bourgeoisie der sechziger Jahre war nicht mehr die der vierziger. Sie hatte das Jahrzehnt nach 1848, die fünfziger Jahre, zu ihrer ökonomischen Verwurzelung und sozialen Erstarkung voll genutzt. Sie war groß, reich und mächtig geworden, im Besitz aller Mittel, ihre Machtposition zu verteidigen, und fest entschlossen, jede Regung des Proletariats mit dem Ziele seiner Aufrichtung und Verteidigung ohne Gnade niederzuwerfen und auszurotten. Mit ungeheurem Übergewichte drückte die Bourgeoisie auf das Proletariat. Und das Proletariat, ökonomisch und sozial ganz machtlos, ohne eigene Kultur, dazu belastet mit dem Trauma einer verlorenen Revolution, der deprimierenden Erfahrung einer Konterrevolution, und jetzt ausgeliefert der Übermacht eines brutalen, gewalttätigen Gegners, verfiel in eine tiefe Entmutigung.
Wie auf der Ebene einzelpersönlichen Erlebens, so war hier, auf der Ebene des Klassenerlebens, das Bild einer neurotischen Situation gegeben. Das Proletariat war durch den Prozeß der geschichtlichen Entwicklung vor eine große Lebensaufgabe gestellt, bei deren Lösung es sich um Sein oder Nichtsein handelte. Es hatte Angst. Es fühlte sich mit seinen Kräften den Erfordernissen der Zeit nicht gewachsen. Es machte Versuche, auszubiegen und in die Sphäre der politischen Indifferenz, der Scheinleistung, der neurotischen Verhaltungsweise zu flüchten. Es drohte, in historischer Stunde zu versagen.
Da konnte nur ein Akt der Ermutigung die gefährdete Sache des Proletariats retten. Eine Therapie zur Überwindung des Minderwertigkeitsgefühls, eine Pädagogik zur Hebung des Selbstvertrauens und Selbstbewußtseins war nötig. Das Proletariat brauchte ein Ermutigungselixir, die Wunderkraft einer großen Überzeugung, den Fanatismus einer ungeheuren Besessenheit.
Da kam Marx und reichte ihm den Zaubertrank. Sein Gemeinschaftsgefühl führte ihn mit instinktiver Logik an die Seite des Proletariats. Er erkannte in der Struktur der bürgerlichen Gesellschaft die Bedingungen der Ohnmacht des Proletariats und zog daraus den Schluß, daß mit der Veränderung dieser Struktur die Bedingungen der Ohnmacht zu beseitigen sind. Zu diesem Zwecke löschte er den Individualbegriff der Persönlichkeit aus und ließ ihn aufgehen im Kollektivbegriff der Klasse, den er schuf. Er nahm der Menge der Einzelkämpfe um Einzelmacht ihren Sinn, ihre Berechtigung und setzte dafür die Einheit des Klassenkampfes um die Kollektivmacht der proletarischen Klasse. Er erhob den Klassenkampf zum Gesetze der historischen Entwicklung und präsentierte den Sozialismus als dessen notwendiges, folgerichtiges, zwangsläufiges Resultat.Indem Marx seine Erkenntnisse von den Grundlagen und Zusammenhängen, Gesetzen und Konsequenzen der gesellschaftlichen Entwicklung in einer wissenschaftlichen Leistung, einem System, einem Werke niederlegte, überwand er kompensatorisch die Qual seines subjektiven Minderwertigkeitsgefühls. Indem er aber darüber hinaus sein Werk und seine Lehre dem Proletariat zur Verfügung stellte, gab er diesem das Mittel an die Hand, durch Realisierung der gewonnenen Erkenntnis, also wiederum durch Leistung, sein soziales Minderwertigkeitsgefühl kompensatorisch zu überwinden.
