Das Elend der Krüppelkinder.
Der Kapitalismus, der das soziale Elend zu einer Massenerscheinung entwickelt und zu äußerster Unerträglichkeit gesteigert hat, ist nicht da am grausamsten, wo er mit jähem Ruck Daseinshoffnungen auslöscht und Menschenleben vernichtet, sondern da, wo er dem Ueberlebenden alles entreißt, was nötig wäre, um ein volles Menschenleben ausleben zu können, wo er das Leben zu einem jahrzehntelangen Ringen mit dem Hunger, dem Siechtum, dem Tode macht.
Die furchtbare Tatsache, daß alljährlich Hunderttausende kaum zum Dasein erwachter Säuglinge wieder zu frühen Kirchhofsblumen werden, greift uns ans Herz. Aber sind nicht die Tatsachen ebenso erschütternd: daß Hunderttausende des proletarischen Nachwuchses im Joche täglicher Lohnarbeit fronden, in Besserungsanstalten und Gefängnissen schmachten, in den Kloaken des Lasters und der Schande verderben und als ein Heer von Zwerghaften und Engbrüstigen, Minderwertigen und Schwachsinnigen, Siechen und Krüppeln unter der Geißel gesundheitlichen Ruins namenlose Leiden ertragen müssen!
Aus Asiens Vorzeit berichtet eine schauerliche Kunde von einem Götzenbilde, dessen höllischer Schlund blühende Kinderleiber als Opfergaben verschlang.
Der Moloch Kapitalismus fordert heute noch jeden Tag seine furchtbaren Tribute an Kinderleibern und Kinderglück. Und noch nie sind die Opfer so zahlreich gewesen wie jetzt.
An mir vorüberziehen in strengen Bildern
Der bleichen Kinder unglücksel'ge Scharen
Und müde Augen und vergrämte Stirnen,
Zerriss'ne Glieder und entstellte Mienen
Und eine wegemüde, ungeheure
Erdfahle Volkschaft.
Unter den verschiedenen Gruppen des langen Leidenszuges wird seit verhältnismäßig kurzer Zeit endlich auch jener etwas mehr Beachtung und Fürsorge zuteil, die das große Heer der Krüppel umfaßt.
Unter einem Krüppel versteht man einen Menschen, der durch fehlerhafte Geburtsanlage, Krankheit oder Unfall dauernd des unbehinderten Gebrauches seiner Glieder oder eines Teiles beraubt ist. Dabei können einzelne Körperteile entweder völlig fehlen oder mehr und minder so stark verunstaltet sein, daß sie ganz oder größtenteils funktionsunfähig geworden sind. Vielfach finden sich die Ursachen der Mißbildungen bereits in der Keimanlage, des Embryos, in anderen Fällen ist der an sich normale Keim während seiner Ausbildung innerhalb der Gebärmutter schädlichen Einflüssen ausgesetzt, die seine regelmäßige Entwickelung hemmen. Derartige Schädigungen können äußerer Natur sein und die Mutter betreffen — Sturz, Stoß gegen den Unterleib, andauernde gebückte Stellung bei der Arbeit usw. —, können aber auch in krankhaften Vorgängen in der Gebärmutter ihre Ursache haben. Schließlich sind in den sog. amniotischen Abschnürungen, d. s. Verwachsungen oder Verklebungen gegenüberliegender Teile der Eihaut untereinander oder mit dem Fötus die Ursachen von Gliederverstümmelungen. Degeneration und schwere Erwerbsarbeit der Mutter bedingen wesentlich die Krüppelhäufigkeit; daher ist in Gegenden mit ausgedehnter Frauenerwerbsarbeit und in sog. Elendsgebieten die Zahl der Krüppelkinder außergewöhnlich groß.
Doch auch die Geburt kann, indem sie nervöse Drucklähmungen, Muskelzerreißungen, Knochenbrüche usw. herbeiführt, Mißbildungen erzeugen; Scharlach, Diphtherie und vor allem Tuberkulose, die Krankheit des Proletariats, nicht minder auch Rachitis (engl. Krankheit), die besonders in feuchten Kellerwohnungen gedeiht und schlecht gepflegte und fehlerhaft ernährte Kinder befällt, rufen ebenfalls körperliche Deformationen hervor. So entstehen hochgradige Buckelbildungen durch tuberkulöse Zerstörung von Rückenwirbeln, flacher Rücken durch Muskelschwäche, runder Rücken durch rachitische Erweichung von Wirbelknochen, Skoliose durch rachitische Krümmung der Wirbelsäule usw. Gefürchtet sind besonders die tuberkulösen Hüftgelenkserkrankungen, die den davon Befallenen meist für das ganze Leben zum Krüppel machen. Ebenso gefährlich ist die spinale Kinderlähmung, die oft genug in dauernde Gliederlähmung übergeht.
Indem die kapitalistische Entwickelung Millionen von Menschen durch Ueberarbeit und Unterernährung, elende Wohnungsverhältnisse, unhygienische Lebensweise, frühzeitige Erwersarbeit, mangelhafte Pflege und Versorgung bei Krankheit usw. physisch zugrunde richtet, Unsummen von Volkskraft verwüstet und einen beispiellosen Degenerationsprozeß stetig erweitert und in seinen Wirkungen vertieft, ist sie die ergiebigste Quelle für den namenlosen Jammer des Krüppelelends, von dem die Statistik unheimliche Kunde gibt.
