Der Moment des Eintretens der Frage ist für das sprechende Kind von höchster Bedeutung; denn mit der Frage erwirbt es gleichsam die Wünschelrute, welche ihm gestattet, jederzeit nach Belieben am geistigen Besitz Erwachsener teilzunehmen und sich mit demselben zu bereichern.

G. Lindner.

Der wißbegierige Junge.

Das nachstehende Gespräch ist nicht neu; es stammt aus dem Holländischen und ging vor Jahren durch die sozialdemokratische Presse. Aber seine Form ist so reizvoll, sein Sinn so gehaltreich — für Erzieher wie für Sozialdemokraten, am meisten für sozialistische Erzieher — daß man auch ein zweites Mal an ihm Freude und Gewinn haben wird; besonders wenn man ihm in einem Zusammenhange begegnet, in dem von Kinderfragen und fragenden Kindern die Rede ist.

*

Vater, was sind das für Gebäude?

Das ist eine Ziegelei, mein Junge.

Wem gehört sie, Vater?

Mir, Kind.

Gehören alle die großen Haufen Ziegel dir, Vater?

Ja, jeder Stein ist mein Eigentum.

Ach, wird es lange gedauert haben, bis man alle diese Steine formte. Hast du sie allein gemacht?

Nein, die Männer, die dort arbeiten, haben die Steine für mich gemacht.

Gehören dir auch die Männer?

Nein, Junge, das sind freie Arbeiter! Niemand kann andre Menschen zum Eigentum haben, es sei denn, daß es Sklaven wären.

Was ist denn ein Sklave, Vater?

Ein Sklave, Junge, ist ein Mann, der sein ganzes Leben lang für einen andern arbeiten muß und nur Nahrung und auch Kleidung dafür bekommt.

Wenn ein Sklave krank wird, wer bezahlt dann den Arzt?

Den bezahlt der Eigentümer, weil es zu seinem Schaden wäre, wenn der Sklave stürbe.

Warum arbeiten denn die Männer so schwer? Macht es ihnen denn Vergnügen, so schwere Karren zu schieben?

Ich glaube nicht, daß es ihnen Vergnügen macht, wenn sie es aber nicht tun, haben sie nichts zu essen.

Sind die Männer reich, Vater?

Nein, sie sind nicht reich.

Haben sie auch Pferde und warme Kleider und gehen sie auch an die See, wenn es zu warm wird?

Nein, denn sie müssen viel arbeiten, um leben zu können.

Wie meinst du das, leben können?

Nun, sie müssen arbeiten, um Geld zu verdienen für Essen und Trinken, Kleidung und Wohnung.

Haben es diese Menschen denn besser als Sklaven?

Sicher, mein Junge, es sind freie Menschen, die nicht für mich zu arbeiten brauchen, wenn sie nicht wollen. Sie können davongehen, wenn es ihnen in den Sinn kommt.

Und wenn sie davongehen, brauchen sie dann nicht mehr zu arbeiten?

Ja, natürlich, dann müssen sie wieder bei einem andern arbeiten.

Und kriegen sie denn von dem andern mehr als nötig ist, um leben zu können?

Das glaube ich nicht.

Wieso haben die Menschen es denn besser als Sklaven?

Weil sie frei sind und einen eigenen Willen haben.

Und wenn sie krank werden, mußt du dann den Arzt bezahlen?

Was geht mich ihre Krankheit an. Sie bezahlen selber den Arzt.

Gibst du ihnen etwas, wenn einer von ihnen dich verläßt?

Nicht das mindeste. Das einzige ist, daß ich dann einen andern an seinen Platz stellen muß, und den kann ich bekommen, wenn ich immer will.

Dann brauchst du auch nicht so vorsichtig mit ihm umzugehen, wie wenn er dein Sklave wäre?

Nein, das ist auch so.

Erzähl' mir eins, Vater; warum ist es besser für die Menschen, daß sie frei sind?

Frage doch nicht so einfältig, Kind.

*

Woraus werden die Steine gemacht, Vater?

Aus Lehm, mein Kind.

Hast du den Lehm gemacht?

Nein, das hat Gott getan.

Hat Gott es für dich getan?

Nein, ich habe den Lehm gekauft.

Von Gott?

