Die kommunistische Arbeitserziehung

[Laguna: faltan las col. 817-818 (el título impreso, la firma y el comienzo del artículo, con la primera parte de la sección I); el texto conservado empieza en la col. 819, en medio de una cita de Marx.]

[I]

— erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“

Die Erziehung wird durch Einführung und Handhabung differenzierterer Messungs- und Schätzungsmethoden, durch sorgfältigere Beobachtung und Individualisierung, durch gewissenhaftere Auslese und Beurteilung den höheren Zustand der kommunistischen Gesellschaft bei der Jugend schon nach Kräften vorzubereiten haben. Welch ein reiches Arbeitsfeld eröffnet sich damit der Psychologie, der experimentellen Pädagogik! Wie interessant und belebt gestaltet sich der ganze Aufstieg des Nachwuchses, der so den vollen Reichtum der Individualitäten und Varietäten zur Geltung kommen läßt, anstatt ihn wie heute im Prokrustesbett der Altersjahresklassen zu vergewaltigen und zu verstümmeln! Und welche Fülle von Entfaltungsmöglichkeiten bietet sich jeder Begabung, jedem Talent dar!

Die Kinder finden sich zu Neigungs- und Begabungsgruppen zusammen, die in ihrer Konsistenz unausgesetzt wechseln, denn das Kind genießt — selbstredend immer innerhalb der wirtschaftlichen Bedingungen und Notwendigkeiten — die größte Wahlfreiheit und das freieste Bestimmungsrecht in bezug auf Arbeit und Unterricht. Der geistige Zwang hört auf. Es gibt keine allgemein verbindlichen Lehrgänge und keine am grünen Tisch für das „Normalkind“ entworfenen amtlich verfügten Lehrpläne mehr. Für die Arbeit im Betriebe ist die Betriebsordnung da, an deren Aufstellung auch die produzierende Jugend mit beteiligt ist und die der kindlichen Eigenart Rechnung zu tragen hat. Sie wird z. B. die geringere Ausdauer des Kindes berücksichtigen, seinem Bedürfnis nach häufigem Wechsel möglichst Spielraum gestatten, besondere Wünsche respektieren usw. Bei pflichtschuldigster Einordnung wird größte Selbständigkeit gewährt sein, und gerade daraus werden sich starke Antriebe zur Selbsterziehung entwickeln. Das Kind wird zum bewußten Wollen veranlaßt und gelangt zu einer selbständigen Vorstellung des Zweckes und Ergebnisses seiner Handlungen. Als Richtschnur und Korrektiv entsteht eine Arbeitsdisziplin, die ihre äußerste Exekutive in einem gewählten Betriebsgerichtshofe findet, der Faule, Unpünktliche, Widerspenstige und andere unsoziale Elemente zur Rechenschaft zieht und evtl. bestraft. Im übrigen sind Strafen, welcher Form auch immer, unter allen Umständen ausgeschlossen. Oberster Leitgedanke soll sein: bei straffster Organisation und nachdrücklichster Betonung des Gemeinschaftszwecks größte Selbständigkeit und denkbarste Freiheit des Individuums.

II

Möglichst jeder Ort bildet eine Schulgemeinde mit landwirtschaftlichem Betriebe, Werkstätten, Fabriken und wissenschaftlichen Anstalten. Einzelne Betriebe werden — nicht nur technisch, sondern auch pädagogisch — zu Musterbetrieben eingerichtet, denn sie sollen als Arbeits- und Bildungsstätte für die Jugend dienen. Was wir heute Schule nennen, ist zu einem Wirtschaftsbetriebe geworden, in dem produktive Arbeit als Erziehungsarbeit geleistet wird. Kleinere Orte sind zu einer Schulgemeinde zu verbinden, doch müssen ermüdende Wege vermieden werden. Größere Orte und Städte lösen sich in mehrere Schulgemeinden auf. Dabei ist auf möglichste Verschiedenheit im Charakter der Wirtschaftsbetriebe zu sehen, damit alle erdenklichen Anlagen und Fähigkeiten der Kinder auf ihre Rechnung kommen und ihre Ausbildung erfahren.

