Ein Wort im voraus
Das erste Büchlein, das vor Jahresfrist hinausging, um ernsthaften und suchenden Eltern ein paar Fingerzeige für eine neue Erziehung zu geben, hat in kurzer Zeit viele Freunde gefunden. Ich wüßte nicht, was mich glücklicher machen könnte als das Bewußtsein, auf so einfache und leichte Art Eltern bei einer schweren Aufgabe einen Dienst geleistet und Kindern die Jugend ein wenig heiterer, die Erziehung ein wenig erträglicher gemacht zu haben.
Freilich ist die Erziehung mehr eine Wirtschaftsfrage als eine Frage der Belehrung und des guten Willens. Man kann in geordneten Lebensverhältnissen, bei gutem Verdienst, kurzer Arbeitszeit, ausreichenden Wohnräumen und wenig Sorgen ein besserer Erzieher sein als in Lebenslagen, wo alles und jedes fehlt, was dem Dasein Sinn und Wert, Reiz und Harmonie verleiht.
Die Besserung der Existenzbedingungen und Lebensverhältnisse des Proletariats kann nur das Produkt seines Kampfes gegen die kapitalistische Ordnung sein. Wen bisher eigene Not noch nicht in die Reihen der Kämpfer trieb, den treibt vielleicht der Gedanke an die Verewigung dieser Not bei den Kindern hinein. Wer aber schon im Kampfe steht, den wird ein Blick auf die Kinder zu höchster Kampffreude anspornen und begeistern.
Möge das Büchlein mit helfen, die Kämpfer zu guten Erziehern, die Erzieher zu tapferen Kämpfern zu machen.
Hellerau b. Dresden. Otto Rühle.
Inhalt
| Habe Respekt vor den Kindern! | Seite 5 |
| Rede nicht zuviel! | „ 9 |
| Schenke dem Kinde keine Mordwaffen! | „ 14 |
| Erzähle den Kindern Märchen! | „ 18 |
| Beantworte die Fragen der Kinder! | „ 23 |
| Gib dem Kinde Beschäftigung! | „ 28 |
| Sei wahrhaftig! | „ 32 |
| Laß das Kind einen Willen haben! | „ 41 |
| Beobachte dein Kind! | „ 48 |
| Gib den Kindern keinen Alkohol! | „ 52 |
| Erziehe zu Selbständigkeit und Selbstvertrauen! | „ 56 |
| Vergiß nicht, daß du auch einmal Kind gewesen bist! | „ 62 |
Habe Respekt vor den Kindern!
Bisher war es immer umgekehrt: Die Erzieher verlangten, daß die Kinder vor ihnen Respekt haben sollten. Sie wachten eifersüchtig und selbstbewußt darüber, daß die Achtung, auf die sie verbrieften Anspruch zu haben glaubten, ihnen erwiesen wurde, auch wenn diese im Grunde durch nichts anderes bedingt war, als allein durch den Umstand, daß sie eben Erzieher waren. Daß es auch untaugliche Erzieher gibt, die keinen Respekt verdienen, daß das Amt des Erziehens noch lange nicht die Achtungswürdigkeit des Erziehers zu bedingen braucht, ja, daß die wahre Achtung ein Produkt der Liebe und des Vertrauens sein muß — das kam ihnen nicht in den Sinn. Sie waren auf das Autoritätsprinzip eingeschworen, nach dem das Kind im Erzieher einen Vertreter der von Gott eingesetzten Obrigkeit zu erblicken und zu ehren hat. Diese Auffassung hat sich im Laufe der Zeit wesentlich gewandelt. Man hat erkannt, daß nicht der Erzieher, sondern das Kind den Mittelpunkt des Erziehungswerkes bildet, und daß der Erzieher um des Kindes willen da ist. In das Wesen des Kindes soll er sich versenken mit Ernst und Verständnis, Freundlichkeit und Liebe; die Eigenart des Kindes soll er verstehen und würdigen lernen; die Gaben und Fähigkeiten des Kindes soll er auslösen, von Hemmnissen befreien und zur Vollendung führen. „Seine Majestät das Kind“ — man braucht das in England geprägte Schlagwort, das den Umschwung in der Stellung des Erziehers zum Kinde drastisch ausdrückt, nicht wörtlich zu nehmen, noch weniger soll man sich zum Sklaven kindlicher Launen und Ungezogenheit erniedrigen — aber man soll auch nie vergessen, daß im Kinde unsere Zukunft heranwächst und daß die Zukunft immer höher steht als die Gegenwart, deren Träger wir sind.
Mehr Vornehmheit in der Erziehung
Sich nicht so pöbelhaft Kindern gegenüber betragen, vorausgesetzt, daß man sie zu Menschen, und nicht zu schreienden, sich herumbalgenden Flegeln erziehen will. Brülle sie nicht an! Verhöhne sie nicht durch billige Witze! Schlage sie nicht und predige nicht so viel! Behandle sie dagegen mit Achtung und Hoheit! Zeige ihren Schwächen gegenüber deine geistige Ueberlegenheit! Komme ihnen mit Vertrauen entgegen und betrachte deine Schüler nicht als deine geborenen Feinde! Dann kommt alles sozusagen wie von selbst zurecht.
H. Scharrelmann, Erlebte Pädagogik. (Verlag von A. Janssen, Hamburg.)
Der neue Lehrer
In großer Aufregung kam eine Mutter zu mir. „Nein,“ rief sie aus, „es ist unglaublich, was für einen Lehrer wir haben.“
„Lernen die Kinder nichts?“
„O doch, sie lernen sogar viel und sind in allem recht weit — viel weiter als beim alten Kantor, Gott hab' ihn selig!“
„Schlägt er die Kinder?“
„Schlagen? — I wo denn! Die Kinder sind ganz vernarrt in ihn. Das ist's ja eben. Da liegt er wieder — eben bin ich am Schulhause vorübergegangen — während der Pause mit den Kindern im Grase, läßt sich von den Kleinen hochziehen und fortwälzen — und es ist ein Lärm, ein Treiben, und der Lehrer ist von allen der lauteste.“
„Was in aller Welt,“ frage ich die Frau, „ist denn dabei Schlimmes?“
„Ja“ — meint sie und sieht mich verdutzt an, „woher soll denn bei solchen Kindern der Respekt kommen?“
Der Respekt — da haben wir's. Dieser Ueberrest alter Knechtseligkeit spukt in dem Kopfe der Mutter. Sie selbst ging durch eine Respektschule, nun meint sie, daß es in alle Ewigkeit solche Schulen geben müsse. Wir werden ihr nicht einreden können, daß die neue Erziehung auch ihre Berechtigung hat und der neue Lehrer ein ganz famoser Jugenderzieher ist — aber wir freuen uns im stillen, daß die Erde rund ist und sich dreht . . . .
Der alte Lehrer
Als ich sechs Jahre alt war, sah ich mich eines schönen Morgens in einen melancholischen Saal versetzt, in welchem etwa fünfzig bis sechzig kleine Knaben und Mädchen unterrichtet wurden. In einem Halbkreise mit sieben anderen Kindern um eine Tafel herumstehend, auf welcher große Buchstaben prangten, lauschte ich sehr still und gespannt auf die Dinge, die da kommen sollten. Da wir sämtlich Neulinge waren, so wollte der Oberschulmeister, ein älterer Mann mit einem großen groben Kopfe, die erste Leitung selbst für eine Stunde besorgen und forderte uns auf, abwechselnd die sonderbaren Figuren zu benennen. Ich hatte schon seit geraumer Zeit einmal das Wort Pumpernickel gehört, und es gefiel mir ungemein, nur wußte ich durchaus keine leibliche Form dafür zu finden und niemand konnte mir Auskunft geben. Nun sollte ich plötzlich das große P benennen, welches mir in seinem Wesen äußerst wunderlich und humoristisch vorkam, und es ward in meiner Seele klar, und ich sprach mit Entschiedenheit: Dieses ist der Pumpernickel! Ich hegte keinen Zweifel, weder an der Welt, noch an mir, noch am Pumpernickel, und war froh in meinem Herzen; aber je ernsthafter und selbstzufriedener mein Gesicht in diesem Augenblicke war, desto mehr hielt mich der Schulmeister für einen durchtriebenen und frechen Schalk, dessen Bosheit sofort gebrochen werden müßte, und er fiel über mich her und schüttelte mich eine Minute lang so wild an den Haaren, daß mir Hören und Sehen verging. Dieser Ueberfall kam mir seiner Fremdheit und Neuheit wegen wie ein böser Traum vor und ich machte augenblicklich nichts daraus,
als daß ich, stumm und tränenlos, aber voll innerer Beklemmung den Mann ansah. Als der Schulmeister sah, daß ich nur erstaunt nach meinem Kopfe langte, ohne zu weinen, fiel er noch einmal über mich her, um mir den vermeintlichen Trotz und die Verstocktheit gründlich auszutreiben. Ich litt nun wirklich; anstatt aber in ein Geheul auszubrechen, rief ich flehentlich in meiner Angst: Sondern erlöse uns von dem Bösen! und hatte dabei Gott vor Augen, von dem man mir so oft gesagt hatte, daß er den Bedrängten ein hilfreicher Vater sei. Für den Lehrer aber war das zu stark; er ließ mich daher stracks los, mit aufrichtiger Bekümmernis darüber nachdenkend, welche Behandlungsart hier angemessen sei. Wir wurden für den Vormittag entlassen, der Mann führte mich selbst nach Hause. Erst dort brach ich heimlich in Tränen aus, indem ich abgewandt am Fenster stand und die ausgerissenen Haare aus der Stirn wischte, während ich anhörte, wie der Mann, der mir im Heiligtum unserer Stube doppelt fremd und feindlich erschien, eine ernsthafte Unterredung mit der Mutter führte und versichern wollte, daß ich schon durch irgendein böses Element verdorben sein müßte. Sie war nicht minder erstaunt, als wir beiden anderen, indem ich, wie sie sagte, ein durchaus stilles Kind wäre, welches bisher noch nie aus ihren Augen gekommen sei und keine groben Unarten gezeigt hätte. Der Lehrer gab sich zufrieden, doch mit Kopfschütteln, und war innerlich überzeugt, daß ich gefährliche Anlagen zeige.Gottfried Keller, Der grüne Heinrich. (Verlag von G. J. Göschen, Stuttgart.)
Rede nicht zu viel!
Was dem Geistlichen Beruf und Amt ist — Predigten zu halten — soll der Erzieher meiden wie eine Todsünde. Für ihn gilt das Wort: Bilde, Künstler, rede nicht! Du willst Menschen formen, Charaktere bilden: dazu taugt kein Geschwätz und Geplärr, du willst Seelen läutern, Hirne mit Geistesschwungkraft ausstatten und in Herzen den Reichtum edler Menschlichkeit pflanzen: da darfst du keine Wassersuppen kochen. Durch Reden erzieht man ein Geschlecht von Wortemachern und oberflächlichen Besserwissern. Vieles Reden ist seicht und macht seicht. Das gilt für langatmige Strafpredigten, deren Fruchtlosigkeit sprichwörtlich ist, wie für die tausendfachen Nörgeleien und Kommandierereien, die ein Kind wahrhaft zur Verzweiflung treiben können. Gehe langsam! Sitze still! Sei ruhig! Laß das! Es gibt Eltern, die ihren Kindern in jeder Stunde sechzig solcher Befehle und Anweisungen erteilen und sich obendrein noch wundern, wenn das Kind die Worte überhaupt nicht mehr hört oder durch die ewige Quengelei und Dressiererei so nervös wird, daß es sich durch ausgesuchte Bosheit und Niederträchtigkeit an seinen Peinigern rächt. Frage dich stets: Mußt du wirklich befehlen? Liegt ein Zwang, eine Notwendigkeit vor, zu reden? Ob der Junge schnell oder langsam läuft, sitzt oder springt, lacht oder schweigt — hat es einen Sinn, zu befehlen, zu reden? Laß ihn über sich selbst entscheiden! Willst du auf ihn einwirken, so handle. Mache ihm stillschweigend vor, was er tun soll. Durch die Tat erzielt man praktische, rührige und anstellige Menschen. Und mußt du doch reden, so sage kurz und bestimmt, was du willst. Nie zweimal, was mit einem Male gesagt sein kann. Nie lachend und gleichgültig, was ernsthaft gesagt sein will. In deinem Kinde darf nie die Empfindung aufkommen, daß hinter deinen Worten kein Entschluß, keine Tatkraft stehe. Gesagt, getan — ein Mann, ein Wort. Jedes deiner Worte wird um so schwerer wiegen, je sparsamer du damit umgehst.
Sei sparsam mit dem Wort
Die Menschen schwatzen alle viel zu viel, dadurch wird das Wort entwürdigt, und wertvolle Kräfte werden verschwendet. . . . Bemängle nicht jede Kleinigkeit und rede nicht fortwährend auf die Kinder ein, sondern tritt ihnen so viel wie möglich schweigend entgegen, rede zu ihnen, ohne die Lippen zu öffnen, daß auch in ihnen die Freude an dem beredten Schweigen erwacht. Je mehr der Mensch zurückhält mit seinem Urteil, mit seinem Worte, desto gewichtiger wird es, wenn er es dann von sich gibt. Je mehr wir schweigen gelernt haben, desto öfterer werden wir den Nagel auf den Kopf treffen, wenn wir dann einmal das Schweigen brechen. . . . Heute dient neun Zehntel all unseres Geschwätzes nur dazu, unsere eigentlichen Gedanken zu verbergen oder ihren gänzlichen Mangel zu verschleiern. Neun Zehntel unserer Worte bleiben besser unausgesprochen.
