Eurer Kinder Land sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer Adel, — das unentdeckte, im fernsten Meere! Nach ihm heiße ich eure Segel suchen und suchen! An euren Kindern sollt ihr gut machen, daß ihr eurer Väter Kinder seid: alles Vergangene sollt ihr so erlösen!
Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra.
Das proletarische Kind.
Das goldene Brot auf den Aeckern, Dir wollt es den Hunger nicht stillen, Die Milch der weidenden Rinder, Dir schäumte sie nicht in den Krug.
Gerhart Hauptmann (Hannele).
Die kapitalistische Entwickelung schuf und organisierte die proletarische Klasse, deren Dasein unter Bedingungen und nach Gesetzen verläuft, die dem Menschen früherer Perioden unbekannt waren und die auch die besitzende Klasse ihrer Zeit nicht mit ihr teilt. Alte Formen und Werte wurden aufgelöst und verschwanden; neue Verhältnisse schlossen sich zu dem Lebenskreise, in dem sich nunmehr das Schicksal von Millionen vollzieht und vollendet. Die gesicherte Festigkeit und wohlige Ruhe des bürgerlichen Familienlebens — seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden der von geheiligten Traditionen umwobene Schoß alles edlen Menschentums und aller gesellschaftlichen Kultur — sah sich bald für die übergroße Mehrheit des Volkes zu einem versiechenden Quell gewandelt, zu einem reizlosen, seines kulturellen Wertes entkleideten Torso zerbröckelt: der proletarischen Familie. Und die gradlinig-heitere Entwickelungsbahn des bürgerlichen Nachwuchses wurde von ökonomischen und sozialen Gewalten zu einem dornigen Leidenswege verzerrt, den das proletarische Kind unter der Peitsche von Hunger und Elend durchmessen muß.
Es gibt ein ergreifendes Bild von Fidus: in einem sonnigen Blütengarten jauchzt und springt eine von glühender Lebenslust beseelte Jugend; draußen aber, vor dem hohen Gitter, lehnt ein armes Menschenkind, die Hände aufs heiß klopfende Herz gepreßt und aus sehnsuchtsvollen Augen verlangende Blicke zu jenen schickend, die ein glücklicheres Los zu Tanz und Reigen vereint. Dieser Ausgestoßene, der keinen Anteil hat an den Schönheiten und Glücksgütern des Lebens und der Welt, ist das proletarische Kind. Das weinende Lied, das die Englein dem armen Proletarierkind Hannele in Gerhart Hauptmanns „Hanneles Himmelfahrt“ singen, zittert wehmutsvoll durch unser Herz und Ohr …
Wir wissen, daß das proletarische Kind schon im Mutterleibe einen härteren Daseinskampf kämpft, als das Kind anderer Klassen und Stände, daß es hungert und schweren Gefahren ausgesetzt ist und schließlich kleiner und lebensschwächer — wie oft als ungebetener Gast — zur Welt kommt. Die Schrecken der Säuglingssterblichkeit sind seiner Existenz bedrohlicher, gerade die junge Proletarierbrut mäht der grausame Schnitter Tod in dichten Schwaden nieder. Doppelt Wehe dem armen Wesen, wenn außer dem Verhängnis der proletarischen Abstammung noch der Makel unehelicher Geburt seinen Lebensweg beschattet! In der Oede des mutterlosen Haushalts, im Malstrom der Straße, in den Tretmühlen frühzeitiger Arbeitssklaverei wickelt sich die kümmerliche Spule seines weiteren Daseins ab; die gesundheitlichen und sittlichen Gefahren steigen ins Ungemessene. Kein Auge, das seine Schritte bewacht; keine Obhut, die es schützend begleitet; keine Hand, die ihm Hilfe und Beistand darbietet. Gesetzgebung und Behörden versagen oder schaffen nur geringen Wandel zum Besseren. Private Wohltätigkeit fügt zur Armut noch die Demütigung, und die Klassenschule drückt dem zum Ausbeutungsobjekt bestimmten