Kommt, laßt uns unsern Kindern leben!

Fr. Fröbel.

Kind und Umwelt.

In der Erziehung vereinigt sich eine Summe von Einflüssen — bewußten und unbewußten, gewollten und zufälligen, mittelbaren und unmittelbaren — zu einem mehr oder minder einheitlichen und harmonischen Zusammenklange, dessen Ausgangspunkte und Schwingungsfelder Haus, Schule und Leben sind und dessen Ziel das Wohlergehen des Kindes und seine Reife zur Anteilnahme am kulturellen Wirken der Menschheit ist.

Soweit die Beteiligung der Schule am Erziehungswerke in Betracht kommt, überwiegen im Komplex ihrer Beziehungen und Aktionen die bewußten, gewollten und mittelbaren Einflüsse, die in ein planvoll organisiertes System gefaßt sind und durch zweckbewußte Maßnahmen zur Anwendung gebracht werden. Die Erziehung im Hause hingegen, vorwiegend auf Tradition und Laienerfahrung gestützt und von Laien durchgeführt, läßt neben den absichtlichen und planvollen Erziehungsmaßnahmen, die allerdings weniger in der starren Form eines Systems auftreten, in höherem Maße die unbewußten, zufälligen und gelegentlichen, indirekten und geheimen Einflüsse zu ihrem Rechte kommen. Und gar erst die Erziehung, die das Leben vermittelt — sie ist völlig auf die Wirkung der unmittelbaren, planlosen, vom Zufall herangewehten Einflüsse eingestellt; das System ist ganz preisgegeben, hier formt, läutert und bildet einzig die Erfahrung.

Schule, Haus und Leben kommen als isolierte, voneinander unabhängige Erziehungssphären aber nur in der Theorie vor. Die Wirklichkeit der Dinge und des Weltgeschehens verschweißt sie zu einer lebensvollen Einheit, in deren unendlichfacher Verkettung und Verschmelzung schließlich das organisch Wachsende über das künstlich Geordnete, das Zufällige über das Planmäßige triumphiert, weil eben die natürlichen Lebensmächte stärker sind als alle klugen Theorien der Wissenschaft und die pausbäckige Systemlosigkeit der Praxis sich kraftvoller durchsetzt und behauptet als die blutleere Tiefgründigkeit der Systeme. So endet alle, auch die anspruchsvollste Pädagogik in der resignierenden Erkenntnis, daß das Leben stärker ist, als die Künste der Erziehung und daß das Kind die Frucht des Erziehungswerkes nicht empfängt aus den Händen des Erziehers, sondern aus dem Schoße des Lebens, aus dem alle Kraft und aller Reichtum unseres Daseins quillt.

Das Leben als Erziehungsfaktor offenbart seine bestimmenden, form- und richtunggebenden Einflüsse auf die kindliche Psyche zuerst in dem häuslichen und familiären Kreise, in den das Kind hineingeboren wird; in der Luft, die es dort atmet. Sodann in der weiteren Umwelt, die in tausendfältiger Ausstrahlung auf sein Schauen und Denken, Fühlen und Wollen einwirkt; in der ganzen, unübersehbar großen Fülle von Erscheinungen, Tatbeständen und Vorgängen, die jeder Tag, jede Stunde des menschlichen Seins in Wogen und Wellen an die Peripherie seines Lebenskreises heranträgt. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, das nur in der menschlichen Gemeinschaft zum Bewußtsein seines Menschtums gelangt. Aus der menschlichen Gemeinschaft empfängt er auch die Voraussetzungen und Mittel, um zu den Höhen der Menschenwürde emporzusteigen. Im gesellschaftlichen Zusammenschluß und Wechselverkehr reifen seine Kräfte, bildet sich sein Innenleben aus, gelangt er zu Wahrnehmungen und Vorstellungen vom Menschlichen. Das Leben in der Gemeinschaft nimmt ihn auf und läßt ihn untertauchen in seine Fluten, damit er in diesem Bade die Frische und Klarheit des Geistes und der Seele, die Entschlußkraft und Energie seines Willens und Charakters erlange, die notwendig sind, um sich im Leben zu behaupten oder gar, um es zu meistern und zu bereichern.