H. Scharrelmann, Erlebte Pädagogik. (Verlag von A. Janssen, Hamburg.)
Allen Müttern ist zu empfehlen,
mit dem Verbieten und Befehlen recht vorsichtig zu sein. Im Verbieten und Befehlen besteht durchaus nicht der Wert der Erziehung; Rousseau möchte die beiden Wörter sogar ganz aus dem Wörterbuche der Kinderstube gestrichen haben. Das ganz kleine Kind sollte man in der Tat, so bald seine ersten Bewußtseinsäußerungen zutage treten, zunächst gar nicht beeinflussen, sondern nur aufmerksam beobachten. Wie manche Unart wird dadurch anerzogen. Wie oft die natürliche Anlage des festen Willens zu Eigensinn und Trotz erzogen! —
Wodurch lernt denn das kleine Kind das „Nein“ sagen? Doch nur dadurch, daß die Großen dauernd etwas von ihm haben wollen und *es nicht in Ruhe lassen.* Ein kleines Kind will aber in Ruhe gelassen werden. Sein Gehirn ist noch gar nicht fähig allen den Gedankensprüngen der Erwachsenen zu folgen. Es geht seine eigenen Wege, denkt seine eigenen kleinen Gedanken. Es faßt langsam, und wird es nun dauernd in Anspruch genommen, so geht es ihm genau so wie den Großen: es kann nicht mehr mit, wird müde und unwillig und unartig — der Große wird in solchem Falle nervös.L. Frost, Aus unsern vier Wänden. (Verlag von B. G. Teubner, Leipzig.)
Warum es nicht gelingt
„Ich ermahne die Kinder doch fortwährend, ihre Schubladen in Ordnung zu bringen, hübsch zu sprechen, sich gerade zu halten, eine Besorgung rasch und sorgfältig zu erledigen“, sagt die arme Mutter mit Tränen in den Augen; gewiß, dieses stete Ermahnen ist langweilig und betrübend, weil hoffnungslos für die Mutter. Sie fährt mit der Ermahnung fort, zu ihrer eigenen Beruhigung, denn sie hat längst aufgehört, einen Erfolg zu erwarten; und wir wissen, wie trostlos es ist, ohne Hoffnung zu arbeiten. Aber selbst die Mutter weiß nicht, wie unaussprechlich langweilig dieses ewige Ermahnen ohne Resultat für das Kind ist. Anfangs ist es ungeduldig und aufgeregt beim Anhören des vergeblichen Wortschwalls; dann läßt es denselben als unvermeidlich über sich ergehen; und zuletzt hört es kaum, daß etwas gesagt wird. All das Gerede macht keinen Eindruck auf seinen Charakter, bildet keine wirkliche Gewohnheit; das Kind tut einmal, was ihm geheißen wird, und unterläßt es, wenn es eben kann. Die arme enttäuschte Mutter aber sagt: „Ich habe mich wirklich angestrengt, meinen Kindern gute Gewohnheiten anzuerziehen, aber es ist mir nicht gelungen.“ . . . Unsere Mißerfolge im Leben sind meistens auf die Fehler unserer Eigenschaften zurückzuführen.
Charl. M. Mason, Erziehung im Hause. (Verlag von G. Braun, Karlsruhe.)
Wie sagt das Kind?
Ich machte einen Besuch. Da ich wußte, daß ein Kind im Hause war, nahm ich einen Pfefferkuchen mit. Einen bunten Pfefferkuchen mit weißem Zuckerguß, so recht geschaffen, um ein Kinderherz zu erfreuen. Und doch hat er keine Freude ins Haus gebracht.
Als die kleinen Fäustchen nach der bunten und süßen Herrlichkeit griffen, fuhr die Mutter auf das Kind los.
„Wie sagt das Kind?“
Zwei Hände hielten den Kuchen fest, ein roter Mund labte sich daran.
„Wie sagt das Kind?“ wiederholte heftig die Mutter.
Der kleine Mund bliebt stumm. Dafür leuchteten die Augen um so heller, wenn sie über den Kuchen glitten.
„Na, wie sagt das Kind zum Onkel, der ihm etwas schenkt?“
Aergerlich stieß die Mutter diese Worte hervor. Da hatte sie nun ein braves Kind, das sie über alles liebte und auf dessen Bravheit sie so stolz war; nun es aber einmal seine Bravheit zeigen sollte, war es bockbeinig und versagte.
„Ein Kind, das nicht Danke sagt, soll auch keinen Pfefferkuchen haben!“ Damit riß sie dem Kinde den Kuchen aus der Hand.
Zeter und Mordio! . . . Eine peinliche Szene, die erst ihr Ende erreichte, als das schreiende Kind zur Tür hinausgesteckt war. — — — — — — — — — — — —
Mußte dieser unerquickliche Abschluß kommen, der dem Kinde wie uns selbst die frohe Stunde verdarb?
„Ich verlange, daß sich das Kind an Höflichkeit gewöhnt!“ erklärte die Mutter, wie zu ihrer Entschuldigung.
Ach — wären Vater und Mutter zueinander so höflich, als sie es vom Kinde verlangen, höflich mit Bitte! und höflich mit Danke! bei all ihren kleinen und großen Handreichungen und Gefälligkeiten, dann brauchten sie die Höflichkeit nicht in das Kind hineinzuschelten und hineinzuprügeln.
Schenke dem Kinde keine Mordwaffen!
Als Sozialdemokrat bist du Gegner des Krieges. Deine menschliche Natur sträubt sich gegen die Schrecken und Unmenschlichkeiten des Massenmordes; in dein Gehirn hämmert sich tief und eindringlich die Erkenntnis ein, daß das Dahinschlachten von Menschen ein Wahnsinn und ein Verbrechen an der Menschheit ist. Du erhebst deine Stimme gegen den Frevel und kämpfst gegen Militarismus, Wettrüsten, Imperialismus und Kriegsgelüste. Du bist im Innersten entsetzt bei den Gedanken, daß es höchste sittliche Pflicht des Soldaten sein soll, auf Vater und Mutter zu schießen, und fühlst alles Blut in deine Schläfen steigen. Auch dein Kind soll einmal das Gewehr auf dich anlegen müssen, die tödliche Kugel in das Herz zu schicken, das Tag und Nacht nur für das Wohl und Glück des Kindes schlug. Grausamer, furchtbarer Gedanke! Alles Menschliche in dir schreit auf zur Revolte, alle edlen und reinen Gefühle werden lebendig und bestürmen dich im Protest! Dein Kind — schießend, stechend, mordend — ein zuckendes Vaterherz, ein zerfleischtes Mutterherz, noch verlangend nach dem mordenden Kinde. . . . Gräßliche Bilder, die deine Seele quälen und ängstigen! . . . Und da sollst du, einer alten Gedankenlosigkeit folgend, deinem Kinde zu Weihnachten eine Flinte unter den Christbaum legen, einen Säbel schenken oder durch militärische Uniformen sein Auge und seinen Sinn erfreuen? Eine Flinte, damit es rechtzeitig auf Eltern und Geschwister schießen lerne? Einen Säbel, damit es später mit Erfolg die Köpfe und Rücken seiner Klassengenossen blutig zu zerhauen verstehe? . . . Nein, nein — das kannst, das darfst du nicht! Die Barbarei des
Krieges darf dein Weihnachtsfest nicht besudeln; das Verbrechen des Mordens darf im Herzen deines Kindes keine Keimstätte und keinen Wurzelboden finden! Sei, indem du verweigerst und versagst, in deinem Hause ein Propagandist friedlichen Kulturstrebens und schöner Menschlichkeit.Wir sehen in den Schaufenstern
Kasernen, Exerzierplätze mit Soldaten, Turnapparaten usw. aufgebaut, Kriegsschiffe für Wasser und Luft, und von allen Nationen Bleisoldaten: Preußen, Franzosen, Serben, Türken, Russen, Deutsche, Oesterreicher. Daneben liegen Helm, Säbel, Patronentasche, Husaren- und Kürassierbrust, Gewehre, Marketenderwagen, Kanonen und Militärzüge, und noch mancherlei mehr. Jungen, groß und klein, belagern diese Fenster, fühlen sich als Helden und führen kriegerische Gespräche, die den Erwachsenen abgelauscht sind.
Mütter, fallt nicht darauf hinein und kauft für euer schwer verdientes Geld nicht derartigen Plunder. Aeußern eure Kinder derartige Wünsche, dann belehrt sie über die Schädlichkeit des völkermordenden Militarismus, dessen Erhaltung den Völkern das Mark aus den Knochen saugt und im Falle eines Krieges die Väter und Söhne des Volkes auf dem Schlachtfeld mordet. Legt euren zwölf- bis vierzehnjährigen Söhnen die kleine Schrift: „Das Menschenschlachthaus“1 auf den Gabentisch, damit sie von Abscheu gegen alles, was Militarismus heißt, erfaßt werden. Führt die größeren der proletarischen Jugendbewegung zu. Wirkt aber auch bei den kleinen schon mit allen Mitteln, schon bei der Auswahl des Spielzeugs auf ihre Charakterbildung, dann werden eure Söhne, auch wenn sie im bunten Rock stecken, sich stets als Volksgenossen fühlen und, auch wenn sie einmal gegen den inneren Feind kommandiert, auf Vater, Mutter und Geschwister die Waffe erheben sollen, stets des Wortes eingedenk sein, das ihnen der Lehrer in der Schule so eindringlich ans Herz gelegt hat: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!!
Wilhelmine Kähler. („Leipziger Volkszeitung“.)
Der Weihnachtswunsch
Der Vater hatte es kommen sehen, und eines Tages war es heraus.
„Vater, schenke mir bitte zu Weihnachten einen Säbel, einen Helm und eine Flinte!“
„Einen Säbel?“ fragte der Vater, „willst du mich damit totstechen?“
„Ach nein, lieber Vater, nur zum Spielen.“
„Und eine Flinte? Willst du damit deine liebe Mutter totschießen?“
Der Knabe sah erschrocken auf. Anfangs hatte er gemeint, der Vater mache Spaß. Als er aber sein ernstes Gesicht erblickte, wurde ihm klar, daß das Gespräch für den Vater eine sehr ernsthafte Sache war.
„Säbel und Flinte,“ sagte darauf der Vater, „gebraucht man nur, um Menschen zu töten. Der Kaiser hat den Soldaten gesagt, sie sollen auch Vater und Mutter töten, wenn es befohlen wird. Das fünfte Gebot aber lautet: Du sollst nicht töten!“
„Aber ich spiele doch nur damit, Vater.“
„Willst du mit Säbel und Flinte spielen, womit man Menschen wehtut, Vater und Mutter tötet?“
Der Knabe sah verlegen drein und blieb die Antwort schuldig.
Als einige Tage später der Vater mit dem Knaben durch die Straßen ging und die Feuerwehr dahergesprengt kam, da wußte er, was er dem Knaben zu Weihnachten
schenken würde: *eine Feuerwehr-Uniform mit Helm und Beil.* Und als der Knabe sie zu Weihnachten freudestrahlend in Empfang nahm, sagte der Vater: Damit wirst du nicht töten und Uebles tun, damit wirst du *helfen und retten und deinen Mitmenschen nützen, wenn sie in Gefahr und Not sind.*Erzähle den Kindern Märchen!
Der Weihnachtsmann hat ein Märchenbuch auf den Gabentisch gelegt. Die Kinder sollen es haben; es wäre besser für die Eltern bestimmt gewesen. Märchen wollen weniger von Kindern gelesen, als von Eltern erzählt sein. Kannst du dich am Abend, wenn die Kleinen zu Bett gebracht sind, auf ein Viertelstündchen frei machen, so greife zu dem Buche, suche dir ein hübsches Märchen aus und präge es deinem Gedächtnisse ein; morgen oder übermorgen, wenn die traulich-schummrigen Abendstunden kommen, setzt du dich an den warmen Ofen, und während durch die kleine Tür der rote Feuerschein leuchtet und die Scheite knacken, erzählst du der kleinen aufhorchenden Schar, was du gelesen hast. Du ahnst nicht, welch eine kostbare, feierlich-schöne Stunde du deinen Kindern gibst, eine Stunde, die durch ihr ganzes Leben leuchten und bis ins Alter über ihre Jugend einen poetischen Glanz verbreiten wird. Deine Kinder werden vielleicht später wenig Freude im Leben haben; Sorge und Kampf wird ihr Los sein. Sie werden nach Arbeit laufen und um elenden Lohn kämpfen, werden kochen und waschen und Kinder großziehen müssen, und ewig in getäuschten Hoffnungen leben wie du. Gib ihnen für diese freud- und poesielose Zeit ein kleines Stück Jugendglück mit auf den Weg, schenke ihnen eine köstliche Stunde, deren seliges Erinnern durch die Nacht und Not ihrer Jahre funkelt: erzähle ihnen Märchen, beflügle ihre Phantasie, statte ihnen Herz und Sinn mit Wünschen und Sehnsüchten, mit Lichtern und frohen Farben aus. Und weißt du in der Märchenwelt nicht mehr recht Bescheid, nun, ein paar selbsterfundene Geschichten von Wind, Regen und Wolken, von den Blumen, wie sie Feste feiern, und von den Tieren, wie sie schlafen gehen, tun's auch. Erzähle nur, erzähle . . . sieh, die Kleinen warten schon . . . .
Vom Märchenerzählen
Noch erlebt haben es die wenigsten von uns; aber vom Hörensagen kennen wir es, das trauliche Bild: die Großmutter oder die Mutter umringt von horchenden Kindern, wie sie ihnen Märchen auf Märchen erzählt, je länger je schöner, so schön, daß man die kleinen Kinderherzen fast klopfen hört. Vielleicht hocken sie alle um Mutters Knie herumgeschmiegt in einer traulich-dämmerigen Ecke, vielleicht pruzzeln dabei Bratäpfel im Ofenrohr, vielleicht streicht ein Kätzchen mit wohligem Schnurren an der Erzählerin hin — aber mit welchen traulichen Einzelerinnerungen auch der einzelne das Bild zu schmücken vermag: immer liegt auf diesem Bilde eine Fülle von dunkelgoldnem Abenddämmerschein, von Frieden, von Behagen, von glücklicher Geruhsamkeit und Poesie.
Unsere nüchterne Zeit hat auch an diesem Bilde gewischt, hat es für Tausende ganz ausgewischt aus ihrem Leben. Es gibt zwar noch Mütter und Großmütter, die noch ganz ihren Kindern und Enkeln leben und alle Fülle ihres inneren Lebens im traulichen Zusammensein an sie verschenken können. Aber es gibt unendlich viel mehr solcher Mütter, die froh sind, wenn ihnen noch jeden Abend Zeit bleibt, die zerrissenen Kleider ihrer Kinder zu flicken oder ihnen regelmäßig ein bißchen Mittagessen auf den Tisch zu setzen. Und wie oft auch ihre Kinder sehnsüchtig bitten mögen: „Erzähl' uns doch etwas!“ — sie werden ach wie oft sagen müssen, mit seufzender Seele sagen müssen: „Ich hab' keine Zeit!“ Und müssen waschen gehen oder an die sausende Nähmaschine oder in die Fabrik. Wie hätten sie in der Drangsal ihres Lebens Zeit, mit ihren Kindern goldne Märchenträume zu spinnen! So wächst eine ganze Generation märchenarm heran . . .