Proletarierssproß auch geistig noch den Stempel der Deklassierung auf. Zwangserziehung, Krüppelheim, Schwachsinnigenschule, Strafanstalt warten der im Daseinskampfe früh Blessierten und Unterlegenen; oft genug führt ein rascher Weg in die Nacht der Verzweiflung und den selbstgewählten Tod. Wird diese Klippe umschifft — was ist dann das fernere, trostlose Schicksal? Arbeit um Lohn und Brot, tagaus, tagein, ohne Aufhören, Mühsal und Plage in endloser, ewiger Fron, eine einzige große Wanderung durch die schattig-düsteren Täler und Niederungen der Sorge, der Not …
Da leuchtet ein heller Stern dem schier Hoffnungslosen auf: Der Befreiungskampf des Proletariats im Zeichen des Sozialismus. Hände strecken sich ihm entgegen. Er tritt in Reih' und Glied. Vorwärts, wohlan! Und den Himmel der Zukunft säumt der flammend rote Schein einer großen, schönen Hoffnung …
Wir wissen, daß das Leben des proletarischen Nachwuchses in dieser Richtung und in diesen Etappen verläuft. Aber dieses Wissen ist nicht genug. Wir sind noch nicht eingedrungen in das innere Gewebe des komplizierten Schicksals, kennen noch nicht die tausend feinen Bindungen, Verknüpfungen und Zusammenhänge dieses Gewebes, besitzen noch nicht genügend Klarheit über Maß, Umfang und Gewicht all der Einflüsse und Tendenzen, die sich aus den Besonderheiten und Eigenarten des proletarischen Milieus für die Aufgaben und die Arbeit der Erziehung ergeben. Hier tut sich noch völlig unentdecktes und unerforschtes Land auf, das der wissenschaftlichen Erschließung wartet.
Die proletarische Klasse hat das größte Interesse daran, daß diese Vorarbeiten geleistet werden, um zu tieferen und klareren Einblicken in das Innenleben und die Innenwelt ihres Nachwuchses zu gelangen, denn in ihm hat sie die künftigen Träger ihres Werkes, die Erben ihrer Erfolge, die dereinstigen Vollstrecker einer gewaltigen historischen Mission zu erblicken und zu respektieren.
Die vorliegende Beilage soll dem proletarischen Kinde gewidmet und für proletarische Eltern bestimmt sein. Sie will Wesen, Lebenskreis und Entwickelungsbahn des proletarischen Nachwuchses durch gemeinverständliche Abhandlungen psychologischen, soziologischen und pädagogischen Inhalts und Charakters dem Verständnis der Arbeiterschaft erschließen und daraus die Richtlinien für eine den Bedürfnissen der proletarischen Jugend wie dem Ideengehalte des Sozialismus
gerecht werdende Erziehungspraxis zu gewinnen suchen. Sowohl die erzieherischen Aufgaben des häuslichen Kreises und deren Erfüllung, wie die Probleme der staatlichen und gesellschaftlichen Bildungspflege und Jugendfürsorge sollen dem Interessenkomplex und Arbeitsgebiet der Beilage eingegliedert sein. *Ihr Titel ist ihr Programm.*Dem klassenbewußten Proletariat, das aus tiefster Erniedrigung die Kraft zu machtvollster Erhebung gewann, wird auch der Leidens- und Tränenborn im verwüsteten Garten seiner Jugend zu einem sprudelnden Quell kampfesmutiger Kraft und revolutionären Willens werden. Denn aus den Scharen verstoßener und enterbter Proletarierkinder entstehen Klassenkämpfer; aus der Saat von Hunger, Elend, Verzweiflung sprießt Lebenswille, Kämpfermut, Solidarität. Was einer Grabstätte glich, wird zum Tummelplatz ungeahnter Kräfte; die wie Bettler einherzogen, arm, beschimpft, besudelt und geschändet — sie heben die Welt aus ihren Angeln!
Soziale Pädagogik.
Die herkömmliche Erziehung hat den Menschen immer nur als Individuum, als Einzelwesen erfaßt und in dieser Isolierung als Objekt des Erziehungswerkes behandelt.