Nein, von einem Herrn.

Hat der Herr ihn von Gott gekauft?

Natürlich nicht; er wird ihn auch von einem andern gekauft haben, denke ich.

Hat der erste Mann, von dem der Lehm gekauft wurde, ihn von Gott gekauft?

Nein, das glaube ich nicht.

Wie kam er aber in seinen Besitz?

Ich denke, er hat ihn sich angeeignet!

Und wenn nun die Arbeiter sich den Lehm aneigneten, so würde er wohl ihr Eigentum werden?

Laß mich in Ruhe mit deinen einfältigen Fragen!

*

Wenn du nicht die ganze Ziegelei mit all den Gebäuden und Maschinen hättest, wie würdest du leben können?

Nun, dann würde ich eben arbeiten müssen.

Auch Ziegeln formen?

Wahrscheinlich.

Wie würde es dir gefallen, wenn du nur Essen und Trinken für das Ziegelmachen kriegtest, und der Mann, der sich den Lehm angeeignet hat, alles andere erhielte?

Ich würde nicht danach gefragt werden, wie es mir gefiele. Arme Menschen müssen nun einmal für andre arbeiten, um leben zu können.

Wenn die Ziegelei den Männern gehörte, würden sie dann auch für dich arbeiten?

Wahrscheinlich nicht; ich denke, sie würden dann für sich selber arbeiten.

Findest du es nicht prächtig, daß der erste Herr sich den Lehm angeeignet und ihn an dich verkauft hat?

Wieso?

Wenn der Herr es nicht getan hätte, dann hätte wahrscheinlich einer der Arbeiter den Lehm gekauft, und dann müßtest du für ihn gegen Kost und Kleidung arbeiten.

Darum müßt ihr der Vorsehung dankbar sein für ihre Güte, daß sie euch einen Vater gegeben hat, der, ohne zu arbeiten, für euch sorgen kann.

Vater, müssen die Jungen der Arbeiter auch der Vorsehung dankbar sein?

Ja, gewiß!

Warum, Vater?

Weil ihre Väter Arbeit haben.

Ist denn Arbeit eine Wohltat?

Gewiß, sie ist für die Menschen eine Wohltat.

Warum arbeitest du denn nicht, Vater? Niemand kann dir doch verbieten, Ziegel zu formen?

Nein, aber ich will niemand seine Arbeit nehmen. Wenn ich arbeiten ginge, müßte natürlich ein andrer Mann seine Entlassung kriegen, weil dann für ihn keine Arbeit mehr wäre.

Das ist lieb von dir, Vater. Denkst du, daß der Mann bös sein würde, wenn du an seiner Stelle die schwere Karre fortschieben würdest?

O heilige Einfalt, Herren schieben niemals Karren.

Was sind denn Herren?

Nun, Herren sind die Menschen, die nicht zu arbeiten brauchen, die höher stehen.

Ich glaubte, daß es in unserm Lande keine Höherstehenden gäbe. Ich hörte jemand sagen, daß alle Menschen gleich sind.

Wer das sagte, war gewiß ein Sozialist.

Sage, Vater, ist die Lehrerin der Sonntagsschule denn ein Sozialist? Sie sagte, daß wir alle Gottes Kinder wären.

Ja, das lehrt man in den Kirchen und in den Sonntagsschulen.

Aber, Vater, nun sage mir eins ehrlich: sind die Arbeiter ebenso Gottes Kinder wie wir?

Gewiß, Junge, sind sie das.

Vater, weißt du noch, daß du einmal einen Beutel Murmel für mich und Harry mitbrachtest und daß ich alle die Murmel nahm, auch Harry seine, um damit zu spielen, und daß ich sie ihm nicht geben wollte, bevor er mir seinen neuen Blumentopf gebe? Du sagtest dann, daß ich ein unartiger Junge wäre und ich kriegte Schläge von dir.

Ja, das weiß ich noch.

War es recht, mich zu schlagen?

Sicher war es recht. Eltern haben das Recht, ihre Kinder zu strafen, um zu verhüten, daß sie schlecht werden. Die Murmel brachte ich für euch beide mit. Harry hatte darauf ebensoviel Anrecht wie du.