An einem bestimmten Punkte der geschichtlichen Entwicklung, wo eine Klasse durch psychische Hemmungen und Stauung seiner Energie verhindert wird, die ihr zugewiesenen und zur Lösung drängenden historischen Aufgaben zu erfüllen, wird es zu einer Lebensfrage für die Gesellschaft, die aufgetretenen Schwierigkeiten im Ablaufe der Entwicklung zu überwinden. Dazu bedarf es einer Kraft, die weit über das Maß des schlechthin Üblichen und Gewohnten hinausgeht, einer schier übermenschlichen Leistung, einer heroischen Tat. Diese zu vollbringen ist nur bereit, wer in seiner Person einen so ungewöhnlich tiefen Mangel an Wertgefühl verspürt, daß er, um sich seelisch ins Gleichgewicht zu bringen, eine Riesenleistung, eine Heldentat braucht. Und er ist imstande, sie zu vollbringen, wenn zur Kraft des Antriebs der Umfang und die Qualität der Mittel im richtigen Verhältnis steht.
Der Gesellschaft oder einer Gesellschaftsklasse wird durch die Tat ein lebenswichtiger Dienst erwiesen. Sie verdankt ihr die Rettung vor dem Untergange. Darum belohnt sie den Vollbringer der Tat, indem sie ihm die höchste Ehre erweist, die sie zu vergeben hat. Sie bezeichnet ihn als Genie.
Genie ist nicht bloß Qualität, Format, Leistung, Werk. Vor allem ist Genie eine soziale Kategorie. Sie drückt ein bestimmtes Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum aus. Ein Verhältnis, das gegeben ist, wenn eine individuelle Höchstleistung in eine gesellschaftliche Entwicklungskurve fällt, in der eben diese Leistung im Interesse der gesellschaftlichen Sicherung aufs äußerste erfordert ist. Im Genie schneidet sich die Linie der kompensatorischen Leistung eines Individuums mit der Linie des kompensatorischen Bedarfs der Gesellschaft oder einer Klasse.
Marx war — gewertet vom Standpunkte des Proletariats — ein Genie. Welche Leistung vollbrachte er für die Lebensnotwendigkeit der proletarischen Klasse? Er verhalf ihr in einer Phase größter Entmutigung durch seine Lehre zur größten Ermutigung. Die weltgeschichtliche Entwicklung — so rief er dem Proletariat zu — ist auf deiner Seite! Der Kapitalismus, durch die Gesetzmäßigkeit der Geschichte heraufgeführt, wird nach dem ehernen Muß dieser Gesetzmäßigkeit wieder verschwinden. Die Bourgeoisie, als soziale Sachwalterin des kapitalistischen Systems, hat mit diesem die geschichtliche Bühne betreten und muß sie mit ihm wieder verlassen. Du, Proletariat, sicherst durch deine Arbeit dem Kapitalismus den Bestand und erhältst durch die Früchte deines Fleißes die ganze bürgerliche Gesellschaft. Aber im Wesen des Kapitalismus ist der Sozialismus organisch bedingt. Mit dem Ende des Kapitalismus setzt folgerichtig der Anfang des Sozialismus ein. Als Repräsentant der den Kapitalismus überwindenden Kräfte und Tendenzen wirst du, Proletariat, zwangsläufig die Bourgeoisie ablösen. Du brauchst nur als Klasse die Entwicklung zu vollstrecken, zu deren Durchführung du berufen bist. Du brauchst nur zu wollen! Die Geschichte macht es dir so leicht als möglich. Du brauchst keine neuen Ideen auszubrüten, keine Projekte zu machen, keinen Zukunftsstaat zu erfinden. Es gilt nicht, „die Welt dogmatisch zu antizipieren“. Du brauchst nur ins Werk zu setzen, was sich unter deinen Augen und Händen vorbereitet. Das Mittel hierzu ist der unablässige, konsequente, zielklare Klassenkampf, der seine Krönung findet im Siege der sozialen Revolution.
Die Entwicklung ist mit dir! Mit diesem Zauberspruche war das Proletariat aus seiner Lethargie emporgerissen, von seinem Minderwertigkeitsgefühl erlöst.
Du brauchst nur zu wollen! Mit diesem Zaubertranke war es auf die Beine gestellt und in Marsch gesetzt. Seine lähmende Angst war überwunden, seine Unsicherheit abgeschüttelt, seine Kleingläubigkeit durch Selbstvertrauen besiegt.