Dies entspricht dem in der Welt des materiellen Besitzes geltenden Prinzip des Privateigentums, das in der Einzelwirtschaft und monogamen Familie seine anschaulichste soziale Manifestation findet. Dazu hat das Christentum, seitdem es das kommunistische Experiment seiner Frühperiode überwunden und die theologische Rechtfertigung der individualistischen Besitz- und Lebensordnung zu seiner Aufgabe gemacht, mit großem Nachdruck jederzeit die persönlichen Rechte und Pflichten des Individuums betont; ja es hob, indem es die personifizierte Menschenliebe in der Gefühlswelt des Abendlandes heimisch machte, im gewollten Gegensatze zu dem politisch-gemeinschaftlich empfindenden Altertume den Individualismus geradezu auf den Schild. Das Aufkommen des Protestantismus fällt in die Zeit der Reformationskämpfe, in denen sich Individualismus und Persönlichkeitsgefühl nach Jahrhunderten schlimmster Mißachtung und Bedrückung wieder zu wirtschaftlicher und öffentlich-rechtlicher Geltung emporrangen. Der Vasall trennte sich vom Lehnsherrn, der Hörige vom Grundbesitzer, der Gewerbetreibende von der Zunft, der verarmte Bauer von der Scholle. Ueberall erwuchsen Selbständigkeiten, und Luther schrieb von der Freiheit eines Christenmenschen. Der Individualismus feierte seine Auferstehung und wurde auf dem Rücken der in raschen Schritten vorwärts eilenden kapitalistischen Entwickelung siegreich weiter getragen. Je deutlicher sich im Wirtschaftsleben das individualistische Prinzip ausprägte, desto reiner fand es in der Literatur, Wissenschaft und Philosophie seine Kristallisierung. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts bahnte ihm durch ihre glänzendsten Vertreter: Lessing, Winkelmann, Voltaire, Rousseau, Locke u. a. den Weg. Politisch erhielt es im manchesterlichen Liberalismus seine Formulierung und im „Laissez faire, laissez aller“ seine schärfste Zuspitzung. Die individualistische Erkenntnis: „Das Menschengeschlecht steht jetzt auf einer Stufe der Kultur, von welcher es sich nur durch die Ausbildung der Individuen höher emporschwingen kann“, ließ sich ins Pädagogische am treffendsten mit den Worten Zillers übersetzen: „Der Einzelne muß erst an und für sich Wert erlangt haben, ehe er in bezug auf die Gesellschaft betrachtet werden darf.“ So erschöpfte sich das bürgerliche Erziehungsideal in dem Grundsatze: Vollendung des Menschen im Menschen!
Je mehr nun aber durch den kapitalistischen Entwickelungsprozeß die Nichtigkeit des Individuums „an und für sich“ erwiesen, zugleich aber auch seine wachsende Bedeutung als Glied der Arbeitsgemeinschaft wie der sozialen Gemeinde demonstriert wurde, je mehr der Kapitalismus im Verfolg seiner eigenen Entwickelung Bedingungen für das Auftauchen sozialistischer Tendenzen erzeugte und durch die revolutionierenden Kräfte der Großindustrie den Klassenkampf organisierte — desto mehr verblaßte der philosophische und pädagogische Abklatsch des individualistisch-liberalen Menschheitsideals, und die soziale Pädagogik meldete sich mit neuen Forderungen, Grundsätzen und Zielen an.
Was ist der Einzelne? so fragte man sich. Ein Nichts, ein leerer Begriff, eine gedankliche Konstruktion. Natorp, einer der wissenschaftlichen Vorkämpfer der sozialpädagogischen Idee, bezeichnet ihn als „eine Abstraktion, gleich dem Atom des Physikers“ und verwirft aufs entschiedenste die pädagogische Robinsonade von dem auf sich selbst gestellten Individuum. „Es ist nun einmal ein ewiger Irrtum, daß man ein Einzelner sei; in jedem Pulsschlag unseres individuellsten Lebens pulsiert, geistig wie physisch, das Leben der Gesamtheit.“ Der Mensch ist Gemeinschaftswesen, vergesellschafteter Mensch, wie Marx sagen würde. Nur in der menschlichen Gemeinschaft gelangt er zum Bewußtsein seines Menschtums und ist er als Mensch zu begreifen. Nur im gesellschaftlichen Zusammenschlusse und Wechselverkehr reifen seine Kräfte, bildet sich sein Innenleben aus, gelangt er zu Wahrnehmungen und Vorstellungen vom Menschlichen.