Arbeit und Erziehung sind hier eins. Das Kind arbeitet praktisch für den gesellschaftlichen Bedarf; keine Kerbschnittbilderrahmen, keine gestickten Überhandtücher, keine dieser kitschigen Überflüssigkeiten, die nur Zeit und Material vergeuden, während Hirn und Sinne leer ausgehen. Nein — das Kind hilft Brot backen und Kleider weben, Möbel anfertigen und Häuser bauen. Es ist ein echter und rechter Arbeiter, der reelle Werte schafft, ein nützliches Glied im Gesellschaftsorganismus, das an seinem Platze freudig dem Ganzen dient. Und während das Kind arbeitet, lernt es und wird es erzogen. Wie der Mensch, indem er atmet und verdaut, wachsend sich vervollkommnet.

Die Ausgangsbasis für die Arbeitserziehung ist der gärtnerische und landwirtschaftliche Betrieb. Er führt zu den Quellen und Elementen menschlicher Tätigkeit überhaupt. Er führt zur Natur. Auf ihm bauen sich die handwerksmäßigen Verrichtungen auf. Sie vollziehen sich in Werkstätten, die den Kommunen und Landwirtschaftsbetrieben angegliedert sind. Und über den Werkstätten, gleichsam als höhere Region, entfaltet sich die Industrie mit ihren Maschinen und ihrer Technik in reicher Mannigfaltigkeit und hoher Vollendung. Stufenweise durchschreitet das Kind, je nach Reifegrad und Befähigung, die Stufenleiter der organisierten Produktion. Aus den Beobachtungen und Erfahrungen seiner Arbeit heraus oder doch im engsten Zusammenhange mit der Produktion, in der es steht und an der es unmittelbarsten Anteil nimmt, fliegen ihm naturwissenschaftliche, technische, physikalische, mathematische Kenntnisse zu oder werden ohne sonderliche Mühe entwickelt. Die Arbeit im Gemüsegarten oder auf dem Acker ist praktische Natur- und Wirtschaftskunde, die Arbeit in der Küche praktische Chemie oder Physik; in den Werkstätten und Fabriksälen, in den Verteilungsstellen und Kontoren, überall nimmt die Wissenschaft praktische Form und lebendige Gestalt an. Praxis ist Erlebnis: so wird aus dem abstrakten Ballast des Gedächtnisses ein lebendiger Gewinn der Sinne, die graue Theorie erblüht zum grüngoldenen Baume des Lebens. Kein Arbeitsgerät ist nur zufälliges totes Instrument, kein Material verfällt mehr gedankenloser und mechanischer Verarbeitung — alles hat Stimme und Sprache, wird persönlich und redet mit Zungen der Geschichte, der Erdkunde, der Sprach- und Völkerlehre, der Wissenschaft überhaupt; keine Maschine wird in den Betrieb gesetzt, die nicht in ihrem Bau, ihren Funktionen und all ihren Beziehungen zum produktiven Leben von den Kindern erkannt wäre. Die gesamte gesellschaftliche Arbeit ist mit erziehlichen Tendenzen und Bildungselementen so durchsetzt und durchtränkt, daß das Produktionsleben in seiner Totalität zu einer einzigen großen Erziehungs- und Bildungsgelegenheit für alle Arten und Grade der Aufmerksamkeit, des Temperaments, des Interesses, der Neigung und Begabung wird. Zwischen Produktion und Geisteswelt, äußerer materieller Verrichtung und innerem seelisch-geistigen Wachstum besteht ein tausendfädiges Gewebe von Zusammenhängen und vollzieht sich ein tausendfältiger Austausch der Potenzen im wechselseitigen Befruchten, Ergänzen und Vertiefen. So entfaltet die Arbeit unvermerkt, aber mit größter Eindringlichkeit und Nachhaltigkeit ihren Charakter und ihre Mission als Erziehungsmittel. Sie ist konzentriertestes, zweckbewußtestes, positivstes Leben, schöpferischster Lebensausdruck, materialisierte Lebensbejahung. Und damit unvergleichlichstes Erziehungsmittel, fruchtbarste Erziehungsmethode, reichster Erziehungserfolg.

