Aus Gesellschaft und Erziehung Nr. 7
Otto Rühle
Kind und Umwelt
Eine sozialpädagogische Studie
Verlag Gesellschaft und Erziehung G. m. b. H. Berlin-Fichtenau 1920
[Einleitung]
In der Erziehung vereinigt sich eine Summe von Einflüssen — bewußten und unbewußten, gewollten und zufälligen, mittelbaren und unmittelbaren — zu einem mehr oder minder einheitlichen und harmonischen Zusammenklange, dessen Ausgangspunkte und Schwingungsfelder Haus, Schule und Leben sind und dessen Ziel das körperliche, geistige und sittliche Wohlergehen des Kindes und seine Tüchtigkeit und Bereitwilligkeit zur Anteilnahme am kulturellen Wirken der Menschheit ist.
Soweit die Beteiligung der Schule am Erziehungswerke in Betracht kommt, überwiegen im Komplex ihrer Beziehungen und Aktionen die bewußten, gewollten und unmittelbaren Einflüsse, in ein planvoll organisiertes System gefaßt und durch zweckbewußte Maßnahmen zur Anwendung gebracht.
Die Erziehung im Hause, indem sie sich vorwiegend auf Tradition und Laienerfahrung gestützt sieht und von Laien durchgeführt wird, läßt neben den absichtlichen und planvollen Erziehungsmaßnahmen — die hier weniger in der starren Form des Systems auftreten — in höherem Maße die unbewußten, zufälligen und gelegentlichen Einflüsse zu ihrem Rechte kommen.
Und gar erst die Erziehung, die das Leben vermittelt: sie ist völlig auf die Wirkung der unmittelbaren, planlosen, vom Zufall herangewehten Einflüsse angewiesen und eingestellt; das System ist ganz preisgegeben, einzig die Erfahrung als größte und beste Lehrmeisterin formt, läutert und bildet.
Schule, Haus und Leben kommen als isolierte, voneinander unabhängige und unabhängig wirkende Erziehungssphären aber nur in der Theorie vor. Die Wirklichkeit der Dinge und des Weltgeschehens verschweißt sie zu einer lebensvollen Einheit, in deren unendlichfacher Verkettung und Verschmelzung schließlich das organisch Wachsende über das künstlich Geordnete, das Zufällige über das Planmäßige triumphiert, weil eben die natürlichen Lebensmächte stärker sind als alle klugen Theorien der Wissenschaft und die pausbäckige Systemlosigkeit der Praxis sich kraftvoller durchsetzt und behauptet als die blutleere Tiefgründigkeit der Systeme. So endet alle, auch die anspruchsvollste Pädagogik in der resignierenden Erkenntnis, daß das Leben stärker ist als die Künste der Erziehung und daß das Kind die Frucht des Erziehungswerkes nicht empfängt aus den Händen des Erziehers, sondern aus dem Schoße des Lebens, aus dem alle Kraft und aller Reichtum unseres Daseins quillt.
Das Leben als Erziehungsfaktor offenbart seine bestimmenden, Form, Richtung und Inhalt gebenden Einflüsse auf die kindliche Psyche zuerst in dem familiären Kreise, in den das Kind hineingeboren wird. In der Luft, die es dort atmet, in dem ersten Wurzelboden, in den es sich gepflanzt sieht. Sodann in der häuslichen Umwelt, die seine Existenz umfängt und einschließt und die in tausendfältiger Ausstrahlung auf sein Schauen, Denken, Fühlen und Wollen einwirkt — in der ganzen unübersehbar großen Fülle von Erscheinungen, Vorgängen, Tatbeständen, die jeder Tag, jede Stunde des menschlichen Seins in Wogen und Wellen an die Peripherie seines kleinen Lebenskreises heranträgt. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, ein „vergesellschafteter“ Mensch, der nur in der menschlichen Gemeinschaft zum Bewußtsein seines Menschtums gelangt. Schon die physiologische Tatsache seiner außerordentlichen Hilfsbedürftigkeit in den ersten Lebensmonaten und Jahren zwingt ihn zur Eingliederung in ein soziales Gefüge, das ihm Erhaltung, Wachstum und Menschwerdung gewährleistet. Für Menschen nur durch Menschen wird der Mensch, wie Herder sagt. Die menschliche Gemeinschaft bietet ihm die Voraussetzungen und Mittel, um zu den Höhen der Menschenwürde emporzusteigen und die Fähigkeit, zu positiver Anteilnahme am Kulturstreben der Menschheit zu gelangen. Im gesellschaftlichen Austausch und Zusammenschluß, im Wechselspiel tausendfältiger sozialer Beziehungen reifen seine Kräfte, bildet sich sein Innenleben aus, gelangt er zu intellektuellen Werten und Vorstellungen vom Menschlichen. So nimmt ihn das Leben der Gemeinschaft auf und läßt ihn untertauchen in seine Fluten, damit er in diesem Bade die Frische und Klarheit des Geistes und der Seele, die Entschlußkraft und Energie des Willens, die Größe und Lauterkeit des Charakters erlange, die notwendig sind, um sich im Leben zu behaupten oder aber, um es zu meistern, zu beherrschen, zu bereichern.
Die Familie
Der erste Lebenskreis, in den das Kind bei seiner Geburt eintritt, ist die Familie.
Die Familie bildet die ursprünglichste Form organisierten Gemeinschaftslebens und hat sich aus den alten blutsverwandtschaftlichen Verbänden, den Sippen, mit zunehmender Arbeitsproduktivität und fortschreitender Umbildung der Lebensverhältnisse entwickelt.
Als nach den endlosen Wanderzügen der Nomadenzeit eine gewisse Seßhaftigkeit gewonnen, der Wald gerodet, die Erde urbar gemacht war und die Felder so viel Nahrung gaben, daß nicht mehr alle Kraft in der Nahrungsproduktion aufzugehen brauchte, wandten sich die freigewordenen Hände und Kräfte der Erzeugung höherer Kulturgüter zu. Reichtum entstand, „der das Individuum aus dem Schlafe rief“. Der über Reichtum gebietende Mann kaufte die Frau aus ihrer Sippe heraus und führte sie als Magd in den Kreis seiner Sippe; über der Schwelle des Hauses, das sie betrat, stand das Wort: Er soll dein Herr sein! Die damit begründete Familie bemächtigte sich des Grundes und Bodens, wohl auch des Sippengemeinlandes, vergrößerte sich zur patriarchalischen Großfamilie und verstärkte sich durch Eingliederung von familienfremden Sklaven und Hörigen zur Fronhofsfamilie. Später, immer unter dem Drucke wirtschaftlicher Erfordernisse, zerbröckelte die Großfamilie in eine Anzahl von Kleinfamilien, deren jede aus Mann, Frau und unerwachsenen Kindern bestand — genau so vielen Personen, wie die kleine Privatwirtschaft zu nähren vermochte. Der kurzsichtige Sinn völkergeschichtlich Ungeschulter glaubt, daß diese Kleinfamilie, weil sie der ewigen Natur des Menschen entspreche, auch von Ewigkeit her die Lebensgemeinschaft der Geschlechter darstelle, um für alle Ewigkeit bestehen zu bleiben. Gott habe sie eingesetzt und als Sakrament geheiligt. In Wirklichkeit ist die heutige Kleinfamilie nur die vorläufig letzte Form in der Reihe der geschichtlichen Familiengebilde, die Familienform des Kleinbetriebs, die zur bäuerlichen und kleinbürgerlichen Produktionsweise gehört. Als solche ist sie in erster Linie eine Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft. Die Notwendigkeit, diese Gemeinschaft um der wirtschaftlichen Interessen willen nicht durch individuelle Gelüste und unberechenbare Neigungen gefährden oder gar sprengen zu lassen, hat zu einer in der Sitte lebenden und in der herrschenden Moral verankerten großen Festigkeit der Ehe geführt. Einer Festigkeit, die sich in den Vorschriften der katholischen Kirche, wo der Geist der bäuerlich-kleinbürgerlichen Produktion am reinsten seine Spiegelung findet, sogar zu einem absoluten Verbot der Ehescheidung gesteigert hat.
Die Lebensgemeinschaft, in die sich die Ehe als Arbeits- und Erwerbsgemeinschaft naturgemäß umsetzte, funktionierte beim Vorhandensein von Kindern von selbst als Erziehungsgemeinschaft. Wo Menschen auf eigener Scholle wohnten, den Pflug durch den Acker führten und vom Landbau sich nährten, wo das Kleingewerbe blühte und der Handwerker in seiner Werkstätte schaffend sich betätigte, da waren mit diesen Wirkungskreisen natürliche Erziehungskreise gegeben. Die Arbeit wurde zum Erziehungsmittel und die Familie zu einem Schoß und Hort der Erziehung des Nachwuchses zu allem Tüchtigen und Guten.
Jeder familiäre Kreis war, wie gesagt, ein Pflichtkreis, denn der Haushalt der Familie war, anfangs völlig, später zum erheblichen Teil noch, wirtschaftlich auf sich selbst gestellt. Alle oder die meisten Verbrauchsgüter wurden durch Eigenproduktion beschafft oder hervorgebracht. Da wurde gedroschen und gemahlen, gebacken und gesotten, geschlachtet und geräuchert, gewebt und gesponnen, gewaschen und gebleicht, gebaut und getischlert, geschmiedet und geschneidert, da wurde Seife gekocht und Leder gegerbt, Bier gebraut, Netze wurden gestrickt, Seile gedreht, Lichte gezogen, Heiltränke bereitet. Unter den salischen Kaisern mußte die Frau, außer der Führung des Haushalts und der Zubereitung der Speisen, mit den Mägden Wolle kämmen, Leinwand und Tuch weben, Flachs zurichten, spinnen, waschen und nähen; für das Weben war oft eine besondere Kammer im Hause. Auch die Kleider des Mannes fertigte die Hausfrau an. Daneben machten die Frauen künstlerische Handarbeiten, kostbare Teppiche und Decken aus Gold und Seide. In Museen kann man noch heute die Erzeugnisse dieses mühsamen und fingerfertigen Hausfrauenfleißes jener Zeit bewundern.
Auch die Jugend sah sich im Pflichtkreise der Familie vor gewisse Aufgaben gestellt. Ihr Wachstum und ihre Erziehung fielen zusammen mit der Pflicht, Leistungen zu vollbringen. Wie es in der Edda vom Sohne des Fr[¿ei?]en heißt:
Daheim erwuchs in der Hütte der Jarl,
Spieße werfen, Lanzen schießen, Hengste reiten, Hunde hetzen, Schwerter schwingen, den Sund durchschwimmen.
Den Schild lernt er schütteln, Sehnen winden,
Bogen spannen und Pfeile schäften,
So oder ähnlich war die Erziehung der Jugend mittels Tätigkeit und Erfahrung überall beschaffen. Die Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte warf ihr Licht auf die Entwicklung des Nachwuchses und ließ in ihm die Saat der ideellen und materiellen Lebensvorbereitung keimen. Vorwiegend Hand und Sinne wurden geübt: bei den Jagdvölkern zur Aufspürung und Verfolgung des Wildes, zum Gebrauch der Waffen und zur Verwendung der Beute; bei Fischervölkern zum Schwimmen und Rudern, zum Fischfang und Bootbau; bei Hirtenvölkern zur Wartung und Pflege der Tiere, zur Verarbeitung der Produkte; beim Landmann und Handwerker zu tausend kleinen Verrichtungen und Hilfeleistungen in Feld und Hof, Haus und Werkstatt. Von den Hydrioten, deren Erziehung hier als typisch und vorbildlich angeführt werden kann, berichtet Goethe: „Als Insulaner und Seefahrer nehmen sie ihre Knaben gleich mit zu Schiffe und lassen sie im Dienste herankrabbeln. Wie sie etwas leisten, haben sie Teil am Gewinn, und so kümmern sie sich schon um Handel, Tausch und Beute, und es bilden sich die tüchtigsten Küsten- und Seefahrer, die klügsten Handelsleute und verwegensten Piraten.“ So lebte sich von früher Kindheit an jedes Familienglied in einen festumgrenzten Pflichtkreis ein und lernte sich als lebendiges, tätiges Glied der Gemeinschaft fühlen. Das war die beste Schule für das Leben in der größeren Gemeinschaft, in die die Jugend hineinwuchs, für den Berufsstand, zu dem sie nach Beruf und Herkunft bestimmt war. Die Erziehung floß sozusagen als natürliches Ergebnis aus dem Arbeits- und Lebensmilieu heraus. Wilhelm Müller, der Dichter der Griechenlieder, schildert — wiederum an dem klassischen Vorbild der Hydrioten — poetisch das Wesen und Walten dieser Erziehung:
Ich war ein kleiner Knabe, stand fest kaum auf dem Bein,
Da nahm mich schon mein Vater mit in das Meer hinein
Und lehrte leicht mich schwimmen an seiner sichern Hand
Und in die Fluten tauchen bis nieder auf den Sand.
Dann reicht er mir ein Ruder, hieß in ein Boot mich gehn,
Er selber blieb zur Seite mir unverdrossen stehn,
Wies mir, wie man die Woge mit scharfem Schlage bricht,
Wie man den Wirbel meidet und mit der Brandung ficht.
Und von dem kleinen Kahne ging’s flugs ins große Schiff . .
Und heute gab der Vater ein Schwert mir in das Boot: —
Glück zu mit deinem Schwerte, du kleiner Hydriot.