H. Maurenbrecher, Wachstum und Schöpfung. (Verlag von E. Reinhardt, München.)
Das Märchenalter des Kindes
ist individuell sehr verschieden, aber im allgemeinen läßt sich doch soviel sagen: das dritte und vierte Lebensjahr ist in jeder Beziehung günstig für das Märchenerzählen. „Es ist die Zeit, in der die kindliche Wißbegierde den ersten Flug in die Welt unternimmt. Kinderschritte und Kinderarme reichen noch nicht aus, sie zu erfassen. Wer sie ihnen vormalt, wie es ihrer im eigentlichsten Sinne des Wortes noch maßlosen Phantasie entspricht, verdient sich ihren Dank!“ Aber allmählich dringt immer mehr von den Wirklichkeiten der Welt in die Seele des Kindes ein. Mehr und mehr fügt sich das Gleichartige in ihr zusammen, und langsam dämmert das Denken auf, das nach Ursache und Wirkung fragt. Das ist dann freilich kein günstiger Boden mehr für das Märchenwunder . . . Dann kommt das Kind wohl mit der schüchternen Frage: Ist das auch wahr? Dem aufmerksamen Erzieher ist das ein Zeichen, daß das Kind an der Grenze des eigentlichen Märchenalters angelangt, daß das Denken in ihm erwacht ist, und daß der Glaube an die Märchenwunder allmählich verdrängt wird durch die Erfahrungen und Erkenntnisse des realen Lebens. . . . Es dürfte zu empfehlen sein, nach den Zweifeln des Kindes keine allzu wunderbaren Märchen mehr zu erzählen, sondern allmählich zu Geschichten aus dem wirklichen Leben überzugehen. Nach den Jahren des Ueberganges dann, etwa im achten oder neunten Lebensjahre des Kindes, können die Märchen wieder in die Kinderstube einziehen, denn dann hat das Kind von der wirklichen
Welt Besitz ergriffen, es kann dann Schein und Sein, Wirklichkeit und Phantasiegebilde voneinander unterscheiden, es tritt also dann mit ganz anderer Gemütsverfassung an die Märchenwelt heran; es ist reif zum Genuß der poetischen Schönheiten des Märchens.J. Prüfer, Kleinkinderpädagogik. (Verlag von Otto Nemnich, Leipzig.)
Das Märchen — ein Sinnbild
Das geborene Publikum der Märchenfee sind armer Leute Kinder. Märchen schwingen auf und ab mit der Sehnsucht des Menschenherzens, und die Sehnsucht kennt ja nur, wer leidet. Welches Leid aber brennt schmerzlicher im Gemüt als das Bewußtsein, durch die bloße Geburt schon auf die Schattenseite des Glücks verbannt zu sein und doch, wie alles, was lebt, wie von Urbeginn zumal die Menschenjugend, das Gottesgnadenrecht auf Glück in allen Adern pochen zu fühlen?
Der Königssohn, die Prinzessin, die der böse Zauberer in Lumpen steckt und Knechtesarbeit verrichten läßt, sind des Märchens liebste Geschöpfe, denn sie sind ganz aus dem Märchenstoffe der Sehnsucht gewebt. Ein solcher mißhandelter Königssohn aber, eine Bettelprinzeß mit der sternverbrieften Anwartschaft auf Erlösung ist jedes einzelne Proletarierkind, denn es trägt Lumpen wie sie und ist der Eroberer der Zukunft.
Welches Proletariermädchen, welcher Proletarierjunge hätte darum nicht schon im Aschenbrödel der deutschen Märchensage das verkörperte Sinnbild seines Schicksals gesehen, ein Bild, das gerade in seinem Doppelsinn dieses doppelsinnige Schicksal widerspiegelt. Die Asche ist ja bitterernste Wirklichkeit in jedem proletarischen Kinderdasein, aber auch die goldenen Pantoffeln, in denen das Märchen in seinem seligen Schluß hineintanzt, haben noch jedem Proletarierkinde an die Füße gepaßt. Nicht im Märchensinne bloß und im Traumesglück! Ist doch die proletarische Klasse selber, der unser Jungvolk entspringt, das Aschenbrödel der Gesellschaft, aber auch sie ein Aschenbrödel, das in nachtwandlerischer Sicherheit durch all den Schmutz und das Elend der Gegenwart dem verheißenen Lande seiner Siege und seiner Befreiung entgegenschreitet.
K. Korn, Jungvolk 1914. (Verlag der Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands.)
Beantworte die Fragen der Kinder!
Wenn du beim Wandern in eine fremde Gegend kommst, den Weg verlierst und in der Irre gehst — wie dankbar und froh bist du dann, Menschen zu treffen, die auf dein Fragen bereitwillig wohlgemeinte und richtige Antwort geben. Dein Kind steht auch, einem rat- und pfadlosen Wanderer gleich, in einer großen, ihm noch unbekannten Welt. Zaghaft und staunend fragt und tastet es sich vorwärts. Du bist nicht der erste beste, an den es sich um Auskunft wendet. Von dir hat es Speise und Trank, Wartung und Pflege empfangen all die Jahre, hat deine leitende Hand gefühlt und deine Liebe gespürt, — nun sagt ihm der sichere Instinkt seines inneren Wesens, daß du auch sein guter Berater und Pfadweiser sein wirst. Enttäusche die Erwartungen des kleinen irrenden Wanderers nicht! Sei nicht mürrisch und unwirsch, wenn er dich zu unrechter Zeit befragt — er weiß nicht, daß es noch andere, wichtigere Dinge in Menschenköpfen gibt; werde nicht nervös, wenn sein Fragen und Forschen gar kein Ende nehmen will, ach, er hat ja noch so viel zu erfragen und zu lernen, was soll er anfangen mit seiner winzigen Handvoll Erfahrungen in dieser großen Welt? Speise ihn auch nicht ab mit kurzem Ja und Nein, noch weniger verbiete ihm den Mund und zwinge ihn, das Fragen einzustellen. Du würdest dein erzieherisches Amt schwer vernachlässigen und mißbrauchen, denn es ist nicht dein guter Wille und eine Gnade, dem Kinde zu antworten, es ist deine erzieherische Pflicht. Sie mag oft schwer zu erfüllen sein, viel Geduld, Takt und Spannkraft erfordern — aber du wirst dafür belohnt, reichlich belohnt durch das Vertrauen, das dir aus dem Herzen des Kindes entgegenwächst. Wem könnte ein suchendes, ratloses, weltfremdes Menschenkind größeres Vertrauen schenken als dem, der ihm allezeit ein sicherer und treuer Berater und Führer war? Es wird dir sein Vertrauen auch später bewahren und deinen Rat, deine Hilfe in Fällen erbitten, in denen du nichts sehnlicher wünschest, als daß du gehört werden möchtest. Und das wird für beide ein rechter Gewinn und eine schöne Beglückung sein.
Kinderfragen
Die geistige Riesenarbeit, die jedes Kind in seinen ersten fünf Lebensjahren leistet, ist größer als die gesamte Arbeit eines späteren Gelehrtenlebens; mit den Kräften eines Atlas erfaßt es die ganze fremde Welt, um sie zu tragen und nicht von ihr fortgetragen zu werden; aus jeder neuen Berührung mit ihr schöpft die Erkenntnis frische Kraft, ein weiteres Stück zu meistern, und die Fragen sind nur ausgestreckte tastende Finger, um die Außenwelt desto fester zu packen. Alle die Verhältnisse, Menschen, Dinge, Begriffe und Vorstellungen, die uns ein langes Leben vertraut gemacht hat, stehen ihm mit einem Male vor dem staunenden Auge; von der Sonne am Himmel bis zum Wurm an der Erde gibt es nichts, das ihm nicht neu wäre und in ein Verhältnis zu dem kleinen Gehirn treten möchte. Täglich und stündlich schlägt eine fremde Sprache, in vielen Jahrhunderten zur schärfsten Ausprägung der feinsten Gedankenverbindungen gebildet, an das Ohr des Kindes; es hört abenteuerliche Worte und merkt, daß die Erwachsenen sich damit verständigen. Nicht ausgeschlossen möchte es sein aus dem Zauberkreis, den seine Lieben da um sich ziehen — und so liest es die Worte von den Lippen, wälzt sie wundernd im Gehirn und fragt endlich nach dem Schlüssel zu dem großen Geheimnis, das es allenthalben umgibt.
R. Penzig, Ernste Antworten auf Kinderfragen. (Verlag von G. Reimer Berlin.)
Das Fragen des Kindes
wird als Bildungsmittel fast ganz allgemein unterschätzt. Der mit dem Sprechenlernen immer mächtiger sich entfaltende Kausalitätstrieb, das für Eltern und Erzieher manchmal kaum zu ertragende Warumfragen hat seine volle Berechtigung und sollte nicht, wie es leider allzuoft geschieht, überhört, absichtlich nicht beantwortet, absichtlich falsch beantwortet werden. Ich habe von Anfang an meinem Knaben nach bestem Wissen jedesmal eine ihm verständliche, nicht wahrheitswidrige Antwort auf seine Fragen gegeben, und bemerkt, daß dadurch später im fünften, sechsten und besonders im siebenten Jahre die Fragen, weil die früheren Antworten behalten werden, immer intelligenter ausfallen. Antwortet man dagegen gar nicht oder mit Scherzen und Märchen, so ist es nicht zu verwundern, daß ein Kind selbst bei vorzüglicher Anlage alberne und törichte Fragen tut und unlogisch denkt, was schwerlich bei richtiger Beantwortung der Fragen und passender Zurechtweisung geschieht, abgesehen vom Großziehen von Aberglauben.
W. Preyer, Die Seele des Kindes. (Verlag von Th. Grieben, Leipzig.)
Plappermäulchen
I.
Ich ging mit dem kleinen Mädel über das grüne Land. Das Kind nützte die Zeit, wie wir Große es nicht mit demselben Fleiße und Erfolge vermögen. Alles, was da blühte, kroch und flog, nahm es wahr und fragte mich darüber gründlich aus. Wer wissen will, daß er nichts weiß, braucht kaum erst den Monolog des „Faust“ zu lesen, noch fast besser wird er's inne, wenn er mit fragenden Kindern umgeht. Was ich der Kleinen ungenügend beantwortete, erklärte sie sich selbst. Auf die Frage, was die Maikäfer frühstücken, war am Ende eine Antwort nicht so schwer; diese Herren frühstücken Salat aus frischen Baumblättern und trinken Tau dazu. Andere Tierlein saugen Milchkaffee mit Zucker aus Stengeln, Blättern und Blüten, die Ameisen füttern und melken Blattläuse oder schlachten Würmchen und Käferlein zum Gabelfrühstück. — Schlechter ging es mir bei der Frage, weshalb die Käfer nicht kochen können. Nun, erklärte das Mädel, einfach, weil sie in den Suppentopf fallen würden. — Warum haben Hasen keine Hosen an? Ja, weil sie eben keine Buben sind. — Wichtiger war die Frage, weshalb Katzen keine Handschuhe tragen . . . . .
II.
„Willst du heute ruhig schlafen, wenn ich dich ins Bett gelegt haben werde?“ fragt die Mutter.
„Wöllen tu ich wohl“, sagt die Kleine.
„Wirst du mir das versprechen?“
„Ganz versprechen kann ich's nicht. Wenn ein Krug auf den Boden fällt, kann ich nicht schlafen.“
„Kind, es fällt ja keiner auf den Boden.“
„Wenn mich eine Fliege beißt, kann ich auch nicht schlafen. Wöllen tu ich schon, aber ich weiß es nicht gewiß, ob ich kann.“
„Wirst du aber wenigstens ruhig sein und nicht schwätzen?“
Da schweigt die kleine Martha. Wach im Bette liegen und nicht schwätzen dürfen — das ist sehr hart! Wir sind ja ein Frauenzimmerchen, ein kleines. Wir sprechen am Morgen das erste Wort, das im Hause gesprochen wird: „Mutter, bist schon wach? Haben die Engel auch Strümpfe an? Sind heute die Kirschen schon reif? Warum sind die Wolken? Damit es regnen kann? Aber es soll ja nicht regnen. Werden die Schnecken auch naß, wenn es regnet?“ So geht es fort den ganzen Tag. Keine geistige Arbeit ist so schwer, als einem Kinde all' die Fragen, wenn auch bloß einfach zu beantworten. Versucht es nur einmal, ihr werdet bald sehen, daß euer Verstand und Wissen vielleicht gerade ausreicht für Erwachsene, daß er aber ganz unzulänglich ist bei Kindern.
Nun, das zwölf- und vierzehnstündige Frage- und Antwortspiel soll im Bettchen sein Ende finden. Und weil die Mutter sehr darauf dringt, so verspricht es endlich das Dirndl, es wolle ruhig sein, ganz ruhig. — Und sie hält Wort. Wenn sie es einmal versprochen hat, dann bleibt's dabei, ein Wort, ein Mädel! Was es aber der Kleinen für Anstrengung kostet, das wird nicht erwogen. Die Augenlider preßt sie aufeinander, es hilft nichts, sie kann nicht schlafen. Den kleinen roten Mund hält sie zu mit beiden Händchen, die sie darauf übereinanderlegt, denn sie will sagen, daß sie nicht schlafen kann, sie will fragen, ob der Krug gewiß nicht zu Boden fallen wird oder ob auf dem Jahrmarkte auch lebendige Nilpferde zu haben sind. Und sie darf nicht und darf nicht, denn sie hat's versprochen, nicht mehr zu schwätzen. — Plötzlich ist alle Not zu Ende, sie braucht die Lider nicht mehr einzupressen, den Mund nicht mehr zuzuhalten — sie liegt im süßen, heiligen Kinderschlummer . . . .
P. Rosegger, Mein Weltleben. (Verlag von L. Staackmann, Leipzig.)
Gib dem Kinde Beschäftigung!