Wo wäre ein reinerer Quell der Beglückung? Ein tauglicheres Werkzeug geistiger und seelischer Vervollkommnung? Wo gibt es einen tieferen Inhalt menschlicher Daseinsbestimmung? Einen höheren und echteren Adel freien Menschentums? In allem ist Arbeit die Wurzel und der Gipfel, der Kern und die Seele, die Blüte und die Krone.

III

Aber die Arbeit wandelt sich. Ihr ewiger Wechsel ist ein Gesetz. Die Fortentwicklung der Produktionsmittel revoltiert die Arbeitsmethoden der großen Industrie, das stete Wachstum und die fortwährenden Veränderungen des Bedarfs verlangen unausgesetzten Wechsel und größere Ergiebigkeit der Produktion. So muß der Arbeiter auf eine Art herangebildet werden, die ihm Verwendung in möglichst vielen Produktionszweigen gestattet. Das Kind wird also möglichst viele Betriebe durchlaufen, in vielerlei Produktionsweisen sich üben, bald da, bald dort tätig sein, nicht einem oberflächlichen Dilettantismus huldigend, sondern überall lernend, schaffend, reifend. Bald wird die Gesamtheit der Jugendlichen, später auch der erwachsenen Produzenten eine große elastische Masse bilden, die sich formen läßt für alle Konjunkturen des Arbeitskräftebedarfs. Sie wird während des Sommers die Äcker und Fluren bevölkern und während des Winters die Werkstätten und Fabriken füllen. Sie wird dahin und dorthin fluten, je nachdem der gesellschaftliche Bedarf sie ruft oder gehen heißt. Die Arbeitserziehung strebt diese Anpassungs- und Verwendungsfähigkeit an und bereitet sie vor. Darum wird der Übergang nicht allein von einem Betriebe zum anderen, auch von einer Schulgemeinde zur anderen, einem Wirtschaftsgebiet zum anderen soviel als möglich erleichtert. Um besondere Anlagen oder Neigungen zu fördern, werden Kinder in Spezialkurse oder Fachschulen überwiesen, ins Ausland geschickt, von der Arbeit ganz oder teilweise befreit, durch Vergünstigungen angeregt usw. Aus einem Arbeitsbuche, das jedes Kind erhält, wird der gesamte Bildungsgang ersichtlich sein. Examina sind natürlich abgeschafft. Der Befähigungsnachweis wird allein durch Leistung und Erfolg erbracht. Das Berechtigungswesen fällt fort. Zu keinem Amt und keiner Stellung wird mehr der Nachweis eines bestimmten Vorbildungsganges gefordert werden. Die Phrase erhebt sich zum Ereignis: Freie Bahn dem Tüchtigen!

IV

Für den Aufenthalt der Kinder während des ganzen Tages, gebotenenfalls auch über Nacht, sind — möglichst in Verbindung mit den Arbeitsbetrieben — Tagesheime zu schaffen, in denen Beköstigung, Erholung, Pflege, Badegelegenheit, ärztliche Fürsorge usw. gewährt und vor allem Gymnastik getrieben wird. Sowohl die gesundheitlich-sportliche, die der Körperkräftigung und Leibeskultur dient, als auch die rhythmisch-ästhetische, die, mit Musik, Plastik und Tanz verbunden zu einer Verfeinerung des Lebensstils und einer Vertiefung der künstlerischen Genußfähigkeit führt. Für auswärtige Kinder sind Internate einzurichten, in denen sie mit allem versorgt werden. Sie schließen sich mit den Lehrpersonen zu Kommunen zusammen, die sich nach Möglichkeit wirtschaftlich selbst erhalten. Überhaupt soll jede Schule, jedes Heim, jede Bildungsstätte wirtschaftlich möglichst auf sich selbst gestellt sein. Wo dies nicht angängig ist, sind entsprechende Verbindungen zu suchen, um durch gegenseitige Hilfe und praktische Solidarität der Interessen den Aufbau und die Aufrechterhaltung von Schulkommunen zu ermöglichen.