Der Sozialismus, bis dahin ein Ziel religiöser Inbrunst, ein Wunderland phantastischer Hoffnung, ein Gebilde menschlicher Gestaltungskraft — jetzt war er wissenschaftlich bewiesen als reifende Frucht der Entwicklung, die denen in den Schoß fällt, die den Baum schütteln. Mit der Lehre von Marx trug das Proletariat die Gewißheit seiner Verwirklichung schwarz auf weiß in der Tasche.
Dieses Evangelium, nicht aus naivem Glauben, sondern aus geschärftestem Intellekt und rationalster Logik gewonnen, mußte für das Proletariat zu einem seelischen Aufschwunge von unerhörter Dynamik werden. Mußte alle Bereitschaft entbinden, alle Fesseln der Tatkraft sprengen, mußte seiner Hoffnung alle Tore in die Zukunft öffnen.
Fassen wir Marx und sein Werk unter diesem Gesichtswinkel ins Auge, so kommen wir zu dem Ergebnis: die weltgeschichtliche Größe des Phänomens, das man heute Marxismus nennt, liegt nicht bei dem Mann und auch nicht bei seinem Werke. Sie ergibt sich vielmehr aus der Tatsache, daß Marx in einem historisch entscheidenden Zeitpunkte seine Lehre dem Proletariat als Vehikel seines historisch notwendig gewordenen Aufstiegs zur Verfügung stellte.
So gesehen und beurteilt ist es völlig gleichgültig, ob man im Marxismus eine ewige Wahrheit oder eine zeitbedingt zweckmäßige Fiktion sieht, ob das System in all seinen Argumentationen schlüssig und stichhaltig ist oder ob es Lücken, Widersprüche und unhaltbare Thesen aufweist, ob die Zusammenbruchstheorie den Ansprüchen wissenschaftlicher Methodik genügt oder nur den Wert einer faszinierenden Apotheose hat. Was der Marxismus zu leisten hatte — das Proletariat aus seiner historischen Namenlosigkeit herauszureißen, es zu einer politischen Macht zusammenzuballen, es zum bewußten Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung zu machen und es als Dichter und Darsteller seines eigenen Dramas auf die Bühne der Geschichte zu stellen — dies alles hat der Marxismus im vollen Umfange vollbracht. Wenn er obendrein, wie sich an Hand der Tatsachen nachweisen läßt, auch noch richtig war und ist, so leistete er mehr, als die historische Forderung von ihm verlangte.
Für die heute sehr verbreitete Annahme, als sei die Beweiskraft und Gültigkeit des Marxismus an den Ereignissen der jüngsten Geschichte zerschellt, zeugt nur der äußere Anschein.
Der Marxismus, zunächst berufen, die Proletariermassen aufzurütteln, zu sammeln und auf den Kampfplatz zu führen, mußte sich fürs erste in einer Auffassung auswirken, die mit Wucht und Optimismus die Geschichtsentwicklung als Garantie der Menschheitsbefreiung in den Vordergrund rückte. Um freie Bahn zu haben, mußte er mit großer Rücksichtslosigkeit alle rationalistischen und utopistischen Systeme des Sozialismus beiseite drängen und unerbittlich die Einhaltung der von ihm aufgezeichneten Linie fordern. Heute, wo seine erste Arbeit getan ist, beginnt sich im Gesichte des Marxismus eine andere Auffassung auszuprägen. Er kann es sich heute nicht nur leisten, zu den Systemen der Utopisten und Rationalisten gelegentlich zurückzukehren, er wird durch die praktischen Aufgaben der Zeit, durch die wachsenden Ansprüche an die positive Leistungskraft des Klassenkämpfers direkt dazu gezwungen. Der Vulgärmarxismus, der das Schwergewicht der Entwicklung im Mechanismus der Dinge sah, muß zurückweichen vor einem gewandelten und vertieften Marxismus, der das Schwergewicht der Entwicklung in der Aktivität der Menschen sieht.Damit hat sich auch die Beurteilung der Persönlichkeit Marx ihrer Tendenz nach durchaus verändert. Sah die Generation von gestern — entsprechend der Gegensätzlichkeit ihrer Interessen, die in ihrer Ideologie reflektieren — in Marx entweder einen verbrecherischen Unheilstifter und Teufel oder einen Heiligen und unfehlbaren Papst, so kann sich’s die Generation von heute gestatten, in ihm einen Menschen mit allen menschlichen Vorzügen und Schwächen, Tugenden und Lastern zu sehen. Ja, sie ist gezwungen, ihn so zu sehen, wenn anders sie nicht unterlassen will, die materialistische Geschichtsauffassung auch auf den Einzelmenschen anzuwenden. Was die moderne Psychologie, wie sie hier geübt worden ist, an Einblicken in den Charakter und die Verhaltungsweisen eines Menschen gestattet, ist nichts anderes als die Anwendung der geschichtsmaterialistischen Methode auf die Erforschung der menschlichen Seele.