Keiner hat die Natur des Kindes besser erkannt als Fröbel, darum ist kein Erziehungsgrundsatz treffender und glücklicher als der, den er den Eltern und Erziehern gab: Das Kind muß von Anfang an als ein schöpferisches Wesen behandelt werden! Der lebhafte Stoffwechsel, der dem kindlichen Organismus eigen ist, bedingt ein außerordentlich reges Bedürfnis nach Bewegung und Beschäftigung. Ein gesundes Kind kann nicht still, nicht untätig sein. Das kleine Mäulchen muß plappern und fragen, die Augen machen Entdeckungsreisen, die Hände greifen, spielen, formen, schaffen, die Füße trippeln immerzu, — selbst unter dem Tische baumeln die ewig unruhigen Beinchen noch. In diesem frohen Tun und freien Bewegen fühlt sich das Kind am wohlsten und glücklichsten: „Was heiter und selig macht und erhält, ist bloß Tätigkeit.“ Mag uns diese Tätigkeit als Spiel und Tändelei erscheinen, dem Kinde ist sie ernst und wichtig — sieh, wie seine Wangen glühen, seine Augen leuchten; beobachte, wie sein Geist arbeitet: fürwahr, das Kind ist ein schöpferisches Wesen! Was könnte wohl näher liegen als der Gedanke, daß dieser starke schöpferische Trieb in den Mittelpunkt des ganzen Erziehungswerkes gestellt werden muß. Hast du nicht ein weinerliches, übellauniges und unfolgsames Kind, wenn es sich langweilt, wenn es stillsitzen und „artig sein“ soll? Dagegen, wenn es eifrig und angeregt beschäftigt ist, siehst und hörst du von ihm nichts. Du hast über Unarten und lose Streiche zu klagen, die dein Kind verübt — hast du auch dafür gesorgt, daß der Tätigkeitsdrang in richtige Bahnen gelenkt und durch unterhaltsame Beschäftigung befriedigt wurde? Richte im Hof oder Garten einen Sandhaufen her; zeige den Kindern, wie man
aus Lehm oder Knetmasse allerhand lustige Dinge formen kann; laß vom Weidenzweig ein Pfeifchen klopfen oder hilf den Knaben, aus Baumrinde ein Schifflein zu schnitzen — du wirst erstaunt sein, welch artige und heitere und anstellige Kinder du hast. Ein festeres und schöneres Band gegenseitiger Wertschätzung und Liebe wird beide Teile umschlingen, und wie durch die Jahrtausende am Menschengeschlecht, wird auch am Wachsen und Werden des Einzelnen die *Arbeit* ihre beglückenden und erhebenden Segenskräfte offenbaren.Wann sind die Kinder am glücklichsten?
Wenn sie etwas tun, etwas arbeiten, etwas bilden, bauen oder zerstören dürfen. Ja, zerstören! Das ist aber schlimm, nicht wahr? — Beruhigen Sie sich, vergessen Sie nicht, daß der Zerstörungstrieb der Kinder nichts anderes ist als der ungebildete, unbefriedigte, führerlose, machtvolle Tätigkeits- und Schaffenstrieb der Kinder. Ein Kind mit Zerstörungstrieb ist ein Rächer und Richter für unsere Erziehungssünden. Bilden und leiten wir den Schaffenstrieb des Kindes, und es wird nicht zerstören.
Welches Glück für die Kinder, wenn sie mit Schaufel und Kelle, Beil und Hammer, Messer und Säge, Meißel und Bohrer, Hobel und Feile, Schere und Nadel hantieren dürfen! Wie glänzen ihre Augen! Wie atmet alles an ihnen Befriedigung, Freude und Glück!
Robert Seidel, Die Handarbeit usw. (Verlag von Orell Füßli, Zürich.)
Der Sandhaufen
Ist die Sonne die beste Kinderwärterin, so ist der Sandhaufen des Kindes liebster Spielkamerad. Mehr als dies: man hat ihn sogar den größten Pädagogen genannt. In der Tat gehen von ihm ganz außerordentliche erzieherische Wirkungen aus. Er trägt dem Beschäftigungstriebe, der das Lebenselement des Kindes ausmacht, in weitestem Maße Rechnung und lehrt unvermerkt, aber eindringlich den Gebrauch der Sinne. Besonders der für die Gewinnung klarer Empfindungen und scharf ausgeprägter Eindrücke so wichtige Tastsinn erfährt erhöhte Förderung. Das Kind gelangt zu einer frischen und unmittelbaren Auffassung des Körperlichen und wird zur Aktivität tatkräftig angeleitet. Seine Welt liegt dort, wo es sich mit seinen Fingern und Händen betätigen, wo es aus eigener Kraft schaffen, bauen, produzieren kann. Nicht bloß, daß es dabei die Gesundheit stärkt und Muskelkräfte entwickelt, es entfaltet auch seine Phantasie und eignet sich unwillkürlich und mühelos eine große Anzahl von physikalischen und mathematischen Grundsätzen an. Ein Reichtum von Gestalten und Formen tut sich auf dem Sandhaufen dem kindlichen Geiste auf, eine Fülle von Tatsachen und Wahrheiten, Erscheinungen und Ereignissen tritt seiner Vorstellungswelt entgegen. Und wahre Ströme von Glück quellen aus den Seelen der Kinder hervor! Willst du heitere, schaffende, glückliche Kinder sehen, suche sie auf den Sandhaufen der Gärten und Spielplätze, dort findest du sie, wenn nirgends sonst.
Unvergeßliche Seligkeit
Ein kleines stumpfes Beil und eine Anzahl Nägel wurden mir überreicht, dann ließ man mich allein, und ich durfte mit dem Beil an den Holzstufen eines Treppenhauses beliebig zimmern, die Nägel einschlagen, wohin ich wollte; alles rund herum war dermaßen schadhaft, daß ich nichts beschädigen konnte. Warum verschaffte mir nun das Nägeleinschlagen solch eine innige Befriedigung, daß ich dieses Geschäft unersättlich Tag für Tag von neuem betreiben mochte, während ich der Spiele immer bald überdrüssig
wurde, so daß ich nach Abwechslung, nach Gesellschaft, nach Anleitung verlangte? Weil ich *mit Anstrengung zielmäßig arbeitete*, und weil ich etwas Sichtbares und Haltbares leistete. Ich konnte am folgenden Tage darauf zurückblicken, was ich am Tage vorher gezimmert, und durfte das Werk fortsetzen. Ich kostete jetzt zum erstenmal statt des bisherigen luftigen, trügerischen Spielglücks ein echteres, ernsthafteres: das Handwerkerglück. Weil ich aber nicht unter fremder Anleitung, sondern frei nach eigener Erfindung die Nägel einschlug, war es zugleich *Schöpferglück.* Darum vermochte mich die mühsame Arbeit so innig und so unersättlich zu befriedigen.Carl Spitteler, Meine frühesten Erlebnisse. (Süddeutsche Monatshefte, München.)
Die Unnatur der Schulerziehung
Ich bin ja gerade kein pädagogischer Fachmann, aber das sehe ich doch, daß unsere heutige Erziehungspraxis die Möglichkeiten, die für sie in diesem einfachen Kinderspiel enthalten sind, noch gar nicht auszunutzen verstanden hat. Wo hätte sie je diesen Urtrieb zum Schaffen gepflegt? Wo diese Lust am Formen langsam in die Lernpraxis hinüberzuleiten verstanden? Und dann die vielen sozialen Momente, die hier mitspielen und das Kind langsam auf das Leben vorbereiten! Hier lernen sie spielend vollkommen, worum sich die Schuldisziplin immer noch probierend bemüht: die genossenschaftliche Zusammenarbeit der Menschen untereinander. Der Wert der Schule bleibt unbestritten, wenn ich meine, der junge Mensch würde ein besseres Gesellschaftswesen sein als heute, wenn man ihn aus dem Spiel der Jugend organisch in die Arbeit der Mannheit hätte hinüberwachsen lassen, anstatt ihn in den künstlichen und darum ewig unvollkommenen Apparat der Schule zu zwängen.
Paul Bröcker, Bei spielenden Kindern im Sande. (Kultur der Familie, Leipzig.)
Sei wahrhaftig!
Soll die Erziehung aus dem Kinde eine charaktervolle Persönlichkeit machen helfen, so ist die Erziehung zur Wahrhaftigkeit ein unerläßliches Erfordernis. Zur Wahrhaftigkeit gelangt das Kind aber nur, wenn es geleitet wird durch die Kraft eines mustergültigen Vorbildes. Hier ist das gute Beispiel alles. Nimm es mit der Wahrheit in allen Stücken peinlich genau, übertreibe nicht, vermeide auch Scherzlügen, die von den Kindern leicht mißverstanden werden können. Suche nicht durch Versprechungen oder Drohungen, die du nicht halten kannst oder deren Verwirklichung außerhalb deiner Macht liegt, etwas bei Kindern zu erreichen. Der schwarze Mann kommt! Knecht Rupprecht ist draußen! Der Polizist wird dich holen! — Damit kannst du das Kind ein paarmal schrecken, aber bald wird es merken, daß es zum besten gehalten wird; es stumpft ab gegen Wahrheit und Lüge, nimmt es mit Uebertreibungen, Ungenauigkeiten und direkten Unwahrheiten nicht mehr genau, wird schließlich ein Opfer der Lügenhaftigkeit, die Menschen völlig beherrschen kann. Eltern, die sich in Gegenwart der Kinder vor Fremden verleugnen lassen, in der Eisenbahn mit Wissen der Kinder ein falsches Alter angeben, auf dem Entschuldigungszettel der Kinder unzutreffende Angaben machen, vor Fremden anders reden als zu Hause usw., sind Erzieher zur Unwahrhaftigkeit. Ihre Kinder wachsen unter dem Eindrucke heran, daß ihre Erzieher ehrlich sind; das feinere Unterscheidungsvermögen von Wahrheit und Unwahrheit geht ihnen verloren. Bewußte Unwahrheit wird von Kindern meist nur dort gesagt, wo das rechte Vertrauen fehlt und wo zu große Strenge herrscht. Die Lügen der Kinder, sagt Rousseau, sind das Werk der Erzieher. Im
*einwandfreien Vorbild des Erziehers* liegt die beste, um nicht zu sagen die einzige Erziehung zur Wahrhaftigkeit.Wie der kleine Max das Lügen lernte
Unter meinem Fenster spielen Kinder, mir wohlbekannt; Nachbarskinder, die gut erzogen sind. Gegen Dunkelwerden öffnet sich ein Fenster oben, und es ruft die Stimme der Mutter hinab: „Kommt nun herauf, Kinder, es wird kühl und dunkel!“ — „Mutter, nur noch ein Weilchen laß uns spielen!“ Aber das Fenster hat sich schon geschlossen. Der kleine Max scheint unentschlossen, ob er dem Gebote folgen soll. Er geht ein paar Schritte nach der Haustüre, sieht prüfend hinauf und bleibt wieder stehen, den munter unter den Bäumen springenden Spielgenossen zusehend. Da kommt das Dienstmädchen aus dem Hause. Sie, die kaum gehorchen gelernt hat, kann noch weniger befehlen. „Komm, Max!“ ruft sie. „Wenn du nicht kommst, so kommt dort gleich der Essenkehrer um die Ecke und nimmt dich mit.“ — Statt sofort auf Erfüllung, auf rasche Erfüllung des Gebots zu dringen, geht auch sie ins Haus zurück. Max sieht nach der drohenden Ecke; kein Essenkehrer kommt, keine drohende Gestalt hindert sein Bleiben. Er lächelt, dreht sich um und spielt weiter, denn er sieht mit Staunen, daß man ihm etwas sagt, was nicht wahr ist. Er merkt auch, daß man es getan hat, um einen Wunsch, einen Willen durchzusetzen. Kinder sehen meist wahr und tiefer, obwohl ganz instinktiv, in die Verhältnisse, als mancher Erwachsene meint. Auch Max hat heute viel gelernt, nur nichts Gutes. Max weiß nun, wie man lügen muß.
Vertrauen gegen Vertrauen
Ich kannte einen Knaben, der häufig log. Die Mutter wußte das und zweifelte leicht an den Worten. Wieder war etwas Unrechtes geschehen, und wieder hatte der Knabe hartnäckig die Täterschaft geleugnet. Am nächsten Tage zeigte sich der Beweis für seine Schuld. „Aber kannst du denn gar nicht die Wahrheit sprechen?“ sagte die Mutter ganz verzweifelt, „was soll ich nur mit dir machen, ich kann dich doch nicht immer schlagen!“ Der Knabe hatte in verstocktem Schweigen dagestanden. Als er die schmerzvollen Worte der Mutter hörte, ergriff auch ihn der Schmerz. „Du glaubst mir ja doch nicht,“ schluchzte er leidenschaftlich, „ob ich lüge oder die Wahrheit sage, es ist alles einerlei. Nur den andern, den Geschwistern, glaubst du, wenn sie ja oder nein sagen, mir nie! Du glaubst, ich lüge immer!“ Wie ein schwerer Vorwurf traf das Wort des vierzehnjährigen Knaben die Seele der Mutter. „Du hast recht,“ sagte sie. „Ich habe dir nicht immer geglaubt. Ich verspreche dir, von jetzt an will ich dir immer glauben, ich will nicht mehr an dem zweifeln, was du mir sagst. Aber versprich auch du mir, immer wahr zu sein. Und wenn du hinterher einmal denkst, es war doch nicht so, wie ich's heute der Mutter sagte, dann komme zu mir, fasse mich um und sage: Ganz so war's doch nicht, Muttchen; ich habe mich da wieder einmal geirrt — willst du, mein Kind?“
Die Mutter hat ihr Wort gehalten. Noch manchmal mußte sie zweifeln an den Worten ihres Sohnes; aber sie zeigte es ihm nie. Sie nahm sein Wort stets als etwas Unbestreitbares hin und dachte nicht weiter darüber nach. Der Knabe kam niemals sich entschuldigen und sie verstand auch das Gefühl der Beschämung, das ihn daran hinderte. Aber sie sah mit inniger Freude die allmähliche Umwandlung seines Wesens, und sein freies, offenes Auge war ihr der schönste Lohn.
Laura Frost, Aus unsern vier Wänden. (Verlag von B. G. Teubner, Leipzig.)