Die ursprünglichste Form des Gemeinschaftslebens und der erste Lebenskreis, in den das Kind bei seiner Geburt eintritt, ist die Familie. Solange die Mehrzahl der Menschen auf eigenem Grund und Boden wohnte, den Pflug durch den Acker führte und vom Landbau sich nährte, solange das Kleingewerbe blühte und der Handwerker in seiner Werkstatt schaffend sich betätigte, solange war mit dem Arbeits-, Wirtschafts- und Lebenskreise, den die Familie darstellte, auch ein natürlicher Erziehungskreis gegeben. „Jedes einzelne Glied lebte sich in einen festumgrenzten Pflichtkreis ein und lernte sich als lebendiges, tätiges Glied der Gemeinschaft fühlen. Das war die beste Schule für das Leben in der größeren Gemeinschaft, in die die Jugend hineinwuchs, für den Berufsstand, zu dem sie nach Herkunft und Neigung bestimmt war.“ Alles geistige und seelische Werden des jungen Menschen war in den Fundamenten der Familie verankert.

Die kapitalistische Entwicklung hat das Band der Familiengemeinschaft gelockert, wenn nicht gesprengt. Indem sie vier Millionen Mütter in die Fronarbeit schleuderte, raubte sie zehn, zwölf oder mehr Millionen Kindern die Pflegerin, Gespielin und Erzieherin. Das Familienleben, das — wie Wolgast sagt — ein Kunstwerk sein sollte, voll organischen Lebens im gemächlichen Hin und Her des Gebens und Nehmens, fein abgestimmt in vollem Klange tönend, ist ein dürftiger Notbehelf des Zusammenseins geworden; für viele Familien nur der gemeinsame Unterschlupf zum Essen und Schlafen, zum Lesen der Zeitung und zum Anfertigen der Schularbeiten. Der geistige und gemütliche Verkehr fehlt, es ist wie das Leben draußen ein Hasten und Vorbeihasten, die Seele schweift draußen her im Erwerb und öffentlichen Leben.

So wächst ein Geschlecht heran, das den Familienzusammenhalt, der Jahrtausende überdauert, nicht mehr kennt, — nach Sombart „eine ungeheuerliche Tatsache“, die besonders für den geistigen und seelischen Werdegang des proletarischen Kindes von entscheidungsvollster Bedeutung ist.

Dazu kommt der Einfluß, den die Wohnungsmisere auf das Kind ausübt. Die Trostlosigkeit der Wohnungsnot besonders in den großstädtischen Mietskasernen ist bekannt. Sie wirkt in gleichem Maße verderblich auf die physische wie psychische und moralische Natur des Kindes.

„Ist eine Stube, in der eine ganze Familie, Wand an Wand mit hundert anderen Familien haust, und in der gekocht, geschneidert, Wäsche getrocknet wird, in der die Kinder schreien, die Eltern schelten, der Hausrat durcheinander liegt, kein Tisch, kein Stuhl frei ist, und aller Schmuck, alle Traulichkeit fehlt, ein „Heim“? Hier, wo des Sommers durch die offenen Fenster der ganze Klatsch, der ganze Zank, alles Klappern, Schwirren, Surren, Summen der Näh- und Schuhmachermaschinen, alles Kindergeschrei, alles Grammophongeplärr, alles Tosen der Maschinerie der Fabrik im Hofraum und alles Poltern der Straßenbahn, aller Dunst und Duft der 40 oder 50 Küchen mit ihrem Talggeruch und ihrer Ranzigkeit eindringt, wo keine Tür geöffnet werden kann, ohne daß neugierige, neidische oder schadenfrohe Blicke eindringen, wo kein Geheimnis atmen kann, wo das Geborenwerden und Sterben, das Persönlichste und Intimste nicht ohne Beobachter und Zeugen sich abspielt — hört alles Heimischsein und alle Traulichkeit auf.“ Wie soll ein Kind an Reinlichkeit, Ordnungssinn, Pflichterfüllung gewöhnt werden, wenn die Wohnungsnot alle geordnete Lebensführung verbietet, kein Gegenstand seinen bestimmten Platz hat? Wie soll es Schönheitsgefühl, Geschmack, Kunstempfinden entwickeln in einer Behausung, die aller ästhetischen Reize bar ist? Wie soll es zu Schamgefühl, zu Diskretion, zur Rücksicht gegenüber den Bedürfnissen und Interessen anderer gelangen in einer Wohnung, bei der jeder Blick durch die geöffnete Tür hundertmal am Tage das Allerheiligste enthüllt, und Liebe und Haß sich durch die offenen Fenster der ganzen Nachbarschaft verraten? Wie soll es friedfertig, verträglich, versöhnlich und zum Guten bereit sein können und zu sozialen Tugenden gelangen, wo täglich und stündlich Berührungen und Reibungen zu Konflikten und Skandalen führen? Die Wohnung des Proletarierkindes sammelt und erhebt nicht, gleicht nicht aus und stimmt nicht friedlich und froh, sie reizt und macht nervös, läßt Herz und Seele leer, ja führt zu *innerer Verarmung und Heimatlosigkeit*, ganz zu schweigen davon, daß häufig genug der bedenkliche Einfluß familienfremder Elemente nur allzu früh schon das Gift der Verführung und sittlichen Verderbnis in die jungen Kinderseelen spritzen läßt.