Darum muß die Erziehung von der Voraussetzung des Lebens in der Gemeinschaft ausgehen, die Konsequenzen dieser Voraussetzung auf Schritt und Tritt beobachten und den Menschen stets als soziales Wesen, als Bürger der Gemeinschaft gelten lassen. Dabei darf es sich „nicht bloß um das Verhältnis des Einzelnen zum Einzelnen handeln, sondern auch um sein Verhältnis zur konstituierten menschlichen Gemeinschaft in ihren mancherlei Formen von der Familie bis zur Gemeinde und dem Staat, und schließlich zur Menschheit.“ Statt wie bisher isolierte Individuen für das freie Spiel der Kräfte zu erziehen, gilt es, Persönlichkeiten im Bewußtsein ihres Zusammenhanges mit der Allgemeinheit zu schaffen. „Die Erkenntnis der sozialen Bedingtheit des Einzelnen wird also“, sagt Kalthoff, „die Grundlage jeglicher Bildung und Erziehung, weil erst durch sie das Individuum seine innere Freiheit, das Verständnis seines eigenen Lebens und Strebens findet. So wird auch der soziale Organismus eine wahrhaft menschliche Gemeinschaft erst durch die Bildung, die dem Einzelnen den sozialen Naturgrund seines Lebens, seine soziale Bedingtheit und Abhängigkeit geistig vermittelt. Die Grundlage der Menschenbildung ist der Sozialismus: Die Anerkenntnis des Lebenszusammenhanges zwischen Mensch und Gesellschaft.“
Es ist kein Zufall, daß das Auftauchen der Sozialpädagogik als einer Forderung der Erziehungswissenschaft wie der Erziehungspraxis in eine Zeit fällt, die mehr als je erfüllt ist von dem weltgeschichtlichen Ringen zwischen Individuum und Masse, Kapitalbesitz und Lohnarbeit, Egoismus und Gesamtinteresse. Alle großen Denker und Pädagogen früherer Jahrhunderte — Plato, Comenius, Goethe, Pestalozzi, Owen, Marx — wurden durch ein starkes soziales Empfinden oder durch eine tiefe, ihrer Zeit voraus eilende Einsicht in die Bedingungen und Zusammenhänge des Lebens zu sozialpädagogischen Forderungen oder Utopien geführt; nur waren die materiellen und ideellen, in der Oekonomie und Gesellschaftsstruktur gelegenen Voraussetzungen noch nicht vorhanden, oder aber nicht hinreichend genug entwickelt, um die Wünsche und Träume in Wirklichkeit zu verwandeln. Aber wie der Sozialismus im Zeitalter der Großindustrie, der Maschinentechnik, der Entfaltung ungeahnter kapitalistischen Kräfte die schillernde Hülle der Utopie aufgab, um in klarer wissenschaftlicher Formulierung die ehernen Forderungen der Geschichte an die vorüberfliehenden Jahrzehnte und Jahrhunderte zu richten, so senkt sich auch jetzt die Sozialpädagogik aus den nebelhaften Regionen utopischer und dichterischer Komposition in der scharfumrissenen Realität einer ernsthaften Theorie nieder, um Einlaß begehrend an die Tore der Erziehung zu pochen.
Stellte die individualistische Pädagogik das Paradigma und die Formel dar, nach dem die bürgerliche Klasse ihre Menschen formte, so wird mit der Ablösung des wirtschaftlichen und geistigen Individualismus durch den Sozialismus die soziale Pädagogik das Amt der Menschenbildung übernehmen und die Erziehungsprodukte schaffen, deren das Zeitalter des Sozialismus bedarf.
Die Tuberkulose im Kindesalter.
Die grausamste Würgerin unter dem Nachwuchse des Proletariats ist die Tuberkulose.
Hier wütet sie mit unverminderter Kraft, denn während es den Bemühungen der Wissenschaft und Sozialhygiene gelang, ihren Verheerungen unter der erwachsenen Bevölkerung bis zu einem gewissen Grade erfolgreich entgegenzutreten, mordet sie in den Reihen der Jugend grausam und unerbittlich weiter,
Die Tuberkulosesterblichkeit für das Kindesalter betrug auf 10 000 Lebendgeborene im Alter von 5 bis 10 Jahren:
| beim männlichen | weiblichen Geschlecht | |
|---|---|---|
| 1876 | 3,60 | 4,75 |
| 1902 | 3,62 | 5,32 |
| im Alter von 10 bis 15 Jahren | ||
| 1876 | 4,06 | 7,38 |
| 1902 | 4,08 | 7,61 |
In Preußen starben an Tuberkulose von je 10 000 Kindern
| des 6.—10. Lebensj. | des 11.—15. Lebensj. | |
|---|---|---|
| 1872 | 8,35 | 11,44 |
| 1902 | 9,94 | 11,69 |
In Berlin starben von je 10 000 Kindern
| 1872 | 10,69 | 10,47 |
| 1902 | 12,55 | 12,97 |
Nach Dr. Kirchner machte die Tuberkulose-Sterblichkeit der Schulkinder 1905 fast 60 Prozent der Todesfälle an ansteckenden Krankheiten und fast 25 Prozent der Gesamtsterblichkeit der Schulkinder überhaupt aus.