Lüge und Ohrfeige
Falsch ist der alte pädagogische Grundsatz, daß auf eine kräftige Lüge eine kräftige Ohrfeige gehöre. Dabei handelt es sich nur um eine sofortige Befriedigung des verärgerten Erziehers, der in diesem Augenblicke Besseres zu tun hätte. Er soll nämlich der Frage nachgehen, wie das Kind zum Lügen kommt, wie die Lüge im Elternhause bestraft wird. Je nachdem das Kind, das der Lüge überführt ist, sich im Verhör frech, grob oder ängstlich, schüchtern, schweigsam, verstockt oder heuchlerisch, scheinheilig, redselig, unschuldig oder beleidigt benimmt, wird der feinfühlende Pädagoge gewisse Schlußfolgerungen über Leben, Verhältnisse, Umgang oder erzieherische Behandlung des Schülers außer der Schule ziehen können. Dann wird er ohne Mühe das Kind milde zu beurteilen lernen.
Kuhn-Kelly, Lüge und Ohrfeige. (Verlag von Beyer & Söhne, Langensalza.)
Je weniger Prügel, desto weniger Lügen
Ein lügenhafter Junge von zehn Jahren, der bisher stets Prügel bekommen hat, wenn der Vater von einer seiner Lügen erfuhr, wird gewiß höchst verwundert sein, wenn er plötzlich keine mehr bekäme. Er wird sich gewiß zunächst sagen: Das ist ja herrlich, da kann ich ja jetzt nach Belieben drauf los lügen. Er wird auch noch jahrelang weiter lügen, selbst wenn er von Vater und Mutter niemals eine Lüge hört. Denn, wo die Lügenhaftigkeit einmal eingewurzelt ist, da ist sie sehr schwer wieder auszutreiben. Ob nicht aber doch früher, als man es erwartet, der Tag kommt, an dem er wenigstens die Eltern nicht mehr belügt? Weshalb lügt er denn? In den allermeisten Fällen aus Furcht vor Prügeln. Zum Teil wohl auch, um die Eltern zu ärgern. Das ist seine Rache für frühere Prügel. Wenn er nun aber keine Prügel und überhaupt keine Strafe mehr zu fürchten, auch keine frühere Prügel mehr zu rächen hat, so fehlt ihm ja in vielen Fällen jeder Anlaß zum Lügen. Andere Leute, insbesondere die Lehrer, die er als seine geschworenen Feinde ansieht, wird er vermutlich weiter belügen. Aber die Eltern nicht, sobald er weiß, daß er von ihnen nichts Böses zu fürchten hat, sondern im Gegenteil bei ihnen Unterstützung findet in jeder schwierigen Lage. — Und es sollte kein anderes Mittel geben, ihm bemerklich zu machen, daß die Eltern mit seiner Lüge höchst unzufrieden sind? Man halte doch nur die Kinder nicht für dümmer als sie sind. Ein Junge, der da sieht, daß seine Eltern niemals lügen und vor jeder Lüge Abscheu empfinden, der sollte sich auf die Dauer einbilden, daß sie gerade mit seiner Lüge eine Ausnahme machen werden? Wer es einmal mit der hier vorgeschlagenen Methode versuchen wollte, dürfte zu überraschenden Ergebnissen gelangen. Aber freilich, das ist notwendig, daß man den Abscheu vor der Lüge nicht erkünstelt, sondern wirklich ehrlich empfindet.
Julian Borchardt, Wie sollen wir unsere Kinder ohne Prügel erziehen? (Verlag des „Vorwärts“, Berlin.)
Erziehung zur Lüge
Vor einer vollzählig versammelten schweizerischen Schulvorsteherschaft steht ein zehnjähriger Knabe. Es entwickelt sich folgendes Strafgericht.
Der Präsident: „Warum bist du die letzten fünf Tage nicht zur Schule gekommen?“
Der Knabe: „Mutter war krank, ich mußte daheim bleiben.“
Präsident: „Was hat deine Mutter für eine Krankheit?“
Der Knabe: „Ich weiß es nicht.“
Präsident: „So, du weißt es nicht; war die Mutter im Bett?“
„Der Knabe: „Nein.“
Präsident: „Was hast du daheim getan?“
Der Knabe: „Geschafft.“
Präsident: „Was geschafft?“
Der Knabe: „Allerlei.“
Präsident: „Sag' die Wahrheit, du bist jeden Tag Schlittschuh gelaufen.“
Der Knabe: „Wer hat das gesagt?“
Präsident: „Man hat dich gesehen, deine Mutter war nicht krank; he, Bürschchen, ist's nicht so; warum hast du die Schule versäumt, aber lüg' nicht mehr, sag' uns die Wahrheit, sonst gibt's Schläge. Mußtest du daheim bleiben?“
Der Knabe: „Nein, ich wollte nur lieber auf das Eis, darum sagte ich daheim, es sei keine Schule, und zum Lehrer, ich müßte daheim bleiben.“
Präsident: „So, so, also daheim und in der Schule gelogen, was?“
Der Knabe: „Ich tu's nicht mehr!“
Präsident: „So, nun noch etwas. Der Lehrer sagt: Du nehmest den Kindern Sachen weg. Die werden überall gesucht, und nach drei, vier Tagen bringst du sie wieder zurück. Wo tust du die Sachen hin?“
Der Knabe: „Ich verstecke sie daheim!“
Präsident: „Warum tust du das?“
Der Knabe: „Weil es lustig ist, wenn alle suchen.“
Präsident: „Hm, eine eigentümliche Freude, die aber streng bestraft wird. Du kannst abtreten dort ins Nebenzimmer, bis ich dich rufe. Was sagen Sie, meine Herren, wie wollen wir den verdorbenen Jungen strafen?“
Verschiedene Stimmen: „Prügel, Arrest, Nachsitzen der geschwänzten Stunden.“
Da bittet der Nachbar des Knaben, der zufällig auch im Schulrat sitzt, ums Wort.
„Meine Herren, ein Wort. Wollen wir nicht lieber den Vater strafen als den Buben?“
Allgemeine Verwunderung.
Präsident: „Bitte, erklären Sie, Herr Doktor, den sonderbaren Wunsch.“
Doktor: „So hören Sie, meine Herren. Ich wohne gleich nebenan, wo der kleine Sünder wohnt, und habe mir oftmals Gedanken über die Erziehung des Kleinen gemacht. Im Garten hat der Vater oft mit den Kleinen Ball gespielt. Arnold war damals drei bis vier Jahre alt. Auf einmal ein lautes Geheul des Knaben, der Ball ist fort! Der Kleine sucht und schreit. Der Vater steht dabei, nach ungefähr fünf Minuten nimmt er den Ball aus seiner Tasche: „Siehst du, nun haben wir ihn wiedergefunden.“ Der Knabe jauchzt: „Vater, du hast ihn gehabt, drum hab' ich ihn nicht gefunden.“ Meine Frau hat oft beobachtet, wie Arnold es mit unsern Kindern genau so machte. Der Vater hat ihn auch gelehrt, wie man schnell Zucker vom Tisch nehmen kann, ohne daß es Mama sieht. Der Knabe soll darin eine große Fertigkeit haben. Einmal steht der Knabe lange Zeit an der Ecke bei meinem Garten. Ich hab' ihn beobachtet. Er erwartet etwas, denk' ich bei mir. Ich frag' ihn: „Warum stehst du so lang allein? „Ich muß auf den Herrn warten, den Reisenden mit dem schwarzen Köfferli. Dann muß ich ihm sagen: Der Vater ist nicht daheim, er ist zu einer Beerdigung nach Zürich.“ „So, wer ist denn in Zürich gestorben?“ „Niemand, aber der Reisende darf halt nicht kommen, der Vater hat jetzt kein Geld. Ja, und der Vater hat gesagt, wenn ich's gut mache, dann gibt er mir 20 Rappen. Dort kommt er, das ist er. Adieu, Herr Doktor.“ Ich hab' schon damals den Knaben bedauert, daß man ihn so erzieht! Und im Geschäft, in dem der Vater arbeitet, hat der Knabe ihn schon oft mit Krankheit entschuldigen müssen, während dem Vater nur die Arbeitslust fehlte. Was Wunder, wenn der aufgeweckte Knabe die gleichen Manipulationen macht. Nach meiner Ansicht gehört die Strafe dem Vater.“
Dem Knaben wird das Ungehörige seiner Handlungsweise erklärt, und er wird gewarnt, je wieder so was zu machen.
Der Vater erhält ein Schreiben, das ihm nicht gefällt. Zu Hause erhält der Knabe Prügel, weil er die Wahrheit gestand. Ist das nicht grausam?
(Zeitschrift für Jugenderziehung.)
Der Besuch
Nun ja, der Onkel Franz war gekommen und hatte der Mutter einen großen, weißen Pfennig gegeben, und für ihn, den Alfred, eine Zuckertüte mitgebracht.
Es war nicht schön, in der engen Stube zu sein mit der Tüte in der Hand und so einem dummen Gefühl im Herzen — schnell schlüpfte der Kleine auf die Straße.
Das ist so grausig schön, wenn die Straßenbahnen vorübersausen, und wenn die Lastwagen kommen, wo man sich dranhängen kann . . .
Und was die Pferde für lange Beine haben . . .
Und Wenks Willi ist auch da . . .
„Ja, wir haben Besuch,“ sagte er wichtigtuend zu seinen Spielkameraden, und gab ihnen von seinem Zuckerzeug, „der Onkel Franz ist da, er hat mir eine Tüte mitgebracht und meiner Mutter einen großen, großen, weißen Pfennig gegeben.“
Als er nun genügend getollt und gespielt hatte und nach Hause kam, empfing ihn die Mutter mit Schelten.
„Denk dir nur,“ sagt sie zu ihrem Mann, „dein Bruder war da und brachte mir die fünf Mark zurück und für Alfred eine Zuckertüte — und was macht der Balg? Er sagt nicht dankschön, dafür geht er auf die Straße und erzählt allen Kindern, daß der Onkel gekommen ist und mir Geld gegeben hat. So bringt mich der Bengel ins Gerede . . .“
„O du —“, sie hob die Hand zum Schlagen, denn das Schimpfen hatte sie in Wut gebracht — aber der Vater wurde ernst und sagte: „Laß die Prügel, Frau. Alfred ist ein Kind; willst du, daß er lügen soll?“
Dem Alfred stiegen die Tränen in die Augen. Er war sich doch keiner Schuld bewußt. Er hatte sich so gefreut, was Neues zu erzählen, und es war keine Lüge. Ja, er war stolz, daß der Onkel Franz zu seiner Mutter kam.
Max Barthel.
Laß das Kind einen Willen haben!
Der Mensch soll einen freien, starken, selbständigen Willen besitzen. Darin liegt der Wert und die Größe seiner Persönlichkeit. Alle Erziehungsarbeit am Menschen gipfelt darum in der Willensbildung. Bisher war Art und Ziel der Willensbildung immer vom Herrschaftsbedürfnis der besitzenden Klasse diktiert. Nun aber das Proletariat zum Klassenbewußtsein erwacht ist und Kämpfe für seine Klasseninteressen führt, wollen wir, daß die Jugend als ein freies, starkes und selbstbewußtes Geschlecht heranwachse, dessen Wille auf das höchste aller Kulturziele gerichtet ist: die Befreiung der Menschheit aus Armut, Knechtschaft und Finsternis. Wer die Wollenden und Kämpfenden ihrer wichtigsten Waffen in diesem Kampfe, — ihres tapferen und entschlossenen Willens — beraubt, begeht ein schweres Verbrechen an der Zukunft, eine Sünde wider den heiligen Geist der Freiheit und des Menschentums. Das möge sich besonders der gesagt sein lassen, der noch an die Allmacht des Gehorsams in der Erziehung glaubt. Gehorsam ist notwendig und nützlich; aber sittliche und pädagogische Berechtigung hat er nur dann, wenn er getragen wird von Einsicht und freiwilliger Entschließung. Jeder erzwungene, gewaltsame, mit Widerstreben geleistete Gehorsam beeinträchtigt die Schulung des Willens, gefährdet die Entwickelung der Persönlichkeit, macht den Menschen zu einem willenlosen Kadaver. Darum laß das Kind einen freien, selbständigen Willen haben, damit es ihn durch Gebrauch und Uebung kräftige und schule; verbiete nicht zu viel; enge nicht die Selbstbestimmung des Kindes so unerträglich ein, daß dieses zum Sklaven deiner Befehle und deiner Willkür wird. Ein Kind soll alles tun dürfen, was nicht die Rechte und das Wohlergehen anderer stört und gefährdet.
Nicht brechen, sondern biegen
Oft ist mir von Müttern die Frage vorgelegt worden, ob es durchaus richtig sei, den Eigenwillen des Kindes zu brechen, wozu die Väter in der Regel sehr geneigt sind. In der Tat ist ein starker selbstbewußter Eigenwille in unserer Zeit der Reglementierung und Disziplinierung nicht nur der Kinder etwas so Wertvolles, daß die Frage sehr berechtigt erscheint. Nur ist sie allemal zu spät gestellt. Brechen muß man nur da, wo etwas zu hart geworden ist, um gebogen zu werden. Daß überhaupt die Frage nach dem Brechen des Willens auftauchen kann, ist stets schon ein Versehen der ersten Erziehung, die mindestens genau mit der ersten Lebensstunde des Kindes beginnen sollte. Der Wille des Säuglings ist nicht zu brechen, sondern zu lenken. Wer aber aus Bequemlichkeit oder Gutherzigkeit dem Wickelkind auch seine unberechtigten Wünsche erfüllt, der kauft unruhige und sorgenvolle Jahrzehnte für ein Viertelstündchen äußerer Ruhe. Ein energischer, selbstbewußter, starker und ungebrochener Wille wächst auch da heran, wo es die Eltern verstanden haben, mit leisestem und leichtestem Zug und Gegendruck dem jungen Willensstamm die Richtung zu geben.