Mit der Ausbildung des Körpers und seiner Übung in Fertigkeiten und beruflichen Leistungen war es aber nicht getan. Die Gemeinschaft des Lebens und Erlebens, des Schaffens und Genießens ließ auch seelische und sittliche Werte reifen und Tugenden erwachsen: Stammestreue, Solidaritätsgefühl, Heimatliebe, Mut, Familiensinn, Wachsamkeit, Aufopferungsbereitschaft usw. So entsproß wie die berufliche Ausbildung und die produktive Leistungsfähigkeit auch das geistige und seelische Werden des jungen Menschen dem Mutterschoße der Familie. Die psychische Existenz war in den Fundamenten des Familienkreises verankert. „In dem engen Kreise besonderer Sitten und Gebräuche, in denen Generationen auf Generationen erzogen wurden, wandelte der einzelne stets in sicherem Schutze, wie zwischen Mauern und Gräben, alle Angriffe von außen abhielten. Von der Geburt bis zum Grabe begleitete ihn die Gemeinschaft mit ihrer Teilnahme, wies sie ihm den Weg, den er zu gehen hatte. Die Lieder, die er sang, die Feste, die er feierte, die Götter, zu denen er betete, die Feinde, die er bekämpfte, die Trachten, die er trug: alles schrieb ihm die Gemeinschaft vor, in der er lebte. Sie dachte für ihn, sie wachte über ihm, daß er nicht strauchelte und abwich vom rechten Wege. Sie begleitete ihn auf seinen Wanderungen in die Fremde, wenigstens im Geiste, denn wo er stand und ging, verfolgten ihn die Anschauungen, die Gewohnheiten und Gepflogenheiten, die ihm von Kindheit an wie schon seinem Vater und Großvater als etwas Selbstverständliches eingepflanzt worden waren. Die Erinnerungen seiner Kindheit folgten ihm, die tausend nachbarlichen und verwandtschaftlichen Bande umschlangen ihn, wo er auch immer weilen mochte.“ (Sombart)
Und wie köstlich waren diese Kindheitserinnerungen, wie glücklich war die Jugend jener Zeit! Sie genoß alle Wonnen der Ungebundenheit und Freiheit, sie hatte Muße zum Spiel und den Raum, sich auszuleben, hatte Wald und Feld, Wasser, Berge, Tiere, Sonne. Sie konnte Bäume erklettern, das Dickicht durchstreifen, im Geklüft Entdeckungsreisen machen, in Bächen waten und fischen, auf Plätzen sich tummeln, auf Wiesen im Heu Purzelbäume schlagen und in Höhlen die Romantik eines Räuberlagers oder einer Robinsonade erleben. Die Blumen am Wasser wie die Vögel in der Luft, das Getier im Tümpel wie das Labyrinth eines Steinbruchs, die Arbeit des Schmieds, des Müllers, des Seilers, das Leben des Landmanns, des Jägers, des Hirten — alles war ihr vertraut. Der Geflügelhof hatte für sie ebensowenig Geheimnisse wie der Backofen oder die Weinkelter; sie kannte die Hamsterjagd wie die Spinnstube, den Erntetanz wie die Rodelbahn — überall war ihr Sinn, ihr Auge, ihre Seele beteiligt. Überall atmete sie Freiheit, Freude, Glück. Sie ging auf in ihrer Welt, die geistig und seelisch ihr Eigen war.
Eine Unzahl erzieherischer Einflüsse, nachhaltig und mannigfaltig, ging von diesem Leben in Haus, Hof und Dorf aus. Der Umgang mit Mensch und Natur war geradezu gesättigt von Anregungen und Belehrungen. Das Wechselspiel der seelischen Beziehungen in dem kleinen, intimen Kreise des Beobachtens, Erlebens und Erkennens weckte Stimmungen und Schwingungen bis in die äußerste Herzkammer und Herzfalte hinein. So wurde die Familie zu einer idealen Erziehungsstätte der Jugend, einem wahren Kulturboden der Generationen. Die Pädagogen preisen ihre Wirksamkeit als Mutterschule; Pestalozzi hat ihr in seinem „Lienhard und Gertrud“ begeisterungsvoll ein ewiges Denkmal gesetzt.
Die Mutterschule . . . Wo gäbe es einen natürlicheren, selbstverständlicheren Ausgangspunkt für alle und jede Bildungsarbeit am Kinde, wo wäre etwas Braves und Tüchtiges in der Welt, das sich nicht zum mindesten in seinen Anfängen und Ursprüngen auf diese treuliche erste Pflanz- und Pflegestätte des Geistes und der Seele, diese Keimzelle des Erziehungswerkes zurückführen ließe! „Hier keimen und wachsen in dem unmittelbarsten Erleben vom Morgen bis zum Abend eines jeden Tages Vertrauen und Liebe, Gehorsam und Treue, Mitfreude und Mitleid, jede Art des Gemeinsinns und der Gemeinverpflichtung; hier entfalten sich in dem ununterbrochenen Kreislauf der täglichen Geschäfte, unter dem sanften aber stetig wirkenden Zwange des ungeschriebnen Gesetzes der häuslichen Ordnung in den einfachsten Verhältnissen alle grundlegenden Gewohnheiten eines geregelten Gemeinschaftslebens: Pünktlichkeit und Ordnungssinn, Dienstwilligkeit und Hilfsbereitschaft; hier verteilen sich ungesucht und durch stillschweigendes Übereinkommen Pflichten und Rechte; Vatersorge und Mutterliebe beschirmen den kleinen Kreis, und Achtung und Ehrerbietung, Anerkennung der Autorität und Dankbarkeit fließen wie von selbst aus den natürlichen Quellen; hier sind nicht nur alle materiellen Güter gemeinsamer Besitz, hier ist auch Genießen und Entsagen, Hoffen und Dulden, Dienen und Feiern gemeinsames Bedürfnis; hier findet für die einzelnen ganz unbewußt, aber sicher und in gegenseitiger Verstärkung wirkend, eine Ausgleichung, wie in Brauch und Sitte, so in Denkart und Gesinnung statt; hier vererbt sich in natürlicher und lückenloser Überlieferung der ganze Reichtum von sittlicher und sozialer Kultur von einem Geschlecht auf das andere.“ (Muthesius)
So gab sich und so wirkte die Erziehung der Mutterschule im Rahmen der bürgerlichen Familie, deren Idealbild Schiller in seinem „Lied von der Glocke“ voll poetischen Schwunges gezeichnet hat. So wirkt die Mutterschule in der bürgerlichen Familie noch heute. Wir können uns, um mit Sombart zu sprechen, einzelne hervorragende, starke und reiche Individualitäten denken, die ihren Weg neben der Familie hergehen: eine Gesittung, eine Kultur der Massen ohne den erzieherischen Einfluß der Familie nicht.
Da ist der Kapitalismus als ein großer Zerstörer gekommen. Mit dampfenden Schloten, rasselnden Maschinen, hastenden Menschen und einer unersättlichen Gier nach Geld. Der Wald wurde von der Industrie gefressen. Die kleine Werkstube des patriarchalischen Meisters verwandelte sich in die große Fabrik des industriellen Kapitalisten. Aus dem Bauerndorfe wurde eine rußige Arbeiterkolonie. Auf Wiesen und Äckern dehnen sich trostlose Schutthalden, ragen Zechentürme und Schornsteine empor. In Bächen und Flüssen treiben giftige und übelriechende Abwässer. Ein Stück Romantik nach dem andern ist geschwunden. Bis in die fernste Einsamkeit der Natur ragen die Riesenarme der Großstadt, führen die Schienenwege der Eisenbahn, dringen die ungeduldigen Stimmen nervöser, erwerbsgieriger Menschen. Der Produktionskreis der Familie ist gesprengt. Die kleine Wirtschaftseinheit hat Sinn und Existenzmöglichkeit verloren. Der große Markt ist das Herz der neuen Wirtschaft geworden; von ihm geht in großen Rhythmen der Pulsschlag des kapitalistischen Wirtschaftsprozesses aus. „In den großen arbeitsteiligen Kooperationen mit eingegliederten Kraft- und Arbeitsmaschinen stellte der Kapitalismus Betriebsformen von so überlegener Leistungsfähigkeit auf, daß der Zwergbetrieb des Familienhaushalts damit nicht mehr konkurrieren konnte. Eine neue Ära der Wirtschaft begann; das der Eigenproduktion entgegengesetzte, bis dahin fast nur durch das Gewerbe vertreten gewesene Prinzip drang durch: daß nicht derjenige das Gut herstellt, der dessen bedarf, sondern derjenige, der für diese Arbeit am besten eingerichtet und am geschicktesten ist. Beinahe niemand produziert nunmehr für den eigenen Bedarf, sondern fast nur für den Austausch. Die Eigenproduktion des Familienhaushalts ist auf der ganzen Linie verdrängt durch die Warenproduktion. Ein Produktionsakt nach dem andern wurde aus der Hauswirtschaft losgelöst und der gesellschaftlichen Produktion übertragen. Damit hat der Familienhaushalt die bedeutsame Rolle, die ihm durch so viele Jahrhunderte hindurch vor allen Elementen der Arbeitsorganisation zugefallen war, endgültig ausgespielt. Infolge der Verbilligung der Industrieerzeugnisse wird die Wirtschaft des Familienhaushaltes immer mehr eingeschränkt. Die häusliche Fertigkeit erleidet eine bedeutsame Entwertung. Die Hausarbeit nimmt immer mehr ab. Schlachten und Backen, Weben und Spinnen, sie werden kaum auf dem Lande mehr von der Familie besorgt. Die Beleuchtung hat die Gasfabrik, die Heizung vielfach schon der Zentralofen übernommen; fast alles wird billiger gekauft als selbst gemacht. Die Familie ist keine Produktivgenossenschaft mehr“ (Müller-Lyer). Selbst der Bauer ist Warenproduzent geworden. Der allmächtige Kapitalismus zerbrach auch seinen konservativen Sinn und zerriß die Bande der Überlieferung. Das Getreide wandert anstatt in die Kornkammer auf den Markt, die Milch in die Molkerei. Mit Maschinen wird der Acker bestellt, die Ernte geborgen, die Last der Viehhaltung erleichtert. Saat und Ernte gehen vorüber und das Kind sieht und hört kaum etwas davon. Das Kind der Großstadt bleibt von dem Getriebe völlig unberührt. Kein Sensendengeln, kein Drescherschlag auf der Tenne klingen durch seine Jugend. Wie Brot gebacken, Butter bereitet, Flachs gesponnen und Leinwand gewebt wird — das ist ihm alles fremd.
Aber auch von der industriellen Arbeit in den Fabriken und großen Werkstätten weiß das Kind nichts. Weder Anschauung, noch Anteilnahme verbinden es mit ihr, solange nicht die kapitalistische Profitgier nach seinen schwachen Händen und Kräften greift. Der Vater schafft nicht mehr im Hause. Ob er Bauer oder Handwerker war, er hat seinen Arbeitsplatz verlassen und steht irgendwo in der Fabrik. Was er arbeitet, wer weiß es? Sicher keine ganze, fertige Ware, sondern Einzelteile, in deren millionenfältiger Herstellung sich seine Kraft und Intelligenz erschöpft. Das Kind kann ihm nicht mehr zusehen wie früher, nicht mehr mit kleinen Handreichungen ihm zur Hand gehen. Häufig kommt es vor, daß Lehrer in großstädtischen Volksschulen auf die Frage: Was ist dein Vater? von den Kindern nur die Antwort erhalten können: Arbeiter. Wo er arbeitet, das wissen noch einige, aber was er arbeitet, davon haben sie keine Ahnung.
Früh beim Morgengrauen verläßt der Vater das Haus, die Kinder liegen noch im Schlafe. Vielleicht bleibt er den ganzen Tag oder die ganze Woche fort, in ferner Stadt, auf Bauten und Arbeitsplätzen, in Schlafstelle bei fremden Leuten. Im günstigsten Falle kommt er mittags auf einen Sprung nach Hause, um hastig die Mahlzeit hinunterzuschlingen und wieder davonzueilen. Ist die Eßpause zu kurz, der Weg zu weit, die Fahrt zu teuer, so muß die Mutter oder eins der Kinder „Essen tragen“. Von 1514 Kindern aus 32 Berliner Gemeindeschulen aßen nur 614 mittags mit dem Vater zusammen, 658 nahmen am Abend mit ihm gemeinsam die Mahlzeit ein. Am Abend, nach vollbrachtem Tagewerk — 10, 12 oder mehr Stunden vor heißen Kesseln, in Lärm, Dunst oder schlechter Witterung — wenn er müde, abgetrieben, nervös und übellaunig nach Hause gekommen ist. Er will nicht viel denken, reden oder gar zu Lustigkeit veranlaßt sein, er braucht Ruhe, Stille innen und außen. Den ganzen Tag ohne Fühlung mit den Angehörigen, ohne eine Minute Zeit, um mit den Kindern zu fühlen, zu denken, zu spielen, sie zu beobachten und zu studieren, verfügt er am Abend gar nicht über die Disposition und Spannkraft, als daß er erzieherisch zu wirken vermöchte. Er findet weder einen Weg zum Herzen der Kinder, noch hat er Lust, über Erziehungsfragen ernstlich nachzudenken. Am nächsten Morgen ruft ihn gebieterisch wieder die Arbeitspflicht. Mißmutig beugt er sich ins Joch, grollend betritt er die Tretmühle. In zerrüttender Fron, in sinnloser Teilarbeit fügt er Handgriff an Handgriff, während alle schöpferische Individualität in ihm versiegt und verdorrt. „Man überlege, was das bedeutet! Seine tägliche Arbeit ist dem Menschen gleichgültig geworden, sie verbindet ihn nicht mehr mit der Familie, und nicht nur das äußere Band ist zerschnitten, es fehlt auch das innere Band, der geistige Zusammenhang des Menschen mit seiner Berufsarbeit. Er fühlt kaum noch etwas von dem beziehungsreichen Inhalt der Wortfügung: Deiner Hände Werk!“ (Muthesius). Vor mehr als sechzig Jahren schrieb Marx ungefähr dasselbe mit etwas nüchterneren Worten: „Die Arbeit der Proletarier hat durch die Ausdehnung der Maschinerie und die Teilung der Arbeit allen selbständigen Charakter und damit allen Reiz für die Arbeit verloren. Er wird ein bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, eintönigste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird . . . Je weniger die Handarbeit Geschicklichkeit und Kraftäußerung erheischt, d. h. je mehr die moderne Industrie sich entwickelt, desto mehr wird die Arbeit der Männer durch die der Weiber verdrängt . . .“
So steht wohl auch die Mutter irgendwo in einer Fabrik und webt oder spinnt, klebt oder falzt. Vielleicht auch, daß sie in Scheunen und Ställen, auf Äckern oder Erntefeldern sich müht und plagt. Zwei unerbittliche Antreiber stehen hinter ihnen: der Profithunger des Unternehmers, der nach billigen Arbeitskräften lechzt, und das Elend der unzureichenden Entlohnung des Mannes. Die Zahl der im Hauptberuf erwerbstätigen Frauen ist von
4 259 103 im Jahre 1882
auf 5 264 393 „ „ 1895
und 8 243 498 „ „ 1907
gestiegen; während 1882 erst 18,5 % aller Personen weiblichen Geschlechts erwerbstätig waren, ist die Verhältniszahl 1907 auf 26,4 % angewachsen. Mehr als der vierte Teil aller Personen weiblichen Geschlechts (61,01 % aller männlichen) stand also im Erwerbsleben. Unter der Gesamtzahl der weiblichen Erwerbstätigen gab es 1907 bereits 2 777 253 verheiratete und 978 827 verwitwete oder geschiedene Frauen. 132 000 verheiratete Frauen hatten neben dem Haupt(erwerbs)beruf sogar noch einen Nebenberuf, ohne den Beruf der Hausfrau, der Mutter, der Erzieherin und Pflegerin ihrer Kinder. Diese geplagtesten aller menschlichen Wesen, die eine drei- und vierfache Arbeitsbürde belastet und die unter Hasten und Sorgen ein bejammernswertes Lasttier-Dasein fristen, drängten sich zu den Toren der Fabriken nicht aus Abneigung gegen Hausfrauen- und Mutterpflichten, nicht aus der Sucht, für Luxus und Vergnügungen eine Zubuße zu erwerben, sondern aus Not, aus allerbitterster Not. Ihr Tagewerk beginnt mit Hausarbeit vor Beginn der Fabrikarbeit, ist in den Pausen ausgefüllt mit Hausarbeit und endet in später Nacht mit Hausarbeit, die auch den Sonntag zum Werktage macht. Wo bleibt da das schöne Ideal, das Schiller von „der züchtigen Hausfrau, der Mutter der Kinder“ zeichnete, als er sang:
Und herrschet weise
Mit ordnendem Sinn Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein Die schimmernde Wolle, den schneeigen Lein Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer Und ruhet nimmer.