Gesteigert wird die Wirkung eines ungünstigen Wohnungsmilieus nach jeder Richtung hin durch den häufigen Wechsel der Wohnung und durch das moderne Zigeunertum des Lohnproletariats; ergänzt wird die Wirkung durch die meist verderblichen Einflüsse der Straße, die besonders in der Großstadt mit ihrem Wellenschlag in den Erziehungskreis des Hauses hineinschlagen. Das Gesamtergebnis der Familien-, Heimat- und Schollenlosigkeit, in die das Kind der Armen von heute durch die Macht der Entwicklung und die von ihr erzeugten Verhältnisse versetzt wird, ist eine innere Verelendung, wie sie von keiner Zeit in solchem Umfange und solcher Unerbittlichkeit gekannt ist. Eine Verelendung, die zwar durch keine Statistik ziffernmäßig nachgewiesen und berechnet werden kann, die aber den heranwachsenden Menschen um ungeheure geistige und seelische Werte beraubt und seine Erziehung in eine kulturelle Oede und Trostlosigkeit stellt, die den, der sie kennt und in ihrer ganzen Tragweite zu ermessen vermag, mit Entsetzen und Empörung erfüllt.

Das Bürgertum, das die inneren Zusammenhänge dieser Erscheinung nicht begreift und begreifen will, rechnet die Persönlichkeits- und Kulturmängel, die sich daraus ergeben, dem proletarischen Nachwuchs als eigenes Verschulden an und klagt über Frühreife, Verwahrlosung, Mangel an Respekt und Pietät, Roheit und sittlichen Verderb. Wir empfinden die Mängel auch und haben ein schmerzliches Mitgefühl dafür, daß unsere Jugend sich unter Bedingungen und Einflüsse gestellt sieht, die ihrer Geistes- wie Gemütsbildung, ihrer Willens- wie Charaktererziehung nicht zum Vorteil gereichen. Aber wir erkennen auch die Ursachen — und diese Erkenntnis gibt uns die Mittel zur Abhilfe an die Hand. Durch die Beseitigung der Lohnknechtschaft und die Ueberwindung des heutigen Wirtschaftssystems muß die Ehe und Familie, das Haus und die Heimat einen neuen kulturellen Inhalt, eine neue geistige und seelische Wertung und Vertiefung erfahren. Damit wird auch für das Kind ein neuer reicher Erziehungsboden gewonnen, und das Erziehungswerk in einen neuen Rahmen gefaßt, mit einem neuen Geiste erfüllt werden.

Kindermißhandlungen.

Die Prügelstrafe, die leider auch noch in den Kreisen der aufgeklärten Arbeiterschaft wenn auch weniger theoretische Verfechter, so doch zahlreiche praktische Vollstrecker hat, schließt in sich eine Menge erziehlicher Nachteile und gesundheitlicher, geistiger und seelischer Gefahren für das Kind ein. Ihre größte Gefahr ist die, daß sie den Prügelnden nur zu leicht zu Mißhandlungen verleitet. Sei es, daß Jähzorn, Wut und blinde Leidenschaft alles Maß und Ziel bei der Züchtigung vergessen lassen, sei es, daß die abstumpfende und verrohende Wirkung der Prügelstrafe mit der Zeit beim Prügelnden einen solchen Grad von Roheit erzeugt, daß er Züchtigungen überhaupt nur noch in Form barbarischer und exemplarischer Mißhandlungen zu verabreichen vermag. In der einen wie in der andern Weise sieht sich das Kind vor Benachteiligungen und Gefährdungen gestellt, die sein Wohlbefinden, seine Erziehung, ja seine zukünftige Entwickelung und vielleicht sein ganzes ferneres Schicksal auf das schwerste bedrohen. Da aber das Kind nicht nur den Eltern, sondern auch der Gesellschaft gehört, erwächst dieser die Pflicht, es zu schützen, sobald jene es durch Mißhandlungen gefährden.