Auf Anregung der Deutschen Zentrale für Krüppelfürsorge wurde 1907 von den Regierungen der deutschen Bundesstaaten eine Krüppelzählung vorgenommen. In Bayern, Baden und Hessen wurden nur die Schulkinder gezählt, in den übrigen Staaten alle Kinder bis zum zurückgelegten 14. Lebensjahr. Die Aufnahme ergab, daß in Deutschland 92 000 jugendliche Krüppel vorhanden sind, in Preußen allein 52 000, in Sachsen fast 10 000. Mehr als die Hälfte dieser Unglücklichen bedarf unter
allen Umständen der Hilfe der Allgemeinheit, die ihnen jedoch nicht gewährt werden kann. Man hat Millionen für Zivillisten, Panzerkreuzer, Mordwaffen und kolonialpolitische Phantastereien, aber nicht für die Forderung der Humanität und des Fürsorgewohls, 53 000 Krüppelkindern ein Heim und eine unter ärztlicher Leitung stehende Pflegestätte zu schaffen. Es bestehen in Deutschland nur 39 Anstalten, in denen nur 3300 Krüppel untergebracht werden können. Davon ist auch nicht eine einzige Anstalt durch den Staat ins Leben gerufen worden. Alles, was bisher in dieser Richtung geschehen ist, verdankt seine Entstehung entweder der Initiative einzelner Privatpersonen oder aber der Fürsorgetätigkeit christlicher Körperschaften. Natürlich tragen die Anstalten und Heime alle konfessionellen Charakter und die Rettung der Seele wird oft mit mehr Eifer getrieben als die Heilung und Linderung der körperlichen Gebrechen. Viele der Anstalten verzichten auf ärztliche Leitung oder Mitwirkung; auch in den drei bedeutendsten, in Nowawes, Cracau und Altona, stehen Geistliche an der Spitze.
Ein besonderes Licht hat die Statistik auf die Rolle geworfen, die bei der Verkrüppelung von Schulkindern Unfälle an Maschinen, besonders in landwirtschaftlichen Betrieben, spielen. So waren in Bayern von 9637 Krüppeln 2572 durch Unfälle zu ihren Gebrechen gekommen; davon 1362 in der Landwirtschaft. Dieser Anteil ist ungewöhnlich hoch und läßt entsprechende Schlüsse auf die Ausbeutung der kindlichen Arbeitskraft in der landwirtschaftlichen Produktion zu.
In einem bei B. G. Teubner in Leipzig erschienenen Werkchen „Körperliche Verbildungen im Kindesalter und ihre Verhütung“ (Aus Natur und Geisteswelt. 321. Bändchen, 1,25 M.) behandelt der Berliner Spezialarzt Dr. Max David in übersichtlicher und verständlicher Darstellung das Problem der ärztlichen Krüppelbehandlung und -fürsorge. Nachdem er einleitend die soziale Seite kurz berührt und im allgemeinen Teil Entstehung, Formen, Heilung und Verhütung körperlicher Verbildungen großzügig behandelt hat, beschäftigt er sich im speziellen Teil eingehend mit der Wirbelsäule, dem Brustkorb, den oberen und unteren Extremitäten, den Füßen, immer die jeweilig vorkommenden Deformitäten genau erörternd und an Illustrationen erläuternd; auch der Schiefhals und der Schreibkrampf finden Berücksichtigung. Der Verfasser will in erster Linie zeigen, wie Mißbildungen durch „die Sorgfalt der Mütter, die Achtsamkeit der Pfleger, gewissenhafte Beobachtung der Lehrer und verständnisvolle Rücksichtnahme der Lehrherren auf die Leistungsfähigkeit des jugendlichen Organismus zu verhüten sind“. Weiter sollen die Grundsätze der ärztlichen Heilmethoden eine allgemein verständliche Darstellung finden, um die Eltern darüber aufzuklären, nach welchen Prinzipien die Verbildungen, an denen ihre Kinder leiden, vom Arzte zu behandeln sind. Diese Aufgabe hat der Verfasser in befriedigender Weise gelöst.
Daß freilich auch die geschickteste Hand des Arztes und die hingebungsvollste Fürsorge des Menschenfreundes nichts vermögen, wenn die Ungunst der sozialen Verhältnisse dem Bemühen von vornherein alles Gelingen und Gedeihen versagt, darüber ist auch der Verfasser sich klar. „Hier helfend einzugreifen, ist der öffentlichen und privaten Wohltätigkeit der größte Spielraum gegeben. Hier muß die Fürsorgebewegung einsetzen, um durch Hilfe für den einzelnen der Gesamtheit zu helfen.“
Umgekehrt scheint es uns richtiger: Um durch Hilfe für die Gesamtheit dem einzelnen zu helfen. Dann aber stimmen wir ihm uneingeschränkt bei: „Gelingt es, die Ursachen zu beseitigen, die das Krüppelelend verschulden, so ist auch die Krüppelfrage schon gelöst.“
O. R.
Fuente: Vorwärts (Berlín), Unterhaltungsblatt, n.º 212, sábado 29 de octubre de 1910, pp. 847-848 (FES, Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie; https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/titleinfo/314741). Firmado al final «O. R.» (comprobado en el facsímil). Transcrito del OCR de la FES, cotejado íntegro con el facsímil (cifras: 1907, 14., 92 000 —el OCR da «02 000»—, 52 000, 10 000, 53 000, 39, 3300, 9637, 2572 —OCR «L572»—, 1362, 321, 1,25 M.; nombres, titular y espaciados). Los versos citados, de autor no indicado, se reproducen como en el impreso. Erratas conservadas: «Erwersarbeit», «Keimanlage, des Embryos» (coma del impreso). Las cursivas reproducen el espaciado del original; la negrita, la letra gruesa. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.