Im häuslichen Kreise
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben
Und reget ohn’ Ende
Die fleißigen Hände
Und mehrt den Gewinn
Von alledem ist wohl nur noch die letzte Zeile wahr. Obwohl die Proletariermutter Tag und Nacht rastlos schafft und schuftet, obwohl sie unter der Last der Arbeit fast erliegt — sie kann den Glanz und Schimmer, den der Kapitalismus mit rauher Hand fortgewischt hat, dem Hause und der Familie nicht zurückgeben. Die „geheiligten Bande“ sind gesprengt, das Hauswesen ist vernachlässigt, der Frieden der häuslichen Ordnung ist gestört. Vier Millionen Frauen erwerbstätig heißt: daß zehn bis zwölf Millionen Kinder keine Mutter haben; daß ihnen die besorgte Pflegerin, die treue Wärterin, die frohe Gespielin, die Erzieherin ihres Geistes und ihrer Seelen geraubt ist; daß sie keine wohlige Heimstätte haben mit Spiel und Umgang, mit einem warmen Ofen, mit sauberen Kleidern, regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten und Beistand in tausend kleinen und großen Sorgen und Nöten, die ein Kinderherz bewegen und bedrücken; daß für sie der erste, der natürliche, wertvolle Schoß aller Erziehung und Gesittung im gegenwärtigen Zeitalter — die Familie — nicht mehr existiert.
Weiß jemand von uns, die wir groß geworden sind in der sorgenden Obhut der Eltern, die wir unsre Erinnerung zurückschicken können in eine Jugend voll häuslicher Glückseligkeit, die wir aus dem Familienkreise einen unverlierbaren Schatz seelischer und geistiger Werte tragen durften, tragen durch alle Höhen und Tiefen unsers spätern Lebens — weiß jemand von uns, was es heißt: heranzuwachsen als ein Kind, als ein werdender Mensch, für den die Familie nicht mehr existiert? . . . Keine Familie haben, das heißt: für seine geistige und moralische Welt keinen Boden unter den Füßen haben, heißt: ewig Hunger und Durst nach dem Licht und der Süße des Frühlings haben.
Ungezählten blüht dieses grausame Schicksal. Ihrer Erziehung fehlen Fundament und Grundmauern, ihr Leben behält einen Riß. Wie soll ein Baum Blüten und Früchte tragen, wenn seine Wurzeln in einem magern dürren Erdreich stecken? Wie soll ein Sommer und ein Herbst uns beglücken, wenn die rauhe Luft eines Lenzes, der kein Lenz war, alle Keime und Knospen vernichtete? So wächst ein Geschlecht heran, das den Zusammenhalt und die Segnungen der Familie, die Jahrhunderte überdauerte, nicht oder fast nicht mehr kennt — nach Sombart „eine ungeheuerliche Tatsache“. Eine Tatsache aber, die für den geistigen und seelischen Werdegang des Proletarierkindes von entscheidungsvollster Bedeutung ist und die in Rechnung gesetzt sein will, wenn es die Psychologie der arbeitenden Massen nicht bloß in ihren Tatbeständen und Erscheinungen, sondern auch in ihren Voraussetzungen und Untergründen zu erforschen und zu erfassen gilt.
Das Haus
Der heimische Herd der Familie hatte — das war seit alters Selbstverständlichkeit — auf eigner Scholle zu stehen. Familie und Heim, Häuslichkeit und Elternhaus waren identische Begriffe. So besaß denn auch jede ordentliche Familie ihr eigenes Haus, in dem sie sich auslebte und auf ihre Glieder wirkte. Oft von Generationen zu Generationen vererbt, war es wohl ganz umsponnen von Überlieferungen verflossener Geschlechter. Wenn auch klein und unscheinbar, bildete es doch die hohe feste Burg der Familie. „Mein Haus, meine Burg“ — in diesem Sinne war jeder Bürger stolzer und freier Burgherr. Eine eigene Poesie lag über den Dächern und Höfen, rankte sich um Tore und Giebel, die Bande der Familienzusammengehörigkeit stetig neu befestigend. „In allen Winkeln und auf allen Dielen,“ sagt Theodor Storm, „lagen die Schatten vergangener Dinge; von allen, die einst darin lebten und starben, war eine Spur zurückgeblieben; uns, die wir ihres Blutes waren, trat sie überall entgegen und gab uns das Gefühl des Zusammenhangs mit einer großen Sippschaft, denn auch die Toten gehörten mit dazu.“ Die Jugend, die aus solchem Milieu hervorging, empfing als Erbteil dieser großen Sippschaft Selbstbewußtsein und Stetigkeit des Charakters, das Gefühl der Bodenständigkeit und Wurzelfestigkeit, ernsthaften und ausdauernden Willen und eine schwärmerische Sinnigkeit des Gemüts.
Da kam die Zeit, wo die Familie ihr Haus verlor. Die kapitalistische Entwicklung, die so viele Bande löste und im Gefüge der sozialen Ordnung Unterstes zu oberst kehrte, entriß Tausenden und Hunderttausenden mit der Gewalt des historisch Unabweisbaren Beruf und Besitz, trieb sie von der Scholle, stieß sie aus dem Hause, jagte sie aus dem Familienverbande hinaus und machte sie zu Proletariern. Proletarier — das ist einer, der gar nichts mehr hat, dem die Entwicklung alles nahm, ein Habenichts, der seine Arbeitskraft verkaufen muß, um von ihrem Preis, dem Lohn, zu leben. Fast nur noch auf dem Lande, wo die zerstörende und umbildende Entwicklung langsamer verläuft, findet sich heute noch das durch Generationen sich forterbende Familienhaus, und auch da nur bei wohlhabenden Familien, deren konservativer Sinn das Überkommene bewahrte. Die jungen Geschlechter, in den Städten fast ohne Ausnahme, kennen vom Vaterhaus kaum mehr als den leeren Wortbegriff, bestenfalls eine ferne halb verlorne Erinnerung. Der poetische Zauber, der es im Liederschatze des Volkes einst sentimental umkleidete, ist verweht wie der letzte Klang einer vergessenen Melodie . . .
Die typische Wohnstätte der modernen Menschen ist das Miethaus. Die typische Behausung der Proletarier die Mietkaserne. In dem Worte Kaserne liegt alles. Grau, kahl, viele Stockwerke hoch, in eintönigen Reihen und mit trostlosen Fensterfronten wächst sie aus der Erde. Gradlinig und nüchtern, langen Schächten gleich, ziehen sich die Straßen der Mietkasernen durch die Städte und Vorstädte; in ihnen gähnt die Öde, schreit die Geschmacklosigkeit, triumphiert die Trivialität.
Unter allen sozialen Nöten gehört die Wohnungsnot, besonders in den Großstädten, zu den fürchterlichsten und quälendsten. Sie ist eine Quelle unsäglicher und unzähliger Elendserscheinungen; ein Pfuhl, in dem Siechtum, Schande, Laster und Verbrechen üppig gedeihen; eine Brutstätte von Epidemien, Alkoholismus, Verwahrlosung. Erst schürft der Unternehmer Mehrwert aus der Arbeitskraft des Proletariers, dann fällt die kapitalistische Meute über den kargen Lohn des Ausgebeuteten her, um ihn aufteilend zurückzuholen: der Agrarier mit Zöllen und Wuchertributen, der Hausbesitzer und Mietspekulant mit Wohnungszins, der Staat mit Steuern und Abgaben auf die Notdurft des Daseins. Man mag im Zweifel sein, welcher unter den dreien die stärkste Habgier entwickelt; sicher ist, daß der Bodenwucher, der den Armen Heim und Hausung raubt, die Hygiene zur Farce, die Sittlichkeit zur Heuchelei, das Familienleben zum blutigen Hohn macht, eine der widerlichsten und verächtlichsten Methoden kapitalistischer Schmarotzerei darstellt. Jemand hat gesagt, man könne einen Menschen durch eine schlechte Wohnung töten wie durch eine Axt; vielleicht wird das Bild noch zutreffender, wenn man sagt: wie durch eine schleichende qualvolle Vergiftung.
Es kann und soll hier nicht der Versuch gemacht werden, mit einem großen Aufgebot statistischer Ziffern ein umfassendes Bild von der unheimlichen Größe der herrschenden Wohnungsnot zu zeichnen. Am wenigsten von der Wohnungsnot nach dem Kriege, die aller Maße spottet und sich aller statistischer Fixierung entzieht. Nur einige Einzeltatsachen — gleichsam Konturen des Elendsbildes — aus den Wohnungsstatistiken vor dem Kriege sollen angeführt sein.
Wenn man mit der Weitherzigkeit der Reichsstatistik das Zusammenwohnen bis zu fünf Familien in einem Hause noch als „normal“ ansieht und erst Grundstücke mit mehr als 20 Wohnungen als „Mietskasernen“ bezeichnet, dann hatte 1905 Berlin 39 %, Schöneberg 38 %, Rixdorf 36 %, Breslau 28 %, Charlottenburg 25 %, Posen 15 % Mietkasernen unter allen vorhandnen Häusern. Alle übrigen Großstädte verzeichneten weniger als 10 %; Stuttgart, Elberfeld, Frankfurt a. M., Essen, Köln, Lübeck usw. wiesen nach der Statistik überhaupt keine Mietskasernen auf. Nun muß man die Gassen und Gäßchen von Alt-Frankfurt, die licht- und sonnenlosen Schächte zwischen den Häuserreihen des Kölner Domviertels, die Massenquartiere Essens und die Höfe und Twieden Lübecks, die „malerischen“ Hütten (in Wahrheit sind’s Höhlen) an Nürnbergs Mauern kennen, um den grotesken Spott dieser amtlichen Feststellungen zu begreifen und um zu wissen, wie das arme Volk auch da wohnt, wo offiziell keine Mietskasernen existieren. Wenn man nicht die Weitherzigkeit der Reichsstatistik walten läßt und neben den Durchschnittsziffern auch absolute Zahlen und konkrete Verhältnisse berücksichtigt, ergibt sich ein ungleich düstreres Bild von dem Wohnungsjammer der großen Städte und der ärmeren Massen.
So hatten in Berlin bei der letzten Zählung 309 Grundstücke mehr als 200, 159 Grundstücke mehr als 225, 105 mehr als 250, 64 mehr als 275, 106 mehr als 300, 12 mehr als 400, 34 mehr als 500 Bewohner, darunter eins mit 1300! Ein Grundstück in der Weberstraße wies 180 Wohnungen mit 590 Einwohnern, in der Königsberger Straße 142 Wohnungen mit 616 Menschen, am Schlesischen Bahnhof 160 Wohnungen mit 830 Einwohnern auf. Etwa 50 % aller Berliner Einwohner lebten in Wohnungen von nur einem heizbaren Zimmer; in manchen Stadtteilen bis zu 70 %. Volle 3317 Wohnungen bestanden aus nur einem heizbaren Raume und beherbergten bis zu 14 Bewohnern; 4068 Wohnungen bestanden nur aus einer Küche ohne jeden Nebenraum. 9000 Wohnungen mit Küche hatten je 7 Bewohner und mehr, 3500 je 8 und mehr, 100 sogar 10 und mehr. In Wohnungen von nur einem Wohnraume wurden insgesamt 76 000 Personen festgestellt. Von diesen teilten 6300 den Raum noch mit Schlafleuten und Einmietern. In 570 befanden sich außerdem noch Kinder. Insgesamt mußten jahraus jahrein in Berlin rund 600 000 Menschen in Wohnungen hausen, bei denen mehr als 5 Personen auf jedes Zimmer kommen. Die Statistik bezeichnet solche Zimmer als übervölkert, während Böckh in seinem klassischen Werke über die Berliner Wohnungsaufnahme von 1875 bereits eine starke Übervölkerung als vorliegend erachtete, wenn mehr als 4 Personen in einem heizbaren Zimmer untergebracht sind. „Trotz alledem,“ sagt Tews, „sind in Berlin die Wohnungsverhältnisse für die Arbeiterbevölkerung im allgemeinen nicht schlechter, sondern sogar wesentlich besser als in Dorf und Kleinstadt. Dafür aber bedeutet die Wohnung für die großstädtische Bevölkerung viel mehr als für die Dorf- und Kleinstadtbewohner. Der Großstädter ist weit mehr auf die Wohnung beschränkt. Er kann nicht jede freie Stunde, auch wenn die Witterung dazu einlädt, vor der Haustür, auf der Straße oder sonst im Freien zubringen, wie es in Dorf und Kleinstadt geschieht. Er ist an die Wohnung gefesselt. Könnte man eine Statistik aufmachen, wieviel Stunden im Jahre der Großstädter im Durchschnitt in geschlossenen Räumen, in erster Linie im eigenen Heim zubringt und dann mit den Verhältnissen der kleineren Ortschaften in Vergleich stellen, so würde sich ergeben, welch ungeheure Bedeutung die Wohnung für das Leben und Gedeihen der großstädtischen Bevölkerung hat.“
Wie die fortgeschrittene Industrialisierung des Wirtschaftslebens die Wohnungsverhältnisse beeinflußt, dafür sind die Feststellungen einer sächsischen Enquete aus den Jahren 1904/05, die 27 Städte mit 139 958 Wohnungen und insgesamt 556 693 Bewohnern umfaßte, charakteristisch. 46 % aller Wohnungen waren Kleinwohnungen, 4 % aus nur 1 Zimmer, 1 % aus Stube und Küche, 24 % aus 2 Zimmern bestehend; 16—17 % wiesen 2 Zimmer, darunter ein heizbares, nebst Küche auf. In allen diesen Wohnungen waren 38 % der in Betracht kommenden Bevölkerung untergebracht, aber nur 16 % hatten sich der typischen Arbeiterwohnung von Stube, Kammer und Küche zu erfreuen. In mehreren Städten waren über 30 % der Bewohner auf Wohnungen von 2 Zimmern ohne Küche und kleinere Gelasse angewiesen. In 25 von den 27 Städten hatte über die Hälfte aller Wohnungen nur ein heizbares Zimmer. Bei einer ganzen Anzahl von Städten erreichte der Anteil dieser Wohnungen 60 bis 70 %. Selbst wenn auf diese Tatsache nicht allzuviel Gewicht gelegt wird, da sich viele Familien darauf beschränken, während der kalten Jahreszeit nur ein Zimmer zu heizen oder auch die Küche am Tage häufig als Aufenthaltsraum zu benutzen, so gibt es doch zu ernstesten Bedenken Anlaß, daß 234 Wohnungen ohne heizbares Zimmer ermittelt wurden, 204 davon waren von 630 Personen bewohnt (davon in Plauen 57 mit 156 Bewohnern). 47 % dieser Wohnungen besaßen noch nicht einmal eine Küche, darunter 89 Wohnungen, die nur aus einem nicht heizbaren Zimmer bestanden. 60 303 Wohnungen (43 %) waren ohne Küche, 17 788 (15,3 %) hatten Untermieter.