Marx mußte der eigensinnige, starrköpfige, intolerante Denker und Forscher sein, mißtrauisch gegen jede andere Meinung, feindselig gegen jede andere Richtung, rechthaberisch, eigenbrödlerisch, besessen von seiner Überzeugung und mit fanatischem Eifer jede Verworrenheit und Abwegigkeit, jede Trübung und Verfälschung seiner Idee bekämpfend. Er mußte seinen Geist, seinen Witz, seine schöpferische Energie jahrzehntelang auf diesen einen Punkt, diese eine wissenschaftliche Aufgabe konzentrieren und darüber Beruf, Familie, Erwerb, Einkommen, Freunde vergessen und vernachlässigen. Er mußte von einem ungeheuren Ehrgeiz gepeitscht, von unerträglicher Selbstsucht gestachelt, von einem qualvollen Minderwertigkeitsgefühl Tag und Nacht zu Höchstleistungen angespornt sein. Denn anders wäre es ihm nicht möglich gewesen, seine geniale Leistung zu vollbringen. Damals war das Werk die Hauptsache; die Qualität des Menschen konnte dahinter zurücktreten. Heute verlangt der Klassenkampf auch den hochqualifizierten, gemeinschaftsfähigen Menschen.
Hätte sich Marx als Neurotiker mit einer Scheinleistung begnügt, wäre sein Werk verpufft und er hätte als tragische Figur geendet.
So setzte er eine wirkliche Leistung in die Geschichte der Mit- und Nachwelt. Und die Klasse, der er damit zum bewußten Leben und zur historischen Zukunft verhalf, ehrt ihn als ihr größtes Genie.
Zeittafel
1818 Geburt von Marx (5. Mai).
1824 Übertritt der Familie zum Protestantismus.