R. Penzig, Ernste Antworten auf Kinderfragen. (Verlag von G. Reimer, Berlin.)
Die unduldsamen Mütter
Dürfen ihre Kinder auch nur einen Tag im Jahre einmal nach ihrem Willen leben? Oder werden sie nicht vielmehr jeden Tag mit unnützen Verboten beladen und geplagt? Das sollen sie nicht tun und jenes sollen sie lassen. Begonnene Spiele müssen sie aus nichtigen Gründen unterbrechen, laute Spiele sind verboten, übermütige werden mit einer Tracht Prügel abgeschlossen. Sie wollen der Mutter beim Kochen, bei der Wäsche, beim Aufräumen
helfen. Aber sofort wehrt die Mutter ab: „Du machst ja nur Unordnung.“ So setzt sie das Kind auf den Schemel und stopft ihm den Mund mit einem Stück Brot. Das Kind soll stillsitzen, wenn es ihm gerade in allen Gliedern zuckt nach Bewegung; es wird in die Ecke zu seiner Puppe verbannt, wo es eben zu seinem Entzücken eine Schüssel mit Wasser entdeckt hatte; es muß in der Stube hocken, wenn es grade gar so gerne draußen im Sande spielen möchte. So wird seine Lust zehnmal am Tage in Unlust gewandelt, sein Eifer in Untätigkeit, sein Frohsinn in Verdrossenheit, seine Betätigung in Langeweile. Und warum? Weil die Mutter immer grade anders will, und weil sie außerdem denkt, daß es falsch sei, *dem Kinde seinen Willen zu lassen.*Aber der Vater hat genau so wenig Achtung vor dem Kinde; er hat nur eine andere Methode. Wenn er daheim ist, sollen die Kinder stramm stehen in Respekt und Gehorsam. Wehe dem, dem der Sinn grade nach etwas anderem stünde, als nach dem, was der Vater befiehlt. Der Junge ist im tiefsten Herzen empört, wenn er von einer fesselnden Geschichte immer wieder weggerufen wird, bloß um dem Vater den Stiefelknecht oder Streichhölzer oder die Zeitung zu bringen. Er bringt natürlich, weil er weiß, daß er muß; aber er denkt nicht daran, es gern zu tun. Niemals wird er eine Arbeit gern tun, die dieser gewalttätige Vater ihm aufdrängt.
Hulda Maurenbrecher, Wachstum und Schöpfung. (Verlag von E. Reinhard, München.)
Von den moralischen Gängelbändern
Der Mensch hat gegen alle Gebote und Verbote eine natürliche Abneigung. Er will immer gern seinen eigenen Willen tun; zweifelst du daran, mein Leser, so bemerke nur selbst, was in dir vorgeht, wenn deine Freiheit durch Gebote und Verbote eingeschränkt wird. So wie bei den Kindern die Menschwerdung eintritt, wie die Geisteskräfte sich entwickeln, zeigt sich auch die Abneigung gegen Gebote und Verbote. Wenn man nun durch Gebote und Verbote und durch die damit verknüpften Strafen und Belohnungen sie zu gängeln sucht, so entsteht Unwille und Abneigung gegen den Befehlshaber, es regt sich ein Bestreben, seinen Gesetzen auszuweichen, und wenn die Verbindung mit dem Gesetzgeber aufhört, dann zeigt sich Zügellosigkeit, weil nichts mehr da ist, das verhinderte, die Wünsche, die sie seither bei sich hegten und unterdrücken mußten, zu befriedigen.
Man lasse daher das Kind immmer seinen eigenen Willen tun, so wird es gut werden.
Ihr entsetzt euch über diese Behauptung? Ihr fragt, wozu es der Erzieher bedürfe, wenn das Kind immer seinen eigenen Willen tun sollte?
Liebe Freunde, meine Meinung ist diese: Der Erzieher soll den Zögling dahin zu bringen suchen, daß er selbst das Gute wolle und es tue, nicht deswegen, weil es ihm von anderen geboten und das Gegenteil verboten wird, weil er von der Befolgung des Gebots Belohnung, von der Uebertretung Strafe zu erwarten hat, sondern weil er es selbst will.
Chr. Gotth. Salzmann, Ameisenbüchlein. (Verlag von Ph. Reclam, Leipzig.)
Kein Eigenwille, und doch Tadel
Eine Mutter ist mit ihrem vierjährigen Knaben bei einer Freundin zu Besuch. Es wird Kaffee getrunken, und die Hausfrau fragt den kleinen Gast: „Willst du ein Stück Kuchen oder willst du lieber Buttersemmel haben?“
Der Knabe fordert Kuchen. Kaum hat er aber einige Bissen getan, so bittet er um Semmel.
Die Hausfrau ist bereit, sofort [Brötchen] holen zu lassen. Die Mutter dagegen erklärt, er könne ja dann lieber
Schwarzbrot bekommen. Auf die erneute Frage der Hausfrau entscheidet sich das Kind für Semmel. Diese wird vom Bäcker geholt.Nachdem der Knabe einen Bissen genommen hat, erklärt er, er möchte doch lieber Schwarzbrot haben.
Der Mutter ist es peinlich und sie offeriert dem Kinde nochmals Kuchen. Aber die höfliche Hausfrau läßt Schwarzbrot bringen. Kaum aber hat der Knabe ein wenig davon gegessen, so bekommt er Appetit nach Kuchen. Der Wunsch wird ihm nicht abgeschlagen, und er tut sich nun am Kuchen gütlich.
Verdient nun der vierjährige Knabe einen Tadel oder verdienen ihn die beiden Frauen? Zweifellos die letzteren, denn „es ist sinnlos, ein kleines Kind vor eine Wahl zu stellen. Um sich für oder wider ein Ding entscheiden zu können, muß man seine Vorteile oder Nachteile abschätzen können. Woher soll den Kindern solche Erfahrung kommen? Sie können sich in den meisten Fällen nur aufs Geradewohl entscheiden und müssen deshalb in ihren Entschlüssen häufig daneben greifen.“ Sie wissen noch nicht, was sie wollen, und das ist keine Schande für sie. Töricht ist es nur von den Erwachsenen, Kinder vor selbständige Entscheidungen zu stellen.
J. Prüfer, Kleinkinderpädagogik. (Verlag von Otto Nemnich, Leipzig.)
Der echte Eigensinn
„Du, is möchte mal deine Uhr sehn“, erklärte Teddy, der Kleine, an meiner Uhrkette zerrend und sich auf meinen Schoß wälzend.
„Au — jeee, ich auch!“ brüllte Bob, eiligst mein anderes Knie in Besitz nehmend und dabei ungeniert seine staubigen Schuhe an meinen Hosen und Rockschößen abwischend. Jeder Schlingel legte, um nicht zu fallen, seinen Arm um mich, während ich gehorsam das Glas aufklappte und ihnen das Zifferblatt meiner Dreihundertmarkuhr zeigte.
„Ich mein', ich möcht mal die Räderchen rumgehen sehn“, sagte Bob.
„Die Jedersen jumdehn sehn“, wiederholte das Echo.
„Nein, Kinder, hier kann ich die Uhr nicht aufmachen, hier ist es zu staubig.“
„Was schadt das?“ meinte Bob.
„Will Jedersen jumdehn sehn“, rief Teddy noch einmal.
„Das geht nicht, der böse Staub kommt ja hinein und macht die Räderchen kaput“, suchte ich ihn zu überreden.
„Will Jedersen jumdehn sehn“, wiederholte der Jüngling zum dritten Male.
„Ich sage dir doch, daß es nicht geht, Teddy. Staub verdirbt die Uhren.“ Meine Stimme klang ziemlich streng.
Die unschuldigen grauen Augen des Kindes sahen mich verwundert an, das schmutzige hübsche Mäulchen öffnete sich langsam und murmelte: „Will Jedersen jumdehn sehn.“
Entschlossen machte ich die Uhr zu und steckte sie ein. Da begann Teddys Unterlippe sich auf bedenkliche Weise nach außen zu kehren, immer weiter und weiter, so daß ich ernstlich fürchtete, nächstens die Knochenteile seines Kinns bloßgelegt zu sehen. Plötzlich klappte auch noch der Unterkiefer hernieder und unter mörderischem Geheul erklang es: „Aaah — h — h — h — h Je — der — sen jum — dehhhhn — seeeehn — —“.
„Karl“, rief ich — das ist eigentlich sein Taufname —, „Karl, hör' sofort mit dem Geheul auf, hörst du!“
„— — Sa — a —, — oo — u — hu — u — u — u — —“
„Wirst du gleich aufhören?“
„Je — der — sen — jum — — — — —“
„Teddy, hör' ich habe Bonbons in meinem Koffer, du bekommst auch nicht ein einziges davon, wenn du das Heulen nicht läßt.“
„Will sa bloß Jedersen — jum — dehn sehn, hu — u — hu — u — u —“
„Aber, lieber Teddy, guck doch mal, da kommen zwei Damen in einer feinen Kutsche, was werden die bloß denken, wenn sie dich so weinen sehen. Du sollst die Räderchen ja rumgehn sehn, sobald wir zu Hause sind.“
Der Wagen, in dem die Damen saßen, kam bedenklich näher, als mein Teddy aufs neue seine Stimme erhob: „Ah — h — h, Jedersen jumdehn sehn — iihhh — — —“
Ganz außer mir, riß ich die Uhr aus der Tasche, öffnete das Gehäuse und ließ ihn das Räderwerk betrachten.
John Habberton, Helenes Kinderchen. (Verlag von Josef Singer, Straßburg.)
Beobachte dein Kind!
Die Seele des Kindes umschließt eine eigene wunderbare Welt, die, von dunklen Trieben und Instinkten getragen, von unkontrollierten und noch ungezügelten Affekten beherrscht, auf tausenderlei Art und Unart sich auslebt und in einer unendlichen Menge von Versuchen und Betätigungen, Wünschen und Sehnsüchten jeweilig Ausdruck und Form findet. Wie durch ein Märchenland schreitet das kleine Kind durch diese Welt, tastend und spielend, sinnenfroh, unbewußt . . . Dem Erzieher soll die Welt des Kindes bewußt und vertraut, in aller Eigenart bekannt und gegenwärtig sein. Er soll sie kennen in all ihren Schönheiten und Reichtümern, wie in ihren Mängeln und Unausgeglichenheiten. Wie ein aufgeschlagenes Buch soll das Innere des Kindes vor seinen Blicken liegen. Der beste Beobachter und Kenner der Kinderseele wird der beste Erzieher des Kindes sein. Diese Kinderseele erfordert freilich ein ernstes, tiefes, fleißiges Studium. Wie das Kind geistig lebt und arbeitet, wie es spricht, nachdenkt, spielt und schafft . . . das gilt es zu beobachten, zu vergleichen, zu prüfen, da sind Ursachen zu erforschen, Zusammenhänge aufzudecken, Wirkungen zu verfolgen. Alles ist noch im Werden und Wachsen, ein beständiges Keimen und Drängen vollzieht sich, ein buntes spielendes Durcheinander von Fortschritten und Hemmungen, Halbfertigem und Ueberholtem zieht an uns vorüber. Gewiß kein leichtes Studium, solch eine Kinderseele, keine Feierabend-Liebhaberei — aber ein liebenswürdiges, herzerfrischendes Geschäft für jeden, dem Kinder Freude zu bereiten vermögen, eine erzieherische Pflicht, die ihre Beglückung und Belohnung in sich selbst trägt und durch reiche Erfolge jeder Mühe dankt.
Jedes Kind ist anders
Die einfachste Beobachtung lehrt uns, daß jedes Kind seine Eigentümlichkeiten auf die Welt mitbringt. Wenn Darwin berichtet und wohl ein jeder zugibt, daß schon bei sehr kleinen Kindern ganz spezifische Ausdrucksbewegungen auftreten, die sie nachweislich von ihrem Vater oder ihrer Mutter geerbt haben, so darf man wohl annehmen, daß auch Eigentümlichkeiten des Fühlens mit vererbt worden sind. Gerade das Gefühlsleben ist von Beginn an eine sehr verschiedenes, man vergleiche nur das reizbar-zornwütige, das sanftmütige, das phlegmatische Kind und zweifle noch an angeborenen Unterschieden, zum mindesten des Gefühls: das Temperament ist kaum zu ändern, es steht von Beginn an fest. Auch das Tempo des Gefühls, die Geschwindigkeit etwa des Zugreifens und Abwehrens ist bei den einzelnen Kindern sehr verschieden; daß es auch die Gefühlsbetonung einzelner Vorstellungsgruppen und ganzer Komplexe ist, kann nicht zweifelhaft sein. Jedes Kind lebt von frühester Jugend in seiner besonderen Welt. Bedenkt man die Bedeutung des Gefühls für alles geistige Leben, so ist klar, daß auch dieses bei jedem Kind anders geartet sein muß. Nimmt gerade das Kind nur häufig auf, was ihm Freude macht, prägt es sich nur das ein, was ihm Lust oder Schmerz bereitet, so muß sehr bald auch das Weltbild eines jeden Kindes ein anderes sein. Immer mehr scheint sich auch herauszustellen, daß von früh an die Menschen verschiedene Sinne bei der Auffassung der Welt bevorzugen, der eine das Ohr, der andere das Auge: so darf man vermuten, daß Gleiches bei verschiedenen Kindern ganz andere Spuren hinterläßt.
Max Brahn, Das Seelenleben des Kindes (Das Buch vom Kinde. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig.)
Die Wandlung
„Einen schönen Feierabend könnte ich haben,“ sagte der Vater gedankenvoll und mit verdrießlicher Miene, als er von der Arbeit nach Hause schritt, „wenn nicht Abend für Abend derselbe Aerger wäre . . .“
Und vor sein Auge trat das häßliche Bild, das sich allabendlich abspielte, sobald er den Fuß über die Schwelle gesetzt hatte: die Frau in Erregung, die Kinder scheu und angstvoll in den Ecken, dann der Bericht von den zahllosen Unarten, die während des Tages trotz vieler Ermahnungen und Verwarnungen verübt wurden . . . Der Große hat dem Nachbar die Fensterscheibe eingeworfen . . . Ernst ist übers Staket geklettert, hat dabei die Hose zerrissen und die mühsam gepflegten Gurken zertreten . . . Gustav ist mit nassen Kleidern, triefend von oben bis unten, nach Hause gekommen . . . Fritz ist . . . der Kleine hat . . .
Jeden Abend derselbe Rapport. Und jeden Abend packte den Vater die Wut; er schalt und tobte, er schnallte den Hosengurt ab und schlug auf die heulende Kinderschar los.
Es war fürchterlich. Und jeden Abend, wenn die Feierabendstimmung zu allen Teufeln war, kam dann die Besinnung und das Heer der Vorwürfe: du hättest ruhig bleiben sollen, wozu die Schläge jeden Tag? Dann wurde die seelische Verfassung noch trübseliger und trostloser.