In andern Teilen des Reichs lagen die Verhältnisse nicht besser. So ließen sich aus Breslau, Danzig, Hamburg, dem Rheinland usw. Ziffern und Tatsachen anführen, die vielfach geradezu Entsetzen erregen. Eine besonders für München charakteristische und sehr ungünstige Erscheinung sind die Teilwohnungen. Größere Wohnungen werden in verschiedenen Stücken an verschiedene Mieter vergeben, so daß diese Wohnungen überhaupt in sich nicht abgeschlossen sind: Vorplatz und Abort werden gemeinsam benutzt. Es gibt Wohnungen, in die sich bis zu 10 Mietsparteien teilen. 25 % aller Wohnungen sind Teilwohnungen, in denen ein Fünftel der Bevölkerung Münchens zu wohnen gezwungen ist. Nicht weniger als 10,8 % aller Räume sind nur indirekt belichtet; 8560 von 14 990 werden als Schlafräume verwendet. Nur wenig mehr als die Hälfte aller Wohnungen verfügt über eigenen Abort, in den Arbeiterquartieren durchschnittlich nur ein Drittel. In 4455 Fällen muß ein Abort für fünf oder mehr Wohnungen genügen. Einen abgeschlossenen Vorplatz hatten nur 61,2 % der Wohnungen, alle anderen hatten gemeinsame oder gar keine Vorplätze. In 1273 Fällen dienten die Vorplätze als Schlafräume. Grauenhaft ist die Überfüllung der Wohnungen, in denen sich das ganze Dasein der Familien, ihre Wirtschaft und auch ihre Arbeit abspielen. Nimmt man als Mindestmaß 10 cbm Luftraum für die Person an, so waren 850 Wohnungen mit 5254 Personen überfüllt. Bei einer Annahme von 15 cbm (dem amtlichen Mindestmaß für die Gefängniszelle) wohnten 34 438 Bewohner (mehr als die Hälfte Kinder) in 6124 überfüllten Wohnungen. Noch schlimmer steht es mit den Schlafräumen, von denen bei der Mindestforderung von 10 cbm Luftraum 11 029 Räume mit 39 919 Personen überfüllt waren. Unter Voraussetzung von 15 cbm Luftraum mußten 128 691 Personen in 42 121 überfüllten Schlafräumen nächtigen, das heißt: sie finden statt erquickenden Schlummer unvermeidliche Vergiftung und Verpestung.
Bei Aufstellung einer Statistik in Halle sollte jede Wohnung als genügend angesehen werden, deren Miete nicht mehr als den fünften Teil des Einkommens betrage, und deren Schlafräume für jede über 10 Jahre alte Person mindestens 10, für jede jüngere mindestens 5 cbm Luftraum enthalte. Das Ergebnis der Untersuchung deckte, wie der amtliche Bericht zugab, Zustände auf, die niemand für möglich gehalten hatte. In einer Wohnung z. B. schliefen drei über 14 Jahre alte Mädchen mit den Eltern in einer Stube von 34 cbm Rauminhalt und in einer anderen drei Söhne von 10—24 Jahren und zwei Töchter von 13—19 Jahren mit der Mutter in einem Zimmer von nur 25 cbm Rauminhalt. In einem einzigen Polizeirevier fanden sich 148 Wohnungen, die nicht einmal den allerbescheidensten Anforderungen genügten.
Wie einsichtslos diesem Elend selbst gebildete Kreise gegenüberstehen und wie wenig Empfänglichkeit sie für die Bestrebungen einer vernünftigen Wohnungspolitik an den Tag legen, dafür zeugt ein Erlebnis, das der Volkswirtschafter Dr. Stillich im Meininger Oberlande hatte. Als er dort die Spielwarenindustrie studierte und auch Einblick in die Wohnungsverhältnisse gewinnen wollte, gab ihm ein Ortspfarrer die Versicherung, daß in seinem Orte „die Leute gut und angenehm wohnen und eine Wohnungsfrage nicht existiere“. Schon das erste Haus aber, das Dr. Stillich besichtigte, zeigte entgegen der Behauptung des Pfarrers geradezu entsetzliche Verhältnisse.
Zu dem Mangel an Raum kommt fast überall als weiterer, die Not verschlimmernder Übelstand der Mangel an Betten. Er ist entweder durch den Raummangel bedingt oder tritt als Folge allgemeiner Armut auf, die eine ausreichende Anzahl Betten für viele unerschwinglich macht. Meist wirken beide Ursachen, die der nämlichen Quelle entspringen, zusammen: reicht es bei der Armut noch zu einem notdürftigen Dach über dem Kopf, so reicht es doch nicht mehr zu einem Lager. Die Füchse haben Gruben, die Vögel haben Nester . . . des Menschen Sohn in seiner Armut und Blöße wandelt noch alle Tage unter uns.
Nach der erwähnten sächsischen Wohnungsstatistik waren 1905 im Durchschnitt der 27 Städte in fast einem Zehntel aller Schlafräume der Wohnungen mit Untermietern weniger Betten als erwachsene Personen vorhanden. In manchen Städten stieg das Verhältnis bis zu 26 %.
Dieser Mangel trifft besonders hart das Kind. Bei der großen Bedeutung des Schlafes für die Wiederherstellung des gestörten Stoffwechselgleichgewichts namentlich im Kindesalter ist nicht nur von Wichtigkeit, daß das Kind ausreichende Schlafenszeit, saubere Lagerstätte und genügende Luftzufuhr hat, vor allem soll das Kind auch im Interesse eines ungestörten und erquickenden Schlafes ein Bett für sich allein haben. In dieser Hinsicht sind die Kinder des Proletariats über alle Begriffe schlecht versorgt.
In Berlin stellte Dr. Bernhard fest, daß 33 % der von ihm befragten Kinder in einem Bett allein, 63,5 % zu zweien, 3,4 % zu dreien, 0,1 % zu vieren schliefen. In der 8. Klasse der 84. Gemeindeschule schliefen von 55 Kindern 16 mit zwei, eins mit drei Personen in demselben Bett. Ebenso in der 8. Gemeindeschule ein Kind mit drei Geschwistern. Dr. Philippsohn berichtet über 200 Kinder, von denen 40 % allein, 60 % mit 1—4 Personen schliefen, und zwar 5 Knaben von 6—13 Jahren mit der Mutter, zwei Mädchen von 6—13 Jahren mit dem Vater, 11 Knaben mit der Schwester und umgekehrt, 17 Mädchen mit den Müttern, 8 Knaben mit den Vätern, 29 Mädchen mit Schwestern, 35 Knaben mit Brüdern, 2 Kinder mit Großmüttern, 1 Kind mit drei Brüdern und einer Schwester. Der Kontrolleur einer Krankenkasse fand einen 16jährigen, an Influenza und Halsentzündung erkrankten Jungen in einer kleinen Stube, wo zwei Betten von vier Personen benutzt wurden. Er selbst teilte das Bett mit einem Scharlachkranken.
Wenn in München Grieser konstatierte, daß 17 000 Personen kein Bett haben, so handelt es sich dabei sicher meist um Kinder. „Das Bett,“ sagt er, „erhält der Untermieter oder Schlafgänger (deren im 15. und 16. Bezirk ein Sechstel aller Wohnungen beherbergt); die Familienglieder richten sich auf dem Fußboden eine Lagerstätte her.“ Dabei wohnen in den Arbeitervierteln 52 bis 57 % der Bevölkerung in 1—2räumigen Wohnungen.
Von Köln berichtet die Statistik des Wöchnerinnen-Asyl-Vereins, daß bei den von der Statistik erfaßten Familien vorhanden waren: ein Bett für je 3 Personen in 69 Fällen, für je 4 Personen in 16, für je 5, 6, 7 und 8 Personen in je einem Falle. Zwei Betten hatten 321 Familien von je 3 bis 8 Personen, drei Betten 16 Familien bis zu 10, vier Betten 5 Familien bis zu 11 Personen. In 194 Fällen kamen auf ein Bett mehr als 2, in 115 Fällen mehr als 3 (bis zu 8) Personen.
In Magdeburg stellte der Schularztbericht fest, daß von 700 Volksschülern 20 % zu vier, 12 % zu fünf, 7 % zu sechs, 3,3 % zu sieben, 0,6 % zu acht und 0,3 % (2 Schüler) gar zu neun Personen in einem Raume schliefen. Nur 205 (29 %) hatten ein eigenes Bett; 67,3 % schliefen zu zweien, 3,3 % zu dritt; ein Junge sogar mit 3 anderen zusammen. Diese Zahlen übertreffen noch die Bernhardschen Daten für Berlin.
Aus Fürth berichtet Lehrer Weiskopf, daß von 60 sieben- bis neunjährigen Knaben seiner Klasse nur 14 allein im Bett schliefen, darunter waren neun Waisenkinder. Es muß, wie Weiskopf sarkastisch meint, ein Kind erst Waise sein, um ein Bett für sich zu haben. Die übrigen 46 Knaben genossen die Wohltat eines bequemen Nachtlagers und einer ungestörten Nachtruhe nicht. Es schliefen 6 Knaben beim Vater, 6 bei der Mutter, 15 bei den Brüdern, 3 bei Schwestern bis zu acht Jahren, 6 bei Schwestern bis zu 14 Jahren, 2 bei Schwestern von über 14 Jahren, 4 bei sonstigen Hausgenossen; zwei Knaben schliefen mit Brüdern zu dreien, einer mit Bruder und einer, der schwächste und kleinste, zu vieren mit zwei Schwestern und einem Bruder.
In kleinen Städten, selbst auf dem Lande, besonders wo infolge industrieller Entwicklung die Wohnungsmieten rasch gestiegen sind, liegen die Verhältnisse nicht oder kaum besser. So ermittelte in Menden, einer kleinen Stadt bei Iserlohn, Lehrer Michel, daß nur 11,67 % der Kinder ein Bett für sich allein hatten, 6,67 % schliefen beim Vater, 8,33 % bei der Mutter, 45 % bei Geschwistern gleichen, 8,33 % bei Geschwistern des andern Geschlechts, 3,33 % bei sonstigen Hausgenossen; 15 % benutzten das Bett zu dreien, 1,67 % gar zu vieren. Aus dem Waldenburger Gebiet in Schlesien, wo mehr als 60 % der Familien in Einzimmerwohnungen hausen, wird berichtet, daß zwei Betten in der Regel die einzige brauchbare Schlafgelegenheit für die Familie bilden. Fragt man die Leute, wo denn die Kinder — fünf, sechs, sieben und acht an der Zahl — schlafen, so wird in der Regel in einen Winkel gedeutet, in dem ein Haufen Lumpen liegt. Das ist die Schlafstätte der Kinder. Unwillkürlich erinnert man sich der Stelle in Andersen Nexös „Pelle der Eroberer“, die von dem Besuche Lasses bei seinem kindergesegneten Bruder Kalle berichtet: „Na, hier ist ja ein Segen Gottes an Kindern!“ sagte Lasse, indem er sich umsah. Da lagen drei in der Bettbank unterm Fenster, zwei kleinere an dem einen Ende und ein langer zwölfjähriger Junge an dem andern; seine schwarzen Füße guckten zwischen den Köpfen der kleinen Mädchen hervor. Außerdem waren Lagerstätten auf Stühlen, in einem alten Backtrog und auf dem bloßen Fußboden aufgemacht. Alles war von den schlafenden Kindern in Anspruch genommen . . . Dieses düstre Elendsbild, damals eine erschütternde Romanepisode, ist heute — in dem allgemeinen Kulturbankerott der kapitalistischen Götterdämmerung — tausend- und abertausendfältige Wirklichkeit.
Ein Kind, das Nacht für Nacht sechs, acht oder zehn Stunden auf unbequemer Lagerstätte zubringen muß, beengt, gekrümmt, in Bewegung und Atmung behindert, neben weinenden, hustenden, schwitzenden, schnarchenden oder gar kranken Bettgenossen, vielleicht in dunstiger Kammer, in überfüllter Schlafstube und an lärmvoller Straße, kann am Morgen unmöglich ausgeschlafen haben und durch die Nachtruhe gestärkt und erquickt sein. Es fühlt sich übernächtig, abgeschlagen, ist unlustig, weder zu Spiel noch Arbeit aufgelegt, leidet an Blutarmut und Stoffwechselstörungen, wird empfänglich für Infektionskrankheiten und bleibt im Wachstum zurück. In der Schule gehört es zu den schwachen, müden — die Lehrer schelten es: trägen — Kindern. Das Zusammenschlafen leistet der Übertragung von Krankheiten, besonders von Masern, Scharlach, Diphtherie, Tuberkulose usw. in hohem Maße Vorschub. Ganz zu schweigen von den Gefahren, die dem Kinde — besonders aus dem Zusammenschlafen mit erwachsenen oder im Pubertätsalter befindlichen Personen — in moralischer Hinsicht erwachsen können. Hier wird die Familie nur zu leicht eine Brutstätte der Unzucht und eine Schule schlimmer sittlicher Verworfenheit.