Vater, wenn die Arbeiter so gut Gottes Kinder sind wie du, so bist du ja ihr Bruder, und sie sind deine Brüder. Und wenn du sie zwingst, dir beinahe alle Steine zu geben, und du so einen Gebrauch von dem Lehm machst, den du nicht gemacht hast und der dir nicht zusteht, ist das nicht dasselbe, was ich mit Harry tat? Er sollte mir seinen neuen Blumentopf geben, wofür ich ihn mit den Murmeln spielen lassen wollte.

Ach, Junge, stelle doch nicht solche dumme Fragen.

Sag', Vater, ist dir nicht angst, daß Gott dich auch unartig finden und dich strafen könnte, weil du allen Lehm, alle Pferde, alle Gebäude, alle Maschinen allein behalten willst?

Es ist aber rein zum Auswachsen mit deinen Fragen. — Marie, bring' den Jungen zu Bett. Er kann einen Menschen noch verrückt machen mit seinem Gepappel. —

Umgang mit Kindern.

Beantworte die Fragen der Kinder!

Wenn du beim Wandern in eine fremde Gegend kommst, den Weg verlierst und in der Irre gehst — wie dankbar und froh bist du dann, Menschen zu treffen, die auf dein Fragen bereitwillig wohlgemeinte und richtige Antwort geben. Dein Kind steht auch, einem rat- und pfadlosen Wanderer gleich, in einer großen, ihm noch unbekannten Welt. Zaghaft und staunend fragt und tastet es sich vorwärts. Du bist nicht der erste beste, an den es sich um Auskunft wendet. Von dir hat es Speise und Trank, Wartung und Pflege empfangen all die Jahre, hat deine leitende Hand gefühlt und deine Liebe gespürt, — nun sagt ihm der sichere Instinkt seines inneren Wesens, daß du auch sein guter Berater und Pfadweiser sein wirst. Enttäusche die Erwartungen des kleinen irrenden Wanderers nicht! Sei nicht mürrisch und unwirsch, wenn er dich zu unrechter Zeit befragt — er weiß nicht, daß es noch andere, wichtigere Dinge in Menschenköpfen gibt; werde nicht nervös, wenn sein Fragen und Forschen gar kein Ende nehmen will, ach, er hat ja noch so viel zu erfragen und zu lernen, was soll er anfangen mit seiner winzigen Handvoll Erfahrungen in dieser großen Welt. Speise ihn auch nicht ab mit kurzem Ja und Nein, noch weniger verbiete ihm den Mund und zwinge ihn, das Fragen einzustellen. Du würdest dein erzieherisches Amt schon vernachlässigen und mißbrauchen, denn es ist nicht dein guter Wille und eine Gnade, dem Kinde zu antworten, es ist deine erzieherische Pflicht. Sie mag oft schwer zu erfüllen sein, viel Geduld, Takt und Spannkraft erfordern — aber du wirst dafür belohnt, reichlich belohnt durch das Vertrauen, das dir aus dem Herzen des Kindes entgegenwächst. Wem könnte ein suchendes, ratloses, weltfremdes Menschenkind größeres Vertrauen schenken als dem, der ihm allezeit ein sicherer und treuer Berater und Führer war. Es wird dir sein Vertrauen auch später bewahren und deinen Rat, deine Hilfe in Fällen erbitten, in denen du nichts sehnlicher wünschest, als daß du gehört werden möchtest. Und das wird für beide ein rechter Gewinn und eine schöne Beglückung sein.

Fortschritte.

Ein Jugendschutzhaus mit 16 Betten für Knaben bis zu 16 Jahren zu vorübergehendem Aufenthalt bei Ueberweisung durch die Polizei, das Jugendgericht oder ähnliche Institute wurde, zunächst provisorisch, in Berlin eingerichtet. Die Mittel dazu stiftete Professor Darmstädter, der auch die wirtschaftliche Leitung übernommen hat. Wenn es sich bewährt, soll das Schutzhaus dauernd beibehalten werden. — Ein ländliches Jugendschutzhaus wurde mit Unterstützung der Stadt Altona (8000 Mark) bei Neugraben geschaffen. — Auf Betreiben der Volksschullehrerschaft wurde in Hamburg ein Institut für Jugendkunde begründet. Die wissenschaftliche Leitung hat Professor Meumann übernommen. Die Verwaltung liegt in den Händen eines Kuratoriums. — Die Stadt Breslau hat in ihren Etat 10 000 Mark als Beihilfen für jugendliche Arbeiter eingestellt, die durch Unterstützung von der Ergreifung des Berufes der sogenannten ungelernten Arbeiter abgehalten werden können. — Eine umfassende Pädagogische Auskunftsstelle, die vor allem auch der Berufsberatung dient, hat die „Deutsche Elternzeitschrift“ (Hermann Beyer und Söhne in Langensalza) eingerichtet.