In einem Zeitraume von 25 Jahren wurde hierin nicht nur keine Verbesserung erreicht, im Gegenteil, es trat eine Verschlechterung des Verhältnisses ein. Selbst wenn man eine Statistik Dr. Kayserlings als zweifelsfrei gelten läßt, hat sich in der Zeit von 1898 bis 1908 die Lebensaussicht nur für die männliche Jugend günstiger gestaltet, während die weibliche von wachsender Sterblichkeit bedroht ist. Es starben nämlich in Berlin von 10 000 Lebenden im
| 15.—20. Lebensj. 1898 | 1908 | 20.—25. Lebensj. 1898 | 1908 | |
|---|---|---|---|---|
| männliche Personen | 15 | 13 | 22 | 20 |
| weibliche Personen | 11 | 16 | 18 | 23 |
Bei dieser Aufstellung ist auf die Klassenzugehörigkeit der Verstorbenen keine Rücksicht genommen; würde man unter Beachtung dieses Gesichtspunktes rubrizieren, dürfte der größte Anteil an den Tuberkulosefällen auf Angehörige der arbeitenden, ärmeren Klassen entfallen.
In einem Vortrage, den zu Anfang dieses Jahres der Leiter der Medizinalabteilung im Preußischen Kultusministerium, Dr. Kirchner, in Berlin hielt, hat auch dieser — wenn auch mit sehr abgewogenen Worten — die peinliche Erfolglosigkeit der Tuberkulose-Bekämpfung im Kindesalter zugestehen müssen. „Von 1875 bis 1902,“ so führte er aus, „hat in den jugendlichen Altersklassen und beim weiblichen Geschlecht die Sterblichkeit an Tuberkulose nicht ab-, sondern sogar noch zugenommen; sowohl die absolute wie die relative Sterblichkeit. Eine erneute Berechnung in den Jahren 1903 bis 1906 zeigte keine besseren Ergebnisse. Erst die Berechnung der Sterblichkeitsverhältnisse bis 1910 haben konstatieren lassen, daß sich eine Abnahme zeigt. Nur die relative Sterblichkeit ist noch immer im Wachsen begriffen, ein Beweis, daß die Anstrengungen zur Bekämpfung der Tuberkulose im Kindesalter noch keineswegs das Ziel erreicht haben.“
Der Anteil der Kinder an den Opfern der Tuberkulose — das ist der Sinn dieser Ausführungen — wächst also noch immer, trotz der gepriesenen Fortschritte der Wissenschaft und der vielgerühmten Errungenschaften der Sozialpolitik. Es bedarf kaum des Hinweises, daß es sich hierbei in erster Linie um den Nachwuchs der proletarischen Schichten handelt.
Eine Uebersicht über verschiedene Bundesstaaten läßt erkennen, wie groß die Tuberkulose-Sterblichkeit in einzelnen Teilen des Reiches ist. Es starben von 10 000 Lebenden im
| 1. Lebensjahr 1902 | 1908 | 2.—15. Lebensjahr 1902 | 1908 | |
|---|---|---|---|---|
| Preußen | 16 | 22 | 6 | 6 |
| Bayern | 39 | 43 | 13 | 10 |
| Sachsen | 17 | 18 | 7 | 6 |
| Württemberg | fehlt | 8 | 8 | |
| Baden | 15 | 24 | 6 | 8 |
Für das 1. Lebensjahr besteht allenthalben nicht bloß eine abnorm hohe Sterblichkeit, sondern auch durchweg eine Sterblichkeitszunahme; für die späteren Jahre bis zum 15. tritt ein Rückgang ein, der eine gewisse Gleichmäßigkeit bewahrt; gelegentliche kleine Abnahmen werden durch ebensolche Zunahme ausgeglichen. Im großen Ganzen kein Erfolg, keine Besserung, sondern ein Fiasko, eine Verschlechterung.
Dabei bietet die Sterblichkeitsziffer noch gar keinen sicheren Maßstab für die Verbreitung der Tuberkulose im Kindesalter, da naturgemäß nicht alle Krankheitsfälle zum Tode führen.