Auch wenn man nicht sogleich die ärgsten Übelstände und Gefahren ins Auge faßt, bleibt die Wohnungsmisere schlimm genug und voll unendlicher Benachteiligungen für das Gedeihen des Kindes. Ist nicht die Säuglingssterblichkeit in Keller- und Dachwohnungen sowie in Mietskasernen größer als in Etagenwohnungen und bei offener Bauweise? Gedeiht nicht Rhachitis am besten in feuchten Höfen und kühlen Kellerlöchern? Ist nicht die Tuberkulose geradezu eine Wohnungskrankheit? Sind nicht Kinder aus engen und überfüllten Wohnungen kleiner, schwächer und dürftiger entwickelt als andere, die in Luft, Sonne und Bewegung heranwachsen? Und ist nicht die körperliche Degeneration vielfach die Ursache geistiger und sittlicher Minderwertigkeit? Es ist gewiß kein Zufall, daß in Waldenburg, dessen unerhörte Wohnungsverhältnisse erwähnt wurden, der Kreisschularzt 86 % der Schulkinder als krank und unterernährt bezeichnen mußte. Auch weiter kein Zufall, daß in den Industrieorten Sachsens mit abnorm traurigen Wohnungsverhältnissen die Kindersterblichkeit abnorm hoch und die Körperkonstitution der Schuljugend abnorm schlecht ist. Hier hängen Ursache und Wirkung sichtbar als Wohnungsnot und Verkümmerung, Entartung, Lebensuntüchtigkeit innerlich zusammen. In Berlin, wo das Wohnungselend zum Himmel schreit, mußten 1910/11 von 33 671 untersuchten Schulneulingen 3193 (9,48 %) wegen mangelhafter körperlicher Entwicklung zurückgestellt, von 226 257 Gemeindeschulkindern 48 332 (21,4 %) in ärztliche Überwachung genommen werden.
Der Wohnungsjammer zerrüttet aber auch die geistige und sittliche Natur des Kindes. Das Haus soll das Gefäß der Familie, das Organ ihrer erzieherischen Aufgabe sein. Ist aber die Häuslichkeit aufgehoben, zerstört oder nur als armseliges Surrogat vorhanden — wie soll dann die Familie ihre erzieherischen Einflüsse auf ihre Kinder geltend machen? Der Erziehungsboden des Hauses, einst so fruchtbar und ertragreich, ist hier ganz verarmt, verödet und versandet. Wie soll ein Kind in einer engen, dumpfen, übervölkerten Wohnung die Wärme und das Licht empfangen, das sein Organismus für seine Entwicklung braucht? Wie soll es in einer Mietskaserne, ein Vogel im Käfig, die Freiheit der Bewegung genießen, die für Körper und Geist unerläßliche Vorbedingung des Gedeihens ist? Ist eine Stube, in der eine ganze Familie, Wand an Wand mit hundert anderen Familien haust und in der gekocht, geschneidert, Wäsche getrocknet wird, in der die Kinder schreien, die Eltern schelten, der Hausrat durcheinander liegt, kein Tisch, kein Stuhl frei ist und aller Schmuck, alle Traulichkeit fehlt, ein „Heim“? Kann sich ein Kind „heimisch“ fühlen in der öden Vorstadtstraße, im Hof, vier Treppen hoch, ohne Aussicht auf ein Stück Natur, von rauchenden Schornsteinen und kahlen Dächern und Giebeln umgeben, mit Fenstern, an denen kaum ein paar Blumenstöcke Platz haben? Überkommt heute den Soldaten, der aus dem steinernen Meer der Großstadt stammt, auf den Schanzen der Straßburger Festung ein ähnliches Trauern und Sehnen nach der Heimat wie jenen Schweizer? An welche Heimat soll er denken, wenn er singt: „Wenn ich weit aus der Ferne nach der Heimat hinseh’, ach, dann wird mir im Herzen so wohl und so weh!“? An das Häusergewirr, wo er in elender Dachkammer den ersten Blick in die schöne Welt tun durfte? Oder an das Hinterhaus, wo er bei düsterem Dämmerlicht seine Schularbeiten anfertigen mußte? Oder an die ihm noch unbekannte Stadt, in die seine Eltern bei seiner Abwesenheit verzogen sind? (B. Hofmann, Jugenderziehung und Bodenreform)
Im Massenquartier, in der Mietskaserne, in den übervölkerten Räumen der Hof-, Keller- oder Dachwohnung hört alle Heimlichkeit, alles Heimischsein auf, klingt die Bezeichnung „Heim“ wie bitterer Hohn. Hier, wo des Sommers durch die offenen Fenster der ganze Klatsch, der ganze Zank, alles Klappern, Schwirren, Surren, Summen der Näh- und Schuhmachermaschinen, alles Kindergeschrei, alles Grammophongeplärr, alles Tosen der Maschinen in der Fabrik im Hofraum und alles Poltern der Straßenbahn, aller Duft und Dunst der 40 oder 50 Küchen mit ihrem Talggeruch, ihrer Ranzigkeit eindringt, wo keine Tür geöffnet werden kann, ohne daß neugierige, neidische oder schadenfrohe Blicke eindringen, wo kein Geheimnis atmen kann, wo das Geborenwerden und Sterben, das Persönlichste und Intimste nicht ohne Beobachter und Zeugen sich vollzieht. „An keiner anderen Stätte,“ sagt Tews, „sieht das Kind seine Umgebung so unverhüllt, so im Negligee, wie in der Familie[.] Es schaut seiner Familie geradezu ins Herz, in die Seele. Hier gibt es kein Verhüllen, kein Verstecken, auch keine Pose. Hier fällt jede Maske, und Mensch zu Mensch treten sich als solche gegenüber.“
Das Menschliche wird freilich oft zum Allzumenschlichen durch die nahe körperliche Berührung der Stubenbewohner in der Enge des Raumes, durch das Zusammenschlafen, vor allem auch durch den Einfluß der familienfremden Elemente, der Schlafleute und Einlogierer. Die niederschlesischen Gerichte, heißt es aus Waldenburg, haben sich verhältnismäßig schon oft mit Fällen von Blutschande und Sittlichkeitsverbrechen zu befassen. Im polnischen Oberschlesien ist’s noch viel schlimmer. In solchem Milieu werden Kinder und junge Menschen, ob sie wollen oder nicht, zu Ausschweifungen geradezu erzogen. Die Akten und Berichte der Fürsorgeanstalten erbringen bergehohe Nachweise dafür, in welch ungeheurem Umfange der himmelschreiende Wohnungsjammer junge Kinderseelen vergiftet.
Doch nicht bloß ethische, auch pädagogische Werte gehen verloren oder werden zerstört. Wie soll ein Kind an Reinlichkeit, an Ordnungssinn gewöhnt werden in einer Behausung, wo die Wohnungsnot alle geordnete Lebensführung verbietet, wo kein Gegenstand seinen bestimmten Platz, keine Verrichtung ihre bestimmte Zeit hat? Wie soll es Schönheitsgefühl, Kunstempfinden, Farbenfreude entwickeln in einer Mietskaserne oder einem Kellergelaß, aller ästhetischen Reize bar? Wie soll es zu Schamgefühl, zu Diskretion, zur Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse und Interessen anderer gelangen in einer Wohnung, bei der jeder Blick durch die Tür hundertmal am Tage das Allerheiligste enthüllt, bei der Liebe und Haß durch das geöffnete Fenster dem ganzen Hause, der ganzen Nachbarschaft verraten? Wie soll es friedfertig, versöhnlich und verträglich, zum Guten bereit sein können, wo täglich und stündlich Berührungen und Reibungen zu Konflikten und Feindseligkeiten führen müssen? Woher soll es Liebe zur Natur nehmen, innerhalb der himmelhohen Häusermauern, die ihm jeden Baumwipfel und Grasplatz versperren? Wie soll es jemals zu innerer Sammlung und zur Konzentration des Geistes, zur Verinnerlichung seines Wesens und Fühlens gelangen können in der ewigen Unruhe, der ewigen Hast und Nervosität, die alle Räume, alle Quartiere, alle Straßen, ja das gesamte Tun und Leben der Menschen von heute erfüllt?
Die Wohnung, in der das moderne Proletarierkind, besonders der Großstadt, seine Jugend verbringt, sammelt nicht und gleicht nicht aus, stimmt nicht froh und umhegt das Keimende und Werdende nicht mit der Schutzwehr friedlicher Güte und schonender Ruhe — sie reizt vielmehr und erregt, macht nervös, rücksichtslos, roh; sie läßt Herz und Sinn leer, führt zu innerer Verarmung und endet in dem dumpfen niederdrückenden Gefühle der Heimatlosigkeit.
Die Straße
Das Haus der bürgerlichen Familie hatte einen Garten, der das gepflegte und geschätzte Tuskulum aller Familienglieder war. Hier grüßte der taufrische Morgen in strahlender Unberührtheit die froh Erwachten und erhob ihr Herz; hier schenkte der Abend im Purpur der scheidenden Sonne den Ausruhenden die wohlige Stimmung der Feierstunde und den köstlichen Genuß des Friedens nach vollbrachtem Tagewerk. Der Tag war voll unzähliger kleiner, aber reizvoller und beglückender Erlebnisse. Da prangten die Beete im bunten Farbenschmuck der Blüten; da hüllten sich im Frühjahr die Bäume in weiße, schimmernde Wolken ein; da lachten aus dem Weinspalier die goldigen Trauben; die früchtebeladenen Zweige luden zum Pflücken ein. Irgendwo plätscherte ein Rohrbrunnen; am Bienenhaus summte und schwärmte es; im Hühnerhaus krähte und gackerte das Federvieh. Und in verschwiegenen Lauben, wenn der Jasmin blühte, wisperte manch süßes Geheimnis. Wurden Zimmer und Haus zu eng, so nahm der Garten die Familie auf; er gab Freiheit und ließ Bewegung zu, spendete Luft und Sonne und öffnete — durch die Labung, die von ihm ausging, wie durch die Arbeit, die er forderte — unzählige Quellen stiller, seliger Beglückung.
Die Kinder besonders hatten in ihm ihr Paradies. Es erstreckte sich zwischen Rasenplatz und Sandhaufen, Beerenhecke und Hühnerhof. Es war voll unbeschreiblicher Wonnen. Man konnte sich tummeln und am Purzelbaumschlagen ergötzen, konnte im Sande graben, im Schatten der Baumwipfel liegen, nach Schmetterlingen jagen und die Vögel belauschen; man kam in ein vertrautes Verhältnis zur Natur, die man lieben und verstehen lernte; man bekam Blick und Sinn für Schönheiten und Empfänglichkeit für die leisen Zauber des Gemüts. So wurde der Garten zu einem stillen Erzieher, der unmerklich aber stetig das Innere des Kindes formte und bildete; so wurde die Kinderseele selbst zu einem Garten, in dem es keimte, sproßte und zum Lichte drängte.
Der Kapitalismus, der die Familie sprengte und dem Proletarier das Haus nahm, verwüstete auch den Garten. Er zertrat die Beete und ließ die Bäume fällen, rodete die Hecken aus, führte gradlinige gepflasterte Straßen hindurch und ließ zur Rechten und Linken — da, wo die Veilchen und Nelken geduftet — graue himmelhohe Mietkasernen aus der Erde wachsen.
Wie es dem Garten erging, so erging es dem Anger, sobald sich die Industrie des Bauerndorfes bemächtigte und es in einen Fabrikort verwandelte. Wo die Jugend sich tanzend um den Maibaum drehte und an Sommerabenden zu Scherz und Spiel sich lachend zusammenfand, erheben sich Fabriken, in denen die Spindeln schnurren und junge Mädchen in stickiger Luft ihre Jugend verdorren lassen müssen.
Die Gärten sind dahin, der Dorfplatz ist verschwunden. An nackten, kalten Straßen entlang hat sich die Stadt ausgereckt, ein Meer von Häusern. Das Kind sucht vergeblich sein schönes Kinderland. Es will spielen, denn das Spiel ist sein Lebenselement; es will springen und Bewegung haben, denn sein kleiner Körper zuckt von Unrast und Betätigungsdrang; es will mit seinen Sinnen und seiner Seele etwas erleben, denn sein Wesen ist zum Wachstum und zur Entwicklung bestimmt.
In der Wohnung kann es nicht spielen und springen, sie ist eng und kalt. Auf Treppen und Höfen darf es nicht spielen und lustig sein, weil der Hauswirt schilt. „Aller Aufenthalt, alles Lärmen, Spielen, Musizieren usw. auf Treppen und Höfen ist verboten.“ Es geht in die Schule, da hat es keinen Spielplatz und keinen Garten. Es geht in die öffentlichen Gärten, da hat es keine Spielplätze, muß korrekt einhergehen, darf nichts abpflücken, keinen Rasen betreten, kaum daß es stehen bleiben darf. „Es geht in sein Haus zurück, und das ist ein trostloses Mietshaus. Da sind enge Zimmer und dunkle Gänge. Da hängt ein kleines, winziges Himmelsstück über einem kleinen offenen Raume, den man Hof oder Garten nennt. Da sind rechts und links, oben und unten Menschen, die bei jedem Laut des Kindes zusammenzucken und Ruhe! Ruhe! schreien. Weil sie selber müde und unlustig sind. Und weil sie vergessen haben, was sie selber als Kind gebraucht haben.“ (W. Mohr)
So bleibt dem Kinde nur die Straße, die ihm zum Spielplatz, zum täglichen Aufenthalt wird. Das proletarische Kind, aus Familie, Haus und Garten verstoßen, wird zum Straßenkind.
Auch das Dorf hat seine Straßen, auf denen sich die Jugend gelegentlich in Scharen tummelt und ihre lärmvollen Spiele treibt. In kleinen Städten spielen die Bürgerkinder in kleinen oder großen Trupps ihre Murmel- oder Haschespiele genau so wie die Großstadtkinder auf der Straße. Und doch ist hier ein gewaltiger Unterschied! In Dorf und Kleinstadt ist die Straße das, was sie sein soll: eine Kommunikation, eine Verbindung zwischen einzelnen Grundstücken und Behausungen, ein Mittel zum Zweck. In der Großstadt aber, im Industrieort, wo das Proletariat haust, hört sie auf, bloß Brücke und Behelf zu sein; hier wird sie Selbstzweck. Das Dorfkind, auch wenn es häufig und reichlich die Straße bevölkern hilft, findet doch das Schwergewicht seines Tuns und Erlebens im Hause, Hofe oder Garten; das Großstadtkind hingegen ist ganz auf die Straße angewiesen, die ihm Haus, Hof und Garten ersetzen muß. Es ist das Straßenkind — ein Produkt der Großstadt und der neuen Verhältnisse, ein Typus.
Was die Dorf- und Kleinstadtkinder von den Straßenkindern der Großstadt unterscheidet, hat Sombart treffend präzisiert: ihre Allzusammengehörigkeit, ihr Gemeinschaftsverband von Sippe und Nachbarschaft her. Dort sind es immer dieselben Kinder, die zusammen spielen, Kinder befreundeter oder verwandter Familien, jedes einzelne in seinen Arten und Unarten vom ganzen Kreise der Eltern und Kinder gekannt. Und wiederum die ganze Schar dem Dorfe, der Stadt wohlvertraut; was sie ausfrißt, am nächsten Tage Gespräch der Nachbarn und der Sippe. Im Grunde eine große, stille Erziehungsgemeinschaft. Hier dagegen das Straßenkind: ein Blatt, vom Winde herangeweht, das im nächsten Augenblick wieder zu einem anderen Blätterhaufen weitergetrieben wird. Ein in seiner Zusammensetzung ewig wechselnder Haufe fremder Kinder, deren Eltern sich nicht kennen, deren jedes von den Eltern der andern nicht gekannt wird. Eine formlose Masse, in der die stärkeren, aber auch die schlechteren Elemente, ohne daß jemand ihre unheilvolle Wirksamkeit beobachtete und aufzuhalten versuchte, die ganze Schar beherrschen. Eine Rotte, deren physisches und psychisches Schicksal dem Zufall preisgegeben ist.