Lehrer und Erzieher in den Betrieben werden alle vorbildlichen Arbeiter sein. Nicht in erster Linie Berufspädagogen, sondern Arbeiter, Bauern, Gärtner, Handwerker, Techniker, Künstler. Da die Lehrer von heute für die Erfordernisse der neuen Erziehung im allgemeinen völlig unvorbereitet und infolgedessen fast durchweg unbrauchbar sind, wird man auf sie ebenso verzichten, wie man auf bürgerliche Richter, Bürokraten und Diplomaten verzichtet. Den qualifizierten Teil unter ihnen wird man durch besondere Instruktionen und Kurse wenigstens für den Übergang tauglich zu machen suchen. Das Hauptgewicht ist darauf zu legen, daß aus dem Proletariat selbst und unmittelbar aus der Produktion Kräfte herausgehoben werden, die man für erzieherische Wirksamkeit schult und dann als Lehrarbeiter verwendet. Die Gewinnung von Lehrkräften ist ein schwieriges, vielleicht das schwierigste Kapitel, da theoretische Bildung und praktische Tüchtigkeit neben pädagogischer Begabung und persönlicher Vorbildlichkeit nicht allzu häufig vorkommen. Aber einmal schlummert in den Tiefen des Proletariats ein gewaltiger Reichtum an intelligenten und schöpferischen Kräften, der, erst gehoben, eine wunderbare Befruchtung des neuen Kulturlebens verspricht, sodann wird die Erziehung der Zukunft in ungleich höherem Maße als die heutige — da sie die Freiheit und Selbständigkeit der Persönlichkeit zur Voraussetzung und zugleich zum Ziele hat — Selbsterziehung sein. Der Verzicht auf die Mitarbeit des anspruchsvollen und ach so minderwertigen Pauker- und Bildungspfaffentums der heutigen Schule wird also eher einen Gewinn als einen Verlust bedeuten.

Die Zeit, die dem Kinde über sein Tagesarbeitspensum hinaus übrigbleibt, steht ihm für Erholung, Spiel und Sport, freie künstlerische oder wissenschaftliche Betätigung zur Verfügung. Auch für freiwillig zu leistende Arbeit. Für produktive Tätigkeit ohne Muß, ohne Verpflichtung. Darin liegt ein Ausblick zu höherem Ziele: die Entwicklung geht dahin, immer mehr gesellschaftlich zu leistende Aufgaben durch freiwillige Arbeit zu bewältigen.

Welch ein Aufblick! Und welch ein Ziel!


Fuente: Otto Rühle, «Die kommunistische Arbeitserziehung», Die Aktion, 9. Jg., Heft 51/52, 27 de diciembre de 1919, col. 817-823. Transcripción parcial hecha a partir de las imágenes del volumen digitalizado por Google (ejemplar de la Princeton University) en archive.org (DieAktion09jg1919, págs. PDF 338-340), con el OCR del Internet Archive solo como apoyo. Laguna inicial: el volumen escaneado salta del primer folio del cuaderno 49/50 a la col. 819, de modo que faltan las col. 817-818, con el título impreso, la firma y el comienzo del artículo (la primera parte de la sección I); el título se toma de la bibliografía de Stecklina (2002). Se conservan las col. 819-823, desde la mitad de la cita de Marx (Crítica del programa de Gotha) hasta el final. El texto es una versión previa de la parte central de Neues Kinderland. Ein kommunistisches Schul- und Erziehungsprogramm (1920; también en este archivo), con la que coincide casi palabra por palabra (págs. 16-21 del folleto); el pasaje perdido debía de corresponder, aproximadamente, a las págs. 15-16 del folleto (desde «Aus der Spielschule führt der Weg zum Arbeitsbetrieb»). Variantes de la revista respecto del folleto: división en secciones numeradas (I-IV); «revoltiert» por «revolutioniert»; «in vielerlei Produktionsweisen» por «Produktionszweigen»; «Die Phrase erhebt sich zum Ereignis» por «zur Tatsächlichkeit»; «gebotenenfalls»; «freie künstlerische oder wissenschaftliche Betätigung»; la cita de Marx sin comillas internas. Se conservan la ortografía y las erratas del impreso («revoltiert», «gebotenenfalls»). Las cursivas reproducen el espaciado; los números de sección, que en el original van solos en una línea, se dan como encabezados, y el de la sección I, perdido, entre corchetes. Los comentarios Sp. n del código marcan el comienzo de cada columna impresa.