Es ist unfaßbar und unglaublich, welch unmenschliche, oft geradezu viehische und satanische Mißhandlungen gelegentlich Eltern über unschuldige, wehrlose Kinder — die mitunter noch im zartesten Alter stehen — zu verhängen imstande sind. „Ohne Grund oder für geringe Verfehlungen sehen wir Kinder notdürftig gekleidet auf kalten Treppen oder Hausböden die Nächte verbringen; die schwere Faust, Schläuche, Wasserrohre, Schlüssel, Besen, scharfe Holzstücke, Holzpantoffeln, Messer, Scheren, Plätteisen, eiserne Feuerhaken, Klopfpeitschen, Ausklopfer sind beliebte Marterwerkzeuge, von denen die Striemen und Wunden Zeugnis ablegen; die Kinder werden auf ein Brett geschnallt, dann von ein, zwei, ja drei Personen gehauen und gepeitscht, bis die unglücklichen Wesen ohnmächtig sind; sie werden an die Bettpfosten gebunden, und müssen die ganze Nacht in dieser Stellung verharren; eiskalte Bäder, Verbrennung einzelner Körperteile, Fußtritte, Rippenbrüche, Ausreißen der Haare, Einreißen der Ohren, Bestreichen der Wunden mit ätzenden Säuren gehören nicht zu den Seltenheiten; die Kinder werden gegen die Wand geschleudert, mit dem Kopf auf harte Gegenstände gestoßen, müssen hungern oder verdorbene Speisen, ekelhafte Dinge oder gar ihren eigenen Kot genießen. Um ihnen selbst die Erleichterung des Schreiens nicht zu gewähren und die Aufmerksamkeit der Nachbarn nicht zu erregen, wird ihnen während der Mißhandlung der Mund verbunden oder der Kopf unter eine Decke gesteckt. Von all diesen Martern ist nichts erfunden, sie sind alle vom Verein zum Schutz der Kinder vor Ausnützung und Mißhandlung in Berlin konstatiert.“ (Sprengel.)

Am schlimmsten ist die Kindermißhandlung, wie alle Beobachtungen und Erfahrungen beweisen, in den unteren Volksschichten verbreitet. Mangel an Erziehung und Kultur, häusliche Not und Sorge, die Enge der Wohnräume, die nervöse Gereiztheit infolge Unterernährung, Ueberarbeit, Schwäche, Fabriklärms usw., der Alkoholismus, der Kinderreichtum und die unzureichende Erziehungsgelegenheit und viele andere aus den sozialen Verhältnissen sich ergebende Momente bewirken hier eine Stimmungsspannung und erzeugen eine Umgangssphäre, deren einzige Auslösung in den meisten Fällen eine brutale Mißhandlung ist und deren Opfer die Schwächsten — die Kinder — sind. Besonders benachteiligt sind hierbei uneheliche Kinder, die in der Familie nur allzu oft als Fremdkörper empfunden werden, die der Mutter als Zeugen von Fehltritten, die man vergessen machen möchte, lästig sind oder die der Vater aus verwandten Gefühlen heraus nicht ausstehen kann. Nach Frida Duensing haben uneheliche Kinder ein mehr als vierfach größeres Risiko, von ihren Erziehern mißhandelt zu werden, als eheliche.

Das bisher geltend gewesene Strafrecht ließ eine gerichtliche Verfolgung und gesetzliche Ahndung in Mißhandlungsfällen nur dann zu, wenn vom gesetzlichen Vertreter des Kindes (Eltern, Vormund usw.) Strafantrag gestellt worden war, versagte in der Regel also vollständig, sobald die Mißhandlung vom gesetzlichen Vertreter des