Die Straße ist in erster Linie dem Straßenkinde der Spielplatz. Im Dorfe — ja da gibt es noch immer die herrlichsten Spielplätze, ohne daß sie jemand als solche einrichtet. Da sitzt man, wie Gansberg dies anschaulich schildert, auf Hecken und Zäunen und verschmaust, was man sich in den Obstgärten mit Fleiß und List und Verwegenheit verschafft hat; da gibt es die wunderbarsten Winkel und Plätzchen zwischen den unordentlich durcheinandergeschobenen Wohnhäusern, Ställen und Scheunen. Da gibt es lauschige Verstecke unter dem Strohdache, in der Heide und im Weidendickicht, so seltsam, wie sie sich ein Stadtkind zwischen seinen langweiligen Häuserreihen nur in der Phantasie ausmalen kann.
In der Großstadt — da ist leider für das Spiel und die tummelnde Lust der Kinder kein Raum. Die nur auf Erwerb gerichtete, von nüchternster Zweckmäßigkeit orientierte, in nervöser Hast sich vielfach überstürzende Entwicklung mit ihren Straßenzügen und Häuserblocks, ihren Omnibussen, Droschken, Automobilen, ihren Straßen-, Hoch- und Untergrundbahnen, ihrem Zeitmangel und ihrer Raumausnutzung ist über das Kind hinweggegangen, hat die Jugend mit ihren Wünschen und Bedürfnissen ganz vergessen. Wir haben Prachtstraßen und Schmuckplätze, Reitwege und Anlagen, Brunnen und Denkmäler für jeden Hinz und Kunz, Parade-, Renn- und Marktplätze — aber was haben wir für die Kinder?
Die Straße ist ihr Spielplatz. Im Gewoge und Getriebe, zwischen Passanten und Fuhrwerken, gestoßen und beiseite geschoben, angeschnauzt und von Schutzleuten verfolgt müssen sie sich beschäftigen und vergnügen, so gut es geht. So mancher flinke Junge, der seinem Bewegungsdrange folgt und die geschriebenen und ungeschriebenen Verkehrsordnungen durchbricht, muß seine Spielfreude unter den Rädern eines Autos oder unter den Fäusten eines Behelmten büßen. „Wenn sich die Knaben einfallen lassen,“ sagt Masso, „auf Straßen und Plätzen Ball zu spielen, so sind die Schutzleute hinter ihnen her wie hinter tollen Hunden.“ Man sagt, das geschehe zum Schutze des Kindes selbst. Natürlich: man will die Kinder nicht unter die Hufe der Pferde und die Räder der Fuhrwerke geraten lassen. Aber es vergeht doch kein Tag, wo ein Kind nicht in die Räder irgendeiner Maschine gerät, ohne daß die Polizei auch nur annähernd so großen Eifer zu seinem Schutze entwickelte. Welche Opfer an Gesundheit und Leben erfordert allein die kindliche Erwerbsarbeit in den industriellen Profitmühlen und auf den junkerlichen Rübenäckern! Da hat noch keiner Schutzleute so rasch zum Schutze der Kinder laufen sehen, wie wenn es gilt, ein Fangball spielendes Kind vom Asphalt der Straße zu treiben. Und doch spielt das Kind von neuem, sobald der „Blaue“ hinter der nächsten Straßenbiegung verschwunden ist, weil es spielen muß; es spielt, mögen die modernen Lebens- und Verkehrsformen seiner Natur noch so feindlich und unerträglich sein.
Ein wenig Verständnis für die Bedürfnisse des Kindesalters und ein wenig guter Wille, diesen Bedürfnissen gerecht zu werden, hätten die Stadtverwaltungen längst darauf sinnen lassen müssen, einen Ersatz für die der Jugend verloren gegangene Spielgelegenheit zu schaffen.
Da ist der Sandhaufen, dieser trefflichste aller Spielkameraden und Erzieher des frühen Kindesalters — wie selten und in wie schlechter Verfassung trifft man ihn an! Als der Däne Dragehjelm, der pädagogische Evangelist des Sandhaufens, vor Jahren eine Studienreise durch Deutschland machte, war er von der Zulänglichkeit und Art, wie deutsche Großstädte die spielenden Kleinen mit Spielsand versorgen, recht wenig erbaut; von zahlreichen Städten, darunter Berlin, hatte er auf seine Fragebogen, die über Spielplätze und Spielgelegenheit Auskunft wünschten, aus naheliegenden Gründen überhaupt keine Antwort erhalten. Und wieviel Schönes und Reiches ließe sich den Kindern der lauten Straßen und düstern Höfe mit ein paar Karren Sand bescheren! Nicht bloß, daß beim Sandspielen die Gesundheit gestärkt und die Muskelkraft entwickelt wird, — das Kind erfährt auch eine gewaltige Förderung seines Tastsinns, gelangt zu einer frischen und unmittelbaren Anschauung vom Körperlichen, übt Sinne und Hände, entfaltet die Phantasie und führt seinem Geiste mühelos eine große Anzahl physikalischer und mathematischer Grundsätze zu: ein Reichtum von Gestalten und Formen tut sich auf dem Sandhaufen auf, eine Fülle von Tatsachen und Wahrheiten, Erscheinungen, Ereignissen tritt der Vorstellungswelt entgegen. Und wahre Ströme von Glück quellen aus der Kinderseele hervor!
Um die Spielplätze für die größeren Kinder ist es ebenfalls schlecht bestellt, obwohl im Laufe der Zeit eine rührige Propaganda für Volks- und Jugendspiele manches Zugeständnis und manche Bereitwilligkeit zur Besserung der Zustände erzielt hat. Prof. Rhaydt konstatiert nicht ohne Wehmut und Bitternis, welch lebhaftes Interesse England für den Spieltrieb der Jugend bekundet und wie gering im Gegensatz hierzu die Aufwendungen in Deutschland für diese Zwecke sind.
In den Jahren vor dem Kriege haben sich die sozialdemokratischen Frauen in vielen Gegenden des Reichs mit großem Eifer der verlassnen Straßenkinder angenommen und sie während der Sommerszeit, besonders in den Ferien, aus der dumpfen Enge der Stadt in hellen Scharen hinaus auf die Spielwiesen oder in den Wald geführt. Aus zahlreichen großen und kleinen Städten sind Berichte über diese Veranstaltungen veröffentlicht worden, die erkennen lassen, welch großes Stück Erziehungs- und Kulturarbeit das Proletariat auch in dieser Richtung bereits geleistet hat. In den meisten Städten erhielten die Kinder täglich ihr Essen draußen, wo es viel besser schmeckt als zu Hause, gewöhnlich Brot und Milch, auch Kaffee, Kuchen und Brezeln. War der Wald nahe genug, so ging es zu Fuß ins Freie; andernfalls wurden Straßenbahn, Eisenbahn oder Dampfer benutzt. In diesen Fällen trug die Kinderschutz- oder Ferienspiel-Kommission die Fahrkosten, damit die Allerärmsten, die es am nötigsten hatten, nicht fernblieben. Fuß-, Schleuder- und Spielbälle, Reifenspiele, Spring- und Ziehtaue usw. wurden angeschafft; Partei, Gewerkschaften und Konsumvereine steuerten bei, um die erforderlichen Mittel zu beschaffen. Auch die Organisationen der Bildungs- und Jugendausschüsse gaben ihr Scherflein hinzu. Und während das Bewußtsein, Tausenden und Zehntausenden von armen Straßenkindern frohe Stunden verschafft und ihnen an Leib und Seele Gutes getan zu haben, nicht bloß die Beteiligten beglückte, sondern auch die Fernestehenden sympathisch berührte und ihren Beifall weckte, war es der herzoglichen Verwaltung in Braunschweig vorbehalten, die Benutzung des Staatsforstes zu verbieten, weil die Spiellust sozialdemokratischer Kinder das Jagdvergnügen hoher Herrschaften störte . . . So wurde die Jugend der Armen, wenn schon rettende Hände sich ihrer erbarmen, immer wieder auf die Straße zurückgestoßen, zurückgeworfen.
Wenn sie nun aber auf der Straße nicht spielen kann und darf — was soll sie tun? Sie treibt Unarten. Vor den Türen, an den Schaufenstern, in den Torwegen, auf den Promenadenbänken steht und liegt und lungert sie herum, unbeschäftigt und unbewacht. Beobachtungen werden ausgetauscht, Pläne geschmiedet, gemeinsame Fahrten unternommen und Streiche verübt. Solch ein Konvivium ist meist eine üble Schule für Geist und Seele. „Sie erzählen sich dies oder jenes, Gutes und Schlimmes, sie wissen allen Klatsch der Nachbarschaft und tragen ihn geschäftig weiter; sie hören oder sprechen von Dingen, die Erwachsene wohl, aber nimmermehr die Jugend beschäftigen können; sie mustern die Vorübergehenden und wetteifern untereinander in abschlägiger Kritik. Ein widriges Behagen an witzelnden Bemerkungen, am hämischen Herunterreißen, am Schmälern und Verkleinern der anderen bemächtigt sich der heranwachsenden Bürschchen. Das bissige Schlagwort, die gemeine Zote wird schon allzufrüh ihr Element. So wächst der typische Großstadtjunge auf mit lockerem Munde und frecher Schlagfertigkeit, mit einem sicheren Blick für alles Kleine und Niedrige im Menschenleben, mit einem Herzen, so ekelhaft nüchtern und gewöhnlich, so altklug und selbstgefällig, so schwunglos und bettelarm an allem wahrhaft Idealen.“ (Weimer)
Unterstützt wird diese Oberflächlichkeit und hundeschnäuzige Blasiertheit im seelischen Leben durch die eigenartige psychische Beeinflussung, die das Treiben, Hasten und Jagen der Großstadt auf jeden ausübt, der sich in ihren Strudeln befindet. Eine oft geradezu erdrückende Fülle von Eindrücken, ein sinnverwirrendes Auf- und Übereinander von Vorgängen schlägt dem Beobachter auf Schritt und Tritt entgegen, raubt ihm die Sammlung und innere Sicherheit und bringt ihn aus dem Gleichgewicht. Beim Kinde gar, dessen Wesen so empfindlich und ungefestigt ist und das auf äußere Reize so stark reagiert, muß der chaotische Betrieb der Großstadt geradezu zerstörend wirken. Tews, der die Großstadt genau kennt, hat über die Pädagogik der Straße sehr Zutreffendes geschrieben: Die Straße der Großstadt ist ein Flußbett, in dem ein doppelter Strom, von Tausenden von Gestalten belebt, sich drängt. Die Straße ist Bewegung, ist Leben, ist ein Kinematograph. In keiner Minute ist sie dieselbe, sie ist ein Wogen, ein Spiel der Wellen. Form und Farbe wechseln in ihr ruhelos und endlos. Die Straße ist auch zu jeder Tageszeit eine andere. Die Typen des Straßenlebens wechseln mit jeder Tagesstunde wie mit der Stadtgegend. Das Typische des großstädtischen Straßenlebens ist das Hasten und Drängen. Insofern ist die Straße ein Bild des großstädtischen Lebens und Treibens überhaupt. Sie verkörpert den wesentlichen Inhalt des modernen großstädtischen Lebens. Dabei ist auf der Straße alles Äußerlichkeit und Schein. Der Mensch tritt so auf, wie er gesehen werden will. Alles Intime und Eigenartige muß zurückstehen. Alles ist für das Auge der Mitmenschen berechnet und nach außen gekehrt. Während die Straßen der Kleinstadt und des Dorfes am Werktag das Berufsleben der Bewohner in all seinen Formen und Abstufungen widerspiegeln und das Arbeitskleid zugleich das Straßenkleid ist, ist in der Großstadt die Arbeit von der Straße und der Straßenfront verschwunden, in die Hinterhäuser und Fabriken gedrängt, eine Einförmigkeit und Gleichmäßigkeit in das Straßenbild eingezogen und der Arbeitsrock von der Straße verschwunden. Die Straße bietet von allem etwas, aber nichts Dauerndes und nichts Ganzes. Ein Leben, das auf die Straße berechnet ist, verliert seinen inneren Gehalt. Ungezählte Tausende gestalten ihr Leben so, daß sie sich in den elementarsten Bedürfnissen die empfindlichsten Beschränkungen auferlegen, nur um für die Straße gerüstet zu sein. Die Straße ist der Moloch, dem unendlich viel geopfert wird. Darin liegt aber eine Erziehung zur Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit, die Heranbildung eines Wesens, das den Schein für die Wirklichkeit nimmt. So viele Dinge das Kind kennenlernt — Dinge, die der Kleinstädter oder Landbewohner nie oder nur mit Mühe und nach Jahren erfährt und begreift — es bleibt bei der Menge und dem raschen Wechsel der Eindrücke alles an der Oberfläche haften. Zu den tieferen Zusammenhängen der Dinge, zum inneren Leben und Erleben der Menschen dringt der Blick nur selten oder überhaupt nicht vor. So wächst das Großstadtkind zwar geistig reger, aufnahmefähiger und anpassungsfähiger heran, ist geweckt und gewandt, mit vielem vertraut, was in den Gesichtskreis der Jugend noch nicht gehört; aber es ist auch kritisch und skeptisch, blasiert und ideallos, vielleicht schon früh vergiftet und verdorben.
Während das Dorfkind mit seinen Sinnen und Gedanken nur langsam und bedächtig vorwärts kommt, sich alles mühsam erwerben muß, aber das Erworbene festhält und tief in sich aufnimmt und im ganzen alles mehr innerlich erlebt, einen größeren Fonds an Wärme und Gemüt besitzt und mehr Kind bleibt — ist das Straßenkind der Großstadt schnell mit allem fertig, leider auch mit seiner Jugend.
Die Umwelt schafft so eine Erziehungssphäre, die Geist wie Charakter, Sinne wie Temperament, Naturell wie Gemütsleben beeinflußt, bildet, färbt, erzieht. Leider nicht im guten Sinne und zum guten Ende.