Nach einer Umfrage der Zentrale für Jugendfürsorge wurden 1908 in 238 Orten mit über 10 000 Einwohnern (von 468, die den Fragebogen beantwortet hatten) durch Schulärzte tuberkulöse oder tuberkuloseverdächtige Kinder festgestellt. Allein in Leipzig, so erklärte der Stadtbezirksarzt Dr. Poetter in einem Vortrage, seien 20 000 Kinder lungenschwach, zum Teil lungenleidend. In Mannheim kamen 1906 neben 349 Erwachsenen schon 196 Kinder unter 14 Jahren wegen Tuberkulose auf Verwendung der Armenverwaltung in ärztliche Behandlung. Im Münchener Pathologischen Institut wurde die Häufigkeit der Tuberkulose im Kindesalter bis zu 48,8 Prozent, in Rathenow durch den Schularzt bis zu 42 Prozent, in dem erzgebirgischen Industrieorte Kirchberg bis zu 54 Prozent, in Düsseldorf mittels der Pirquetschen Impfung bis zu 53,3 Prozent festgestellt. Auf dem ersten Tuberkulose-Kongreß in Berlin bestätigte Dr. Ritter (Berlin) die von Dr. Petruschky (Danzig) unter großer Bewegung der Versammlung gemachte Mitteilung, daß 85 Prozent aller Kinder als mit den Keimen tuberkulöser Erkrankung behaftet anzusehen seien.
Die Tuberkulose ist die typische Proletarierkrankheit. Mag sie bei Erwachsenen vielfach als Berufskrankheit auftreten, — bei Kindern ist sie die Auslösung und Konsequenz einer skrophulösen Konstitution, eine Folge dauernder Unterernährung, einer Familien- oder Wohnungskrankheit, in allen Fällen ein bitteres Gastgeschenk und trübes Erbe der Not. Die Profitsucht des Ausbeutertums, die Raffgier der Junker, die Unersättlichkeit des Bodenwuchers, sie düngen den Acker, der ihren blühenden Weizen trägt, mit dem Schweiße arbeitender Väter, den Tränen sorgender Mütter und den entseelten Leibern blasser, siecher Kinder, denen das fluchwürdige System einer ebenso schändlichen als grausamen Weltordnung das Recht und die Möglichkeit zum Leben verweigert.
Doch auch aus den Gebeinen dieser in frühem Lebenslichte Dahingemähten werden der Menschheit einst Rächer und Befreier entstehen!
Umgang mit Kindern.
Uebe die Ablenkung! Dein Kind bestürmt dich mit tausend Fragen, die seinen suchenden und tastenden Geist bewegen. Du bist seine Auskunftsstelle. Vater, wie hoch ist der Himmel? Mutter, warum ist das Wasser naß? Weise die kleine Wißbegier nicht ab, wenn dir die Geduld ausgeht oder dein Sinn sich mit anderen Dingen beschäftigen möchte. Du hast kein Recht, ihm die kleine geistige Handreichung zu versagen, auf die es Anspruch hat. Muß es aber sein, so sage nicht: Schweig still! oder Laß die Fragerei! Es gibt ein sanfteres und wirksameres Mittel, dem Frage- und Antwortspiel, sobald es lästig wird, ein Ende zu machen — übe die Ablenkung! … Dein Kind hat auch sonst mancherlei Wünsche, erfüllbare und solche, deren Erfüllung in den Wolken schwebt. Laß dich's nicht verdrießen, wenn der kleine Mensch in seinen Sehnsüchten Maß und Wirklichkeit verliert. Illusionen vor der Zeit zerstören, bedeutet der Phantasie die Nahrung nehmen. Geh zum Schein auf die Wünsche ein. Hilf der Phantasie die bunten Luftschlösser bauen! Im rechten Augenblicke bleibt dir ein Seitensprung — die Ablenkung! …. Dein Kind hat auch Unarten. Da ist oft rasch das Blut im Gesicht und ein böses Wort auf der Zunge. Herrgottsakra … Ruhe, zügle dich! Wozu die Erregung und das Gepolter, wenn du in aller Friedlichkeit und Sonne mit einem kleinen, feinen Kunstgriff denselben Zweck erreichen kannst. Wie denn? fragst du — übe die Ablenkung!
*
Von einem Holzhammer, einem zornigen Vater und der Ablenkung. Das Kind hat irgendwo im Hause einen Holzhammer entdeckt und bearbeitet damit aus Leibeskräften den Fußboden. Klopf, klopf! geht es schallend durch das Haus.