Auch heute hatte er sich nicht getäuscht. Rapport. Exekution. Geschrei und Aufregung. Eine widerlich-quälende Szene. Die Mutter brachte die weinenden Kinder zu Bett und der Vater schritt, noch immer kochend vor Zorn, auf und ab.
„Du hättest sie heute nicht so arg schlagen sollen . . .“
„Mache du mir noch Vorwürfe!“ fuhr er sie an. „Erst berichtest du tausend Unarten von den Vagabunden, daß ich glauben muß, ich habe die ungeratensten Kinder im ganzen Orte, und dann vertrittst du ihnen die Brücke!“
„Ach, so schlecht sind die Kinder nicht, wie du denkst. Da kann keiner einschlafen, bevor er nicht seine Mutter abgedrückt und ihr einen Kuß gegeben hat.“
Mit starren Blicken bleibt der Vater vor der Mutter stehen.
„Meine Jungen? — — Dich abgedrückt? — — Und dir einen Kuß gegeben? — —“
Die Mutter steht beschämt, denn sie fühlt eine Mitschuld daran, daß ein Vater so gar keine Ahnung von dem wahren Wesen seiner Kinder hatte. Wie sollte er auch? Früh fort, abends spät nach Hause. . . . Und das bißchen Sonntag. . . .
„Meine Jungen?“ wiederholte der Vater fragend und kopfschüttelnd. „Das sollen diese Rangen, diese Bösewichter tun?“
Er hat eine ganze Nacht darüber nachgedacht und sich mit sehr dummen und quälenden Gefühlen von einer Seite auf die andere geworfen. Darauf hat er beschlossen, nicht mehr zu schlagen, dafür aber die Kinder, wo und wann er immer konnte, zu beobachten.
Und er beobachtete sie mit wachsendem Erstaunen. Gewiß, sie waren lebhaft, ausgelassen, wild — aber im Grunde des Herzens doch prächtige, kreuzbrave Burschen. Alle Schuld hatte bei ihm gelegen. Wie in ein neu entdecktes Land schaute er in die Herzen seiner Kinder. Solch liebe, muntere, herzige Buben konnte er nicht mehr schlagen!
Gib den Kindern keinen Alkohol!
Besteht der Stolz und Reichtum einer Nation in der Kraft, Gesundheit und Lebenstüchtigkeit aller ihrer Angehörigen, so kann es für eine Bevölkerungsklasse — welche es immer sei — keine wichtigere und heiligere Pflicht geben, als für ein gesundes, starkes, lebenstüchtiges Geschlecht zu sorgen. Die Arbeiterklasse hat dazu noch eine besondere Pflicht. Sie braucht vor allem ein Geschlecht, das stark und willig ist, für die Befreiung des Proletariats zu kämpfen, das fähig und ideal genug ist, sich für die Ziele des proletarischen Emanzipationskampfes aufrichtig und hingebungsvoll zu begeistern. Die Revolution der Gesellschaft setzt eine Revolution der Gehirne voraus. Da ruht alle Hoffnung des Proletariats auf den kommenden, auf den noch ungeborenen, nach uns emporsteigenden Generationen. Sie werden die Entscheidungskämpfe ausfechten, den schönen Menschheitsbau aufführen müssen. Sie werden Meister und Gesellen, Werkleute und Kärrner sein, jeder auf seine Art, in der einen Hand die Kelle, in der anderen das Schwert. Klare, kluge Köpfe, helle, scharfe Augen, flinke, geschickte Hände, und einen aufrichtigen, energischen Willen wird man dazu nötig haben. Wer uns Hirn und Hände, die Augen und den Willen untauglich macht, gefährdet das Werk und ist unser Feind. Der Alkohol ist dieser Feind. Er verhindert, daß die Kinder gesund und kräftig, klug und willensstark werden; er trübt den Geist und lähmt die Entschließung, er zermürbt die Kraft und verdirbt den Charakter. Angesichts der gewaltigen Aufgabe, die dem Proletariat gestellt ist, und angesichts des Heeres von Feinden, die alle danach trachten, die Lösung dieser Aufgabe zu vereiteln — werde nicht du selber noch zum Verderber deiner besten Kämpfer und deines Werkes: Gib den Kindern keinen Alkohol.
Die Hand aufs Herz!
Deutscher Arbeiter, wie steht's mit dir? Tust du alles, was du tun kannst, damit deine Kinder tüchtig werden? Meidest du alles, was du meiden kannst, damit es ihnen nicht schade? Kannst du diese Fragen mit einem aufrichtigen, rückhaltlosen „Ja“ beantworten? — Nein, du kannst, du darfst es nicht, solange du hergebrachten Sitten folgend, selbst geistige Getränke oft im Uebermaß genießest und dadurch die Keime vergiftest, aus denen deine Kinder emporblühen sollen, so lange du in unseliger Verblendung ihnen selbst von dem betäubenden Tranke zu kosten gibst, der sie verdirbt, der sie zu seinem Sklaven macht, sich zum Herrscher ihres Schicksals aufwirft, da sie noch schwach und haltlos sind. Weg mit den geistigen Getränken, fort mit dem Alkohol aus dem Leben des Kindes! Lasse sie rein und klar aufwachsen, lasse ihre junge Seele frei und ungebrochen sich entfalten, dulde es nicht, daß sie die Welt durch das trügerische Zwielicht der Alkoholbetäubung erblicken. Ein starkes Geschlecht soll in des deutschen Proletariats Jugendscharen heranwachsen, das mit ungetrübten Sinnen, mit trotzigem, unbeugsamem Willen seinen hohen Zielen entgegengeht. Wer aber schon als Kind Sklave geworden des charaktermordenden Gehirngiftes Alkohol, der wird kein ganzer Mensch mehr, der ist geschwächt und entnervt für sein Leben.
Dr. med. Holitscher, Alkohol und Kind. (Verlag: Deutscher Arb.-Abst.-Bund, Berlin.)
Die Natur läßt uns die Wahl
Wir müssen entweder an uns selbst und in unsern Kindern die Folgen unserer Lebensart tragen oder wir müssen vermeiden, was Körper und Geist verdirbt. Wir müssen entweder den Launen unserer schwachen Augenblicke nachgeben oder darauf verzichten lernen, mit dem Fortschritt der Menschheit zu prahlen. Wir müssen entweder immer zahlreichere Krankenhäuser und Siechenanstalten und Irrenhäuser und Gefängnisse und Zuchthäuser bauen oder durch Selbstzucht uns einer Nachkommenschaft würdig machen, welche auf alle diese Anstalten zurückblickt, wie wir auf die Tausende von Aussatzhäusern sehen, die im Mittelalter unsere Vorfahren gebaut haben.
Prof. Dr. Sticker, Gesundheit und Erziehung. (Verlag von J. Ricker, Gießen.)
Das Ende
Ich kehrte in einer Dorfschenke ein. Um die Tonbank, hinter der das dicke Bäuchlein des Wirtes geschäftig wackelte, standen Bauern und Arbeiter im Halbkreis. Alle Gläser in den Händen, lachend und in lebhafter Unterhaltung. Als ich Hut und Stock abgelegt und mich niedergelassen hatte, gewahrte ich in dem Trupp einen Mann, der von all den übrigen abstach und wortreich, mit nervösen Gestikulationen, die Unterhaltung führte. Dazwischen zwinkerte er mit seinen glasig-stieren Augen der Schenkmamsell zu, die, an einen Tisch gelehnt, dem Treiben zusah.
Er war ein Stromer, eben von der Landstraße hereingekommen und unter die Schar Gäste geraten; sehr abgerissen in der Kleidung, ohne Kragen, mit zerschlissenen Hosen über den staubigen und abgelaufenen Schuhen. Mehr als die Kluft, die um seinen mageren Körper schlotterte, interessierte das Gesicht: branntweingerötet, bärtig, mit einem geistesabwesenden Blicke und doch nicht unintelligent. Der Typ eines Menschen, der einmal bessere Tage gesehen hat. . . .
Er erzählte von Buenos Aires, wo er gewesen sein wollte, von Nordamerika, den Seereisen, dem Hamburger Hafen . . . . halb neugierig staunend, halb ungläubig hörten ihm die anderen zu.
Und nach und nach . . . einer rief ihm zu, er bezahle noch ein Glas für ihn . . . begann der Stromer, immer mehr aus dem Reisebündel seiner Lebenspilgerfahrt auszukramen.
Er stamme auch aus einer Gastwirtschaft, sei reicher Leute Kind, niemand habe ihm an der Wiege gesungen, daß er einmal als Landstreicher enden werde.
„Mein Vater war ein guter, aber schwacher Mann . . . Er konnte nichts vertragen . . . kein Bier, keinen Wein, keinen Schnaps . . . und er mußte doch ausgehen, viel ausgehen, nun ja, wie das so ist . . . da nahm er mich stets mit. Und ich mußte für ihn trinken. Er freute sich, wenn mir das Bier schmeckte . . . er war stolz darauf, daß ich bald viel vertrug, mehr als ein Erwachsener. . . Das ist ein Junge, der in die Welt paßt, sagte er, ein tüchtiger Kerl muß beizeiten etwas Tüchtiges vertragen können. . . Der gute Vater, er hat's nicht schlecht gemeint. Aber er hat mir auf diese Art das Saufen gelernt. . . Als er starb, hat er mir ein großes Erbteil hinterlassen. . . Aber auch das Saufen . . . und da habe ich alles versoffen . . . bin so nach und nach runter gekommen, ganz runter, immer tiefer, . . . bloß durch's Saufen.“
Im Zimmer war es still geworden. Die einen sahen nachdenklich vor sich hin, die andern ließen ihre Blicke, aus denen Mitleid und Bedauern zu lesen war, auf dem Vagabunden ruhen.
Der aber — die magere Hand um das Bierseidel gekrallt — starrte flackernd ins Leere.
Erziehe zu Selbständigkeit und Selbstvertrauen!
Unsere Kinder sollen freie, aufrechte, selbständige Menschen werden. Das wünschen und wollen wir von ihnen. Was aber wünschen sie von uns? Daß wir sie zu Selbständigkeit, Selbstverantwortung und Selbstvertrauen erziehen. Nur solche Menschen, die frühzeitig ihren Willen zu gebrauchen, zu erproben, zu meistern gelernt haben, werden imstande sein, ihren Willen zu beherrschen. Nur solche Menschen, die frei über ihren Willen verfügen, können sich der Größe der Verantwortung bewußt werden, die sie mit ihrer Willensbetätigung auf sich nehmen. Und nur solche Menschen, die Wille, Tat und Verantwortung in sichere Uebereinstimmung zu bringen sich gewöhnt haben, werden zu großem und untrüglichem Selbstvertrauen gelangen. Hier liegen die Vorbedingungen für die mutige Hingabe an ein hohes Ziel, für treues Ausharren in schweren und opferreichen Kämpfen, für die sittliche Kraft einer festen Siegeszuversicht. Darum begeht der einen schweren Fehler an seinen Kindern wie an seiner Klasse, der die Kinder zu dauernder Abhängigkeit und Unfreiheit zwingt, ihren Willen einengt und ihre selbständige Entschließung lähmt. Vater, darf ich . . . Mutter, erlaubst du . . . das ist verboten . . . das ist gestattet — mit diesen Drahtspalieren und Stachelhalsbändern dressiert und kujoniert man, aber erzieht man nicht. In großen Fragen erwäge mit dem Kinde das Für und Wider, suche seine Einsicht und Ueberzeugung zu gewinnen, verschließe dich aber nicht grundsätzlich seinen Argumenten; die letzte Entscheidung liegt bei dir, und da darfst du auch, wenn es nottut, einmal ein Machtwort sprechen. In kleinen Dingen aber laß dem Kinde völlig freie Hand. Es wird in dieser Selbständigkeit wachsen und eine freie, tapfere, eigene Persönlichkeit werden.
Keine Tyrannei!
Man hört oft sagen, der Wille des Kindes müsse „gebrochen“ werden, die beste Erziehung des Willens im Kinde bestehe darin, daß dieses lerne, seinen Willen dem der Erwachsenen zu unterwerfen. Abgesehen von der Ungerechtigkeit, welche jedem tyrannischen Vorgehen zugrunde liegt, ist diese Vorstellung sinnwidrig, weil das Kind nicht aufgeben kann, was es gar nicht besitzt. Wir hindern es auf diese Weise, die eigene Willenskraft auszubilden und begehen einen sehr großen und tadelnswerten Fehler. Es hat nie Zeit und Gelegenheit, sich selbst zu prüfen, die eigene Kraft und ihre Grenzen kennen zu lernen, weil es immer aufgehalten und unserer Tyrannei unterworfen wird, und es leidet unter der Ungerechtigkeit, daß ihm beständig vorgeworfen wird, es habe das nicht, was doch die Erwachsenen an ihm beständig vernichten.
Dr. Maria Montessori, Selbsttätige Erziehung. (Verlag von Jul. Hoffmann, Stuttgart.)
Selbständigkeit auch bei schwachen und kränklichen Kindern
Es gibt Kinder, deren nervöse Veranlagung sich nur dadurch so stark entfalten konnte, daß ihre nervöse Mutter immer auf sie aufpaßte und ihnen beibrachte, alle Schwierigkeiten, alles Gefahrbringende schwerstens aufzufassen. Kinder müssen aber wagen lernen, sie müssen versuchen und ausprobieren! Es ist z. B. besser, dem Kinde den Gebrauch der Schere zu zeigen, statt sie ihm zu verbieten. Abgesehen davon, daß es in einem unbewachten Augenblicke nach dem verbotenen Ding greifen wird und sich dann aus Ungeschicklichkeit leicht verletzen kann, ist es erziehlich, ihm den Umgang mit einem im gewissen Sinne gefahrbringenden Dinge zu gestatten, wenn es die richtige Handhabung gelernt hat. Das übt den Mut, die Tatkraft und die Geschicklichkeit. Je mehr derartige Handlungen das Kind wagen lernt, desto besser ist es. Ein Kind soll sich auch üben, zerbrechliche Dinge zu tragen; man tut nicht gut, sie ihm einfach aus der Hand zu nehmen. Woher soll es denn Wagemut bekommen, wenn man es alle Klippen umgehen läßt? Zeigt den Kindern (auch den Mädchen), wie sie klettern sollen, und dann laßt sie klettern, das gibt Kraft und stählt den Mut! Unterrichte die Kinder, wie man einen Fahrdamm überschreiten muß, und dann laßt sie — zuerst unter eurer Aufsicht — allein hinübergehen. Einem Kinde, das an Selbständigkeit gewöhnt ist, passiert weniger leicht ein Unglück, wie denen, die allzeit bewacht und in Abhängigkeit gehalten werden. Die Erwachsenen sollen sich auch nicht um jeden Zank kümmern, der im Kreise der Kinder ausbricht; soweit es sich nicht um ernste, andauernde Konflikte handelt, müssen sich die Kleinen selbst wieder aus dem Streitfall herausfinden. Derartige Sachen darf man nicht vor dem Kinde zu tragisch nehmen, das Persönchen kommt sich sonst wunder wie wichtig vor; es darf auch nicht von den Erziehern bedauert werden, „daß die andern so böse zu ihm sind“. Man begünstigt die Entwicklung der Empfindlichkeit und Launenhaftigkeit, wenn man dem Kinde immer recht gibt und die anderen verantwortlich macht. Schon bei dem ganz kleinen Kinde wird mit dieser Torheit begonnen, wenn man den Tisch schlägt, an dem es sich gestoßen hat. „Paß das nächste Mal besser auf“, ist eine folgerichtigere Entgegnung.