Kindes selbst ausgegangen war. Von Amts wegen konnte nur eingeschritten werden, wenn sich die Mißhandlung als lebensgefährlich darstellte oder mittels gefährlichem Werkzeug verübt wurde. Da hat nun die *kleine Strafgesetznovelle* vom 9. Mai 1912 eine Aenderung gebracht, indem sie — wie dies England, Frankreich, Norwegen und Italien bereits früher getan — den Jugendschutz erheblich erweiterte. In § 223a Abs. 2 St.-G.-B. brachte sie den sog. *Kinderschutzparagraph* mit folgendem Wortlaut: „Gleiche Strafe (nicht unter zwei Monaten Gefängnis) tritt ein, wenn gegen eine noch nicht achtzehn Jahre alte oder wegen Gebrechlichkeit oder Krankheit wehrlose Person, die der Fürsorge oder Obhut des Täters untersteht oder seinem Haus angehört oder die der Fürsorgepflichtige der Gewalt des Täters überlassen hat, eine Körperverletzung mittels grausamer oder boshafter Behandlung begangen wird.“ Der Fortschritt gegen früher besteht darin, daß die Verfolgung immer von Amts wegen erfolgt, daß die Bestrafung (falls dies ein Fortschritt ist!) strenger ist und daß das Schutzalter von 14 auf 18 Jahre erhöht ist. Der Bundesrat sprach sich für die Heraufsetzung auf das 16. Lebensjahr aus, die Sozialdemokratie beantragte das 21. Lebensjahr, doch scheiterte ihr Antrag an dem Einwande der Regierung und der Konservativen, daß dann auch manche Soldatenmißhandlung unter den Paragraphen fallen würde.

Mit dem Kinderschutzparagraphen in der kleinen Strafgesetznovelle ist dem Verlangen nach einem erweiterten Schutz der hilflosesten und elendesten aller Menschenwesen gegenüber rohen und gefährlichen Mißhandlungen durch ihre nächsten Angehörigen vorläufig Rechnung getragen. Das Gewissen der Oeffentlichkeit wird sich, erst einmal wachgerüttelt, dabei aber nicht beruhigen dürfen. Auf die strengere Bestrafung der Peiniger werden Maßnahmen zu folgen haben, die die Gepeinigten dauernd vor Gefährdungen von jener Seite her sicherstellen, indem man sie anderweitig unterbringt und für ihre Erziehung sorgt. Die Fürsorge-Erziehung, die heute schlimmer ist als Gefängnis und Zuchthaus, muß hierfür als ganz ungeeignet angesehen werden. Vor allem gilt es, das Milieu zu bessern, in dem das Kind der ärmeren Schichten leben und emporwachsen muß. Etwa in dem Sinne, wie Leon Frapié dies ausdrückt, wenn er sagt: „Mit einem vierpfündigen Laib Brot hindert man die Eltern am besten daran, ihre Kinder totzuschlagen.“

Totgeburten.

Das proletarische Kind ist schon vor seiner Geburt den Kindern anderer Klassen und Stände gegenüber auf das schwerste benachteiligt. Nicht nur, daß es im Mutterleibe bereits hungern muß, es wird auch, ehe es zum Leben voll erwacht, oft genug schon wieder vom Tode ereilt. Es ist nachgewiesen, daß unzureichende und unzweckmäßige Ernährung in Verbindung mit schwerer Arbeit und dem Mangel an Pflege und Schonung in der Schwangerschaft den Tod der Frucht herbeiführen können. Ein hoher Prozentsatz der rund 60 000 Totgeburten im Jahre (1908: 61 595, 1910: 58 057) belastet das soziale Konto ohne weiteres, denn es steht nachweisbar, sogar ziffernmäßig fest, daß in den wirtschaftlich schlechter situierten Schichten der Anteil der Totgeburten um ein halbes Prozent höher ist, als in den günstiger gestellten. (Der Durchschnitt betrug 1910: 2,9 Prozent.) So heischt der Sensenmann im Bettlerkleide der Armut seinen Tribut vom Kostbarsten, das die Menschheit besitzt.

Arbeitsbürde und Entbehrung bereiten seine traurige Sendung vor. Eine Statistik der Leipziger Ortskrankenkasse über längere Zeiträume zeigt den Unterschied zwischen Proletarierinnen und bessergestellten Frauen. Es hatten

Freiw. Mitgl.Pflichtmitgl.
Schwangerschaftsbeschwerden2,1 Prozent5,5 Prozent
Fehlgeburten2,5 Prozent15,5 Prozent
Totgeburten0,3 Prozent1,7 Prozent