Ich sitze über einer mühsamen Arbeit, die nur in Stille und Sammlung gedeiht. Da donnern plötzlich die Hammerschläge los. Ich fahre empor, als ob mein Schädel sie gefühlt hätte. Der in saurem Schweiße aufgerichtete Gedanken-
bau stürzt zusammen, alle Fäden zerreißen, alle Formen und Bilder lösen sich auf ….„Was fällt dir ein? … Solch ein Höllenspektakel! … Willst du sofort Ruhe halten!“
Schon stehen mir die barschen Worte auf der Zunge. Da — mit raschem Ruck gelingt es mir, die Leidenschaft des Zornes zu zügeln.
Habe ich ein Recht, dem Kinde seine Freude zu stören? Oder meinst du, daß es keine Freude sei, mit dem Hammer zu klopfen, daß die Wände zittern? Sieh doch, wie dem Kinde die Augen leuchten, wie sein Antlitz vor Wonne strahlt. Lärm ist ihm Glück!
Hat das Kind nicht ebenso ein Recht auf Lärm, wie ich ein Recht auf Ruhe habe? Sein Lärm, entgegnest du weise, soll meine Ruhe nicht stören. Schön. Aber mein Bedürfnis nach Ruhe soll das Glück des Kindes stören dürfen? Weil ich zufällig der Stärkere bin, soll das Kind still sein? Weil ich es zwingen kann, soll es um meinetwillen seiner Freude verlustig gehen?
Das ist die Logik der Gewalt und Barbarei.
Wäre das Kind vernünftiger, würde ich mich an seine Einsicht wenden. Es würde begreifen, daß es unrecht ist, Freude und Glück auf Kosten anderer zu genießen. Aber die Einsicht fehlt. Soll ich da zum Zwange greifen und blinden Gehorsam fordern?
„Du,“ sage ich, leise nähertretend und mit markierter Wichtigkeit, ohne im geringsten meine innere Erregung ahnen zu lassen, „hast du auch an dein Püppchen gedacht? Es wird aus seinem Schlafe aufwecken, wenn du so laut pochst …“
Ueberrascht sieht das Kind mich an. Erhebt sich vom Boden und trippelt, den Hammer liegen lassend, hinaus. Der Sorge um das Püppchen gehört jetzt Herz und Sinn.
Kein Scheltwort hat unserem Herzen weh getan, kein Schatten ist zwischen uns getreten.
Ich habe meinen Zweck erreicht, und wir sind gute Freunde geblieben.
Tatsachen.
In Preußen wurde 1911 der zehnte Teil aller Schulkinder (661 147) in einklassigen Schulen, den primitivsten Grobhobeln der Zivilisation, unterrichtlich versorgt. Nahezu eine Million Kinder (965 719) kam in halbtags- und zweiklassigen Schulen nicht viel über Abc und Katechismus hinaus. Unter 38 684 Schulen gab es 13 348 einklassige; kaum 500 bis 600 entsprachen mit achtklassiger Gliederung der Norm zeitgemäßer pädagogischer Forderungen.
*
Im Zeitraume von 1908 bis 1910 vermehrte sich im Deutschen Reiche die Zahl der erwerbstätigen Kinder unter 14 Jahren, soweit sie dem Kinderschutzgesetz unterstehen, bei den Knaben um fünf Prozent, bei den Mädchen um 8,7 Prozent. Die Erwerbsarbeit stieg für das Alter von 14 bis 16 Jahren im gleichen Zeitraume bei den Knaben um 7,1 Prozent, bei den Mädchen um 11 Prozent.
*
In Berlin mußten 1910/11 von 33 671 schulärztlich untersuchten Schulneulingen 3193 (9,48 Prozent) zurückgestellt und 7946 (23,6 Prozent) in ärztliche Ueberwachung genommen werden. Bei einer Gesamtzahl von 226 257 Gemeindeschulkindern betrug die Gesamtzahl der ärztlich überwachten Kinder 48 332 (21,4 Prozent gegen 20 Prozent im Jahre vorher). Bei 7824 lautete der ärztliche Befund: ungenügender Kräftezustand.
Bücherschau.
Der kleine Stadtbaumeister. Ein Lehr- und Spielbuch für Jugend, Eltern und Lehrer von Heinrich Pralle. Mit 15 Abbildungen und 17 Tafeln. Preis 1,50 Mark. Verlag Buchhandlung „Vorwärts“, Berlin.