Die Heimat
Was könnte man von der Erziehung mehr verlangen, meint Ludwig Gurlitt, als daß sie den jungen Menschen heimisch mache auf dem Platze und in der Zeit, in die ihn das Schicksal gestellt hat; heimisch in seinem Hause, in seinem Garten, in seinem Dorfe, in seiner Gemeinde, seiner Stadt, seiner Provinz, seinem Vaterlande und heimisch überhaupt auf Erden und unter seinen Zeitgenossen. Wer sich so eingelebt hat und den Platz richtig erkennt, den er selbst inmitten des Weltalls und im Strom der Zeit einnimmt, und wer daraus die rechte Einsicht und eine gesunde Tatkraft entwickelt, an dem hat die Erziehung das Wesentliche geleistet.
Heimisch in seinem Hause . . . seinem Garten . . . seinem Dorfe soll der junge Erdenbürger werden, ehe er in Heimat, Vaterland und Welt weiterwandernd seine Füße setzt. Ein Programm, das frischen Schollengeruch atmet und Bodenständigkeit bekundet, tüchtig und echt, anmutig, begehrenswert — nur schade, daß es ein paar Menschenalter zu spät kommt.
Wir erkennen es wieder: es ist das Erziehungsprogramm unserer Vorfahren, deren Schicksal im ehernen Reifen fester und inniger Familienbeziehungen, auf eigenem Grund und Boden, im ererbten Hause, im elterlichen Garten, im heimatlichen Dorfe anhub, sich abwickelte und vollendete. Durch Goethes „Wahrheit und Dichtung“ läßt es seine stillen Zauber wehen, aus Gottfried Kellers „Grünem Heinrich“ grüßt es rotbackig in unsre Zeit.
Daß jeder sein Haus, seinen Garten und seine Heimat hatte — es war einmal. Dem modernen Proletarier und seinem Nachwuchse klingt es fast wie ein fernes, schönes Märchen.
Die Familie im Verfall . . . das Haus nur noch ein Wort, ein leerer Begriff . . . der Garten zu Straßenzügen und Bauplätzen aufgeteilt, in Häuserblocks verwandelt . . . und auch die Heimat muß ihre Farben und Wunder bleichen, den Zauber ihrer innig-zarten Bande schwinden sehen in den Wettern und Wandlungen der rastlos vorwärts eilenden Zeit.
Die Entwicklung der Industrie und der Bedarf an Arbeitskräften in Großstädten und Industriegebieten, Freizügigkeit und Gewerbefreiheit, die Vervollkommnung der Verkehrsmittel, besonders der Ausbau des Eisenbahnwesens, dazu eine ungesunde Boden- und Grundstücksspekulation, der Mangel an Kleinbauernland, die elenden Wohnungs- und Erwerbsverhältnisse auf dem Lande, der Heeresdienst, der Arbeitsmarkt der Presse, der Wechsel der Konjunkturen, ferner Streiks, Krisen, Aussperrungen, Maßregelungen usw. — ein gewaltiger Komplex engverflochtener Beziehungen und Tendenzen — haben bewirkt, daß die Seßhaftigkeit der Bevölkerung im Laufe der Jahre ungeheuer zurückgegangen ist. Ein großer Teil des Volkes ist wurzellocker, schollenlos, unstet geworden und befindet sich ewig auf der Wanderschaft. Der Riese Proletariat hat sich Züge vom Ahasver geliehen.
Vor dem Kriege hat man berechnet, daß in Deutschland jährlich etwa vier Millionen Menschen ihren Wohnsitz wechselten. In Breslau, einer Stadt von 400 000 Einwohnern, betrug 1899 die Zahl der umgezogenen Personen 194 602, in Hamburg in demselben Jahre 212 783; in Hamborn, dem großen rheinischen Industrieort, zogen bei 106 990 Bewohnern 1911/12 nicht weniger als 37 631 Personen zu und 32 240 Personen ab. Das Statistische Landesamt Bayerns stellte durch eine Untersuchung fest, daß von der 1900 in Bayern gezählten und hier auch gebürtigen Bevölkerung, die 5 870 000 Menschen umfaßte, rund 2 800 000 (mehr als 40 %) außerhalb ihrer Geburtsgemeinde wohnten. Aus den Bezirksämtern waren 43,6 % der Münchener und 39,6 % der Nürnberger Bewohnerschaft ausgewandert; die ortsgebürtige Bevölkerung betrug in München 36,1 %, in Nürnberg 40,2 %. In der Zeit von 1885 bis 1905 sind aus den 12 ländlichen Kreisen des Regierungsbezirks Wiesbaden 61 493 Menschen mehr aus- als eingewandert. Von der Einwohnerschaft Wiesbadens stammten 29 423 aus der Provinz Hessen-Nassau. In der Provinz Pommern sind in den Jahren 1895 bis 1900 aus den ländlichen Kreisen 96 600 Menschen abgewandert, von 1900 bis 1905 rund 62 300, in 10 Jahren also 155 000. Nach einer Berechnung des Reichsstatistischen Amtes unter Zugrundelegung des Quittungskartenaustausches der Invaliditäts-Versicherungs-Anstalten für das Jahr 1909 verlor Schlesien 101 066 Personen, Ostpreußen 75 500, Posen 74 325, Westpreußen 65 480, Anhalt 51 600. Wo sind alle diese Menschen geblieben? Wohin sind sie gegangen? In die Großstädte und Industriegebiete. Nahm doch allein Berlin im genannten Jahre 119 930, die Provinz Brandenburg 115 150 Personen auf; Berlin wuchs in zehn Jahren um fast eine halbe Million Bewohner ohne die Vororte. Recht erheblich ist auch der Wanderungsgewinn der Rheinprovinz mit 96 050, der Hansastädte mit 56 900, Westfalens mit 38 000 und Hessen-Nassaus mit 37 430. Auch hier fällt ein rapides Wachstum der Städte auf; so vermehrte sich — um nur ein Beispiel zu nennen — die Bewohnerschaft Gelsenkirchens in fünf Jahren um ca. 150 000 Menschen. Hierzu kommt der Austausch der Bevölkerung zwischen benachbarten Bezirken. Sind doch 1909 nicht weniger als 91 760 Personen von Berlin in die Provinz Brandenburg und 89 850 umgekehrt gewandert. Welch eine Unruhe und Unstetigkeit, welche Heimatlosigkeit spricht aus diesen Zahlen!
Auf dem Wege von dem ackerbautreibenden Osten nach dem industriellen Westen, so führt R. L. Arnold in der „Hilfe“ (1911) aus, bilden Brandenburg und Berlin die erste Hauptstation in der Binnenwanderung. Denn ein großer Teil der Zuwandernden zieht es vor, schon hier endgültig festen Fuß zu fassen. Auf nicht weniger als 245 950 belief sich im Jahre 1909 dieser Zustrom für Berlin, von dem nur etwa ein Sechstel aus Süddeutschland und dem Westen, alle übrigen dagegen aus den Ostprovinzen, dem Königreich Sachsen und Sachsen-Anhalt stammten. Allerdings ist auf der andern Seite auch die Abwanderung von Berlin, die sich auf 126 020 Arbeiter beläuft, sehr stark; größere Zahlen haben in dieser Beziehung die Rheinprovinz und die Hansestädte zu verzeichnen. Ebenso verhält es sich mit der Provinz Brandenburg, die ihren Hauptzustrom aus dem Osten erhält. Hinzutritt Mecklenburg, das einen etwas stärkeren Austausch aufzuweisen hat. Besonders erheblich ist die Abwanderung aus Brandenburg nach Schleswig-Holstein, den Hansestädten, Hannover, Hessen-Nassau, Westfalen, der Rheinprovinz und Elsaß-Lothringen. Unter den Ostprovinzen hat Pommern einen Wanderungsgewinn gegenüber Ost- und Westpreußen sowie Posen; auch der Wanderungsaustausch mit Mecklenburg ist größer. Posen hat seinerseits nur im Austausch mit Ost- und Westpreußen einen Gewinn zu verzeichnen. Ähnlich verhält es sich mit Schlesien, das außer seiner Abgabe an den preußischen Westen sowie Berlin und Brandenburg einen erheblichen Wanderverlust gegenüber dem Königreich Sachsen und Sachsen-Anhalt aufzuweisen hat. Das Königreich Sachsen unterhält in der Hauptsache mit den angrenzenden Gebieten einen regen Wanderverkehr (96 960 Zu- und 102 530 Abwanderungen), der bei Einbeziehung des Bergbaues höchstwahrscheinlich einen Gewinn ergeben würde. Sachsen-Anhalt endlich verdankt seinen Wanderungsverlust in erster Linie Berlin mit Brandenburg, ferner Hannover, Westfalen und der Rheinprovinz. Sehr rege ist sodann der Austausch von Arbeitskräften mit Sachsen, Thüringen und Braunschweig, an die es ebenfalls mehr Personen abgibt als empfängt. Im industriellen Westen unterhält Schleswig-Holstein einen intensiven Wanderverkehr mit den Hansestädten und Hannover. Die Hansestädte, insbesondere Hamburg, schließen mit einem Gewinn von 56 900 Personen ab, den sie im Verkehr mit allen Anstalten zu verzeichnen haben. Neben Schleswig-Holstein ist es besonders Hannover, aus dem ein großer Teil der Zuwandernden stammt. Ziemlich erheblich ist ferner der Zuzug aus Süddeutschland, und zwar aus Bayern (2720[)], Württemberg (890) und Baden (895). Die Provinz Hannover gibt die meisten Personen an Westfalen und das Rheinland ab und empfängt sie aus den östlichen Provinzen sowie Sachsen-Anhalt. Recht niedrig sind die Wanderzahlen Oldenburgs, das den kleinsten Verkehr aufweist; Hannover und die Hansestädte haben den stärksten Anteil daran. Auch für Braunschweig besitzt Hannover die größte Anziehungskraft, während von Sachsen-Anhalt mehr Personen zu- als abwandern. Westfalen mit seinem Wanderungsgewinn von 38 000 und die Rheinprovinz mit dem ihrigen von 96 050 Personen geben nur an Berlin, die Hansestädte und Elsaß-Lothringen mehr ab, als sie von dort erhalten. Der Hauptstrom der Zuwanderer kommt aus Ost- und Westpreußen, Posen, Schlesien und Sachsen-Anhalt. Von Westfalen selbst sind noch 12 770 Personen in die Rheinprovinz abgewandert, dem westlichst gelegnen Industriebezirk Deutschlands. Sehr störend wirkt hier das Fehlen der Arbeiterwechsels zwischen dem Bergbau und den übrigen Gewerben. Mit Ausschaltung dieser Fehlerquelle würde der Wanderungsgewinn des Rheinlandes den Berliner bzw. brandenburgischen höchstwahrscheinlich überragen oder ihm doch zum mindesten gleichkommen. Einen gewissen Anhaltspunkt für diese Annahme gibt die Feststellung, daß in den Jahren 1895 bis 1900 hauptsächlich aus dem Osten nach den Provinzen Rheinland, Westfalen und Hessen-Nassau rund 371 000, nach der Provinz Brandenburg mit Berlin dagegen nur 234 000 Personen gewandert sind. Der Löwenanteil dieses Wanderungsstromes in den Westen dürfte wohl auf die Rheinprovinz bzw. Westfalen entfallen sein. Einen weiteren Beleg hierfür bildet die sprunghafte Zunahme der Belegschaft im rheinisch-westfälischen Bergbau. Im Jahre 1890 wurden in diesem Bezirk 128 000, 1900 dagegen bereits 227 000 und 1908 350 000 Arbeitskräfte beschäftigt. Im Regierungsbezirk Münster stammen nahezu 50 %, in Düsseldorf fast 60 % aller Bergleute aus dem Osten Deutschlands oder dem Auslande. Ist nun die Zuwanderung aus Süddeutschland, insbesondere Bayern, nach der Rheinprovinz recht erheblich — es handelt sich um 15 200 Personen, nach Westfalen dagegen wanderten nur 2800 —, so überwiegt sie in Hessen-Nassau völlig. Das Großherzogtum Hessen (20 980) und Bayern (20 800) stellen das Hauptkontingent, in zweiter Linie kommen Württemberg und Baden in Betracht. Nur in dem regen Austausch mit Rheinland und Westfalen bleibt Hessen-Nassau im Nachteil. Bayern hat, abgesehen von dem Wanderungsverkehr mit Ost- und Westpreußen, Posen und Schlesien, dessen Gewinn recht klein ist, nur Verluste aufzuweisen: Hessen-Nassau, die Rheinprovinz, Elsaß-Lothringen, Baden, Hessen und Württemberg lenken vor allem den Strom der Arbeitskräfte aus diesem Lande auf sich.
Die Flut einer ungeheuren Völkerwanderung schickt ihr Wogen und Rauschen aus diesen Zahlen und Zählungsergebnissen an unser Ohr. Wir sehen im Geiste Menschenströme ziehen und wandern, — landauf, landab; sehen sie kommen und gehen, bepackt und beladen mit Kisten und Kasten, armseligen Hausrat schleppend und schreiende Kinder nach sich ziehend; sehen die schmutzigen und dumpfen IV.-Klasse-Wagen der Eisenbahn, vollgepfropft mit Menschen; die Trupps der Sachsengänger, wie sie auf Stationen und Bahnsteigen um ihre Habseligkeiten herumliegen! Die Elendsbilder der Auswandererstationen, wo eine letzte Hoffnung Ankergrund in dämmernder Ferne sucht . . . Unablässig treiben die Scharen heimatloser, sorgengepeitschter, erwerbsuchender Menschen hin und her.
Wie dieses moderne Zugvogeltum auf die Jugend wirkt, wie es keine Spur von Heimatgefühl und Heimatbewußtsein in den kleinen Herzen und Hirnen aufkommen läßt, davon kann man sich, so klar es psychologisch auf der Hand liegt, nur schwer eine Vorstellung machen. Aber man kommt ihr näher, wenn man aus gelegentlichen Statistiken erfährt, wie die Unstetigkeit in das Schicksal des einzelnen Kindes hineingreift und dort nie stabile, geordnete Zustände aufkommen läßt.
Der Lehrer Weiskopf in Fürth stellte in seiner von 45 Knaben besuchten Schulklasse fest, daß innerhalb vier Schuljahren die Wohnung gewechselt wurde: bei 11 Schülern einmal, 12 zweimal, 9 dreimal, 9 viermal, je 1 sechs-, sieben-, acht- bis zwölfmal. Von 60 Kindern im ersten Schuljahr waren Ende des vierten Schuljahres nur noch 30 in der gleichen Klasse im gleichen Schulhaus. In den Oberklassen der Fürther Schulen waren kaum 6—10 Schüler, die während ihres siebenjährigen Schulbesuchs nicht umgezogen waren.