Bücherschau.

Rudolph Penzig, Ernste Antworten auf Kinderfragen. Ausgewählte Kapitel aus einer praktischen Pädagogik fürs Haus. Verlag von Georg Reimer, Berlin. 4. Aufl., 348 Seiten, brosch. 3,20, geb. 4,20 Mark. In der Welt des fragenden Kindes, deren phantastische Horizonte weit hinausgehen über die sicheren Grenzen, die Erkenntnis und Erfahrung dem Erwachsenen vermittelt haben, kann der Erzieher, der zu einem tieferen Verständnis der Kindesseele gelangen und vor ernstlichen Mißgriffen bewahrt sein will, einer kundigen und zuverlässigen Orientierung nicht entbehren. Da stellt sich das vorliegende Buch als vortrefflicher Führer ein, der in den entlegensten Gebieten des kindlichen Seelenlebens Bescheid weiß und mit sicherer Hand die Klippen umschifft, die sich dem Verlaufe der kindlichen Entwickelung in den Weg stellen und ihren Erfolg gefährden. Der Verfasser schöpft aus einem soliden Wissen, einer sorgfältigen und fleißigen Beobachtung und dem Schatze einer reichen Erfahrung. Was er über Märchen, Storchfabel, Kinderlüge, Schuldrill, Verhältnis zur Tier- und Pflanzenwelt, Selbstzucht, sittliche Bildung usw. schreibt, ist so wahr, so zutreffend und beherzigenswert, daß es als eine ausgezeichnete Belehrung über diese wichtigen Erziehungsfragen bezeichnet werden darf. Auch für proletarische Eltern, denen an anderen Stellen freilich die Erinnerung nicht erspart bleibt, daß das Buch eigentlich nicht für sie, sondern für bürgerliche Kreise geschrieben wurde. Da scheidet sich dem nachdenklichen Leser von selbst das Brauchbare vom Unbrauchbaren; der Gewinn ist bei alledem noch immer groß genug, um die angelegentlichste Empfehlung des durch wiederholte Bearbeitungen und Erweiterungen zu einem stattlichen Bande angewachsenen Werkes zu rechtfertigen.

Für die Redaktion verantwortlich: Otto Rühle, Dresden-Hellerau.


Fuente: Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage, febrero de 1914, suplemento mensual editado por Otto Rühle y publicado con varios diarios socialdemócratas (Görlitzer Volkszeitung, Volkswacht de Breslau, Volksbote de Stettin, Volksblatt de Halle, Märkische Volksstimme de Cottbus, Arbeiter-Zeitung de Essen); transcrito desde el facsímil de la edición de la Arbeiter-Zeitung (Essen), ULB Bonn / zeit.punkt NRW, con el OCR del portal solo de apoyo. Piezas sin firma, atribuidas a Rühle como editor responsable (Stecklina 2002, secc. 1.6.2): el lema de G. Lindner, «Der wißbegierige Junge» (cuya entradilla es de la redacción; el diálogo que sigue procede, según ella, del neerlandés y había circulado años antes por la prensa socialdemócrata), «Umgang mit Kindern», «Fortschritte» y «Bücherschau». Se omiten, con comentario en su lugar, las colaboraciones firmadas y los extractos de libros ajenos (E. Freundlich, R. Penzig, W. Preyer, P. Rosegger). El suplemento no lleva paginación impresa: los comentarios S. [n] del código remiten a la página n del facsímil (las págs. 4 y 5 del facsímil repiten las 2 y 3). El margen derecho de la pág. 6 está cortado en el escaneo; las pocas letras perdidas a final de línea se han completado por el sentido. El espaciado del original se da en cursiva.