Prof. Conrad teilt in seiner Arbeit über den Einfluß der Lebensstellung auf die Sterblichkeit mit, daß in Halle a. S. der Prozentsatz der Totgeburten betrug bei

höheren Ständen2,1 Prozent
Handwerkern4,1 Prozent
Arbeitern5,0 Prozent

Nach einer 1902 in Berlin aufgestellten Statistik kamen auf 100 eheliche Geburten Totgeburten

bei Beamten, Offizieren, Aerzten2,8
selbständigen Geschäftsleuten2,9
Arbeitern und kleinen Leuten3,9

Aehnlich drückt sich die schlechtere soziale Versorgung der unehelichen Mütter gegenüber ehelichen in höheren Totgeburten-Ziffern aus. Von 100 Geborenen waren im Durchschnitt der Jahre 1901/05 totgeboren

ehelichunehelich
Deutschland3,04,1
Preußen3,04,4
Sachsen3,34,2
Oesterreich2,53,7

Geradezu mörderisch wirkt auf das keimende Leben des ungeborenen Kindes die Frauenarbeit. Während die Durchschnittsquoten der Totgeburten für die Jahre 1898 bis 1901 in Deutschland 3,3 Prozent, in Oesterreich 2,9 Prozent betrug, war sie im böhmischen Textilgebiet mit fast allgemein verbreiteter Frauenfabrikarbeit in Reichenberg 8,9 Prozent, (Land) 5,8 Prozent, Friedland 6,3 Prozent, Gablonz 4,6 Prozent, Rumburg 5,4 Prozent, ganz Böhmen im Durchschnitt 3,2 Prozent.

Für unehelich Geborene waren die Ziffern teilweise fast um das Doppelte höher. Der böhmische Sanitätsbericht für 1899/1901 führt zur Erklärung dieser Erscheinung ausdrücklich an, daß die Frauen, um die Kassenmitgliedschaft nicht zu verlieren, bis ans Ende der Schwangerschaft ihrer Arbeit nachgehen, wodurch fehlerhafte Kindeslagen, Nabelschnurvorfälle, Frühgeburten usw. hervorgerufen werden.

Schon 1844 hat Lord Ashly im englischen Parlament auf die Gefahren der Fabrikarbeit für die werdende Mutter hingewiesen. Nach Aussagen der Aerzte stellen sich infolge des anhaltenden Stehens Verbildungen des Beckens, Krampfadern, Geschwüre, Fehlgeburten und andere Folgen mißhandelter Schwangerschaft ein. „Es ist oft schmerzliche Pflicht des Geburtshelfers, das Leben des Kindes zu zerstören bei den Frauen, die lange Stunden in der Fabrik gearbeitet haben.“ Auch ein anderer englischer Autor, George Reid, hat neben französischen Autoren (Pinard, Bachimont u. a.) nachgewiesen, daß die Erwerbsarbeit in der Schwangerschaft zu Früh-, Miß-, Fehl- und Totgeburten disponiert.

Besonders verderblich für die Frucht ist die Erwerbsarbeit von Frauen in gesundheitsgefährlichen Betrieben. So führt die Einwirkung metallischen Bleies in der Metallverarbeitung, Steingutfabrikation, Töpferei, Buchdruckerei, Strohhutbleiche usw. in auffallend hohem Maße zu Schwangerschaftsunterbrechungen und zu Totgeburten. Schon 1860 taxierte Paul die Wirkung des Bleies auf Aborte höher als die der Syphilis. Bakand fand, daß von 82 Schwangerschaften bei 30 Frauen 24 rechtzeitige, 48 vorzeitige Geburten zur Folge hatten, und zehn Aborte waren, darunter acht Totgeburten und 20 vorzeitig verstorbene Kinder. Nach Tardieu werden von den Bleiarbeiterinnen 60 Prozent von Frühgeburt befallen. George Reid stellte für je 100 Frauen Früh-, Fehl- und Totgeburten fest: in der Hausarbeit 43,2, Fabrikarbeit 47,6, Bleiarbeit (vor der Verheiratung) 86, (nach der Verheiratung bis zur Geburt) 133,5.

Nicht minder gefährlich wie das Blei ist der Tabakstaub, das Quecksilber, die Blausäure [u]sw. Auch Infektionskrankheiten können Fehl- und Totgeburten verursachen; nach Fellner führen alte Tuberkulosen in acht Prozent der Fälle zum Abort. Für proletarische Mütter, die aus armen Bevölkerungsschichten stammen, kommt noch ein Moment in Betracht, auf das Dr. Prinzing (Allg. Stat. Archiv 1907) verweist, nämlich, „daß bei ihnen die Rhachitis in der Kinderwelt sehr verbreitet ist, wodurch die meisten Beckenanomalien der späteren Mütter bedingt sind.“ Erfahrungsgemäß hat der zu enge Bau des weiblichen Beckens sehr oft den Tod des Kindes vor oder während der Geburt zur Folge.