Dem Kinde ist das Spiel, was dem Erwachsenen die Arbeit ist. Wie diese den Menschen bildet und erzieht, ihm, gemessen an anderen Erziehungsmitteln, zur größtmöglichen Menge von Anschauungen und Vorstellungen verhilft, so schließt im frühen Kindesalter das Spiel den Sinnen am vollkommensten das Wesen der Dinge auf. Mit zunehmender geistiger und körperlicher Reife des Kindes muß sich auch der Charakter des Spiels entwickeln, das sich um so anregender, zweckmäßiger und für die Erziehungsabsicht fruchtbarer gestalten wird, je mehr es zur Arbeit überleitet, je mehr sich die leichte, tändelnde Tätigkeit des Spielens in die ernstere, für Hand und Hirn schwierigere Tätigkeit des planvollen, zweckbewußten Schaffens umsetzt. Pädagogisch am wertvollsten sind deshalb die sogen. Arbeitsspiele, bei denen das Kind mit Werkzeugen aller Art sein Spielzeug selbst verfertigt. Eine Spielbeschäftigung, wie sie im Kindergarten vorbereitet, im Werkstätten-Unterricht weiter entfaltet wird. Für diejenigen Kinder, die einen Handarbeitskursus nicht durchmachen können, zeigt nun der Lehrer Pralle in seinem ausgezeichneten Büchelchen, wie er mit vier Knaben im Alter von 11 bis 13 Jahren eine Stadt gebaut hat. Die Arbeit erinnert an die beliebten Modellierbogen, hat aber vor diesen vieles voraus. Die Modellierbogen fordern vom Kinde nur mechanische Arbeit mit Schere und Kleister; was die Phantasie, das Schönheitsgefühl, den Farbensinn, das Gestaltungs- und Kombinationsvermögen des Kindes anregen und in Tätigkeit versetzen könnte, hat der Künstler schon im voraus besorgt. Auch stehen die aus Modellierbogen gefertigten Burgen und Städte, sind sie erst aufgeklebt, unverrückbar fest: es gibt keine Veränderung und Umformung, kein Einreihen und Wiederaufbauen mehr. Nur ruhiges und ach so langweiliges Anschauen ist erlaubt. Die Modelle des Spielbuchs dagegen gestatten in bezug auf Größe, Form, Farbe und Verwendungszweck dem Willen und der Phantasie des Kindes den größten Spielraum, denn die beigefügten Tafeln bieten nur Beispiele, nach denen der kleine Baumeister die Formen bald groß, bald klein entwerfen und so aus Pappe, Pappen- und Buntpapier mittels Schere, Messer, Lineal, Falzbein und Leim eine wundernette Stadt erbauen kann. Alle architektonischen Grundformen sind geometrisch vorbereitet und durch einfaches Projektionszeichnen gewonnen; das Körperliche entsteht vor den Augen und unter den Händen des Kindes organisch, so daß Zeichnen und plastisches Schaffen, Schauen und Erleben zu einer schönen erziehlichen Harmonie zusammenklingen. Das Büchelchen wird an Herbsttagen und Winterabenden vielen Kindern große Freude bereiten.
Die Hilfsschule. Organ des Verbandes der Hilfsschulen Deutschlands. Monatsschrift. 5. Jahrgang. Carl Marhold Verlagsbuchhandlung, Halle a. S.
Für die Redaktion verantwortlich: Otto Rühle, Halle a. S.
Fuente: Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage, octubre de 1912 (primer número), suplemento mensual editado por Otto Rühle y publicado con varios diarios socialdemócratas (Görlitzer Volkszeitung, Volkswacht de Breslau, Volksbote de Stettin, Volksblatt de Halle, Märkische Volksstimme de Cottbus, Arbeiter-Zeitung de Essen); transcrito desde el facsímil de la edición de la Arbeiter-Zeitung (Essen), ULB Bonn / zeit.punkt NRW, con el OCR del portal (muy defectuoso) solo de apoyo; cifras de las tablas comprobadas en la imagen. Piezas sin firma, atribuidas a Rühle como editor (Stecklina 2002, secc. 1.6.2; el pie del suplemento dice «Für die Redaktion verantwortlich: Otto Rühle, Halle a. S.»). Se omite el fragmento de Otto Ernst («Asmus Sempers Jugendland»). El suplemento no lleva paginación impresa: S. [n] es la página n del facsímil. El espaciado del original se da en cursiva; los subtítulos en negrita de las piezas breves, en negrita.