Nelly Wolffheim. Die erziehliche Beeinflussung und Beschäftigung kranker Kinder. (Verlag von L. Oehmigke, Berlin.)
Allerhand Beispiele
Auf der Eisenbahn sitzt ein kleiner Junge neben mir. Von der Mutter eifrig behütet, sieht er mit hellen Augen in die Welt. Die schnaubende und dampfende Lokomotive erregt sein besonderes Interesse.
Kaum setzt sich der Zug in Bewegung, so kniet er auf die Bank. Puff — puff will er sehen, puff — puff! ruft er einmal über das andere aus.
Aber die Mutter leidet nicht, daß er auf der Bank kniet und durch das Fenster Umschau hält. Er soll manierlich dasitzen, wie sie selbst und wie die anderen . . . steif, uninteressiert, stumpfsinnig.
Auf ihre wiederholten Versuche, den Kleinen vom Fenster fortzubringen und auf seinen Sitz zu bannen, sage ich begütigend und mit ermunterndem Lächeln nach dem Kleinen hin: „Ach, er stört ja nicht und sitzt so artig . . .“
Da entgegnet kurz die Mutter: „Und wenn schon, er soll seinen Willen nicht haben!“
Armer Junge!
*
„Du ziehst heute dein grünes Kleid an, wenn wir spazieren gehen!“ befiehlt die Mutter.
„Ich hätte lieber das weiße, es ist leichter und ich fühle mich bei der Hitze wohler darin.“
„Du ziehst das grüne an!“
„Aber warum?“
„Darum! — Kein Wort mehr!“
Es ist im Grunde gescheiter, das weiße Kleid anzuziehen — denkt die Mutter im stillen, das Kind hat recht. Aber nun hat sie einmal befohlen; es würde, so meint sie, ihrer Autorität schaden, wenn das Kind recht bekäme. Also bleibt es beim grünen, das dick und lästig und unbequem ist. Was sie für Autorität hält, ist nichts als Eigensinn, und das Kind wird später einmal ein rechter Waschlappen oder ein aufsässiger, widerborstiger Mensch werden.
*
Zwei kleine Knaben spielen Ball. Der Ball fliegt über die Hecke und ist nicht mehr zu sehen. Der eine aber meint, der andere halte ihn in der Hand. Da erklärt der kleine Mann: „Ich habe ihn nicht, ich sage es dir, und wenn ich es sage, ist es wahr.“ Die Mutter, die daneben sitzt, mischt sich hinein und fragt wieder, ob er den Ball nicht habe. Der kleine Mann erklärt wieder mit Bestimmtheit, er habe ihn nicht, doch die Mutter beginnt, seine Taschen zu durchsuchen, läßt die Händchen zeigen und will ihm nicht glauben. Da reißt sich der Kleine los und ruft wütend: „Ich habe ihn nicht, ich sage es doch immerfort.“ Eine andere Frau, die vorüber geht, meint: „Welch ein eigensinniges und trotziges Kind!“ Aber das Kind war gar nicht trotzig, es hat nur verlangt, daß man seinen wahren Worten glaube; es wollte Vertrauen in seine Wahrheitsliebe und hat zum ersten Male gezeigt, wie fest und rein sein Willen ist, aber man hat ihm mißtraut.
Ein anderes Bild: Ein Mädchen von zwölf Jahren liebt die Bücher leidenschaftlich. Es möchte lesen und lesen, das ist sein höchstes Glück. Die Mutter aber meint, junge Mädchen sollen sticken und häkeln und nimmt dem Mädchen die Bücher weg, erlaubt auch nicht, daß das Mädchen sich Bücher borgt. Da spart das Kind sich mühsam seine Pfennige zusammen, die es hier und da bekommt, und kauft sich kleine Bücher aus den billigen Kinderbibliotheken. Sorgsam verwahrt es seine Schätze im Schulbücherfach. Eines Tages findet sie die Mutter, die darüber aufgebracht ist, denn sie sieht darin nichts anderes als Trotz und Eigensinn. Die Bücher werden weggenommen und ein großes Strafgericht bricht herein. War das Eigensinn und Trotz? Nein, das war die Aeußerung eines festen und unbeugsamen Willens, der sein Ziel erreichen will. Eine vernünftige Mutter hätte kein Strafgericht gehalten, sondern gesagt: „Wenn du die Bücher so liebst, dann sollst du sie behalten. Ich will nichts gegen das Lesen sagen, nur darfst du keine andere Arbeit vernachlässigen.“
Emmy Freundlich.
*
Da springt ein kleiner frischer Junge vor der Mutter die Stufen von der Elektrischen hinunter und steht nun strahlend vor ihr, um für diese Heldenleistung Anerkennung zu hören. Die Mutter aber bringt es wahrhaftig übers Herz, zu schelten: „Wärst du nur gefallen, da hättest du noch was drauf gekriegt.“ Denn sie wollte, daß der Junge wartete und sich herunterheben ließe. Und beinahe möchte man glauben, daß es ihr ganz heimlich leid tut, daß der kleine Bengel nicht gefallen ist zum „Lohn“ für seine kecke Selbständigkeit. Wunderliche Mutter! Aber da stoßen wir im nachdenklichen Weitergehen schon wieder auf solch wunderliches Exemplar von Mutter: Sie will auf der Bank in der warmen Sonne sitzen, ihre Kinder aber wollen herumspringen. Lassen sich diese verschiedenen Wünsche nicht aufs einfachste verbinden? Aber nein, die Mutter läßt nicht eher nach, bis rechts und links von ihr ein äußerlich „artiges“, innerlich natürlich rebellierendes Kind sitzt. Sie hat gewiß auch Gründe für ihr Verhalten, bloß den einen gewichtigen Grund kennt sie nicht, daß die Kinder auch einmal selbständig sein dürfen.
Hulda Maurenbrecher, Wachstum und Schöpfung. (Verlag von E. Reinhardt, München.)
Vergiß nicht, daß du auch einmal Kind gewesen bist
Du hast Aerger mit deinen Kindern. Sie sind ungehorsam und du möchtest sie strafen. Deine Geduld ist zu Ende. Doch halt! Ehe du zum Stock greifst, gönne mir eine Frage: Hast du es als Kind nicht auch manchmal so getrieben wie sie? Stelle dir im Geiste deinen Vater vor, als er erfuhr, daß du es warst, der ihm den jungen Apfelbaum geplündert hatte. Oder deine Mutter, als sie dich in der Speisekammer beim Naschen ertappte. Du warst nicht immer ein Musterkind und deine Eltern hatten manchen Verdruß mit dir. Sie haben dich erzogen, wie sie es verstanden, an Schlägen hat es nicht gefehlt. Heute sagst du wohl: es hat mir nichts geschadet. Aber es wäre vielleicht besser gewesen, wenn es ohne Schläge abgegangen wäre. Versuche es einmal, milder zu sein. Denke dabei an deine Kindheit und es wird dir gelingen. — Deine Kinder bitten dich um etwas. Du meinst, du könntest die Bitte nicht gewähren. Gut, du hast gewiß deine Gründe. Und es ist richtig, konsequent zu bleiben, auch beim Versagen. Doch erlaube: vielleicht sind die Gründe nur zutreffend, wenn man als Erwachsener der Sache gegenübersteht. Im Herzen und Hirn des Kindes malen sich die Dinge anders. Denke und fühle einmal wie das Kind. Du bist ja auch einmal Kind gewesen. — Deine Kinder haben es besser, als du es in deiner Jugend gehabt. Du gönnst es ihnen und freust dich dessen. Aber manchmal bist du doch recht ungehalten, wenn die Kinder dies nicht einsehen wollen, nicht schätzen und nicht dankbar dafür sind. „Wenn ich daran denke,“ so sagst du wohl, „wie ich es als Kind gehabt habe . . .“ Recht so, denke daran und vergiß nicht, daß seitdem dreißig oder mehr Jahre verstrichen sind. In dreißig Jahren ist die Welt ein Stück vorwärts gerückt. Die Jugend hat heute ein Recht darauf, daß es ihr besser ergeht als der Jugend von damals. Das ist keine Gnade, für die man dankbar zu sein hat; das sind die Selbstverständlichkeiten der Entwicklung. Du wirst sie begreifen und als berechtigt empfinden lernen, je öfter und nachdenklicher du dich deiner Kindheit erinnerst.
Was mir meine Erinnerung sagt
Wir zwei Brüder waren die schlimmsten Rangen im Dorfe. Es gab keine Uebeltat, bei der wir nicht beteiligt gewesen wären. Kein Vogelnest, das wir nicht ausfindig gemacht und zerstört hätten, keinen Kirschbaum, der nicht unserer Plünderei zum Opfer gefallen wäre. Und dies alles trotz — richtiger: infolge — strengster Erziehung. Täglich dreimal, so oft der Vater nach Hause kam, gab es eine Tracht Prügel; dazwischen schwirrten die Maulschellen, Püffe, Kopfnüsse und Ohrfeigen dutzendweise herum. Es war oft fürchterlich, den ganzen Tag bedroht, verfolgt und bestraft zu werden. Die einzige Rettung aus dieser Pein war die Wollust der nächsten Rüpelei, die freilich der Situation jedesmal eine neue Schärfe gab. Ich weiß ganz genau, daß ich im Grunde nicht schlecht war, daß mir auch die üblen Streiche keine sonderliche Freude bereiteten. Ich weiß auch, daß wir uns oft vornahmen, gute und brave Kinder zu werden. Aber jedesmal riß uns eine unvermutete Backpfeife aus unseren guten Vorsätzen oder ein böser Blick des Vaters reizte uns zu einem trotzigen Nun-gerade-nicht! Niemand verstand uns, darum verstand uns auch niemand zu behandeln. Ich sehe heute keine Unart bei Kindern, die ich nicht auch verübt hätte; aber indem ich der eigenen Kindheit gedenke, verstehe und verzeihe ich sie. Meine Erinnerung sagt mir: nicht die Kinder sind schuld, und auch die Eltern würden nicht schuld sein, wenn sie wie die Kinder wären . . .
Eigene Jugend
Müde, aber mit roten Backen und leuchtenden Augen ist der achtjährige Max von der Straße heraufgekommen. Es war zu schön gewesen draußen auf der spiegelglatten Eisbahn. Kalt? Gewiß! Aber wie herrlich, wenn man so über die weite Fläche dahin flog! Und wenn gar einer von den Kameraden stürzte und dann alle übereinander kugelten! Ha, ha!
Mäxchen erhält sein Butterbrot und muß sich ausziehen; Mutter will ihn ins Bett bringen. Sie hängt Jacke und Hose an den Kleiderhaken und sieht die Taschen nach. Was kommt da zum Vorschein? Ein grauer, schmutziger Lappen, naß, zusammengeknüllt, unappetitlich . . .
Was ist das? fragt die Mutter — und schon dämmert es ihr: das Taschentuch.
Das Taschentuch! Heute Mittag habe ich dir das saubere Tuch in die Tasche gesteckt, und jetzt — wie sieht es aus? Voller Schmutz — hast du denn die Eisbahn damit gefegt?
Da mischt sich auch der Vater mit in das Strafgericht. Seine Worte sind ernst und streng, seine Augen sehen drohend aus.
„Die Eisbahn gefegt?“ fragt Max unbefangen und erstaunt. „Woher weißt du denn das? Hast du mich auf dem Eise gesehen?“
„Nein,“ entgegnete der Vater, „gesehen habe ich's nicht, aber — —“ da läßt er die zum Schlage erhobene Hand sinken und wendet sich ab. „. . . ich habe es als Junge auch so gemacht“, sagt er leise für sich und die Strenge seines Blickes verwandelt sich in ein mildes und freundliches Leuchten der Liebe.
P. B.
Fuente: transcripción del ejemplar digitalizado de la Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (procedente de la biblioteca del Altonaer Museum, signatura Nka 1425; https://resolver.sub.uni-hamburg.de/kitodo/PPN1743373627): Otto Rühle, Umgang mit Kindern. Ein zweites Büchlein, Görlitz, Verlag der Buchhandlung «Görlitzer Volkszeitung», 1914 («1. bis 5. Tausend»), 64 págs. La portada lleva la fecha de 1914; la bibliografía de Rühle lo fecha en 1913/14 (el prólogo sitúa el primer librito, de 1913, «vor Jahresfrist»). Transcrito desde las imágenes de página (Fraktur), con el OCR de la biblioteca como apoyo; el espaciado (Sperrsatz) se da en cursiva y las líneas de procedencia de las piezas ajenas, alineadas a la derecha en el impreso, como párrafo aparte con el nombre del autor en cursiva. Se transcribe todo el texto, incluidos el prólogo, el índice y las piezas de otros autores; la cubierta y los anuncios finales se describen en comentarios. Se conservan las erratas del impreso («bliebt», «immmer», «eine sehr verschiedenes», la comilla suelta ante «Der Knabe: „Nein.“»); en la pág. 44 el papel está dañado y se completa entre corchetes una palabra conjetural. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.
Wilhelm Lamszus, Das Menschenschlachthaus. Bilder vom kommenden Krieg. Preis 1 M. Verlag von Alf. Janssen, Hamburg. ↩