Gedankenlose preisen unser Zeitalter als das der Humanität. Doch weder die proletarische Mutter, die, dem Haus entfremdet, in der Fabrik fronden muß, noch das proletarische Kind, das schon im Säuglingsalter zu Hunderttausenden zum Tode verurteilt ist, verspürt einen Hauch dieser Humanität. Ja, selbst dem Ungeborenen gegenüber wird das Zeitalter des Kapitalismus zur mörderischen Gewalt. Die arme, geängstigte Mutter, die aus Sorge und Verzweiflung zur Fruchtabtreibung greift, sperrt man ins Zuchthaus — die Gesellschaft aber hat das Recht, zu morden, zu vergiften, zu töten ….

Umgang mit Kindern.

Laß den Herrgott aus dem Spiel! In der Erziehung ist die Persönlichkeit alles. Je stärker, selbständiger und freier sie ist, desto intensiver und nachhaltiger vermag sie auf das Kind zu wirken. Eine oft ungeahnte und unerklärliche Kraft der Suggestion geht von starken Persönlichkeiten aus. Hier liegen die Geheimnisse einer manchmal Wunder wirkenden Erziehung. Diese wertvollen Quellen des Erfolgs geraten aber in Gefahr, wenn über die Autorität des Erziehers noch eine höhere gesetzt wird, die zudem ewig unsichtbar und problematisch bleibt. Das Kind, das alles sinnlich erfassen will, ist außerstande, sich unter dem Herrgott, der angeblich sein Tun und Lassen bewacht und die höchste Instanz seines Daseins ist, eine andere als grobsinnliche und banale, vielleicht gar groteske und lästerliche Figur vorzustellen. Und wie bald wird es aufgeklärt, so daß es den Hinweisen auf Gott mit ungläubigem Lächeln begegnet. Wie stehst du dann da? Das sind peinliche und häßliche Konsequenzen, bei denen der Erzieher viel verliert und das Kind nichts gewinnt. Darum laß den Herrgott aus dem Spiel. Mache aus ihm weder eine Kinderwärterin, die jeden Schritt deines Lieblings bewacht, noch einen Popanz, vor dem er sich fürchtet und versteckt. Auch auf die dumpfe und abgeschmackte Mystik der Kindergebete sollst du verzichten. Laß dafür lieber deine menschlichen Kräfte und Gaben im Umgange mit dem Kinde um so froher und freier wirken, bilde deine Persönlichkeit aus und laß sie dem Kinde fördernd und wohltuend zur Geltung kommen.

Ein Sonntagsgespräch über Gott. An einem Sonntagvormittag gehen wir hinaus ins Freie, mein Töchterchen und ich. Die Sonne verklärt strahlend die ganze Landschaft. Wir atmen den jungen Tag ein, und je weiter wir aus der Enge der Stadt hinauskommen, desto weiter und freier wird es auch in uns. Wir sind so tief ins Schauen versunken, daß keiner das Schweigen brechen mag.

„Vater“, meldet sich da leise das Herz der Kleinen, „was ist eigentlich Gott?“

Ich wußte, daß diese Frage eines Tages kommen würde. Und wenn ich darüber nachgedacht, hatte ich mir wohl auch eine gute Antwort darauf zurechtgelegt. Nun aber, als dieser göttliche Morgen die Frage in dem kleinen suchenden Herzen auslöste, überraschte sie mich.

„Was Gott ist — liebes Kind — ist eine schwere Frage. Vielleicht die schwerste überhaupt. Solange es Menschen gibt, hat man sie gestellt. Und viele Antworten sind darauf gegeben worden. Und doch sind die meisten Menschen damit noch nicht zufrieden und einverstanden.“

„Aber wir reden doch in der Schule immer von Gott.“

„Gewiß — man sagt, Gott habe die Welt geschaffen, auch uns und alles, was lebt und ist. Er erhalte uns auch und sei ein allmächtiges, allwissendes, allgütiges Wesen. Manche stellen sich ihn vor als eine Person, die über den Wolken und Sternen im Himmel lebt. Andere halten ihn für eine Kraft, einen Geist. Wieder andere sagen, daß man sich einen Gott nur einbilde, während es in Wirklichkeit keinen gäbe.“