F. Weigl-München baute die Statistik noch weiter aus und gestaltete sie sozial interessanter, indem er neben Volksschülern auch Privatschüler, also Kinder bessersituierter Eltern, nach Heim und Vaterhaus befragte und die Ergebnisse mit dem nach der gleichen Statistik in kleinen Städten und Märkten gewonnenen Material verglich. Das ergab ein klares Schema der Klassengliederung.
| Es wohnten | im Geburtshaus | im Vaterhaus | seit Schuleintritt im gleichem Hause | seit Schuleintritt umgezogen 1× | 2× | 3× | öfter |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Volksschüler | 15,4 % | 7,3 | 49,2 | 20,8 | 10,7 | 8,5 | 10,8 |
| Privatschüler | 24,5 | 26,6 | 55,8 | 22,3 | 17,7 | 5 | 3,2 |
| Kinder in kleinen Städten | 46,6 | 64,6 | 62,6 | 21,4 | 7,5 | 4,6 | 3,6 |
Je ärmer das Kind und je entwickelter die Wirtschaftsverhältnisse, desto häufiger der Wohnungswechsel, desto größer seine Schollen- und Heimatlosigkeit. Das ist das Resultat der Untersuchung und die Lehre, die sich aus allen ähnlichen Statistiken ergibt. Die Armut muß wandern; nicht bloß die Kunst, auch das Gewerbe, das Handwerk, die Arbeitskraft des Fabrikarbeiters, des Tagelöhners gehen nach Brot. Landauf, landab. So wohnten
| im Geburtshaus | im Vaterhaus | ||
|---|---|---|---|
| in Leipzig | 2,3 % | der Schüler | 2,3 % |
| „ Breslau | 12 % | „ „ | 2,3 % |
| „ Gotha (Bezirksschule) | 11,1 % | „ „ | 14,7 % |
| „ „ (Bürgerschule) | 17,2 % | „ „ | 31 % |
| „ „ (Durchschnitt) | 13 % | „ „ | 19,9 % |
Seit Eintritt in die Schule waren in Gotha von 1996 Schülern 612 (30 %) nicht umgezogen; dagegen 458 Schüler einmal, 318 zweimal, 231 dreimal, 119 viermal, 64 fünfmal, 25 sechsmal, 20 siebenmal, 5 achtmal, 2 neunmal, 4 zehnmal und öfter. Ein Schüler des 5. Schuljahres hatte es in vier Jahren auf 12 Umzüge gebracht.
Muthesius-Weimar veranstaltete eine Umfrage, die sich auf 8500 Volksschüler der oberen Schuljahre in einem ländlichen Bezirk mit 69 Schulorten und in den Städten Weimar, Apolda, Jena und Ilmenau erstreckte. Danach wohnten
| im Geburtshaus | im Vaterhaus | in derselben Wohnung | in versch. Wohnungen | |
|---|---|---|---|---|
| auf dem Lande | 65 % | 77 % | 76 % | 8 % |
| in der Stadt | 14 % | 26 % | 37 % | 35 % |
In einem auf dem Thüringer Wald gelegenen Bezirke, wo neben Land- und Forstwirtschaft auch Industrie betrieben wird, wohnten im Geburtshaus 43 %, im Vaterhaus 67 %, in derselben Wohnung 65 %, in verschiedenen Wohnungen 17 %. Interessant ist auch hier ein Vergleich zwischen den Kindern der ersten und zweiten Bürgerschule in Weimar, also sozial Bessergestellten und Minderbemittelten, und weiter zwischen den Kindern Weimars, einer Kleinstadt mit ländlichem Einschlag, und den Kindern Hamborns, des rheinischen Industrieortes, der sich in kaum zwei Jahrzehnten von 1000 Einwohnern auf 100 000 entwickelt hat. Es wohnten
| in | im Geburtshaus | im Vaterhaus | in derselben Wohnung | in versch. Wohnungen |
|---|---|---|---|---|
| Weimar I | 15 % | 32 % | 43 % | 30 % |
| „ II | 11 % | 14 % | 33 % | 40 % |
| Hamborn | 7 % | 7 % | 29 % | 47 % |
Und schließlich Berlin: dort haben 1910 insgesamt 36 880 Schulkinder — der sechste Teil! — ihre Schule vor vollendeter Schulpflicht vertauscht oder verlassen; 1740 wegen Umzugs in der Stadt, über 10 000 wegen Verzugs nach außerhalb. 1909 waren es insgesamt 37 872, 1908 sogar 40 789.
Je stärker die Industrialisierung des Ortes und die Proletarisierung der Bevölkerung, desto schlimmer das Zigeunertum unter der Arbeiterschaft. „Niemandes Heimat!“ das ist der düstere Rahmen zu dem düsteren Lose des Proletariats. Vaterlandslose! hat man einst die Massen gescholten — Menschen, die keine Liebe zur Heimat im Herzen tragen, die sich der Scholle, der sie entwuchsen, nicht innerlich verbunden fühlen . . . Wer aber nahm ihnen die Heimat? Wer verkümmerte und zertrat in ihrem Innern die zarten Regungen, wenn sie eben zu keimen im Begriffe waren? Wer zwang sie immer wieder, die Scholle Land zu fliehen und zu meiden, die sie eben lieb zu gewinnen begonnen hatten? — Der Kapitalismus, der die Arbeitskräfte der Jungen verschlingt und verbraucht; der die ausgemergelten Körper aufs Straßenpflaster wirft, wenn sie ihm nicht mehr nütze genug sind; der die müden und erschöpften Alten mit der Geißel des Hungers immer und immer wieder auf die Suche nach Arbeit und Brot, wenn nicht auf den Bettelgang und den Weg der Verzweiflung treibt[.] Der Kapitalismus, der auch die Kinder schon in die treibenden Fluten der Heimatlosigkeit hineinwirft und sie dort erbarmungslos einem düstern Schicksal überläßt.
Ein Kind, dessen Jugend ewig von der Unruhe des modernen Nomadentums erfüllt ist, sieht sich in seinem Wachsen und Werden aufs schwerste benachteiligt. Die Erziehung, die so viel Ruhe, Sammlung und geduldiges Warten braucht, wird an ihm zu einem Experiment, das ewig neu beginnt und wieder abreißt, ewig unter wechselnden Voraussetzungen beginnt und unter wechselnden Bedingungen abläuft[.] Das Kind kann — abgesehen von anderen Mängeln und Nachteilen — nie zu einem soliden und geschlossenen Besitzstande sichrer gefestigter Vorstellungen gelangen, nie seine geistigen Werte abrunden, ordnen und in inneren Zusammenhang bringen. Schon der beständige Wechsel der Lehrer, Schulbücher, Lehrpläne, Methoden, Lernmittel und Lehrgewohnheiten läßt dies nicht zu. Kaum ist es an einem Platze warm geworden, hat sich eingelebt, mit dem Milieu vertraut gemacht und geistig Fühlung genommen, so muß es schon wieder sein Bündel schnüren. Wie Familie und Vaterhaus, so hat der Begriff Heimat aufgehört, überhaupt zu existieren. Was ist Heimat? — Ostpreußen, wo man geboren wurde? Bromberg, wo der Vater als Flößer hauste? Berlin, wohin ihn der Strom der Abwandernden trieb? Westfalen, wo er schließlich als Bergarbeiter landete? Lothringen, wo man die Schule verließ, um selber als Grubensklave weiterzuleben? — Was ist Heimat?
Heimat ist eine Vision, die sich von Provinz zu Provinz, von Stadt zu Stadt, von Mietkaserne zu Mietkaserne ändert; ist ein Klang aus allen Tonarten der Welt; ein Wort aus einer internationalen Sprache. Der ganze Komplex von Gefühlen, den der Begriff Heimat in anderen lebendig werden, in Liedern und Weisen ausklingen läßt, ist bei dem Heimatlosen ein toter Landstrich, eine Wüste. Keiner der sittlichen Impulse, wie sie sonst aus dem Verwachsensein von Mensch und Heimat entspringen, regt sich in ihm. Wie der intellektuellen Bildung wichtige Vorstellungen fehlen, so ermangeln der Gemütsbildung unerläßliche Gefühlswerte, so muß die Willensbildung auf starke, Rückhalt und Festigkeit verleihende Kräfte verzichten.
Das proletarische Kind ist durch sein Zugvogeldasein zu einer geistigen und seelischen Heimatlosigkeit verurteilt. Anders als sonst in Menchenköpfen muß sich in seinem Kopfe die Welt malen. Größer, weiter, freier! Losgelöst von Familie, Haus und Heimat wird es zum wahren Weltbürger. Die Erde ist seine Heimat, die ganze Menschheit seine Familie. So wird ihm aus tiefster Armut ein höchster Reichtum: es vollzieht sich in ihm unbewußt, aber unausweichlich die Prädestination zum Sozialismus.
[Schluß]
Die Zerstörungsarbeit des Kapitalismus im sozialen Leben der Menschen, so gewaltig und barbarisch sie ist, wird nicht diktiert von rohen und blinden Instinkten. Sie ist der Ausdruck eherner Notwendigkeit und folgt der Gesetzmäßigkeit aller Entwicklung und alles Weltgeschehens. Was fällt, muß fallen, weil es überlebt ist und in den Grundlagen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Organisation keine Existenzberechtigung mehr findet; es wäre nur zu halten unter Auflehnung gegen die Gebote der Entwicklung. Wenn Familie, Haus und Heimat für Millionen aufgehört haben zu sein, so beweist dies nur — wie schmerzlich immer der Verlust ihrer kulturellen Werte sein mag —, daß ihre Zeit vorüber war. Im Wandel der Verhältnisse liegt der Wandel der sozialen Formen bedingt. Neuer Wein will neue Schläuche haben.
Darum klagen wir auch nicht, daß die Familie aufgelöst, das Haus entrissen, die Heimat verlorengegangen ist. Was sollen Sentimentalitäten? Wir konstatieren nur die Tatsachen. Und wir decken den Widerspruch auf, der darin liegt, daß man aus Voraussetzungen von heute noch immer die Konsequenzen von damals zieht. Schließlich fordern wir Lebensformen und soziale Einrichtungen, die zu den gewandelten Grundlagen stimmen.
Wenn die Familie als Erziehungsgemeinschaft versagt, das Haus seine erzieherischen Pflichten nicht erfüllen kann und auch die Heimat keine Erziehungswerte mehr ausstrahlt, so entsteht eine Lücke, die ausgefüllt sein will. An die Stelle der unbrauchbar gewordenen Erziehungsfaktoren müssen neue treten, die ihre Kraft im Sinne der neuen Verhältnisse entfalten. Wie werden sie beschaffen sein?
Wie im ökonomischen und sozialen Organismus ringt sich auch auf dem Gebiete der Erziehung das Prinzip der Vergesellschaftung unverkennbar und unaufhaltsam durch. Das Individuum wird abgelöst von der Gemeinschaft. Funktionen des Hauses und der Familie gehen über auf die Gesamtheit. Die Wochenstube erweitert sich zum Säuglingsheim, das Kinderzimmer zu Kindergarten und Kinderhort, die Schule zur Erziehungskommune. Alles zunächst noch in Anfängen und Ansätzen, tastend, unvollkommen, aber doch mit zielsicherer Tendenz. Mit fortschreitender Vergesellschaftung der Produktion und des Besitzes der Produktionsmittel, der materiellen, sozialen und kulturellen Interessen wird auch hier die Entwicklung neue weitre Etappen gewinnen. Die Familie wird als Arbeits-, Erwerbs- und Erziehungsgemeinschaft keinen Sinn mehr haben, sondern sich zur Kommune wandeln. Das Haus wird nicht mehr als Privatbesitz auf eigenem Grunde stehen, sondern der Gesamtheit gehören und den Einzelnen zur Nutznießung überlassen werden. Die Heimat wird nicht mehr von Grenzpfählen eingeschlossen und begrenzt sein, sondern im Geiste der Solidarität aller Menschen die ganze Welt umfassen. Das Werk der Erziehung aber wird das Werk der ganzen Gesellschaft sein, geleistet mit allen zur Verfügung stehenden Kräften und getragen von den hohen Idealen des Sozialismus.
Vielleicht wird sich das Erziehungswerk dann in Schulgemeinden vollziehen, die dem Kinde all das geben werden, was zu geben bisher die Aufgabe von Familie, Haus, Schule und Heimat war. In dieser modernen und freien Erziehungsgemeinschaft werden die Kinder spielen und lernen, baden und Sport treiben, beköstigt und beaufsichtigt werden; sie werden ihre Gärten mit Sand, Beeten und Schaukeln, ihre Bibliothek mit Büchern und Kunstwerken, ihre Werkstätten mit Material und Werkzeugen, ihre Tiere, ihre Wanderungen, ihre kleine soziale Gemeinschaft gleichstehender, gleichschaffender, handelnder Menschen haben. Und ein Stab von Lehrern und Künstlern, Ärzten und Technikern, Gärtnern und Handwerkern, eine Auslese von Gereiften und Führenden wird sich in ihren Dienst stellen. Der ganze Tag wird ihnen offenstehen zu Arbeit und Spiel, Freude und Genuß, Kunst und Kultur, Wachstum und schöpferischem Erleben. Kinderfürsorge und Arbeitserziehung werden in eins zusammenfließen, alles Bemühen um das Kind wird eine schöne Harmonie ergeben. Eine Erziehung ohne die Mängel der gesprengten Familie, aber von ihren Segnungen erfüllt; ohne die Öde des proletarischen Haushalts, wohl aber vom Walten edler Häuslichkeit belebt; ohne die Unrast der Heimatlosigkeit, aber von der Solidarität internationaler Brüderlichkeit durchdrungen, ohne den Drill der heutigen Pädagogik, aber von hohen Menschheitszielen geleitet.
Das wird eine ideale Erziehung, eine glückliche Jugend und eine reichbeschenkte Menschheit sein!
Fuente: Otto Rühle, Kind und Umwelt. Eine sozialpädagogische Studie, Berlin-Fichtenau, Verlag Gesellschaft und Erziehung, 1920 (Aus Gesellschaft und Erziehung, Nr. 7), 32 págs. Transcripción hecha a partir del ejemplar digitalizado de la Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (GDZ, PPN519735854), página por página sobre las imágenes, con un OCR propio (tesseract) solo de apoyo; cifras y tablas comprobadas en la imagen. Se omiten la página de anuncios de la revista Die Neue Erziehung que precede a la portada y el índice (resumido en un comentario). Los títulos entre corchetes ([Einleitung], [Schluß]) no figuran en el texto, sino en el índice; los separadores * * * reproducen los blancos del impreso. El espaciado del original se da en cursiva. Se conservan la ortografía y las erratas del impreso (p. ej. «Menchenköpfen», «das Fehlen der Arbeiterwechsels»); «[¿ei?]» y «[.]», «[)]» marcan una letra dañada y signos que faltan. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.