1835 Studium in Bonn.
1836 Verlobung. Studium in Berlin.
1838 Tod des Vaters.
1841 Doktorpromotion.
1842 Eintritt in die Redaktion der Rheinischen Zeitung.
1843 Austritt aus der Redaktion der Rheinischen Zeitung. Verheiratung. Paris.
1844 Deutsch-Französische Jahrbücher. Verbindung mit Engels. Die Heilige Familie.
1845 Brüssel. Die deutsche Ideologie.
1847 Eintritt in den Bund der Kommunisten. Das Elend der Philosophie.
1848 Das Kommunistische Manifest. Paris. Neue Rheinische Zeitung.
1849 Prozesse vor den Geschworenen. Ende der Neuen Rheinischen Zeitung. Paris. London.
1850 Revue der Neuen Rheinischen Zeitung. Austritt aus dem Bund der Kommunisten.
1852 Mitarbeit an der New York Tribune. Der 18. Brumaire. Enthüllungen über den Kölner Kommunistenprozeß.
1859 Zur Kritik der politischen Ökonomie.
1860 Herr Vogt.
1861 Reise nach Berlin.
1864 Begründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation.
1867 Reise nach Hamburg. Das Kapital I. Band.
1868 Beginn des Konflikts mit Bakunin.
1870 Braunschweiger Manifest.
1872 Ausschluß Bakunins aus der Internationale.
1873 Schrift gegen Bakunin.
1881 Tod von Frau Marx.
1883 Tod von Marx (14. März).
1885 Das Kapital II. Band.
1894 Das Kapital III. Band.
1895 Tod von Engels.
1902 Aus dem literarischen Nachlaß von Marx, Engels und Lassalle. Herausgegeben von Franz Mehring.
1904 Theorien über den Mehrwert. Nachgelassene Manuskripte. Herausgegeben von Karl Kautsky.
Verzeichnis der Bilder
Karl Marx, 33 · Geburtshaus von Karl Marx, 67 · Frau Marx, 101 · Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 119 · Ludwig Feuerbach, 137 · Arnold Ruge, 171 · Friedrich Engels, 189 · J. P. Proudhon, 207 · Wilhelm Weitling, 225 · Liebknecht als Freischärler, 243 · Ferdinand Lassalle, 277 · Liebknecht und Tussy Marx, 311 · Michael Bakunin, 345 · Friedrich Engels im Alter, 379 · Karl Marx im Alter, 413 · Grabstätte von Karl Marx, 447
Umschlagbild nach einem Originalgemälde von Otto Friedrich, Wien, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung
Literatur
Franz Mehring: Karl Marx. Geschichte seines Lebens. Leipzig, Leipziger Buchdruckerei Aktiengesellschaft.
John Spargo: Karl Marx. Leben und Werk. Leipzig, Felix Meiner.
W. Liebknecht: Karl Marx zum Gedächtnis. Ein Lebensabriß und Erinnerungen. Nürnberg, Wörlein & Co.
August Bebel und Ed. Bernstein: Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx. 4 Bde. Berlin, I. H. W. Dietz Nachf.
Franz Mehring: Briefe von Ferdinand Lassalle an K. Marx und Fr. Engels. Berlin, I. H. W. Dietz Nachf.
Gustav Mayer: Friedrich Engels. Eine Biographie. I. Bd. (1820—1851). Berlin, Julius Springer.
Gustav Jaeckh: Die Internationale. Leipzig, Leipziger Buchdruckerei Aktiengesellschaft.
Michael Bakunin: Gesammelte Werke. 3 Bde. Berlin, Verlag Der Syndikalist.
Fritz Brupbacher: Marx und Bakunin. Ein Beitrag zur Geschichte der Internationalen Arbeiter-Assoziation Berlin, Verlag Die Aktion.
D. Rjansanoff: Karl Marx — Friedrich Engels. Historial-kritische Gesamtausgabe. Frankfurt a. M., Marx-Engels-Archiv.
Fuente: transcripción a partir del ejemplar de la Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), digitalizado y publicado en digital.slub-dresden.de (id498617408): Otto Rühle, Karl Marx. Leben und Werk, Hellerau bei Dresden, Avalun-Verlag, 1928 (copyright 1928 by Avalun-Verlag Julius Brüll, Hellerau; impreso por la Rossberg’sche Buchdruckerei, Leipzig), 476 págs. y 16 láminas. Texto establecido a partir de un OCR propio (tesseract) de las imágenes, cotejado palabra por palabra con el OCR de la SLUB y corregido sobre las imágenes en las discrepancias y en los pasajes dudosos (cifras, fechas, nombres). Se omiten la cubierta, las guardas, las hojas de biblioteca y el índice (pp. 475-476), cuya división reproducen los títulos del texto; de las láminas se da solo el título, en un comentario. La primera línea de cada capítulo, en versalitas en el impreso, se transcribe en caja normal; el impreso no usa cursiva, ni siquiera en los títulos de obras, y solo raramente el espaciado de énfasis, que se transcribe en cursiva donde se ha advertido en la imagen (el OCR no lo recoge, así que puede haber algún caso sin marcar). Se conservan la ortografía y las erratas del impreso. Existen traducciones al inglés (Karl Marx. His Life and Work, trad. de Eden y Cedar Paul, Nueva York, Viking, 1929), al francés (1933), al italiano (1940) y al español (Carlos Marx, Santiago de Chile, Ercilla, 1934), que no se han utilizado. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa del original.