„Gibt es denn einen Himmel, Vater?“

„Das Blaue, was du siehst, ist nichts als Luft. Darüber hinaus ist noch keiner gekommen. Einen Himmel mit Gott und Engeln hat noch niemand entdeckt. Also denke ich mir, daß es auch keinen gibt.“

„Und was denkst du von Gott, Vater?“

„Daß Gott ein Mann sein soll, der die ganze Welt regiert, kann ich mir nicht vorstellen. Und wenn er eine Kraft ist, brauche ich sie nicht Gott zu nennen. Ich glaube, daß die Menschen, wenn sie von Gott reden, die innere Stimme meinen, die manchmal in uns spricht. …“

„Welche innere Stimme denn?“

„Nun, oft sagen wir, ganz leise und zu uns selbst: ich will ein guter und braver Mensch werden, will fleißig und wahrhaftig sein, will den Armen und Schwachen helfen — siehst du, diese innere Stimme nennen die Menschen Gott, denke ich mir.“

„Aber Vater — dann brauchen wir doch nicht zu sagen: Gott will, daß wir gut sein sollen; lieber sage ich dann: ich selber will ein guter Mensch sein.“

„Da hast du recht, liebes Kind! … Ich selber will … wir wollen … auf uns kommt es an! Das ist das ganze Geheimnis. Gott wohnt in des Menschen Brust selbst. Unser aufrichtiger und starker Wille zum Guten — das ist Gott!“

Zwei Kinderaugen sehen mich dankbar und verständnisvoll an, ein kleines Herz schlägt leichter und befreiter.

Und wir wandern durch die Morgensonne — zwei Gottesleugner mit einem schönen und lebendigen Gott im Herzen. …

Schlaglichter.

Als der Volkswirtschaftler Dr. Stillich die Spielwarenindustrie des Meininger Oberlandes studierte, gab ihm ein Pfarrer die Versicherung, daß in seinem Orte „die Leute gut und angenehm wohnen und eine Wohnungsfrage nicht existiere“. Schon das erste Haus aber, daß Stillich besichtigte, zeigte Entsetzen erregende Wohnungszustände, die wie schneidender Hohn auf die Worte des Seelenhirten wirkten.

*

Ein Mädchen, das sich herumgetrieben hatte, war unter dem Verdacht der Gewerbsunzucht vor den Jugendrichter geladen worden. „Sie dürfen nicht Unzucht treiben“, sagte dieser warnend, „sofern Sie nicht ‚unter Sitte‘ stehen.“ Da stieg es wie eine Suggestion vor dem Kinde auf. „Sofern Sie nicht ‚unter Sitte‘ stehen.“ Dann also ist das Verbotene, Sündhafte, Schändliche erlaubt. „Ei — da wird man straflos, ich stelle mich unter Sitte!“ Und das Schicksal des Mädchens war erfüllt.

Für die Redaktion verantwortlich: Otto Rühle, Halle a. S.


Fuente: Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage, marzo de 1913, suplemento mensual editado por Otto Rühle y publicado con varios diarios socialdemócratas (Görlitzer Volkszeitung, Volkswacht de Breslau, Volksbote de Stettin, Volksblatt de Halle, Märkische Volksstimme de Cottbus, Arbeiter-Zeitung de Essen); transcrito desde el facsímil de la edición de la Arbeiter-Zeitung (Essen), año 7 (número y fecha del diario no legibles en el facsímil), ULB Bonn / zeit.punkt NRW, con el OCR del portal (aceptable en las pp. [1] y [3], inservible en la [2] y la [4]) de apoyo; cifras y tablas comprobadas en la imagen. Piezas sin firma, atribuidas a Rühle como editor (Stecklina 2002, secc. 1.6.2; el pie del suplemento dice «Für die Redaktion verantwortlich: Otto Rühle, Halle a. S.»). Se omite el relato de Meta Schoepp («Wie der Herrgott in der Kinderperspektive aussieht»). En la p. [4] el pliego está torcido y el margen izquierdo de la primera columna queda oculto en parte: los comienzos de línea se completan por el sentido. En «Kindermißhandlungen» el impreso repite por error una línea, que se indica en un comentario; «daß Stillich» (por «das») se conserva. El suplemento no lleva paginación impresa: S. [n] es la página n del facsímil. El espaciado del original se da en cursiva.